Ein kolossales Monument als megalomanes Dokument

Freitag, 15. Februar 2013

oder Suttgart 21 taugt immer noch als Hochaltar ambitionierten Durchhaltens.

Da haben sich die Eliten zu Stuttgart ein Jahrhundertprojekt ausgedacht, etwaige Amigos mit Aufträgen bedient, öffentliche Gelder zur Befriedigung ihrer Maßlosigkeit verprasst. Da hat sich dieser Filz ein Prestigeobjekt verwirklichen wollen, aus dem die Leistungsfähigkeit und die Grandezza dieses alternativlosen Systems und dessen technologische Ausgebufftheit hervorgehen sollte. Da wollte sich die Hautevolee aus ihrer Mittelmäßigkeit winden und der Nachwelt etwas auftischen, das wie Monumentalität des Geistes und der Tatkraft aussieht. Megalomanie des Mittelmaßes. Und nun ist nicht mal sicher, wann und ob das unterirdische Fiasko je fertiggestellt wird.

Das Projekt einstellen kommt jedoch nicht in Frage. Es wird weitergeführt und Gelder werden aufgebracht werden, um das große Durchhalten zu einer formvollendeten Partitur zu modellieren. Unterstellte man einst den Sozialisten, sie würden chiliastisch auf den "großen Kladderadatsch", die Weltrevolution warten und vielleicht sogar fatalistisch hoffen, es käme nie dazu, um weiter darauf hoffen zu können, so werden diese Klüngelkapitalisten ihren eigenen Fatalismus mit Phrasen von Standhalten und Dranbleiben schmücken.

Der Blick ins Jahr 2025 verrät ein Jubiläum. 15 Jahre Bauarbeiten an der Zukunft, an der visionären Standortstärkung, am Ausbau von Arbeitsplätzen und Wohlstand. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, wird ein Vertreter der grün-schwarzen Koalition künden, müsse das Projekt weiter gefördert und subventioniert werden. Das Projekt ist als Impuls auch für Unternehmen, die in den Standort Deutschland investieren wollten, zu sehen. Die vielen Milliarden, die schon heute gut in die Baustelle investiert wurden, könnten nicht einfach verschleudert werden, indem man nun aufgebe. Durchhalten sei nun nötig, das Projekt zu einem Ende zu führen dringlich.

Nein, es darf nicht zum Mahnmal von Eliten werden, die nur in ihrem Versagen und in ihrem Korruptionstrieb, in ihrer Verfilzung und in ihrem Geltungsbedürfnis elitär sind. Nicht zu einem Monument, das diese Eliten zu dem erklärt, was sie sind: eine Horde pseudoakademischer Titelerschleicher, kleinkarierter Klassisten und karrieristischer Windbeutel. Da soll lieber aus dem Projekt ein Hochaltar für Durchhalteparolen werden, ein fatalistischer und ambitionierter Versuch, das Scheitern über Jahre hinweg mit weiteren Mitteln zu kaschieren, hinauszuzögern, in eine nie eintretende Zukunft zu verschleppen.

Ein Eingeständnis des Scheiterns wäre mehr als zuzugeben, man habe sich überschätzt am Projekt, man habe etwas zu groß gedacht, etwas zu vermessen geplant. Es wäre das bedauerliche Eingeständnis einer Klasse, die zwischen Kommunal- und Bundespolitik und regionalen wie überregionalen Unternehmen verleimt ist, die zwischen Mandat und Sessel im Aufsichtsrat, zwischen Allgemeininteresse und Profitabsichten nicht unterscheiden kann. Eine Klasse die meint, es sei Politik, wenn man öffentliche Aufträge in die Tasche von Unternehmen bugsiert, deren Obmänner man gut kennt und deren Obmänner glauben, es sei der freie Markt, wenn sie Kostenvoranschläge runterschrauben, um sich hernach von der öffentlichen Hand über Jahre sanieren zu lassen.

Das Scheitern gehört nun verschleppt, um diese Eliten aus öffentlicher Hand und privaten Unternehmertum, diese mandatierten Unternehmensberater und -auftraggeber zu erhalten, vom Verdacht zu befreien, sie seien nicht nur mittelmäßig, sondern in ihrer Verfilzung sogar noch ausgesprochen blöde und idiotisch. Stuttgart 21 hätte ein Monument geistiger Herrlichkeit, ein architektonisches Lob auf diese Zeit der Effektivität, des Denkens in allergrößten Maßstäben, der Anpacker- und Schaffermentalität sein sollen. Und nun mit der Aussicht auf Scheitern schrumpft es sich auf die Wahrheit zurück, wird es zum Hochaltar eines Zeitalters, das postdemokratisch Politik mit den Interessen privater Unternehmen verwechselt hat, in dem Größenwahn eine Möglichkeit war, seiner Karriere einen Hauch von Visionsfähigkeit zu verleihen, in der das Mittelmaß als elitärer Zirkel wütete.

Aus dem Denkmal der postdemokratischen Größe unserer Zeit, könnte letztlich ein Denkanstoß werden, dass diese Größe nie vorhanden war, fürchtet man nun. Deshalb heißt es jetzt für die Granden dieser irrtümlichen Epoche: Durchhalten. Weitermachen. Subventionieren. Und immer wieder beschwören.



8 Kommentare:

Anonym 15. Februar 2013 um 09:40  

Das System ist do einfach wie wirkungsvoll und funktioniert eigentlich immer: Ab einem bestimmten Bauabschnitt, der meist ohne große Proteste ereicht werden kann, ist der point-of-no-return erreicht. Nun können sich die Kosten auch vervierfachen, die betonierten Tatsachen sind unübersehbar in den Raum gestellt und selbst der sparsame Schwabe will keine Dauerruine. Wer will schon ein Denkmal des Scheiterns mitten in der Stadt? Der nächste Skandal bahnt sich gerade in Gestalt des Berliner Schlosses an. Eine Ruine mitten in der Hauptstadt? Niemals!

Anonym 15. Februar 2013 um 09:52  

AMEN ! So ist es ! Nicht "nur" bei S21. Siehe Berliner Flughafen, siehe Elbphilharmonie, siehe TollCollect, siehe Wasserversorgung etc., etc.
Im Prinzip sind alle Gebiete betroffen, in denen Politiker das Volksvermögen verscheppern und damit Privatiers und sich selber reich machen. Wie Werner Rügemer schon sagte: „Public Private Partnership ist keine Partnerschaft, sondern öffentlich‐private Komplizenschaft zum Schaden der Allgemeinheit.

Arminzon 15. Februar 2013 um 11:22  

"eine Horde pseudoakademischer Titelerschleicher, kleinkarierter Klassisten und karrieristischer Windbeutel."

Wow. Eine treffendere Beschreibung des Zeitgeists ist mir noch nicht untergekommen.

maguscarolus 15. Februar 2013 um 12:58  

Als in Stuttgart wohnender Gegner dieses S-21-Wahnsinns lese ich erfreut diesen treffenden Abgesang.

Möge das Projekt kläglich scheitern – es wäre höchste Zeit dazu!

Sieben Stein 15. Februar 2013 um 19:04  

Lieber Roberto,

ihren Beitrag drucke ich aus, kopiere und verteile ihn analog in meinem Bekanntenkreis, der von Eliten nur so wimmelt.
Ich hoffe sie haben nichts dagegen.

Anonym 16. Februar 2013 um 11:50  

""eine Horde pseudoakademischer Titelerschleicher, kleinkarierter Klassisten und karrieristischer Windbeutel."

Wow. Eine treffendere Beschreibung des Zeitgeists ist mir noch nicht untergekommen."

Zumindest nicht seit Douglas Adams' Gedenken.

"a bunch of mindless jerks who’ll be the first against the wall when the revolution comes" (über die Marketing-Abteilung der Sirius Cybernetics Corporation)

Aldo 16. Februar 2013 um 16:49  

Die Chiffre Stuttgart 21 ist sehr komplex und widersprüchlich. Einerseits haben bisher die Herrschenden aufgrund von Täuschungen dieses Prestigeobjekt, nämlich satte Gewinne für die freiwerdenden Flächen an der Oberfläche durchziehen können.
Bei den Täuschungen wären vor allem zu nennen, die raffinierte Frage bei dem Referendum 2011 ,nämlich : “Wollt ihr den alten Bahnhof behalten?“ Wer also nicht hinging zu Volksabstimmung, der hatte mit nein gestimmt. Nicht zu vergessen auch die Einschüchterungen durch ein massives Polizeiaufgebot vor einem Jahr, bei der die Polizeiführung schon im Vorfeld mitgeteilt hatte, dass sie “das Baurecht der Deutschen Bahn AG in Stuttgart mit fast allen Mitteln durchzusetzen“ bereit war. (Vgl:Kontext Wochenzeitung, vom 16.02. 2013, Ein Jahr Wüste-scharf überwacht)
Gleichwohl, immer bleibt etwas hängen, ein bisschen weniger Angst vor Herrschaft, diese deutsche Malaise, um die zu verstehen man weit in die deutsche Geschichte zurückgehen muss: Gescheiterte Bauernrevolten, 30 jähriger Krieg, die Rolle Preußens in der Unterdrückung der 1848 Revolution, die gescheiterte Revolution von 1918 und in der jüngsten Geschichte die auf die Gleise des Kapitalismus umgelenkte friedliche Revolution von 1989, wäre hier u.a. zu nennen.

Anonym 19. Februar 2013 um 09:05  

...."eine Horde pseudoakademischer Titelerschleicher, kleinkarierter Klassisten und karrieristischer Windbeutel."

Die zynischen Medienschmieranten fehlen

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