Freiheit ohne Inhalte ist Gefangenschaft

Mittwoch, 2. Mai 2012

Es ist Zeit. Die FDP muß langsam hochgeschrieben werden, sonst droht der bürgerlichen Koalition, erfolgreich in gezielter Klientelpolitik, das Aus. Die FAZ, genauer gesagt, deren Nonnenmacher, macht es vor. Die FDP würde nämlich weiterhin benötigt. Als "Partei der Freiheit" - oho! Pathos für einen Haufen Anzugsanarchos, die alle gleich aussehen, gleich quasseln, gleich inhaltsleer sind. Dass es dazu überhaupt kommen, dass man die FDP überhaupt noch herausputzen kann, dazu bedarf es eines Kniffs. Der geht so: Nonnenmacher macht die Grünen zur linken Partei, die für staatliche Bevormundung steht - sogar in der Umwelt- und Sozialpolitik! - und daher keine wirkliche Freiheitspartei sei. Die sei nur die FDP. Zwar habe man auf Vorschlag der Grünen den Freiheitspastoren zum Bundespräsidenten ernannt, aber das wolle nichts heißen. Wenn man nämlich ganz genau hinsieht, dann erkenne man, dass die Grünen ein linker, das heißt: ein bevormunderischer Verein seien.

Das ist das große Problem mit der Freiheit. Alle reden von ihr - keiner kann sie fassen, abgrenzen, definieren. Des einen Freiheit ist des anderen Knechtschaft. Nonnenmacher jongliert mit einem Freiheitsbegriff, der nicht nachvollziehbar ist. Wenn er meint, die Grünen wären für staatliche Bevormundung in der Sozialpolitik, dann hat er recht. Sie waren auch verantwortlich für die Hartz-Reformen, die bevormunden und drangsalieren. Das meint man aber nicht im gepflegten Freiheitsfeuilleton. Dass man Unternehmen Steuersätze abluchst, die dann in die Sozialpolitik fließen könnten - dass man sich ab und an darauf besinnt, dass der Sozialstaat auf einem paritätischen Modell fußt: das ist die Bevormundung, die Nonnenmacher ärgert. Eine Bevormundung, die aber theoretisch - praktisch nicht, denn in der Praxis sind die grünen Maulhelden unbrauchbar - für all jene, die nicht reich geboren wurden, die nicht Hochschulen besuchten, die nicht potenter Unternehmer sein können, ein bisschen Freiheit schafft.

Die FDP, sie wollte stets befreien. Da hat Nonnenmacher auch wieder recht. Von hohen Steuern, von Abgaben, von Belastungen für Besserverdienende. Sie wollte aber keine Freiheit, jedenfalls nicht für Menschen, die arm sind - was sie schaffen würde, wenn sie schaffen dürfte, das wäre Unfreiheit. Sie würde die Freiheit, die der Sozial- und Rechtsstaat phasenweise ermöglicht (was er immer weniger tut), gänzlich abschaffen. Die Freiheit der Habenichtse abschaffen - für dotierte Mitglieder dieser Gesellschaft suggeriert sie hingegen eine ganz besondere, eine monetäre Befreiungstheologie. Das wäre jedoch eine Freiheit, die immer Angst haben müsste, denn Hungerleider sind keine Freiheitsapostel, sondern marodieren durch die Vorstädte der Leistungsträgerschaft. Dann würde die FDP mehr Polizeikräfte einfordern, um die Freiheit zu sichern. Polizeistaat für die Freiheit - die FDP, eine orwellianische Partei. Die Politik, die die FDP verfolgt, zielt auf einen Polizeistaat ab - wenn nicht direkt, so doch über Umwege. Denn wer die soziale Unausgewogenheit noch unausgewogener gestalten will, der ruft nach einem Staat, in der die Polizei für Freiheit und Frieden sorgen muß.

Freiheit ist ein hohes Wort und weckt in allen von uns ein wohliges Gefühl. Aber sie sagt nichts aus. So wie das Kunststückchen Nonnenmachers nichts aussagt. Die Freiheit der Negersklaven nach dem Sezessionskrieg war eine traurige Aufführung. Ohne die Sklaverei auch nur im Ansatz beschönigen zu wollen: In der Gefangenschaft vor dem Krieg ging es manchen Sklaven halbwegs so, dass es lebenswert war. In Freiheit war der Ex-Negersklave auf sich alleine gestellt, konnte nicht lesen, sich kaum selbst helfen, war auf dem freien Arbeitsmarkt den Richtlinien der weißen Eliten ausgesetzt und durfte keine Hilfe oder Fürsorge erwarten. Natürlich war die vormalige Fürsorge auch dem Umstand geschuldet, dass der Sklave eine zu pflegende Ware war - doch nach dem Krieg war er frei und hatte Hunger. Die Peitsche schnellte nicht mehr herab - aber die Freiheit, sie geißelte. Das heißt nicht, dass man sie hätte zurückschieben sollen, zurück in die Sklaverei. Aber es heißt, dass Freiheit ohne Inhalte keine Freiheit, sondern Gefangenschaft ist. Und andersherum gilt traurigerweise, dass Gefangenschaft mit Inhalten freiheitlich anmuten kann. In einer Welt, in der alles mit Geld bemessen ist, kann ein freies Geleit durch ebendiese Welt nur dann stattfinden, wenn die ökonomischen Mittel dazu geboten werden. Freiheit ohne monetären Ausgleich ist in einer monetären Welt keine Freiheit.

Die Freiheit der FDP hat keine Inhalte - keine allgemeinverbindlichen Inhalte. Sie ist eine gauckianische Freiheit, die als Begriff Lorbeeren erntet, in der Realität jedoch nicht umsetzbar ist. Die Freiheit von Abgaben, die den Sozialstaat abbaut und die Armut forciert, schafft neue Abgaben. Dann nicht mehr für das Sozialwesen, dann für die innere Sicherheit. Nicht mehr für Regelsätze, sondern für Polizeieinsätze. Das ist nicht Freiheit, denn es macht die Nutznießer der Abgabenfreiheit zu Gefangenen in ihren Villen, in ihren Vierteln. Und die Grünen, diese nach Nonnenmacher linke Bande, sie würden auch eingesperrt in eben diesen Villen sitzen...



10 Kommentare:

Anonym 2. Mai 2012 um 08:36  

FDP: "Pathos für einen Haufen Anzugsanarchos, die alle gleich aussehen, gleich quasseln, gleich inhaltsleer sind."

Die Grünen tragen heute die alten Klamotten der FDP auf und präsentieren die Poltitiker-Typen, die sie früher bekämpft haben.

Siebenstein 2. Mai 2012 um 11:19  

hier ein Link für Internetaktivisten: http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2012/05/offener-brief-transparenzlucke-bei-parteispenden-schliesen/

landbewohner 2. Mai 2012 um 13:24  

freiheit von jeder verantwortung und allen pflichten für das eine prozent und die freiheit, die art des dahinvegetierens noch selbst zu bestimmen ist freiheit für alle, wenns nach den neolibs, egal welcher farbe, geht.

Anonym 2. Mai 2012 um 14:44  

Die negative Dialektik der „Freiheit der Negersklaven“ hat Lars von Trier im Kammer-Spielfilm „Manderlay“ (Wikipedia, NZZ) aufgeführt: Das Stück kann aber auch als Parabel auf den hier thematisierten Freiheitsbegriff der FDP gesehen werden.

Zur Illustration betrachte Mensch etwa die aktuellen Leser-Kommentare unter dem Artikel zum 1. Mai der Gratis-Boulevardzeitung 20 Minuten, hier eine spezifische Auswahl:

„Das bewährte Prinzip der Schweizer Wirtschaftsgeschichte war über lange Zeit die im Vergleich zum Ausland ausgeprägte Solidariät zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und nicht zuletzt das bessere Verständnis von wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen.“

„Wir leben in einem Land in dem noch sozialer Frieden herrscht und in dem die meisten Arbeiter ihrem Arbeitgeber immer noch treu ergeben sind. Und das sind die Bausteine für eine erfolgreiches Land.“

„Ich arbeite mit Stolz, statt bis 12 Uhr zu schlafen um dann draussen für monströse Rechte zu kämpfen. Am Ende verlieren sowieso alle, auch wir, die arbeiten.“

„Als Arbeitnehmer fühle ich mich von denen nicht vertreten. Ich bin für ein flexibles Arbeitsrecht und eine liberale Marktwirtschaft. Nur so lassen sich Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen.“

„Ich bin froh lebe ich kapitalistisch, es ermöglicht mir nämlich meine Individualität.“

„Aber es stimmt schon, nur der Kapitallismus ermöglicht die wahre Freiheit.“

Friedrich Dürrenmatt hat diesen praktizierten Freiheitsbegriff eloquent als Gefängnis beschrieben: „Weil alles ausserhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen sich die Schweizer frei, freier als alle andern Menschen, frei als Gefangene im Gefängnis ihrer Neutralität. Es gibt nur eine Schwierigkeit für dieses Gefängnis, nämlich die, zu beweisen, dass es kein Gefängnis ist, sondern ein Hort der Freiheit, ist doch, von aussen gesehen, ein Gefängnis ein Gefängnis und seine Insassen Gefangene, und wer gefangen ist, ist nicht frei: Als frei gelten für die Aussenwelt nur die Wärter, denn wären diese nicht frei, wären sie ja Gefangene. Um diesen Widerspruch zu lösen, führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit. Der Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist.“

Unter diesem Blickwinkel möchte ich hier Lars von Triers „Manderlay“ empfehlen...

flavo 2. Mai 2012 um 15:22  

Man sollte Freiheit nicht mit bloßen Möglichkeiten verwechseln. Möglichkeiten haben wir heute viele, irre viele, jede Unsinnigkeit ist uns möglich. Freilich, das Geld gibt es nicht für jede Unsinnigkeit.
Aber mit Freiheit hat das nicth unbedingt etwas zu tun. Möglichkeiten werden in der Regel von bestehenden Strukturen eröffnet und die allermeisten Möglichkeiten, die das heutige Leben eröffnet, sind Episoden innerhalb von Profitpfaden. Im Grunde sind wir dann unfrei, wir vollziehen Vorgefertigtes, eine Art fiktive Massenabfertigung. Deshalb kann es eine freie Handlung nur nach Lösung von Schemata der Massenabfertigung geben, zumindest eine semifreie Handlung. Nicht alles wird perfekt.

Trojanerin 2. Mai 2012 um 19:16  

Wenn die Nutznießer dieser Freiheit zu Gefangenen in ihren Villen oder Stadtvierteln werden, dann nützt es gar nichts, dass man dieses Verhalten entlarvt und als das bezeichnet, was es ist, nämlich ungerecht gegenüber denjenigen, die den Preis für die Ungerechtigkeit zahlen müssen. Die Freiheit der Nutznießer ist ein Leben in Wohlstand ohne die Probleme der armen Bevölkerung vor die Nase gesetzt zu bekommen und sich damit auseinandersetzen zu müssen. Ich glaube nicht, dass die Bewohner von mit Sicherheitsdiensten gesicherten Luxuswohnanlagen, die alles haben, Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistungen, bessere ärztliche Versorgung, sich unfrei fühlen. Sie fühlen sich höchstens vom gemeinen Pöbel bedroht, wenn dieser für eine gleichberechtigte Teilhabe kämpfen würde.
Hier muss der Sozialstaat als Korrektiv wirken und genau das tut er immer unzureichender. Ich frage mich manchmal, wieso wir immer behaupten, wir hätten in der Bundesrepublik einen Sozial- und Rechtsstaat. Ich meine, wir haben die Karikatur eines Sozial- und Rechtsstaates.

Anonym 2. Mai 2012 um 19:34  

Georg Kreisler - Meine Freiheit Deine Freiheit

Der darf hier einfach nicht fehlen,
Weltklasse!

http://www.youtube.com/watch?v=u8-4n9yxZ_s&feature=player_embedded

Mfg Bile

Anonym 2. Mai 2012 um 21:44  

Ich denke mal, es handelt sich bei all diesen Freiheitsvertretern um eine Freiheit in ihrem Sinn. D.h. diese, quasi selbsternannte Elite macht sich bei der Benutzung dieses Begriffs, weder in philosophischer noch in alltäglicher Hinsicht überhaupt Gedanken über Freiheit.

- Diese Herrscher nehmen sich die Freiheit, über die Freiheit der Beherrschten zu bestimmen.
Und genau das nennen sie Freiheit.

Hartmut

Anonym 6. Mai 2012 um 22:43  

Sorry, sollte "Bedürfniswelt" heißen eben statt Befürniswelt :)

Labsal 10. Mai 2012 um 15:19  

Hahaha :)
Die größte Wut entsteht oft aus enttäuschter Erwartung. Wie man sieht, hatte man am Stammsitz des anständigen Deutschlands fest mit dem Ableben der Liberalen gerechnet. Nun musste man nicht nur mit ihrer wundersame Auferstehung fertig werden, sondern auch noch mit der Tatsache, dass diese ausgerechnet von einem solchen Windbeutel wie Wolfgang Kubicki bewerkstelligt wurde, einem Mann, der nach eigenem Bekenntnis zur Entspannung gerne "Steiner, das Eiserne Kreuz" schaut und sich auch sonst wenig schert, was man in den besseren Vierteln von ihm hält.
Herrlich!

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