Ein ehrenwerter Bündnispartner

Mittwoch, 31. März 2010

Eine Autonomie, die nicht annähernd an die föderalistische Selbständigkeit deutscher Bundesländer heranreicht, die vom Zentralstaat kontrolliert und vordiktiert wird, die selbst in kleinsten Ressorts nicht weisungsbefugt ist. Eine Sprache, die keinen Bezug zum Idiom des Zentralstaates besitzt, die von der Landessprache als Gegrunze verspottet, als primitive Sprache begriffen wird; die man zwar wieder erlaubt hat, doch bestenfalls nur duldet. Parteiverbotsgesetze, die dazu ersonnen wurden, jene unliebsamen linken Parteien zu verbieten, die die Autonomiefrage nicht aus ihrer Agenda löschen möchten, die weiterhin das Ansinnen nach Selbstverwaltung und Eigenständigkeit bewahren. Eine Folterpraxis, die immer noch wie in Zeiten der Diktatur gehandhabt wird, die Eisenstangen in Enddärme einführt, Scheinertränkungen und inszenierte Hinrichtungen vollbringt, die prügelt und nervlich zusetzt und droht, auch Eltern, Brüder und Onkel zu inhaftieren. Haftstrafen im dreistelligen Bereich, die mindestens vierzig Jahre abgesessen werden müssen, bei denen es keine Aussicht auf Resozialisierung und ein zukünftiges Leben in Freiheit gibt, die überdies oftmals in Isolation abgebüßt werden, womit sie in mehreren Fällen gleichzeitig gegen die Menschenrechte verstoßen. Ein fiktives Terrorhandbuch, dass der Zentralstaat aus dem Hut zauberte, in dem den vermeintlichen Terroristen ans Herz gelegt würde, nach jeder Verhaftung Folter anzuzeigen, ob sie geschehen sei oder nicht, womit jeder Entlassene, der daraufhin Folter anzeigt, indirekt ein Geständnis ablegt, Terrorist zu sein, weil er dem Vorschlag dieses angeblichen Handbuches folgt. Horrende Geldstrafen, die zusätzlich zu Haftstrafen erlassen werden, die nach der Inhaftierung von Familienmitgliedern zu bezahlen sind, weshalb diese nicht selten in bitterste Armut geworfen, letztlich als Sippe haftbar gemacht werden. Politische Gefangene, die gesetzeswidrig Hunderte von Kilometer von ihrer Heimat entfernt einsitzen; dies, obwohl dieser offene Gesetzesbruch der gesamten Gesellschaft bekannt ist - man nimmt dieses Vorgehen als unabänderbar hin, befürwortet es gar. Schutzhaft, in der bis zu 120 Stunden festgehalten werden, in der der Häftling keinerlei juristische Hilfe erwarten, in denen kein Zugang zu Anwalt, Arzt oder Familie, nicht mal ein Telefonat erfolgen darf; in der man vollkommen seinen Häschern ausgeliefert ist, die zudem keine Rechenschaft über ihre Verhörmethoden ablegen müssen. Terroristenstatus, den selbst jene erhalten, die die Autonomiefrage im politischen Rahmen beantworten, die mittels Parteien und außerparlamentarischen Organisationen die Repression des Zentralstaates friedlich gemindert wissen wollen. Ein Regent und oberster Kriegsherr, der das Militär im inneren Konflikt, bei Fragen der Autonomie beispielsweise, einsetzen darf; der Schüsse befehligen dürfte, sofern sich der Zentralstaat in seiner Allmacht verletzt fühlt. Ein Sondergericht, das Geständnisse unter Folter toleriert, ebensowenig dagegen vorgeht; Sonderrichter ebenjenes Gerichts, die Folterknechte Pinochets verurteilen, ihren folternden Landsleuten aber zu Polizeikarrieren verhelfen.

Ein Staat in Lateinamerika? Mitnichten! Mitten in Europa! Am Rande Europas. Das war Spanien, das war das Baskenland. Das heißt: nicht war! Ist! Das ist Spanien, das ist das Baskenland. Franco ist tot, aber wie der spanische Zentralstaat auf die baskischen Autonomiebestrebungen reagiert, die sich freilich auch oftmals gewalttätig verkleidet als ETA äußern, ist oftmals so demokratisch und rechtsstaatlich, wie unter der Staatsfuchtel des caudillo. Amnesty International und die UNO ermahnen Spanien jährlich, weisen auf gravierende Verstöße gegen die Menschenrechte hin: die europäische Presse, eingeschworen von Madrid, das spanische Baskenlandbild aufzugreifen und zu verbreiten, berichtet über solche Mahnungen nur zögerlich. Sie beschreibt das Baskenland als rückständige Region, in der tollgewordene Querulanten keine Unterwürfigkeit zeigen, tümelnden Nationalismus zelebrieren wollen.

Auch die deutsche Presse; vorallem Deutschland! Jenes Deutschland, damals unter sozial-liberaler Führung, dass während der Reformzeit nach Francos Tod dabei mithalf (in Person von Hans Josef Horchem, der das Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg leitete), den Geheimdienst der staatstragenden baskischen Partei PNV aufzubauen, womit dem Zentralstaat unter Ägide eines Quislings, die Kontrolle und Bekämpfung autonomer Bestrebungen in die Hand gegeben wurde. Jenes Deutschland, dass wissen mußte, dass dieser ominöse Geheimdienst folterte und tötete, zuletzt auch, weil Horchem in seinen Erinnerungen darüber schrieb. Die deutsche Presse, sie berichtet von der Selbständigkeit der Basken, die sich darin äußern soll, unbedingt eine eigene Nation zu stellen, einen eigenen Staat. Manche versteigen sich sogar dazu, ein Großbaskenland zu erfinden, dass es als Begriff in der baskischen Gesellschaft, im baskischen Diskurs gar nicht gibt. Sicher, manche wollen einen baskischen Staat, abgetrennt von Spanien, abgetrennt von Frankreich - aber der größte Teil der Basken, sie wollen Autonomie, die derzeit zwar auf dem Papier gedruckt, die aber nur leere Phrase ist. Denn der baskischen Legislative ist die zentralstaatliche Exekutive eingeschoben. Jeder Gesetzesentwurf der baskischen Regierung wird von Madrid geprüft und in den meisten Fällen als mit der spanischen Verfassung unvereinbar abgewiesen.

Alleine sich kritisch darüber zu äußern, könnte in Spanien als Verherrlichung des Terrorismus - so nennt sich jener Straftatbestand - begriffen werden; selbst wer sich als Sympathisant der seit einigen Jahren verbotenen Partei Herri Batasuna enttarnt, muß damit rechnen, aufgrund seiner subversiven Ansichten, bald zum politischen Häftling zu werden. Batasuna hat sich jahrelang geweigert, die Anschläge der ETA in einem Akt der ritualisierten Entrüstung aller staatstragender Parteien zu verurteilen; sich geweigert, mit Betroffenheitsmiene der zentralstaatlichen Dogmatik nachzueifern. Nicht, weil sie Gewalt für notwendig oder gerechtfertigt erachten würde, sondern weil sie befürchtete, sich damit instrumentalisieren zu lassen, zum eingetriebenen Keil der Autonomiefrage zu generieren.

Eine aufgescheuchte konservative Presse, und konservativ und monarchistisch sind fast alle klangvollen Namen der spanischen Gazettenwelt, zumal linke baskische Zeitungen bereits verboten wurden; diese konservative Presse also, die den Madrider Machthabern, egal ob sie der konservativen PP oder der sozialistischen PSOE entstammen, einredet, ob und wie rabiat man gegen das Baskenproblem zu agieren habe, verunmöglicht jede politische Lösung des Konflikts. Sie verfolgt entlassene Häftlinge auf Schritt und Tritt, fordert deren erneute Inhaftierung, will Gesetze erwirken, die es möglich machen, Haftentlassene nur in bestimmten Gegenden wohnen zu lassen. Und die Regierungen knicken ein, sputen sich, um ja bloß dem öffentlichen Druck gerecht zu werden. Unschuldsvermutungen sind qua öffentlicher Berichterstattung in Spanien abgeschafft - wer inhaftiert wird, 120 Stunden in Incomunicado-Haft war, der gilt für alle Zeiten als gebrandmarkt, dem bleibt der Ruch des Terrorismus allzeit an der Wäsche haften.

All das geschieht in einem Klima, in dem sich mit dem Franquismus, unter dem die Basken besonders litten, nicht auseinandergesetzt wird. Im Gegenteil, mit Aznar war ein ehemaliger franquistischer Emporkömmling Ministerpräsident; und der Sozialist Zapatero läßt bei Gedenkveranstaltungen zum Bürgerkrieg auch franquistische Veteranen mitmarschieren. Man stelle sich nur vor, dreißig Jahre nach Ende der deutschen Diktatur, würden bei Gedenkstunden SS-Männer zugegen sein - und als offizielle Gäste! Überhaupt: Fall des Franquismus! Die gesamte europäische Medienwelt spricht häufig davon, verklärt nebenher den rey zu Helden, zum königlichen Demokraten - dabei gab es nie einen Fall des Regimes; es gab Reformfranquisten, die retten wollten, was zu retten war, die erkannten, dass eine neue Ära anzubrechen habe. Die spanische Verfassung, angefangen dabei, dem Militär eine tragende Säule der spanischen Republik zu belassen, es direkt dem Staatsoberhaupt zu unterstellen, spricht Bände, denn es handelt sich dabei um repressive franquistische Überbleibsel, die so genannte Demokratisierung enttarnen. Heute besetzen Franquisten allerlei Staatspositionen. Und der Klerus, einst mit dem Regime verbrüdert, verweigert sich penetrant jeglicher Aufarbeitung seiner Vergangenheit und findet bei den demokratisierten Franquisten im Staatsdienst Befürworter dieser Verschwiegenheit.

Schon diese lose Litanei, dieses Textchen hier, ins Spanische übersetzt und den geeigneten Stellen übermittelt, könnte als Verherrlichung des Terrorismus, als Affront gegen die Souveränität des spanischen Zentralstaates interpretiert werden, könnte dem Verfasser also, dessen Vater gebürtiger Baske aus Gasteiz war, den spanischen Pass kosten; man könnte ihm Nähe zur ETA nachsagen, um seine Kritik mundtot, seine Sichtweisen zu linken Spinnereien zu machen. Dabei will er nur darauf hinweisen, wie eine hysterische Gesellschaft zum Abbau des Rechtsstaates neigt - jeder Hysteriker innerhalb Deutschlands, der wieder einmal Generalverdacht und gläserne Bürger zur Islamistenbekämpfung fordert, sollte nach Spanien linsen. Und er, der Autor, will klarstellen, dass der Hort der Vernunft, zu den man die EU gerne kürt, nichts weiter ist als eine phänomenale Selbstbeweihräucherung, ein Sichvormachen auf höchstem Niveau. Innerhalb ihrer finden sich Gesellschaften, die näher der Diktatur stehen als der Demokratie - nicht nur Italien neigt dazu, auch Spanien: und verfolgt man den Diskurs in diesem Lande, dann darf man davon ausgehen, dass früher oder später auch Deutschland aufschließt in diese Achse diktatorischer Demokraten, vollkommen hysterischer Gesellschaften.

Empfehlenswert zum Thema Baskenland ist Ingo Niebels Buch "Das Baskenland. Geschichte und Gegenwart eines politischen Konflikts".

10 Kommentare:

Anonym 31. März 2010 um 11:37  

So scheint so mancher Zeitgenosse eine Glaskugel gehabt zu haben

http://www.youtube.com/watch?v=FprnQnz8WOA

Anonym 1. April 2010 um 13:10  

Hallo Roberto, diesmal ein besonders düsterer Beitrag von dir.
Bisher habe ich das meiste davon weder gehört noch gelesen.
Ein gutes Beispiel, was für eine große Lügen-Kloake ein Großteil der Mainstream-Medien in den so genannten "westlichen Demokratien" doch in Wahrheit wirklich ist.
Warum wird auf diese unerfreulichen Tatbestände in Spanien nicht aufmerksam gemacht, dafür aber immer nur China, Russland oder der Iran in puncto Menschenrechtsverletzungen ins Visier genommen? Psychologische Kriegsvorbereitung?
Na ja, Spanien ist eben ein guter NATO-Partner und äußerst geschätztes Urlaubsparadies für Wohlstands-Spießer aus ganz Europa...., da möchte man wohl auch nicht so scharf hinsehen!
"Friman" von ASR scheint doch nicht ganz so Unrecht zu haben mit seinen ständigen Mahnungen, den etablierten Medien so wenig wie möglich zu glauben, da sie fast nür Lügen und Desinformation betreiben.

Nochmals Danke für deinen informativen Beitrag und schöne Feiertage.

mfg Bakunin

Anonym 3. April 2010 um 23:46  

Hallo Roberto, meine herzlichsten "Glückwünsche" für die "Ovationen", welche dein sehr informativer Artikel bezüglich der "Menschenrechte" bzw. ihrer schweren Verletzungen in Spanien bei so vielen der sonstigen Kommentatoren in diesem Board hervorgerufen hat.
Offenbar möchten die meisten dieser Kommentatoren sich selbst von D I R(!) nicht die "schönsten Wochen des Jahres" in "Sunny Espania", "Malle", Ibiza durch "Häßlichkeiten", düstere Tatasachen über ihr "Urlaubsparadies" vermiesen lassen, bei aller sonstigen Entrüstung über die "bösen deutschen Politiker" und ihre "Untaten".....
Und dennoch: M e i n en ganz großen Respekt hast du gerade wegen d i e s e n kritischen Beitrag, denn er erhöht deine Glaubwürdigkeit ungemein.
Unrecht gibt es leider weltweit!

Besonders aufrichtige Grüße von Bakunin

Lutz Hausstein 4. April 2010 um 14:31  

@ Bakunin:

Du hast damit recht und irgendwie auch nicht. Ich hatte schon überlegt, etwas zu diesem (für mich völlig neuen) Thema zu antworten, es dann aber aufgrund zu geringen Wissens bei dieser Thematik dann doch gelassen. Nichts desto trotz hat der Beitrag mich persönlich zumindest insofern sensibilisiert, bei weiteren passenden Gelegenheiten genauer "hinzuschauen" und nachzufragen.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass es Anderen ähnlich ergeht. Denn, was erfährt man denn hierzulande über die wirklichen Zustände in anderen Ländern, nicht nur Spananien ;-), so richtig? Eher nichts bis gar nichts! Deshalb bin ich Roberto, wenn auch leider schweigend (Asche auf mein Haupt), dankbar für seinen Artikel gewesen.

Anonym 4. April 2010 um 17:42  

Wer Freiheit der Sicherheit opfert, gewinnt nichts, verliert alles.
Kommen die damit durch?

No pasaran!
http://www.youtube.com/watch?v=4QXSYJPTiwc

Anonym 4. April 2010 um 18:24  

Lutz Hausstein hat gesagt...

Auch ich wusste zunächst mal gar nicht, was ich zu diesen Beitrag von Robero sagen sollte.
Dass es in den baskischen Ecken von Spanien immer wieder mal brodelt, mal aus nationalen, oft auch aus sozialen Gründen, davon haben wir doch alle mal hier und da etwas aufgeschnappt.
Aber mit was für fürchterlichen Methoden der spanische Zentralstaat dort für "Ruhe und Ordnung" sorgt, darüber wurden wir von unseren Mainstream-Medien doch alle in Unwissenheit gehalten, sicher ganz vorsätzlich, weil... "ehrenwerter Bündnispartner".
Und ganz generell werden wir von unseren "staatstragenden" Medien so ziemlich über alle sozialen und politischen Verhältnisse in den anderen europäischen Ländern planmäßig in Unwissenheit gehalten, ob beim Eintritt des Rentenalters, der Höhe und Dauer von ALG oder sonstigen sozialen Leistungen, Leistungen der Krankenversicherungen, der Behandlung von Zeitarbeitern, Kündigungsschutz, und, und, und....
Mit der Folge, dass der durchschnittliche deutsche Piefke oftmals glaubt, sich einbildet, im besten Staat des Universums zu leben.
Fängt man dann mal an ein wenig aufzuklären, gehen die Münder gar nicht mehr zu, sooooooo???.....
Ein eigenartiges "vereintes Europa" der gegenseitigen Ignoranz und Unwissenheit.
Ja, es gibt viel viel "mediale" Unwissenheit, oftmals gepaart mit unglaublicher Arroganz, in diesem Land.
Aber leider gibt es auch eine Menge vorsätzlicher Ignoranz, NICHT-WISSEN_WOLLEN, Wohlstands-Spießer aller Art, die von früh bis spät nur grinsen, von früh bis spät nur "GUT-DRAUF" im Dauerbezrieb sein wollen, alles bewusst ausblenden, was dieser ihrer Selbsthypnotisierung Abbruch tun könnte.
Und wenn sich dann solche Leute doch mal "empören", dann natürlich völlig medienkonform, von Medien oder Politikern angeleitet, besser: ANGESTIFTET.
Natürlich geht es dann mit 100% Sicherheit um Menschenrechtsverletzungen in Staaten, welche sich noch nicht der NATO-Oberhoheit untewrorfen haben oder aber sich dieser entzogen haben bzw. im Begriff sind es zu tun. Siehe Venezuela, Kuba, Iran, Russland, China, oder der ganze ehemalige "Ostblock".
Dagegen waren und sind Menschrechtsverletzungen bei den "Freunden und Partnern des Westens" noch nie ein ernsthaftes Thema gewesen..., wo wir auch schon z.B. bei Spanien wären, ganz zu schweigen vom Musterstaat des Universums, Deutschland mit seiner Hartz 4- Sanktionen--Gesetzgebung!
Irgendwie erstaunnt mich daher auf den ersten Blick das geringe Interesse gerade für DIESEN Beitrag von Roberto nicht zu sehr.
Und dennoch, auf den zweeien Blick: Geben sich nicht gerade so viele der sonstigen hiesigen Kommentatoren so informiert, weltoffen aus, in ihren Augen eben informierter, weltoffener, sozialer als die Mehrheit der übrigen Bevölkerung?
Und gerade wegen dieses letzten Punktes hat mich die geringe Resonanz auf diesen Beitrag von Roberto doch wieder enttäuscht.

Gruß, Bakunin

pillo 4. April 2010 um 18:33  

@bakunin

Warum viele Mitleser keinen Kommentar schreiben, weiß ich nicht. Ich kann da nur für mich sprechen. Als jemand, der selbst einige Jahre in Spanien gelebt hat bzw. z.T. noch immer da lebt und schon einmal nur sehr knapp einem Bombenanschlag der ETA entkommen ist, habe ich bei dem Thema 'baskische Unabhängigkeitsbestrebung' ein ziemlich zwiespältiges Gefühl.

Alles was Roberto in punkto mangelnder Meinungsfreiheit, Demokratiedefizite und Repressionsstrukturen genannt hat, kann ich bestätigen. Das sich viele (ältere) Spanier nie wirklich von der Franco-Ära distanziert haben bzw. ihr sogar nachtrauern, habe ich selber erlebt. Neben der Partido Popular (PP) wirkt selbst die CSU wie ein linksliberaler Verein.

Wenn sich die Basken gegen die sie unterdrückenden Organe (Staatsanwaltschaft, Polizei und vor allem Guardia Civil) wehren, verstehe ich das. Wenn sie jedoch Bomben zünden und dabei riskieren, viele Unschuldige mit in den Tod zu reißen, endet bei mir jegliches Verständnis. Überdies erweisen sie damit sich und ihrer Sache einen Bärendienst, liefern sie doch so ihren Gegnern genau jene Argumente, auf die diese nur gewartet haben.

Roberto J. De Lapuente 4. April 2010 um 22:48  

@ pillo
Natürlich dreht man an der Gewaltschraube, keine Frage. Durch Bomben verschärft sich die Situatiion, womit erneut die Bombe als Mittel herangezogen wird.

Aber wie will man in einem Staat um seine Rechte streiten, wenn jede Organisation, die auf politischem Wege Autonomie erstreiten will, verboten wird? So wie Batasuna (2003) und in der Verbotsorgie von 2008, als am 16. September die antifaschistische EAE, am 17. September die Hilfsorganisation Gestoras pro Amnistia und am 18. September die EHAK (Kommunistische Partei Baskischer Länder) verboten wurden.

Es finden Wahlen statt, bei denen verbotene Listen oft die absolute Mehrheit haben, womit die Stimmen verfallen. In manchen Gemeinden reagieren PSOE oder PP mit drei, vier abgegebenen Stimmen, weil alle anderen Stimmen ungültig waren oder an verbotene Kandidaten gingen. Wie will man dagegen vorgehen?

Bomben sind keine Lösung - Madrid weigert sich aber, eine politische Lösung herbeizuführen. Man raubt den Basken die Möglichkeit, auf legitimen Weg Autonomie umzusetzen - jetzt durch Verbot, vormals durch strikte Auslegung der Verfassung, womit jede Autonomiebestrebung als Angriff auf die "unteilbare Einheit der spanischen Nation" verstanden wurde. Verhandelt die PNV mit Leuten von der verbotenen Batasuna, so machen sie sich strafbar, können der "Verherrlichung des Terrorismus" bezichtigt werden - und das, obwohl Batasuna immer noch politisches Potenzial, viele Wähler hat oder hätte, je nachdem.

Die Frage muß erlaubt sein: Ist es dann überhaupt noch Terrorismus, wenn man sich mit Gewalt wehrt?

pillo 5. April 2010 um 10:41  

@Roberto

Ich habe die ganzen Verbotsorgien im spanischen Fernsehen ('telediario') mibekommen. Ich habe auch die "Diskussion" um den in Hungerstreik getretenen Juana Chaos miterlebt, als sich viele Politiker, vornehmlich der PP, nicht entblödeten, öffentlich zu fordern, Chaos doch einfach verhungern zu lassen.

Trotz allem unterscheide ich aber bei Gewaltanwendung zwischen der Gewalt gegen konkrete Personen bzw. Organisationen (Staatsanwälte, Polizisten, Vertreter von PP bzw. PSOE, Guardia Civil, etc.) und der wahllosen Gewalt gegen zivile Ziele wie Flughäfen, Strandpromenaden oder Einkaufscenter. Ersteres finde ich legitim (so wie es in meinen Augen auch viele Aktionen der RAF waren), letzteres ist nicht akzeptabel.

Man muß sich schon entscheiden, führt man Krieg gegen den spanischen Zentralstaat oder gegen die Spanier selbst. Einerseits habe ich großen Respekt vor dem Mut und der Opferbereitschaft der baskischen Freiheitskämpfer (die ja immer häufiger Kämpferinnen sind), schließlich wissen diese genau, sollten sie je von ihren Häschern geschnappt werden, verbringen sie den Rest ihres Lebens hinter Gittern. Auf der anderen Seite möchte ich ihnen zurufen, wägt eure Aktionen gut ab. Mit jedem getöteten Unschuldigen/Unbeteiligten verspielt ihr weiteren Kredit bei euren Sympathisanten im In- und Ausland und vor allem bietet ihr euren Gegnern ungwollt das Futter, was sie zu eurer Dämonisierung brauchen.

Roberto J. De Lapuente 5. April 2010 um 13:28  

@ pillo
Natürlich hast Du recht. Der baskische Konsens sieht das ganz ähnlich. Gelegentlich richten sich die Anschläge gegen "private Einrichtungen" - als in den Achtzigerjahren ein Kaufhaus in Barcelona in die Luft ging und es zivile Tote gab, war der Aufschrei auch von Seiten derer, die die ETA nicht grundsätzlich verdammen, riesig.

Ich erinnere mich (damals war ich Kind), wie die deutsche Berichterstattung war. Das hat scheinbar viele Deutsche geprägt - habe ich später erklärt, dass mein Vater gebürtiger Baske war (wobei das immer kritisch ist, als Vitoriano - dort ist man ja españolisierter Baske), so meinten viele wie aus der Pistole geschossen, "ah, ein Terrorist"...

Sicher hat solches Vorgehen zu unterbleiben. Aber das verurteilen birgt immer die Gefahr, die ETA als Ganzes zu verurteilen. Genau deshalb wollte Batasuna nicht am kollektiven Verurteilen teilnehmen.

Aber grundsätzlich gilt natürlich: Anschläge dieser Art sind ein Verbrechen. Dazu muß man aber dann auch sagen, dass es eigentlich nicht die Masche der ETA ist, Zivilisten zu töten, wenngleich es immer wieder geschehen ist. Soviel ich weiß, wurde der Anschlag von 1987, auf jenes Kaufhaus in Barcelona, selbst von Etarras verurteilt.

Als man 2004 den Anschlag von Atocha der ETA in die Schuhe schieben wollte, war eigentlich jeden halbwegs Interessierten klar, dass so ein Anschlag niemals von Etarras begangen worden wäre. Der Zentralstaat stellt natürlich die Gewalt der ETA als grenzenlos dar, als Gewalt gegen alles und jeden. Deswegen muß man vorsichtig sein, nicht auf die Propaganda des Zentralstaates hereinzufallen, wenn man bestimmte ETA-Methoden verurteilt.

Gewalt, so ist aber festzuhalten, ist immer uferlos. Oder sie ist ein Hilfeschrei. Die heutige ETA-Gewalt, sie kann eigentlich niemand mehr verwundern. Madrid steht auf dem Standpunkt: erst das Ende der Gewalt, dann wird wieder verhandelt. Dabei müßte Madrid erst verhandeln, Parteien wiederzulassen, dann würde das Gros der Gewalt verschwinden...

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