Facie prima

Samstag, 26. Juni 2010

Heute: Der Privatier, Karl-Theodor zu Guttenberg


Er wird als Normalo und bodenständiger Bürger gezeichnet. Als gemütlicher, lebensfroher Mensch, der den Boden unter den Füßen nicht verloren hat. Es gibt keinen Politiker, der sich so häufig in privater Vertrautheit ablichten läßt, wie der amtierende Verteidigungsminister. Als großer, erdverhafteter Junge von der anderen Straßenseite betritt er regelmäßig die Öffentlichkeit. Zu "einem von uns" soll ihn die Presse machen - und macht sie ihn auch. Zu einem, von dem man sagt, er sei ganz normal, ganz schlicht geblieben, damit man vergisst, dass der Junge von der anderen Straßenseite, eigentlich der steinreiche Adlige von der anderen Seite, nämlich von der anderen Seite der Gesellschaft, ist. Der auf Fotos sich privat gebende Minister, er türmt von seinem "Karl-Theodor", wird zum Kalle, zum Theo - zum konzilianten, liebenswürdigen Mordskerl; einer wählbaren Alternative zwischen all diesen abgehobenen, erdentrückten Aristokraten. Wenn einem der Spagat zwischen Dienstbeflissenheit und außerdienstlicher Normalität gelingt, dann müsse er schließlich etwas auf den Kasten haben, dann müsse er einfach gewählt werden.

Dabei gelingt ihm gar kein Spagat, ganz einfach, weil er gar nicht erst zum Spagat ansetzt. Der Privatier Guttenberg und der Minister Guttenberg sind keine sorgfältig getrennten Gesichter ein und derselben Person - der Privatier umgarnt den Minister, macht den Minister erst beliebt, sichert ihm Sympathiepunkte. Er ist der eigentliche Mandatsträger, der eigentliche Minister - ohne die privaten Allüren wäre Guttenberg so grau wie mancher seine
r Anzüge, so bieder und hölzern wie Tausende andere Politiker auch. Erst der gesellige Part seiner Persönlichkeit, der fein säuberlich auf Hochglanzpapier gebannt wird, erhebt ihn in den Stand der Beliebtheit; erst dadurch adelt sich der Adlige zum Publikumsliebling. Da er medienwirksam joggt, radelt, feiert oder rockt belebt er seine ansonsten leidenschaftslose und langweilige Erscheinung. Erst jetzt, als extravertierter, geselliger Salonlöwe wird aus Karl-Theodor der betörende Kalle; erst dann, wenn der Privatier aus Karl-Theodor herausgekrochen ist, weilt er wirklich im Amt - der Politiker Guttenberg wäre nichts, wenn er sich nicht privat stilisieren würde. Seine einzige politische Qualität ist, dass er seine nicht vorhandenen Qualitäten durch Privatheit kompensiert.
Selten schien der in den Sechzigerjahren verkündete Slogan, wonach auch im Privaten die politische Gesinnung schlummere, so greifbar, so verwirklicht zu sein. Bei Guttenberg sind privat und geschäftlich, Mandat und Geselligkeit, Minister und Lebemann zu einer Einheit verschmolzen. Sein Privates ins politisch - und seine Politik ist seine private Show. An Visionen mangelt es ihm geradeso, wie so gut allen Protagonisten der Landes- oder Bundespolitik; Werte und Ideale sind für ihn austauschbar - wie sonst soll denn ein so lethargischer, monotoner Geck Karriere machen, wenn nicht durch Opportunismus und kalkulierte Anbiederung an den "Mann von der Straße"? Will er seinen Lebenslauf weiter verzieren, so muß er Qualitäten darbieten, die andere nicht vorzuweisen haben: die Marktnische der politischen Privatheit besetzen, um es ökonomisch auszudrücken. Und wo in politischer Trostlosigkeit keine Ideen und Erscheinungen mehr erblühen, da bedarf es eines Äquivalents - und dieses muß nicht unbedingt etwas mit Politik zu tun haben; denn tritt es dann auf den Plan, wird es ganz von selbst politisiert. So wie Guttenbergs inszenierte Hingabe zur Rockmusik, die er in politisches Kapital münzte, weil aus dem zugeschnürten Snob ein feierlauniger Kerl aus unserer Mitte wurde. Guttenbergs Qualität ist es demnach, aus seiner Privatheit einen politischen Wert geschaffen zu haben - der gesellige "Junge aus unserer Mitte", er joggt, radelt, feiert und rockt sich noch zur Kanzlerschaft. Er wäre ein Kanzler, mögen sich die Menschen dieses Landes denken, bei dem auch mal Fünfe gerade wären - ein dufter Typ halt, einer wie wir! Er wäre der Kanzler, der aus dem Privaten kam...

11 Kommentare:

Anonym 26. Juni 2010 um 10:37  

Nach dem schmierigen und aufdringlichen Lumpenproletarier "Gerd" nun bald einen feschen ECHT adeligen "Kalle" als Bundeskanzler?
Einfach entzückend! :-)

Entzückende (unadelige) Grüße von
Bakunin

Anton Chigurh 26. Juni 2010 um 11:41  

Ein kleines Beispiel, wie unser Lügenbaron die Provinzpresse in Niedersachsen für sich eingenommen hat:
Als im vergangenen September das schwarzgelbe Gesindel sie Regentschaft übernahm erschien in der NOZ im Vorfeld eine kleine Präsentation der designierten Minister.
Über den Schmierlappbaron gab es von der NOZ-Redaktusse B.Tenhagen zu lesen, wie galant Seine Gnaden von und zu Guttenberg rüberkommt, wie elegant er stets gekleidet sei und dass er mit einer gewissen "von Bismarck" verehelicht sei. Zum eigentlichen Thema wußte diese verhinderte "Bild-der-Frau" Schreiberin hingegen nichts beizusteuern.
Nun darf man nicht übersehen, dass es sich bei der NEUEN OSNABRÜCKER ZEITUNG keinesfalls um ein unbeachtetes Gemeindeblättchen handelt, wird die NOZ in der Presseschau stets regelmäßig zitiert. Doch wenn eine NOZ-Redakteurin in solcher Art und mit vermutlich feuchter Unterwäsche solche Beiträge in die Medienwelt setzt, muß man sich schon die Frage stellen, ob die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu dieser Pfeife Guttenberg noch ernst zu nehmen ist.

Anonym 26. Juni 2010 um 12:48  

Wird medial perfekt ins rechte Licht gerückt ....
http://www.bleib-passiv.de/beitraege/artikel/66-zur-person-karl-theodor-zu-guttenberg.html

wilko0070 26. Juni 2010 um 13:14  

Eines Tages werden Historiker kopfschüttelnd fragen, wie solch' eine Person Wirtschaftsminister der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt werden konnte, obwohl er von der Materie NULL Ahnung besitzt.

Anonym 26. Juni 2010 um 21:44  

„…ein dufter Typ halt, einer wie wir“ – der sich auch in Szene setzt bei dummdreistem PR-Rummel der Bezirksschornsteinfeger . Bringt doch ihr Geschäftsmodell jährlich gut zwei Milliarden ein. Das Geschäftsmodell selbsternannter Glücksbringer: im Namen von „Feuersicherheit“ und Umweltschutz flächendeckend Zutritt zur Wohnung, substanzlose, gleichwohl gesetzlich angeordnete Überprüfungen und unkontrollierte Weitergabe von (nach eigenen Angaben) jährlich 180 Millionen Daten. Auch dafür wirbt der „dufte Typ“.

Die Katze aus dem Sack 26. Juni 2010 um 23:45  

"Politik als Dienstleistung zu begreifen stellt für mich ein Grundverständnis dar." lässt er auf seiner Webseite ausrichten.

So habe ich Politik bisher nicht unbedingt betrachtet, obwohl es nahe liegt. In der Praxis bedienen sich Dienstleister ja weiterer Partner, um die Arbeitsaufträge der Auftraggeber zu bedienen. Wer ist Auftraggeber? Sind wir das, oder reiche und wohlhabende Geldsäcke? Wer ist Auftragnehmer? Ist es die Politik oder sind es auch wieder reiche und wohlhabende Geldsäcke?

Wer sind eigentlich die Kunden dieser Dienstleistung? Etwa die Bürger (Wähler)?

carlo 27. Juni 2010 um 10:22  

"Politik als Dienstleistung zu begreifen stellt für mich ein Grundverständnis dar."
Sinngemäß also Politik als Öffentlichkeitsarbeit des Finanzkapitals! Oha....da bin ich baff! Und das geht alles so locker durch?
Wozu noch PISA-Studien für politische Analphabeten?

philgeland 28. Juni 2010 um 00:13  

Der Mann könnte ebenso gut Fernsehmoderator sein.

Er macht seinen Kollegen vor, was man mit gezielter Image-Pflege so alles "bewegen" kann in der celebrity-süchtigen Medienlandschaft. Der Präzedenzfall für einen neuen, "längst überfälligen" Typus eines "deutschen Politikers". Der hat genug von seinen populären Vorgängern gelernt, diese perfekt-perfide Mischung aus homo publicus und Privatmann, um die Rolle auszuarbeiten.

Anonym 28. Juni 2010 um 17:41  

Der Junge aus der Oberstadt...

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!
http://www.franz-josef-degenhardt.de/disco/titel/lieder/spielnichtmitdenschmuddelkindern.html

lebowski 28. Juni 2010 um 17:48  

"er sei ganz normal, ganz schlicht geblieben.."
Naja, stimmt doch. "Schlicht" ist KT ja wohl.

Übrigens kann KT ja nicht nur AC/DC sondern auch Richard Wagner.
Ein echter Dutzendsassa.

kapiernix 28. Juni 2010 um 19:56  

"Politik als Dienstleistung zu begreifen stellt für mich ein Grundverständnis dar."

Das interpretiere ich als:"Bezahl mich und du bekommst eine Leistung"

Für ihn ist Korruption und Bestechlichkeit also ein Hauptbestandteil der Politik.
Sicher kennt er es garnicht anders.

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