Aus meinem Reisetagebuch

Dienstag, 30. August 2011

Am Platz, der seinen Namen trägt, lauert er zu Füßen jener Wolkenkratzer, die heute Deutschland repräsentieren. Der Dichterfürst, einst Aushängeschild eines Landstrichs - einen Staat gab es damals noch nicht -, der sich als Hort der Dichter und Denker verstand, er kauert vor denen, die heute als Aushängeschild wirken. Sie dichten auch wie jener, wenn sie handliche Slogans für Werbespots entwerfen - und sie denken auch: vornehmlich an Profit. Frankfurt symbolisiert, wie keine andere Stadt in diesem Lande, die Veränderung, die wir in den letzten zweihundert Jahren erlebten. Da besucht man als Tourist die Paulskirche, die so was wie das erste demokratische Aufbegehren abbildet - und im Hintergrund bewundert man Hochhäuser berstend voll Bankster, die auf Demokratie bestenfalls mit Skepsis reagieren. Der Geheimrat, der als Sprachgenius und Paradeexemplar deutscher Kultur, als Kind seiner Stadt, einen Platz und eine Statue gewidmet bekam, wird erdrückt von der monumentalen Bildgewalt, mit der sich pekuniäre Genies und Paradebeispiele kapitalistischer Kultur in die Szenerie rücken. Skyline nennen sie das dann in Frankfurt.

Dem Wahren Schönen Guten. Nirgends sonst in Frankfurt dürfte der eklatante Zwiespalt zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen hehren Motiven und aktueller Realpolitik so drastisch ins Auge stechen. An der Alten Oper prangt Dem Wahren Schönen Guten - der platonische Dreiklang als Stachel in der Lende einer gänzlich unphilosophischen Weltanschauung. Dahinter den Turm der UBS, einer Schweizer Bank. Ob sie dem Wahren, dem Schönen und dem Guten verpflichtet ist? Dem Wahren sicher nicht, denn der eigenen Geschichte, als Geldwäscher der Nationalsozialisten, als Aneigner gestohlenen jüdischen Eigentums, will man sich nicht stellen. Dahinter dürfte nichts Gutes stecken, wenngleich man dem Schönen sicherlich gerne nachkommt. Man will sich von seinem Reichtum doch was Schönes leisten - das ist nur menschlich.

Wo Goethe ist, da ist auch sein Freund (und Neider?) nicht weit. Der große Sohn der Stadt besitzt einen eigenen Platz - dessen Kumpan weilt indes in der Taunusanlage, vis-à-vis der Europäischen Zentralbank, etwa fünfhundert Meter Luftlinie zum Verfasser des leidenden Werthers - heute litte er, die Leiden des ollen Goethe, wenn er die Sprache der Bankheinis und Werbefritzen, der Versicherungstanten und Ratingonkels lesen müsste. Der humanistische Dramatiker Schiller, mittendrin zwischen EZB und Deutscher Bank. In einer Parkanlage, in der Bank- und Versicherungsangestellte speisen, flanieren und, wenn man genau hinhört, dabei das Geschäftliche zum Mittagsplausch erheben: in diesem Milieu gedenkt man Schillers. Die Geister, die einst das kulturelle Deutschland repräsentierten, sind zu Gespenstern gemindert. Zu längst gespenstischen Stimmen aus einem vergangenen Irgendwo, deren Denkweise, deren Kunstbeflissenheit, deren vergeistigtes Lebensprinzip in dieser modernen Welt aus Banken und Profiten keinen Platz mehr findet. Der Stolz auf den Fürsten deutscher Kultur, der Stolz als Wiege deutscher Demokratie, das sind zwei ausgehöhlte Mechanismen, denen man nicht inbrünstig nachgeht, sondern quasi ritualisiert. Was kümmert das heutige Frankfurt das Edel sei der Mensch, hilfreich und gut dieses berühmten Sohnes der Stadt? Was interessiert die Angestellten hierarchisch organisierter Konzerne, in denen Mitbestimmung und Transparenz als demokratische Teufeleien gelten, denn das Museum in der Paulskirche? Das ist nur sentimentales Brimborium, etwas, das gut ist für die PR der Stadt, nicht aber wertvoll für die Konzerne, die sich in dieser Stadt unter dem Label Dienstleister ausgebreitet haben, für die sie arbeiten.

Frankfurt, so wie es sich gestaltet, zwischen Damals und Heute, zwischen kulturellem Nachruf und kulturzersetzender Ökonomie, zwischen Weimarer Klassik und Bankenviertels Klassismus, zwischen antiquierten schönen Künsten und aktuellen hässlichen Hochhausbrünsten... dieses Frankfurt, es scheint das Vergangene architektonisch zu verspotten. Wer Dem Wahren Schönen Guten neben Wolkenkratzer von denen, die, orwellianisch gesprochen, dem Unwahren Unschönen Unguten nachgehen (treffender wäre: dem Verlogenen Hässlichen Schlechten), erblickt, der braucht schon viel Humor...



9 Kommentare:

Gerri 30. August 2011 um 12:38  

schöner text udn schöne bilder.

Anonym 30. August 2011 um 13:18  

Üblicherweise werden sowohl das institutionalisierte „Wahre Schöne und Gute“ wie auch das moderne Bankenwesen gleichermassen dem modernen Bürgertum zugerechnet. Das genannte „sentimentale Brimborium“ ist gar nicht so verschieden vom kirchlichen „Bim-bam-bim-bam“ in Kurt Tucholskys wunderbarem Gedicht:

Kirche und Wolkenkratzer

Es läuten die Glocken: Bim-bam-bim-bam;
es sausen die Autos über den Damm;
die Kirche reckt ihren Turm zum Himmel
und macht Reklame mit ihrem Gebimmel.
Sie wirbt für den christlichen Gedanken –
aber drum herum die Häuser der Banken
sind eine Etage höher.


Wenn zu New York die Börse kocht,
dann beten die frommen Pfaffen:
dass keiner werde eingelocht,
dass sie alle Geld erraffen.
Aber wie sie auch beten in brausendem Chor:
die Banken ragen zum Himmel empor
eine Etage höher.


Und es beten die Pfaffen nach alter Art
gegen sündige Teufelsgedanken.
Das Kirchenvermögen liegt wohlverwahrt
nebenan, nebenan in den Banken.
Wer regiert die Welt –? Hier kann man das sehn.
Um alle Kirchen die Banken stehn
eine Etage höher.

Frank Benedikt 30. August 2011 um 17:25  

@ Anonym:

Danke für den schönen Tucho. ich stelle immer wieder fest, daß er nicht nur zeitlos ist, sondern ich auch noch nicht alle Texte von ihm kenne.

Anonym 30. August 2011 um 17:26  

Hallo Roberto,
Frankfurt hat sich mir immer in exakt der gleichen Weise, mit den selben Empfindungen, dargestellt, wie du es hier in deinem Reisebericht so trefflich beschrieben hast. Ich habe dort in den letzten Jahren an der "Goethe-Universität" studiert. Für mich treten auch in keiner anderen deutschen Stadt die Gegensätze zwischen rohem Kapitalismus und verhöhnter Kultur so drastisch zu Tage, wie in Frankfurt.
Diese Gegensätze setzen sich selbst an der Uni fort... ist die Fakultät der Gesellschaftswissenschaften ja die Wiege der Kritischen Theorie bzw. der "Frankfurter Schule".

Anonym 30. August 2011 um 18:17  

Will man nicht auch die Sprache von diesem Pack übernehmen, sollte man nicht gemütlich von "Werbefritzen" schreiben sondern von Reklamefritzen oder, wie ich's mache, von Reklamefuzzies.
- Jeeves

Trojanerin 31. August 2011 um 01:04  

Dies ist ein sehr schöner Text.
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Das hat mein Vater manchmal zitiert, als ich noch nicht wusste, dass diese Zeilen dem Gedicht Goethes entstammen.
Goethe war ja selbst nicht unbedingt edel, hilfreich und gut, wie seine Ansichten zum Fall der Susanna Margaretha Brandt erkennen lassen.
Da ist mir der „humanistische Dramatiker Schiller“ doch lieber.
Ich hatte in der Schule einen sehr guten Deutschlehrer. Der sagte, Goethe müsse er im Unterricht behandeln, aber berührender fände er beispielsweise das Werk Gerhard Hauptmanns, weil dieser die Not und das Elend der Weber thematisiert hatte.
Von Goethe bekam Susanna Margaretha Brandt kein Mitleid oder Verständnis.
Bevor ich zu sehr abschweife noch ein Gedanke.
Gibt es eine kulturzersetzende Ökonomie? Es wird der Begriff des kulturellen Existenzminimums hin und wieder verwendet. Museumsbesuche, Theaterbesuche, andere kulturelle Veranstaltungen sind längst nicht mehr für alle Menschen, die es gerne tun würden, finanzierbar.
Dies zusammen mit der Vermarktung Goethes ist wahrlich kein Aushängeschild für Frankfurt.

Anonym 2. September 2011 um 11:04  

"Bankster, die auf Demokratie bestenfalls mit Skepsis reagieren"? Ich denke, dass gerade die Demokratie die Zustände erst ermöglicht hat und die Bankster sehr dankbar dafür sind.

Roberto J. De Lapuente 2. September 2011 um 11:15  

Kommt darauf an, was man mit Demokratie meint. Menschenrechte sind hinderlich - und denen begegnen sie mit Skepsis...

Carlo 2. September 2011 um 21:41  

Mit der unleidigen Frage nach dem Schutz des Eigentums, steht und fällt jede Gesellschaft.
Eigentlich ist das eine Frage von Harmonie, oder besser von Proportionen. Aber weit gefehlt, hier im Lande schon lange nicht mehr.
Eigenartig ist allerdings schon, daß Evangelische und ihre Adepten, niemals den Begriff "unverdientes Eigentum", oder gar "überzogenes Einkommen" in ihrer Schreibe gebrauchen.
Also sag ich wie gehabt: hier zum mithören.....
Edith hat's gewußt.........

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