Wenn uns schlecht wird, geht es uns gut

Dienstag, 15. Mai 2012

Das ist Wettbewerb im Gesundheitswesen! Vorbildliches Indien! Dort verstehen es die Patienten, sich wettbewerbsorientiert zu verhalten. Dort stellt man sich Fragen, die dem Wettbewerb förderlich sind; dort macht sich der Patient nicht zum Hilfebedürftigen, sondern zum Wettbewerber. Spielregeln verstanden! Fragen wie: Soll ich am klinischen Versuch für Magenpräparate teilnehmen oder doch bei einem für ein Krebsmedikament? Wahl haben: Das ist Wettbewerb! Dort vielleicht Übelkeit und eine kleine Untersuchung zur Belohnung - hier vielleicht Fieberschübe und komatöses Siechen, dafür aber ein ausgiebiger Check und ein bisschen Medikamente für den Wellblechhaushalt. Frag' nicht, was dein Gesundheitssystem für dich tun kann, frag' was du für dein Gesundheitssystem machen kannst - und für das anderer, reicherer Länder gleich mit!

Wettbewerb im Gesundheitswesen will Bahr ja umsetzen - und die üblichen Andächtigen, Springer und Bertelsmann, einige Krankheitsexperten aus Union und Wirtschaftsliberalismus, allerhand Privatversicherte aus Wirtschaft und Medien, jubeln im Chor. Es geht ihnen eher nicht weit genug. Der Kranke, so ihr feuchter Traum, soll im Angesicht von Metastasen nicht auf seine Therapie konzentriert sein, sondern die verschiedenen Angebote sichten, die das Gesundheitswesen für ihn bereithält - oder eben nicht, falls er sich Offerten dieser Art nicht leisten kann; für solche gibt es dann Standardverfahren. Aber die Behandlungen sind sicher!, erklärt das Gesundheitsministerium - wenn es das erstmal erklären muß, dann dürfte es schon zu spät sein.

Der Wettbewerb in diesen aufgeklärten Landen dürfte natürlich anders ausfallen, als jener in Indien. Untersuchungen mit klinischen Versuchen zu kombinieren, würde man hier niemals praktizieren. Man wüsste gar nicht, wie man das mit der Krankenkasse abrechnen soll. Aber die Tendenz eines Gesundheitswesens, das nicht auf Gesundung, auf Therapie und Schmerzlinderung zu jedem erdenklichen Preis fixiert ist, das also nicht erklärt, dass der zu behandelnde Mensch nie und nimmer eine Kostenfrage, sondern seine Genesung eine Frage der Ehre und des Anstandes ist, gebiert zwangsläufig krumme Touren.

Der Wettbewerb der neoliberalen Agenda hat sich als Unterbietung, Verbilligung und Dumping erwiesen. Das ist das Gegenteil von Kurieren - das Gegenteil davon, den Patienten zum Maßstab der Therapie zu machen - das ist, jedenfalls für die größte Zahl der Versicherten, das Gegenteil von individueller Lebensführung. Es ist eine Zentralisierung und Generalisierung der Kranken. Was die Therapie kosten darf, wie sie in den Griff zu bekommen ist, das regeln dann nicht freie Ärzte in freier Entscheidung unter Gesichtspunkten, die relativ freie Herangehensweisen erlauben - das regeln Statuten, buchhalterische Erfahrungs- und Pauschalwerte, das regelt der Markt.

Nein, keine klinischen Versuche im Paket mit einer Untersuchung. Aber ein wettbewerbsorientiertes Gesundheitswesen, wäre seinem Wesen nach eben nicht gesund. Angebote für Versicherte regelten den Praxisalltag, eine Hausarzt-Flatrate beispielsweise, die der auf Geiz konditionierte Verbraucher (Patient wäre er dann nur nebenbei) vorher ausgewählt hat - Mehrbesuche verursachen natürlich Mehrkosten. Gesundheit zahlt sich dann aus. Wer gesund bleibt, macht ein Schnäppchen; der Kranke zahlt drauf. Von der qualitativen Abwertung der medizinischen Grund- und Fachversorgung mal ganz abgesehen. Wettbewerber haben keine Zeit, denn der Wettbewerb schläft nie - sie haben weder Zeit noch Geld zu verschenken. Und der Arzt, er wäre ein solcher Wettbewerber - noch mehr, als er es vermutlich heute schon ist. Wer sich den Luxus gönnt, Zeit zu investieren in einen Verbraucher, der bleibt auf der Strecke, denn der Wettbewerb kennt keine Gnade.

Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, schon heute, aufgrund der Sparpolitik der letzten Jahrzehnte, arg angegriffen, kann in einem Wettbewerbssystem nicht überleben. Der Arzt ist dann qua System keine Person mehr, die Linderung bringen soll, sondern jemand, der etwas zu verkaufen hat. Es vertraut sich aber so schlecht, wenn man ständig das Gefühl hat, da will einer dauernd mit seinen Fingern in meinen Geldbeutel hinein.

Indien ist die Überspitzung des Wettbewerbgedankens. Man sollte die neoliberalen Gesundheitsreformer mal dorthin führen. Sie würden entrüstet tun, sagen, dass natürlich die Grundversorgung in Deutschland sicher sei. Unter sich würden sie aber feststellen, dass es genau so ein freier Markt ist, wie ihn Indien da hat, der uns in Deutschland fehlt. Denn erst wenn es uns allen kotzübel geht, weil wir im klinischen Versuch Tabletten gefressen haben, deren Wirkung wir nur ungenau kennen, dann geht es uns wieder besser...



7 Kommentare:

Anonym 15. Mai 2012 08:30  

Bitte den Stab des Äskulap mit dem Dollarzeichen vergleichen.....

Hartmut

endless.good.news 15. Mai 2012 08:48  

In afrika oder Indien ist die Marktwirschaft auch konsequent zu Ende gedacht. Da sterben die Menschen, welche sich auf dem Markt nicht behaupten können. Keine Lohnuntergrenzen, keine soziale Absicherung. Das verzerrt nur den Preisbildungsprozess bei den Löhnen. Dennoch gibt es in all diesen Ländern Arbeitslosigkeit?!

Anonym 15. Mai 2012 12:04  

Ich kann das Wort Wettbewerb nicht mehr hören. Bei einem Wettbewerb gibt es immer Gewinner und Verlierer. Bei gewissen Wettbewerben gibt es sogar nur einen Gewinner, alle anderen sind Verlierer. Dieses Wettbewerbsdenken widerspricht dem sozialen Denken diametral. Beim sozialen Denken geht es um das Wohl aller. Beim Wettbewerbsdenken geht es um einen Kampf gegeneinander.
Nun wird uns dieser Kampf als erstrebenswertes und soziales Ziel eingeimpft. Service public” – ein Begriff aus der Schweiz (Postautoverbindungen in abgelegene Alpenseitentäler, defizitär zwar, aber zugunsten der benachteiligten Bergbevölkerung) ist nicht mehr up to date. Gemeinwohl ist nicht mehr das Ziel, wird kaum noch thematisiert, geht also bald in Vergessenheit. Unsere Kinder werden gross in einer Welt von permanentem DSDS, Wer gewinnt die Million. Überall nur noch Verlierer oder Gewinner, Reiche oder Arme, Überfluss oder Mangel, Wellness oder Siechtum.
Diese permanente Gehirnwäsche für Wachstum und Wettbewerb kann eine Gesellschaft in ihrem Denken innert 10 bis 20 Jahren wertemässig total umkrempeln.
Wachstum durch Strukturreformen = noch mehr Wettbewerb.

der Herr Karl

Conny Fähre 15. Mai 2012 13:28  

Das passt wunderbar zu dem Kommentar über Roman Herzog und sein "Generationenversprechen". Was für ein Kostenfa--- ääh, was für eine Herausforderung für die Fachkräfte so ein Greis doch ist! Wäre es nicht viel billiger, ab einem bestimmten Alter einfach das Recht auf Gesundheitsversorgung vom eigenen Kontostand abhängig zu machen? Oh, wie würde der Durchschnittsbürger auf einmal gesunden ... Und das Prinzip wäre einleuchtend: ist etwas alt, schmeiß es weg. Es gruselt mich ein wenig, wie leicht sich für solche Gedankengänge plausibel klingende Erklärungen finden lassen.

Anonym 15. Mai 2012 15:07  

endless good news, "In afrika oder Indien ist die Marktwirschaft auch konsequent zu Ende gedacht"?
Vor Jahrtausenden war die Marktwirtschaft also auch schon "konsequent zu Ende gedacht"? Offenbar hat man wohl damals vergessen, diese zuende gedachten Theorien auf Höhlenzeichnungen zu verewigen, nicht wahr?

Anonym 15. Mai 2012 15:18  

Wie immer, ein guter Artikel ! -

Wenn die gesetzliche Krankenversicherung (GKV), das Kernstück des Gesundheitswesens der BRD der neoliberalistischen Seuche vollends zum Opfer gefallen ist, dann ist das unmenschlichste Ziel, einer Menschen verachtenden Politik erreicht. Sollte der (Vernichtungs-)Wettbewerb total unser Gesundheitssystem vereinnahmen, dann ist das Ende aller sozialer und christlicher Verantwortung erreicht. - Betriebswirtschaftliches Denken und Handeln darf nicht zur alleinigen Grundlage unseres Gesundheitswesens werden.
Schon heute muß sich doch jeder kranke ALG II Empfänger, Geringverdiener und Rentner ernsthaft fragen: Wieviel "Gesundheit" kann ich mir diesen Monat noch "leisten" ? - Es ist ein Skandal !

Anonym 17. Mai 2012 08:25  

Zu diesem wichtigen und gut geschriebenen Arikel ist mir gerade noch ein passendes, kritisches Buch eingefallen:

Die Nemesis der Medizin, Ivan Illich,

Das Buch kann ich jedem, der unser Gesundheitssystem in frage stellt und nach Selbstbestimmung strebt empfehlen.

Schöne Grüße zum heutigen Tag wünscht

Hartmut

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