Der Entfesselungskünstler, der kein Skandal ist

Samstag, 18. Oktober 2014

Ja, die Geschichte mit dem Mann, der mit einer Fußfessel nach Syrien abhaute, ist zweifelsohne ein Skandal. Wie kommt man denn eigentlich dazu, jemanden eine Fußfessel zu verpassen? Dieser Umstand ist für mich der eigentliche Skandal an der Story. Und nicht dieser »Entfesselungskünstler«.

Hassan B. ist wohl in Hessen bei Koranverteilungen aufgefallen. Mir hat auch schon mancher lausige Buchempfehlungen gegeben. Aber ich bin nie auf die Idee gekommen, ihn deswegen zu fesseln oder mit Peilsender auszustatten, damit ich überwachen kann, wen er als nächstes mit seinen schlechten Literaturgeschmack beglückt. Das hätte auch der Bursche in der Stadtbücherei, der auf Bücher von Broder schwört, trotz allem nicht verdient. Deswegen sprechen die Medien aber auch nur von einem »mutmaßlichen radikalen Islamisten«. So sicher ist die Unterstellung also gar nicht. Aber dass er trotzdem Fessel an der Fessel trägt, daran stößt sich niemand.

Es gibt eben Skandale, die Skandale werden dürfen. Und solche, die man hinnimmt, nicht mehr hinterfragt, die Potential dazu hätten, wenn man mal kritisch bliebe. Klar, wenn Hassan B. nach Syrien ist, um dort dem Tod zu begegnen, dann ist das tragisch. Was ist denn los mit jungen Männern, die sich intellektuell so aufgegeben haben? Aber wenn man jemanden quasi auf Verdacht fesselt, weil er vielleicht ein mutmaßlicher Eventuell-Salafist ist, dann ist das für uns alle, die wir hier in diesem Lande leben, wahrscheinlich noch viel tragischer. Und einen Skandal wert. Aber nichts dergleichen. Alles ruhig. Wird schon seine Richtigkeit haben, oder nicht?

Wir stumpfen ab. Wiederhole ich mich? Ja, ich wiederhole mich. Wir nehmen alles so hin, wie sie es hinstellen. Aber ich sag mal so: Wenn man mich mit einer Fußfessel schmücken würde, weil ich vielleicht unter meinem Mantel mehr habe, als nur eine anarchistische Fibel oder so was in der Art, dann wäre die Option, mir fortan tatsächlich mehr als nur ein Büchlein unter den Mantel zu stecken, auch nicht mehr so verkehrt für mich. Ich sage jetzt nicht, dass dieser Hassan zu einem mutmaßlichen Salafisten gemacht wurde. Aber das Gegenteil kann man eben auch nicht behaupten.

Was verteidigten wir eigentlich dauernd gegenüber der islamischen Welt? Demokratie oder so? Jedenfalls sagten sie uns das. Und sie sagten: Mitsprache. Und: Freiheit. Nur die Fußfessel haben sie nicht erwähnt.

9 Kommentare:

maguscarolus 18. Oktober 2014 um 09:24  

Ich finde es wahrlich bewundernswert, dass immer noch Menschen gegen die markt-und systemkonforme Verblödung anschreiben. Schade nur, dass es von den Verblödeten niemand liest.

Mit traurigen Grüßen
maguscarolus

Reinhard J. Wagner 18. Oktober 2014 um 10:55  

Öhm, ich bin doch sehr überrascht, diesen Artikel hier so vorzufinden, denn Hassan B. wurde ja nicht gefußfesselt, wie angedeutet, weil er den Koran verteilte, sondern u.a. weil er einen Einbruch verübte. Insofern ist das entkommen tatsächlich ein Skandal, denn die Fußfessel soll ja die Untersuchungshaft vermeiden.
Daneben hat er wohl eben nicht nur die islamische Variante der heiligen Schrift verteilt, sondern wurde wohl auch auf Demonstrationen und bei Medienberichten handgreiflich.

Roberto De Lapuente 18. Oktober 2014 um 11:08  

Tu mal nicht so, Herr Wagner. Als jemand, der diesen Artikel "hier findet", nehme ich an, dass Du den Blog kennst. Dann könntest wissen oder wenigstens ahnen, dass ich strikt gegen Fußfessel bin. Entweder man sperrt jemanden ein, weil er etwas verschuldet hat oder eben nicht. Überwachungsmethoden sind strikt abzulehnen. Dass der Mann einen Einbruch verübt hat, wurde nirgends erwähnt. Das kann dazukommen. Aber ist das ein Grund zur Fußfessel? Man hat es für wichtiger erachtet, dass man ihn wegen der Koransache fesselt.

Wolfgang Buck 18. Oktober 2014 um 11:31  

Ich bin ebenfalls verärgert aber mehr noch massiv irritiert.

Nun wurde ja beschlossen "Salafisten" den Personalausweis zu entziehen um ihnen eine Ausreise zu erschweren. Da tun sich mir eine ganze Reihe von Fragen auf.

Was macht einen "Salafisten" aus?

Regeln das unsere Geheidienste?

Gibt es da eine Kontrollinstanz (zB Gericht)?

Auf welcher Basis wird ein verbrieftes Recht (Freizügigkeit) entzogen? Könnte man Morgen entschließen "Putinversteher" müssten ihren Pass abgeben weil sie in der Ost-Ukraine kämpfen könnten?

Muss ein solcher Salafist eine Straftat begangen haben (was mindestens) um die Bürgerrechte zu verlieren?

Alles Fragen über die mich die "Qualitätsmedien" soweit ich bisher verfolgen konnte, nicht aufklären. Es werden immer nur die Entscheidungen unserer weisen Führer bekannt gegeben. Der Journalismus in D erinnert mich zumindest in weiten Teilen an Nord Korea.

Wolfgang Buck 18. Oktober 2014 um 11:44  

Und noch etwas was mich seit Jahren beschäftigt.

Ich habe den Eindruck Menschen- und Bürgerrechte werden immer mehr zu "Schönwetterrechten"

Das begann schon Unter Kohl und zieht sich konsequent fort; wie ein Krebsgeschwür.

Die Argumentation: ja Menschenrechte sind wichtig und wir wollen sie ja auch überall verwirklichen. Ja die Bürgerrechte sind unverhandelbar... aaaber leider leider können wir das alles wenn der Sturm aufzieht nicht so konsequent durchhalten. Da müssen halt "Kompromisse" gefunden werden, sonst verlieren wir alles.

In meiner Jugend (70er, 80er) lautete das Motto: gerade in der Krise erweist sich, wie weit unsere Grundordnung stabil ist. Wer heute mit so was kommt ist ein naiver Gutmensch.

Reinhard J. Wagner 18. Oktober 2014 um 12:13  

Ich tue gar nicht so, Herr De Lapuente, ich meine nur freiheitlicherweise. Denn ich bin hier tatsächlich (leider) nur sehr gelegentlicher Leser mangels besserem Zeitmanagment meinerseits und beruflicher Verpflichtungen.
Besagte Einbruchs-Info habe ich u.a. aus dem Radio, verschiedenen Onlinezeitungsausgaben (bspw. der FAZ) und...ich meine dem ZDF.
Was nun die Idee der Fußfessel an sich angeht, also als Ersatz der aus dem Leben reißenden Untersuchungshaft kann man sicherlich geteilter Meinung sein, insbesoindere in einem Fall wie hier, wo lediglich überprüft werden konnte, ob sich der Verdächtige zu der dafür vorgesehenen Zeit zu Hause aufhielt (analog zum Freigang von Strafhäftlingen), nicht aber wohin er entschwunden ist, nachdem er den vorgesehenen Bewegungsradius verlassen hat.

Manfred Corte 18. Oktober 2014 um 12:28  

... und unsere Innenminister setzen jetzt sogar noch Einen drauf: Bürger mit Personalausweis oder Reisepaß werden in zwei Klassen eingeteilt - "Ausreiseberechtigte" und "Nichtausreiseberechtigte". Letztere bekommen ein "Ersatz-Dokument". Könnte man da nicht, alternativ, ein großes "J" in die Reisedokumente stempeln, "J" für "Islamisten-Versteher"? Das hat sich vor langen Jahren schon 'mal bewährt ... Und bitte nicht vergessen: Eine "Fußfessel" für alle gibt es doch längst, und viele tragen sie freiweillig! Sie heißen nur anders, nämlich "Tracer" oder "Tracker" und zeichnen jede Bewegung auf! Das heißt dann einfach "Geotagging" und sicher haben einige Unbefugte darauf Zugriff, nicht nur der "Träger" ...

meint: Manfred Corte

Anonym 18. Oktober 2014 um 15:19  

Hallo Roberto,

auch ich lese hier immer wieder, fast täglich, gelegentlich hab ich auch schon mal einen Kommentar verfasst. Da ich weder Google, noch sonst welche "Vereine" mag - anonym -

Dem Bericht der ARD-Sendung "Report Mainz" zufolge hatte bereits im Juni 2013 ein 24-jähriger Salafist ein Kamerateam angegriffen. Der Mann blieb damals laut eines hessischen Gerichts zwar ohne Haft, doch musste er eine Fußfessel tragen.

Demnach also wegen dem Angriff, nicht wegen der Buchverteilung.

Rainer N.

Anonym 19. Oktober 2014 um 14:37  

Die Fußfessel ist als Abschaffung der Untersuchungshaft gedacht, also eine starke Erleichterung für einen in hohem Maße Tatverdächtigen.
"Entweder man sperrt jemanden ein, weil er etwas verschuldet hat oder eben nicht."
Untersuchungshaft ist anders begründet.

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