Wahlverwandtschaften

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Der sechste Präsident der Vereinigten Staaten, John Quincy Adams (im Amt von 1825 - 1829), war der Sohn des zweiten Präsidenten, des Mitunterzeichners der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung - Sohn des berühmten John Adams (1797 - 1801). Benjamin Harrison (1889 - 1893) war der Enkel des Dreißig-Tage-Präsidenten William H. Harrison (1841); sein Vater John Scott Harrison war Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus. Vervettert waren die beiden US-Präsidenten Theodore Roosevelt (1901 - 1909) und Franklin D. Roosevelt (1933 - 1945). John F. Kennedy (1961 - 1963) war Sohn eines Diplomaten. Der Vorvorgänger des amtierenden US-Präsidenten war dessen Vater; die Ehefrau des vormaligen Präsidenten bewarb sich um das Präsidentschaftsamt innerhalb ihrer Partei.

Dies sind die vielleicht berühmtesten Beispiele dafür, in den USA eine aristokratische Gesinnung erkennen zu wollen. Gefördert wird die Festigung und Installierung von herrschenden Familien natürlich auch dadurch, dass die Vereinigten Staaten eine relative Kontinuität aufzuweisen haben. So heißt es immer wieder, dass die USA eigentlich ein junges Land sei, aber das stimmt so nicht. Freilich: Man ist - gemessen an der menschlichen Geschichte - eine junge Nation, aber eine junge Gesellschafts- und Herrschaftsstruktur hat man nicht aufzuweisen. Ganz im Gegenteil - während man nämlich in der Alten Welt immer wieder politische und damit gesellschaftliche Umbrüche zu bewältigen hatte, scheint die US-amerikanische Gesellschaft seit nunmehr über 200 Jahren stabil zu sein.
Der Gesellschaftsentwurf der Bundesrepublik existiert seit 1949; die Fünfte Republik Frankreichs seit 1958, nachdem man sich im 19. Jahrhundert ständigen Wechselhaftigkeiten ausgesetzt sah; die italienische Gesellschaft scheint sich heute noch zu suchen, sieht sich mit einem ständigen Hin und Her konfrontiert; Spanien und Portugal sind in ihrer heutigen Machart beinahe noch gesellschaftliche Kleinkinder. Kurzum: Die Kontinuität der USA, die keine gesellschaftlichen Umbrüche kannte, selbst den Bürgerkrieg in der Art verarbeitete, den Süden mit den Werten der Nordstaaten zu indoktrinieren - den Süden also an den Norden anschloss -, kann nicht als politisch-gesellschaftlicher Umbruch bezeichnet werden. Dass sich in so einem Klima Familien in Vorteilsstellungen hieven, mag logische Schlußfolgerung des Prozesses sein, auch wenn es mit den Werten der Demokratie nicht vereinbar ist.

Familienministerin von der Leyen ist Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht - ihr Bruder ist Präsident eines Medienkonzerns. Franz Josef Strauss' Tochter war Bildungsministerin in Bayern, ist heute noch eine im Hintergrund agierende Größe innerhalb der CSU. Thomas Goppel will es nun seinem berühmten Vater nachtun und ebenfalls bayerischer Ministerpräsident werden - Alfons Goppel war es von 1962 bis 1978. Wolfgang Schäuble ist Sohn eines CDU-Politikers, ebenso wie Merkels Faktotum Thomas de Maizière einen berühmten Vater hatte - jener war Generalinspekteur der Bundeswehr. Richard von Weizsäcker rettete ein wenig Kontinuität der vorbundesrepublikanischen Zeit in den heutigen deutschen Staat hinüber - sein Vater Ernst war deutscher Diplomat, SS-Brigadeführer und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Von der anlaufenden Karriere des Stoibers-Sohnes, der letzten Sonntag in den Bezirkstag gewählt wurde, soll hier noch nicht die Rede sein. Dass sich die Großzahl heutiger Politiker aus "besserem Hause" rekrutiert, muß nicht zusätzlich erwähnt werden - damit sei nicht gemeint, dass sich diese Riege aus "politischem Hause" rekrutiert, sondern aus Akademiker-, Juristen-, Unternehmer-, Professorenfamilien; und die Mohns und Springers, die legal kein politisches Mandat erworben haben, sollen an dieser Stelle nur am Rande erwähnt sein.

Erwähnt sei aber an dieser Stelle, dass selbst die Journalistin und spätere RAF-Aktivistin Ulrike Meinhof nicht familiär und beziehungstechnisch unbedarft war, auch wenn sie selbst wenig bis gar keine Vorteile daraus ziehen konnte. Ihre Familie war mit Heinrich Albertz verwandt, dem berüchtigten Regierenden Bürgermeister von Berlin - das war er 1967, als der Schah von Persien zu Besuch in Deutschland war. Ihre Pflegemutter Renate Riemeck, auch wenn diese keine direkte Verwandtschaft darstellte, pflegte Kontakte zu allerlei protestantischen Politikern, darunter Bundespräsident Heinemann und ein junger SPD-Politiker namens Johannes Rau, der Meinhof auch persönlich kannte. Anhand des Falles Meinhof, bzw. Riemeck, läßt sich ablesen, wie verbandelt die vermeintlichen Eliten doch sind - Riemeck war Professorin und durch ihr politisches Engagement, vorallem in der Anti-AKW-Bewegung, bekannt -, wie schwer es einem gemacht wird, die schöne Theorie zu glauben, wonach jemand aus dem Nichts zu Amt und Würden kommen kann.

Natürlich gibt es immer wieder homines novi, die in die Politik drängen und auch mehr oder minder erfolgreich ein Pöstchen oder Mandat erwerben. Dennoch bildet sich eine Kontinuität heraus, die eine Nobilität - im historischen Sinne, bezogen auf die römische Republik - entstehen lassen. Die eine Generation sichert sich einen wohligen Platz in der Gesellschaft, und prompt ist auch die Nachkommenschaft versorgt. Wenn Ursula von der Leyen von christlicher Erziehung brabbelt, die man Kindern angedeihen lassen soll - was sie mit ihrer Politik auch als Ziel hat -, dann fragt man sich, was um Himmels willen hat diese Frau noch an sich, als bloß jenen berühmten Vater? Ähnlich im Falle Goppels, der nun seit Jahren die bayerische Politik "bereichert" und nur durch dämliches Grinsen und Abnicken bekannt wurde. Drängt sich da nicht ein Erbadel an die Tröge der öffentlichen Gelder, der mit der vielpostulierten Leistungsgesellschaft überhaupt nichts gemein hat? Und ausgerechnet solche Zeitgenossen räsonnieren dann eben von Leistung, die zu erbringen sei, wenn man es zu was bringen möchte...

Vielleicht müssen wir feststellen, dass das Altern der Bundesrepublik eben auch Familien hervorbringt, die diese Republik im Stillen unter sich aufteilen. Man hat in den USA erkannt, dass das Einführen eines Erbtitels nicht notwendig ist, solange man mit finanziellen Mitteln Beziehungen aufrechterhalten kann, um den Sohn in die einstige Position des Vaters zu befördern. Die sogenannten Eliten sorgen füreinander, lassen da nichts anbrennen - dafür muß man ab und an einen homo novus gewähren lassen, schließlich will der Anschein gewahrt bleiben.

Arrogant wirkt es aber dann, wenn ausgerechnet aus Kreisen dieser Nobilität Stimmen sprechen, die den immer wieder auftretenden Vorwurf, wonach in diesem Lande - wie nirgends in Europa - die Aufstiegschancen für Kinder aus bildungsfernen Schichten - ja, sprechen wir es doch deutlich aus: aus den Unterschichten - gering sind, als ein Ammenmärchen abtun. Während sie ihrer Beziehungen und familiären Bevorteilungen wegen auf einem hohem Ross sitzen, wollen sie den Menschen weismachen, dass es sowas wie "modernes Gottesgnadentum und Erbadel" nicht gibt. Nur Leistung und Kompetenz habe sie zu dem gemacht, was sie sind - nicht das politische Amt, das der Vater einst innehatte, auch nicht die Vorzüge eines Studiums, das sich die Eltern aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung für ihr Kind leisten konnten. Nein, stattdessen führt man auch noch Studiengebühren ein, damit es der Unterschicht auch schwer gemacht wird, in deren Kreise vorzustossen.

Und sollte Thomas Goppel, dieser verschrobene, immer grinsende Wirtshauspolitiker, tatsächlich bayerischer Ministerpräsident werden - wahrscheinlich meldete er Anspruch an, weil er glaubt, Anrecht auf das Amt seines Vaters zu haben -, dann offenbart sich der Zustand dieser Gesellschaft in offensichtlichster Manier. Deutlicher könnte man das Elitedenken derer, die sich selbst als Elite begreifen, nicht zur Schau stellen.

15 Kommentare:

persiana 2. Oktober 2008 um 11:16  

Wie es an bayerischen Unis aussieht, habe ich in zwei Kommentaren zum Thema Wissenschaftsminister -Herr Goppel beschrieben.

http://www.sueddeutsche.de/bayern/211/310142/text/#readcomment

Ergänzend zu dem interessanten Beitrag zu den Familienverflechtungen möchte ich noch hinzufügen, dass ein Großteil vor allen Dingen der CDU/CSU -Politiker Mitglieder in Studentenverbindungen sind, Herr Goppel zum Beispiel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Goppel

Besonders in den schwarzen Kreisen gibt es kaum Mitglieder, die nicht organisiert sind. Wir haben also gleich doppelte Bande: Familie und Seilschaften.

Anonym 2. Oktober 2008 um 11:18  

Danke für den hilfreichen Kommentar, ich schrieb ja unter "Mit dem "heiligen Kreuz" gegen den Kommunismus" von dir, Roberto, etwas ähnliches. Neu war mir allerdings, dass auch Ulrike Meinhof dazu gehört - man lernt immer dazu. Übrigens, das mit der Leistung hast du deutlich als Lüge entlarvt, und auch immer mehr entdecken, dass das Märchen vom Aufstieg durch Leistung ebenso ein Märchen ist wie der berühmte Amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär (In den USA soll es ja nun eher anders herum sein - Vom Millionär zum Tellerwäscher). Man sollte diese Tatsache weit verbreiten, in den Unterschichten, damit jeder die Lüge durchschaut. Ich übrigens wollte meinen Lebtag lang etwas "besseres" werden als der Rest meiner Familie, und erkennt leider nun erst, dass es eben in Deutschland so ist - nicht nur durch dich - dass der Spruch "Schuster bleib bei denen Leisten" eben nicht nur ein Spruch ist.

Die "Eliten" bleiben eben lieber unter sich, und solltest du dich - als Unterschichtskind - mal doch, dank Weiterbildung und früher noch fehlenden Studiengebühren, in ihre Gefilde verirren, dann lassen diese dich sehr schnell spüren, dass sie mit dir Proll nichts zu tun haben wollen - nicht einmal in einer Lerngemeinschaft.

Ich brach deshalb 1997 ein Studium ab, und - bereits damals - auch aus finanziellen Gründen, während meine "Studierkollegen" größtenteils ihr Studium von Papa und Mama finanziert bekamen.

Ist eine alte Geschichte, ärgert mich aber immer noch, da hier eine Chance für mich verbaut wurde....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

flatter 2. Oktober 2008 um 11:18  

Der Umstand, auf den du da hinweist, kommt in vielen Debatten eindeutig zu kurz.
Zur Beschwichtigung könnte man anmerken, daß viele Jobs nach "Vitamin B" vergeben werden, man verläßt sich halt lieber auf Leute, die man kennt. Fatal ist in der politischen Landschaft allerdings der fehlende Korrekrutfaktor. Für einen Job muß man etwas gelernt haben, in der Regel eine Ausbildung nachweisen. Das gilt in allen Branchen, nur nicht in der Politik.

Anonym 2. Oktober 2008 um 11:22  

Soll ich noch erwähnen, dass mein Vater, ebenso wie mein Großvater und Urgroßvater, nicht aus "besseren Kreisen" stammte, und sich dennoch, dank Nachkriegswirren ein eigenes Geschäft als junger Mann aus dem Nichts aufbauen konnte - ohne Schulbildung (er hatte nur die Gemeinschaftsschule, heute wurde es wohl Grundschule heißen, besucht und wurde durch Krieg am weiterlernen gehindert - Jahrgang 1932. Danach gab es ja nichts, und er wurde einfacher Arbeiter (Baggerführer) und hat sich aus dem Nichts selbständig gemacht).
Er war sein Lebtag, bis er vor 2 Jahren starb, stolz auf diese Leistung, ohne zur "Elite" zu gehören, die seine Leistung wohl madig machen würde, wenn er heute noch leben würde.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 2. Oktober 2008 um 12:55  

Flatter schreibt:

"[...]Zur Beschwichtigung könnte man anmerken, daß viele Jobs nach "Vitamin B" vergeben werden, man verläßt sich halt lieber auf Leute, die man kennt. Fatal ist in der politischen Landschaft allerdings der fehlende Korrekrutfaktor. Für einen Job muß man etwas gelernt haben, in der Regel eine Ausbildung nachweisen. Das gilt in allen Branchen, nur nicht in der Politik.[...]"

Manchmal erhälst du aber auch nur eine Ausbildungsstelle, eben wie du schreibst, nur nach "Vitamin B" und Prüfung durch ein "gutes Führungszeugnis" bzw. "Radikalenerlaß" - ich rede von den Stellen im Bürobereich des Öffentlichen Dienstes, und zwar egal ob Beamter oder Angestellter.

Ohne "Vitamin B" läuft hier rein gar nichts, und nach der Lehre stehst Du hier ohne ein solches "Vitamin B" vor einem Trümmerfeld.

Ich weiß von was ich schreibe, mir ging's nach der Lehre genau so, und alles deswegen weil ich von eben Parteien damals gar nichts hielt, und im tiefschwarzen Baden-Württemberg bin wo - nicht erst seit der Flotex-Affäre - alles mit "Vitamin B" läuft - vom kleinsten Ortsvorsteher, über den Bürgermeister bzw. Landrat bis zum Regierungspräsidenten und Ministerpräsidenten. Unser Werbemotte in Baden-Württemberg "Wir können alles..." wird hier ins absurde geführt, denn ähnlich wie in Bayern sind in Baden-Württemberg schon immer die CDUler an der Macht gewesen, d.h. hier herrscht der tiefschwarze Filz ohne den du natürlich als Linker schlechte Karten hast.

Ein Berufsschulkollege von mir hat es, seiner Ansicht nach, richtig gemacht: Er war schon immer in der "Jungen Union", und in der Gewerkschaft Verdi.

Tja, nun hat er einen Posten als Personalleiter in der Nachbargemeinde....."Vitamin B" eben....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: "Wir können alles, außer hochdeutsch" müßte eigentlich heißen als Werbemotto für Baden-Württemberg "Wir können alles, insbesondere mauscheln." Unsere Polit"prominenz" in Berlin wäre übrigens ohne diese Seilschaften in der CDU wohl nie dort gelandet, egal ob Schäuble, oder jemand anders....

Anonym 2. Oktober 2008 um 13:03  

Hier eine Ergänzung zu meinem Text - unter der Überschrift "Oberschwaben ist voller Schlitzohren" - gilt aber sinngemäß für ganz Baden-Württemberg, was man hier schon im kleinsten Nest bestätigen kann:

http://www.nzz.ch/nachrichten/international/filz_bw_1.709766.html?printview=true

Insofern hat natürlich Die Linke hier einen schweren Stand, ebenso wie in Bayern....

Unser konkretes Beispiel ist die "Schäuble-Familie"....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Jan Hanfeld 2. Oktober 2008 um 13:31  

Danke für diesen Text.

Hierzu paßt auch ein Artikel, der in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 04.02.2008 zu finden ist:
Elitärer Egoismus
Zitat (Seite 2):
Ein Kind aus nicht-akademischem Haushalt opfert, wenn es sich anschickt, die Gipfel der Bildung zu erklimmen, seiner Zukunft die Herkunft, entfremdet sich mit jedem Schritt von der Familie, von seinem Milieu. Ein Akademikerkind hingegen verbleibt im vertrauten Umfeld. Vieles von dem, was wir Begabung nennen, erweist sich bei näherem Hinsehen als Effekt dieses Vertrautheitsvorschusses.

Anonym 2. Oktober 2008 um 19:52  

Lieber Roberto J. De Lapuente,

ich bin erst vor kurzem auf Ihren Blog gestoßen und schätze die große Qualität Ihrer Beiträge.

Ich halte allerdings Ihren Dynasty-Beitrag für womöglich das Produkt einseitiger Wahrnehmung. Was Ihnen zurecht auffällt, gibt es in allen Berufen. Bei Schauspielern von Michael Douglas bis Ben Becker, bei Journalisten von Casdorff bis Bettina Gaus usw. Auch Metzgersöhne werden mitunter Metzger (oder gerade nicht Metzger). Ich halte das für einen völlig normalen Vorgang, der natürlich bei Prominenten ins Auge sticht. Gegenbeispiele sind eindeutig in der Überzahl.

(Übrigens ist Thomas Goppel - im Gegensatz zu seinem Vater - nicht nur ein immer Grinsender. Als CSU Generalsekretär hab ich ihn als sehr aggressiven, persönlich beleidigten und beleidigenden Menschen erlebt.)

Herzliche Grüße!

Klaus Baum 2. Oktober 2008 um 21:57  

Es gibt noch einen anderen Aspekt, der dem neutestamentlichen "Wer hat, dem wird gegeben" folgt. Wer zum Beispiel an exponierter Stelle im Kunstbetrieb gearbeitet hat, der wird dann gern auch andernorts berufen, ohne daß nach den wirklichen Qualifikationen der Person gefragt wird.
Hier eine Pressemeldung:
>>Der vormalige documenta-Chef Roger Martin Buergel soll erster Chefkurator des neuen Miami Art Museum (MAM) werden. Buergel könne das Museum entscheidend mitprägen, wenn es im nächsten Jahr in einen gut 11.000 Quadratmeter großen Neubau ziehe, meldete die Internetplattform "artinfo" am Mittwoch. Das 1996 gegründete Museum soll erst im Jahr 2012 im neuen Gewand öffnen, Buergel arbeite aber von sofort an für das MAM, sagte documenta- Geschäftsführer Bernd Leifeld der dpa. Der 46-Jährige solle nicht nur die ständige Ausstellung pflegen, sondern auch die Bildungsaspekte des Museums hervorheben.

Der in Berlin geborene Buergel arbeitete vor allem in Wien, aber auch kurzzeitig in Miami, bevor er nach Kassel kam. Die letzten Jahre kuratierte er die documenta 12, die 2007 nach 100 Tagen endete. Auf der alle fünf Jahre stattfindenden Schau hatten unter Buergels Ägide mehr als 100 Künstler gut 500 Objekte gezeigt. Die Schau war heftig kritisiert worden, hatte mit 754.000 Zuschauern aber erneut einen Besucherrekord aufgestellt. Buergel hat die letzten Monate an der Kunstakademie in Karlsruhe gelehrt.<<
In meinen Augen war die letzte documenta ziemlich dünn, aber darum geht es nicht, es geht um den Ruf, documenta-Leiter gewesen zu sein.

1992 hatte man Claudia Herstatt als Pressesprecherin der documenta 9 eingestellt, und zwar in erster Linie deshalb, weil sie die Tochter des Herstatt-Bankers war.

Klaus Baum 2. Oktober 2008 um 22:02  

"Ein Kind aus nicht-akademischem Haushalt opfert, wenn es sich anschickt, die Gipfel der Bildung zu erklimmen, seiner Zukunft die Herkunft, entfremdet sich mit jedem Schritt von der Familie, von seinem Milieu."
Diesem Zitat aus der Süddeutschen möchte ich teilweise widersprechen, da ich eine Reihe von Leuten kennen, die über den 2. Bildungsweg Abitur gemacht haben und die aus kleinbürgerlichen Familien stammen. Diese herkunft zu verlassen, ist kein Opfer, sondern ein Gewinn. Und die Entfremdung in einem bildungsfernen Elternhaus hat sich schon vorher vollzogen. Genaugenommen wächst das Verständnis fürs Kleinbürgerliche mit zunehmender akademischer Selbstfindung.

Anonym 3. Oktober 2008 um 09:57  

"[...]Diesem Zitat aus der Süddeutschen möchte ich teilweise widersprechen, da ich eine Reihe von Leuten kennen, die über den 2. Bildungsweg Abitur gemacht haben und die aus kleinbürgerlichen Familien stammen.[...]"

Kann ich bestätigen, aber was ich bei dir vermisse ist die Tatsache, dass die es besonders schwer haben, weil die Mitkomillitionen es einem oft sehr schnell merken lassen, dass man eben ein "Proll" ist.

"[...]Diese herkunft zu verlassen, ist kein Opfer, sondern ein Gewinn.[...]"

Stimme ich zu, und wenn man es mal geschafft hat "etwas Besseres" zu werden, dann vergißt man oft seine Herkunft bzw. verrät diese, z.B. Gerhard Schröder, Joschka Fischer etc.

"[...]Und die Entfremdung in einem bildungsfernen Elternhaus hat sich schon vorher vollzogen.[...]"

Stimmt auch, aber es wird oft so vollzogen, dass man mit dem "bildungsfernen Elternhaus", oder den eigenen Geschwistern, nichts mehr zu tun haben will, z.B. Lothar Vosseler Bruder Schröder und Langzeitarbeitsloser wird vom eigenen Bruder ignoriert. Und das soll gut sein???

"[..]Genaugenommen wächst das Verständnis fürs Kleinbürgerliche mit zunehmender akademischer Selbstfindung.[...]"

Mag stimmen hat aber auch seine Schattenseiten - siehe oben.

Übrigens zu "Kleinbürgerliche", lt. einer hochaktuellen Studie hat die neue "Elite" bzw. "Neue Mitte" einen stark rechtslastigen Hang - die Studie der spd-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Zu diesem Hang habe ich nun, als erklärter Antifaschist, kein Verständnis auch ohne "akademischer Selbstfindung".

Da bin ich übrigens einer Ansicht mit Albrecht Müller (SPD) und dem Juristen Wolfgang Lieb (SPD) von Nachdenkseiten.de.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Hat auch seine positive Seite, die Weiterbildung die du beschreibst: Wenn man es einmal geschafft hat, dann weiß man - im Unterschied zu den ererbten "Eliten" in Deutschland -, dass man seinen Titel nur durch harte Arbeit erkauft hat, und ist deswegen besonders stolz drauf von ganz unten noch ganz oben gerutscht zu sein, und zwar so stolz das man seine eigene Herkunft verrät, oder noch schlimmer - wie Schröder, Fischer und Konsorten - einfach leugnet.

Anonym 3. Oktober 2008 um 10:03  

@Klaus Baum

Tipp zum Artikel "Verräter an seiner Herkunft":

http://www.freitag.de/2006/02/06021402.php

Noch einmal, man kann es ja nach ganz oben schaffen, aber ich finde es ziemlich mies, wenn man dann als selbst ernannte "Elite" die eigene Herkunft verleumdet, oder verrät.

Man kann ja stolz darauf sein es geschafft zu haben sollte aber deswegen nicht, wie ein Ex-"Kollege" von mir zu solchen Sätzen neigen: "Wie schafft es EINER WIE DU bis zur FACHHOCHSCHULREIFE!"

Diese Arroganz vertreten viele die es geschafft haben. So meine Erfahrung, die immer noch schmerzt.

Vielleicht hast du ja andere?

Bei mir war es eben so, und daher auch meine kritische Einstellung gegenüber solchen arroganten Menschen.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Klaus Baum 3. Oktober 2008 um 13:05  

"Anonym hat gesagt… zu Roberto.....

>Ich halte allerdings Ihren Dynasty-Beitrag für womöglich das Produkt einseitiger Wahrnehmung.<"

Sicher ist das Phänomen "Wer macht Karriere?" komplexes, als es Roberto dargestellt hat. Man müßte gleichsam viele Einzelfälle darstellen, um zu einer wirklich verbindlichen Aussage zu kommen. Zweifelsohne gibt es Menschen von ganz unten, die es bis nach oben geschafft haben. Einer davon ist Karl Philipp Moritz aus dem 18. Jahrhundert, der aus dem pietistischen Kleinbürgertum stammte, eine Lehre als Hutmacher absolvierte und es über den damaligen "2.Bildungsweg" bis zum Professor schaffte. Aber Moritz ist ein Exot unter den gutsituierten Großbürgern wie Goethe, Schiller, Hegel, Schelling usw.
Ich denke mir, daß es heute nicht sehr viel anders ist. Die seit langem Etablierten, die zur Oberschicht gehören, erkennen sich gegenseitig am Geruch.
Um noch mal auf die documenta 9 zurückzukommen. Es schwang in den Worten des Geschäftsführers, dessen Vater übrigens Professor war, immer Bewunderung mit, daß er die Tochter des Bankiers Herstatt eingestellt hatte.
Ich kenne Leute aus der Professorenszene, die vornehmlich ihr eigenes Fortkommen im Auge hatten und und deshalb um die Gunst von Prominenten buhlten, zum Beispiel um die Gunst von Derrida und Habermas. Da blieb kein Blick mehr übrig, für solche, die vielleicht der Förderung bedurft hätten, eben gerade, weil sie keinen Namen hatten.
Ein weiteres Beispiel für Prominentenfixierung ist DIE ZEIT.
Am Dienstag, den 30.9.08 war im DLF eine Medizin-Sendung über den Hörsturz. Ich dachte, ich hätte einen, als ich den Sprecher sagen hörte, in der DIE ZEIT hätte Phil Collins über seinen Hörsturz einst berichtet. Mir war diese Orientierung an der Prominenz schon vor zehn Jahren aufgefallen, als DIE ZEIT titelte: Ignaz Bubis beklagt sich über die Ausgrenzung der Juden in Deutschland. Mich erinnerte das damals schon an ein Wort von Jürgen von Manger in seinem Vortrag "Schönheit ist machbar". Er sagt dort über die bebilderte Werbung: Selbst für Hühneraugen und Hämorrhoiden sind nur noch schöne Menschen zugelassen."
Erfahrungsberichte von Betroffenen, wenn sie keinen Namen haben, sind selten zu finden.
Ein Phänomen, was in die Richtung Prominentenfixierung geht, sind die sogenannten Preisverleihungen. In Kassel gibt es beispielsweise das "Glas der Vernunft". Wenn die Kasseler "Oberschicht" das Glas der Vernunft zum Beispiel an Christo verleiht, ehrt sie sich damit selbst, denn sie dürfen dann Christo die Hand schütteln und mit ihm Essen gehen. Ein gänzlich Unbekannter wäre da halb so interessant und wenig schmeichelnd für das eigene Ego.

Klaus Baum 3. Oktober 2008 um 13:20  

@nachdenkseitenleser:

Generalisierungen sind in so kurzen Beiträgen wie hier kaum zu vermeiden. Schröder und Fischer sind der Typ des Aufsteigers, die in erster Linie von denen da oben bemerkt, anerkannt und aufgenommen werden wollten. Sie wollten zur Macht-Clique dazugehören.
Was ich über wider die Süddeutsche geschrieben habe, war auf meine persönliche Erfahrung bezogen. Daß man von den anderen als Proll behandelt würde/worden wäre,kann ich so nicht bestätigen, da der aus dem 2. Bildungsweg ersten älter war im Vergleich zu den Direktabiturienten im gleichen Semester, zweitens mehr Erfahrung mitbrachte und drittens diese Erfahrung schon stärker durchreflektiert hatte.
Wenn wir unsere verschiedenen Beobachtungen zusammenfügen, kommen wir, glaube ich, in Teamarbeit der Realität ein Stück näher.
Grüße
Klaus Baum

Anonym 3. Oktober 2008 um 16:41  

@Klaus Baum

"[...]Wenn wir unsere verschiedenen Beobachtungen zusammenfügen, kommen wir, glaube ich, in Teamarbeit der Realität ein Stück näher.[...]"

Denke ich auch ;-)

Übrigens, mein Beispiel könnte ich auch ausdehnen: Vielleicht ziehe ich so einen (arroganten) Menschenschlag ja im realen Leben, nicht im virtuellen Internet, ja geradezu an?

Ich machte eben die Erfahrung schon öfters in meinem kurzen Erdendasein, dass die, "die es geschafft" haben - im realen Leben - einem oft merken lassen, dass du eben ein "Proll" bist und bleibst....

Deine können durchaus anders sein, aber bei mir war es halt so... ;-)

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP