Eine linke Tour

Mittwoch, 22. September 2010

Das ausschlaggebende Problem sei dieser linke Esprit, der sich durch die Mehrzahl der Zeitungen, der Kolumnen und Feuilletons ziehe. Ein Geist, der sich zu verständnisvoll, zu zurückhaltend und blind für Realitäten präsentiere. Einer, der Reformen behindert, unbequeme Wahrheiten unterbindet und die Sachzwänge dieser Welt einfach nicht durchblicken will. Ein Geist, der aus den bedruckten Blättern entweicht und sein Bukett in der gesamten bundesrepublikanischen Welt verströme; der den Institutionen Links um! zurufe, die CDU weichspüle und sozialdemokratisiere, eine Sprache der political correctness installiere. Der linke Zeitgeist, so sind sich nicht wenige Publizisten und Meinungsmacher sicher, habe die Bundesrepublik fest im Griff.

Dieser stählerne Griff ist vielen Meinungsmachern schier unerträglich. Komisch ist nur, dass die Kritiker der linken Umklammerung gar keine Minderheit sind: so gut wie jede deutsche Tageszeitung ereifert sich in ihrer Kommentarspalte über den Zeitgeist, füttert mindestens einen von diesen Kritikern mit durch. Die sozialdemokratisierte CDU ist quasi zum Standardrepertoire ideenloser Schreiberlinge geworden; ebenfalls das Zürnen gegen einen Slang, den man mit political correct zertifiziert. Besonders kühne Gestalten trauen sich gar, dem heutigen Deutschland das Prädikat DDR zu bescheinigen - wobei die DDR allenfalls so was wie das Produkt eines gelinkten linken ursprünglichen Denkens war. Kurzum, einige couragierte Meinungsmacher, im Auftrag ihrer Herrn, fühlen sich recht unwohl in der Volksrepublik Deutschland, mit all ihren linken Parteien - es laufen treu hintendrein politische Bankrotteure, die den "Ton der linken Schickeria" nicht ausstehen können oder linkes Denken generell für einen Fehler halten. Alle wohlvereint im Kampfgetümmel gegen das linke, das zurückgelassene 68er-Denken, das nicht weichen will.

Fast möchte man es glauben, bei dieser Absolutheit an gleichlautenden Sichtweisen, bei dieser "Summe gleichzeitig stattfindender Monologe". Nur einige Details passen nicht ins Bild eines linken Zeitgeistes: Weshalb ist es beispielsweise möglich, dass ein Angriffskrieg unterstützt und mitgetragen, und von der schreibenden Zunft, die angeblich von links her verdorben ist, verteidigt wird? Wie lassen sich Sozialabbau und einseitige Reformen - nur ein Stichwort: Elterngeld! - erklären in einem solchen Klima? Braucht es einen linken Zeitgeist, um sozialeugenische und klassistische Bierkellerparolen großzügigst publizieren zu dürfen? Ist anschwellende und angestachelte Fremdenfeindlichkeit das Werk linker Gesinnung? Wieso ist der Gleichheitsgedanke in Schieflage, das deutsche Schulsystem schichtundurchlässig wie nie - ist das linkes Ideal? Ein linkes Ideal wie jenes, dass sich nicht erwerbstätige Menschen, Rentner, Kranke und Arbeitslose, zunehmend wie Menschen zweiter Klasse fühlen müssen, weil sie keine ökonomische Brauchbarkeit mehr aufzuweisen haben, weil sie sich auf dem freien Markt nicht mehr verkaufen können?

Die Welt als Wille zur Vorstellung! Denn mehr als eine trübe Vorstellung ist das Gespenst, das in Deutschland umgehen soll, ja nicht. Der linke Zeitgeist ist eine grandiose Erfindung, bei manchen vielleicht auch eine hysterische Einbildung - es ist jedem Falle eine linke Tour, von einer linken Mode zu berichten, die es überhaupt nicht gibt; die es nicht geben kann, wenn man betrachtet, wie sich diese angeblich linke Republik entwickelt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander: die linke Macht- und Meinungsergreifung ist ein Mythos, ein rhetorisches Mittel, um einen Konservatismus abzugrenzen, der schon lange nicht mehr konservativ ist, sondern zum Handlager der Ökonomisierer aller Lebenslagen wurde - und aus dieser Nische kommt auch die angeprangerte Sprache der political correctness; denn ökonomisierte Lebensverhältnisse müssen ganz korrekt verniedlicht werden, damit die Menschen sie ertragen können. Das linke Monopol ist ein Stilmittel, das die Parteien der politischen Mitte konturieren soll - weil man selbst so schrecklich profillos ist, keine sich scharf absetzende Silhouette besitzt, zeichnet man die linke Gefahr an die Wand. Irgendwie muß man sich ja selbst herausputzen!



25 Kommentare:

endless.good.news 22. September 2010 um 07:20  

Dieser Glaube an den Linksruck der Parteien ist für ettliche liberale FDP Anhänger übrigens auch der Grund für den Absturz in den Umfragewerte. Nicht weil sie gegen das Volk regieren, sondern weil sie es in zu gerigem Maße tun.

potemkin 22. September 2010 um 07:57  

Unsere kleine Teeparty:
Wenn es stimmt, dass die politischen Zustände in en USA stets zeitversetzt bei uns ankommen, dann wird es knapp. Was hier als linker Zeitgeist beschworen wird, nennt sich dort 'liberal', links oder gar kommunistisch wäre schon der Leibhaftige. Hier wie dort zwingt man jene, die am meisten zu verlieren haben, in die Stimmenthaltung oder macht sie gleich zu ihren eigenen Metzgern. Man sollte nicht unterschätzen, wieviel an Status gerade wegbricht oder demnächst hinfällig wird. Die Mittelschicht klammert sich an löchrige Rettungsboote, die ihnen von der 1. Klasse überlassen werden. Und die gibt auch die Richtung vor: Hart Steuerbord.

Anonym 22. September 2010 um 09:19  

In dieser Gesellschaft, wo alles und jeder verwertbar ist, bzw. seinen "Preis" hat, ist linke und auch gerechtere Politik nötig.

Für mich ist der Kapitalismus auch gescheitert, denn er ist nur übrig geblieben und wird eines Tages auch ganz verschwinden.

Wir sind alle das Volk!

Das galt nicht nur für die damalige SED.

Alex 22. September 2010 um 10:05  

Gerade bin ich an anderer Stelle auf einen Artikel bei Welt online aufmerksam geworden: http://www.welt.de/debatte/article9779200/Die-Sozialdemokratie-erliegt-den-Gutmenschen.html

Langsam kann ich mich des Eindrucks nicht mehr erwehren, das hier von interessierter Seite versucht wird, so etwas wie eine deutsche/europäische Tea-Party Bewegung zu initieren. Vieleicht mit einem schneidigen Adeligen an der Spitze?

persiana451 22. September 2010 um 10:35  

@Alex puh, ist ja grauenhaft,der Artikel.Und erst die Kommentare, dazu...á pro pos europäische, Tea-Party und schneidige Adelige - ich habe zwar die Anspielung nicht ganz verstanden.

Adelige stehen allerdings hinter der Bildung der europäischen Union. Otto von Habsburg war zusammen mit einem gewissen Herzog von Coudenhove-Kalergi Gründer der sogenannten Paneuropäischen Bewegung. Ich kann mir auch denken, warum diese Kreise bei ihrem Ball in New York die Osterweiterung der EU so begeistert gefeiert haben. Da der Lebensstandard in diesen Ländern seit dem Mauerfall durch die internationalisierten, d.h. steigenden Lebensmittelpreise gesunken ist, kommen aus diesen Ländern jetzt viele Menschen z.B. nach Deutschland. Hier haben sie aber aufgrund der Übergangsregelung für diese Staaten keinen Anspruch auf soziale Leistungen - mit anderen Worten, sie sind gezwungen, für noch weniger Geld zu arbeiten, als wir uns vorstellen können. Die Löhne werden für uns alle weiter sinken. Dass der Adel sich da freut, kann ich mir vorstellen...

landbewohner 22. September 2010 um 11:13  

eigentlich ist es ja dreist in einem land wo die rot-grünen die cdu längst rechts überholt haben und die linke zu grossen teilen mit dem seeheimer kreis übereinstimmt von linken strömungen etc zu sprechen. und es stellt sich die frage, gibt es wirklich irgendwelche idioten, die so einen schwachsinn glauben? die schmierfinken = schreiberlinge garantiert nicht.
man kann sich des eindrucks nicht erwehren, daß hier durch eine art holzhammerwerbung entweder von interessierter seite eine rechtspartei installiert werden soll oder die vorhandenen parteien zu noch asozialerer politik gedrängt werden sollen.

Frank F. 22. September 2010 um 12:01  

Wie war das nochmal mit den Lügen und den kurzen Beinen? Die hiesige Realität sieht anders aus. Die Beine ziehen sich und ziehen sich und werden immer länger ... dreister und durchtriebener allemal. Es hat den Anschein, als gehe das Konzept der Strategen und Drahtzieher dieses üblen Spiels voll auf. Permanente Gehirnwäsche, Des- u. Nichtinformation, Verneblung, Verdrehung von Tatsachen, Halbwahrheiten, verzerrte Wahrheiten, Ablenkungsmanöver, billigste Unterhaltungskost, Lüge, Lüge, Lüge - alles wunderbar verpackt, je nach Bedarf. Hinter dieser Theaterfassade wird simultan Krieg geführt, umverteilt, privatisiert, dereguliert und es werden immer radikalere Einschnitte bei den Sozialausgaben durchgepeitscht.

Ich hätte niemals gedacht, dass sich ein angeblich so aufgeklärtes, aus der eigenen Geschichte geläutertes Volk von 82 Millionen dermaßen billig verschaukeln lässt.

Für das was hier seit Jahren durchgezogen wird, bedurfte es zu anderen Zeiten an anderen Orten mindestens der Präsenz einer Militärdiktatur à la Chile unter Augusto Pinochet. Fasst neige ich zu der Ansicht, dass unsere ach so linkslastigen Mainstreammedien dem Volk noch repressivere Maßnahmen ersparen. Als da wären: durch Straßen patrouillierende Panzer, Ausgangssperren, Verhaftungen, Entführungen oder Internierungen von Regimegegnern, politisch motivierte Morde...

Waren wir es nicht selbst - sowohl Leser als auch Blogger, die wir uns vor Jahresfrist eingeredet haben, na immerhin würde dieses katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl die Gegensätze derart rasch und radikal verschärfen, dass dem Spuk bald sein Ende nahe? Wenn dem so sein sollte, dann sind wir jetzt auf bestem Wege :)

Alex 22. September 2010 um 12:34  

@Persiana451

Ich meinte unseren Verteidigungsminister KTzuG ;-) . Den könnte ich mir gut in der Rolle vorstellen, die Sarah Palin beim Original spielt (wobei ich ihm einen wesentlich höheren Intellekt unterstelle). Warum sollte es eine neue konservative Partei geben? Warum nicht analog der Tea-Party versuchen die CDU wieder ein Stück nach rechts zu ziehen.

P.S. ja, ich hätte eine Warnung bzgl. des Welt-Artikels dazu schreiben sollen.

Anonym 22. September 2010 um 13:03  

Die sozialdemokratisierte CDU ist doch ein Fakt. Zumindest dann, wenn man als Definition sozialdemokratischer Polititk die der SPD heranzieht. Von daher wäre es mal wieder Zeit zu (er-)klären, wodurch sich echte Sozialdemokratie auszeichnen sollte.

Anonym 22. September 2010 um 16:04  

"[...]Die sozialdemokratisierte CDU ist doch ein Fakt. Zumindest dann, wenn man als Definition sozialdemokratischer Polititk die der SPD heranzieht[...]"

Du fällst auch auf die Meinungsmache herein, die Albrecht Müller - beinahme alltäglich - in Deutschland sieht. Wenn die CDU sozialdemokratisch ist, dann ist es die FDP auch, und hat damit von der Strasser-Strategie der NSDAP gelernt, die war VOR der Wahl 1933 nämlich auch sozialdemokratisch die NSDAP. Geschichte wiederholt sich eben doch, aber bei zweiten Mal als Farce - Heute sollte eigentlich niemand mehr auf die Mär reinfallen, dass eine rechtsneoliberale Partei wie die CDU/CSU/FDP-Parteien "sozialdemokratisch" oder gar "links" wären.

Ich seh die Sache anders herum: Man stelle sich eine Skala vor, wo genau bewertet ist was "rechts" oder "links" bzw. "sozialdemokratisch" oder nicht bedeutet, und da ist die Skala in Deutschland doch ziemlich weit nach rechts gerückt - gesellschaftlich, und zwar soweit, dass jeder Rechtsextreme neuerdings meint ein "Linker" zu sein, und echte "Linke" mit der Lupe zu suchen sind.

Meine Meinung dazu.

Übrigens, die Skalenverschiebung fing nicht erst unter Gerhard Schröder (SPD) an, und seinem Amigo Joschka Fischer (GRÜNE) - Ich denke, dies fing schon beim "Kanzler der Einheit" an, der nach alten Vorstellungen eigentlich rechtskonservativ war, aber sich auch schon, damals noch erfolgslos, als "Linker" gab.

Übrigens spätestens bei Gerhard Schröders (SPD-Kanzler) Rede von "Es gibt kein Recht auf Faulheit", wo er die, bis heute andauernde Hetzjagd auf die Opfer des Systems, auch Arbeitslose genannt, eingeleitet hat, ist mir klar, dass die SPD eigentlich eine CDU ist, und die GRÜNEN mit der FDP fusionieren sollten. Wäre von beiden Parteien ehrlicher, und die sollten die "Realos", die es auch in der Linkspartei geben soll, gleich mitnehmen, damit zusammengeht was zusammengehört eben CDU=CSU=FDP=GRÜNE=SPD="Realos".

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 22. September 2010 um 16:07  

Ergänzung zum angeblichen "Fakt der sozialdemokratischen CDU":

"[...]Aus dem Versager Steinbrück wird auch weiterhin der erfolgreiche Retter gemacht – ein Musterbeispiel für die Möglichkeit der nahezu totalen Manipulation[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=6777

Mehr dazu beim Reinlesen Ihrerseits in den Text von Albrecht Müller....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 22. September 2010 um 16:10  

@landbewohner

Den Verdacht teile ich.

Übrigens, wenn man eine Gerade nimmt und dort links "links" einträgt, und rechts "rechts" bin ich gespannt wo die angebliche "Linke" von SPD und GRÜNEN stehen würde.

Ich nehme einmal an direkt bei der FDP und der CDU/CSU.

Die Linkspartei nehme ich, bis auf ein paar "Realos", die die Linkspartei in einen neuen neoliberalen Verein umwidmen wollen, und derzeit noch nicht vorangekommen sind, noch außen vor.

Gysi selbst hat einmal gesagt: "Noch eine neoliberale Partei verträgt Deutschland nicht", d.h. die Linkspartei bleibt antineoliberal - ganz entgegen der feuchten Träume so mancher "Realos" innerhalb der Linken, der GRÜNEN und der SPD.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Max 22. September 2010 um 17:58  

nach diesem text habe ich auch erkannt, daß wir mit links eingelullt werden. die rechten erfinden das linke

Yusuf Zenj 22. September 2010 um 18:38  

In den 70er Jahren schafften wir als linke, langhaarige, nixblickende Gymnasiasten die Schülermitverwaltung (SMV) auf unserer reformierten Oberschule als hohlen Quatsch ab. Wir konnten nämlich absolut nix MITverwalten. Kurze Zeit später führte das Direktorium der Schule die SMV wieder ein und wer dort mitmachte bekam sogar Punkte dafür. In NRW war damals eine Reformschule ohne demokratische Schülerorganisation nicht p.c..
Dieses Beispiel liess (aus meiner Sicht)sich bis heute auf jede politisch linke Organisation/Aktion anwenden. Die kontrollierte kritische Linke wird gebraucht um Scheissstaaten und Scheisssysteme zu rechtfertigen.

Peinhart 22. September 2010 um 19:08  

Siehe dazu auch Das trojanische Pferd und der Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat.

Anonym 22. September 2010 um 20:03  

"[...]Die kontrollierte kritische Linke wird gebraucht um Scheissstaaten und Scheisssysteme zu rechtfertigen[...]"

Yep, wenn es die noch geben würde, Deine "kontrollierte kritische "Linke" " -

Ich bin da mit Nachdenkseiten-Leser einer Ansicht:

Das was heute als "links" durchgeht - rein zeitgeistmäßig - ist in Wahrheit die alte Rechte.

Es wird Zeit das Koordinatensystem so auszurichten, dass diese neoliberale Beliebigkeit aufhört.

Anonym 22. September 2010 um 20:08  

Übrigens, Georg Schramm, einst bekannt aus "Neues aus der Anstalt" im ZDF meinte einmal, dass es sich dem herrschenden Zeitgeist nicht anpassen würde, egal was passiert, und der herrschende Zeitgeist ist eben der der absoluten Sinnentleerung von Begriffen wie "links" oder "rechts" oder "sozial" und "demokratisch".....

...dagegen sollten wir aufbegehren, und diesen Begriffen ihre Beliebigkeit nehmen, auf das "links" wieder "links" ist "rechts" wieder "rechts", "sozial" wieder "sozial" und nicht mit fdp-lastigem "Sozialismus" verwechselt wird, und die Demokratie eben auch nicht Sinnentleert sondern sinnvoll wird....

Anonym 22. September 2010 um 20:15  

"[...]Ich sehe im Auftritt des Dr. Michael Bürsch bei diesem Kongress den Versuch der neoliberal geprägten Kräfte, ihre Finger auch in die Arbeit der Gegenbewegungen und der Gegenöffentlichkeit zu stecken[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=6786#more-6786

...nichts anderes passiert auch bei Begriffsbestimmungen, hier am Beispiel "sozialdemokratisch"; "links" oder "rechts".

Merke:

Wer die Sprache beherrscht, der beherrscht das Denken, d.h. meine Skalen-Theorie ist gar nicht so abwegig, wie ich selber denke, und daher sollten wir wirklich die Begriffe für uns zurückerobern, wenn die verloren gegangen sind, oder gar nicht erst zulassen, dass die sinnentleert werden....wenn es nicht bereits zu spät ist....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Stefan R. 22. September 2010 um 22:28  

Sehr guter Artikel! Bringt es (mal wieder) auf den Punkt, vielen Dank.
Wir haben es offensichtlich mit einer gezielten Kampagne zu tun, mit der der Begriff 'links' für die weitere Zukunft diskreditiert werden soll (man lese Albrecht Müller, man sehe sich den Umgang mit 'liberals' in US-Medien an)...

@persiana451: Ich kann diese Gefühle sehr gut nachvollziehen. Ich habe es längst aufgegeben, die Kommentare bei der 'Welt' zu lesen - macht nur Zornesfalten. Allerdings ist auffallend, dass die Kommentarfunktion in letzter Zeit häufiger deaktiviert ist, "wegen technischer Probleme", wie es heißt.

Stimmvieh 23. September 2010 um 00:14  

Ich habe mich auch schon mehr als einmal gefragt, wie man auf die Idee kommen kann, in Deutschland herrsche ein linker Zeitgeist.
Inzwischen denke ich bei solchen Behauptungen an einen Satz, den ich als Kind mal im Telekolleg Deutsch auf dem WDR gehört habe (ich wartete, dass die "Sendung mit der Maus" anfing): "Von Ihnen aus kann man ja nur noch links stehen!"
Wer nicht bedingungslos zu allem Ja und Amen sagt, was die Wirtschaftsverbände fordern, ist halt ein Linker, wer es bedenklich findet, wenn rassistische Parolen in diesem Lande auf einmal wieder salonfähig werden, ist ein Gutmensch (Gottverdammt, wie ich dieses Wort hasse!), und wer bedenklich findet, wie die Regierung vor den Kernkraftwerksbetreibern zu Kreuze kriecht, ist ein Mitglied der Antiatomkirche...
In dem Kontext fällt mir auch noch ein, dass jemand, der z.B. eine Anpassung des ALG2 an menschenwürdige Verhältnisse fordert, ein linker Träumer ist, weil so etwas ja völlig unbezahlbar sei, aber wenn FDP und Wirtschaftsverbände einmal mehr das Märchen von der selbsttragenden Steuersenkung für Unternehmen und Besserverdienende erzählen, die Medien dies kritiklos widergeben...

Yusuf Zenj 23. September 2010 um 18:41  

Links/Rechts
Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften, Die 'Sprache der Haare - ...über Rechts-Linkes

Anonym 23. September 2010 um 22:50  

@Stimmvieh

"[...]Gutmensch (Gottverdammt, wie ich dieses Wort hasse!)[...]"

Wie schon einmal hier gelesen, dreh doch einfach den "Gutmensch"-Vorwerfern ihr Wort im Mund herum -Was ist das Gegenteil von "Gutmensch" z.B.?

Die werden dann sicher ganz kleinlaut, denn keiner will von sich als schlechtem Menschen hören ;-)

Gruß
Bernie

philgeland 26. September 2010 um 00:17  

Besagte "linke Tour" wird auch in einem Land wie Brasilien nicht ohne Erfolg durchgezogen.

Die Partei des Präsidentschaftskandidaten der Opposition und mit ihr der gesamte rechtskonservative Block und seiner Presse beschwören - direkt oder indirekt - die Gefahr einer "linken Diktatur". Die Partei Lulas zeige Tendenzen, das Land kontrollieren und am Fortschritt (!) hindern zu wollen.

Nun ist Lula ja alles andere als ein Heiliger (die Korruptionsskandale belegen dies). Ihn und viele seiner Parteileute aber als "linke Putschisten" und einige sogar als "Terroristen" zu diskreditieren ist schlicht und einfach lächerlich. Lula mag in früheren Zeiten eindeutig linke Position bezogen haben. Aber auch er hat sich mit den immer noch feudalen gesellschaftlichen Strukturen dieses Landes bis zu einem gewissen Grad arrangiert.

Es ist heutzutage wirklich mehr als relativ, von "linken Positionen" zu sprechen. Wen das freut, sind die Konservativen. Die finden so richtig Futter für ihre ach so vernünftigen Argumente.

Anonym 26. September 2010 um 07:59  

BILD-Überschrift:
Schluss mit dem Sprachmüll!
Warum ist dieses Blättchen dann am nächsten Tag immer noch erschienen?

Klaus H.

Dominik Hennig 28. September 2010 um 04:31  

Wenn "links" die Ideen von Bakunin, Kropotkin, Stirner, Proudhon, Thoreau et alii sind, dann gibt es in Deutschland nurmehr rechte Intellektuelle. Einschließlich derer, die sich für ganz weit links stehend halten.

Wenn "konservativ" die interventionistischen Staatsvorstellungen von Bismarck sind, dann gibt es in Deutschland nurmehr konservative Parteien.

Über den fragwürdigen Charakter der "Tea Party" (haßerfüllte, abstiegsgeängstigte, wildgewordene Bibelgürtel-Kleinbürger) kann man einiges beim "Center for a Stateless Society" nachlesen.

Tragisch die endgültige Bankrotterklärung des parteipolitischen Liberalismus, der in der ersten Jahrzehnten der Kaiserzeit noch ein wahrhaft linker Freisinn war: das FDP-Generalsekret Lindner beschwört heute den "starken Staat" und basht die Unterschichten. Nein, das ist eben KEIN Widerspruch!

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