Zur gedachten Vertreibung

Montag, 28. Mai 2012

Wir brauchen einen Gedenktag für Heimatvertriebene, meint Seehofer derzeit. Nicht irgendwann, sondern jetzt - kippt er als Motiv nach. Für wen der gelten soll, gibt er derweil nicht bekannt. Ob er wohl Zahlen liefern kann, wieviele deutsche Vertriebene aus Osteuropa es noch gibt? Die meint er nämlich! Und wieviel von denen sind denn eigentlich persönlich vertriebene Vertriebene? Zählt er die Vertriebenen in zweiter Generation, die nur die sentimentalen wie traurigen Erzählungen der Eltern kennen, auf der Flucht aber noch gar nicht existent waren, auch mit? Doch was heißt das schon! Steinbach, Obervertriebene, war selbst dabei auf der Flucht vor den Kommunisten. Sie wurde aus jener Heimat vertrieben, die ihr Vater vorher als Wehrmachtssoldat für seine Familie besetzt hatte - dafür will sie Gedenktag und Entschädigung. Seehofer pflichtet indes dem Gedenktag grundlos bei.

So viele Vertriebene...

Der Mann liegt aber womöglich gar nicht falsch. Wir sollten uns als Gesellschaft an die Vertreibung aus der Heimat erinnern müssen. Der Verlust der Heimat ist doch tatsächlich einer der gravierendsten Brüche, die man als Mensch erleben kann. Sie ist sprichwörtlich der Entzug des Fundaments. Wir sollten daher an jene denken, die dieses Schicksal erlitten haben. An manchen Ostdeutschen, der seine Heimat verlassen musste, weil die einziehende Marktwirtschaft dort keine Nachfrage nach ihn entfachte. Oder an all die Wanderarbeiter, die zu Sklaven des Arbeitsmarktes flexibilisiert wurden und ihre Heimat aufgeben mussten. An Erwerbslose, die im Zuge der Zumutbarkeit jeder Arbeit, aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Oder da sind noch die vom Fluglärm vertriebenen Autochthonen - oder aus Wohnungen und gar Stadtvierteln geworfene Hartz IV-Empfänger...

Der hiesige Kapitalismus vertreibt aus Heimaten. Nicht nur der Kommunismus, der überdies ja als Reaktion auf den Nationalsozialismus vertrieb. Der Kapitalismus macht heimatlos - er lobt und empfiehlt niemanden aus seiner Heimat weg: er vertreibt gnadenlos, er verscheucht und verjagt. Ohne Soldateska, ohne Pogrom - er tut es mit Perfidie, raubt Infrastruktur, stiehlt Lebensgrundlagen, verunmöglicht Verdienstmöglichkeiten; er erhebt Effizienz und Fortschritt, Rentabilität und Profitismus zu absoluten Ideen, neben denen der Mensch keinen Bestand hat.

... und noch mehr Vertriebene...

Es war schwierig für die Deutschen, die aus Polen und der Tschechoslowakei kamen. Die Heimat verloren zu haben, in der Fremde nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden zu sein, das tat ihnen weh. Dass auch die zweite Generation, die unter der Vertreibung nicht direkt litt, ebenso davon geprägt war, wenn die Eltern mit glasigen Augen in die Vergangenheit entflohen, das kann man sich denken. Sich dieses schwerwiegenden Verlustes in Gedenken stellen zu wollen, das ist nicht zu beanstanden - ob man allerdings entschädigen soll, steht auf einem anderen Blatt. Hier soll nicht darüber sinniert werden, ob man Kindern sudetendeutscher Flüchtlinge Entschädigungen zahlen sollte. Auch nicht zu viel Wort darüber, dass im Sudetenland besonders fanatische Nazis lebten; dort wurde ja auch eine Trauerfeier für den gefallenen Führer abgehalten, wie Hans-Jürgen Eitner zu berichten wusste - auch das soll nicht Gegenstand sein. Hinweisen sollte man darauf aber schon. So wie darauf, dass die Vertreibung aus diesen Gründen natürlich nicht zimperlich ablief - aber deshalb gleich entschädigen und somit falsche Impulse aussenden?

Gedenken wir dann eigentlich auch jenen Europäern, die durch Deutschlands neoliberale Europapolitik aus ihren Heimatländern vertrieben wurden? Den Griechen, denen die Basis für eine Zukunft gestohlen wird? Ist es nicht auch eine Art von Heimatvertreibung, wenn man Menschen in den Selbstmord treibt? Ist das nicht auch eine Form der Flucht aus der Heimat? So wie damals auch Deutsche den Selbstmord wählten - wie manche Juden sich schon Jahre zuvor töteten, weil sie sich der deutschen Kultur zugehörig fühlten und weil sie aus diesem Kulturkreis vertrieben wurden? Überhaupt die Juden! Soll man an die nicht auch denken an so einem Tag? Waren sie nicht auch Heimatvertriebene, ehe die Mehrzahl von ihnen auch noch von dieser Erde vertrieben wurden?

 ... und gedachte Vertriebene

So viele aus der Heimat vertriebene Gruppierungen - fraglich nur, warum diese eine Gruppe von deutschen Heimatvertriebenen glaubt, sie hätte einen alleinigen Anspruch auf Mitgefühl und Andenken. Ein solcher Gedenktag ist nicht grundsätzlich falsch. Aber ihn auf Initiative des mittlerweile fadenscheinigen BdV hin zu fordern, der heute für eine verquere Blut- und Bodenideologie steht, ohne sich der historischen Verantwortung stellen zu wollen, das ist mehr als bedenklich. Zumal der BdV auch solche "Vertriebene" vertritt, die sich ihre Vertreibung nur gedachte oder erdacht haben - die Vorsitzende Steinbach ist das Paradebeispiel hierfür...



6 Kommentare:

Anonym 28. Mai 2012 um 13:37  

Die Ostdeutschen wurden nicht nur ganz real vertrieben im Zuge der Marktwirtschaft, die heute teilweise Wüsten hinterlassen hat, wo kaum noch Menschen leben, sie wurden ihrer Heimat auch emotional enteignet, denn es gibt keine Heimat Namens DDR mehr. Nicht dass viele die DDR wiederhaben wollten, aber sie wollten selbst bestimmen, was es aus ihrer Heimat bewahrenswertes gab und was Veränderungen bedurfte. Nicht aber wollten sie die modernen Raubritter des Kapitals zu sich einladen, die ihnen alles nahmen, selbst ihre Geschichte...

Anonym 28. Mai 2012 um 14:03  

A.
Die Vertreibung weiter gedacht. Diesen Artikel kann ich nur beipflichten und zeigt sehr schön wie weit Politiker denken können, nämlich nur sehr kurz!

Anonym 28. Mai 2012 um 15:06  

Wie durch und durch unökonomisch die Übernahme der DDR durch die BRD war, zeigt eine Zahl:
1500 Milliarden.
Soviel Euro hat die BRD in den Aufbau Ost gesteckt, mit einem ähnlich hohen Verlust. Beispiellos.

Anonym 29. Mai 2012 um 08:29  

@Anonym 15:06
Die 1500 Mia. Staatsknete sind schnurstracks als Gewinne gelandet bei Handelskonzernen (West), Warenhäusern (West), Lebensmittelgroßindustrie (West), Baulöwen (West), Energie- und Bergbauriesen (West), und als Gehälter bei Scharen von versorgungsbedürftigen Beamten & Politikern (West).
Existenzgründer (Ost) hatten null Chance gegen diese Marktmacht, die die passende Lobby und Gesetzgebung bereits mitbrachte.
Ökonomisch war das also schon, im Sinne der goldenen Nase für die altbundesdeutschen Marktführer.

Was den vererbbaren Flüchtlingsstatus betrifft, wird eine Steinbach locker in die Tasche gesteckt von diversen palästinensischen Politikern. Von denen würden manche gern noch die Urenkel heimholen.

stellasirius

Manfred Peters 29. Mai 2012 um 11:12  

@ Anonym 28.05. 15:06

Was willst Du mit der von Dir kolportierten Phantasiezahl sagen? Hetze oder nur dummes Nachgeplapper von reißerischen BILD-Schlagzeilen?
Ein großer Teil der angeblichen Transferleistungen floss übrigens u. a. über die kriminellen Machenschaften der Treuhand direkt in den Westen zurück. Aus fast jeder Gemeinde/Stadt im Osten könnten dafür Beispiele genannt werden. Diese „Wirtschaftsverbrechen“ wurden übrigens in der Regel nicht geahndet.
Die Kosten für den unnötigen Aufbau und Erhalt einer Bundeswehr nach NATO-Standart wäre ein anders Thema, ...!
Hier ein halbwegs unverdächtiger Beitrag der wenigstens oberflächlich die
Mythen und Fakten
des angeblichen Ost-West-Transfers anspricht.

Stefan Wehmeier 3. Juni 2012 um 19:12  

Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

"Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren."

Arthur C. Clarke (1917 – 2008)

Was Zivilisation ist, beschrieb der Sozialphilosoph Silvio Gesell (1862 – 1930) in seinem makroökonomischen Grundlagenwerk "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" im Jahr 1916. Alle "Gegenargumente" sind Vorurteile und Denkfehler.

Dass eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt (und in "God´s own country" schon wieder einstellen musste), sich noch immer im zivilisatorischen Mittelalter befindet und darum – was von den "Verantwortlichen" noch gar nicht gesehen wird – heute vor der größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte (globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch: Armageddon) steht, erklärt der Umstand, dass sich das Paradies (die Marktwirtschaft) nicht von der Erbsünde (dem Privatkapitalismus) befreien lässt, um erst hinterher festzustellen, dass man sich schon im "Himmel auf Erden" befindet:

http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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