Die Würde des Kindes scheint antastbar

Montag, 24. November 2008

Kinder kosten Geld - Nerven sowieso. Sie scheinen Auslaufmodelle zu sein, somit auch das Elterndasein - als Folge oder als Ursache? Eine niedrige Geburtenrate rechtfertigt diese Annahme. Kinder sind Störfaktoren, dürfen dort den Rasen nicht betreten und an anderer Stelle nicht mit dem Ball spielen, müssen nach der Schule in Tagesstätten aufgeräumt werden und sollen daheim gefälligst problemlos tun, was man von ihnen verlangt. Gute Schulnoten sind das Mindeste, was sie der Erwachsenenwelt zurückgeben können. Schweigsam sollen sie sein, intelligent, verrückt danach, etwas zu lernen, aber nicht, damit sie ihre Neugier befriedigen, sondern um eines Tages darauf eine berufliche Zukunft aufzubauen. Eines Tages? Warum nicht sofort? Und überhaupt, warum geht man nicht daran, den Kosten- und Störfaktor Kind nutzbringend zu verwursten? Wir leben doch in einer durchökonomisierten Welt, in der alles seinen Wert am Nutzen profilieren muß. Wenn Kinder also vorallem Nachteile mit sich bringen, wenn sie kosten und stören, wenn sie einen unkalkulierbaren Zeitaufwand bedeuten, welchen Nutzen haben sie dann?

Diese Frage ist in diesen Tagen nurmehr als Frage aus der Vergangenheit denkbar. Einer sozialromantischen Vergangenheit natürlich. Judith Wilske - Ökonomin und Theaterregisseurin - hat die Problematiken einer Zeit erkannt, die an ihren Kindern nicht mehr glücklich zu werden scheint, weil sie diese nur mittels Kosten und Nutzen abwägt und nach Soll und Haben unterteilt. Nein, Kinder sollen nicht nur Aufwand bedeuten, sondern... nein, falsch, nicht elterliche Freude am Aufwachsen und Gedeihen des Sprößlings oder gar Herausforderung, den kleinen Menschen nach den eigenen Werten und Vorstellungen zu erziehen. Das ist altmodischer Kram, der nicht mehr ins Heute paßt, nicht mehr modern ist. Kinder sollen also nicht nur Aufwand bedeuten, sondern Nutzen. Kein idealistischer Nutzen, keine seelische Variante des Nutzenbegriffes, sondern handfester, ökonomischer, monetärer Nutzen. Unternehmer sollen sie sein! Wertvolle Mitglieder der Gesellschaft oder genauer: des freien Marktes! Da hat Wilske den Zeitgeist an den Hörnern gepackt, um ihn in ihr dubioses Konzept zu packen.

Von der Würde unserer Kinder reden wir viel in dieser Gesellschaft. Wir wollen uns scharf abgegrenzt sehen zu früheren Tagen menschlicher Geschichte, in denen Kinder nichts weiter als kleine Ausgaben von Erwachsenen darstellten, in denen sie zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen hatten, also keine Kindheit, wie wir sie aus dem 20. Jahrhundert kennen, besaßen. Dabei wollen wir ihnen eine lebenswerte Kindheit garantieren, unbeschwerte Momente, die mit ihrem Altern immer seltener zu werden drohen. Schöne Reden, nichts weiter! Und was hält die Realität für uns, für unsere Kinder bereit? Wir sehen zu, wie Kinder in Armut gestürzt werden, wie man das Kindergeld armer, auf Arbeitslosengeld angewiesener Familien mit den Regelsätzen verrechnet, während Kinder aus reichem Hause selbiges in die Kaffeekasse einbezahlt bekommen; wir erlauben einen hemmungslosen Leistungsdruck an unseren Schulen, werfen die noch hilflosen Wesen in einen knallharten Wettbewerb, sehen zu, wie sie sich gegenseitig zerfleischen; und dann setzen wir auch noch eine aus dem Ruder gelaufene, theaterspielende Ökonomin auf sie an, die ihre kindlichen Köpfe mit allerlei unternehmerischer Rationalität vollstopfen soll. Ist das die Würde, von der man immer wieder spricht? Die Entfremdung des Kindes als Maßstab kindlicher Würde?

Aus kleinen Menschenwesen sollen schon unternehmerische Roboter werden. Kindliches Denken, Kindisch- und Kindlichsein ist verpönt. Stattdessen sollen sie kalkulieren und abwägen, sollen, anstatt das zu tun, was sie wollen - was ja Ausdruck kindlicher Selbstfindung ist -, berücksichtigen, was ihre Kunden wollen. Zucht und Ordnung von Kindesbeinen an! Einst lernten sie Disziplin unter Tage, heute sollen sie das als Unternehmer tun. Ihre Individualität, der kindliche Spieltrieb, das Erfahren der Welt durch kindliches Spiel folglich - alles dahin, alles nicht mehr zeitgemäß! Die Würde des Kindes bedeutet heute, dem Kind zu garantieren, ein Leben als Erwachsener führen zu können; ein Leben führen zu können, das vollgepackt mit dem Wahnsinn der erwachsenen Welt ist - mit ihrem Wettbewerbsfetisch, mit ihrem lasziven Hang zum freien Markt und mit der Freude an Ausbeutung, ungerechter Verteilung, Unterdrückung und der Beseitigung jeglichen Solidaritätsgedankens. Dies ist pure Reaktion, Rückwärtsgewandtheit, Ewiggestrigkeit. Das Kind ist wieder, wie schon einst, kleiner Erwachsener, geschrumpfte Variante des Ausgewachsenen. Erneut wird konkret, was sich am herrschenden Zeitgeist immer wieder, mehr und mehr, sichtbar macht: Er ist Ausdruck von Rückschritt, beseitigt was jahrzehnte- und jahrhundertelang als Errungenschaft galt. Hinfort mit Arbeitnehmerschutzgesetzen - die gab es früher doch auch nicht; weg mit Freiheitsrechten - quasi als Hommage an die Karlsbader Beschlüsse; und verdammt sei die kindgemäße und beschauliche Kindheit - arbeiten sollen die faulen Bengel, das tat ihnen in früheren Zeiten doch auch gut!

Natürlich werden die herrschenden Kreise, die mit den menschenverachtenden Denkstrukturen unserer Tage bestens befreundet sind, nicht müde, ein solches Projekt zu loben. Der Kindunternehmer fördere das Beste im Kinde, mache einen Wettbewerber mit Leib und Seele aus ihm, bringe die Vorzüge seines Charakters ans Licht. Diese mittlerweile verschlissenen Weisheiten der neoliberalen "Schule" und deren fehlender Wahrheitsgehalt außer Acht lassend, stellt man sich die Frage: Was ist denn der Preis, den die Kinder dafür bezahlen müssen? - Antwort: Sie werden sich selbst entfremdet, werden mit fadenscheinigen Werten und bornierten Sichtweisen aus der Erwachsenenwelt verseucht; sind des eigenen Denkens beraubt, bewegen sich in vorgefertigten Denkbahnen und sind zum Nachplappern erwachsener Kommerzwahnsinnigkeiten verdammt. Soll das Kindeswürde sein? Entspricht das dem neuen Bild, dem neuen Ideal einer Kindheit? Soll aus der Kindheit des 21. Jahrhunderts wieder eine solche werden, in denen das Kind als kleiner Erwachsener zu gelten hat? Eine Kindheit ohne Kindsein, dafür vollgestopft mit Verantwortungen, Wettbewerben, Unternehmertum, ökonomischen Kategorien und allerlei Erwachsenem mehr?

"Kinder zu Unternehmern" ermöglicht Kindern von 3 bis 14 Jahren die Gründung ihres eigenen Unternehmens - so behauptet es das Projekt von sich selbst. Dies darf durchaus als Drohung verstanden werden. Als Generalangriff auf die Kindeswürde, auf die Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, nämlich jedem Kind eine Kindheit in Spiel und Freude, zumindest theoretisch, garantieren zu wollen. Weil wir die Unbeschwertheit des Kindes, über Jahrzehnte hinweg, als Idealzustand und soziale Errungenschaft gewürdigt haben, entrüsten wir uns über Kinderarbeit in der Dritten Welt - die nebenbei bemerkt, gerade auch von westlichen Unternehmen gefördert wird -, verurteilen wir Gesellschaftsstrukturen, in denen Kinder ökonomischer Faktor sind und sich nicht Selbstzweck sein dürfen. Diese historisch gereifte Einsicht, wonach wir in der Garantie, Kindern eine möglichst unbeschwerte Kindheit zu verwirklichen, eine kulturelle Höchstleistung errungen haben, wird mit solchen Projekten, mit dem Klima, dem man unsere Kinder immer häufiger aussetzt, einfach verworfen.

Ursula von der Leyen spricht viel vom Schutz, den sie Kindern gewährleisten will: Hier hätte sie einzugreifen, hier könnte sie unter Beweis stellen, dass sie sich nicht nur im vornehmen Gefasel versteht, sondern auch im Handeln. Stattdessen wird sie wohl Wilske als innovative Pädagogin loben, als Vorbild und Vordenkerin. Und wir, die wir daran Anstoss nehmen, gelten einmal mehr als rückwärtsgewandt, unmodern und ewiggestrig...

14 Kommentare:

Thomas 24. November 2008 um 11:07  

Das ist Satire, oder? Bitte sagt mir, daß das Satire ist!!!

Anonym 24. November 2008 um 11:50  

Bist mir zuvorgekommen, ich wollte auch was dazu schreiben.

Es ist unterirdisch.

Aber so waren und sind sie, die Liberallalas...

Hartmut, http://kritik-und-kunst.blog.de

Anonym 24. November 2008 um 12:32  

Ist wohl keine Satire.

Sponsor des Spektakels u.a.: Uni Witten/Herdecke (Bertelsmann),
Hamburgische Kulturstiftung (Fundraiser nach US Vorbild, dahinterstehend diverse Wirtschaftsunternehmen).

Frau Wilske hatte vor ein paar Jahren schon ein Shoppingbuch für Kinder herausgebracht (wurde indiziert, nach einem Rechtsstreit wurde Indizierung aufgehoben).
Schon damals rätselte man, ob es Satire sei.

In meinen Augen wird hier küntlerische Freiheit als Deckmantel benutzt, um dahinterstehende knallharte Wirtschaftsinteressen durchzusetzen.

Mit freundlichen Grüssen, Ihre Bertelsmann Republik Deutschland

Frank F. 24. November 2008 um 13:20  

@ Thomas

Ach, auch schon ausgeschlafen? :))

Na, dann willkommen im kaputtesten Zeitalter der Menschheitsgeschichte!

Anonym 24. November 2008 um 13:40  

Bezeichnend bei von der Leyen, Bertelsmann und sämtlichen Schulreformen letzterer Zeit ist, dass dabei niemals pädagogisch oder lerndidaktisch oder persönlichkeitsentwickelnd argumentiert wird. Stattdessen gilt Wettbewerb und Wirtschaftlichkeit als Ziel.
Dass zuviel Wettbewerb im Extrem beißwütige, ellenbogen-durchsetzungsstarke, fachlich inkompetente, teamunfähige weil über-konkurrenzbedachte Psychopathen (Arschlöcher, siehe USA) hervorbringt, ist anscheinend niemandem aufgegangen. Dass andere Extrem von zuviel Wettbewerb sind übrigens persönlichkeitsgestörte, hilflose, unselbstständige, depressive Psychatrie-Patienten (Angsthasen, siehe Ritalin-Schlucker und Anti-Depressiva-Schlucker).

Für an Kinder und Lerner zu stellende Herausforderungen gilt die Faustregel: I + 1.
Heißt: I = wo der Lerner (Ich) stehe
+ 1 = einen Tick höher.
Herausforderungen an Kinder und Lernende sollten also immer einen Tick, eine kleine Stufe höher liegen als der Lerner selber steht.

Auf Dauer können solche Typen (Angsthasen oder Arschlöcher) nicht überleben und eine Gesellschaft, die sich aus ihnen zusammensetzt, auch nicht.

Anonym 24. November 2008 um 14:01  

Zukunft der Schulen?

Während
a) die schwachen Schüler Scouts bekommen (Hertie School of Governance)

bekommen
b) die "Starken" ein Coaching der speziellen Art.

Ziele?

a) Untergrabung des staatlichen Bildungsmonopols, massive Einmischung in Schulpolitik

b) Aufweichung des dualen Ausbildungssystems, absichtliche Verschlechterung der Bildungschancen, Heranzüchtung von Scheinselbständigen

Alles unter dem Deckmantel der "Gutmenschlichkeit".

Nur sollte man bedenken, dass diese Leute, die es sponsern, NICHTS zu verschenken haben.

NIEMALS.

klaus baum 24. November 2008 um 16:22  

Hier ein Auszug aus Kafkas Erzählung: Josefine, die Sägerin oder Das Volk der Mäuse.(Kafka ist mittlerweile >gemeinfrei<, darf also unbedenklich im Netz zitiert werden.)

Vorab zu Deinem Beitrag sei angemerkt, es gibt keinen Gedanken, auch wenn er noch so pervers ist, der vom neoliberalen Zeitgeist nicht gedacht werden würde.

n unserem Volke kennt man keine Jugend, kaum eine winzige Kinderzeit. Es treten zwar regelmäßig Forderungen auf, man möge den Kindern eine besondere Freiheit, eine besondere Schonung gewährleisten, ihr Recht auf ein wenig Sorglosigkeit, ein wenig sinnloses Sichherumtummeln, auf ein wenig Spiel, dieses Recht möge man anerkennen und ihm zur Erfüllung verhelfen; solche Forderungen treten auf und fast jedermann billigt sie, es gibt nichts, was mehr zu billigen wäre, aber es gibt auch nichts, was in der Wirklichkeit unseres Lebens weniger zugestanden werden könnte, man billigt die Forderungen, man macht Versuche in ihrem Sinn, aber bald ist wieder alles beim alten. Unser Leben ist eben derart, daß ein Kind, sobald es nur ein wenig läuft und die Umwelt ein wenig unterscheiden kann, ebenso für sich sorgen muß wie ein Erwachsener; die Gebiete, auf denen wir aus wirtschaftlichen Rücksichten zerstreut leben müssen, sind zu groß, unserer Feinde sind zu viele, die uns überall bereiteten Gefahren zu unberechenbar - wir können die Kinder vom Existenzkampfe nicht fernhalten, täten wir es, es wäre ihr vorzeitiges Ende. Zu diesen traurigen Gründen kommt freilich auch ein erhebender: die Fruchtbarkeit unseres Stammes. Eine Generation - und jede ist zahlreich - drängt die andere, die Kinder haben nicht Zeit, Kinder zu sein. Mögen bei anderen Völkern die Kinder sorgfältig gepflegt werden, mögen dort Schulen für die Kleinen errichtet sein, mögen dort aus diesen Schulen täglich die Kinder strömen, die Zukunft des Volkes, so sind es doch immer lange Zeit Tag für Tag die gleichen Kinder, die dort hervorkommen. Wir haben keine Schulen, aber aus unserem Volke strömen in allerkürzesten Zwischenräumen die unübersehbaren Scharen unserer Kinder, fröhlich zischend oder piepsend, solange sie noch nicht pfeifen können, sich wälzend oder kraft des Druckes weiterrollend, solange sie noch nicht laufen können, täppisch durch ihre Masse alles mit sich fortreißend, solange sie noch nicht sehen können, unsere Kinder! Und nicht wie in jenen Schulen die gleichen Kinder, nein, immer, immer wieder neue, ohne Ende, ohne Unterbrechung, kaum erscheint ein Kind, ist es nicht mehr Kind, aber schon drängen hinter ihm die neuen Kindergesichter ununterscheidbar in ihrer Menge und Eile, rosig vor Glück. Freilich, wie schön dies auch sein mag und wie sehr uns andere darum auch mit Recht beneiden mögen, eine wirkliche Kinderzeit können wir eben unseren Kindern nicht geben. Und das hat seine Folgewirkungen. Eine gewisse unerstorbene, unausrottbare Kindlichkeit durchdringt unser Volk; im geraden Widerspruch zu unserem Besten, dem untrüglichen praktischen Verstande, handeln wir manchmal ganz und gar töricht, und zwar eben in der Art, wie Kinder töricht handeln, sinnlos, verschwenderisch, großzügig, leichtsinnig und dies alles oft einem kleinen Spaß zuliebe. Und wenn unsere Freude darüber natürlich nicht mehr die volle Kraft der Kinderfreude haben kann, etwas von dieser lebt darin noch gewiß. Von dieser Kindlichkeit unseres Volkes profitiert seit jeher auch Josefine.

Aber unser Volk ist nicht nur kindlich, es ist gewissermaßen auch vorzeitig alt, Kindheit und Alter machen sich bei uns anders als bei anderen. Wir haben keine Jugend, wir sind gleich Erwachsene, und Erwachsene sind wir dann zu lange, eine gewisse Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit durchzieht von da aus mit breiter Spur das im ganzen doch so zähe und hoffnungsstarke Wesen unseres Volkes.

Anonym 24. November 2008 um 18:36  

Weitere Anmerkung:

Kinder als Unternehmer gibt es im kleineren / kleinsten Rahmen schon länger: Kuchenverkauf, Weihnachtsbasar, Limonadenstand, 5-€-fürs-Autowaschen usw.

Nur stehen bei all diesen Aktionen nicht die kommerziellen Aspekte sondern durchaus allgemeinnützliche (Basar meist für Schulzwecke) bzw. lerndidaktische Erfahrungen (Limonadenstand: planen, Autowaschen: langsam zum Ziel, sich etwas zusammenzusparen) im Vordergrund.

Bei dieser "Kinder-zu-Unternehmern"-Geschichte sollen Kinder jedoch lernen, rein kommerziell zu handeln, obwohl sie noch garnicht verstehen, WIE genau das Geld eigentlich verdient wird.
Da ist z.B. eine 9-jährige (http://www.kinder-zu-unternehmern.de/kinder.htm), die Tierfilme in einem Bauwagen zeigen möchte. Vermutlich begeistert sie sich für Tiere und möchte das weitergeben. Aber Kosten/Nutzen, Standort -probleme,-vorteile usw. hat sie doch wohl noch lange nicht verstanden. Ganz zu schweigen davon, dass in so einen Bauwagen nicht allzuviele Zuschauer hineinpassen.

Die "alte" Methode, bei der Kinder mal Molkereien, Sägewerke usw. besuchen durften, gucken durften und probieren durften, hat mir besser gefallen.

Auch Kuchen- und Keksverkäufe (Pfadfinder, Kindergarten, Schule) brauchte damals noch keine Workshops, sondern einfach nur eine liebe Pfadfinderführerin, Kindergartentante bzw. Lehrerin, die das ein bischen organisiert hat.

Neuerdings gibt es auch schon Business-Englisch und Marketing-Englisch für Kinder, die dann am PC ausprobieren sollen, mit welcher Farbe der Kartonhülle sich ein Produkt am besten verkauft. Absolut idiotisch, weil die Kinder zwar gerne auf Tasten drücken und so lange rumprobieren, bis eben 5 von 5 Sternchen aufblinken, aber die Verführung, die Gestaltbarkeit, das Design und was so noch alles hinter der Gestaltung einer Verpackung hintersteckt, haben sie nicht mal ansatzweise begriffen.
Im Vergleich dazu mal Kunst- und Gestaltunterricht, der ja auch die Prinzipien von Design lehrt, aber eben allgemein und nicht auf Werbungszwecke reduziert, ist schlicht sinnvoller. Wenn ein Kind einen Teddybär mit anderem Spielzeug zusammen malen soll, lernt es dabei wesentlich mehr über Design, Farben und Anordnung UND motorische Fähigkeiten, als wenn es Tasten auf einem PC drückt und sich dann die Farbe einer fiktiven Verpackung eines fiktiven Produktes ändert.

Dieser ganze Blödsinn ist aus den USA importiert und Geldschneiderei. Mehr nicht.

Zudem: Werbeplakate für fiktive Produkte gestalten haben wir schon in der Schule im Kunstunterricht gemacht, allerdings in Klasse 8 (GYM), also mit etwa 14 Jahren und unter dem Oberthema: warme(rotgelbhellgrün) vs kalte (dunkelgrünblauschwarz) Farben, bei mir war es Waschmittel (warm-sonniggelb) vs. Haarspray (kalt-grünblau).

Daher: stattet die Schulen gefälligst gut aus, auch die Nebenfächer und dann braucht man auch keine affigen Kinder-zu-Unternehmer-Workshops, die die Kinder nur zusätzliche Zeit neben der Schule kostet.

Anonym 24. November 2008 um 18:42  

Eigentlich müsste man in den höheren Klassen schlicht nur das Fach "Volkswirtschaftslehre" einführen und solche affigen Workshops bräuchte man nicht mehr.
In Geschichte und Politik, Sozialwissenschaften oder dem Allroundfach Erdkunde kommt Wirtschaft meines Erachtens immer ziemlich kurz.
Etwa: Geschichte der modernen Industriewirtschaft, Wirtschaftstheorien (z.B.Adam Smith), ein paar Wirtschaftsindikatoren (BIP, Außenhandelsdefizit usw.), von den Rohstoffen zum fertigen Produkt usw., das wäre recht nützlich.
Oder diese Themen eben auf die entsprechenden Fächer verteilen.

G8 ist ja wohl ein Schuss in den Ofen. Die Schüler brauchen nicht mehr Druck und weniger Zeit, sondern eher mehr Zeit für ständig wachsende, grundlegende Wissensmengen, die zur Orientierung überhaupt notwendig sind.

Manul 24. November 2008 um 20:13  

Eine Gesellschaft definiert sich über ihren Umgang mit Kindern und was das Zeitalter angeht, sind wir längst im tiefen viktorianischem Zeitalter angekommen, wo überall nur noch Doppelmoral herrscht. Man ist gegen alles, was kreativ ist und Spass macht, aber wenns um Geldvermehren geht, ist jedes Mittel erlaubt. Es gibt z.B. auch längst schon Unternehmen, die Kinder um Löhne prellen, wenn diese ihr Taschengeld aufbessern wollen, dass die Kids kaum auf 3 Euro/Stunde kommen. Solche Unternehmen gehören eigentlich öffentlich zerlegt, aber es sind ja bloss Kinder, die ausgebeutet werden.

Das sind die Dinge, die deutlich zeigen wie krank mittlerweile die Gesellschaft ist, die ihren eigenen Nachwuchs als reinen Wirtschaftsfaktor sieht und ihm jeden Freiraum nimmt. Kinder sollen nämlich ausschliesslich nur schön brav sein und fleissig lernen, aber sie dürfen ja nicht plärren, spielen, ihre Umwelt erkunden oder als Jugendliche einfach nur 'rumhängen'. Ich habe manchmal wirklich Angst, wenn ich mir vor die Augen führe, was für eine Schar von Psychopathen da heran gezüchtet wird, die befreit von jeder Menschlichkeit von Kindsbein darauf getrimmt wurden ökonomisch wertvoll zu sein. Von den ganzen Amphetamin-Junkies, die heute teilweise schon als Kinder damit vollgestopft werden, ganz zu schweigen, denn bis dato hat sich niemand getraut über lange Zeit Amphetamin an Kinder zu verabreichen und inwiefern das die Persönlichkeit beeinflusst, kann keiner sicher sagen. Ja, ich gebe meinen Vorkommentatoren Recht, diese Ideologie ist einfach nur der reinste Wahnsinn und das Experiment sollte schnellstens beendet werden, bevor noch mehr Schaden entsteht.

klaus baum 25. November 2008 um 00:05  

die deutschen neigen dazu, von einem totalitarismus in den anderen zu verfallen. jetzt ist es der totalitarismus der nützlichkeit. aber mir scheint, als hätte schiller in seinen briefen zur ästhetischen erziehung schon dagegen angeschrieben.

bmrcologne 25. November 2008 um 06:59  

Das ist keine Satire, das ist der völlig natürliche Weg kapitalistischer Entwicklung: Was sich im warenproduzierenden System nicht verwursten läßt, wird schlicht abgespalten und negativ konnotiert. Die "Liebesabeit der Hausfrauen" ist da nur ein kleines Beispiel. Warum sollte dieses Prinzip vor der Welt der Kinder haltmachen? Im antiquierten Familienbild der bürgerlichen Gesellschaft läßt sich die nicht verwurstbare Kinderwelt nur schwer in die negative Ecke stellen. Also bleibt nur der Weg nach vorn: Kinder spielen Unternehmer. Wer's nun immer noch nicht kapiert hat, Peter Hacks hat es treffend formuliert: Der Menschen Welt vom Kapital regiert, ist wie ein Diamant, mit Kot beschmiert!

Geheimrätin 25. November 2008 um 09:20  

Tja wer es sich leisten kann schickt ja schon seine 1-2 jährigen Kinder nicht etwas in einen gemeinen Garten zum spielen sondern in "international business baby colleges"...anders sieht es bei unseren "Harzt IV Kindern" aus. Die haben leider Pech gehabt und dürfen ihre "unternehmerischen Triebe" nicht ausleben. Zumindest nicht in der Realexistenz. Will ein Jugendlicher lernen Verantwortung zu übernehmen und in die Arbeitwelt hineinschnuppern und sucht sich einen job, weil er vielleicht für eine Führerschein sparen will (den er vielleicht braucht um zukünfitig den Ort seiner Ausbildungsstelle erreichen zu können, zu der er auch nicht umziehen darf weil er bis 25 zwansgverpflichtet wurde, bei Muttern zu wohnen) oder sich auch gerne mal was zum anziehen kaufen will, oder auch weil er einfach nur Erfahrungen im Arbeitsleben sammeln will-vielleicht sogar weil er berufliche Ziele hat auf die er zuarbeiten will- er wird sofort und per Gesetz zum Mitversorger seiner Familie verpflichtet und muss die hartverdiente Kohle abgeben. Man kann schließlich auch als Tellerwäscher glücklich sein, muss ja nicht jeder Günther Jauch werden!

Anonym 25. November 2008 um 14:41  

Das ist SO irre, das gibt es garnicht.. ich empfehle diesen vollpfosten, die so einen unsinn anzetteln, mal die literatur einiger standardwerke zur kindlichen entwicklung (z.b. piaget).
kinder sind sowieso erst ab dem 7. oder 7. lebensjahr zu konkret-operationalem handeln fähig, erst mit 11 oder 12 jahren wird die stufe der formal-operationalen handlungsfähigkeit erreicht, d.h. erst ab dann sind z.b. abstrakte überlegungen überhaupt möglich.
man kann es schlicht und ergreifend vergessen, kleineren kindern irgendwelches unternehmerische brimborium eintrichtern zu wollen - DIE KÖNNEN DAS NICHT VERARBEITEN. PUNKT.

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