Ich würde es wieder tun...

Sonntag, 2. November 2008

Kürzlich schrieb ich über den Eichmann-Typus, wie er uns fast täglich, mal in den Nichtigkeiten des Alltags, mal in wesentlichen Fragen des Lebens, begegnet. Es ist nun ein Jahr her, damals zum gegebenen Anlass - damals starb der Hiroshima-Pilot Paul Tibbets -, dass ich mich in diese Richtung äußerte. Eichmann und Tibbets: zwei Mahnmäler des 20. Jahrhunderts - zwei Vertreter eines Menschenschlages, der noch immer seinen banalen Wahnsinn an uns auslebt. Der eine gefeierter Kriegsheld, der andere gesuchter Kriegsverbrecher. Doch beide historischen Einstufungen sind unwesentlich, sagen nichts über das Wesen der Unterwerfung unter Paragraphen und Gesetz, unter ein menschenverachtendes ius positivum aus.

Es folgt der Artikel, wie er vor einem Jahr - an anderer Stelle - erschien, Überarbeitungen und Korrekturen nicht einbezogen:

Ein gesegnetes und langes Leben ging am heutigen Tage zuende; ein Leben voller Auszeichnungen und Beförderungen; ein Leben welches nicht nur im Militärischen erfolgreich glänzte, sondern auch in der freien Wirtschaft. Heute starb eines der großen vermenschlichten Mahnmäler des 20. Jahrhunderts; eines Jahrhunderts, welches sich dadurch auszeichnete, das Gewissen argloser Menschen auszulöschen, um dieser oder jener Ideologie im Denken und Handeln Platz zu machen; ein Jahrhundert, welches - wie keines zuvor - den Bürger zum Handlanger der Gewissenlosigkeit degradiert hat.
„Ja, ich würde es wieder tun, wenn die Kriegslage und die Umstände genau dieselben wären.“
- Paul Tibbets auf die Frage, ob er nochmals eine Atombombe werfen würde -
Wäre er nur ein wenig intelligenter gewesen, so hätte er diese ruchlose Tat nicht begehen können; wäre er nur ein wenig fauler gewesen, so hätte er sein Geschäft nicht so strebsam erfüllt. So aber ist es der fleißige und im Denken sich selbst einschränkende Mensch, der zum Verbrecher wurde. In dieser Weise äußerten sich Zeitzeugen des Eichmann-Prozesses, wenn sie das "Wesen der Bestie" erklären wollten. Es war der Irgendwer, der zum Täter wurde, zum anonymen Täter, der vom Schreibtisch aus Massentötungen in die Wege leitete. Der andere flog kilometerweit über den Ort des Grauens und mußte lediglich ein Knöpfchen oder Hebelchen umlegen. Hier der Schreibtisch, dort das Flugzeug - beide dem Ort des Schlachtens entrückt, beide am Ort des sauberen Mordens; an Orten, die keiner mit einem Mord in Verbindung bringen würde.

Eichmann und Tibbets: Zwei Mahnmäler des Jahrhunderts. Unbedarfte Charaktere, nicht sonderlich durch Intellekt glänzend, leicht durch Ideologie und Patriotismus zu korrumpieren. Zwei Synonyme, die dafür stehen, wie der Mensch aus der Masse zum Ausführenden gedankenloser Taten werden kann. Aber auch Synonym dafür, wie Menschen versucht sind, ihr eigenes Verfehlen durch tumbe Obrigkeitsgläubigkeit erklärbar zu machen: Man habe nur nach Befehlen gehandelt, selbst überhaupt keinen Bezug zu den Folgen des verbrecherischen Handelns. Als ob es das besser machen würde.
„Wir haben noch nie irgendwo Krieg geführt, wo keine Unschuldigen getötet worden wären. Wenn die Zeitungen sich diesen Mist nur sparen würden: ‚Ihr habt so viele Zivilisten getötet.‘ Das war ihr Pech, dass sie dort waren.“
- Tibbets in einem Interview -
Es drängt nicht die Freude über diesen Tod dazu, hier einige Worte zu verlieren - wenngleich man nicht trauern kann. Vielmehr hat Tibbets als lebende Mahnung - welche sich nicht zu peinlich war seine schiefe Moral und seine zynische Menschenverachtung kundzutun - eine wichtige Rolle gespielt. Er und derjenige, der bereits 1962 sein Leben am Galgen lassen mußte, sollen nicht von der Geschichte getilgt, dürfen keinesfalls vergessen werden. Als Schandmal des feigen Mitläufertums sollen sie uns im Bewußtsein bleiben. Ein Produkt des 20. Jahrhunderts und seiner Massenkriege: Der "beliebige Hanswurst", nicht der "Teufel in Menschengestalt" (Hannah Arendt).

2 Kommentare:

Anonym 2. November 2008 um 13:00  

Lieber Roberto de Lapuente,

wieder einmal ein Lob.

Der Text zeigt mir, dass eben die Obrigkeitshörigkeit, die ich vor Jahren als unbezahlter Praktikant auf dem hiesigen Rathaus noch leugnen durfte, dank Merkel/Schröder & Co. wieder da ist - international liegt es wohl auch an George W. Bush & seinem weltweiten Krieg gegen den (islam-)istischen "Terrorismus" (steht deswegen in Anfühungszeichen weil sich sogar die dt. Bundesregierung, trotz wiederholtem Drängen der Linkspartei, weigert diesen Begriff klar zu definieren).

Übrigens, der Text war notwendig gerade weil wir in Deutschland immer wieder zur Bauchnabelschau neigen und dabei völlig vergessen, was die Shoa keineswegs relativieren soll, dass auch andere Nationen, die nicht des autoritären Kommunismus verdächtig sind wie die alte Sowjetunion, Menschheitsverbrechen begehen.

Nicht nur in Afrika, auch im "alten Europa", Asien und beiden amerikanischen Kontinenten erleben wir eine Rückkehr längst totgeglaubter Unmenschlichkeiten (z.B. Folter, Entführungen etc. etc.).

Vielleicht, dass klingt jetzt altbekannt und gleichzeitig utopisch, wäre eine Rückkehr einer Internationale von Ganz Unten her wünschenswert?

Sollte man einmal darüber nachdenken in Zeiten der "Apartheid aufgrund des sozialen Status eines Menschen" (der Begriff stammt aus Südafrika wo sich die Apartheid aufgrund der Hautfarbe, wie bereits erwähnt in diese Form der Apartheid abgewandelt hat, die nun ihren weltweiten Siegeszug antreten will, wie z.B. in Deutschland der Film "Leiharbeit undercover" des Buchautors und investigativen Journalisten Markus Breitscheidel zeigt.)?

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Peinhard 4. November 2008 um 12:11  

Es gab noch einen anderen 'A-Bomber' mit Namen Claude Eatherly - der hat es sich nicht so einfach gemacht. Sein Briefwechsel mit Günther Anders sei hiermit empfohlen.

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