Habemus papam: na und?

Mittwoch, 30. Juni 2010

oder: aus gegebenen Anlass, der eigentlich kein Anlass wäre, einige persönliche Worte.

Wenn sich in Rom der weiße Rauch noch nicht ganz verzogen hat, einige Augenblicke später ein grauhaariger Geistlicher ans Fenster tritt und ausruft, dass wir nun einen Papst hätten, dann mag das gläubige Katholiken angehen - allen anderen ist das hinlänglich egal. Geschieht Ähnliches zu Berlin, rufen sie dort ihr Habemus papam! in die Kameras, nachdem sie stundenlang im Konklave schacherten, dann ist das von Interesse für fromme Anhänger der parlamentarischen Demokratie - jemand, der den Glauben daran aber aufgegeben hat, den kümmert der neue Ersatzkaiser wenig. Zumal sich Weihnachtsansprachen ganz vortrefflich per Fernbedienung abschalten lassen.

Was will so einer also zum neuen Pontifex mit Grüßonkelfunktion äußern, wenn ihm diese unehrenhafte Verrichtung des Parlamentarismus so gar nicht (mehr) zusagt? Günstig wäre es ohnedies, dass er es unkommentiert läßt, einerseits weil es belanglos ist, ob der neue Lustschlößcheregent nun Horst, Joachim, Christian oder sonstwie heißt - und andererseits, weil die Schwärme von Wahlmännern und -frauen ihren geistigen Flausen und cerebralen Luftblasen mehr als neun Stunden freien Lauf ließen und die Ereignisse des Tages damit mehr als ausgiebig kommentiert und hochgespielt sind.

Das Ende der Koalition sei eingeläutet, hörte man oft. Jetzt starte sie erst richtig durch, vernahm man auch. Für jede Gesinnung eine seichte Schnellstudie! Doch was soll das Theater? Koalition am Ende oder nicht am Ende - na und? Wat geiht meck dat an? Was kümmert es denn solche, die nichts von der Heilslehre der bundesrepublikanischen Demokratie halten? Solche, die in dieser Demokratie immer häufiger eine Strohmannsveranstaltung wittern? Dann sei doch die Koalition am Verscheiden: es wird eine neue geben, eine die anders heißt und genauso inhaltsarm, genauso mit Schaum vorm Mund agiert.

Ganz so läuft es auch mit dem obersten Gutsherrn des Landes. Der eine geht, der andere kommt - und falls man es in den Zeitungen nicht liest, dass da einer gegangen ist, dann merkt man nicht mal, dass das ein ganz anderer Kerl ist, der da ins Mikrofon stammelt. Hui, Horst war beim Friseur, oder nicht! Kurzum, warum sollte an dieser Stelle ergiebig über die demokratische Scheinveranstaltung zu Berlin geschrieben werden? Wer hätte etwas davon? Was gesagt werden sollte, haben die Wahlknechte schon gesagt - was gesagt werden müsste, verhallt eh kaum hörbar. Für ad sinistram hat sich jedenfalls nichts geändert, nur weil aus Horst Christian wurde - ad sinistram wird die Wahl und die angeblichen Konsequenzen daraus nicht kommentieren. Das können andere weniger schlecht als ad sinistram...

24 Kommentare:

landbewohner 30. Juni 2010 um 23:50  

ganz meiner meinung. du hast die sache auf den punkt gebracht!!! bravo + danke.

klaus baum 1. Juli 2010 um 00:06  

es doch erstaunlich, wieviel geld mittlerweile seitens der regierenden in den schein gesteckt werden. viel scheine für den schein. möglicherweise ist er längst teurer als die realität.

Daniel Limberger 1. Juli 2010 um 00:14  

Lieber Roberto,

ich finde es hervorragend, dass Du Dich klar von der Demokratie distanziert hast - DU schreibst, Du hast den "Glauben" daran verloren: das bringt es auf den Punkt. Es geht nämlich um einen Glauben an Ideale, wenn jemand die Demokratie hochhält (ähnliches gilt für andere Ideale wie "Rechte" usw. auch).

Ich selber war ja auch mal ein Gutmenschendemokrat, der sogar mal die Grünen wählen ging (bei meiner ersten Wahl 1998, die Grünen habe ich danach natürlich nicht mehr gewählt > Kosovo!) und dachte, wir haben doch eine tolles Grundgesetz, an das sich nur die Realität noch anpassen müsste. Aber daraus wird nix! Und wer mir jetzt mit Willy Brandt kommen würde - sicher, sein Kniefall in Warschau war schon klasse, das treibt einem die Tränen in die Augen. Aber es ist eben wie bei Obama auch (auch bei dessen Wahlsieg musste ich weinen > der erste schwarze Präsident, die erste Hoffnung in den USA seit Robert Kennedy) - aber vernünftig betrachtet, ohne Emotionen, was kommt dabei heraus? Die Politik Bushs, also der Weltkrieg gegen den "Terror", wird von Obama fortgesetzt - und der Witz dabei? Na ja, dass die ganzen ach so "progressiven" Leut' in der Welt nicht mehr so auf Widerstand machen wie bei Bush, der hässlichen Fratze des Imperialismus. Aber, das Staatsprogramm der imperialistischen Nation bleibt leider das Gleiche, egal ob Buch, Obama, Ralph Nader oder Micky Maus regieren - die Geschäfte verlangen es. Und ohne Geschäfte fällt die Machtquelle der kapitalistischen Staatsmacht weg - also wird gemacht, was der Profit befiehlt.
Daher: Nicht Auswechseln der Regierung, sondern Abschaffung dieser Staatsmacht, dieser Herrschaft.
Noch eins zu Willy Brandt - an seinem Sturz sieht man doch, dass ein "Guter" eben nicht lange an der Macht geduldet wird - prompt wird er ersetzt durch einen Mann des Systems: Helmut Schmidt. Traurig ist das - es kommt eben darauf an, welche bewusstseinsmäßigen Konsequenzen daraus gezogen werden: ob man weiter für eine "gute Politik" kämpfen will, oder lieber das Ende der Politik herbeiführen will. Letztlich sind es doch die Staaten, die das Elend anrichten - wieso also weiterhin auf eine gute Herrschaft setzen, die dann den Staat endlich zu einem Instrument zum Wohle der Menschen macht? Vielleicht ist es da doch besser, sich gleich dagegen zu stellen?
>>>

klaus baum 1. Juli 2010 um 00:18  

noch eine anmerkung: ich denke, die essenz deiner überlegungen zum neuen präsidenten lautet, wie beckett es einst formulierte.

die sonne scheint, da sie keine andere wahl hat, auf nichts neues. (murphy)

Daniel Limberger 1. Juli 2010 um 00:23  

[Fortsetzung]
KÖHLERS RÜCKTRITT war doch geradezu ein genialer Coup – von den Herrschenden aus gedacht: die drehen einfach den Spieß um und so sagt Köhler, er habe den „Respekt gegenüber seinem Amt“ vermisst! Na toll – jetzt ist er aus der Buhecke raus, tritt zurück und nimmt ÜBERHAUPT NICHTS von dem Gesagten zurück! Ergo: was er gesagt hat, soll gültig bleiben, die Kritiker sollen sich nun grämen, unseren tollen Horst so erzürnt zu haben!
Tja, und Wulff wird wohl kaum ein größerer Menschenfreund sein – und die ehrlichen Worte zu unseren imperialistischen Kriegen, sie werden auch von ihm nicht bestritten werden – aber sie werden wieder „nur“ stillschweigend gelten, ohne dass darüber geredet wird.
Der Rücktritt Köhlers eröffnete damit den Herrschenden die Möglichkeit, die für sie gefährliche Diskussion um imperialistische Kriege einzudämmen – gerade um solche imperialistischen Kriege in Zukunft (vermehrt) führen zu können.

Wulff oder Gauck: Wieso sollte ich MIR eigentlich den Kopf der Herrschaftsführung zerbrechen? Haben wir keine anderen Sorgen, als einen Grüß-August zu finden, der Merkel und Westerwelle auch schmecken würde?
Das ist das fatale an der Demokratie: Die Wähler machen sich keine Gedanken mehr über die direkte Durchsetzung IHRER EIGENEN Interessen, sondern übersetzen diese stets in Probleme der Herrschaft - also denken die Wähler nach, welcher Politiker für die Besorgung der Herrschaft der Geeignetste wäre. So - und wo bleiben da die Interessen des Wählers? Die sind höchstens eine billige Vorlage für noch billigere Wahlkampfversprechen (die ohnehin kaum einer glaubt, aber irgendwie trotzdem sympathisch und richtig findet) - und prompt werden dann irgendwelche Leute wieder gewählt - um dann den Wähler auf Schritt und Tritt zu bevormunden und sicher nicht, um des Wählers Interessen zu realisieren.
Warum macht der Wähler nur mit bei dem Zirkus, gibt der Herrschaft sein Mandat und setzt sie damit ins Recht? Weil er an die Demokratie GLAUBT! Weil er die ganzen schönen Ideale aus dem Gemeinschaftskundeunterricht mit der Realität verwechselt. Ich sage Euch mal etwas: Das Urbild unserer DEMOKRATIE, die Stadtstaaten des antiken Griechenland, waren Sklavenhalterstaaten. Es waren Sklavenhalterrepubliken = Ausbeuterstaaten! Und die Demokratie, sie ist eben daher auch die heute adäquate Staatform, passend zum kapitalistischen Ausbeuterstaat! Also nochmal: der Witz bzw. das Entscheidende an der Demokratie ist nicht, dass die Untertanen eine Auswahl treffen dürfen, sondern dass es weiterhin eine Form der HERRSCHAFT ist - die Stimme dient nur zur Legitimation von HERRSCHAFT. Alle vier Jahre ein Kreuz - und dann Klappe halten, denn die Politiker REGIEREN.

Liebe Grüßle

Daniel

P.S.: Marx war noch von Folgendem ausgegangen: Wenn die Proletarier ENDLICH mal das gleich Wahlrecht bekommen wie die Bourgeois, dann würden sie SCHLEUNIGST AN DER MACHT SEIN, da sie ja die ÜBERGROSSE MEHRHEIT STELLEN - tja, das war LEIDER ein Irrtum! Sie sind lieber auf den sozialdemokratischen Leim gegangen, haben am Ende sogar dem Krieg zugestimmt usw. usf.

Anonym 1. Juli 2010 um 01:23  

Absolut Recht hast du, diese miese billige Schmierenkomödie noch zu kommentieren sollte man wirklich entweder den Narren überlassen, die immer noch einfach glauben wollen, hier wäre etwas ganz wichtiges geschehen oder allen diesen sattsam bekannten Medienhuren aus TV und sonstigen bürgerlichen Medien, ist ja ohnehin deren Broterwerb!

MfG Bakunin

Die Katze aus dem Sack 1. Juli 2010 um 03:22  

Auf seiner Webseite ist zu entnehmen: "Gemäß demokratischer Traditionen wird Christian Wulff während seiner Amtszeit
als Bundespräsident seine CDU-Mitgliedschaft ruhen lassen."

Da bin ich aber erleichtert. Ich hatte schon beinahe die Befürchtung, das hier lediglich ein treuer und langjähriger Parteisoldat in Stellung gebracht worden ist, der nach den Wünschen der Regierung performen soll. *kichert*

Abwarten: Mit seinem Tun und Handeln wird er sich selbst entlarven.

vera l. 1. Juli 2010 um 07:05  

wer nicht mehr an die demokratie glaubt, der glaubt an den faschismus. schämen sie sich

altautonomer 1. Juli 2010 um 08:01  

Vera? Bist Du/Sind Sie eine von den "agent provocateurs", die hier ernsthaft diskutierende Leute provozieren wollen? Dann sage ich in Übereinstimmung mit Jutta Ditfurth: "Demokratie ist heutzutage der Faschismus im Wartestand."

kapiernix 1. Juli 2010 um 08:41  

"wer nicht mehr an die demokratie glaubt, der glaubt an den faschismus. schämen sie sich"

So ein Quatsch ... als gäbe es nur Demokratie und Faschismus nebeneinander und nichts anderes und nur weil man den Glauben in das eine verliert heißt das noch lange nicht, dass der Glaube zum anderen gestärkt wird.

Zum Artikel:
Ich sehe das genauso, who cares ... es hat sich durch den Letzten nichts geändert, es ändert sich auch diesesmal nichts.

Anonym 1. Juli 2010 um 09:34  

@ Vera
Schämen sollten sich die, die an dieser "Demokratie" glauben.
Ich glaube lieber an den Weihnachtsmann.

Frank F. 1. Juli 2010 um 09:41  

Das Drehbuch zu der tragischen Komödie "Die initiierte Demokratie" verlangte an dieser Stelle nach ein wenig mehr Pepp. Als Aufwerter sozusagen. Also gab man dem nach. So begab es sich, dass Protagonisten wie auch Statisten zu einer Demokratie-Klappe-die-Zweite und einer Demokratie-Klappe-die-Dritte animiert wurden.

Und wenn der Zuschauer nicht gestorben ist und schön brav weiter schläft...

Mescalero 1. Juli 2010 um 10:07  

Liebe Vera I.

Wer nicht mehr an die "Demokratie" glaubt, glaubt an Freiheit- aber nicht an Faschismus. Schämen sollten die sich die uns seid Jahrzehnten verarschen und ausbeuten.

Daniel Limberger 1. Juli 2010 um 10:09  

@ Vera L.:
Obwohl ich oben ausführlich erläutert habe, was von Demokratie zu halten ist, nur ein Zitat für Sie/Dich:
„Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten,
sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“
(Theodor W. Adorno)

Grüßle

Daniel

Dreykant 1. Juli 2010 um 10:31  

Toll geschrieben, dass hat richtig gut getan, danke. Das war schon ein ziemliches Schmierentheater, dass unsere Vertreter da veranstaltet haben. Was mich am meisten gewundert hat- Joachim hat bis zuletzt gehofft. Natürlich vergebens. Denn in Deutschland ist Hoffnung nichts anderes, als aufgeschobene Enttäuschung.

Anonym 1. Juli 2010 um 10:47  

@ Vera L.:
Obwohl ich oben ausführlich erläutert habe, was von Demokratie zu halten ist, nur ein Zitat für Sie/Dich:"......"

Hi Daniel, vielleicht solltest du mal lernen, etwas genauer zwischen der heutigen BÜRGERLICHEN DEMOKRTIE, welche in der Tat nur eine verschleierten Form der Diktatur des Kapitals, der Herrschaft der Bourgeoisie ist und vorerst, als ÜBERGANG sozusagen, einer möglichen sozialistischen Demokratie, in welcher vor allem die Interessen der erdrückenden Mehrheit der Bevölkerung, der Masse der arbeitenden Klasse zu zählen hätten.
Dennoch bleibt JEDE Demokratie letztlich ein Herrschaftssystem, bleibt ein System der "Unfreiheit", allerdings im Falle einer "proletarischen" bzw. sozialistischen Demokratie eines der Unfreiheit für kapitalistische Ausbeuter und alle sonstigen Parasiten. Erst mit dem Absterben, der Überwindung der "Demokratie" beginnt die wirkliche Freiheit für das GANZE Volk!
So lehrte vor beinahe 100 Jahren bereits ein gewisser LENIN......
Ungefähr 50 Jahre vor LENIN wies MARX darauf hin, dass die bürgerliche parlamentarische Demokratie die der Herrschaft der Bourgeoisie adäquate Form der politischen Herrschaft dieser Klasse ist.
Du solltest also immer von der bürgerlichen Demokratie sprechen wenn du von diesem heutigen verlogenen politischen System sprichst, welche in der Tat ein einziger Betrug an der Mehrheit der arbeitenden Klasse ist.
Übrigens war Marx keinesfalls so naiv, aus einer Mehrheit bei Parlamentswahlen zu schlußfolgern, so käme man beinahe "automatisch" zur Herrschaft der Arbeiterklasse, des einfachen Volkes.
NACH(!) den Erfahrungen der Pariser KOMMUNE empfahl er daher nicht mehr die Eroberung der Staatsmacht durch einfache Stimmenmehrheit sondern die ZERSCHLAGUNG der ganzen bürgerlichen Staatsmaschine, ihren Ersatz durch eine neue proletarische Macht, welche sich auf die bewaffneten Arbeiter stützte - Rätesystem - ..... und selbstverständlich die Abschaffung des bürgerlichen Parlamentes und seinen Ersatz durch eine vor allem auch ARBEITENDE Vertretungskörperschaft des Volkes.

Mfg Bakunin

Frank F. 1. Juli 2010 um 13:00  

@ selbst (1. Juli 09:41)

Oops, ich Esel meinte natürlich inszenieren, nicht initiieren.

Uschi Basfeld 1. Juli 2010 um 13:24  

Hi Roberto,

Deine Texte sind wie eine erfrischende Dusche an diesen heissen Tagen. Danke!

Daniel Limberger 1. Juli 2010 um 15:10  

@Bakunin:

Lieber Bakunin,
Du weißt ja, ich vertrete nun einmal den marxistischen Standpunkt des GegenStandpunkts. Und da wird die Demokratie insgesamt abgelehnt, eben weil sie wie Du schreibst immer noch eine Form der Herrschaft ist. Und Lenin, na ja... in DEM Punkt hatte er Recht. Demokratie ist im besten Falle eine Krücke in den Sozialismus/Kommunismus hinein: zur Unterdrückung der Kapitalisten/Bourgeoises.
Das Problem ist doch, dass Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit die Minderheit dauernd unterbuttern kann und darf...
Wie gesagt, als ÜBERGANG in der revolutionären Phase kann der AUfbau des Sozialismus demokratisch gestaltet werden - ABER: es muss von ANfang an klar sein, dass es sich um eine provisorische Notlösung handelt, bis die Herrschaft beseitigt werden kann.
Übrigens, weshalb nennst Du Dich nach einem Anarchisten, Bakunin? Der sich mit Marx entzweit hatte! Die Anarchisten machen den Fehler, dass die Herrschaft weggewünscht wird - aber z. B. kein Plan verfolgt werden soll. Staat Planwirtschaft wird eine Tauschwirtschaft angepeilt, wo also das Erpressungsverhältnis zwischen den Menschen aufrechterhalten bliebe. Und ein Gemeinschaftswerk ist bei den Anarchisten auch nicht vorgesehen. Dabei solte die freie Assoziation der befreiten Proletarier im Rahmen gesellschaftlicher Planung der Produktion doch wohl das Ziel sein, das allerdings zuvor mit der (noch) bestehenden Staatsgewalt revolutionär EINGERICHTET werden muss. Die neuen Zwecke müssen die alten erst vollständig ersetzt haben, bevor dann dieser quasi-anarchistische Zustand ohne Herrschaft Einzug halten soll...

Ich verweise Dich natürlich unvermeidlicherweise wieder auf einen Vortrag des GegenStandpunkts (ich weiß, ich hab einen "Knall"):

- „Demokratie – kein Menschheitsideal, sondern die Herrschaftsform, die zum Kapitalismus gehört“ (24. Januar 08, Nürnberg, Dr. Peter Decker) > http://doku.argudiss.de/?Kategorie=all#225

Bitte sieh mir meine "Missionierung" nach - aber wenn ich mal von etwas überzeugt bin, möchte ich eben andere dran teilhaben lassen :)

Liebe Grüßle

Daniel

Daniel Limberger 1. Juli 2010 um 15:18  

Nach dem marxistischen Standpunkt des GegenStandpunkts wird die Demokratie insgesamt abgelehnt, eben weil sie immer noch eine Form der Herrschaft ist.
Tja, Lenin... in DEM Punkt hatte er Recht. Demokratie ist im besten Falle eine Krücke in den Sozialismus/Kommunismus hinein: zur Unterdrückung der Kapitalisten/Bourgeoises.
Das Problem ist doch, dass Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit die Minderheit dauernd unterbuttern kann und darf...
Als ÜBERGANG in der revolutionären Phase kann der Aufbau des Sozialismus demokratisch gestaltet werden - ABER: es muss von Anfang an klar sein, dass es sich um eine provisorische Notlösung handelt, bis die Herrschaft beseitigt werden kann.
Ich verweise Dich natürlich unvermeidlicherweise wieder auf einen Vortrag des GegenStandpunkts (ich weiß, ich hab einen "Knall"):
- „Demokratie – kein Menschheitsideal, sondern die Herrschaftsform, die zum Kapitalismus gehört“ (24. Januar 08, Nürnberg, Dr. Peter Decker) > http://doku.argudiss.de/?Kategorie=all#225
Bitte sieh mir meine "Missionierung" nach - aber wenn ich mal von etwas überzeugt bin, möchte ich eben andere dran teilhaben lassen :)

Liebe Grüßle

Daniel

Daniel Limberger 1. Juli 2010 um 15:20  

@Bakunin:

Lieber Bakunin,

Wiseo nennst Du Dich nach dem Anarchisten Bakunin? Der sich mit Marx entzweit hatte!!! Die Anarchisten machen doch den Fehler, dass die Herrschaft weggewünscht wird - aber z. B. kein Plan verfolgt werden soll. Statt Planwirtschaft wird eine Tauschwirtschaft angepeilt, wo also das Erpressungsverhältnis zwischen den Menschen aufrechterhalten bliebe. Und ein Gemeinschaftswerk ist bei den Anarchisten auch nicht vorgesehen. Dabei sollte die freie Assoziation der befreiten Proletarier im Rahmen gesellschaftlicher Planung der Produktion doch wohl das Ziel sein, das allerdings zuvor mit der (noch) bestehenden Staatsgewalt revolutionär EINGERICHTET werden muss. Die neuen Zwecke müssen die alten erst vollständig ersetzt haben, bevor dann dieser quasi-anarchistische Zustand ohne Herrschaft Einzug halten soll...

Liebe Grüßle

Daniel

Peinhard 1. Juli 2010 um 19:06  

"Bitte sieh mir meine "Missionierung" nach - aber wenn ich mal von etwas überzeugt bin, möchte ich eben andere dran teilhaben lassen :)"

Dieser offenbar doch recht 'deutschen' Eigenart verdanken wir ua auch das unbeirrte Festhalten an neoliberalen und neoklassischen Dogmen. ;)

Es gibt im übrigen noch andere Spielarten von 'Demokratie' jenseits der Beherrschung von Minderheiten durch Mehrheiten (bzw faktisch von Mehrheiten durch Minderheiten...). Ein Stichwort wäre bspw 'Konsensdemokratie', ein Einstieg könnte zB das hier sein. Da kommt dann allerdings auch wieder dieses 'A' in's Spiel. Und es gibt vielleicht noch einen Hinweis darauf, dass und wie man sich dort auch einen 'Plan' machen kann...

Anonym 2. Juli 2010 um 00:55  

Anonym Daniel Limberger hat gesagt...

@Bakunin:

Lieber Bakunin,

"Wiseo nennst Du Dich nach dem Anarchisten Bakunin? Der sich mit Marx entzweit hatte!!! Die Anarchisten machen doch den Fehler, dass die Herrschaft weggewünscht wird"....

Hi Daniel, Michail Bakunin hat frühzeitig davor gewarnt, dass die Arbeitervertreter, wenn sie erst mal in bürgerliche Parlamente eintreten, aufhören, Arbeitervertreter zu sein, dort verbürgerlichen und schließlich die von ihnen Vertretenen, nämlich die Arbeiter, verraten, da sie sich an das "süsse Leben" als Parlamentarier einfach gewöhnen..
Marx antworte darauf nur kurz, dass ein Bourgeois, welcher ins Parlament einzieht, auch nicht aufhört, ein Bourgeois zu sein, weiter einer bleibt, folglich(!) bleiben auch Arbeiter Arbeiter, wenn sie in Parlamente (später gar: Regierungen!!!) einziehen.
Nun aber schaue man sich die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern Europas seit dem Streit jener Tage bis heute an.
Von relativ wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen: WER hat hier letztlich Recht behalten? Hand auf,s Herz!
Es ist eine Tatsache, dass die anarchistischen Ideen weniger in Russland, Deutschland und den anderen "germanisch"- protestantischen()! Ländern heimisch wurden, dort nur relativ wenige Anhänger fanden.
Dafür gewannen diese anarchistischen Ideen vielmehr Einfluß in den romanischen Ländern, selbst bis hin nach Griechenland.
Und nun schauen wir uns an, wie diese Ideen sich dort auf das konkrete Verhalten der dortigen einfachen Arbeiter und auch vieler Kleinbauern bisher auswirkte und sich bis heute ganz AKTUELL auswirkt!
Wo gibt es mehr Spontanität, mehr spontanen Widerstand gegen die Herrschenden, der direkt an der Basis seinen Ausgang hat, wo viel eher spontane Streiks, Demos?
In den mehr anarchistisch geprägten Ländern und deren Arbeiterbewegungen einschließlich der dortigen Gewerkschaften oder in den Ländern mit "armeemäßig" aufgestellten Gewerkschaften, "mächtigen Organisationen" mit riesigen bürokratischen Apparaten und zahllosen "Vorständen", welche ihre Mitglieder nach einem sorgfältig eingeübten "Taktstock-Verfahren" im Grunde völlig unernst "aufmarschieren" lassen, alles höcht sorgsam und gesetzlich "wasserdicht" organisiert und brav den Behörden schon lange vorab angemeldet?
Wo haben sich die einfachen Menschen noch nicht so ihre eigene Stimme von ihren politischen oder gewerkschaftlichen Vertretern rauben lassen?
Vieles von dem, was Bakunin und seine Nachfolger sagten und lehrten, mag sicher falsch sein, aber niemals ihre Einsicht, dass die Unterdrückten letztlich immer SELBST für ihre Interessen einzutreten, zu kämpfen haben, und zwar ohne PERMANENTE BEVORMUNDUNG von Heerscharen von Soziologen, Politologen, Anwälten,Journalisten, Literaten, Historikern, verkrachten Akademikern aller Art, hauptamtlichen Funktionären, Vorständen aller Arten und Ränge, "arbeitsbefreiten" Betriebsräten und Gewerkschaftlern und natürlich "Parteisoldaten"....
Was man dem Anarchismus unbedingt zugute halten muss ist sein unbeugsamer Respekt vor der persönlichen Freiheit, sein Glaube auch an spontanes Handeln.
Vor -und Nachteile liegen hier natürlich dicht beieinander, klar. Aber schaue dich doch aktuell um, kannst du in unserem Land wie auch in einigen anderen etwas anderes entdecken als ein paar Millionen "organisierte Arbeitnehmer" als stumme KARTEILEICHEN und für rein taktische Spielchen und Veraschung der Leute zuweilen organisierte "Faschingsumzüge"?(brave Trillerpfeifenkonzerte etc..)
Vielleicht verstehst du nun ein wenig, warum ich mich Bakunin nenne.

Beste anarchistische Grüße von
Bakunin :-)

Daniel Limberger 3. Juli 2010 um 00:46  

@Bakunin:
Ja sicher, da hast Du mir einige interessante Aspekte geliefert. Sicher ist der Kampfgeist bei den Anarchisten so wie sie heute sind eher zu finden, als bei den "Organisierten". Und Bakunin hatte wohl Recht, dass die Ziele nicht über parlamentarische Arbeitervertreter erreicht werden können - das sehen wir ja heute und schon seit vielen Jahrzehnten.

Aber mir ging es eben in erster Linie um eine Kritik an den ZIELEN des Anarchismus – und die finde ich teilweise verkehrt. Eben dass die Anarchisten keine gesellschaftliche Planung der Produktion anstreben, finde ich kritikabel.
Aber ich will auch nicht darauf herumreiten – weil ich ja auch (wie die Anarchisten) eine herrschaftsfreie Ordnung anstrebe…
Meine Frage an Dich ging ja davon aus, dass ich bei Dir immer wieder Marxismus zu hören bekam, weshalb mich dann der Name Bakunin etwas stutzig gemacht hat :)

Liebe Grüßle

Daniel

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