Talk am Wahlabend

Freitag, 18. Mai 2012

"Wir Liberale wurden gewählt, weil wir für Seriosität und Verantwortung stehen."
"Und wir Konservative sind für seriöse Verantwortung eingetreten, Herr Kollege."
"Uns Grüne wählte man, weil wir für verantwortungsvolle Seriosität stehen."
"Wir Sozialdemokraten konnten zulegen, weil wir als Alternative seriöse Verantwortlichkeit ausstrahlen."
"Die Piraten wollen seriös und verantwortlich neue Wege beschreiten."
"Neue Wege wollen wir Liberale auch gehen - kompetent in Finanzen und Bildung."
"Wir Konservative stehen ebenfalls für finanzierte Bildung."
"Da müssen wir Grüne aber widersprechen: Bildung und Finanzen! Nicht Finanzen und Bildung!"
"Doch doch, Finanzen und Bildung - nur in dieser Reihenfolge, werte Kollegin."
"Wir Sozialdemokraten machen deutlich, dass wir gebildete Finanzen anstreben."
"Wir Linken..." (Unterbrechung des Moderators, kündigt einen Einspieler an)

"Wir Liberale konnten punkten, weil wir seriöse Finanzen und verantwortungsvolle Bildung thematisierten."
"Mit uns Konservativen ging es diesmal schlecht, weil wir verantwortungsvolle Finanzen und seriöse Bildung zu stark betonten."
"Wir Sozialdemokraten stehen für gebildete Verantwortung und finanzierte Seriosität - der Wähler hat das verstanden."
"Grüne Leitlinien sind es, seriös mit Bildung und Finanzen verantwortlich zu sein - und mit Umwelt verantwortlich seriös!"
"Mit uns Konservativen ging es diesmal auch schlecht, weil wir verantwortungsvolle Finanzen und seriöse Bildung zu schwach betonten."
"... vor allem Umwelt..."
"Es ist auch ein konservativer Wert, für die Umwelt zu sein, Frau Kollegin!"
"Liberalismus und Umwelt gehören zusammen - eine seriöse Umwelt für alle!"
"Wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, ruft zur Contenance auf)

"Ja, wir Konservative sind für ein Europa der seriösen Finanzen."
"Liberal ist, was Finanzen schafft - für eine finanzierte Seriosität!"
"Herr Kollege, wir Sozialdemokraten sagten immer, dass Europa über Finanzen seriös wird - und verantwortungsvoll!"
"Verantwortung für Europa: Wir Grüne sehen das so!"
"Und für seriöse Finanzen, Frau Kollegin, stehen die Grünen nicht?"
"Für Verantwortung und Seriosität: das ist grüne Politik, Herr Kollege."
"Und für solide Finanzen, Frau Kollegin?"
"Für Verantwortung und Seriosität - und das alles solide: das ist grün, Herr Kollege!"
"Es stimmt nicht, dass die Piratenpartei nicht seriös und nicht verantwortungsvoll ist."
"Auch die Sozialdemokratie steht für solide Finanzen und finanziert Solidität."
"Wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, ein Gast aus dem Publikum wird vorgestellt)

"An diesem Beispiel aus dem Publikum sehen Sie, dass wir Freiheit benötigen - daher sagen wir Liberale: Freiheit!"
"Freiheit und Bildung, Herr Kollege!"
"Ja, Freiheit und Bildung - und Verantwortung! Wir Liberale betonen daher: Freiheit und Bildung und Verantwortung!"
"Und Seriosität!"
"Auch die: Freiheit und Bildung und Verantwortung und Seriosität! Und natürlich Gerechtigkeit!"
"Wir Sozialdemokraten stehen für Gerechtigkeit! Und für Mut! Mut zu schwierigen Reformen!"
"Die Grünen bringen es knapp auf den Punkt: freie Bildung und verantwortliche Seriosität!"
"Die Piraten sagen: verantwortete Bildung und seriöse Freiheit. Haben wir immer gesagt!"
"... und Umwelt habe ich vergessen - auch Umwelt ist grün!"
"... und konservativ, Frau Kollegin - wir stehen für gebildete Umwelt und freiheitliche Seriosität."
"Wir Linke... (Unterbrechung des Moderators, schlägt einen Themenwechsel vor)

"Der Kampfeinsatz ist notwendig. Konservativ ist, der Welt die Demokratie zu bringen."
"Auch wir Liberale sprechen uns dafür aus - Freiheit muß manchmal gewaltsam entstehen."
"Aber Herr Kollege, das ist ja brachial - wir Grüne sind daher nicht dagegen, aber auch nicht bedingungslos dafür. Mit Bauchschmerzen stimmen wir zu - damit die Frauen dort frei werden. Und umweltfreundlich!"
"Bedingungslos dafür: wir Sozialdemokraten drücken uns nicht vor Verantwortung!"
"Und Bildung bringen wir der Welt auch - Demokratie und Bildung!"
"Und Freiheit, Herr Kollege."
"Vergessen Sie mal die Gleichberechtigung nicht."
"Und freie Märkte!"
"Der Kampfeinsatz ist alternativlos."
"Wenn wir abziehen, entsteht Chaos - unverantwortlich wäre das!"
"Wenn ich unterbrechen dürfte - wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, Aufruf zur Eile, die Sendung geht dem Ende zu)

"Kurzes Statement zum Schluss: Wir Liberale habe bewiesen, dass uns Umwelt und Sozialpolitik am Herzen liegt."
"Uns Konservativen auch: wir sind sozial und politisch und haben Herz."
"Wir Sozialdemokraten herzen sozial die Politik."
"Wie wir Grünen, Herr Kollege, wir politisieren herzlich sozial."
"Die Piraten twittern sozial und politisch und herzlich - und wir sind freiheitlich."
"... wir Liberale auch - natürlich sind wir für Freiheit!"
"... und Umwelt habe ich vergessen; wir stehen auch für Umwelt bei den Grünen."
"... wir auch, Frau Kollegin, wir Konservative können auch Umwelt!"
"Wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, entschuldigt sich dafür, aber die Sendung ist am Ende)


13 Kommentare:

landbewohner 18. Mai 2012 um 09:29  

schön wärs, wenn das nur satire wäre.

Anonym 18. Mai 2012 um 10:16  

In welchem Irrenhaus spielte sich das denn ab ?

Drahtwerker 18. Mai 2012 um 10:30  

Loriot lässt grüßen.
Das wahre Leben ist i.d.R. weitaus krasser als die meisten Satiren.
Manchmal fühle ich mich soo müde.

Anonym 18. Mai 2012 um 10:39  

So gut wie Loriot an der Vereinssitzung.

der Herr Karl

piet 18. Mai 2012 um 10:43  

Köstlich ! Kann man so einen Text seriös verantworten ?

Roberto J. De Lapuente 18. Mai 2012 um 10:46  

Ja, in aller Verantwortung und Seriosität verantworte ich das seriös.

willi 18. Mai 2012 um 15:30  

Wenn ich Roberto nicht für unbedingt seriös und verantwortungsvoll halten würde und von daher sicher sein kann, dass er hier nicht einfach Blödsinn schreibt, würde ich es glatt für Satire halten.
Schöne Sprechblasenversammlung und gut beobachtet.
Am schönsten finde ich immer die Momente, in denen mal kurz die Selbsterkenntnis aufblitzt und die Rede auf "Politikverdrossenheit" kommt und eigentlich jedem der Diskutanten vollkommen klar ist, dass der Grund dafür just in dem Geseire liegt, dass die Leute ihres Schlages pausenlos in die Welt hinaus blasen und das die Ohren all derer bluten lässt, die noch mehr als drei Gehirnzellen in Betrieb haben.
Aber das zu zu geben wäre natürlich vollkommen ruinös für das, was hier als politische Kultur verabreicht wird.
Was wir zu sehen bekommen sind nur die Verkäufer, deren einziger Job es ist, den Kram aus ihrem Bauchladen an den Mann zu bringen.

Anonym 18. Mai 2012 um 16:40  

einfach nur geil! loriot in schriftform!!

Gudi 19. Mai 2012 um 14:46  

Jede Wette: 99% aller Hartz IV-Empfänger wissen, dass die Linkspartei für die Position steht, dass Hartz IV sozial ungerecht ist.
Es muss andere Gründe haben, warum sie trotzdem nicht gewählt wird. Diesen Gründen nachzugehen brächte eher weiter, als davon auszugehen, dass die Leute gar nicht wüßten, wofür die Linkspartei steht.

ClaudiaBerlin 20. Mai 2012 um 12:07  

Je mehr Parteipolitiker anwesend sind, desto furchtbarer und öder werden die Talks!

Dazu dann passend Moderatoren, die immer dann, wenn es doch mal zu einer spannenden Vertiefung kommt, dazwischen funken, einen Einspieler zeigen oder Fragen stellen, die nicht mehr dem Thema, sondern der Parteien- und Personenkonkurrenz gelten. So nach dem Motto: Inhalte sind für die Zuschauer eh langweilig...

Kürzlich fand ich Anne Will derart unterirdisch, dass ich auch drüber bloggen musste:

http://www.claudia-klinger.de/digidiary/2012/05/11/talkshows-die-arroganz-der-grosverdiener-oder-wer-ist-wir-bei-anne-will/

Rasputin 21. Mai 2012 um 17:44  

Du hättest ruhig auch mal die Linke zu Wort kommen lassen können, Roberto.
Ich vervollständige mal ein solches Statement: "Wir Linke... sind vollauf mit immerwährenden Personaldebatten beschäftigt und führen innerparteiliche Grabenkämpfe, haben aber zugleich seit langem erstarrte Parteihierarchien, so dass sich sowieso nichts bewegt. Wie standhaft und wirkungsvoll wir mit unserer Politik waren, hat sich ja in den Landesregierungsbeteiligungen gezeigt. Von aktiver Politikgestaltung nehmen wir daher derzeit mit guten Gründen Abstand."

Anonym 22. Mai 2012 um 01:36  

Hallo Rasputin,
das trifft natürlich nicht auf die
andern Parteien zu, oder doch?
Sehr lustig....

Somnia 23. Mai 2012 um 01:21  

Hallo Roberto, Du bringst doch gerne mal hypothetische "Was wäre wenn"-Gedankenspiele.
Ein interessantes Gedankenspiel wäre da in Erweiterung des aktuellen Geschehens: Was wäre, wenn die Linkspartei morgen ihre Selbstauflösung verkünden würde?
Zwei Wochen würde es im Blätterwald und in den Talkshows rauschen. Man würde Stimmen vernehmen wie: "Die Vernunft legte es nahe... Diesem selbsteinsichtigen Schritt gebührt Respekt... Das Land hat diese Partei ohnehin nicht gebraucht..."
Nach etwa zwei Wochen ist das Thema in den Medien durch. In der dritten Woche verkündet die Regierung: "Neue Berechnungen machen eine stufenweise Minderung von Hartz IV alternativlos. Als erster Schritt eines Ausgleichs werden Auffanglager für Bedürftige errichtet."
...

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