Gegen das Vergessen

Freitag, 3. Juni 2016

Bauarbeiter am geplanten Berliner
Flughafen; sie haben vergessen, woran
sie arbeiten.
Vor einigen Wochen lief mir ein Bekannter über den Weg. Schlecht sah er aus. Braune Augenränder zierten sein Gesicht. Die glichen einer geschmacklosen Brille. Blass wie der Tod beim Friedhofsspaziergang war er außerdem. Ich traute mich kaum ihn zu fragen, was mit ihm geschehen war. Vielleicht war er ja ernstlich erkrankt. Mir wäre ein solches Geständnis nicht unangenehm, Offenheit ist stets zu begrüßen. Aber ich habe mir im Laufe meines Lebens zugestanden, dass ich mit Trost und Zuspruch kein so glückliches Händchen habe. Es fällt mir äußerst schwer, jemanden zu sagen, dass es sicherlich schon wieder wird. Ohne Befund und Fachmeinung neige ich eher dazu, keinen Kommentar abzusondern. Realist zu sein unterkühlt. Allerdings tat ich es dann doch und fragte ihn. »Ach hör auf«, rief er aus. »Handwerker, ich sag nur Handwerker!« Wir suchten uns eine Ecke, in die der nasskalte Wind nicht zog und er erzählte mir, was bei ihm Zuhause so vorging.

Seit fast eine Jahr habe er die Handwerker im Haus, fing er an zu erzählen. Sie hätten ihm den ganzen Boden im Schlafzimmer rausgerissen und den Estrich abgefräst. Den ganzen Tag hämmerten sie herum, spachtelten, rissen dort auf, machten drüben wieder dicht und wenn sie mal nichts Handwerkliches täten, würden sie schwatzen wie die Waschweiber. Er habe ja vor etwas mehr als einem Jahr seinen Angestelltenjob gekündigt und seine Selbstständigkeit ausgebaut, arbeite vom heimischen Schreibtisch aus. Konzentrieren könne er sich aber nicht, der stete Lärm mache ihn mürbe, raube ihm seine Gedanken. Als Folge blieben die Aufträge aus. Manche Aufträge musste er nochmal überarbeiten, was er dann am Sonntag tue, weil da die Handwerker unpässlich seien. Das Wohnzimmer fungiere als Lagerplatz für Zement, Fliesen und Bierkästen. Trotzdem schlafe er nun seit Monaten auf dem engen Sofa, das in diesem wohnlichen Lager stehe. Die Nächte seien lang, meist sehr schmerzhaft. Wenn er irgendwann wegen Erschöpfung doch einschlafe, wache er drei Stunden später völlig gerädert auf. Die Bandscheibe werde wohl bald zum Vorfall. Er könne seine Beine kaum durchdrücken am Morgen, so steif seien sie nach der Nachtruhe.

Kürzlich habe er den Vorarbeiter gefragt, ob und wann man denn mit Fertigstellung rechnen könne. Doch der wich nur aus. Als er ihn fragte, weswegen genau dieser oder jener Schritt notwendig sei, erhielt er auch keine klare Ansage. Zuletzt fragte er, ob man denn die Arbeiten nicht nur vormittags verrichten könne, damit er nachmittags Ruhe für seine Arbeit habe. Der Vorarbeiter nickte verständnisvoll, legte aber dar, dass sich dann die Massnahmen beträchtlich in die Länge ziehen würden. Mein Bekannter gab es auf und ließ alles wie es war. Fortan hämmern, spachteln und meiseln sie weiter wie die Henker. Gestern haben sie dann im Schlafzimmer auch noch die Wände aufgeklopft. Er habe nicht mal mehr gefragt, weshalb das nun nötig war.

»Warum in aller Welt hast du denn damals Handwerker bestellt?«, fragte ich ihn nach den Ausführungen über sein Martyrium. Er sah mich mit seinen Brillenaugen an, ein trauriges Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab und er zischte: »Ich weiß es nicht mehr.« Er hatte es tatsächlich vergessen, mit welcher Aktion die Tortur ihren Anfang nahm. Zu lange lagen die handwerkerlosen Zeiten zurück. Er kannte kein Leben vor dem Lärmen und dem Stauben mehr. So zog jeder von uns in eine andere Richtung weiter. Er würde heute Abend wieder auf das Sofa kriechen. Ich in mein warmes Bett.

Er ging mir an jenem Abend lange nicht aus dem Sinn, ich hatte Mitleid mit ihm. Aber ich war auch voller Unverständnis. Wie um Himmels Willen konnte man die Ursache denn vergessen? Und dann dachte ich an den Terror, an die Geflüchteten und an den Rechtsruck und daran, dass wir als Gesellschaft und westliches Wertesystem es nicht viel anders tun. Wir haben auch vergessen, warum es so ist, wie es jetzt ist. Einen Ursprung gibt es immer. Aber wir haben gehämmert, gespachtelt und gemeiselt und haben zu einem bestimmten Zeitpunkt vergessen, warum wir es tun. Die Demenz halt, die unser schnelles Leben ausmacht. Heute ziehen wir in den Krieg, ruinieren das Klima und beuten Ressourcen aus und morgen wundern wir uns, dass die einen zu uns fliehen und die anderen so zornig sind, dass sie uns lynchen wollen. Man bestellt Handwerker und irgendwann haben wir vergessen, wieso wir sie angerufen haben. Mein Bekannter ist eben auch nur so ein Mensch, der unter zweckentfremdeter Demenz leidet. Westlicher Typus. Dort ganz normal, dergleichen kommt täglich vor bei uns.

11 Kommentare:

Anonym 3. Juni 2016 um 12:27  

eines der grössten arschlöcher des beginnenden jahrhunderts bist du, lapuente!!

Roberto De Lapuente 3. Juni 2016 um 12:38  

Jeder muss das tun, was er kann.

giovanni di battezzante 3. Juni 2016 um 15:23  

Ich bin nicht sicher, ob Du Dir den Arschloch-Kommentar nicht selbst geschrieben haben könntest; ganz von der Hand zu weisen ist es ja nicht bei dem virtuellen Weltschmerz, der die Flugplatz-Metapher nach dem Muster von Terry Gilliams "Brazil" auf die Situation dieser Start-up-Existenz in die offenbar sehr kleine Wohnung legt, aus der anfangs vielleicht nur ein womöglich versiffter Teppichboden zu entsorgen war. Eigentlich hat dieser Bekannte ja ganz andere Probleme, und zwar sind es solche, die ihm die braven Bauarbeiter eher zu Leidensgenossen als zu Feinden werden lassen sollten. Jedoch müssen beide Parteien in dem Theaterstück bewußtlos an ihrem Chaos weiterstricken. Das ist das, was wir sehen können. Wir könnten aber auch sehen, daß sich schon bei der "Diskussion der Politiker" über den Standort des Flugplatzes über Nacht die Grundstückspreise von 50 Pfennige auf 200,- Mark damals an dieser Stelle und keiner anderen erhöht hatten. Und alles danach bedient dieselben Naturgesetze: wir bauen einen Flugplatz, einen Panama-Kanal, helfen den Hungernden Afrikas, forschen an einem neuen Medikament usw. Das, was ein alter Philosoph wortreich erklärte, hat Wilhelm Busch auf den Punkt gebracht in dem Satz, "Kein Ding sieht so aus wie es ist", sichtbar ist nur die substanzlose oberflächliche Wirklichkeit. Weshalb mein Vorschlag, die anstrengende Erkenntnistätigkeit zu unterstützen, ein gemeinschaftlicher Klinik-Aufenthalt der Gesamtgesellschaft zu einer "Messie-Therapie". Eigentümlicherweise bringen die psychologischen Postulate über den seelischen Zustand dieser "Störer" unserer Wirklichkeitsoberfläche alles bis ins letzte auf den Punkt, wenn man nur die Gegenstände der Anhänglichkeiten austauscht. http://www.messie-syndrom.de/das-messie-syndrom/was-ist-ein-messie/index.html

ninjaturkey 3. Juni 2016 um 16:26  

Der arme Anonym. Der hat bestimmt (auch im übertragenen Sinn) die Handwerker im Haus. ;-)

Roberto De Lapuente 3. Juni 2016 um 17:29  

giovanni di battezzante, ich schreibe alle Kommentare selbst. Sonst würde ja hier keiner mehr was schreiben. Den Kommentar von giovanni di battezzante habe ich auch selbst geschrieben. Ich wollte da mal meine pseudointellektuelle Seite austoben lassen.

giovanni di b. 3. Juni 2016 um 23:44  

Das ist gut; solchen Bedürfnissen soll man nachgeben.

Anonym 4. Juni 2016 um 09:28  

Gerade gestern abend wieder in einem der blöden "Brennpunkte" der ARD, diesmal zum erneuten Kentern von Flüchtlingen, sehr zynisch und banal:
"Ja, so ist das eben, wenn vor Afrikas Küsten Boote kentern und warum gelingt es nicht, diese Menschen vor dem Tod zu bewahren?"

http://www.ardmediathek.de/tv/Brennpunkt/Tod-im-Mittelmeer/Das-Erste/Video?bcastId=1082266&documentId=35770564

Oh je...den Rest habe ich mir lieber erspart.

Ja,du dumme Gans, so ist das dann eben und es wird auch nicht gelingen, wenn die Fluchtursachen nicht endlich abgestellt werden!

Aber diese sind inzwischen völlig in Vergessenheit geraten, es scheint inzwischen so hinzunehmen, dass - eben - ständig Menschen ihre Länder fluchtartig verlassen und dann - eben - ertrinken.Ganz einfach...

Wir werkeln, bohren und hämmern dann zwar ein wenig daran herum, damit nicht ganz so viele ertrinken,

aber wozu überhaupt und warum das eigentlich nötig ist UND ob man das nicht anders verhindern könnte, haben wir längst vergessen.

Anonym 4. Juni 2016 um 15:09  

Mensch Roberto, lassen Sie uns einen Tee zusammen trinken, trinken Sie Tee mit allen, die Sie gerade für fehlgeleitet halten! Ich weiß, das wird ausufern. Sie werden merken, wir haben alle keine Ahnung. Die vierte industrielle Revolution, das Erstarken polemischer Konservativer, die uns auch nicht retten werden, sondern nur ihre reichen Buddys - Wir hatten bisher einfach nur Glück. Verhältnismäßig, versteht sich.
Weltschmerz wie in diesem Artikel hilft jedenfalls nicht. Tee trinken, durchatmen, im eigenen Umfeld gucken, ob noch etwas zu retten ist, vermutlich nein. Bald sind wir ohnehin alle tot. Also lassen Sie uns als Freunde von dieser Welt verschwinden.

Roberto De Lapuente 5. Juni 2016 um 10:04  

Weltschmerz? Ich habe sehr gelacht.

Uwe E. 6. Juni 2016 um 03:56  

"...und es wird auch nicht gelingen, wenn die Fluchtursachen nicht endlich abgestellt werden!"
Sucht man oder Fr. Bundeskanzlerin die nicht noch immer?
Und schaut Morgens im Spiegel einfach nicht richtig hin?
Die Ursachenforschung der Regierung ist heute genauso fürn Arsch (verlogen) wie deren gesamte Politik.

Kritikus 13. Juni 2016 um 15:53  

Passt vielleicht nicht ganz, aber trotzdem.
Neulich hat Angelina Jolie mal wieder eine Rede über die Leiden der Flüchtlinge gehalten. Sie sagte, die Zahl der Flüchtlinge steige.
Das ist korrekt, sie vergaß allerdings zu erwähnen, dass Flüchtlingszahlen nicht von alleine steigen, sondern vor allem durch die von den USA und dem Westen angezettelten Kriege, Putsche und politische Interventionen zu verantworten sind.
Wie kann man die Gründe für steigende Flüchtlingszahlen einfach so ignorieren?
Warum ist Jolie mit solchen Äußerungen in der Presse durchgekommen?

Tja, gesteuerte Regime-Presse.
Und Jolie hat nicht die Absicht, die Anzahl der Flüchtlinge zu reduzieren.

Und die Menschen stellen nicht genug Fragen.

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