Ehe der Hahn kräht ...

Freitag, 8. Februar 2013

Was diesem Hahn in den Sinn kam, kann nicht genau erklärt werden. Die Entrüstung dazu ist geheuchelt. Wenn er denn nun "allerdings gerne wissen" möchte, "ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren", dann kann ich nur dazu sagen: Ich würde es auch wissen wollen. Hypothetisch jedenfalls - praktisch wäre mir die FDP außerhalb des Bundestages dann doch lieber. Hahn fühle sich nun jedenfalls missverstanden. Und ich kann ihn, trotz aller politischen Differenzen, durchaus verstehen.

Ich will nicht der Frage nachgehen, ob man aus diesem Satz einen etwaigen rassistischen Grundtenor Hahns ableiten kann. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Dazu kenne ich ihn zu wenig; wenn ich ehrlich bin, habe ich diesen Mann vorher nicht mal wahrgenommen. Er nimmt sich jetzt seine 15 minutes of fame.

Seitdem Rösler die bundespolitische Bühne betreten hat, war er qua seiner Position Gegenstand der Berichterstattung und des Kabaretts. In vermeintlich seriösen Sendungen hörte man Sätze wie, es fielen ihm - dem Rösler - wahrscheinlich die Stäbchen aus der Hand. Seine Parteikollegen sprachen vom Bambus, der im Wind wiegt - was einer Eiche nicht passieren könne. Vermeintlich linksliberale Kabarettisten verstiegen sich immer wieder dazu, Röslers asiatischen Hintergrund zu verkalauern. Ich erinnere mich mal gehört zu haben, dass Rösler auch dann ein Gelber geworden wäre, wenn er nicht bei der FDP aufgeschlagen wäre. Oder irgendwelche Verkosungen, die man rassistisch auflud. Oder man erklärte, dass Westerwelle doch noch zu einem Kind gekommen sei - zu einem vietnamesischen Findelkind. Sein asiatisches Aussehen war neben seiner neoliberalen Ausrichtung leider immer Sujet.

Kurzum, der Spott mit dem man Rösler durchaus zurecht begegnete, glitt immer gerne ins Rassistische, wenigstens aber ins Rassistoide ab, in so ein Gefilde gutgemeinten und leutseligen Augenzwinkern-Rassismus. Und der erzielte tatsächlich auch Applaus und Lacher. Als Lerchenberg am Nockherberg mal erklärte, dass die FDP am liebsten Hartz IV-Bezieher in ein Lager sperren wolle, "bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd", da empörte man sich aber vehement. Witze über gelbe Hemden sind nicht angebracht - Witze über den gelben Chef der Gelben waren aber jederzeit vor Kritik gefeit.

Ob Hahn den nicht sehr beliebten Gelbhemden-Chef einfach nur zur Disposition stellen wollte, kann ich nicht beantworten. Man kann das so sehen. Man kann in seinen Aussagen auch die Weltanschauung eines Mannes sehen, der im schwarz-gelben Milieu seines Bundeslandes rassistische Impulse erlernt haben mag. Alles denkbar. Aber diese Aussage, die man da zu lesen bekommt, sie kann natürlich auch anders gemeint sein. Hat diese Gesellschaft diesen asiatisch aussehenden Vizekanzler denn nicht nur ertragen, wenn sie immer wieder mal auf seine Herkunft deuten durfte? Wurde der Spott an seiner Person nicht erst dann besonders beißend, wenn sein exotisches Aussehen, seine schwarzen Haare und asiatischen Augen (so schrieb es sinngemäß mal die BILD-Zeitung), Gegenstand der Häme wurden?

Man bewahre mich davor, einen Mann der FDP in Schutz zu nehmen. Aber die Reflexe, die seinen Äußerung jetzt folgen, die gehen von geheuchelt bis einfach nur Hauptsache, ich habe mich mal empört.

Eine Debatte wollte er anstoßen, sagt er nun. Debatte anstoßen - das ist die Modeausrede derzeit. Immer wenn einer ertappt wird, wollte er nur debattieren. Und welche Debatte wollte er anfachen? Eine über eine etwaige Nachfolge? Oder eine über den rassistischen Konsens in der Bevölkerung? Letzteres muss doch nicht erst debattiert werden. In Zeiten von Judengenen und Kopftuchmädchen weiß man davon ausreichend auch ohne angestoßene Debatten. Wahrscheinlich weiß Hahn selbst nicht mehr, was er damit sagen wollte. Er wird auch einer von der Sorte sein, die unbedingt etwas sagen müssen, wenn man ihnen ein Mikro ins Gesicht steckt.

So wie all die Typen, die ja unbedingt etwas sagen mussten und Entgleisung! und Verfehlung! riefen. Da wünscht man sich doch mal jemanden, der sagt, Ach wissen Sie was, ich habe keine Ahnung, was der Hahn da gesagt hat. Fragen Sie mich in drei Tagen nochmal, vielleicht habe ich mir dann eine Meinung dazu gebildet. Aber in drei Tagen kümmert es ja niemanden mehr. Deshalb ruft man Zeter und Mordio, wenn ein Journalist einem ein Statement serviert und liefert gleich noch ein Statement hinterher und entfacht einen solchen Shitstorm an Statements, die keiner braucht und die ungefähr so vorhersehbar sind wie Dinner for One. Noch ehe der Hahn kräht, gibt es schon acht Entrüstungen, vierzehn geschüttelte Köpfe, drei Rassismusvorwürfe, sieben Rücktrittsforderungen und achtzehn Empörungsschreie.

Und schließlich leben wir in einer Meinungsindustrie. Jeder sollte da eine Meinung haben müssen - auch um die Absatzzahlen dieser Industrie zu fördern. Und dann gibt es Themen, da sollte man nicht eine Meinung haben, sondern die eine Meinung haben. Weil es besser ankommt.

Ich nehme das persönlich, dass dieser Medienbetrieb mit seiner Statementjonglage und seinen Aufbauschungen, seiner Deutungshoheit und seiner Attitude, Scheiße zum Sittlichkeitsthema zu erheben und Rassismen die offenbar sind zu kaschieren, während sie Sätze, die gar nicht rassistisch gemeint sein müssen, dramatisert ... ich nehme es persönlich, dass mir dieser Journalismus genannte Affenzirkus jetzt mal wieder eine Rolle zuschustert, einen wie Hahn zu rechtfertigen. Nicht dass mir der Mann sympathisch wäre - ich kenn' ihn ja nicht mal. Aber man kann es auch übertreiben ...

Rösler nimmt es ihm nicht krumm, hieß es heute. Sie seien befreundet. Was bedeutet Freundschaft schon in der Politik? Aber das ist eine andere Geschichte. Im Zuge der Recherche zu diesen Zeilen fand ich einen Kommentar in irgendeinem Forum. Da ging es um Brüderle, wie er Rösler wohl vor zwei, drei Jahren angriff, ich glaube es handelte sich um das Bambus-Zitat, das ich oben ansprach. Auch da hat Rösler reagiert wie bei Hahn. Er habe keinen Streit mit Brüderle, sagte er. Ein Forumsteilnehmer wusste scheinbar warum. Er vermute, schrieb er, dass diese Freundlichkeit seiner asiatischen Herkunft geschuldet sei.

Wie das wohl gemeint war? Wohl als das bediente Klischee von einem Asiaten, der selbst dann noch lächelt, wenn man ihn ausbeutet. Was Europäer halt für ein Lächeln halten wollen. Die lächeln doch immer so freundlich. Land des Lächelns heißt es noch, nicht wahr? Was, Rösler ist kein Japaner? Achwas, so genau geht es doch nicht! Vielleicht waren es ja eben genau Aussagen wie jene in diesem Forum, die den Hahn krähen ließen.



11 Kommentare:

Lazarus09 8. Februar 2013 um 19:42  

*huestel* Ich bin echt kein Fan der gelben Flick-er, aber..
Damit hat ja auch keiner ein Problem gehabt

Lazarus09 8. Februar 2013 um 19:46  

Ach so, falls es nicht klar raus kommt ich meinte die Beschreibung des Guy d'Eau ..

Germany's openly gay foreign minister

ninjaturkey 9. Februar 2013 um 01:54  

»...glitt immer gerne ins Rassistische, wenigstens aber ins Rassistoide ab...«

Rassistoid? Gibts das wirklich oder hast Du das eben erfunden. Der kleine debile Bruder vom Rassismus - nicht schlecht. Wenn mir das nächste Mal eine Unartigkeit gegenüber Mädels rausrutscht, werde ich zerknirscht mein sexistoides Verhalten (meine Rechtschreibkorrektur kanns auch nicht glauben) eingestehen, Sexismus aber weit von mir weisen. ;-)

Im Übrigen mag ichs auch nicht mehr hören, wenn mal wieder ein Halbwichtling in die Gegend quakt und andere Halbwichtlinge zurück quaken.

landbewohner 9. Februar 2013 um 05:09  

pefekt!!

maguscarolus 9. Februar 2013 um 10:11  

Gute Güte! Was waren das noch für schöne Zeiten, als die Bösen böse und die Guten gut waren ...

Lazarus09 9. Februar 2013 um 13:37  

maguscarolus

Eigentlich kann ich mich nur Gute™ erinnern die jeder von sich das Prädikat in Anspruch genommen haben die wahren Guten™ zu sein..;-)

Und Böse™ waren immer die anderen ..

.. guxu heilige barmherzige Mutter Kirche unter der über die Jahrtausende bis in die heutige Zeit mehr Menschen nachweislich gelitten haben als unter dem pösen Luzifer ... Na und wer sind die Guten™ ;-)

..und nein, ich bin kein Teufelsanbeter..eh' da einer auf blöde Gedanken kommt .....

Anonym 9. Februar 2013 um 14:48  

ANMERKER meint:
Ein vortrefflicher Essay, Roberto. Vielleicht war es ja Hahns Ziel, einen Entlastungangriff zu fahren - weg von Brüderle hin zu Rösler. Wenn es das nicht war und Hahn als tumber Tor gehandelt hat,würde das ja einiges über Hahns Qualifikation als (FDP)Politiker aussagen. Wenn aber andererseits bekannt ist, von FDPWahlkamfständen, dass die FDPWerber_innen schon mal zu hören bekommen: Ich würde Euch ja wählen, wenn dieser Gelbe nicht Euer Vorsitzender wäre, dann muss man sich umso mehr fragen, was einen Integrationsminister dazu bringen mag, den alltäglichen Rassismus derart verklausuliert in die Öffentlichkeit zu tragen. Also wirklich nur ein tumber Tor?
FRAGT ANMERKER

Anonym 10. Februar 2013 um 13:40  

Man darf durchaus empört sein, finde ich. So eine Aussage ist verdammenswert, keine Frage. Auch wenn das Gelbhähnchen nur sagen wollte: "Die da auf der Strasse denken doch sowas - das wollt´ ich nur mal melden!". Mit dem Einwurf hatte er tatsächlich seine 15 Minuten Berühmtheit, aber mit dem Einwurf hat er sich automatisch disqualifiziert.
Allerdings: empören darf sich dann aber auch nur der, der keine dämlichen Witze über Merkels Watschelgang, Wowereits sexuelle Ausrichtung oder Bouffiers Gesicht macht...

Anton Chigurh

Anonym 10. Februar 2013 um 17:39  

Papperlapap!

Das Lustige an dieser Diskussion ist doch, dass diejenigen, die sonst immer von der deutschen Willkommenskultur faseln und bei jeder Gelegenheit aufs Schärfste dagegen vorgehen, wenn man denen mitteilt, dass Deutschland ein miefiges, durch und durch rassistisches und ausländerfeindliches Stück Erde ist, nun angeblich eben das selbst entdeckt zu haben glauben....

Haha, der Hahn, unser Koch Spezi... ja ne, is klar, wir haben dich verstanden du halbes Hähnchen.

Roberto De Lapuente 11. Februar 2013 um 09:38  

Sollte dem so sein, so hat Hahn aber keinen Unterton durchwirken lassen. Dann wäre er auch noch ein schlechter agent provocateur.

Sollte wie Chigurh meint, Hahn die Denke der Leute tatsächlich gemeint haben, frage ich mich allerdings schon, was da dann verdammenswert wäre. Auch ein blinder Hahn findet mal ein Korn.

Anonym 11. Februar 2013 um 17:55  

Also ich kann da nichts anderes herauslesen. Herr Hahn fragt sich doch ganz eindeutig, ob seine "liberalen" Wähler schon so weit seien, so ein gammliges Schlitzauge als "Vizekanzler" (gibts ja gar nicht den Posten...)zu akzeptieren.

Für mich eine durchaus legitime Frage, gerade die FDP, ein Sammelbecken nationaler Kräfte mit zweifelhafter Vergangenheit (Wahlslogan in den 50zgern: Schluss mit der Nazi Hatz oder so ähnlich), mit ihren Verbindungen ins studentische Verbindungsmilieu und in elitäre Kreise die schon einmal als Stütze des Systems fungierte, muss sich den Tatsachen stellen.

Ein Lob fürs Hähnchen! Nicht jeder Politiker kennt den eigenen Gestank so gut wie er....

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