De dicto

Mittwoch, 9. April 2008

"Ich sehe das Potential darin, dass auch in Heiligendamm so viele junge Leute da waren. Ihnen fehlt aber ein theoretischer Unterbau. Das führt dazu, dass das Engagement relativ schnell wieder weg ist. Das war damals anders. Die Apo hatte den Anspruch, Theorien und Vorstellungen darüber zu entwickeln..."
- Netzeitung, Hans-Christian Ströbele am 8. April 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Was Ströbele hier anspricht ist durchaus zutreffend. Es fehlt der aktuellen außerparlamentarischen Bewegung, sofern sie diesen Namen überhaupt verdient, an fundierter Grundlage, an einem utopisch gesitteten Idealismus. Freilich ist damit keine Utopie gemeint, die als Heilsvorstellung im Raume schwebt, wie es für den Christen der Garten Eden tut oder wie es dem Sozialdemokraten um 1900 die in der Ferne liegende Weltrevolution war. Der "Nicht-Ort" (griech.: u- für nicht; tópos für Ort) hat als Sturmbock (Henri Lefebvre) zu fungieren, muß mit den Worten Oscar Wildes begriffen werden: "Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien." - Kurzum: Eine emanzipatorisch gesinnte Bewegung, die die gängige politische Praxis, das Wirtschaftsgefüge verändert wissen will, kann es sich nicht leisten, das Träumen als wesentlichen Faktor menschlichen Strebens auszuklammern. Hält die Bewegung aber Distanz zum erträumten Idealzustand einer Gesellschaft - wie auch immer der aussehen mag; dies ist hier nicht relevant -, und bewegt sich zu allem Überdruss im Rahmen der reglementierten Bewegungsabläufe des bekämpften Systems, so mutet jegliches Demonstrieren als öder Zeitvertreib an.

Derartiger Aktionismus im Zuwiderhandeln gegen den zu bekämpfenden Zustand, muß als wackeliges Konstrukt begriffen werden, weil es an Fundamenten mangelt. All das mag an der vermeintlichen Ideologiefeindlichkeit unserer Tage liegen. Aufbauend auf die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, scheuen sich viele Menschen, sich an Thesen und Fakten zu bedienen, die auch nur nach Dogmatik riechen könnten. Aber wo würde die Menschheit landen, wenn man sich gewisser Ideologien verschließt? Ist nicht der Respekt vor dem Mitmenschen eine Schlußfolgerung aus diversen Ideologien, aus dem Christentum, das offiziell als Religion geführt wird, aber letztendlich doch nur ideologisches Sammelsurium verschiedener Weisheiten, Einsichten und Ressentiments ist? Ist nicht im Grunde jeder Lebensentwurf eine Folge subjektiver Ideologie, die man sich im Laufe eines Lebens, im Zuge eines unerschöpflichen Repertoires an Erfahrungen zurechtgeschustert hat?
Was aufklärerisch wirkt, was die Emanzipation des Individuums fördert, muß nicht zwangsläufig als Ideologie durchgehen. In diesen Tagen ist man schnell mit jenem Prädikat zur Hand. Fordert man höhere Arbeitslosengelder oder eine höhere Besteuerung von Besserverdienenden, so wird man umgehend zum "kommunistischen Ideologen" ernannt, der nur darauf aus ist, seine Dogmen durchzuboxen.

Zur historisch verständlichen Ideologiefeindlichkeit gesellt sich wohl eines der fundamentalsten Probleme unserer Zeit. Jenes, das kaum erkannt, nur als eine Randerscheinung thematisiert wird. Geschlagen mit einer "Sprache der Sprachlosigkeit", einem optimistisch gehaltenen Wirtschaftsjargon, fällt es schwer, sich politischer Mißstände überhaupt bewußt zu werden. Und wird man sich doch - auf Umwegen - bewußt, dass - um ein Beispiel zu nennen - die "Privatisierung" eben kein Vorgang vernunftbezogenen Rückzuges des Staates ist, um die Kompetenz eines Privatunternehmens ans Ruder zu lassen, sondern lediglich damit die "Privatisierung der Profite" gemeint ist, die zudem nicht selten mit der "Vergesellschaftung der Unternehmensverluste" einhergeht, so erlaubt dies Vokabular kaum Ansatzpunkte, die eine deutliche Kritik erlauben würden. Wenn das Kind nicht beim Namen genannt wird, läßt es sich nicht einordnen, nicht bewerten, nicht fassen.

Und so gleichen die heutigen Maßnahmen, ob beim G8-Gipfel oder bei Bush-Besuchen, dem bunten Treiben eines Volksfestes. Es darf als "Event" verstanden werden, wenn bei Brötchen und Bier Parolen geschwungen werden. Alles bewegt sich dabei im Rahmen des Gegebenen. Zwar umgeht man Absperrungen, liefert sich zuweilen Straßenkämpfe mit der Polizei, aber die Forderung sind dermaßen banal in die herrschenden Zustände gebettet, dass damit keine Veränderung zu erzielen ist. Und weil also ein fundiertes Weltbild fehlt, will man nur Zugeständnisse, nicht aber wirkliche Veränderungen.

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