Die Solidarität, die bestreikt wird

Montag, 20. Oktober 2014

Wenn ich täglich unterwegs bin, kommen für mich im Regelfall nur drei Radiosender in Betracht. Entweder hr1, SWR3 Rheinland-Pfalz oder harmony.fm. Nachdem am letzten Mittwoch, am Tag des (mittlerweile vorletzten) Lokführerstreiks, bei SWR3 ein kurzer Einspieler Stimmen von Zugreisenden brachte, die bitter über die Lokführer klagten, drehte ich auf hr1. Dort sprach kurze Zeit später ein Experte und warf der GDL vor, sie würde nicht verhandeln wollen und alles auf den Rücken der Reisenden austragen. Womit ich auch schon bei harmony.fm landete und abermals der Empörung von Zuggästen lauschte, die sagte, dass sie keinerlei Verständnis aufbringe für den Streik. Und so gingen mir die Sender aus und letztlich auch das Radio.

Der Streik, Robert Köhler, 1886
Das war an jenem Streiktag zuvor, der weitestgehend in der Nacht stattfand, noch ein bisschen anders. Da überwogen noch jene Stimmen, die zustimmten und sich solidarisch zeigten. Da war die Einschränkung ja auch überschaubar. Am letztem Mittwoch verfehlte der Streik aber dann nicht seine Wirkung. Er versprach das, was das Konzept des Streiks eigentlich möchte: Auffallen, den Wegfall einer Tätigkeit bemerkbar machen. Die Leute sollen ja gerade Notiz davon nehmen, dass die Verrichtung einer Arbeit eben keine Selbstverständlichkeit ist. Und das geht nur, wenn man seinen Dienst einstellt, die Kundschaft auflaufen lässt. Das ist unangenehm, aber auch unumgänglich. Wer nachts streikt, der gibt diesen wesentlichen Aspekt des Streikkonzepts auf und kann es genauso gut gleich sein lassen.

Würden die Medien zum Thema Bahnstreik nicht nur ständig irgendwelche Motzköpfe einspielen, die ihr Unverständnis über den Streik kundtun, sondern vermehrt solche Stimmen, die den Lokführern solidarisch begegnen, würde man die Stimmungslage sicherlich zugunsten dieser Arbeitnehmer beeinflussen können. So aber setzen die Medien die GDL perfide unter Druck. Sie stellen sie hin wie eine rücksichtslose Bande, die im Tarifstreit eindeutig die Rolle der unvernünftigen Erpresser einnimmt. Eine Bande, die vom »rabiaten Machtmensch Weselsky« (Stern) vertreten wird. Die Bahn jedoch ist fein raus.

Mit dieser einseitigen Darstellung der Ereignisse impft man den Menschen in diesen Lande die Vorstellung ein, dass Streik etwas zu sein hat, was allgemein nicht behindern soll. Arbeitnehmer können ruhig ihre Arbeit niederlegen. Schließlich gibt es ein Streikrecht. Aber bitte so, dass sie niemanden stören. Nachts. Oder nach Feierabend. Die Medien verinnerlichen mit dieser unredlichen Schilderung, dass die Störung des Betriebes nicht vorkommen sollte. Das ist die neoliberale Vorstellung von Arbeitskampf. Da man so tut, als gäbe es keine Klassen mehr, sollten auch alle Maßnahmen, die daran erinnern, dass es sie eben doch noch gibt, so vollzogen werden, dass sie keiner bemerkt.

Nur die Gewerkschaft der Lokführer hält sich mal wieder nicht daran. Zuletzt trieb sie es 2008 so bunt. Und noch ein Jahr zuvor attestierte gar ein Gericht, dass die GDL illegale Streiks abgehalten hätte. Später wurde dieses Urteil allerdings aufgehoben. Jetzt lässt sie abermals die Öffentlichkeit schmerzhaft merken, dass es eben nicht die große Partnerschaft zwischen Partikularinteressen ist, die diese Gesellschaft ankurbelt, sondern der Widerstreit von Positionen, der manchmal mit harten Bandagen geführt werden muss. Es ist nicht so, dass die GDL sich zurücknehmen müsste, damit sie als Gewerkschaft der schönen neuen Welt akzeptiert werden kann. Man wünschte sich eher, dass die großen Gewerkschaften von der GDL lernten. Schade, dass der DGB nicht den großen Ausstand probte, als die Agendapolitik über uns kam. Vielleicht auch so ein Grund, weshalb die Politik kleinen Gewerkschaften jetzt den Garaus werden will.

Mehrere Stimmen in den Radiosendern meiner Wahl ereiferten sich, weil Lokführer gar nicht so schlecht verdienen würden. Sie seien ja keine Niedriglöhner. Eine Frau schimpfte, denn sie arbeite in der Pflege und verdiene noch weniger. Was für eine Moral soll das sein? Wäre es nicht richtiger, auch die Löhne aus dem Pflegewesen anzuheben? Überhaupt ist der Versuch, die Streikabsichten mit der Höhe der Löhne zu entkräften, ein Blindgänger. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht doch einzig und alleine darum, wie eine Gesellschaft mit dem Recht eines jeden Arbeitnehmers umgeht, sich gegen die Bedingungen an seinem Arbeitsplatz aufzulehnen. Als die GDL im Jahr 2008 massiv streikte, vernahm man Stimmen aus der Politik und Presse, die das Streikrecht am liebsten ausgesetzt hätten. Bei allem verständlichen Ärger der Bahnreisenden, jede Stimme, die den Streik als etwas angreift, was nicht sein dürfte, unterstützt die Befürworter solch undemokratischer Maßnahmen.

Dass es aber auch solidarische Pendler- und Reisendenstimmen gibt, daran gibt es keinen Zweifel. Eine sitzt neben mir. Meine Frau. Mehrere ihrer Kollegen ebenso. Alles Pendler. Fast alle haben dafür Verständnis. Von nichts kommt nichts, sagen sie. Und mancher Radiosender, den ich nicht höre, soll auch solidarische Anklänge gesendet haben, habe ich mir sagen lassen. Es ist also nicht so, dass die GDL völlig alleine steht. Vielleicht stimmen ihr sogar weitaus mehr Menschen zu, als man sich vorstellt. Aber was hilft das, wenn man sie nicht richtig hört, wenn sie nicht in Funk und Fernsehen sprechen? Diese Stimmen weitestgehend medial zu unterlassen, kann man durchaus einen medialen Eingriff in den Tarifstreit betrachten. Objektivität und Neutralität und folglich die Solidarität sind auch so Werte, die von diesen Qualitätsmedien chronisch bestreikt werden.

Nachtrag: Hier hätte der Text eigentlich enden sollen. Tut er aber nicht. Kaum war er abgetippt, wurde für das Wochenende ein weiterer Streik gemeldet. Dasselbe Stimmungsbild in den Radiosendern. Einige Stimmen forderten Einhalt. Man müsste vor Streiks geschützt werden. »Streikrecht schön und recht, aber...«, sagen sie. Und wer bitte schützt uns vor Menschen, die gerne solcherlei kurzen Prozess sehen würden?

16 Kommentare:

Anonym 20. Oktober 2014 um 08:16  

mir ging es heute Morgen auf dem Weg zur arbeit ähnlich.
Auf allen Radiosendern massiv neoliberale Propaganda zur verunglimfung der GDL

Anonym 20. Oktober 2014 um 09:53  

Es ist wirklich zu bedauern, dass sich die Arbeitssklaven, genannt lohnabhängig Beschäftigte, gegeneinander aufhetzen lassen.

Wie es zu bedauern ist, das "Arbeitnehmervertreter" eher die Interessen des Arbeitgebers vertreten und Verträge abschließen, die nicht im Interesse der Arbeitnehmer liegen.

Da ein Generalstreik der Lohnabhängigen GESETZLICH verboten ist, da haben die Lobbyisten der "Arbeitsplatztanbieter" mal wieder gezeigt, wer hier regiert, bleibt eigentlich nur die Gandhi-Lösung.

In Indien hatten die Briten auch Streiks verboten. Lösung Gandhis - eiun Tag des Beten und Fasten - der befolgt wurde.

In Deutschland wohl leider unmöglich. Kriechen ist angesagt, von der verdummten Masse, die Dank der "geistig moralischen Wende" des aus meiner Sicht bestechlichen Bimbeskanzlers, nichts mehr von Solidarität hält.

Bliebe nur noch der Hinweis - und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern ...

Wer sich also so von "oben" treten lässt, hat jede Menschlichkeit verloren.

Rainer N.

Anonym 20. Oktober 2014 um 10:04  

In eine ähnliche Kerbe schlägt dieser Artikel hier:
http://le-bohemien.net/2014/10/20/alle-raeder-stehen-still/

Grundsätzlich würde etwas mehr Solidarität unserer Gesellschaft gut stehen.

Anonym 20. Oktober 2014 um 11:13  

Auf dem deutschen Einheits-Schwarzfunk kann man schon seit Jahren keine Sendung mehr anhören, die in irgendeiner Weise mit dem Thema Gewerkschaften zu tun haben.

Leider scheint die Gehirnwäsche gegen diese Form der Mitbestimmung auch anzukommen, wenn man das Nachgeplappere liest, das diverses unmündiges Volk z.B. auf Golem.de absondert:

http://forum.golem.de/kommentare/wirtschaft/wegen-wochenendarbeit-kurzfristige-streiks-bei-amazon-in-leipzig/87177,list.html

PremiumKommentator 20. Oktober 2014 um 14:13  

Ich bin heute morgen fast von der Couch gefallen, als im ARD-MoMa vier Leute einen Kommentar abgegeben haben, und alle hatten Verständnis mit den Lokführern. Da war wohl der Zensor pinkeln, wie fefe sagen würde.

Anonym 20. Oktober 2014 um 15:36  

Habe am ersten Streiktag WDR2 gehört. Hier war die Verteilung etwa 50:50
Also kein Bashing hier.

Roberto De Lapuente 20. Oktober 2014 um 15:55  

Ich habe eh manchmal den Eindruck - weiß aber nicht, ob es stimmt -, dass der WDR ein eher liberaleres Drittes ist.

Anonym 20. Oktober 2014 um 16:22  

„Eine Frau schimpfte, denn sie arbeite in der Pflege und verdiene noch weniger.“

Kommt mir bekannt vor, ich glaube die Frau habe ich auch in den RTL Nachrichten gesehen.
Ja ja, ich weiß, man sollte sich keine Nachrichten auf RTL ansehen und nach dieser Sendung hatte ich auch keine Lust mehr, denn auch hier wurde vor allem negativ berichtet.
Die Art der Berichterstattung scheint sonst aber wohl von Medium zu Medium zu variieren, je nach politischer Ausrichtung.
Von seriösen Nachrichten könnt man aber eigentlich eine ausgewogene Berichterstattung erwarten.

Offtopic: Mein Wirtschaftslehrer (CDU-Wähler) wurde mal an einer Tankstelle von einem Kamerateam interviewt. Es war Ferienanfang und wie immer stiegen pünktlich die Benzinpreise. Die wollten wohl ein paar negative „Alles-Abzocke“ Kommentare haben, wie mein Lehrer vermutete. Stattdessen zeigt er Verständnis und begründete das mit gesteigerter Nachfrage.
Er konnte sich köstlich darüber amüsieren, das die Reporter wohl sehr verwundet geguckt haben und meinte, dass sein Kommentar natürlich nicht gesendet wurde, stattdessen nur „Alles Abzocke“ Kommentare. Er hatte sogar extra noch gefragt, wann die Kommentare der Autofahrer gesendet wurden und hatte die Nachrichten aufgenommen.

Anonym 20. Oktober 2014 um 16:49  

Moment mal...

„Eine Frau schimpfte, denn sie arbeite in der Pflege und verdiene noch weniger.“

Das kommt mir auch bekannt vor!

Und ich bin mir sicher, dass ich das nicht auf RTL gesehen habe, denn ich gucke diesen Dreckssender aus Prinzip nicht.
Hat da der Vorposter (Anonym 20. Oktober 2014 16:22 ) etwas durcheinandergebracht oder sind die Medien jetzt schon so dermaßen gleichgeschaltet, dass sie sich alle aus dem selben Topf bedienen?

Hat die noch jemand gesehen? Wenn ich mich richtig erinnere war das eine älter Frau, so um die 50 mit blonden Haaren.

Der Duderich 20. Oktober 2014 um 17:15  

Sehr schöner Text hierzu auch auf 'Fliegende Bretter':
http://fliegende-bretter.blogspot.de/2014/10/wer-ist-hier-schamlos.html

Roberto De Lapuente 20. Oktober 2014 um 17:49  

Ich habe diese Frau nicht bei RTL gesehen, sondern im Radio gehört. Im oben genannten SWR.

totschka 20. Oktober 2014 um 18:20  

Auf MDR Thüringen das gleiche Bild: überwiegend Motzkis gegen den Streik. Am schlimmsten fand ich eine Frau, die meinte: "Die sollen froh sein, dass sie überhaupt Arbeit haben." Da musste ich meinem Ärger Luft machen.

dose 20. Oktober 2014 um 22:43  

An meinem Wohnort empfange ich NDR2.
Wochenlanges Gewerkschafts-Bashing.
Heute (20.10.14) habe ich in die ARD-Tagestemen gezappt: Gewerkschafts-Bashing
Ich will diesen Bull-Shit nicht mehr hören und vor allem nicht mehr bezahlen. Gibt es eine Möglichkeit sich dem GEZ-Terror zu entziehen. Ist es verfassungsrechtlich abgedeckt, dass dazu gezwungen wird diesem neoliberalen Unfug zu bezahlen?

Thomas Dose

Anonym 21. Oktober 2014 um 09:00  

Hallo Thomas, ich bin seit dieser Woche GEZ-Verweigerer, habe mein Einschreiben gestern abgesendet.

Musterschreiben: http://www.postswitch.de/wissenswertes/anonymous-legt-gez-lahm.htm

Intersessanter Beitrag auf heise:
http://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Netzwerk-Nichtrecherche/Tips-fuer-den-GEZ-Boykott/posting-2172159/show/

Gruß Jochen

Siewurdengelesen 21. Oktober 2014 um 11:21  

Hier soll doch nicht etwa zum Ausdruck kommen, es handelt sich um gezielte Stimmungs- und Meinungsmache aka Hetze durch Mietmäuler in den Redaktionsstuben, die von vornherein das Gebot neutralen Berichtens ignorieren?

Das kann ich mir bei unseren ausgewogenen Leitmedien und deren Machern überhaupt nicht vorstellen, geschweige denn, dass sich Bürger dafür instrumentalisieren lassen oder positive Aussagen gleich gar nicht gesendet/geschrieben werden:-O

maguscarolus 21. Oktober 2014 um 17:00  

Der Machtkampf zwischen Arm und Reich, dessen Zeugen wir seit der Abwicklung der DDR sind, hat inzwischen die meisten Köpfe völlig korrumpiert.

Bald wird man auch hier den self made - Sklaven in Interviews hören, wie er gegen sämtliche Solidarsysteme wettert, weil er in seiner prekären Lage nicht mehr erkennen kann, in wie weit er davon selber profitiert. Der zahnlose Hirngeschissene in der Zeltstadt ante portas.

Noch ist es ja nicht (ganz) so weit in Schland, aber es macht doch nachdenklich, zu sehen, wie viele von diesen Opfern sich als Gegner von Arbeitskämpfen darstellen und gar nicht merken, wessen Interessen sie dabei vertreten.

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