Frau Ciccones Ehe

Samstag, 2. August 2008

Man habe es äußerst eilig, so stellte Henry David Thoreau 1854 fest, eine telegraphische Verbindung zwischen Maine und Texas herzustellen. Und zweifelnd schob er nach: "Aber vielleicht haben Maine und Texas sich gar nichts Wichtiges mitzuteilen." Und was im kontinentalen Maßstab gilt, so schlußfolgerte Thoreau spöttisch, wird wohl auch im globalen Kontext zu gelten haben. Die erste Nachricht aus Europa, die mittels unterseeischem Kabel die Neue Welt erreicht, wird womöglich sein: "Prinzessin Adelaide habe den Keuchhusten."
Seine damaligen Zweifel würden wir heute als Weitsicht bezeichnen. Es muß uns geradezu anerkennendes Kopfnicken abringen, wenn wir nachlesen, was Thoreau - obschon Zeitgenosse der einsetzenden Telekommunikation - voraussah. Sich der allgemeinen Fortschrittsgläubigkeit abwendend, gebärdete er sich als Fortschrittspessimist, um heute als einst mißverstandener Realist die Bühne zu betreten. Was er bereits erkannte war, dass die Möglichkeit des schnellen Abrufens von Informationen über kurz oder lang von der bloßen Möglichkeit zu einer Verpflichtung zur Information - heute würde man im Nachrichten-Jargon sagen: zur Aktualität - verwandelt wird. Die Folge ist, dass eine Trivialisierung des Informationsgehaltes eintritt, weil nach und nach alles, was irgendwie als Geschichte kursiert oder Ereignis geschah, zur abrufbaren Information hinzugeschlagen wird. Bagatellen werden zum nationalen Gesprächsstoff, Raubserien im fernen San Francisco sind Tagesnachricht Nr. 1 in Miami und der Adeligen Gesundheitszustand - wie eben jene Prinzessin mit dem Keuchhusten - wird zum öffentlichen Interesse - selbst in Burundi will man wissen, wie es dem spanischen König geht.

Die Wunderbarkeit des Informationszeitalters äußert sich vorallem im wunderbaren Wundern. Obwohl man eigentlich schon tausendfach gesehen hat, mit welcher Oberflächlichkeit und welchem aufgesetzten Interesse allerlei Informatiönchen (die niemals als sinnige, wertvolle Informationen durchgehen können, weil sie für die Masse einfach belanglos sind - zumindest glaubt man das) weitergereicht und zum Ereignis stilisiert werden, verwundert es doch immer wieder, wie man aus dem sprichwörtlichen Kothaufen doch noch einen Goldberg zaubern kann. Ein Goldberg, der sich dadurch äußert, dass aus einer Nichtigkeit eine Information für Massen wird, ein Ereignis für jedermann, kurz: statt nichtig wichtig wird!
Die Kunst des sich Informierenden liegt darin, zwischen dem Überangebot an wichtigen Meldungen zu unterscheiden und herauszufiltern, was für sein Leben wichtig ist oder wenigstens: wichtig sein könnte. Die Frage ist: Auch wenn alle Fernsehsender und Zeitungen, das Internet und das Radio, mein Nachbar und mein Kollege von einem verheerenden Flugzeugabsturz über Neuseeland berichten, bei dem zwei Piloten und zwölf Passagiere, außerdem drei Hunde und eine Katze getötet wurden - was bringt mir diese Information? Oder anders, naiver gefragt: Warum wird nicht berichtet, dass in Patagonien (Argentinien) ein gewisser Ferdinando Ortiz de la Vega mit 53 Jahren verstorben ist, weil er seit geraumer Zeit an einem bösartigen Tumor im vorderen Gehirnbereich litt? Im zweiteren Falle wäre der Tote sogar konkret benennbar.

Hier kommt, wie schon mehrmals in den letzten Wochen, Neil Postmans These ins Spiel, wonach diese Gesellschaft an der Unterhaltung erkrankt ist. Eine Krankheit die auch vor der Information nicht haltmacht, weswegen ein spektakulärer Flugzeugabsturz mit unbekannten Toten Erwähnung findet, während ein persönliches Schicksal keinen Raum finden kann, zumindest dann nicht, wenn es ein langweiliges Schicksal ist, welches sich durch einen relativ ordinären Tod auszeichnet. "Posthume Ehre" wird nur zuteil, wenn man grausam aus dem Leben scheidet, plötzlich und ohne Ankündigung.

Doch davon - dass sich diese Gesellschaft zu Tode amüsiert - soll gar nicht die Rede sein. Es soll in diesem Zusammenhang nicht interessieren, wann eine Information wertvoll für die Informationsindustrie ist und wann nicht. Eher möchte ich auf einen Umstand zu sprechen kommen, wie er sich diese Woche im Vorabendprogramm ereignet hat und wahrscheinlich öfter, vielleicht gar täglich ereignet und weiterhin ereignen wird.
Dem Zuschauer wird in einer dieser Sendungen, in denen von Schauspielern und Sängern berichtet wird - sie nennen sich "Explosiv" oder "Taff" oder "Brisant"; um welche Sendung es sich dabei genau handelte, weiß ich nicht, ich befürchte sowieso, sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen -, ein Foto von Madonna gezeigt, wie es scheinbar seit Tagen durch den Blätterwald rauscht. Darauf ist eine gealterte, spindeldürre Frau zu sehen, die - so wurde erläutert - aus einem Kabbala-Klub kommt. Prompt ging die Spekulation los: Frau Ciccones Ehe sei brüchig, die Scheidung sei scheinbar kein Fremdwort mehr, weswegen sie so kränklich herumläuft. Die Stimme aus dem Off reiht noch ein Paar "Fakten" in die Litanei der Nichtigkeit, tritt aber dann ab, um sogenannten Experten zu ihrem Recht zu verhelfen. Gestalten treten auf, die behaupten, Madonnas Leben täglich zu studieren. Und deswegen wissen sie, dass Madonnas Ehe nur noch ein Scheinprodukt ist und das sie ihren Ehemann bald verlassen wird. Die ganze Musikindustrie wisse dies doch schon und selbst Hollywood ist darüber informiert. Nachdem die Experten ihre Einschätzungen an den Mann gebracht haben, wird ein Arzt bemüht. Anhand des Bildes möchte er bitte eine Diagnose abgeben. Und siehe da: Der Arzt scheint ein ganz ausgebuffter Vertreter seines Fachs zu sein, denn er versteht sich offenbar bestens auf Ferndiagnostik. Ja, er gab sogar einen kleinen psychologischen Befund an die Medienleute weiter! Nun ist also auch medizinisch abgesichert, dass Madonnas Ehe und der Stress in ihrem Beruf generell, verantwortlich dafür sein können, dass sie so ausgemergelt aussieht. Für Madonna kommen eben nur die besten Ärzte in Frage! Danach eine weitere Expertin und Augenzeugin: Madonnas Ehe sei ihrer Meinung nach nicht in Gefahr, denn sie habe sie doch letztens erst in London bei einer Gala gesehen. Dort habe sie zwar nicht frisch verliebt ausgesehen, aber sie habe doch ihres Ehemannes Hand gehalten und offen gezeigt, dass sie noch ein Ehepaar sind. Das Bild blendet aus und eine junge Frau stottert ihren Text gen Kamera. Erst jetzt fällt mir auf, dass Madonna nicht mehr Gegenstand der "Berichterstattung" ist. Was verwunderlich ist: Madonnas verwelktes Äußeres scheint allerlei Gründe zu haben, ihr Alter - sie wird immerhin 50 - wird als Grund aber nicht herangezogen.

Was kümmert dem Zuseher eigentlich Madonnas Privatleben? Welche Segnungen bringt es ihm, wenn er über ihre Ehe informiert ist? Und nicht mal ein genaues Bild zu dieser ominösen Ehe kann der Bericht abliefern. Mal ist sie kaputt, mal funktioniert sie noch einwandfrei. Da steht man nachher als armer Tor...
Aus einer Nichtigkeit, die eigentlich zu banal wäre, um in einem Freundeskreis oder innerhalb einer Familie überhaupt Erwähnung zu finden, stricken findige Informationsdienstleister eine nette Geschichte, die ein wenig ablenken, ein bißchen in ein reiches Leben reinschnuppern lassen soll. Und wenn die Story auch noch ein wenig verdummt, dann ist das nicht weiter schlimm, sondern einer dieser Kollateralschäden , die eben in der Informationsgesellschaft unausweichlich auftreten müssen. Es ist ja nicht so, dass nur einzelne Berichte auf Nichtigkeiten bauen, sondern ganze Sendekonzepte, sogar ganze Sender und am Ende gar eine ganze Industrie, die sich freudig dazu bereiterklärt, die Ehen, Sexualpraktiken und Essensgewohnheiten einiger Reicher und Schöner "zu betreuen". Dass bei so einem Abgrund an informativer Desinformation ganze Bevölkerungsschichten verdummt heranwachsen, ist keine Überraschung, vielmehr der Regelfall.

Und was unterscheidet diesen Boulevard-Journalismus letztendlich von den Geschichtchen innerhalb der CDU oder der SPD? Ist es nicht genauso informationslos, wenn man uns als neueste Neuigkeit berichtet, was Kauder zu Pofalla gesagt hat, weil ihm vorher Seehofer gesteckt hat, was dieser wiederum parteiübergreifend von Struck gehört hat vom Nachbar des Vetters von Andrea Nahles? Oder wenn ein Mitglied der LINKEN Hummer speist? Hat es Informationsgehalt, wenn wir mitgeteilt bekommen, wo unsere geliebten Volksvertreter ihren Urlaub fristen?

Die Informationsgesellschaft ist eine reine Amüsiergesellschaft geworden, in der Information vorallem unterhaltsam zu sein hat. Was nicht unterhält, ist keine Information! Auch deshalb sind die Auswirkungen des EU-Vertrages, eine soziologische Aufarbeitung des Hartz-Konzeptes und dergleichen mehr, kein Gegenstand für die Informationsinstitutionen. Solche Dinge sind schlicht und einfach zu langweilig und nebenher würden sie auch noch zur Mündigmachung ganzer Volksmassen beitragen. Dann doch lieber "ausgereifte Analysen", "tiefgreifende Berichte" und "gut recherchierte Dokumentationen" zu Madonnas Liebesleben...

3 Kommentare:

Peinhard 2. August 2008 um 11:01  

Auf die Gefahr hin, als 'obsessiv' zu erscheinen: ;)

Ausschnitte aus Günther Anders' "Die Welt als Phantom und Matrize"
http://www.uni-essen.de/~bj0063/doc/anders.pdf

Immerhin auch fast 30 Jahre vor Neil Postman.

epikur 2. August 2008 um 12:23  

ich finde die schuldzuweisung bei dem thema schwierig.

schließlich könnte man auch behaupten, bekomme der fernsehzuschauer dass, was er verdiene! da marktanteile u zuschauerquoten regeln, was gesendet wird und was nicht - könnte man das fernsehen sogar als sehr demokratisch bezeichnen!

ist die übliche frage was zuerst da war? das fernsehprogramm oder der verdummte zuschauer?

Klaus Baum 3. August 2008 um 11:34  

@epikur, die erschlaffung kommt mit dem herumhängen, und weil man schlaffer wird, hängt man um so mehr herum.

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