Vielleicht mal einer ohne Geldbeutel

Montag, 11. Februar 2013

Jetzt ein Befreiungstheologe. Jetzt einer, der die Bibel von der Lebenserfahrung der Armen her auslegt. Jetzt ein Südamerikaner, der die Favelas kennt, die imperialistischen Versuche des Neoliberalismus, die Ausbeutung von Ressourcen zuungunsten derer, die über oder neben diesen Ressourcen darben.

Man darf freilich nicht glauben, dass der dann die Welt verändert. Aber als moralisches Regulativ könnte er dienen, als sittliche Instanz in einer Welt der Krämer und Händler. Jetzt einer, der einen Syllabus Errorum formuliert, wie weiland einer seiner Vorgänger. Nur dass er darin den Neoliberalismus als einen Irrweg aufnehmen sollte, als die unerträgliche Arroganz, Menschen zu verzwecken und zu Warenwerten aus Fleisch und Blut zu machen. Jetzt einer, der nach Lesart der Befreiung, die organisierte Religion nicht als Feigenblatt irdischer Gewalten missbraucht, sondern als Unterstützer der Armen, als Stimme der Entrechteten nutzt.

Eine Prophezeiung des Malachias soll lauten, dass der 266. Papst (er zählt einen heute nicht mehr anerkannten Papst mit) nur relativ kurz im Amt sein werde - nach ihm komme nichts mehr, ende die Katholische Kirche. Nach dem eitlen Theologen, der jetzt abtritt, soll als keiner mehr kommen. Wer sagt denn, dass man diese Prophezeiung nicht dazu nutzen könnte, mit einer Katholischen Kirche, wie es sie seit Jahrtausenden gibt und wie sie Stück für Stück vor die Hunde geht, zu brechen, um einen neuen Stil zu ermöglichen, eine Kirche, die sich als Organ der globalen Armut versteht und gegen die 0,01 Prozent in Stellung geht?

Umberto Eco berichtet in Der Name der Rose bildreich von Streit derer, die Jesus mit Geldbeutel sahen und denen, die ihn bar der Möglichkeit des Geldsammelns sehen wollten. Kurie gegen Minderbrüder. Reich gegen arm. Diese Option haben die Kardinäle erneut. Wollen sie nochmal einen Reaktionär, der den Exorzismus unterstützt und als Pfeiler der Kirche anerkennt? Oder dann doch lieber einen, der die Probleme dieser Welt nicht in Phantasiekonstrukten wie Linksruck und dergleichen sieht, sondern im beschleunigten Kapitalismus?

Katholische Kirche Seit' an Seit' mit linken Bewegungen? So ein Wahnsinn, nicht wahr? Ich habe Leser, die sich christlich nennen und deshalb Die Linke wählen. Böll war Katholik und engagierte sich aus diesem Grunde sozial. Wie viele andere hoffte er stets, dass der Katholizismus seiner sozialen Verantwortung nicht nur in Fürsorgeeinrichtungen, sondern auf der politischen Bühne, Nachdruck verleihen würde. Der scheidende Papst hat jedenfalls die historische Chance verstreichen lassen, als deutscher Papst ein Europa unter Kuratel deutscher Tugendhaftigkeit lauthals zu verurteilen. Die Befreiungstheologie Südamerikas gilt als eine Wurzel des südamerikanischen Linksrucks, als Inspiration des Bolivarismus. Leute wie die beiden Boffs haben sich nicht trotz ihres Glaubens sozialistischen Projekten genähert, sondern gerade wegen ihres Glaubens.

Man darf kein Hohelied auf den sozialen Katholizismus anstimmen. Zu viel hat er versaut, seine Päpste waren alte, phantasielose Männer, die die Erscheinungen der Welt mit einer Theologie aus Augustinus' Zeiten beantworteten. Und auch die Befreiungstheologie ist noch immer Theologie, also eine Lehre von Gottes Wort und damit für viele vorab diskreditiert. Aber was könnte ein Katholizismus, der näher an Occupy! ist als an der Wall Street, der sich mehr an leeren Reisschalen und Regelsätzen orientiert als an Bankette und Aufwandsentschädigungen für Aufsichtsräte, denn schaden? Wenn Menschen einen Gott zur Stützung ihres sozialen Gewissens benötigen, dann soll es doch gut sein.

Wenn all die eingepflanzten Lehren des Neoliberalismus, der beständige Wettbewerb von Unternehmen und Angestellten, von Kindern in Schulen und Ärzten vor Ort, die Ich-, Meins- und Das-gehört-mir!-Doktrinen, die Privatisierungswut und die genetisch verbrämte Ungleichverteilung, überhaupt noch erschüttert werden können, dann vielleicht von dieser Instanz, die vielen Menschen immer noch ein wenig Respekt einflösst. Was wäre denn, wenn aus Rom eine Enzyklika über Europa käme, in der diese Entwicklungen gebrandmarkt werden? Und was, wenn ein solcher Papst seine Schwester Angela scharf kritisieren würde? Könnte das nicht Wirkung auf die Menschen haben? Oder spickt der Neoliberalismus in so einem Falle bei Bismarck und entfacht einen neuen Kulturkampf gegen diesen gefährlichen und fast schon sozialistischen Ultramontanismus?

Dem noch amtierenden Papst lobte man konfessionsübergreifend auch, weil er die deutsche Staatskirche des Neoliberalismus, die EKD und ihre Hohepriester, nicht antastete und sich stattdessen auf antiquierte Fragen der Ökumene versteifte. Ein in Befreiungstheologie sozialisierter Papst, der seine Herkunft weiterhin pflegte, würde umgehend die Antipathie der deutschen Öffentlichkeit nach sich ziehen - die Meinungsmache liefe auf Hochtouren. Gründete Angela gleich noch ihre Anglikanische Kirche? Abspaltung von Rom? Ein Papst der Befreiung könnte sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen. Aber er könnte sie zwingen, immer unverschämter zu lügen.



15 Kommentare:

Volker Birk 11. Februar 2013 um 18:58  

In aller Kürze: vergiss es.

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (oder von mir aus auch doch ein Ankertau, ist eigentlich völlig wurscht).

Anonym 11. Februar 2013 um 19:02  

ANMERKER MEINT:

Schön wär´s, Roberto. Wir dürfen ja auch mal utopisch denken. Vielleicht hilft uns ja die List der Geschichte.
Bis dahin hilft nur Daumendrücken!!!

MEINT ANMERKER

Anonym 11. Februar 2013 um 19:19  

@Volker Birk

Ich schließe mich hier einmal an - Ich vermute, dass uns, ab Ostern, wohl eher eine Neuauflage von Johannes Paul II und Benedikt XVI droht.

Die latein. Befreiungstheologie hat in Rom einfach keine Fürsprecher - Man sollte hier aus der Papstwahl Ratzingers lernen, denn die Cliquen in Rom sind wohl eher die alten um Opus Dei, die keineswegs ihre Macht an irgendwelche Befreiungstheologen abgeben wollen.

So gerne ich die Utopie Robertos teile, aber hier bin ich Realist - leider, muss ich wohl schreiben.

Gruß
Bernie

PS: Ebenso exotisch wäre ein Schwarzer oder Asiat als Papst - wird wohl nie kommen, siehe mein Hinweis auf die Clique, die die Papstwahl in Rom auch diesmal dominieren dürfte.....Opus Dei.....

Anonym 11. Februar 2013 um 19:51  

...die Hoffnung stirbt zuletzt!

Lazarus09 11. Februar 2013 um 21:38  

Hier wird zu allererste mal Schadensbegrenzung betrieben .. da soll das "Amt" vom Schmutz befreit werden bevor es Schaden nimmt falls da bei Veröffentlichungen der Ratzinger knietief im Sumpf stehen sollte .. ;-) * gaanz vorsichtig ausgedrückt

...der Nachfolger scheint mir nicht das Problem, der muss nur " sauber" sein ...

Anonym 11. Februar 2013 um 21:46  

Ich glaube nicht, dass die Chancen für einen Südamerikaner so schlecht stehen. In Südamerika hat die Katholische Kirche massive Probleme, da die Ultra-Evangelikalen auf dem Vormarsch sind. Ein südamerikanischer Papst könnte da sehr hilfreich sein.....

Ich gehöre übrigens auch zu den Leserinnen von Roberto, die katholisch sind und DESHALB die einzige Partei wählen, die noch annähernd das christlich-katholische Menschenbild vertritt (abgesehen von der Familienpolitik): die Linke!

Christlich-Katholisch schreibe ich deshalb, weil die Evangelen in Sachen Neoliberalismus ja gerne vorne mit dabei sind. Mit dem hartherzigen Calvinismus kann ich überhaupt nichts anfangen, der ist das genaue Gegenteil der Botschaft Jesu.

Was die familienpolitischen Ansichten der Linkspartei angeht: ohne Kündigungsschutz und ohne Mindestlohn ist Familienpolitik ohnehin nichts wert - also kann ich auch mit Bauchschmerzen die Linke wählen.

Ich träume davon, dass die linken Kräfte und die Katholische Kirche irgendwann endlich begreifen, dass sie viel mehr verbindet, als trennt. Was könnte man alles bewegen.....

Marc 11. Februar 2013 um 23:30  

Jede Wette: Der nächste Papst heißt Marc Ouellet.

Genau das war Benedikt übrigens durchaus, wenn man ihm mal zugehört hat:
"als moralisches Regulativ könnte er dienen, als sittliche Instanz in einer Welt der Krämer und Händler"

Anonym 12. Februar 2013 um 01:32  


Ich würde Ernesto Kardenal vorschlagen.Aber leider wurden ja alle echten Christen von der Katholischen Kirche Exkommuniziert.

Olli 12. Februar 2013 um 06:38  

Goldman Sachs hat doch sicher schon den richtigen Kandidaten vorbereitet. Immerhin gibt es im Vatikan ja auch noch horrende Summen an Talern, die es den finanziell ärmeren Menschen vorzuenthalten und den reicheren zuzuschustern gilt.

Habemus Popanz

Roberto De Lapuente 12. Februar 2013 um 07:04  

Habemus Popanz ist gut!

Banana Joe 12. Februar 2013 um 13:15  

"...Dem noch amtierenden Papst lobte man konfessionsübergreifend auch, weil er die deutsche Staatskirche des Neoliberalismus, die EKD und ihre Hohepriester, nicht antastete und sich stattdessen auf antiquierte Fragen der Ökumene versteifte...."

Als Gipel dieser Lobeshymnen sei Gauck genannt: er bezeichnete den zurückgetretenen Papst einen "Menschenfreund"...

...lieber möchte man bei diesem Bild nicht wissen, wie -im Kontrast dazu- ein Menschenfeind aussieht. ;-)

Robertos Nachfolgewunsch schliesse ich mich an.

Frager 12. Februar 2013 um 16:07  

In Ihren Heimatberichten ließen Sie den Katholizismus noch als Gegenkraft in Ihrem Sinne gelten.
Den päpstlichen Katholizismus kanzeln Sie nun aus Härteste ab.
Man fragt sich: Was unterscheidet den bayrischen Katholizismus so grundsätzlich vom päpstlichen?

Roberto De Lapuente 12. Februar 2013 um 16:14  

Ich sprach vom katholisch Sozialisierten und habe das auch deutlich gemacht. Zwischen dem, was katholisch sozialisiert heißt und dem, was ein theologischer Hardliner wie Ratzinger predigt, ist wie ich damals schon erklärte, ein Unterschied zu verzeichnen.

Und "auf das Härteste" halte ich für eine Übertreibung Deinerseits.

Manu 14. Februar 2013 um 22:44  

"Vielleicht mal einer ohne Geldbeutel" lautet die Überschrift dieses Artikels.
Papst Benedikt hatte wiederholt festgestellt, dass eine Belastung der Kirche ihr materieller Wohlstand, ihre "Weltlichkeit" sei und ein Christentum des Dienstes, der Entsagung, der Aufopferung hemmen kann.
Bei seinem Deutschlandbesuch 2011 zum Beispiel sagte er: Eine "von ihrer materiellen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein."
Auflösen konnte er den Finanzbetrieb der Kirche freilich nicht. Aber warum ihm ausgerechnet den "Geldbeutel" anlasten, den er offen kritisch darstellte?

Anonym 15. Februar 2013 um 19:17  

"[...]Interview - „Benedikt war kein schwacher Papst“

OBERWESEL. (hpd) Die Nachricht vom Rücktritt des Papstes schlug ein wie eine Bombe. Doch was waren die Gründe für diesen Schritt? Und was wird von dem Pontifikat Benedikts XVI. bleiben? Der hpd fragte nach bei Michael Schmidt-Salomon, der unlängst zur Neuausgabe der „Politik der Päpste“ von Karlheinz Deschner ein umfangreiches Nachwort schrieb, das die Amtszeiten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. behandelt.
...]"

Quelle und kompletter Text:

http://hpd.de/node/15040

...das Interview mit dem Kirchen- bzw. Relgionskritiker Michael Schmidt-Salomon ist sehr aufschlußreich, auch um die Legendenbildung, die nun um Kardinal Ratzinger einsetzt, zu widerlegen.....

Gruß
Bernie

PS: Der Kirchenkritiker, und Ex-Theologe, Karlheinz Deschner ist übrigens auch interessant zu lesen....nur mal so als Tipp von mir.....

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