Im Durchschnitt

Montag, 5. August 2013

Letzte Woche konnte ich in der Zeitung lesen, dass mein Geldvermögen geklettert sei. Als ich dann noch so ein Radio-Feature gehört habe, in dem es hieß, die Deutschen würde immer reicher, da glaubte ich es sogar. Nicht übel, dachte ich mir, endlich mal Dry Aged Beef statt Discount-Hackfleisch, das mit Mehlpampe und Rote-Beete-Saft "angereichert" wird.

Der Gang zur Bank war ernüchternd. Der Blick auf das Konto trist. Es hatte sich nichts geändert. Auf meinem Konto lag kein Dry Aged Beef, sondern die übliche Summe, die zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Da lebe ich seit 35 Jahren in Deutschland, in dem Land, das immer reicher wird und ich gehöre mal wieder nicht dazu. Leute, Integration sieht anders aus.


So wenig integriert fühlte ich mich zuletzt, als Terra X "die Deutschen" erklärte. Der durchschnittliche Deutsche heiße Thomas Müller. Da war ich schon raus aus der Geschichte. Er habe außerdem ein Nettoeinkommen von mehr als 3.000 Euro im Monat und ein Haus. Den Deutschen gehe es so gut wie nie, sagte die Stimme aus dem Off stolz. Und ich? Ich war wieder mal nicht dabei. Ich heiße ja auch nicht Thomas Müller. Ob da ein Namenswechsel nützt? Aber auch der kostet ja Geld. Jeder Strohhalm, zu den immer reicher werdenden Deutschen aufzusteigen, wird einem wie mir verwährt.

Gehört es nicht auch zur Eigenart "der Deutschen", sich im Durchschnitt einzurichten, sich zwar persönlich unwohl oder arm zu fühlen, aber durchschnittlich trotzdem zufrieden zu sein? Dass die Deutschen immer reicher werden, plärre man mal in die Wartehaale eines Jobcenters. Und auch die Menschen in Deutschland, die sich mit Leiharbeit verdingen, werden kaum reicher geworden sein. Aber vielleicht fühlt sich der Leiharbeiter ja trotzdem gut, weil er auch sein Quäntchen zum Durchschnittswert beigetragen hat.

So ein Leben im Durchschnitt macht zufrieden. Man hat dann 3.000 Euro Monatseinkommen, obgleich man für einige lausige Mücken schuften muss. Hat ein Haus, obwohl man eine Wohnung in einem Brennpunkt bezog. Und man gehört plötzlich zu einer aufsteigenden, immer reicher werdenden Art, auch wenn man faktisch immer weniger Kaufkraft darstellt.

Im Durchschnitt sind wir zufrieden, sind wir reich, sind wir ständig im Aufwind. Aber was ist das für eine Gesellschaftsauffassung, in der der Durchschnitt seine Alles-läuft-rund-Tyrannei entfaltet? Ob Terra X "die Deutschen" erklärt oder Zeitungen schreiben, dass die Deutschen immer reicher würden: Da wird die Gesellschaft stets von oben herab gelesen und gedeutet, errechnet und verschleiert. Leute wie ich, unsaturiert und unsicher, sind da kein Gradmesser. Wir gehen im Durchschnitt unter.

Durchschnittlich ist also alles in Ordnung. Durchschnittlich gibt es keinen Grund zu jammern, denn durchschnittlich geht es aufwärts. Nur jede unterdurchschnittliche Regierung, in einem Land voller unterdurchschnittlich kritischer Intelligenz, feiert den Durchschnitt als grandiosen Erfolg. Mich ärgern solche Durchschnittsangaben nicht nur durchschnittlich, im Durchschnitt halte ich sie für einen Betrug an meiner Lebensrealität. Nicht mal im Durchschnitt bin ich erfasst.


15 Kommentare:

Anonym 5. August 2013 um 12:15  

Vermögen? Also Geldwertes hab ich nicht, mein Denk- und Arbeitsvermögen übersteigt jedoch das vieler Politiker und Statistiker.

Anonym 5. August 2013 um 14:50  

im durchschnitt sind wir alle glücklich. auch mein depressiver nachbar.

zuvielnachdenker 5. August 2013 um 15:06  

Na ja,Müller kann man ja heissen,aber nicht Thomas,sondern Theo,der Milchmann.
Ansonsten wären da noch Quandt,Bertelsmann,Thurn und Taxis,Oetker,Springer,Karl und Theo Albrecht etc.....
So muss man heissen,dann wirds was mit dem sich ständig selbst vermehrenden Reichtum.
Das sind nur einige der allerfleissigsten Leistungsträger,die dieses schöne Land zu bieten hat.
Ein paar Etagen tiefer,aber immer noch hoch genug,dann Deutschlands Vorzeigemusiker Nr.1 Dieter Bohlen,die Geissens,Frank Farian ...lauter Leistungträger.
Uns gehts doch gut,obwohl...wer ist eigentlich "uns"??

Roberto De Lapuente 5. August 2013 um 15:13  

Wir sind uns!

zuvielnachdenker 5. August 2013 um 16:08  

Gut,dann hätten wir das schnell geklärt.Wir sind uns.

Roberto De Lapuente 5. August 2013 um 16:09  

Schnell und sauber, wie ich finde. Mehr Philosophie ist in Zeiten von RTL nicht möglich.

Wolfgang Buck 5. August 2013 um 17:54  

Ich bin nicht "uns" und nebenbei: ich war auch nie "Papst". Ich bin ich und das eine der Schubladen in die ich mein Leben lang gesteckt werde die Aufschrift "Deutscher" trägt ist Zufall.

Dieses ICH hat vor fünf Jahren noch über 100.000 €/J brutto verdient und war damit nur mäßig (genauer: überhaupt nicht) glücklich. Heute verdient es ca. 25.000 €/J und ist glücklich.

Soll doch derjenige der meine Durchschnittsteigerung bekommen hat sich damit nen neuen Audi und jedes halbe Jahr das neueste Smartphone kaufen. Ich gönns ihm :)

PS: das beste Mittel den Kapitalismus zu bekämpfen ist sich aus seiner Tretmühle des ständigen Schuftens und Konsumierens zu befreien.

Anonym 5. August 2013 um 18:09  

...aber bitter nötig.
Übrgens: Das "N" in RTL steht für Niveau...

Anonym 5. August 2013 um 18:21  

Tja, der See war im Durchschnitt 1 meter tief und trotzdem ist die Kuh ersoffen. Allerdings überdurchnittlich dämlich sind die Hofschreiber, die die "uns geht es ja gut"-Ergüsse in den Gazetten absondern.

Sledgehammer 5. August 2013 um 18:44  

Das Durchschnittsvermögen, das partout keinen Ausdruck auf dem Kontoauszug des Unterdurchschnittsbürgers finden will, was für ein Durchschnittswahn.
Das Uns dürfen die Statistiker des Durchschnitts gern in ihren eigenen Mastdarm verorten.
Zappa möge mir verzeihen:
Ich bin Ich, und das Du ist mein Sofa.

Hartmut B. 5. August 2013 um 19:34  

wenn 2 hungrige Menschen vor einem gebratenen Händerl sitzen und einer futtert das ganze Händerl auf, so haben im Durchschnitt jeder ein halbes Händerl gegessen..........

Roberto De Lapuente 5. August 2013 um 19:50  

Nicht nur das, Hartmut. Beide sind durchschnittlich satt.

Dagmar Henn 6. August 2013 um 02:20  

Nebenbei, der durchschnittliche Deutsche wäre auf jeden Fall ein Mädchen. Wir sind nämlich die mehreren. Aber dann würde der Widerspruch mit den 3 000 Euro sofort jeder auffallen. Daher der Thomas....

Anonym 6. August 2013 um 12:38  

Roberto sagt:

"Da wird die Gesellschaft stets von oben herab gelesen und gedeutet, errechnet und verschleiert. "

Das ist der entscheidende Satz, der entscheidende Punkt!
Die Eliten blicken von ihrem saturierten Olymp herunter auf das gewöhnliche Volks-Vieh un "definieren" es nach ihrem Gusto.
In ihren vollgefressen-verzerrten Glubschaugen werden so aus endlosen Millionen von konkreten Einzelschicksalen pausenlos "Durchschnitte".
Und diese Durchschnitte beruhigen unsere Eliten ungemein, denn sie zeigen, wie wohltuend doch deren Herrschaft für das gewöhnlichliche Volks-Vieh in Wahrheit "durchschnittlich" ist.
Alles klar, alles verständlich!

Ich werde daher nun auch nur noch ganz durchschnittlich alle hier grüßen! :-)

Bakunin

Anonym 6. August 2013 um 16:44  

Wenn ich auf der heissen Herdplatte sitze und die Füsse im Eiswasser baumeln habe, bin ich im Durchschnitt auch in Ordnung....

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