Der algorithmische Gottesbeweis

Mittwoch, 14. August 2013

Tatbestände lassen sich gemeinhin durch Beweise verifizieren. Das ist in den meisten Wissenschaften so und in der Justiz sollte es auch so sein. Die "Ökonomie des Terrorschutzes" legitimiert sich allerdings anders. Sie braucht keine Beweise als Beweis.

Durch Abwesenheit anwesend

Das ist der Beweis: Das Idyll belegt
den Terror, Idylle, Fredric Leighton
Ganz im Gegenteil, der Nicht-Beweis ist vielleicht sogar aussagekräftiger als der Beweis. Oder sagen wir, er ist gleichrangig. Als die US-Administration aufgrund Terrorwarnungen einige Botschaften geschlossen hielt, da war es schon nicht mehr substanziell, ob nun eine Botschaft attackiert wurde oder nicht. Anschlag oder Nicht-Anschlag sind gleichermaßen Beweise für diese Sicherheitsökonomie. Geschieht ein Anschlag, so fühlt sich die Überwachungsmentalität bestätigt. Bleibt er aus, so glaubt man darin ein Indiz für die Zweckmäßigkeit der Überwachung zu wittern.

Das geschieht nach dem Motto: Auch Terroristen schauen bekanntlich westliches Fernsehen, haben dort die Leerung der Botschaften gesehen und ihren Anschlag abgeblasen. Beide Szenarien unterstreichen die Funktionsfähigkeit der Abhörpraxis. Tatbestand (Anschlag) oder Nicht-Tatbestand (ausbleibender Anschlag) sind gleichermaßen Beweislast.

Der algorithmische Gottesbeweis

Die Sicherheitsökonomie dürfte neben einem gewissen Zweig der Theologie, die einzige "Wissenschaft" sein, in der das Nicht-Passieren als Beweis gilt. Dass ein Tatbestand eben nicht passiert, zeigt nur, dass es im regulären Fall passiert. Die ausbleibende Katastrophe, das Idyll letztlich, zeigt nicht den Frieden an, sondern ist im Grunde das Abbild seines Gegenteils. Es ist der antithetische Beweis für die These. Die Negation ist nicht mehr Gegenbeweis, sondern gleichfalls Beweislast. So argumentieren normalerweise Theologen, die die Rettung eines Menschen in letzter Minute ebenso als Gottes Plan gelten lassen, wie dessen Nicht-Rettung. Gewissermaßen ist diese intellektuelle Gleichsetzung von Fakten und Nicht-Fakten ein moderner Gottesbeweis  auf Grundlage algorithmischer Größen. Egal wie es ausgeht, der Terrorismus ist damit bewiesen.

Die amoralische Supermoral

Für die Ökonomen des Terrorschutzes kommt es deshalb auch gar nicht in Frage, eine fehlerhafte Warnung zu bestätigen und zurückzunehmen. Sie können ja keine Fehler machen. Denn Anschlag oder Nicht-Anschlag sind dasselbe. Zum gemachten Fehler gehört das Eingeständnis, dass ein Fakt falsch interpretiert wurde. Aber die Interpretation entfällt ja. Wahr oder Falsch sind Kategorien, die hier nicht mehr greifen können. Das allgemeine Warten auf einen Anschlag ist bedeutungslos. Denn der ist ja nicht nötig. Die Bilder einer ausgebrannten US-Botschaft und die Bilder einer unbeschädigten US-Botschaft machen keinerlei Unterschied. Beides sagt dasselbe aus, alle zwei Bilder belegen identisch die Notwendigkeit der Totalüberwachung.

Die Ökonomie des Terrorschutzes betritt tatsächlich ein völlig amoralisches Gebiet. Ein Areal einer Supermoral, die sich von der Kleinlichkeit unterscheidbarer Aussagetendenzen verabschiedet hat. Wahr oder Unwahr begehen einen Konsens und degradieren sich zu konturlosen Kategorien. Und so gibt es nicht Richtig und nicht Falsch, sie sind zu einer Synthese verwässert.

Auch der ausbleibende Beweis beweist

Beweis kann alles sein und nichts. Die unbeschädigte US-Botschaft beweist die Funktion des Terrorschutzes, so wie Versender von e-Mails, die den Inhalt verschlüsseln, auch ohne Kenntnis des Inhalts als Terroristen überführt werden können. Der e-Mail-Inhalt kann also Beweis sein - oder es ist die Geheimnistuerei um einen e-Mail-Inhalt, die Beweis genug ist. Ein eingeschaltetes Mobiltelefon kann verdächtige Bewegungen orten und einen Beweis erbringen - oder ein ausgeschaltetes Handy kann belegen, dass da jemand vermutlich was zu verheimlichen hat.

Diese Logik des Sicherheitswahns macht keine Abstufungen mehr, sondern vollzieht die Emanzipation des Nicht-Beweises, begeht die Gleichstellung zum Beweis. In einem solchen System ist keine Aussage mehr zwingend wahr oder unwahr, kann richtig nicht mehr von falsch unterschieden werden. Ein so geartetes Sicherheitsdenken hat jeden ethischen Anspruch aufgegeben. Es hat in seinem Wahn jegliche Unterscheidungsfähigkeit verloren.


14 Kommentare:

maguscarolus 14. August 2013 um 07:33  

Die vollkomene Beliebigkeit jeder Argumentation ist bei einem von vorne herein fest stehenden Argumentationsresultat die theo-logische Folge.

Dass überhaupt noch versucht wird, irgendwas zu begründen, dient nur der Ablenkung von der Tatsache, dass abweichende Resultate nicht nur unerwünscht sondern sogar der Staatssicherheit wegen verboten sind.

Staatliche Paranoia eben.

Stefan Becker 14. August 2013 um 09:48  

Für Wahr eine grossartige Erklärung für eine moderne Paranoia

Sie könnte ein Grund werden ,dass du auf einen amerikanischen Scheiterhaufen landest.;-)

Pofalla behüte !

Amlor 14. August 2013 um 10:18  

Dem Artikel an sich will ich natürlich nicht Widersprechen bzw. der Grundaussage. Probleme gibt es aber hier an der Beweisführung zur Beweisführung. Es ist eben doch so, dass ein 'Nicht-Beweis' bzw. eben das 'Reductio ad absurdum' ein probates Mittel sein kann. Alle Marsianer haben grüne Haare, denn es gibt keinen Marsianer, der keine grünen Haare hat ist in der Mathematik/Logik/Informatik eine wahre Aussage und reicht als Beweis. Ob gleichzeitig eine hinreichende oder notwendige Bedingung erfüllt ist, wäre dann viel eher die Frage.

Michel 14. August 2013 um 10:22  

@ Herr de Lapuente

Als ich von der Schließung der Botschaften hörte, war mein erster Gedanke, dass die USA damit auf billige, populistische Weise versuchen, Panik und Terrorangst zu schüren.

"Wenn die USA ihre Botschaften

schließen, dann -> M.U.S.S. <-

ja was dran sein am Terrorismus."


*Schulterzucken* jaja

Hartmut B. 14. August 2013 um 14:50  

ein super Artikel, der mal wieder meine grauen Zellen in Schwingung versetzt hat :-)

Der Gottesbeweis ist für mich eine der großartigsten Fragen in der Philosophie - ja eigentlich in philosophischer Theologie...

Doch diese Beweisführung mit dem Begriff, Algorithmus, in Verbindung zu bringen finde ich genial...

Ein Algorithmus bedarf keines Beweises - er wird prinzipiell als axiomatisch angesehen....

Das ist jedoch widersinnig im Sinne einer Beweisführung, wie Du sehr schön beschreibst.

Den Gottesbeweis bringe ich immer noch mit Sein, Sinn und Geist und darüber hinaus mit der Metaphysik in Verbindung.

letztendlich glaube ich, dass der Gottesbeweis wesentlich eine Frage nach dem Sinn auch der Sinnlosigkeit, die ja heute vorherrschend ist, was unser Menschsein bestimmt.
Oder gibt es Gott als Sinngrund ?

Aldo 14. August 2013 um 15:30  

Angst ist wohl das zentrale Gefühl der westlichen Mentalität. Ich denke auch,dass Deutschland unter den Industriestaaten eine Spitzenstellung in Bezug auf Angst einnimmt, die natürlich von den Herrschenden instrumentalisiert wird. Ein Grund könnte sein, dass bisher alle Revolutionen hier gescheitert sind, angefangen von den Bauernrevolten im 15 Jahrhundert über die 1848 Revolte, die kurzen Tage der Anarchie von 1918 bis zu der “friedlichen Revolution“ von 1989, die ja bekanntlich in der Annexion/ Anschluss der DDR an die siegreiche BRD endete.
Solche misslungene Revolutionen oder Befreiungskämpfe graben sich tief in die Mentalität der Völker ein in Gesten, Körpersprache, auch Redewendungen. So habe ich schon oft auf die Frage: - Wie gehst?, die Antwort: - man muss, gehört. Darin steckt viel Resignation, ein sich Abfinden mit den gegebenen Verhältnissen, die für die meisten wohl nicht zu durchschauen sind. Angst verzerrt nämlich die Wahrnehmung.

Anonym 14. August 2013 um 15:53  

Ein toller Text.

Ja und Nein werden eins, These und Antithese untermauern beide dasselbe Ergebnis, das keinesfalls eine Synthese darstellt. Ach, wenn Camus doch bloß noch leben würde. Eine modernisierte Fassung des "Menschen in der Revolte" wäre dringend nötig.

M.Brand 14. August 2013 um 18:47  

Typischer Beweis für das von Aronson in seinem Buch
"Ich habe recht, auch wenn ich mich irre"
beschriebene Phänomen der kognitiven Dissonanz.

MfG: M.B.

Anonym 14. August 2013 um 19:29  

Ich habe einmal von folgender Behauptung gehört: "Wenn Gott allmächtig ist, so müßte er doch einen so schweren Stein schaffen können, daß er diesen selbst nicht heben kann!" Klingt Stück für Stück gelesen doch zunächst einmal - absolut logisch, und doch fällt die Behauptung im nächsten Augenblick gleich wieder sozusagen "in sich zusammen" . Die Behauptung folgt irgendwie streng der Logik, erzeugt dabei aber sozusagen in sich selbst eine Art Kurzschluß und das ist in meinen Augen einfach extrem kurios. (Diese Kuriosität fiel mir einfach nur spontan zum Thema Gottesbeweis im obigen Artikel ein). Interessant ist für mich dabei, wie die Logik sich hier bei "meinem" Beispiel gegen sich selbst wendet und als Resultat die gesamte Behauptung in sich zusammenstürzt.

Anonym 14. August 2013 um 23:01  

Es gibt einen ähnlichen Mechanismus im Verhalten von Halbstarken, die jemanden fertig machen wollen: egal wie der reagiert, ob er wegschaut, hinschaut, etwas sagt oder schweigt - es ist immer das Falsche und er kriegt aufs Maul.

Stefan Becker 15. August 2013 um 09:48  

Es kann nicht sein, was nicht sein darf
Es darf nicht sein, was nicht sein kann

Die herrschenden Ideologien wollen das so. Andernfalls drohte eine evolutionäre Veränderung der Machtverhältnisse.

Sledgehammer 15. August 2013 um 10:18  

Penelope Lively (Moon Tiger) gibt folgende Ontologie ihrer Tochter Lisa wieder:
"Gibt es Drachen?", fragte sie.
Ich sagte, nein.
"Hat es denn mal welche gegeben?"
Ich sagte, alles, was wir darüber wüssten, deute auf das Gegenteil hin.
"Aber wenn es das Wort >Drache< gibt, müssen doch auch Drachen dagewesen sein."

Stefan Wehmeier 16. August 2013 um 03:31  

Der einzige wirklich stichhaltige Beweis Gottes (künstlicher Archetyp Jahwe = Investor) ist die Unfähigkeit seiner Untertanen, die Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus) zu verstehen:

Die Rückkehr ins Paradies

Gisela Weber 21. August 2013 um 11:19  

Leider bin ich erst heute auf den Artikel gestoßen und möchte folgende Meinung äußern:
Es gibt nicht nur patriarchatskonforme, theistische oder atheistische Gottesdefinitionen, die von einer axiomatischen Patriarchatsheorie (Patriarch = am Anfang der Vater) ausgehen.
Die Patriarchats- und Matriarchatsforschung befasst sich, wissenschaftlich- interdisziplinär, unter anderem auch mit dem Tranzendenzverhältnis der Menschen, was, für mich, zu schlüssigeren Ergebnissen führt, als die verabsolutierenden patriarchalen Gottesdefinitionen, die keinen Rückbezug zur irdischen Topie haben. Forschungsinstitut für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen FIPAZ e. V. http://www.fipaz.at/impressum/

Die PatriarchatskritikerInnen beziehen sich auf archäologische Befunde, die aus der paläolithischen Zeit, um 500 000 Jahre v.u.Z., stammen (z.B.: Figurine, die auf ein Alter von 3 bis 5 Jahrtausende geschätzt werden). http://de.wikipedia.org/wiki/Venus_von_Tan-Tan ; http://de.wikipedia.org/wiki/Venus_von_Berekhat_Ram ; siehe Zeittafel in „Gott die Mutter“, Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus von Dr. Kirsten Armbruster

Die theistischen und atheistischen Definitionen beziehen sich auf einen vorchristlichen Zeitraum von 2000 - 3000 Jahren und den nachchristlichen Zeitraum von 2000 Jahren, die eine Zeitspanne von maximal 7000 Jahren umfassen und hauptsächlich auf schriftlichen Befunden basieren. ( wie z. B.: das Gilgamesch-Epos ).
„Das Gilgamesch-Epos ist eine Gruppe literarischer Werke, die vor allem aus dem babylonischen Raum stammt und eine der ältesten überlieferten schriftlich fixierten Dichtungen beinhaltet.“ …
… „Das vorhandene Schriftmaterial erlaubt die Rückdatierung der ursprünglichen Fassung bis wenigstens in das 18. Jahrhundert v. Chr., reicht aber wahrscheinlich in die Abfassungszeit des Etana-Mythos im 24. Jahrhundert v. Chr. zurück.“ … http://de.wikipedia.org/wiki/Gilgamesch-Epos

Nach Ansicht der meisten Ägyptologen finden sich nachweisbare geschichtliche Vorformen des Monotheismus im 14. Jahrhundert v. Chr. im Alten Ägypten unter der Regentschaft von Pharao Echnaton (Amenophis IV.). http://de.wikipedia.org/wiki/Monotheismus

Meiner Meinung nach, wäre es wichtig, das monotheistischen Paradigma, was zu dualistischen und utopischen Verabsolutierungen führt und eine Phobie gegenüber den irdischen Verhältnissen entwickelt, zu überwinden. Diese PHOBIE vor der topischen (im Jetzt und Hier, vor Ort) Realität ist die Negativ-Auswirkung der utopischen Theorien, die, den Rückbezug zu den irdischen Existenzgrundlagen ignorieren.

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