Unpolitisches Politisieren

Samstag, 8. November 2008

Dass Medienkampagnen gegen eine ungeliebte Person initiert werden, dürfte keine Neuigkeit unserer Tage sein. Wie diese Medienkampagnen allerdings - mit welcher unterirdischen Dialektik, mit welchen unmöglich platten Schlagworten - abgewickelt werden, dürfte aber schon eine erschreckende Neuigkeit sein, mit der wir uns seit einigen Jahren abzuplagen haben. Die Medien haben freilich immer schon mehr oder minder Partei gegen jemanden ergriffen - aber in einer solch plumpen Art und Weise wie im Falle Andrea Ypsilantis, wäre eine solche Parteinahme vor einigen Jahren oder Jahrzehnten nicht machbar gewesen. Wenn man sich einst an der Person Franz Josef Strauss' gestossen hatte, dann war freilich auch Polemik im Spiel, so wie Polemik immer ein Stilmittel der Kritik sein muß, aber man hielt sich konkret an die Inhalte seiner Politik oder seiner ruppigen Weltsicht. Die Person Strauss mag einem damals sympathisch gewesen oder nicht - das war belanglos, denn man bewertete ihn gemäß seiner teils undemokratischen und gesetzeswidrigen Äußerungen und Taten (z.B. Spiegel-Affäre), nicht aber nach irgendwelchen politischen Nichtigkeiten, die genau besehen belanglos gewesen wären. Natürlich war nach dem Besehen seiner Untaten und dem Vernehmen seiner Hauruck-Rhetorik auch die Kritik an ihm meist hart, unfreundlich und schroff, auch oft an der Grenze des Ertragbaren für ihn selbst, aber sie war nicht an den Haaren herbeigezogen, war kein Phantasiekonstrukt aus dem Kopf eines Kritikers, sondern ergab sich aus der Betrachtung der Person Strauss.

Anders heute; anders im Falle Ypsilantis. Sie hatte im Wahlkampf viel zu verkünden, vorallem und wesentlich politische Inhalte betreffend. Vieles sollte in Hessen verändert, reformiert werden, vom kochschen Mief befreit sein. Und dann war da noch diese eine Äußerung, wonach sie mit der LINKEN nicht zusammenarbeiten wolle. Letzteres war auch später nie geschehen, nie offiziell - man hätte nur die gemeinsamen inhaltlichen Übereinstimmungen genutzt. Das wäre legitim gewesen, hätte nicht einmal grob gegen ihren damaligen Ausspruch verstossen. Dennoch stürzten sich die Medien auf sie, vollzogen ein Lehrstück vulgärsten Kampagnenjournalismus'. Eine ganze Zunft schien von dieser Kampagne, von diesem Fieber ergriffen, nicht nur die Mitarbeiter des Springer-Verlages ließen oberflächliche und unter die Gürtellinie gehende Verunglimpfungen auf sie herniederregnen, sondern auch solche, die in vermeintlich vernünftigen Magazinen ihre Brötchen verdienen. Einheitsfront gegen Ypsilanti! Und bezeichnenderweise interessierte sich niemand für die Inhalte ihrer möglichen Politik, sondern nur für diesen einen, unglücklichen, verunglückten Satz. Man hätte über Ganztagsschulen streiten können, die Ypsilanti wollte, über erneuerbare Energien und Mindestlöhne - aber nein, daran wollte sich niemand die Finger verbrennen. Besser schien es, die rote Andrea mit ihrem "Versprechen" - was ja gar kein Versprechen war, sondern eine Äußerung in einem Gespräch - zu erwürgen. Man ersann sich Schlagworte, mit der man sie erledigen könnte: Machtgier, Machtgeilheit, Wahlbetrügerin! Alles was sie tat, alles was sie sagte, wurde fortan immer in den zynischsten Tönen kommentiert - als ein Stimmenimitator, der sich als Müntefering ausgab, meinte, sie solle Hessen fallenlassen und stattdessen ein Amt in der Bundes-SPD übernehmen, und sie daraufhin erläuterte, dass sie dies nicht machen könne, da attestierte man ihr Opportunismus und Karrierismus - immerhin habe sie ja gezögert und man hätte herausgehört, dass sie eigentlich gerne aus der hessischen Affäre herauswolle. Kürzlich mußte sich Ypsilanti sogar mit der Kriegstreiberin und christlichen Fundamentalistin Sarah Palin vergleichen lassen - beide seien sich ähnlich: Gescheitert und von Stimmenimitatoren reingelegt worden! Derart grobschlächtig ist Journalismus mittlerweile...

Kurzum: Ypsilanti konnte nicht mehr überzeugen, weil man sie nicht mehr überzeugend darstellen wollte. Sie war reduziert auf ein Versprechen, welches man ihr in einem Interview abnötigte, reduziert auf eine Nebensächlichkeit. Politische Inhalte, jene nämlich, wofür Ypsilanti wirklich stand, für eine sozialere Politik, für eine dezente Rückbesinnung zu sozialdemokratischen Wurzeln, fand in der Kampagne gegen ihre Person keine Berücksichtigung. Die ganze Kampagne war sicherlich eine politische Kampagne, aber diese war im Inhalt relativ unpolitisch - sie wollte ja konkrete Politik, ein Vergleichen der Politik Kochs mit Ypsilantis, gar nicht an die Tagesordnung bringen. Sie wollte nicht erleuchten und erhellen, wollte nicht Inhalte heranziehen, um dann zu entscheiden, was besser für Hessen wäre, welche Linie dem Bundesland wohl besser täte; sie war eine Kampagne des Mundtotmachens - einem Charakter wie Strauss, der in seinen Äußerungen viel härter, viel verächtlicher, oft offen demokratiefeindlich war, der mit seinem Auftreten eine ganze Generation derart verängstigte, dass sie meinte, Strauss sei das neue Gesicht des deutschen Faschismus, wurde nie in dieser plumpen Form angegriffen. Man spöttelte über ihn, fertigte journalistische Polemiken an - all das schon; aber die Inhalte und politischen Merkmale seiner Person waren immer die Basis. Dies war im aktuellen Falle aber nie so; Ypsilanti wurde persönlich angegriffen, ihre politische Gesinnung nie oder bestenfalls spärlich.

Eine inhaltlich unpolitische Politkampagne zeichnete also die "Affäre Ypsilanti" aus - das Jahr 2008 wird als jenes Jahr ins Leben Andrea Ypsilantis eingehen, in dem sie ihre ganze politische Reputation verlor. Nicht weil sie politische Werte vertrat, die sie zur Antidemokratin gemacht hätten, nicht weil ihre Vorschläge untragbar gewesen wären, sondern weil sie angeblich einen Wortbruch begangen habe. Sie wird noch in Jahren nicht nach ihren politischen Inhalten gemessen, sondern nur an dieser einen, relativ unpolitischen, mehr auf organisatorische Komponenten abzielende Äußerung reduziert werden. Man könnte auch sagen, dass es das Unpolitische sein wird, was immer im kollektiven Gedächtnis bleibt. Und wieviele derer, die heute auf der Straße nach dem Scheitern Ypsilantis so tun, als geschehe es ihr recht, wissen eigentlich etwas über ihr Programm? Wissen etwas über ihre politische Sichtweisen? Sie ist nicht politisch gescheitert, sondern unpolitisch - nicht, weil ihre Politik so schlecht gewesen wäre, denn zu diesem Versuch kam es erst gar nicht, sondern weil man sie in vulgärster Manier mobbte, sie zur Teufelin degradierte. Das alles hatte ja mit Politik nichts mehr zu tun!

Eine derart plumpe, inhaltsleere, auf reine Interessenswahrung angelegte Kampagne, gab es vor einigen Jahren noch nicht. Überhaupt schien eine derart unpolitische Politikhaltung nicht machbar zu sein. Die Menschen waren, auch nach und gerade nach 1968, sehr wohl politisch informiert - nicht nur das, sie waren auch politisch engagiert. Menschen demonstrierten gegen die Umweltverschmutzung, gegen den Overkill, gegen Atomkraftwerke. Sie besetzten Häuser und untermalten neue Lebensgefühle politisch (z.B. Punk) - es schien so, als sei jede Handlung des eigenen Lebens eine politische Botschaft und demgemäß wurde gehandelt. Nicht immer richtig, nicht immer sinnvoll - aber es wurde gedacht und umgesetzt, sich engagiert und gegen die Objekte der Kritik vorgegangen. All das scheint vorbei - die Wälder sterben noch immer, vielleicht schlimmer als in den Achtzigerjahren, aber keiner protestiert mehr dagegen; der Overkill ist immer noch möglich, aber die Menschen verzichten darauf, auch nur daran denken zu wollen - von den sozialen Nöten rund um den Globus, für die sich kaum eine breite Öffentlichkeit findet, um sich engagiert dagegen aufzulehnen, gar nicht erst zu sprechen. Irgendwann, keiner weiß warum und wann genau, haben die Menschen aufgehört, sich mit der Kraft ihres Denkens und mit ihrem eisernen Willen, gegen die Mißstände in der Welt aufzulehnen; irgendwann war da eine fast gänzlich unpolitische Menschenmasse, die aber kraft der Medien meinte, noch immer politisiert zu sein. Diese liest vom Wortbruch der Ypsilanti und glaubt damit das Höchstmaß der politischen Bildung erreicht zu haben. "Ypsilanti ist eine Betrügerin!" ist der Merksatz einer solchen unpolitischen Politisiertheit, ist das höchste der Gefühle heutiger politischer Information. Und dieses Unpolitische, verkauft als politische Information, schleicht sich auch in den Journalismus, kriecht auch zielstrebig in die Politik selbst, die ja auch immer unpolitischer, dafür aber interessensgelenkter wird. Gleichzeitig wird selbst der Wahlkampf mehr und mehr unpolitisch, wird zu einer feiernden Obamania, die keine politischen Inhalte mehr braucht, mit bunten Luftballons und leicht zu merkende Phrasen auskommt.

Der Politologe Francis Fukuyama schrieb nach dem Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus, dass wir das "Ende der Geschichte" erreicht hätten. Dazu bastelte er ein wenig an Hegels Dialektik, um ein Resultat zu erzielen, welches besagt, dass durch das Ende des Ideologienstreites, des Kalten Krieges, die jetzigen Zustände als finale Lösung menschlichen Miteinanders übriggeblieben sei. Gerade so, als ob im Mittelalter der Feudalherr damit gerechnet hätte, dass seine von Gott gewollte Herrschaft eines Tages undenkbar sei - jede Gegenwart glaubt von sich, das Ende der Geschichte zu sein. Und reduziert auf den Moment der Gegenwart ist sie es ja auch - aber eben nur in jenem Moment. Vielleicht hat aber das Ende des Ideologienstreites noch etwas anderes bewirkt, nämlich das "Ende der Politik" oder das "Ende des Politischseins" - es ist zu hoffen, dass dieses Ende nur ein zwischenzeitliches Pausieren ist. Es wäre an der Zeit, dass das politische Gewissen wieder erwacht, und zwar ein wirkliches politisches Gewissen und nicht dieses Surrogat des Möchtegern-Politisierens, bei dem man sich nur Schlagworte um die Ohren haut, oberflächlich an der Schale des Politikers kratzt oder Nebensächlichkeiten wie diesen ominösen Wortbruch in Szene rückt.

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Sit venia verbo

„Zunächst jedoch sehen wir hier den ersten Fortschritt, den der Geist der Revolte auf ein Denken ausübt, das anfänglich von der Absurdheit und der scheinbaren Sterilität der Welt durchdrungen war. In der Erfahrung des Absurden ist das Leid individuell. Von der Bewegung der Revolte ausgehend, wird ihm bewußt, kollektiver Natur zu sein; es ist das Abenteuer aller. Der erste Fortschritt eines von der Befremdung befallenen Geistes ist demnach, zu erkennen, daß er diese Befremdung mit allen Menschen teilt und daß die menschliche Realität in ihrer Ganzheit an dieser Distanz zu sich selbst und zur Welt leidet. Das Übel, welches ein Einzelner erlitt, wird zur kollektiven Pest. In unserer täglichen Erfahrung spielt die Revolte die gleiche Rolle wie das „Cogito“ auf dem Gebiet des Denkens: sie ist die erste Selbstverständlichkeit. Aber diese Selbstverständlichkeit entreißt den einzelnen seiner Einsamkeit. Sie ist ein Gemeinplatz, die den ersten Wert auf allen Menschen gründet. Ich empöre mich, also sind wir.“
- Albert Camus, "Der Mensch in der Revolte" -

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Obama, oder: Sind die Schwarzen am Ziel angekommen?

Donnerstag, 6. November 2008

Allerorten vernimmt man nun, dass das Vorurteil, wonach in den Vereinigten Staaten Rassismus herrsche, nicht mehr zutreffe. Denn in einem Land, welches rassistisch wäre, da würde ein Obama nicht zum Präsidenten gewählt werden. Dieser Einwand klingt zwar einleuchtend, sagt aber wenig über die Lebenssituation der schwarzen US-Bürger aus. Denn während der Rest der Welt den USA unter Bush durchaus Rassismus vorgeworfen hat, sowohl an den Schwarzen, die man ihrer Wahlrechte beraubte, als auch an Moslems jeglicher Herkunft, die man zu den Trägern terroristischer Gene erklärte, war es ausgerechnet diese Administration, die zwei schwarze Politiker in ihren Reihen hatte - und nebenbei bemerkt sogar in hochklassigen Positionen: Condoleezza Rice und Colin Powell. So wenig sich beide für die Belange der Schwarzen engagierten, es waren Schwarze innerhalb einer Regierung, die man offen und ohne Umschweife als durchaus rassistische Clique abtat. Und nun da Obama zum nächsten Präsidenten gewählt wurde, tut der Rest der Welt gerne so, als hätten sich alle rassistischen Bedenken zerschlagen. Als ob sich alleine mit der politischen Wahl einer Hautfarbe alle Probleme beseitigen ließen. So wie schon Martin Luther King, als dessen Nachfolger Obama ja gelegentlich verklärt wird, in der Hautfarbe alleine keine Qualität sah, sondern eher eine Nebensächlichkeit, die aus der Diskussion zu verschwinden habe.

Dabei sieht die Lebenswirklichkeit ganz anders aus. Die Einkommensverteilung zeigt noch immer gewaltige Verwerfungen auf. Ein schwarzer Mann mit mittlerem Einkommen (18.900 Dollar) und High-School-Abschluss verdient immer noch 7.000 Dollar weniger im Jahr, als sein gleichqualifizierter weißer Kollege. Bei unteren Einkommensverhältnissen klafft die Schere noch weiter auseinander: Das geringe Familieneinkommen einer weißen Familie des unteren Fünftels beträgt im Durchschnitt 50 Prozent mehr, als das einer schwarzen Familie. Während 23 Prozent des schwarzen Bevölkerungsanteils in Billigjobs fristen müssen, sind es beim weißen Bevölkerungsanteil nur 12 Prozent; während nur 16 Prozent der Schwarzen in Führungspositionen arbeiten, sind es bei den Weißen immerhin 31 Prozent - um letztere Zahlen historisch zu vergleichen: im Jahre 1964 waren 25 Prozent der Weißen und nur 9 Prozent der Schwarzen in Führungspositionen eingestellt. Die Kluft hat sich also nur unwesentlich verschoben.
Der Immobilienmarkt ist ein rassistischer Markt, betreibt Segregation: Schwarzen werden in bestimmten Wohngegenden keine Häuser angeboten. Außerdem erhalten sie, im Gegensatz zu Weißen, keine günstigen Kreditfinanzierungen, weswegen sie der Möglichkeit beraubt werden, über Hauseigentum Vermögen aufzubauen. Günstige Supermärkte mit ihren regelmäßigen Sonderangeboten siedeln sich vornehmlich in weißen Gegenden an, die Geschäfte in den schwarzen Gegenden sind wesentlich teuerer.
23 Prozent des schwarzen Bevölkerungsanteils leben offiziell in Armut, während es bei den Weißen 8 Prozent sind; die schwarze Kinderarmut beträgt 30 Prozent, gleichzeitig gibt es bei den Weißen 10 Prozent arme Kinder. 69 Prozent der schwarzen Neugeborenen aus dem Jahre 1999 waren uneheliche Kinder (bei Weißen waren es in diesem Jahr 27 Prozent), was immer noch als Erbe der Sklaverei angesehen wird. Denn damals wurden Familien regelmäßig auseinandergerissen - von ihren Besitzern verkauft - und im schwarzen Lebensgefühl hat sich seither eine Einsicht festgesetzt, wonach keine engen Beziehungen mehr einzugehen sind. Darüber hinaus lebt jedes zweite schwarze Kind in einem Alleinerziehenden-Haushalt, beim weißen Bevölkerungsanteil ist es nur jedes achte Kind. Selbst beim Fernsehkonsum schlägt sich diese Diskrepanz ebenso nieder. Während weiße Kinder eine durchschnittliche Wochenfernsehzeit von 50 Stunden haben - was an sich betrachtet schon viel zuviel ist -, gucken schwarze Kinder gar 73 Stunden (sic!) in der Woche in den Flimmerkasten.

Selbstverständlich dokumentiert sich die Ungleichheit auch im Justizwesen. 44 Prozent aller Häftlinge haben eine schwarze Hautfarbe, dagegen sind nur 35 Prozent weiß. Der Anteil schwarzer Männer, die kurz vor einem Gefängnisaufenthalt stehen, liegt bei 28,5 Prozent - der weiße Gegenwert ist verschwindend gering (2,5 Prozent). Bei Frauen liegt das Verhältnis bei 3,6 zu 0,5 Prozent. Der Besitz der Droge Crack, die meist von Schwarzen konsumiert wird, wird mit zehnmal längeren Haftstrafen belegt, als der Besitz von Kokain, der Droge der Weißen. Daher liegt der Anteil der Drogenkriminellen bei allen schwarzen Häftlingen bei 38 Prozent - bei 24 Prozent liegt dieser Anteil bei den Weißen. Aber die Ungleichbehandlung schlägt sich nicht nur in Zahlen nieder. Immer wieder werden Polizeibeamte freigesprochen, die offensichtlich Schwarze drangsaliert haben oder gar, wie im März 1991, den schwarzen Autofahrer Rodney King krankenhausreif prügelten. Dieser Vorfall führte zu den schwersten Rassenunruhen seit den Sechzigerjahren. Bilanz: 50 Tote, 4.000 Verletzte, 12.000 Verhaftungen und mindestens 1 Milliarde Dollar an Sachschäden.

Die entfesselte Freude am Wahlsieg Obamas darf von der Konkretheit der Ungleichheit nicht ablenken. Die Oberflächlichkeit der US-amerikanischen Wahlkämpfe und die Partystimmung, die regelmäßig bei Präsidentschaftswahlen entsteht, verbirgt die Ungleichheit und erzeugt auch im Rest der Welt - gerade auch hier in Deutschland, mit dieser vollkommen überzogenen Obamania - eine Blindheit, die man sich nicht leisten kann, angesichts der rassistisch motivierten Ungleichheit. Obama wird sich - zumindest innenpolitisch, außenpolitisch wird er für die Beibehaltung des Militäreinsatzes im Mittleren Osten plädieren, allerdings unter verstärkter Teilnahme der Bündnispartner (zur Entlastung des US-amerikanischen Steuerzahlers, wie er vor einigen Wochen ganz unverblümt erklärte) - daran messen lassen müssen, ob er letztendlich ein Feigenblatt des US-amerikanischen Rassismus sein wird, oder ein schwarzer Präsident, der auch konkrete Gleichstellungspolitik betreibt. Denn tut er dies nicht, ist er der beste Werbeträger für eine "Alles-ist-gut"-Mentalität, die einfach strikt die Probleme der Schwarzen übergeht - dann kann man auf Obama zeigen und sagen: Was wollt ihr eigentlich? Ein Schwarzer ist US-Präsident - besser geht es doch nicht! Nur haben davon die Schwarzen in Alabama und Mississippi nichts - genau besehen könnte ein in Ungleichheit ausharrender Präsident Obama sogar der Schwarzen Unglück sein. Denn durch ihn, durch seine Stellung, durch das Wunder der Obama-Wahl, nährt man falsche Hoffnungen und erlaubt es, die Nöte der Schwarzen kategorisch zu verleugnen.

Wenn Obama diese innenpolitische Frage nicht aufwirft, wenn er genauso weiße Politik betreibt wie Rice und Powell, dann wird er den Menschen schwarzer Hautfarbe in den Vereinigten Staaten das Leben eher erschweren...

(Quelle der Zahlen: Bureau of Justice, U.S. Census, Children Defense Fund)

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Beispielhafte Musterdemokratie

Mittwoch, 5. November 2008

Jetzt ist die Zeit reif für eine Neuwahl - monatelang wollte man sich das nicht eingestehen. Da fühlte sich der hessische Geschäftsführer wohlig-warm in seiner Position des Lavierens und Ausharrens, fand es demokratisch notwendig und auch sinnvoll, über seine Brillenränder hinwegzugucken, um nach drüben zu sehen - herüber zu den hessischen Sozialdemokraten. Denn vielleicht - hoffen wird man ja als Christdemokrat doch mal dürfen - sägen sie den Ast ab, auf dem sie sitzen. Und siehe da: Genau so kam es! Neun Monate hat man nun von Neuwahlen Abstand genommen, neun Monate lang war man der Ansicht, dass alles einwandfrei nach dem Geschmack der Wähler sei. Aber nun, da man sich sicher sein kann, dass die SPD in Hessen keine großen Sprünge mehr machen wird, ist man bereit für den finalen Vernichtungsschlag.

Was hat dieser Koch in seinem Wahlkampf gehetzt, was hat er sich im Rassismus gesuhlt und damit seine abgeschmackte Mittelmäßigkeit kaschiert! Aber heute, einige Monate danach, will sich kaum einer mehr daran erinnern. Wie auch, denn der hessische Teufel kommt aus dem Lager der Sozialdemokraten - ist ja die Wahlbetrügerin Ypsilanti. Der mit rassistischen und ausländerfeindlichen Allgemeinplätzen um sich werfende Geschäftsführer, steht da nur daneben wie ein braver Schulbub. Nun darf er womöglich erneut in einen schnell arrangierten, nur kurzen Wahlkampf, seine pampigen Hetzreden nochmal rauskramen, um sich nochmals als Kämpfer für die deutsche Leitkultur zu stilisieren. Es wird einem Angst und Bange, was da wieder für arrogante Wortschwalle hinausgeschleudert werden...

Wem haben wir es zu verdanken, dass ein solcher "Deserteuer am guten Geschmack" erneut eine Chance erhält? Da mag es viele Hilfskräfte geben: angefangen bei der hessischen SPD und ihren zweifelhaften "Rebellen", bis hin zur Bundes-SPD, die immer wieder meinte, sich wichtigtuerisch und großkotzig in die hessischen Zustände einmischen zu müssen. Besonderen Dank darf man aber an die Medien richten, vorallem an den Springer-Konzern, der wie eh und je eine Kampagne voller Schweinereien ins Leben rief, um einen ungeliebten Kontrahenten öffentlich unmöglich zu machen. Ein gebrochenes Wahlversprechen wollte man Ypsilanti anhängen - das war das Fundament, auf dem jede Handlung und Entscheidung Ypsilantis, kommentiert wurde. Ypsilanti will eine Regierung ins Leben rufen - alleine das war schon Machtgier! Der Geschäftsführer aber, der währenddessen still ausharrte, der selbstzufrieden und durchaus lasziv an seinem Amtsstuhl klebte, wurde nie mit dem Prädikat der "Machtgier" geadelt.

Doch jetzt haben Springer, freilich auch andere Medien, gute Vorarbeit geleistet. Ypsilanti und die Hessen-SPD sind lächerlich gemacht und damit unwählbar geworden und die schweigenden und in Amtsmüdigkeit erstarrten Christdemokraten und Liberalen, dürften als Sieger einer Neuwahl hervorgehen. BILD hat vorgearbeitet, hat die CDU gerettet und nun darf man auch auf christdemokratisch-erfolgreiche Neuwahlen plädieren - erst jetzt ist es an der Zeit. Davor war alles noch sehr vage, zu vage - aber jetzt haben sich Ypsilanti und Konsorten die Opposition gesichert, die Grünen wohl auch. Mehr ist für sie nicht mehr zu holen. Und das, obwohl diese beiden Parteien die einzigen in Hessen waren, die wirklich in Bewegung kamen, um die untragbaren Zustände zu beseitigen. Undank wird also auch bei der eventuellen Neuwahl der Welten Lohn sein.

Koch und BILD scheinen überhaupt eine recht erotische Beziehung zueinander zu pflegen. Anfang des Jahres war es eben jene Unzeitung, die Koch unterstützt hat bei seinem ausländerfeindlichen Amoklauf. Da war Koch für BILD der "starke Mann", der sich für die Belange der Deutschen einsetzte, mit dem "der kriminelle Ausländer" zu rechnen habe. Es lief aber schlecht, irgendwie hatte die damalige Kampagne weniger Erfolg als erwartet - aber das macht ja nichts, denn steter Tropfen höhlt den Leser! Und so hat man nun monatelang verbalmalocht, gelogen, betrogen, erfunden, hinzugefügt, phantasiert, aufgepuscht, dramatisiert, um den "starken Mann" doch noch zu jenem Amt zu verhelfen, welches ihm scheinbar sowieso von Gottes Gnaden zusteht.

Vielen Dank, BILD; vielen Dank, Spiegel; vielen Dank, Ihr schreibenden Musterdemokraten allesamt! Als vierte Macht im Lande nehmt Ihr Euch Frechheiten heraus, für die eine Privatperson wegen Nötigung, Volksverhetzung und Grundgesetzfeindlichkeit schon lange in den Knast gewandert wäre! Und dann schreibt Ihr von Demokratie - welche denn? Eure Demokratie? Wenn das Demokratie ist: ich verzichte gerne darauf. Was man von Euch lernt ist der Betrug, ist die Verunglimpfung, ist höchst undemokratisches Verhalten, ja seien wir doch ehrlich: diktatorisches Unbenehmen! Ist es denn Demokratie, wenn die Presse einem Mann unter die Achseln greift, der sein Amt eigentlich verloren hat, der aber weiter am Sessel klebt wie ein uralter Kaugummi? Ist es denn Demokratie, wenn dieser Mann nicht nur klebrig, sondern auch noch offen unaufgeklärt, ausländerfeindlich, sozialdarwinistisch ist, und er trotzdem zum Heiligen Roland verklärt wird? Und vorallem: Ist es Demokratie, einem solchen Kerl dabei behilflich zu sein, es sich in seiner Position bequem zu machen, bis sich die Gegenseite selbst totblamiert hat? Und nachher wollt Ihr wohl diesen Wahlverlierer als Sieger preisen, und den reaktionären Kurs, der in diesem Land erneut Auftrieb erhalten wird, den schiebt Ihr dann den Wählern in die Schuhe, als ob die frei hätten votieren können, ob Eurer gezielten Verblödung! Zeigt es nur den undemokratischen Kreisen dieses Landes, wie man mit Euch undemokratischen Ungetümen die Macht erhalten und ausbauen kann! Ihr habt da einen Präzedenzfall geschaffen, einen Alptraum für die Zukunft dieser Republik! Ach was: Republik! Eine "öffentliche Sache" gibt es doch nicht mehr! Ihr macht die Republik doch zum Hirngespinst! Mit der Einflußnahme in Hessen habt Ihr noch ein wenig mehr Erde auf den republikanischen Sarg geworfen!

Nein, wenn das Demokratie sein soll, dann ist sie kein erstrebenswertes Ziel für diese Gesellschaft. Das ganze hessische Affentheater, mitsamt den herumhangelnden Affen, hat mit Demokratie nichts mehr zu tun - man kann das so nennen, diese Freiheit kann man sich natürlich bewahren, denn schließlich hat man die DDR auch einen Arbeiter- und Bauernstaat genannt und das stalinistische Rußland war ja offiziell auch ein Land im Sozialismus, ein Land in dem Menschen Gerechtigkeit und Zufriedenheit garantiert wurde. Aber die Bezeichnung ist wertlos, wenn der Inhalt damit nicht konform geht. Was unterscheidet also die ach so demokratische Bundesrepublik vom ach so friedlichen Land der Arbeiter und Bauern? Sie ist genau besehen ebenso ein Wolf im Schafspelz - und man kann sich bei den Schmierern in den Redaktionen bedanken - nicht bei allen! -, das man so genau gar nicht mehr hinsehen muß. Es wird immer deutlicher offenbar, dass das Schaf kein Schaf ist...

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Nomen non est omen

Heute: "Chancengerechtigkeit"
"Für die Jusos Vulkaneifel ist die flächendeckende Versorgung mit Breitbandinternetanschlüssen im ländlichen Raum, eine Frage der Chancengerechtigkeit."
- Jusos Vulkaneifel am 22. Mai 2008 -
"Die Zeit sei reif, um das Bildungssystem durchlässiger zu gestalten und Chancengerechtigkeit zu verwirklichen."
- Mitteilung der SPD vom 24. Juni 2008 -
Die traditionell gewachsene Leitidee der SPD, die soziale Gerechtigkeit, wurde unter der Schröder Regierung systematisch demontiert. Heute spricht die SPD nicht mehr davon, den gesellschaftlichen Reichtum gerecht zu verteilen, sondern benutzt die Gerechtigkeitsfloskel der Chancengerechtigkeit. Auch wenn dieser Begriff auf den ersten Blick positiv wirkt, ist er doch ein Wolf im Schafspelz und offenbart bei genauerem Hinsehen eine grundlegende Neujustierung sozialer Gerechtigkeitsprinzipien der SPD.
Ziel sei es fortan nicht mehr, den gesellschaftlichen Reichtum gerecht zu verteilen, sondern nur noch die Individuen dahingehend zu (be-)fördern, dass sie am Erwerbsleben teilnehmen können. Ignoriert werden dabei eine Reihe vorrausetzungsvoller Bedingungen: Der Zugang zu wichtigen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Handlungsressourcen sind ungleich verteilt und werden selbst bei erfolgreicher Aktivierung des Einzelnen nicht aufgehoben. Die Reichtumsverteilung in Deutschland ist laut dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sehr ungleichmäßig verteilt. Während die unteren 50% der Haushalte nur über etwas weniger als 4% des gesamten Nettovermögens verfügen, entfallen auf die vermögendsten 10% der Haushalte knapp 47%. Auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt beim Aufstieg von prekärer Beschäftigung in stabile Erwerbsarbeit sind ungleich verteilt, denn prekäre Beschäftigung tritt verstärkt in bestimmten Erwerbsgruppen und Soziallagen auf. Auch das Zauberwort Bildung als Garant für sozialen Aufstieg, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Luftblase, da sich Eliten in Deutschland, wie in keinem anderen europäischen Land, selbst rekrutieren. Der Glaube, die Individuen könnten gleichmäßig gefördert werden, blendet die individuellen Hintergründe, Lebensentwürfe und Lebenschancen systematisch aus. Auch werden strukturelle Verschiebungen und Ungerechtigkeiten bei dem Begriff systematisch ignoriert. Wenn es nicht zugleich eine gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums gibt, kann noch soviel gefördert werden – ein gerechter Ausgleich kann und wird damit nicht geschaffen werden. Bestes Beispiel ist der steigende gesellschaftliche Reichtum in Deutschland bei gleichzeitiger Steigerung der Kinderarmut. Schließlich soll ja nur die Verteilung der „Chancen“ gerecht sein, die Welt selbst, braucht nicht mehr gerecht zu sein.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Schon wieder Wahlbetrug!

Montag, 3. November 2008

Was haben sie gezetert, was haben sie auf Andrea Ypsilanti geschimpft. Eine große Wahlbetrügerin sei sie, eine Wortbrecherin, mit der man keinen Staat machen könne - ja, gar keinen Staat machen dürfe, wenn man seine Würde nicht verlieren will. Sie sei ja quasi die Erfinderin des Wahlbetruges, auch wenn Müntefering bereits nach der Bundestagswahl 2005 meinte, man dürfe seine Partei nicht an den Wahlversprechen messen - einerlei: Ypsilanti hat es erfunden! Ypsilanti ist die Teufelin der Politik, die den Anstand und die Moral aus selbiger verbannte. Und seit Monaten müssen wir ertragen, wie die dämlichsten Kolumnisten einschlägiger Zeitungen, noch dämlichere Hetztiraden loslassen, um "Tricksilanti" - so ihr Spitzname bei der meistgelesenen Unzeitung dieses Landes - zur persona non grata zu erklären, mit der man keine Geschäfte, d.h. Verhandlungen zu führen habe.

Aber nun: Alles ist wieder im Lot! Beinahe hätte sie es doch geschafft, die Regierung an sich zu reißen - ja, richtig gelesen, "zu reißen", denn wenn jemand wie Roland Koch verhandelt, um sein verlorenes Amt doch noch zu retten, dann ist das demokratischer Alltag und Anzeichen für Kämpferqualitäten; wenn aber Ypsilanti Koalitionsverhandlungen und Tolerierungsgespräche führt, dann ist dies die Maske der ungestümen Machtgier - wenn Koch nicht zurücktritt, um sein schlechtes Geschäft nurmehr als Geschäftsführer weiterzuführen, dann klebt er nicht auf seinem Stuhl, sondern tut es aus Liebe zu seinem hessischen Völkchen; wenn aber Andrea Ypsilanti versucht ist, Hessen wieder eine handlungsfähige Regierung zu geben, dann ist es die vulgärste Geltungsgier, eine pervertierte Form des "Ich-will-auch-wer-sein!". Doch sie ist gescheitert, nachdem der Koalitionsvertrag mit den Grünen schon ausgehandelt war, nachdem auch die LINKE attestierte, eine Regierung Ypsilanti zu tolerieren. Gescheitert, weil standhafte Sozialdemokraten in letzter Minute das Ruder herumgerissen haben!

Jürgen Walter, Dagmar Metzger, Silke Tesch und Carmen Everts heißen diese unbeugsamen Stauffenbergs der deutschen, genauer: der hessischen Sozialdemokratie. Sie ließen sich nicht vom "Mephistopheles aus Rüsselsheim" ködern. Was für Helden! Unbeugsame Gallier! Die Presse überschlägt sich, die BILD wird auf Wolke 7 schweben und das Quartett zu Heiligen erklären. Die Politik kennt also doch noch Moral, wird das Resümee dieses Spektakels sein - es gibt halt doch noch unbequeme Politiker, die sich nicht aus Machtgier korrumpieren lassen. Den Charakterfesten sind Einnahmen sicher, man wird sie in den nächsten Tagen hofieren, ausfragen, einladen, loben und zu großen Hoffnungen dieser Republik, Hoffnungsträgern auch der SPD verklären.

Dass dahinter knallharte Interessenspolitik lauert, die Angst hat, die SPD könnte auch nur einen Millimeter nach links rutschen, hat in den Massenmedien keinen Erklärungsraum. Niemand wird erklären wollen, dass Interessenspolitik in diesem Falle bedeuten kann, eben gar keine Politik, gar keinen Gestaltungsauftrag auf- bzw. anzunehmen. Es scheint, als habe sich das parteiübergreifende konservative Lager Hessens dazu entschlossen, den Status quo solange aufrechtzuerhalten, wie es nur irgendwie möglich ist - und wenn es nötig ist, keine Politik machen zu müssen, dann ist das eben so. Was auch nicht formuliert wird bei den üblichen Verdächtigen der Massenverdummung ist: Ypsilanti, die angebliche Wahlbetrügerin, wurde nun von den wahren Wahlbetrügern gebremst. Über eine Million wahlberechtigte Menschen in Hessen, haben sich für die SPD entschieden - sie hätten den Machtwechsel gewollt; jenen Machtwechsel, von dem die Hessen-SPD in ihrem Wahlkampf nicht müde wurde zu erzählen; jener Machtwechsel, der angeblich unbedingt notwendig gewesen wäre, um Hessen wieder "nach vorne" zu bringen. Nun hätten die vier Helden die Möglichkeit gehabt, dieses Wahlversprechen, wonach die Regierung Roland Kochs beendet werden müsse, zu einer späten Umsetzung zu verhelfen - aber die standhaften Sozialdemokraten scheren sich nicht um den Willen ihrer Wähler, haben - sagen wir es deutlich - das Wahlversprechen damit millionenfach gebrochen, darauf gespuckt, was 1.006.264 Wähler eigentlich mit ihrer Stimme bezwecken wollten. Ob wohl BILD und Spiegel darüber berichten werden?

Nein, davon ist kaum auszugehen. Heldengeschichten müssen frei von Zweifeln an der Heldengestalt sein - die vier glorreichen Sozialdemokraten sind die Retter der deutschen Sozialdemokratie. Punkt! Mehr will man über diese Menschen nicht berichten, sonst bricht vielleicht das romantische Kartenhaus zusammen und man würde erkennen, dass diese Standhaften nur erbärmliche Marionetten sind. Aber nicht Ypsilanti ist die Betrügerin, das sind die vier Scheinheiligen, die heute die Partei verlassen haben; nicht Ypsilanti ist die politische Geisterfahrerin - wie man es ihr zuweilen vorwarf -, denn das sind die vier Schmalspur-Demokraten; nicht Ypsilanti ist machtbesessen, das sind neben Koch und Konsorten auch jene, die aus reiner Interessenspolitik heraus, ihre Parteimitgliedschaft aufgekündigt haben.

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Liebe Banken,...

... lieber Herr Ackermann,

verärgert muß ich mich nun in schriftlicher Form an Sie wenden, weil mir scheint, dass Sie sich des Ernstes unserer Lage gar nicht bewußt sind. Meine Regierung hat ein großzügiges Geldpaket zur Verfügung gestellt, mit der Absicht, Schaden von Ihrer Branche abzuwenden, und Ihre Zunft scheut sich nun, sich daran zu bedienen. Daher bitte ich Sie, nein vielmehr flehe ich Sie an, das Geld zu nehmen! Wir - die Regierung unter meiner Führung - haben unseren guten Willen bewiesen, nun beweisen Sie, dass auch Sie es gut mit unserem Land meinen.

Seit Jahrzehnten predigen Stimmen aus Ihrer Branche, dass der Staat sich aus der Privatwirtschaft herauszuhalten habe. Zudem hieß es immer wieder, dass Arbeitgeberanteile, als wesentlicher Bestandteil des sogenannten Solidarprinzips, die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen beeinträchtige und eher einem sozialistischen Staat zur Ehre gereiche, als einer Demokratie des freien Marktes. Wir aus der Politik, haben das in den letzten Jahren parteiübergreifend verstanden und verinnerlicht, haben erste wichtige Reformen auf den Weg gebracht, diesen Sozialismus schrittweise abzubauen.

Aber nun sind Sie an der Reihe! Sie müssen das Geld annehmen, denn wie sonst können wir den Bürgern in einigen Jahren klarmachen, dass die Staatskassen vollkommen leer sind? Wie sonst sollen wir den Menschen erklären, dass kein Geld mehr für Luxuseinrichtungen wie Arbeitslosen- und Sozialgeld, Rentengelder, Krankengelder und - versorgung und dergleichen mehr vorhanden ist? Nur wenn Sie das Geld annehmen, können wir schnellen Schrittes einen Staat der Eigeninitiative umsetzen - aber nur dann! Gepredigt haben Sie ja lange davon, wie ein moderner Staat des 21. Jahrhunderts auszusehen habe - jetzt können Sie mitwirken, indem Sie sich der Milliarden annehmen. Wann hatte die Finanzwirtschaft schon einmal solche Gestaltungsmöglichkeiten?

Wir müssen das Beste aus der Finanzkrise machen. Und mir scheint, das Beste sei, wir nutzen sie dazu, unseren Staat von Grund auf zu reformieren. Uns - die Regierung - interessiert auch nicht wesentlich, ob das Annehmen des Geldes unbedingt notwendig ist oder nicht. Wichtig ist nur, dass es verwertet wird. Nehmen Sie es an, sanieren Sie sich damit, machen Sie Ihre Bank wieder leistungs- und wettbewerbsfähig für die Welt und wenn das Gröbste überstanden ist, werde ich die Richtlinienkompetenz dahingehend ausnutzen, den sozialistischen Schnickschnack abzuschaffen. Die Menschen werden vernünftig genug sein zu verstehen, dass das Geld nach der großen Krise einfach nicht mehr aufwendbar ist.

Liebe Finanzwirtschaft, lieber Herr Ackermann, ich appelliere an Sie alle, flehe Sie alle an: Nehmen Sie diese Großzügigkeit an - für unser Land. Seien Sie Patrioten. Wirken Sie mit an der Gestaltung eines zukünftigen Deutschlands, in dem wieder Leistungswille und Eigenantrieb zählen sollen, nicht überhöhte Erwartungshaltungen, die wir uns nicht mehr leisten wollen. Fragen Sie daher nicht weiter, was Sie für unser Land tun können, sondern was unser Land für Sie tun kann. Die Menschen dieses Landes werden es Ihnen danken - wenn nicht jetzt, dann in einigen Jahren. Die Geschichte wird uns ins rechte Licht rücken.

Mit vorzüglichen Grüßen,
Angela Merkel, Bundeskanzlerin

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Ich würde es wieder tun...

Sonntag, 2. November 2008

Kürzlich schrieb ich über den Eichmann-Typus, wie er uns fast täglich, mal in den Nichtigkeiten des Alltags, mal in wesentlichen Fragen des Lebens, begegnet. Es ist nun ein Jahr her, damals zum gegebenen Anlass - damals starb der Hiroshima-Pilot Paul Tibbets -, dass ich mich in diese Richtung äußerte. Eichmann und Tibbets: zwei Mahnmäler des 20. Jahrhunderts - zwei Vertreter eines Menschenschlages, der noch immer seinen banalen Wahnsinn an uns auslebt. Der eine gefeierter Kriegsheld, der andere gesuchter Kriegsverbrecher. Doch beide historischen Einstufungen sind unwesentlich, sagen nichts über das Wesen der Unterwerfung unter Paragraphen und Gesetz, unter ein menschenverachtendes ius positivum aus.

Es folgt der Artikel, wie er vor einem Jahr - an anderer Stelle - erschien, Überarbeitungen und Korrekturen nicht einbezogen:

Ein gesegnetes und langes Leben ging am heutigen Tage zuende; ein Leben voller Auszeichnungen und Beförderungen; ein Leben welches nicht nur im Militärischen erfolgreich glänzte, sondern auch in der freien Wirtschaft. Heute starb eines der großen vermenschlichten Mahnmäler des 20. Jahrhunderts; eines Jahrhunderts, welches sich dadurch auszeichnete, das Gewissen argloser Menschen auszulöschen, um dieser oder jener Ideologie im Denken und Handeln Platz zu machen; ein Jahrhundert, welches - wie keines zuvor - den Bürger zum Handlanger der Gewissenlosigkeit degradiert hat.
„Ja, ich würde es wieder tun, wenn die Kriegslage und die Umstände genau dieselben wären.“
- Paul Tibbets auf die Frage, ob er nochmals eine Atombombe werfen würde -
Wäre er nur ein wenig intelligenter gewesen, so hätte er diese ruchlose Tat nicht begehen können; wäre er nur ein wenig fauler gewesen, so hätte er sein Geschäft nicht so strebsam erfüllt. So aber ist es der fleißige und im Denken sich selbst einschränkende Mensch, der zum Verbrecher wurde. In dieser Weise äußerten sich Zeitzeugen des Eichmann-Prozesses, wenn sie das "Wesen der Bestie" erklären wollten. Es war der Irgendwer, der zum Täter wurde, zum anonymen Täter, der vom Schreibtisch aus Massentötungen in die Wege leitete. Der andere flog kilometerweit über den Ort des Grauens und mußte lediglich ein Knöpfchen oder Hebelchen umlegen. Hier der Schreibtisch, dort das Flugzeug - beide dem Ort des Schlachtens entrückt, beide am Ort des sauberen Mordens; an Orten, die keiner mit einem Mord in Verbindung bringen würde.

Eichmann und Tibbets: Zwei Mahnmäler des Jahrhunderts. Unbedarfte Charaktere, nicht sonderlich durch Intellekt glänzend, leicht durch Ideologie und Patriotismus zu korrumpieren. Zwei Synonyme, die dafür stehen, wie der Mensch aus der Masse zum Ausführenden gedankenloser Taten werden kann. Aber auch Synonym dafür, wie Menschen versucht sind, ihr eigenes Verfehlen durch tumbe Obrigkeitsgläubigkeit erklärbar zu machen: Man habe nur nach Befehlen gehandelt, selbst überhaupt keinen Bezug zu den Folgen des verbrecherischen Handelns. Als ob es das besser machen würde.
„Wir haben noch nie irgendwo Krieg geführt, wo keine Unschuldigen getötet worden wären. Wenn die Zeitungen sich diesen Mist nur sparen würden: ‚Ihr habt so viele Zivilisten getötet.‘ Das war ihr Pech, dass sie dort waren.“
- Tibbets in einem Interview -
Es drängt nicht die Freude über diesen Tod dazu, hier einige Worte zu verlieren - wenngleich man nicht trauern kann. Vielmehr hat Tibbets als lebende Mahnung - welche sich nicht zu peinlich war seine schiefe Moral und seine zynische Menschenverachtung kundzutun - eine wichtige Rolle gespielt. Er und derjenige, der bereits 1962 sein Leben am Galgen lassen mußte, sollen nicht von der Geschichte getilgt, dürfen keinesfalls vergessen werden. Als Schandmal des feigen Mitläufertums sollen sie uns im Bewußtsein bleiben. Ein Produkt des 20. Jahrhunderts und seiner Massenkriege: Der "beliebige Hanswurst", nicht der "Teufel in Menschengestalt" (Hannah Arendt).

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Sit venia verbo

Samstag, 1. November 2008

Es ist nicht genug, den Menschen ein Spezialfach zu lehren. Dadurch wird er zwar zu einer Art benutzbarer Maschine, aber nicht zu einer vollwertigen Persönlichkeit. Es kommt darauf an, dass er ein lebendiges Gefühl dafür bekommt, was zu erstreben wert ist. Er muß einen lebendigen Sinn dafür bekommen, was schön und was moralisch gut ist. Sonst gleicht er mit seiner spezialisierten Fachkenntnis mehr einem wohlabgerichteten Hund als einem harmonisch entwickelten Geschöpf.
- Albert Einstein, "Mein Weltbild" -

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Die Rückkehr der Inkompetenz

Hoffen durfte man selbstverständlich schon, dass die neuen politischen Zustände in Bayern dazu führen würden, die ganze Kamarilla der Inkompetenz aus dem Wege zu räumen, um einer anderen Generation kompetenter Inkompetenzler zu ihrem Recht zu verhelfen. Genützt hatte alle Hoffnung allerdings nichts, auch wenn es schön war, wieder einmal gehofft haben zu dürfen. Die Inkompetenz ist nicht direkt zurück, war vielmehr überhaupt nie abwesend, sondern bestenfalls still ins Kämmerlein zurückgezogen. So besehen stellt die bayerische Landtagswahl 2008 keine Zäsur dar, ist die Ära Seehofer kein Neuanfang - da kann jener noch so viel vom Neuanfang predigen.

Sie ist also wieder zurück aus ihrer Zurückgezogenheit! Die Inkompetenz darf sich wieder laut ihrer Ahnungslosigkeit hingeben, darf wieder vor Kameras stammeln und indoktrinierte Schlagworte hinausposaunen. Endlich ist sie wieder dort, wo sie schon seit Jahren stand - vor den Telepromtern dieses Landes, um vorgefaßte Vorträge hinauszustottern, um dabei einen selten dämlichen Eindruck von Nichtskönnen und Nichtswissen zu vermitteln. Die Inkompetenz darf wieder ganz dilettantisch durch den Blätterwald rauschen, Fernsehsendungen belagern, kritischen Fragen mit vollidiotischem Blick und dreister Mundtotmacherei begegnen, im Zweifelsfall einfach nur dämlich durch die Gegend grinsen. Sie darf nachbeten, was man ihr vorschreibt, darf "Einspruch!" plärren, wo sie sich durch konkrete Fragenstellerei belästigt fühlt, wo sie nicht mehr weiter weiß im erlernten Text - und nicht mehr weiterzuwissen kommt nicht selten vor. Ja, sie ist wieder im Lande, die Inkompetenz...

Oh, wird das eine zweifelhafte Freude sein, wenn der Inkompetenz Visage weiterhin allerorten das Gefühl vermittelt, dass man gar nicht blöd genug, nicht einfältig genug sein kann, um trotzdem eine Karriere als politisierte Inkompetenz aufs Parkett zu legen. Wird das ein trauriger Spaß, wenn sie wieder gegen Arbeitslose hetzt, Ausländern mit Integration beikommt und der dazugehörigen Drohung nach Leistungsentzug und Ausweisung natürlich; wenn sie die Sozialdemokratie wieder als Handlanger Lenins titulieren und alles was nach "links" riecht in die Pfanne hauen darf. Wir werden weiterhin erleben dürfen, wie der inkompetente Kleingeist laviert, wie er lamentiert, wie er sich vor konkreten Antworten drückt, wie er sich windet und wegbückt, wie er mit vielen sinnlosen Satzbrocken seine Stumpfsinnigkeit entblößt, aber gleichzeitig immer darauf bedacht ist, seine Macht, seinen Posten oder das Pöstchen zu erhalten, die eigene Dummheit als Intelligenz und die eigene Unwichtigkeit als Wichtigkeit zu verkaufen. Die Inkompetenz ist wieder im Geschäft - wer hätte das noch vor einigen Wochen gedacht?

Die Christdemokratie hat bewiesen, dass sie ein Herz hat für solche, die es mit dem eigenen Denken - mit der Eigeninitiative - nicht so sehr haben. Sie hat das Inkompetente zurückgeholt ins Boot, damit es nicht andernorts vor sich hingammelt. Man muß sich der Schwachen annehmen - Seehofer hat christliche Nächstenliebe bewiesen, hat gezeigt, dass ihm die Armen am Geiste heilig sind. Von wegen Wettbewerb! Von wegen Eigeninitiative! Die CSU greift ihren Sorgenkindern unter die Arme, schert sich nichts um das stets gepredigte Dogma von Eigeninitiative und dem "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott", sondern zeigt auf, wie man die Schwachen integrieren, wie man die Armen einbetten kann ins Gefüge. Sie stört sich nicht an deren dilettantischen Art, nicht am fehlenden Rückgrat, nicht am stetigen Nachplappern von Schlagworten, nicht an deren fehlender Begabung, die eigenen Gehirnwindungen unter Strom zu setzen. "Aufbruchstimmung oder Neuanfang hin oder her - an unsere Kompetenzlosen halten wir natürlich fest!", sagt sich die Christdemokratie. Und daher sitzt die Inkompetenz fester im Sattel denn je, sitzt die Haderthauer höher zu Ross als jemals zuvor - daher bleibt der Gestank der Inkompetenz, das devote Kettenhunddasein mit seiner Gabe, selbst nicht denken zu wollen, im Boot bayerischer Politik, bleibt der Söder weiterhin ein Pflegefall für die christdemokratische Nächstenliebe...

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Mantel oder Kürbis?

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Halloween mehrt seit Jahren seinen Anspruch, auch als eine Festlichkeit der Deutschen zu gelten. Mehr und mehr findet dieses Fest Einzug in den Kalender der hier lebenden Menschen - und dies, obwohl es keinerlei Tradition gibt, auf die sich dieses Fest stützen könnte. Eine andere Festlichkeit schwindet währenddessen, wird verstärkt ausgehöhlt oder einfach verworfen - der Martinstag. Dass ein Fest obsiegt, während ein anderes ins Hintertreffen gerät, ist natürlich kein einzigartiges Phänomen, zumal die beiden erwähnten Festtage zeitlich eng zusammenfallen. Und wenn man bedenkt, dass es beispielsweise im Ingolstädter Raum Kindergärten geben soll, die ganz basisdemokratisch die Kinderchen fragen, ob sie denn lieber dem Heiligen Martin huldigen oder um einen Kürbis tanzen wollen, dann braucht man sich auch nicht mehr wundern, dass der Martinstag langsam aber sicher zum Relikt anderer, vergangener Tage wird.

Welche Wahl man den Kindern läßt ist einfach zu erläutern - es ist die Entscheidung zwischen Maskenball und Unmengen von Süßigkeiten oder Laternenbasteln und singendes Wandern durch einen kalten Novemberabend. Man könnte es auch philosophischer zur Auswahl bereiten: Es ist der Widerstreit zwischen plumpen Materialismus und zwischenmenschlichem Idealismus. Oder wenn wir die Terminologie Erich Fromms heranziehen: Eine Auseinandersetzung zwischen der Charakterstruktur des Habens und des Seins. Dass der kindliche Egoismus, der in dieser Phase des Lebens freilich notwendig ist, sich für das Haben entscheiden wird, d.h. für Süßigkeiten und Freude durch Verkleidung, ist nicht weiter verwunderlich. Die Kritiklosigkeit der Eltern und Erzieher zeichnet aber ein treffendes Gemälde dieser Gesellschaft.

Stellen wir die beiden Festlichkeiten einmal gegenüber: Auf der einen Seite haben wir als Grundlage das Teilen, das Abgeben, das Entbehren. Martin teilt seinen Mantel mit einem Frierenden; er teilt, weil er seinen Nächsten nicht in den Kältetod entschlummert wissen will. Er klammert sich nicht an seinen Besitz, sondern gibt ab, läßt teilhaben an seiner Besserstellung. Stattdessen auf der anderen Seite: Man überrumpelt einen Menschen, klingelt bei ihm, läßt ihn wissen, dass er nun Süßes rauszurücken habe - tut er dies aber nicht, darf er mit Saurem rechnen. Dabei wird nicht gefragt, ob die Person, die man gerade mit Erpressung nötigt, überhaupt die Mittel zum Abgeben hat. Während Martin nicht fragt, was der Obdachlose für ihn tun kann, falls er ihm ein Stück seines Mantels reicht, wollen die kindlichen Rabauken bezahlt sein, wollen eine Gegenleistung dafür, friedvoll zu bleiben, wollen "Schutzgeld" in ihrem Beutel sehen. Bei Martin lernen die Kinder Selbstlosigkeit, an Halloween das "Prinzip der Gegenleistung"; Martin lehrt Rücksichtnahme, "der Kürbis" Ansichnahme. Während Martin alleine mit seiner praktizierten Mitmenschlichkeit steht, er einer jener seltenen Menschen ist, die nicht blind am Notleidenden vorbeigehen, treten die kindlichen Erpresser in der Gruppe auf, sind durch ebendiese stark genug, um rücksichtslos und ignorant loszuschlagen - hier Stärke im Alleinsein, dort Stärke durch entfesselte Gruppendynamik.

Die Halloween-Praktik paßt in unsere Zeit, in unsere Gesellschaft wie die Faust aufs Auge. Während wir den Kindern einmal im Jahr einen solchen zügellosen Freiraum lassen, scheint in der Welt der Erwachsenen der Halloween-Geist losgebrochen zu sein. Es ist eben nicht nur der kindliche Egoismus, der mehr Freude an Halloween als am Martinstag entstehen läßt, sondern auch die Tatsache, dass ersteres Fest einfach besser ins Hier und Jetzt paßt. "Süßes oder Saueres!" könnte auch "Lohnkürzung oder Arbeitsplatzabbau!" heißen; oder "Integration oder Ausweisung!"; oder in ganz misanthropischer Form "Arbeit oder Hunger!"; und in weltpolitische Formel gegossen: "Erdöl oder Krieg!". Dies sind die üblichen Erpressungsverhältnisse, die man dann mit Sachzwängen abstrakt rechtfertigen will. An Halloween legt man das Fundament einer solchen Weltsicht - nur im Kleinen freilich, nur begrenzt und mit kindlicher Naivität gewürzt, aber doch in einer solchen Weise, dass auch den Kindern klar wird, dass man mit Erpressung und unfreundlicher Miene, grußlosem Verhalten, dreisten Sprüchen etc. zum materiellen Erfolg kommt. Verziehung die man als Erziehung tituliert!
Im Gegenlicht steht da dann der Heilige Martin - wenn man ihn überhaupt noch zur Kenntnis nimmt -, der abgibt und am Ende mit weniger dasteht als ursprünglich. Aber, und das unterschlägt die materielle Gesinnung gerne, an diesem Weniger nicht leidet, sondern bereichert ist, weil er die Bande des Miteinander geknüpft hat, weil sein Teilen ein Akt nicht nur des Gebens war, sondern auch ein solcher des Entgegennehmens - die Hilfe ist für Martin nicht nur ein Akt des Weggebens, sondern ein Zustand der angenommenen Mitmenschlichkeit.

Das Schwinden des Martinstag zugunsten von Halloween ist sicherlich keine isolierte Erscheinung, sondern geht Hand in Hand mit der geistig-moralischen Umstrukturierung unserer Tage, in denen Nehmen seliger denn Geben ist. Wir zeigen unseren Kindern sowieso schon viel zu häufig, dass nur das Materielle von Bedeutung ist, man sich vorallem am Haben zu orientieren habe. Der Sozialarbeiter ist nichts, aber der Rechtsanwalt alles - solche Einteilungen lehren wir schon unsere Kinder. Und an Halloween zeigen wir ihnen, wie man es zu was bringt in dieser Welt, während es der Heilige Martin, dieser armselige Trottel, zu nichts gebracht hat, weil er aus seinem Mantel nicht zwei oder drei machen konnte, sondern diesen auch noch halbierte.

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Danke, lieber Gerhard...

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Wir sind entrüstet! Da gratuliert der amtierende SPD-Vorsitzende dem ehemaligen Bundeskanzler für seine gute Arbeit, für die gute Zeit, die er den Menschen und unserer Demokratie beschert hat, und keiner von uns durfte sich dabei zu Wort melden. Dabei hätten wir soviel zu sagen, hätten unsere Gratulationen mit wahllosen Erlebnissen und Anekdötchen dieser ach so guten Zeit anzureichern, so dass eigentlich wir - und nur wir! - die wahrhaftigsten Gratulanten wären, wenn man uns nur ließe. Während der derzeitige SPD-Vorsitzende nur vom Schreibtisch aus, weit entfernt also vom herrlichen Wirken der schröderianischen Arbeit, herumphantasiert, kennen wir die Wirkungen haargenau, die uns unser Väterchen Deutschland, nun im Auftrage von Mütterchen Rußland, geschenkt hat. Auch wir wollen uns für diese köstliche Zeit bedanken, wollen dem Großen Vorsitzenden herzlichste Gratulationen zukommen lassen.

Wir, die Opfer der Agenda 2010, wollen ihm Huldigungen entgegenbringen. Durch ihn und mit ihm und in ihm, wurden wir für den Arbeitsmarkt aktiviert, wurden durch Repressionen und zwangsverordnete Hungermaßnahmen zu duldsamen Sklaven unmöglichster Arbeitszustände. Weil es ihn gab, dürfen wir heute arbeiten, dürfen ein Leben in Leiharbeit, in prekären Arbeitsverhältnissen fristen; weil dieser große Visionist für uns Politik betrieb, dürfen wir heute Probezeiten von bis zu sechs Monaten über uns ergehen lassen. Unser GröKaZ hat uns Sicherheit gegeben - die Sicherheit, dass nichts mehr sicher ist. Wir danken Dir, großer Schröder, dass wir keine Familienplanung mehr machen müssen, dass Du uns die Entscheidung eine Familie zu gründen dermaßen erleichtert, sie uns regelrecht abgenommen hast - weil Du warst, ist das kinderlose Familienmodell, gar das Einzelgängerdasein dank Arbeitsnomadentum, noch salonfähiger geworden. Ohne Dich wäre der mobile Wanderarbeiter bloß eine romantische Vorstellung aus Zeiten derbsten Manchester-Kapitalismus' - mit Dir wurde diese Anleihe an die Geschichte der Ausbeutung wieder Realität.

Und auch die sozialen Randgruppen wollen nicht wortlos am Rande stehen. Auch sie wollen dem großen Mann der deutschen Sozialdemokraite mit Ehrungen bedenken: Heiliger Schröder wir danken Dir! Unter Deiner Ägide wurden wir wieder öffentlich wahrgenommen. Durch Hatz, durch Diffamierung und Diskreditierung, durch Pogromstimmung hast Du die Augen der Öffentlichkeit wieder auf uns Rentner und auf uns Arbeitslose gelenkt. Endlich wurden wir wieder als lebendige Wesen wahrgenommen - allzu lebendig für manchen. Devot werfen wir uns zu Boden und lobpreisen Deine Weisheit, die sich darin äußerte, unsere Existenzberechtigung anzweifeln zu lassen, uns zu Freiwild zu machen, uns als Schmarotzer und Parasiten zu verunglimpfen - ohne diese Segnungen schröderianischer Arbeit wären wir womöglich unbeachtet oder lediglich von solchen beachtet, die es ja wirklich nicht gut mit uns meinen. Durch Deine Politik erkennt nun die Öffentlichkeit der Arbeitslosen Anliegen: Mehr Bier, mehr Faulheit, mehr Schmarotzertum! Du hast uns der Masse nähergebracht!

Erhöre auch uns, gesegneter Kanzler früherer Tage! Auch wir, die Opfer Deiner Deregulierungspolitik wollen nicht schweigen müssen, während Deiner so liebevoll gedacht wird. Das Prinzip der Deregulierung hast Du entfesselt wie niemand zuvor. In der Arbeits- und Sozialpolitik genauso wie auf dem Finanzmarkt. Maßlosigkeit hast Du zwar als Todsünde entlarvt, aber maßlos hast Du die Maßlosigkeit erst entfesselt. Steuersätze für Konzerne wurden beseitigt, Spitzensteuersätze herabgesetzt - Deiner Weisheit ist es heute zu verdanken, dass wir sicher in Unsicherheit ausharren, dass wir nicht mehr wissen, wo wir morgen unser täglich Brot verdienen dürfen, dass unsere Ersparnisse von einer gierigen Bankerschaft aufgefressen werden. Wir verdanken es diesem Politiker der ruhigen Hand, dass Heuschreckenplagen über unser Land zogen und noch ziehen; wir verdanken ihm den Ausverkauf gesellschaftlichen Besitzes; wir verdanken ihm PSA und legitimierte Leihsklavenschaft. Vorallem die Unsicherheit ist sein Erbe - Du, gütiger Sozialdemokrat, warst es, der in unsere Köpfe die Angst und Ungewißheit eingepflanzt hat, Du hast uns damit Beine gemacht und uns zur Unterwürfigkeit in allen Lebenslagen erzogen, hast uns Demut gelehrt, hast uns deutlich gemacht, dass wir keine Ansprüche mehr zu stellen hätten, dass wir selbst dem größten Ausbeuter vor die Füße zu fallen haben.

Friede sei mit Dir, Gerhard! Wir Pazifisten wollen in nichts nachstehen. In Deiner Amtszeit wurde die Bundeswehr wieder mächtig. Friedensarmee nanntest Du sie - und für dieses Wort muß man Dir pazifistisch-demutsvoll danken. Als Wegbereiter jungscher Pläne, war es Dir gegeben, uns Deutschen wieder einen Platz an der Sonne zu sichern. Der erste Kampfeinsatz der Bundeswehr seit 1945, danach die Teilnahme am Angriffskrieg gegen Afghanistan und natürlich die große Friedensgeste, als der Irak nicht von deutschen Soldaten erobert werden sollte, zeichneten die Ära Schröder als friedvolle, auf Diskussion nicht auf Aggression bedachte Zeitspanne aus. Der Friede sei mit Dir, weil Du ein Friedensengel warst und bist, weil Du selbst in suspekten Staatsmännern "lupenreine Demokraten" witterst - soviel Liebe zum Menschen, auch Liebe zum vermeintlich Bösen, kommt einer jesuanischen Lebensauffassung gleich! Ohne Dich, wären wir zwar friedlich, aber militärisch unbedeutend auf dem Erdenrund.

Nun haben wir aber geradegerückt, was von der deutschen Sozialdemokratie nicht erläutert wurde, was der hochgeliebte SPD-Vorsitzende in seiner Eile wohl vergessen hat - er hat womöglich nicht viel Zeit, wie in letzter Zeit viele SPD-Vorsitzende nur kurz Zeiten in Anspruch nahmen -; nun haben auch wir uns bedanken dürfen für diese herrliche Zeit in Deinem Regime, welches das heutige Regime so erstklassig befruchtet hat. Soviel Mut und Entschlossenheit muß man einfach lieben, auch wenn die Wirkungen und Folgen von Schröders Arbeit uns nicht sehr liebevoll entgegenschlagen - er hat es ja trotz allem gut gemeint mit uns. Und wir wollen auch dem Stümper, der gute Absichten hatte, an denen er aber schlußendlich böse scheiterte, respektvoll dankbar sein. Es hätte ja schlimmer kommen können: Wir hätten damals weiterhin eine konservative Regierung haben können, die soviel Mut und Entschlossenheit niemals auf die Beine gestellt hätte. Daher: Hoch soll er leben, unser allseits geliebter Volkstribun, dieser maximo líder der deutschen Sozialdemokratie. Ganz im Sinne des derzeitigen SPD-Häuptlings: Pack' wieder kräftig mit an! Laß uns noch mehr Deiner Gütigkeiten zukommen! Wir können es kaum mehr erwarten...

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Eine Haltung die NS-Vergleiche verbietet?

Dienstag, 28. Oktober 2008

Sind Vergleiche, zu denen man die Mißstände im Dritten Reich heranzieht, moralisch und statthaft? Oder muß man, wie eine Kommentatorin - Margarete Limberg - des Deutschlandfunk einfordert, eine Art selbstauferlegte Verbotshaltung einnehmen, die jeglichen Vergleich mit dieser Epoche deutscher Geschichte verbietet?

Die menschliche Historie ist keine stumpfe Ansammlung menschlicher Erlebnisse und Ereignisse, sondern ein Repertoire an solchen Erfahrungen, an denen man sich bedienen kann und geradezu soll. Die darin enthaltenen Inhalte sind zuweilen viel komplexer als ersonnene Geschichten, daher finden sich in der menschlichen Geschichte immer konkrete Beispiele, die man als Vergleichsmaterial rekrutieren kann, um den aktuellen Zustand der Geschichte - die Gegenwart - zu durchleuchten. Ein solches Heranziehen mag manchmal nicht ganz passend sein, kann in vielen Nuancen auch als vollkommend unpassend erachtet werden - Geschichte wiederholt sich eben nicht, schon gar nicht in identischen Bahnen. Was sich aber manchmal wiederholt sind Prozesse, die sich in ihrer Grundausrichtung ähneln. Sich an dem Repertoire menschlicher Geschichte zu bedienen, um die Gegenwart zu begreifen, sie faßbar zu machen, sie mit der Vergangenheit zu ermahnen, stellt eine Kulturleistung dar - sie ist kein hilfloser Versuch des Mahners, sondern ein möglicher Akt des Begreifens, ein möglicher Akt der Bildung, ein möglicher Akt des Lernens.

Würde man nun einen Kodex implantieren, der besagen würde, dass eine bestimmte Epoche menschlicher Geschichte niemals mehr als Vergleichspotenzial herangezogen werden dürfte - ganz gleich, ob dies nun der Nationalsozialismus ist oder nicht -, so würde man sich selbst verbieten, aus einer festumrissenen Zeitspanne menschlicher Geschichte, die Lehren ziehen zu dürfen. Diese Verbannung einer geschichtlichen Epoche würde auf einem geheiligten Altar stehen, dürfte nicht mehr kritisch begutachtet, nicht mehr in den öffentlichen Diskurs geworfen werden. Man könnte beinahe annehmen, dass jene, die solche selbstverpflichtenden Haltungen verlangen, zu der Erkenntnis gekommen seien, dass aus der "verbotenen Epoche" alle Lehren gezogen wurden. Deshalb: Klappe zu! Ausgelernt! Dem Neuen entgegen, ohne Rückgriffe auf mögliche Parallelen!

Nun ist es mir im konkreten Fall kein Anliegen, die Aussagen des Professor Sinn reinzuwaschen. Denn geschichtliche Reflexion kann zuweilen mißbraucht oder einfach nur falsch verstanden werden. Man kann also diese Kulturleistung umsetzen wollen und trotzdem ganz unkulturell daran scheitern. Dies muß nicht nur einem ideologisch verfangenen Professor zustossen, sondern kann jeden treffen - dann spricht man freilich von Geschmacklosigkeiten und Verfehlungen, moralisiert also. Aber dennoch, trotz dieser vermeintlichen Verfehlungen, kann der Lösungsansatz solcher Debatten nicht darin bestehen, die Geschichte des Dritten Reiches und auch - ganz speziell - die der Shoa als sakrosanktes totes Stück Historienfetzen einzustufen. Und gerade die Shoa ist die Geschichte eines zum Himmel schreienden Unrechts, die Geschichte von der Niedertracht und Bösartigkeit des Menschen am Menschen, sie ist zudem der mörderische Schlußakt einer langen abendländischen Irrung, die aus dem Juden einen rassischen - nicht mehr religiösen - Untermenschen gemacht hat. In der Schrecklichkeit der Shoa findet sich alles, was das Unrecht so grausam erscheinen läßt - warum soll dieses Mahnmal der Geschichte nicht vergleichbar sein dürfen, gerade auch wenn heute Unrecht begangen wurde?

Es ist schwer zu konkretisieren, wann Unrecht größer, wann es kleiner ist - Unrecht ist zunächst immer Unrecht. Für denjenigen, den Unrecht ereilt, steht sein erfahrenes Unrecht als bittere Erfahrung in der persönlichen Geschichte. Wir sprechen zuweilen von Ungerechtigkeiten, die sich auf dieser Erde abspielen, aber genau genommen ist es eine große, einzige Ungerechtigkeit - die Einzigartigkeit des erlittenen Unrechts ist widersinnig, ist Ausdruck einer Primatshaltung des einen Leidenden über den anderen. Um also das unbeschreibliche Unrecht an Europas Juden als Vergleich heranzuziehen - ein Unrecht das ja vielschichtig ist, weil es zwar in Mord endete, aber mit vielen kleineren und größeren Repressionen seinen Anfang nahm -, muß die Vergleichssituation Unrecht in sich tragen. Darf man historisches Unrecht denn nicht mit gegenwärtigen Unrecht vergleichen? Sie heranziehen um zu mahnen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, zu warnen? Es muß doch kein Akt der Verhöhnung der damaligen Opfer sein, ganz im Gegenteil, zeigt es doch auf, dass man das einstige Unrecht vollauf erkannt hat - der Mißbrauch dieser Einsicht, wie vielleicht im Falle des Professor Sinn, kann natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Es stellt sich gegenteilig dar: Wer fordert, man dürfe aus dieser Ära keine Vergleiche rekrutieren, der fordert somit, aus der Geschichte nicht mehr lernen zu wollen, läßt in einer unsäglich Arroganz erkennen, schon alles aus diesem Geschichtsabschnitt gelernt zu haben. Doch ausgelehrt hat uns keine Epoche, auch keine der früheren Epochen - immer wieder finden sich darin Lehren und Einsichten, die man für die Gegenwart als wertvoll erachten kann. Wer also fordert, das Vergleichspotenzial dieser braunen Ära zu verwerfen, der drängt in einen Geschichtsfaschismus hinein, der totalitär alles unter sich begraben will, was sich mit dieser Zeit auseinandersetzt, der aus lebendiger Geschichtsbetrachtung eine tote Wissenschaftlichkeit machen will; ein Faschismus, der den Kritiker verächtlich machen will, der ihn zum Unmenschen erklären will, weil er angeblich keinerlei Respekt vor den Opfern der damaligen Zeit habe.

Die Explosivität von Sinns Äußerungen lag darin, dass er aus Tätern Opfer machen wollte, und dass man herauslesen mußte, dass auch die einstigen Juden Opfer ihrer Täterschaft waren. Dies ist der (absichtliche?) Irrtum seines Vergleichs. Er hat nicht Opfer mit Opfern verglichen, sondern Täterschaften - nicht alle sind Täter - hinter Opferstatus verbergen wollen und damit wirklich das Andenken an jene beschmutzt, die einst Opfer waren...

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De dicto

Sonntag, 26. Oktober 2008

"Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager."
- Frankfurter Allgemeine, Hans-Werner Sinn zitierend am 26. Oktober 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Freilich zieht man nun einen ganzen Berufsstand in den Dreck, macht ihn für Auswüchse verantwortlich, an denen ebendieser Berufsstand mitgewirkt hat. Man darf sich aber nicht davon blenden lassen, dass auch Unternehmer und überallem die Politik ihren großen Teil dazu beitrugen - soweit könnte man Sinn noch folgen. Aber ihm geht es ja gerade nicht darum, die Bankergilde ihrer Alleinverantwortung zu entheben, um gleichzeitig auch andere Schuldige heranzuziehen - für ihn ist ein Abstraktum schuld und die Manager sind die bemitleidenswerten Opfer. Und um ihren derzeitigem Status auch gerecht zu werden, kann man diese nurmehr mit den verfolgten und ermordeten Juden des Dritten Reiches gleichsetzen - nur dieses geschichtliche Beispiel macht laut Sinn das "Leid" der heutigen Banker fassbar.

Als seinerzeit aus verschiedenen Richtungen die Anklage laut wurde, dass das Hartz-Konzept aus den Arbeitslosen Verfolgte und offensichtlich Mißliebige mache, dass man damit die betroffenen Menschen in eine Position hineindränge, die man durchaus mit der Position der Juden aus antisemitischeren Tagen dieses Landes gleichsetzen könne, da erhoben die inoffiziellen Institutionen der politischen Korrektheit sofort ihre mächtige Stimme. Soetwas dürfe man nicht verkünden, so ein Vergleich sei unhaltbar, beleidigend, würde die eigene, aktuelle Position der Arbeitslosen in dieser Gesellschaft nur grob verfälschen, würde sie zu Opfern machen, die sie offensichtlich, in einer kultivierten Zeit wie der unseren, nicht sind - gar nicht sein können, denn wir leben ja in einem Sozialstaat! Darüberhinaus rieche dies nach Volksverhetzung! Da liefen alle Berufsbetroffenen der verschiedenen Parteien auf und meinten, dass es eine krasse Form der Geschichtsklitterung sei, verfolgte Juden mit verfolgungsbetreuten Erwerbslosen in einen Topf zu werfen. Und wir erinnern uns: Selbst eine Bezeichnung wie "Montagsdemonstrationen", die von Gegnern des Hartz-Konzeptes nach ostdeutschen Beispiel so benannt wurden, sollten laut Aussage besonders korrekter Politiker, diesen Namen aus Respekt vor der "friedlichen Revolution" nicht mehr tragen dürfen.

Sind beide Vergleiche haltbar? Dies scheint schwer zu beantworten, denn Geschichte wiederholt sich nicht - und wenn es doch danach aussieht, dann wiederholt sie sich als Farce, sagt man, sagte Marx (in "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte"). Aber man darf Geschichte heranziehen, darf in ihr Ähnlichkeiten mit der Gegenwart suchen und finden, sich an ihr bereichern oder an ihr - allzuoft leider - verzweifeln. Jedenfalls ist der Vergleich mit den Erwerbslosen eher zutreffend, als jener Sinn'sche Vergleich, der die Manager zu verfolgten Opfern macht. Bei den Erwerbslosen handelt es sich um eine beinahe rechtlose Bevölkerungsgruppe, die öffentlich diffamiert und verächtlich gemacht wird, während die Bankerschaft noch nicht einmal mit ihrem Privatvermögen für ihre Gier herangezogen wird, stattdessen ein Milliardenpaket gewährt bekommt, dieses fast ohne staatliche Auflagen. Die Banker fielen nun vom hohen Roß - nicht mal das ist gewiss -, während die Erwerbslosen schon vorher im Dreck lagen. So besehen ist das mediale Verbalflatulieren des Sinn eine unerträgliche Verdummung und Zurechtstutzung, eine Form des Mundtotmachens derer, die die Ackermänner auch bestraft sehen wollen.

Man darf gespannt sein, wann die Saubermänner und -frauen, die Verfechter politischer Korrektheit auflaufen, um die Ausführungen Sinns als Frechheit und Beleidigung an den Opfern des Holocausts zu entlarven. Ob sie aber überhaupt auflaufen werden?

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Solche und solche Nonkonformisten

Ob man Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich gleichermaßen als Nonkonformisten einstufen kann, ist höchst zweifelhaft. Immerhin - und da hat Grass nicht ganz unrecht - war Reich-Ranicki lange Zeit Teil des von ihm kritisierten Apparates und hat die Literaturkritik durch Trivialisierung medientauglich gemacht. Was vorallem diesen Zweifel nährt ist sein Auftritt bei der Plauderrunde mit Thomas Gottschalk. Als Reich-Ranicki beim Fernsehpreis einen "Eklat" bewirkte, da konnte man ihm noch beistehen, konnte sich trotz aller außereinandergehenden Ansichten noch auf seine Seite schlagen - was er aber danach bot, war an Inhaltslosigkeit kaum noch zu überbieten. Konkret wurde er gegenüber Thomas Gottschalk nie, und wenn doch, fabulierte er von Brecht und Schiller und meinte mit denen - und nur mit denen - sei wertvolle Unterhaltung gesichert.

Vielleicht bot man auch daher Reich-Ranicki ein öffentliches Forum, weil man wußte, dass dieser Mann trotz aller sprachlichen Begabung, trotz der Fähigkeit mittels Sprache die Malaise auf den Punkt zu bringen, eigentlich selten konkret wird - nicht weil er nicht wollte, sondern weil diese Form der Schwammigkeit zu seinem Wesen gehört. Man wußte, erahnte es aber zumindest, dass er das greifbare Wort scheut, die direkte Konfrontation nicht suchen wird - man konnte voraussehen, dass er sich in seiner überheblichen Art nicht dazu herablassen wird, konkrete Sendekonzepte an den Pranger zu stellen. Zwar hat er seine Finger in den wunden Punkt der Unterhaltung gelegt, aber dies nur sehr zögerlich, wie es zuweilen seine Art ist - erst lospoltern, aber dann nicht deutlich werden, nicht darlegen, was eigentlich genau den Unmut erzeugte. Einem solchen Zeitgenossen, der es gerne in Schwammigkeit beläßt, räumt man zwar nicht gerne ein Forum ein, aber man tut es dennoch, denn man muß keine Angst haben, dass aus dem "Eklat" eine regelrechte Sinnkrise folgern könnte. So können sich die Medienanstalten mit Kritik arrangieren; so wissen sie sich sicher innerhalb oberflächlichen Kritikgeplappers und haben damit den Eindruck erweckt, als hielte man viel von basisdemokratischer Gesinnung.

Anders im Falle Heidenreichs. Sie wurde deutlich, überdeutlich geradezu. War nicht auf dumpfe Diplomatie aus, die es erlauben würde, der Verdummung und Verblödung auch nur den Anstrich von Legitimität zu erteilen. Heidenreich warf den Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten vor, sie seien "verknöcherte Bürokarrieristen, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso" - das saß! Eloquente Worte fand auch sie, doch waren diese eindeutig positioniert und Heidenreich wüßte, wenn man sie nur ließe, wenn man mit ihr einen "gegebenen Anlass" in Szene setzen würde, auch wohlweislich deutlich und konkret zu werden. Die Gefahr, dass sich eine Heidenreich nicht in den Fluten schöner, aber nutzloser Worte werfen würde, wäre einfach zu groß für das Fernsehen. Sie könnte, würde sie Sendeplatz für eine Kritik erhalten, womöglich eine Sinnkrise bewirken, Sendekonzepte aus den Dreck herausholen, in dem sie schon liegen, um sie in den öffentlichen Diskurs zu werfen. Heidenreich könnte ich aller Direktheit bewirken, dass sich mehr Menschen der Abartigkeit und Perversität somancher Sendekonzepte bewußt würden. Sie könnte womöglich Casting-Shows als das bezeichnen, was sie sind - Prostitution; politische Talkshows als das, was sie seit Jahren sind - gezielte Verblödung; Realityshows als solche, die sie ganz offenbar sind - als konzeptlose Abstumpfungssendungen.

Sowas kann sich das Fernsehen, ganz unabhängig davon, ob wir hier das private oder öffentlich-rechtliche meinen, nicht gefallen lassen. Von einer solchen Kritikerin geht Gefahr aus, eine solche Kritikerin muß mundtot gemacht werden - muß also entlassen werden aus ihrem Vertragsverhältnis und nach Möglichkeit ohne weiteres öffentliches Engagement bleiben. Während Reich-Ranicki den Nonkonformisten in verdaulicher Form gibt, ja während er den Nonkonformisten vielleicht sogar nur in schlechter Großsprecherei mimt, könnte hinter der verärgerten Fassade Heidenreichs eine wahre Nonkonformistin stecken, die man freilich nicht behalten will.

Gleichschaltend gibt sich das Fernsehen, geben sich alle Medien, seit Jahren - und wer nicht gleichgeschaltet werden will, wer sich die Frechheit einer eigenen Meinung erlaubt, wer nicht wie Thomas Gottschalk - dieser Fahnenträger öffentlich-rechtlicher domini canes ("Hunde des Herrn") - nach oben, dem Zeitgeist entgegen buckelt, der hat einfach keine Berechtigung mehr, einen Sendeplatz zu behalten. Der Sendeplatz ist zu wertvoll, könnte mit Zeitgenossen wie Beckmann ausgefüllt werden, der ja brav Werbung für eine Privatversicherung leistete; der zudem vorbildlich wie sein Berufsgenosse Johannes B. Kerner, jede Sau durchs Dorf der öffentlichen Diskussion jagt, nur um seine unerträgliche Talkquatscherei einigermaßen interessant zu gestalten - interessant im Sinne seiner Auftraggeber, ob es die Zuschauer sehen wollen oder nicht. Derlei gleichgeschaltete, oft farblose Abziehbilder, gibt es im Fernsehen zu viele - man kann und will sich die Namen solcher austauschbaren Irgendwers gar nicht merken.

Reich-Ranicki jedenfalls hat die Wahrheit nur angedeutet und so wirr umschrieben, dass sie keiner mehr erfassen konnte - daher durfte er in einem öffentlichen Gespräch nachlegen. Heidenreich war konkreter, benannte die Wahrheit beim Namen, war überdeutlich, nicht wirr sondern präzise, so dass man in den Sendeanstalten Angst haben mußte, durch sie eine Sinnkrise heraufzubeschwören, wenn man ihr nur den nötigen Raum ließe, in dem sie ihre Kritik ausführlicher darlegen dürfte - daher wurde sie mundtot gemacht. (Man denkt unwillkürlich an Marcuses Ausarbeitung der "Repressiven Toleranz".) Im Deutschland 2008 atmet man weniger den frischen Duft der Meinungsfreiheit ein, als den modrigen Gestank stalinistischer Reinigungsprozesse. Fehlt nur noch, dass Heidenreich öffentlich ihrer Häresie abschwören muß, dabei weinend und sich selbst geißelnd...

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Sit venia verbo

"Sogar Experten mit großem Fachwissen beschreiben Nordkorea gern als "Land jenseits der Spiegel", wie eine Szene aus "Alice im Wunderland" oder eine "Kreuzung" zwischen Lewis Carroll und George Orwell. Diese Art der Analyse nährt die Auffassung, Nordkorea sei der böse Gegenspieler und es handele sich bei ihm um eine Art "orientalische" Tyrannei.
Natürlich hat Nordkorea ein paar Besonderheiten, wie jedes andere Land auch. Aber viele Dinge, die als besonders ungewöhnlich gelten, verlieren einen großen Teil ihrer Eigenheit, wenn man sie in drei sich überschneidenden Kontexten betrachtet: der koreanischen Geschichte, den kommunistischen Systemen und der ostasiatischen Gesellschaft. Nehmen wir zum Beispiel die Juche-Zeitrechnung, die mit der Geburt Kim Il Sungs beginnt. Sie ist nicht ungewöhnlicher als die Zeitrechnung nach den Regierungsdevisen der Tenno, die in Japan auch heute noch Verwendung findet. Kim Il Sungs Mausoleum lässt sich mit Lenins Grab vergleichen und sollte im Rahmen desselben Konfuzianismus betrachtet werden, der dem Bau der Gedächtnisstätte für den Antikommunisten Chiang Kai-Shek in Taipeh zu Grunde liegt. Die riesigen Museen für die Geschenke, die Kim Il Sung und Kim Jong Il gemacht wurden, werden vor dem Hintergrund vieler hundert Jahre obligatorischer Tributzahlungen Koreas an den chinesischen Kaiser verständlich: Wer wahrhaft unabhängig ist, dem wird Tribut gezollt, sagen die Nordkoreaner. Eine staatlich gelenkte Wirtschaftsentwicklung, wie sie nach dem Koreakrieg so erfolgreich war, ist nicht nur sinnvoll, was die kommunistische Strategie des Aufbaus einer Schwerindustrie angeht, sondern auch angesichts der staatlich gelenkten Wirtschaftsentwicklung in Japan, deren Beispiel auch Südkorea folgte."
- John Feffer, "Nordkorea und die USA" -

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Die moderne Variante des Eichmann

Freitag, 24. Oktober 2008

Kürzlich wurde ein zwölfjähriges Mädchen von der Deutschen Bahn, das heißt: von einer Mitarbeiterin derselbigen, an die frische Luft gesetzt. Das Mädchen hatte seine Fahrkarte vergessen, versprach aber sie nachzureichen - die Schaffnerin kannte allerdings kein Erbarmen und schmiss den blinden Passagier an der nächsten Bahnstation über Bord. Die Bemühungen anderer Fahrgäste wurden freilich auch ignoriert, denn einen "Fahrschmarotzer" auch noch zu schützen, kam für die Bahnangestellte nicht in Frage. Problematisch an der Aktion der pflichtversessenen Person war: Das Mädchen wurde in abendlicher Dunkelheit, fünf Kilometer von ihrem Zuhause, ohne Geld - die vergessene Fahrkarte war ja im vergessenen Geldbeutel - ausgesetzt.

Ein moralischer Aufschrei ging durch den Blätterwald. Sogar zurecht - was bei vielen Aufschreien ja nicht der Fall ist. Und als es dann hieß, dass der dienstpflichtige Eichmann suspendiert wurde, da zeigte man so etwas wie Erleichterung: Die Bahn sei doch nicht so schlecht, kenne also Moral und Anstand!

Ein moralisches Unternehmen? Sowas gibt es? Die Frage scheint berechtigt, wenn man einen der Mitgründe der Suspendierung beachtet: Man sah sich zu dieser Handlung gezwungen, weil die Bestimmungen der Bahn vorsehen, dass Minderjährige nicht des Zuges verwiesen werden dürfen. So sieht es also aus: Die Schaffnerin war nicht unmoralisch, kannte nur den Maßnahmenkatalog des Arbeitgebers nicht exakt. Sie wurde suspendiert, weil sie gegen eine Dienstanweisung verstieß, nicht weil sie ein unerträgliches Maß an fehlender Mitmenschlichkeit aufgezeigt hatte. Stellen wir uns vor, die Bahnbestimmungen würden einen solchen Passus nicht kennen: Die "Fanatikerin für Recht und Ordnung" wäre vielleicht noch im Dienst.

Die Schaffnerin ist ein Eichmann-Typus mit Mängel. Denn der "beliebige Hanswurst" (Hannah Arendt) hatte sein Regelwerk exakt im Kopf, wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er seine eigenen Spießbürgerlichkeiten zum Maßstab seines Handelns küren könnte. Nein, dazu gab es Vorschriften, die er strikt und ohne Hinterfragen anwandte. Er war nur der Hammer, der den Nägeln zum Eindringen verhelfen sollte - derjenige, der das Ziel des Einhämmerns markierte, war er nicht. Einmal soll er ein Konzentrationslager besucht und sich dabei übergeben haben - fortan war der moralische Aspekt, d.h. das eigentliche Motiv seines Tuns, aus dem Denken verbannt; fortan war sein Schreibtisch das Schlachtfeld seines bürokratischen Treibens. Bei aller Kritik an Eichmann, muß man Arendts Betrachtungsweise zu seiner Person doch zustimmen: Er war nicht unmoralisch, er war nicht getrieben von Judenhass, er war einfach nur "schier gedankenlos" und "realitätsfern" - er war nur alltäglich, nur banal, war nur Ausdruck der "Banalität des Bösen".

Unsere Schaffnerin ist auch nur alltäglich, sicherlich kein Aushängeschild mitmenschlicher Lebensphilosophie - aber ein Eichmann im klassischen Sinne ist sie nicht. Sie hatte das Regelwerk nicht im Kopf und hat ihre eigene verkrüppelte Unmenschlichkeit zum Maßstab gemacht, der es ihr erlaubte, so herzlos gegen dieses "schmarotzende Kind" vorzugehen. Zudem kann in einer Gesellschaft, die medial aufbereitet an jeder Ecke Schmarotzer und Parasiten vermutet, eine solch degenerierte Humanität nicht verwundern. Die Unmenschlichkeit ist solchen bornierten, zur eigenständigen Denkweise unfähigen Zeitgenossen auch nur ins Handeln eingepflanzt, quasi zur gesellschaftlichen Konvention erhoben, die sie dann in jedem alltäglichen Bereich aufbereiten, immer versteckt hinter Regelwerken und Gesetzen. Nur diesmal irrte sich einer dieser Eichmann-Typen, konnte sich nicht hinter Bestimmungen verstecken, weil diese nämlich das glatte Gegenteil dessen ausdrückten, was der Eichmann schlußendlich tat.

Was also bei der Schaffnerin zum Tragen kommt, ist womöglich die Verschärfung des eichmännischen Prinzips, denn zum Handeln gesellt sich nicht "geistiger Stillstand" und damit kritikloses Vorgehen, sondern die kleinkarierte Bösartigkeit des Alltags, mit der es erlaubt ist, seine eigenen Vorurteile, seine Aversionen, seine Unmenschlichkeit und Härte zum Imperativ innerhalb eines Büros, eines Zugabteils oder eines Klassenzimmers zu machen. Dieser Typus des bürokratisierten Technokraten, der uns in Amtszimmern genauso begegnet wie im Zug oder schlicht an der Tankstelle, ist die Zuspitzung des Adolf Eichmann, die Verschlimmerung des vormals schon Schlimmen. Er ist der Alltagsfaschist, der aus jeder Lappalie einen Verwaltungsakt, aus allen Nichtigkeiten bürokratische Kraken formt. Und im Gegensatz zum historischen Eichmann hat dieser moderne Typus, frustriert durch ein oftmals erbärmliches Leben im (zwar satten) Materialismus, verdummt durch Medien und verblödet durch Gleichschaltung, oft depressiv ob eines unterdrückten Individualismus, eine wahre Freude an der praktizierten Misanthropie, an der Niedertracht und Hinterlistigkeit, an der Boshaftigkeit am Nächsten.

Eichmann kümmerte sich nicht um seine Opfer - ihm war egal ob sie brennen oder frei herumlaufen durften. Nur die Vorschrift verband ihn mit seinen Opfern. Der neue Typus des alten Trottels allerdings, sieht sich mit seinem Opfer durch mehr verbunden. Freilich auch durch die Vorschrift, aber diese dient vorallem dazu, die eigene ethische Verkrüppelung zu verschleiern. Er fühlt sich seinen Opfern verbunden, weil er an ihnen seine Sadismen ausleben darf, dafür auch noch bezahlt wird - darin liegt die Würze seines erbärmlichen Daseins. Ohne seine Opfer, wäre er ein großes Nichts, könnte er nicht einmal die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit ausleben, wäre auf ewig nur derjenige, der "ganz unten" steht.

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Das Fundament des elitären Klassenbewußtseins

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Ist eine Gesellschaft, die offen von "sozial Schwachen" und "bildungsfernen Schichten" spricht, eingebettet in ein sozialdarwinistisches Fundament? Meint eine solche Gesellschaft etwa damit, dass Armut und mangelnde Bildung vererbte Mängel sind? Oder handelt es sich bei solchen und ähnlichen Begrifflichkeiten nur um unglücklich gewählte Wortkonstrukte?

Dazu ein kurzer Abriss zur Geschichte der Evolutionstheorie: Charles Darwin weigerte sich viele Jahre, seine gewonnenen Erkenntnisse zu veröffentlichen. Er scheute den Konflikt mit der Religion, die ja seit Jahrhunderten von der Unveränderbarkeit der Natur und der Kreaturen predigte - Darwin aber hatte erkannt, dass diese Unveränderbarkeit ein Märchen sein muß. Als er sich dann doch dazu entschloss, seine Theorie offenzulegen - vielmehr wurde er dazu genötigt, weil ein anderer Laienwissenschaftler Darwins Theorie unabhängig von ihm erahnte - entstand tatsächlich ein wissenschaftlicher Disput darüber, inwiefern die Evolutionstheorie mit der Religion vereinbar sei.
Während sich diese Form der religiösen Auseinandersetzung nur in England verbreitete, wurde um den Darwinismus - wie die Theorie nun immer öfter genannt wurde - in Deutschland ganz anders gerungen. Ernst Haeckel vertrat die Positionen der Evolutionstheorie, während Rudolf Virchow sie strikt leugnete. Dies tat letzterer nicht, weil die Theorie womöglich irrig wäre, sondern weil sie nicht ins politische Konzept paßte, besser verschwiegen werden sollte, um den Status quo nicht zu gefährden. Der begeisterte Darwinist Haeckel baute die Theorie allerdings aus und verband sie mit dem damals grassierenden Nationalismus. Er radikalisierte Darwins Theorie dahingehend, in der Vererbung die Grundlage allen Existierenden erkennen zu wollen - und vorallem hievte er die Theorie in Sphären menschlicher Gesellschaft. Darwin hatte sich strikt geweigert, die Evolutionstheorie anhand des Menschen zu erklären. Aus dieser Radikalisierung erwuchs überdimensionales Herrenmenschengehabe, offener Rassismus und die ersten Anklänge einer Untermenschentheorie. Da Blut alles war, da auch Intelligenz, Fleiß, Leistungsfähigkeit und dergleichen vererbt würden und nicht Produkt der Lebensverhältnisse seien, so schlußfolgerte man aus dem Haeckelismus, könne man durch eine gelenkte Zuchtwahl die positiven Erbanteile expandieren, gleichzeitig die negativen und unwerten Erbträger zurückdrängen. Dies habe mittels Sterilisationen und "erbgesunden Eheverhältnissen" zu geschehen. Die Evolutionstheorie in Deutschland hatte also keinen wirklichen Verfechter, die Diskussion war geprägt von Leugnern der Theorie und von denen, die die Theorie aus ihren niederträchtigen Gefühlen heraus interpretierten.
Der Schritt von der Sterilisation zur Tötung minderwertigen Lebens war nurmehr ein kleiner, wenngleich dieser erst mit Etablierung des Dritten Reiches zur realpolitischen Möglichkeit wurde. Davor wurde aber munter darüber spekuliert, wie man "erbungesunde Subjekte" entfernen könnte. Jetzt war der Sozialdarwinismus deutscher Schule nicht mehr auf Deutschland alleine beschränkt, sondern fand im angelsächsischen Raum Anklang. Ab 1907 verabschiedeten viele US-amerikanische Bundesstaaten Sterilisationsgesetze, die es erlaubten, "Epileptiker, Schwachsinnige und Geistesschwache" von Nachwuchs zu befreien. In einigen Fällen wurden sogar Kastrationen vorgenommen. Die Eugenik war Kind seiner Zeit, nicht alleine nationalsozialistisches Sektierertum, sondern schon vormals, seit geraumer Zeit, geisterten Herrenmenschengehabe und Untermenschentum in den Köpfen der Eliten herum. Und dies nicht nur in deutschen Köpfen, sondern überall in der industrialisierten Welt.
Der Sozialdarwinismus, Hand in Hand mit seinem Bruder, dem Evolutionsrassismus, wurde zur Weltanschauung des Bürgertums. Eines Bürgertums, welches sich mehr und mehr als Elite verstand, als Prätorianergarde ihrer jeweiligen Nation. Hierbei berief man sich vorallem auf die Schriften Herbert Spencers, in denen er Mildtätigkeit und Hilfsbereitschaft am Armen als Zeichen von Schwäche wertete. Denn damit würde man den "Kampf ums Dasein" und das "Überleben des Stärksten" unnatürlich beeinflussen und dem Armen (durch Vererbung) zu Vorteilen verhelfen, die für ihn von Natur aus nicht vorgesehen waren - man würde also die Natur verfälschen. Noch Jahrzehnte nach Spencers Tod, würde ein "böhmischer Gefreiter" ganz im Sinne Spencers argumentieren - manchmal so wortgetreu, dass man davon ausgehen muß, dass Hitler Spencers Schriften kannte. Durch Spencer war die Gesellschaftstheorie zum Naturgesetz erklärt worden und die Eliten aller Herren Länder konnten sich wohlig von jeglicher sozialen Verantwortung drücken, konnten weiterhin ausbeuten und Pression ausüben, weil dies ja ausdrücklich dem Naturgesetz entspräche.

Wenn heute selbsterklärte Eliten von "sozial Schwachen" und "bildungsfernen Schichten", wenn sie zudem von sogenannten "Sozialhilfekarrieren" sprechen, die "generationenübergreifend fortgeführt" werden, dann sieht es doch sehr danach aus, als ob eine altbewährte Theorie wiederbelebt worden wäre. Während Friedrich Merz frohen Mutes von "Sozialhilfefamilien" sprechen darf, in denen der soziale Status quasi vererbt würde, fabuliert Oswald Metzger davon, wie Menschen den ganzen Tag betrunken und vollgefressen vor dem Fernsehgerät sitzen, und ihre Kinder zukünftig in gleicher Weise vor sich dahinvegetieren werden. Gleichzeitig erklären die Eliten, dass das deutsche Bildungssystem durchlässig sei, dass jeder eine Chance erhielte, wenn er nur qualifiziert genug sei - dabei außer Acht lassend, dass gerade in Deutschland - so wie nirgends sonst in Europa - kaum Kinder aus der Unter- oder Arbeiterschicht in den Genuss eines Studiums kommen. Die frühe Selektion derer, die auf das Gymnasium gehen werden, der damit vorgezeichnete Weg bereits ab dem zehnten Lebensjahr, will sich die Elite zudem bewahren - eine Einheitsschule, mit der Möglichkeit später höhere Schulen - vielleicht ab der achten oder neunten Klasse - zu besuchen, kommt für sie nicht in Frage. Ihre Kinder sollen dem Elitestatus gemäß geschult werden.

Im Wirken der Eliten, gerade im letzten Punkt betreffend dem Schulsystem, wird erkennbar, dass sie nicht im System oder den Lebensverhältnissen die Grundlage der Ungleichheit erkennen. Mutig genug, im Blut, in den Genen, kurz: in der Vererbung, die mögliche Ungleichheit zu vermuten, sind sie freilich in Zeiten politischer Verbalkorrektheit nicht. Aber der Unterton schwingt mit, wenn sie ganze Familien als faules, nichtsnutziges Gesindel stilisieren, wenn sie Arme zu "sozial Schwachen" degradieren, wenn sie das Schulsystem trotz aller offensichtlichen Mängel als funktionierend betrachten. Schuld ist in ihren Augen nicht die Welt, wie sie ist - nicht das System, nicht Ausbeutung, nicht Unterdrückung, nicht die Armut. Schuld hat das Individuum - in ihm liegt der Grund der Schuldigkeit. Es liegt ihm quasi im Blut, ist seine persönliche biologische Konditionierung und ist, so muß man schlußfolgern, eben Ausdruck seiner Vererbung. Er ist leistungsschwach, weil sein Vater nur Hilfskraft war; er ist dumm, weil seine Mutter die Hauptschule abbrach oder die Sonderschule besuchte - dass Leistungsschwäche und "Dummheit" womöglich auf ein falsches Schulwesen, auf die Armut der Eltern oder auf die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber Unterschichtenkindern zurückzuführen ist, auf diese Idee kommen die Eliten freilich nicht. Dürfen sie gar nicht kommen, wenn sie ihr selbsterrichtetes Weltbild nicht zerstören, wenn sie darin weiter in wohliger Weltentrücktheit leben wollen. Und wie sie eine Karriere, wie die des Albert Camus, erklären wollen, bleibt im Nebel ihrer bornierten Weltsicht gefangen. Denn Camus war Kind einer Analphabetin, die zudem nicht mit großem Intellekt gesegnet war - als Camus 1957 den Literaturnobelpreis erhielt, konnte seine Mutter nicht verstehen, was dies genau bedeuten soll. Würde die Erblehre zutreffen, die so unterschwellig das Weltbild unserer Eliten kennzeichnet, so wäre Camus niemals über den Status eines Hilfsarbeiters hinausgekommen.

Aber man muß es in drastischer Form klar formulieren: Wer heute so auftritt, wer leugnet, dass die reale Welt die Hauptschuld für soziale Ungleichheit trägt, wer damit einem (meist) latenten Sozialdarwinismus frönt, in dem er die Schuld in den Genen des Dummen, Armen, Kranken oder Leistungsschwachen sieht, der ist Bestandteil einer alten Tradition, in der von "Erbungesunden" gesprochen wurde und in der es kein Tabu mehr war, von eugenischen Radikalschritten zu schwärmen. Auschwitz nahm seinen Anfang eben nicht mit Hitlers Machtergreifung, sondern schon lange vorher - der Massenmord an Juden, Sinti und Roma, an Homosexuellen, Kranken und Behinderten, fand bereits Jahrzehnte vorher in den Köpfen der Eliten statt. Und noch etwas ist zu erwähnen: Politische Gegner und Oppositionelle wurden im Dritten Reich verfolgt und als krank betrachtet, als gesellschaftszersetzende Elemente begriffen - der Sozialdarwinismus hat es erlaubt, aus jedem Mißliebigen einen "erbkranken Idioten" zu machen. Mit dieser Scheinwissenschaftlichkeit läßt sich das elitäre Bürgertum seit mehr als einem Jahrhundert blenden - und heute wieder mehr denn je.

Wer sich also in solcher Weise äußert, genauer: wer sich in solcher sozialdarwinistischen Weise äußert, der muß sich gefallen lassen, dass man ihn als Jünger von Auschwitz bezeichnet - als jemanden, der aus der Geschichte nicht gelernt, für die Zukunft nichts begriffen hat. Freilich werden solche Zeitgenossen einen solchen Einspruch nur schwerlich dulden, werden sich soetwas nicht gefallen lassen wollen. Aber hätte man jene Sozialdarwinisten vor der Auschwitz-Ära mit Auschwitz konfrontiert, mit der Zukunft also, die aus dem Sozialdarwinismus erblühte, so hätten sie sich einen Vergleich mit den Zukünftigen auch verbeten. Auch hier stehen die heutigen Jünger ihren Vorfahren im Geiste, in nichts nach...

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Nomen non est omen

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Heute: "Sozial schwach/bildungsferne Schichten"
„Angesichts der gestiegenen Energiekosten-Lasten gerade für sozial schwache Menschen werde voraussichtlich ein Bündel von Maßnahmen geschnürt."
- Handelsblatt am 5. Juni 2008 zum Vorhaben der SPD -
"Es scheint für bildungsferne Schichten interessanter zu sein, in etwas zu investieren, was sich lohnt."
- Jörg Dräger, Wissenschaftssenator Hamburgs, bei Spiegel Online am 8. April 2008 -
Um das Wort der Unterschicht und damit ein neues altes Klassendenken zu vermeiden, werden Wortphrasen wie "sozial schwache Menschen" oder "bildungsferne Schichten" bevorzugt. Schließlich gäbe es, laut dem ehemaligen SPD Arbeitsminister Müntefering, in Deutschland keine Unterschichten, sondern nur Menschen, die es schwer haben. Das Schlagwort "sozial schwach" wird als Bezeichnung für Menschen mit wenigen finanziellen Ressourcen verwendet. Da der Begriff jedoch impliziert, dass ein Mensch mit wenig Geld zugleich auch soziale Probleme schürt oder besitzt, wie z.B. Kriminalität, Alkoholkonsum oder mangelnde Kommunikationskompetenzen, ist der Begriff diskriminierend. Einen generellen kausalen Zusammenhang herzustellen, dass wenig Geld gleich wenig Mensch bedeutet, ist menschenverachtend. Ähnlich verhält es sich bei dem verwandten Begriff der bildungsfernen Schichten. Hier werden finanziell schwachen Menschen zugleich unterstellt, sie seien dumm. Bei beiden Begriffen geht es darum finanziell ärmeren Menschen generelle Eigenschaften zuzuweisen ohne sie direkt als arme Menschen oder Unterschicht klassifizieren zu müssen. Sozial schwach sind im eigentlichen Sinne des Wortes eher Menschen, denen das Leid anderer völlig egal ist. Denn sozial bedeutet eben nicht grenzenloser Egoismus und Kosten-Nutzen-Kalkül, sondern Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit und Altruismus. Der Begriff der bildungsfernen Schichten würde eher zu vielen Politikern und Unternehmern passen, deren Sinn für Realität völlig verzerrt ist und die offensichtlich sämtlicher Bildung fern geblieben sind.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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