De auditu

Freitag, 5. August 2011

Es ist nicht mehr hoffähig, von Gut oder Schlecht zu sprechen. Man wägt ab und durchleuchtet auf Nutzen, auf Kosten sowieso und fällt dann ein Urteil im Stile des Einerseitsandererseits. Es sei gut oder es sei schlecht, vernimmt man dabei spärlich. Aus der Mode! Selbst der Dienst am Nächsten wird nicht als gut begriffen, man tut nichts Gutes, man übt sich in Menschlichkeit. Die Menschlichkeit, wie sie heute sprachlich gebraucht wird, beinhaltet Gutes.

Menschlichkeit ist Güte, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Empathie, Liebe. Wir erkennen in der Menschlichkeit Vorzüge. Wenn wir jemanden auffordern, er solle sich bitte etwas menschlicher verhalten, dann meinen wir, er sollte zartfühlender sein. So wie der Mensch eigentlich ist: und zwar gut. Das geht so weit, dass soziale Strukturen im Tierreich zur Menschlichkeit verklärt werden. Wie menschlich die Meerkatzen im Umgang miteinander doch sind, weil sie ihre Artgenossen vor Gefahren warnen! Die Begriffsverwendung ist eine Verknappung, sie tilgt die traurige Erkenntnis vieler Jahrhunderte, dass Menschlichkeit auch Gnadenlosigkeit, Egoismus, Gleichgültigkeit, Gewaltbereitschaft und Hass ist. Auch diese Eigenschaften entsprechen dem Menschen, sind menschlicher (allzumenschlicher) Abkunft, machen seine Menschlichkeit aus. Der Mensch, er ist in alle Richtungen hin denkbar. Menschlichkeit ist lieben und hassen, ist karitatives Engagement und Atombombe, ist Zivilcourage und Mord. Es ist menschlich, gut zu sein - es ist menschlich, schlecht zu sein.

Im Alltag gebrauchen wir die Menschlichkeit jedoch lediglich, um die guten Seiten am Menschen aufzudonnern. Es ist, als wollte man damit dieses eigentliche, ja dieses eigentlichste Wesen des Menschen sprachlich adeln. Die menschliche Schlechtigkeit erhält das Attribut unmenschlich, gerade so, als sei der Mensch nicht schlecht, als könne nur einer, der nicht Mensch sei, dorthin tendieren. Die Forderung nach einer menschlicheren Gesellschaft nimmt somit besorgliche Züge an. Denn eine Gesellschaft ist auch menschlich, wenn sie auf Gier baut, auf egoistische Subjekte oder gar auf Gewalt. Sie wäre es freilich auch, wenn sie auf Ausgleich bedacht wäre, friedlich und altruistisch. Mehr Menschlichkeit zu erbitten, ist somit eine Jonglage mit sich aufhebenden Positionen. Menschlichkeit ist schwammig, undefinierbar, weil das Wesen des Menschen undefinierbar ist, weil es den Menschen an sich nicht gibt.

Progressiver Geist sollte weniger von Menschlichkeit fabulieren. Es ist nicht alles gut was menschelt. Er sollte den Mut haben, sich der etwas vermotteten, aber doch weitgehend klareren Begrifflichkeiten wie Gut und Schlecht zu bedienen, sich also an die Ethik ranmachen. Menschlichkeit ist Kooperation wie Kriegsrecht, paritätisches Sozialwesen wie Rücksichtslosigkeit gegenüber Kranken, Frauenhäuser wie beschnittene Kitzler, zärtlicher Liebesakt wie Vergewaltigung. Kurz, wer mit der Menschlichkeit ins Feld zieht, zieht mit einem undefinierbaren, weil zu breit gefächerten Spektrum ins Getümmel.



15 Kommentare:

Fleur 5. August 2011 um 08:02  

Die Kategorien gut und böse sind deswegen aber keineswegs tot. Man hat sie nur umbenannt. Da gibt es einerseits die Mitte (man selbst), andererseits die Extremisten (jeder Andersdenkende).

Zum Kübeln das Ganze, wie da versucht wird, die eigene Meinung/Wertung zu verschleiern und ihr den objektiven Anstrich zu verleihen, der ihr nicht zusteht (Aufwertung).

Roberto J. De Lapuente 5. August 2011 um 08:04  

Du meinst, das was die bürgerliche Mitte ausmacht, ist jenseits von Gut und Böse? Das wäre in der Tat ein Ansatz, den es sich zu diskutieren lohnte.

Anonym 5. August 2011 um 08:14  

Die Moral der sog. bürgerlichen Mitte zeichnet sich durch nur als unmoralisch bezeichnbare Beliebigkeit aus - Geiz ist Geil und Gier ist gut.

Ignaz J.

ulli 5. August 2011 um 09:10  

Man steht aber vor der Frage, wie man moralische Urteile überhaupt begründen kann.

Früher sagte man: Gott hat den Menschen die 10 Gebote am Berg Sinai gegeben, also ist es richtig, nach diesen Geboten zu handeln und falsch, dagegen zu verstoßen. Mit dem Ende der Religion, wenn die Menschen nicht mehr an Gott glauben, funktioniert diese Begründung nicht mehr. Dann sagte man: Es liegt im Wesen des Menschen, gut, solidarisch, mildtätig und ähnliches zu sein. Ich denke, Rousseau hat so ähnlich argumentiert. Das kann man aber auch nicht mehr so recht glauben.

Heute befinden wir uns an einer Art Nullpunkt der Moral: Sie ist durch platten Ökonomismus ersetzt, Gut oder Schlecht soll sein, was sich rechnet oder nicht rechnet. Die Folgen dieser Denkweise sind ersichtlich völlig verheerend.
Aber wie begründet man, was richtig und falsch ist?

Hartmut 5. August 2011 um 09:35  

Hierzu eine kleine Humoreske:

Sitzen am Sonntag Morgen zwei Vögel
auf einer Telegraphenleitung und
schauen in ein Schlafzimmer.
Meint der eine Vogel zum anderen,
nu gucke da, die "menscheln" schon wieder....

potemkin 5. August 2011 um 11:35  

Das erinnert mich an den Spott über die 'Gutmenschen', wie er von "provokanten Schreibern" wie Broder praktiziert wird. Dahinter steckt eine restaurative Tendenz zu den Tugenden des alten Testaments, wie sie in Amerika schon länger Mode ist. Haß ist wieder salonfähig, wenn er sich gegen den 'Richtigen' wendet. Die Bergpredigt wird allmählich zur Irrlehre.
Gestern in der Heckscheibe des vor mir fahrenden Autos gesehen: "Heul doch!"

Anonym 5. August 2011 um 12:42  

Die ständige Verunglimpfung des Begriffs "Gutmensch" (oder "Gutmenschentum"), die heute in allen Medien praktiziert wird, empfinde ich als eine besonders perfide Masche der herrschenden Ideologie, sich den Menschen aufzuzwingen.
Dies ist nur ein kleines Beispiel für die schleichende Indoktrination, der man tagtäglich ausgesetzt ist.

Viel aufdringlicher und geradezu unerträglich nervig drischt die omnipräsente Werbung auf uns ein und macht uns klar: wir haben gefälligst jung, schön, hip, beliebt, sexy, begehrenswert, schlank, makellos, etc.pp. zu sein!

Von "gut" im ethischen Sinne hört man da nichts. "Gut" kann man nebenbei sein, wenn man während der Werbung aufgefordert wird für die Opfer irgendeiner aktuellen Katastrophe zu spenden. Mal eben 5 Euro überweisen, das Gewissen (so man denn noch eins hat) kurz reinwaschen und weiter geht's mit dem alltäglichen Wahnsinn.

Diana

willi 5. August 2011 um 12:58  

Die Menschlichkeit ist eine feine Sache, nicht zuletzt weil sie, wie du schön zeigst, so unbestimmt ist. Das macht sie universell verwendbar erlaubt es Sätze zu bauen, die eigentlich absurd sind, aber nicht deren Absurdität nicht auffällt. Wenn davon die Rede ist, dass der Folterknecht seinem Opfer unmenschliche Qualen zugefügt habe, ist das eigentlich Unsinn, fällt aber nicht groß auf.
Die Ökonomen sprechen gerne vom Homo Oeconomicus, der uns glauben machen soll, wir lebten in einer natürlichen "menschlichen", will sagen menschenkonformen Wirtschaftsform. Menschlichkeit beudeutet demnach Freude am Handel mit Waren und dem Wettberwerb mit Konkurrenten, was nicht weniger unsinnig ist. http://www.egbert-scheunemann.de/Vom%20homo%20oeconomicus%20und%20anderen%20Affen.pdf
Menschlichkeit wird auch gerne bemüht, wenn es darum geht, an die Wirtschaftsmächtigen zu appellieren, wenn die gerade einmal wieder beschließen, ein paar tausend Leute zu entlassen, weil die Aktionäre höhere Dividenden verlangen. Auch das ist Unsinn, weil es keinen Manager interessiert. Es hilft aber die Brutalität der realen Verhältnisse zu verschleiern, weil es den Eindruck erweckt, als hätten moralische Appelle an die "Menschlichkeit" irgendeinen Sinn, als gäbe es inmitten der Kalkulation einen Platz für Ethik und Moral.
Die "Menschlichkeit" gehört zum allgegenwärtigen Wortgeklingel, das die Realitäten verschleiert und beschönigt.

Anonym 5. August 2011 um 14:52  

Welch kluger Satz:
"Man tut nichts Gutes, man übt sich in Menschlichkeit."
Das sagt eigentlich alles (nun ja: vieles) über uns, heute. Jedenfalls über unser Sprechen, besser: Plappern.
Unser? Nicht meins, also: deren.
- kdm

Marin 5. August 2011 um 17:45  

Um mal mit gutem Beispiel voranzugehen und etwas eindeutig und einseitig Schlechtes zu benennen, womit wir uns zunehmend auseinandersetzen werden müssen:

Wird im Namen der "Ehre" gemordet, müssen fast immer Frauen sterben - soweit das Klischee. Doch eine BKA-Studie zeigt: Mehr als 40 Prozent der Opfer in Deutschland sind Männer. Sie werden getötet, weil sie schwul sind, Ehebrecher - oder selbst einen "Ehrenmord" verweigern.

Martin 6. August 2011 um 08:48  

Ist wohl Menschlichkeit das Ideal welches er sich schafft und wonach er strebt, und das ist gut, während er eben noch fest im tierischen steckt und sich kaum zu lösen vermag, was nicht schlecht ist.

Es ist - das ist alles.

Fleur 6. August 2011 um 11:04  

Nun ist ja auch im Tierischen beileibe nicht alles schlecht. Die Natur bietet Beispiele für das beste und das schlechteste Verhalten (im moralischen Sinne). Sich nur Letzteres herauszupicken und als natürliche Begründung der eigenen schlechten Taten heranzuziehen, ist nichts als ein Selbstbetrug aller erster Güte.

Fleur 6. August 2011 um 11:10  

@roberto

Soll es sein, denke ich, weil man ja schlecht offen zur eigens angenommenen Unfehlbarkeit auch stehen kann, aber genau darauf, denke ich, läuft es hinaus, eine Größenidee, dernach es nur einen richtigen Weg, gibt und natürlich gerade ich es bin, der ihn beschreitet. Solch einen Mumpitz muss man ja verschleiern, um nicht als verrückt/entrückt zu gelten. Dabei hilft ganz wunderbar der Begriff der Mitte. Was kann man mit diesem nicht alles salonfähig machen? Schon die Nazis sprachen von Mitte, haben den Begriff in seiner heutigen pervertierten Verwendung gewissermaßen überhaupt erst erfunden...

Anonym 7. August 2011 um 16:13  

Dixit Arnold Schönberg:
>Alle Wege führen nach Rom – nur nicht der Mittelweg!<

Banana Joe 8. August 2011 um 11:10  

Statt "Heul doch!" Schilder in den Heckscheiben vorausfahrender Autos zu lesen -wie potemkin schrieb- würde ich lieber diesen Slogan lesen:

Ich bin stolz, ein "Gutmensch" zu sein!*)

Wie Diana schon festgestellt hat, wird der Begriff heute gerne als Schimpfwort gebraucht. Trotzdem gibt es viele gute Menschen auf dieser Welt, die Anlass zur Hoffnung geben!

Banana Joe

Fussnote *) Über die Apostrophe sollte man öfter nachdenken...

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