Kleine Leute in ihren noch kleineren Wohnungen

Montag, 20. Juni 2016

Die Gedanken von Barbara Hendricks zur sozialen Wohnungsnot wären an sich ja lobenswert gewesen. Tatsächlich fehlt es an bezahlbarem Wohnraum. Aber trotzdem verraten ihre Ausführungen etwas darüber, wie die gängige Politik über die arbeitenden Menschen denkt oder mindestens wie sie sie gerne haben möchte. Sie hatte behauptet, dass Alleinstehende eh mehr oder weniger nur zum Schlafen nach Hause gingen. Simples Menschenbild: Er soll es kompakt und effektiv halten. Benötigt wenig Raum, viel Arbeit, zwischendrin ein bisschen Schlaf. Lebensqualität ist da kein Kriterium. Dormi et labora. Schlafe und arbeite. Lebe lieber monastisch. Ohne Ansprüche, ganz bescheiden. In den eigenen vier Schuhkartonwänden. 30 Quadratmeter reichen pro Person, glaubt die Ministerin. Rein funktionell betrachtet mag das zutreffen. Aber sind das Perspektiven? Lebt der Mensch also nur, damit er möglichst wenig Platz einnimmt?

Wer Menschen solche Aussichten achselzuckend als eine Normalität verkauft, mit der sie sich abzufinden haben, der braucht sich grundsätzlich doch gar nicht mehr zu wundern, wenn man ihn als verzichtbaren Interessensvertreter bewertet. Wenn man spöttisch auflacht, weil er meint, er müsse sich der Probleme der Bürger widmen. Wer so beweist, dass er vom Leben normaler Bürger keine Ahnung hat, der disqualifiziert sich und nährt Politikverdrossenheit und diese nihilistische Haltung, die dieser Tage in seltsame Alternativpolitik abbiegt, in der man sich aufgerieben zwischen Lügenpresse und Lügenpolitiker wähnt. Solche Aussagen führen dazu, dass Menschen sich bestätigt fühlen, wenn sie zu Alternativen abwandern, die ganz sicher nicht besser sind, die aber eben auch noch nicht über Jahre bewiesen haben, dass sie mindestens so weltfremd sind wie jene, die sich jetzt über Jahrzehnte etabliert haben und 30 Quadratmeter zu einem ausreichenden Lebensraum erklären.

45 Quadratmeter galt lange Zeit als Faustformel für den Wohnraum von alleinstehenden Langzeitarbeitslosen. Diese Zahl ist insofern überholt, dass Sozialgerichte die gängige Praxis, leistungsberechtigte Singles aus einer 47-Quadratmeter-Wohnung zu pressen, als nicht zulässig einstuften. Dennoch hielten Gerichte eine ungefähre Wohnraumgröße in diesem Rahmen für angemessen. Experten sagten, dass das zwar nicht viel sei, aber durchaus vertretbar. Nun also glaubt Hendricks, dass dieses Mindestmaß, dieser Existenzminimumswohnraum auch schon zu viel sei, weil der moderne Mensch heute, sofern Single und nicht in die Jahre gekommen, ja nur noch daheim pennt, nachdem er sich was in die Mikrowelle geschoben hat. Das ist vielleicht wirklich der traurige Alltag von Menschen, die leben um zu arbeiten, die mehr auf Arbeit und beim Pendeln sind, als in erholender Freizeit. Statt solchen Entwicklungen entgegenzuwirken, glaubt sie sich als pragmatische Politikerin, weil sie vor diesem Lebenstakt kapituliert und das Beste aus dem Schlechten machen möchte.

Bei einem Leben auf 30 Quadratmeter bleibt die Lebensqualität auf der Strecke. Wohin mit Gästen? Kann mal jemand übernachten? Man wohnt, isst, schläft in einem Raum. Ist das der Luxus einer Gesellschaft, die täglich reicher wird? Jeder gekaufte Putzeimer wird zum Problem. Wohin mit dem Teil? Klar, man kann so leben. Es ist funktionell. Ein erweitertes Hotelzimmer mit Küchenzeile. Aber wie soll man da sesshaft werden, zur Ruhe kommen, sich wohlfühlen? Man bewohnt, man haust nur, wo man eigentlich leben sollte.

Solche Wohnräume als wegweisend zu postulieren und gleich noch für einen Bau solcher Wohnboxen werben, das zeugt vom Einknicken der Politik vor dem, was sie Sachzwänge nennt. Statt diesen Zwängen den Puls zu fühlen, den Wohnraum stärker per gesetzlichen Eingriff zu verbilligen, den sozialen Wohnungsbau neu aufblühen zu lassen, ersinnt man pragmatische Lösungen wie jene, den teuren Wohnraum einfach zu minimieren, damit er eben nicht mehr ganz so teuer ist. Man reduziert ja schließlich auch das Hackfleisch für den falschen Hasen, wenn es nicht im Angebot ist, tut stattdessen etwas mehr Semmelbrösel hinein.

Im Grunde ist es doch so: Wenn die Vertreter der Politik so tun, als sei nichts dabei, fortwährend die Verschlechterung der Lebensverhältnisse der kleinen Leute als ganz normale Dynamik hinzustellen, die man einfach so zur Kenntnis nehmen muss und aus der man das Beste zu machen habe, dann muss man sich nicht wundern, dass die Menschen abwandern. Sei es nun auf die falsche Seite, zu politischen Gauleitern oder eben in einen Eskapismus von der Wahlurne. Insbesondere wenn diese Überbringer solcher pragmatischen Lösungsansätze aus einem Lager kommen, das vormals mal als Anwalt kleiner Leute galt. Wer nun diese kleinen Leute in noch kleinere Wohnungen stecken will, der meint es sicherlich nicht ansatzweise ernst mit dem sozialdemokratischen Neuaufbruch.

11 Kommentare:

Mordred 20. Juni 2016 um 10:35  

"Im Grunde ist es doch so: Wenn die Vertreter der Politik so tun, als sei nichts dabei, fortwährend die Verschlechterung der Lebensverhältnisse der kleinen Leute als ganz normale Dynamik hinzustellen, die man einfach so zur Kenntnis nehmen muss und aus der man das Beste zu machen habe, dann muss man sich nicht wundern, dass die Menschen abwandern. Sei es nun auf die falsche Seite, zu politischen Gauleitern oder eben in einen Eskapismus von der Wahlurne. Insbesondere wenn diese Überbringer solcher pragmatischen Lösungsansätze aus einem Lager kommen, das vormals mal als Anwalt kleiner Leute galt. Wer nun diese kleinen Leute in noch kleinere Wohnungen stecken will, der meint es sicherlich nicht ansatzweise ernst mit dem sozialdemokratischen Neuaufbruch."
so sieht es aus.
ich kenne das noch aus meiner studentenzeit von diversen kumpels/kumpelinen vor 10-15 jahren. ja, man kann auf low budget für ein paar jahre so leben, wenn man die aussicht hat, da definitiv rauszukommen. aber sowas für "erwachsene"? du hast da nen minibadzimmer, welches fürs türzumachen gewisse akrobatik verlangt. der rest ist ein raum. du kannst da nicht nur keinen einladen, weil nen zweiter stuhl schon eng wird, sondern du kannst jenseits von bekleidung und lebensmitteln nix unterbringen. nen bett 1,4*2m? muss man schon überlegen.
die leute dauerhaft in 30qm zu pressen, hat nicht nur was mit verschlechterung der lebensqualität zu tun. das ist schlicht keine lebensqualität mehr.

Anonym 20. Juni 2016 um 18:51  

Ich sage:
1. Da sieht man mal wieder, wofür Kapitalismus taugt und wofür eben gerade nicht. AUf die Idee, dass der Wohnruam in zweierlei Richtungen bezahlbar zu machen wäre, kommt natürlich keiner, weil solcherlei Gedanken der blanke Kommunismus wären.
2. Von Hong Kong lernen heißt siegen lernen im Bereich kleiner Wohnungen. Die sind so fortschrittlich, dass man da bereits bei der Käfighaltung für Menschen angekommen ist!

Anonym 20. Juni 2016 um 22:30  

....das zeigt doch nur was für ein Dreckspack diese Regierenden sind....

Gunnar Wilhelmi 21. Juni 2016 um 07:31  

Ich weiß gar nicht, wozu die Diskussion? Zwei Quadratmeter reichen doch völlig aus!
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/armut-in-hongkong-der-kaefig-als-letztes-zuhause-1858608.html
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/zwei-quadratmeter-hongkong
Ironie aus!

Anonym 21. Juni 2016 um 10:52  

Vielleicht mal eine Meinung aus der Praxis dazu: Ich selbst arbeite in München und wohne (auch aus Kostengründen) in einer Vorstadt von München auf ~35m². Natürlich ist die Wohnungssituation in und um München nochmal besonders schlecht. Dennoch oder gerade deshalb sollte aus der Ecke berichtet werden. Ich würde mich jetzt nicht unbedingt als Schlechtverdiener bezeichnen und könnte mir, wenn ich wirklich wollte, auch eine größere Wohnung leisten. Dann könnte ich allerdings kein Geld mehr für Notfälle zurücklegen. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich lebe selbst auf recht engem Raum und möchte daher ein wenig "aus dem Nähkästchen" plaudern.
Tatsächlich bin ich nicht häufig zu Hause und arbeite recht viel (wobei ich wohl noch den Vorteil habe, dass mir meine Arbeit tatsächlich Spaß macht). Dennoch wären ein paar m² mehr in der Wohnung durchaus wünschenswert. Meine Küche beschränkt sich auf zwei Herdplatten, eine Mikrowelle und die Spüle (die Arbeitsfläche wird vollständig von der Mikrowelle in Anspruch genommen). Da ernsthaft zu kochen, kann man ziemlich vergessen. Essen kann ich übrigens nur an meinem Schreibtisch. An einen extra Esstisch ist nicht zu denken.
Jedes Wochenende, wenn ich meine Wäsche mache (für eine eigene Waschmaschine habe ich übrigens nicht einmal einen Anschluss, stattdessen muss ich die Gemeinschaftsmaschinen im Keller nutzen, die jedes Mal 1,50€/Wäsche kosten), steht der freie Teil meiner Wohnung mit Wäscheständern voll. Dieser freie Teil ist übrigens auch mit einem aufblasbaren Gästebett belegt, sollte ich mal Besuch haben.
Vielleicht sollte ich ja mal Frau Hendricks einladen, für ein paar Wochen mit mir zu tauschen. Dann will ich mal sehen, ob ihr das noch immer reicht ;)

Anonym 21. Juni 2016 um 10:56  

Viel schlimmer in dieser mal totgeglaubten klassengesellschaft ist doch, dass mit hohen Sozialhilfegaben der Oberschicht die zig Quadratmeter Räumen "bewilligt" werden!! Wohnungsnot ist doch muttlerweile nur ein Deck- und Druckmittel damit "gehobene Luxuswohnungen" gebaut werden können!(damit alle als Hindernisse angesehenen zwangsmaßnahmen des Staates ausgesetzt werden können....freiheit für die Investoren- und ImmobilienOligarchien!) Dringend müssen wir die Sozialhilfeunterstützung in Form von Steuervergünstigungen oder Bezuschußungen im auge des Orkans sehen! Siehe Elbphilarmonie: dort wurden mit Sozialhilfe Luxus gebaut! Oder den berühmten Golfplatz http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-in-melilla-grenze-mit-handicap-1.2262877 ....

HB 21. Juni 2016 um 13:55  

Die Qualität des privaten Rückzugsraumes, der interessanter Weise allgemein mal als Wohnung, mal als 'Dach über dem Kopf' bezeichnet wird, ist nicht in erster Linie eine Frage der Quantität von Quadratmetern, sondern von fundamentalen, strukturellen Qualitäten, wie Orientierung zur Sonne, das Verhältnis von Rückzugs- und Kontaktmöglichkeiten zum Anderen / Nachbarn, Intelligenz der Grundrisstruktur, Ausblick, sozialem und natürlichem Umfeld etc. und einer Vielzahl von Details, neben gar nicht nebensächlichen Fragen von Materialien.

Das verbreitet bekannte Wort vom "Dach über dem Kopf" ist ein guter Verweis auf die Tatsache, dass derlei Qualitäten nur zu oft im sogenannten "Wohnungsbau", insbesondere an unteren Kostenkennwerten wie dem sog. "sozialen Wohnungsbau", fast keine bis keine Rolle mehr spielen. - Das war auch schon mal anders.

Daran haben die unterschiedlichen Akteure unterschiedliche Anteile, na klar:

- soft-skills orientierte, sach- und fachverständige Planung wird, inzwischen seit einigen Jahrzehnten, von öffentlichen wie privaten Investoren als verzichtbarer Aufwand im Wohnungsbau gesehen; seltene Ausnahmen bestätigen die Regel
- in der Bauproduktion zählt PROFIT, d.h. materieller (+ personaler!) Input im Verhältnis zu materiellem Output
- in der Politik regulieren die "Sachzwänge" und unfassbar viel systemischer Unverstand die Dinge
- und beim Nutzer mangelt es fundamental an Verständnis für erforderliche / zu fordernde Qualitäten - warum eigentlich ist eine Frage, die letztlich herrschende Bildungsvorstellungen und ihre Programme auf den Schirm bekäme.

Prinzipiell kann man, könnte man, entschieden billigeren, deutlich qualitätsvolleren Wohnungsbau betreiben; dazu ist außerordentlich umfangreiches Wissen da (neben wenigen, vorzeigbaren Projekten). Dazu müsste allerdings das Gemeinwohl und das Wohl jedes einzelnen Menschen im Zentrum sozio-kultureller Entwicklung, gesellschaftlichen Wollens und politischer Entscheidungen stehen.

Vor diesem Hintergrund ist eine auf Quadratmeter reduzierte Qualitätsdebatte eine sehr trübsinnig stimmende Debatte.
Besser als überhaupt kein Widerstand, na klar.

Mordred 21. Juni 2016 um 14:41  

Anonym 21. Juni 2016 um 10:52:
Lass mich raten: Du bist Single, u30 und kannst zu 99,9% davon ausgehen, innerhalb sagen wir 5 Jahren oder so, mehr zu verdienen, ne familie zu gründen, größe bude...
könntst Du Dir vorstellen, so wie jetzt ein Leben lang zu wohnen?

HB 21. Juni 2016 um 20:58  

Du meinst doch wohl nicht mich?

Falls doch: ziemlich daneben und insofern: bemerkenswerter Kommentar.
Ich nehme es dann als Kompliment und also: Danke.

Anonym 23. Juni 2016 um 17:46  

...frei nach Max Liebermann:
" Man kann garnicht soviel fressen, wie man kotzen möchte!"
... und die sozialdemnokratischen Ratten nagen auch noch am allerletzten Hungertuch des Proleten!
Wenn jetzt sogar noch darum gerungen werden muss, das der, fder"bezahlbaren" Wohnraum hat, diesen nicht weiter nutzen darf, da er ja, als "Volksschädling" zuviel des Kapitalobjektes hat ( man könnte ja - mit z.B. "Studentenunterkünften" wesentlich mehr einnehmen ( --> Rendite erwirtschaften, "Blut und kleine Knöchelchen" rauspressen)- dann weiß man, wie der Laden läuft, wie diese BananenRepublik "T"äuschland strukturiert ist und warum der kleine Mann niemals mit dem "Allerwertesten" an die Wand kommt und das bißchen was er sich "abgeschwitz und abgewürgt" hat, für sein Wohlergehen nutzen kann/ darf!! ;-(((
Es ist ein verkommenes und überlebtes System, welches trotzdem dem Menschen als leuchtenende "Aurora" dargestellt wird!
Pfui Deibel --> Pfui, Pfui, Pfui!

vG Ralf

Anonym 24. Juni 2016 um 10:55  

Mordred 21. Juni 2016 um 14:41:
Zunächst mal: Ja, deine Einschätzung meiner Person kommt größtenteils hin. Dennoch glaube ich, dass du mich nicht ganz richtig einschätzt. Ich bin Studienabbrecher und war dadurch lange Zeit "in der Luft". Ich hatte enormes Glück, meine jetzige Stelle zu bekommen. Ich arbeite in einem mittelständischen Unternehmen und habe einen Chef, der der neokonservativen Ideologie nicht erlegen ist. Das ist wohl der einzige Grund, warum er es mit jemandem wie mir (mein Lebenslauf liest sich wirklich nicht besonders schön) überhaupt versucht hat. Hätte ich mich hier nicht beworben, würde ich mich wohl jetzt mit Hilfsarbeiten über Wasser halten müssen.
Des Weiteren dachte ich, dass ziemlich klar war, dass ich mir eine größere Wohnung wünsche (selbst, wenn ich keine Familie gründen sollte, was bei mir derzeit auch nicht auf dem Plan steht). Ich habe mich zwar (zwangsläufig) irgendwie mit der Wohnungssituation arrangiert (was evtl. auch daran liegt, dass ich bereits deutlich schlechter gewohnt habe), aber eine dauerhafte Lösung sollte das für niemanden sein. Das ist auch der Grund gewesen, warum ich über die Probleme mit einer so kleinen Wohnung berichten wollte. Um aufzuzeigen, dass das keine dauerhafte Lösung sein kann. Ich hoffe, das ist nun deutlich geworden.

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