Was bin ich?

Donnerstag, 7. August 2008

Die Frage wer man ist, kann man nie zufriedenstellend beantworten. Als was wir uns aber sehen, als was wir uns bezeichnen würden, wenn man uns danach fragte, wer oder was wir seien, erscheint schon leichter. Allerlei Bezeichnungen finden sich, um das Individuum - unbeschreiblich in seiner Art - zu konkretisieren, um es einzuordnen, auf das sich der Fragende ein Bild, sei es auch noch so unscharf, machen kann.
Was also bin ich? - Angeregt durch eine kürzlich, leider viel zu knappe Auseinandersetzung diesbezüglich, finde ich hier Raum, darüber ein wenig zu reflektieren. Antworten werde ich, obwohl das Was leichter zu nennen ist als das Wer, kaum geben können. Und vielleicht ist es - dabei denke ich nicht an Heidegger - wichtiger mit Fragen gesegnet zu sein, als immer und gleich Antwort parat zu haben.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren hätte man mich sicherlich einen Kommunisten, einen vaterlandverräterischen Spitzel aus der Ostzone, einen Sozialisten und Roten Roberto geschimpft. Und wirklich finden sich im Sozialismus Werte, die ich mit meinen Sichtweisen abgleichen kann. Aber fühle ich mich als Sozialist? Ist das mein Was? - Zu sehr hat der gute Name unter einer schlechten Leitung gelitten. Oder anders: Das was einst sozialistisch war, was den Sozialismus ausmachte, kann nicht das sein, mit dem ich mich verwandt fühle. Jene Zeitgenossen unserer Tage, die die Gleichschaltung nach sozialistischem Muster als Ziel, ja als dringende Notwendigkeit erfaßt haben, die die Kaderschmieden und Pionierschulen, die Glorifizierung der Arbeit und die tägliche Freude am Tun als maßgebend für eine glückliche Gesellschaft bewerten, stehen mir so fern wie der SPD ein Wahlsieg 2009 - das Kollektiv ist nichts, Individualismus alles!
Individualist also? - Das bin ich sicherlich. Doch alleine damit kann man das Was nicht bestimmt haben. Hitler war sicher auch individuell, Jesus gleichermaßen und Clement ist es auf eine sonderbare Art auch. Aber mit allen dreien habe ich nichts gemein - außer vielleicht die tägliche Darmentleerung, die allen die ans Dasein gekettet sind, mehr oder minder befällt. Bin ich also einfach nur liberal, weil ich die grenzenlose Freiheit - der Nächste ist die Grenze - des Individuums proklamiere und diesen Wert jedem Individuum zukommen lassen will? - Aber in Manchester war man im 19. Jahrhundert auch sehr liberal und Neoliberale mit ihrer ach so liberalen Gesittung gibt es zuhauf. Nicht mit den Alten und schon gar nicht mit den Neuen will ich auf Du und Du stehen. Daher ist mir das Liberalsein zu wenig, konkretisiert nicht das was ich bin. Und libertär? - Ach, du meine Güte...

Dieser Gesellschaft stehe ich kritisch und negierend gegenüber. Ich betreibe Opposition - im Kleinen, begrenzt, schreibend und versucht auslebend - aber deswegen dennoch Opposition! Aber oppositionell ist auch die FDP. Dann eben außerparlamentarisch oppositionell? - Ist die NPD in den meisten Landtagen und auf Bundesebene nicht auch auf ihre Art und Weise Opposition? Jedenfalls wirbt sie oft mit diesem Slogan. All das ist wenig aussagekräftig und als Mitglied einer modernen APO, die zwar geistige Vorlagen zu formulieren weiß, aber nebenbei so geheim ist, dass niemand was von ihrer Existenz zu wissen scheint, kann ich mich auch nicht fühlen. Natürlich: Ich bin Linker! Nicht LINKER - also Mitglied der politischen Partei, die diesen Namen trägt! Aber Ségolène Royal ist auch Linke, war sogar vor einiger Zeit Hoffnungsträgerin der europäischen Linken, bevor sie gegen petit Napoléon den Traum von der Macht verlor. Aber Royal forderte in ihren 100 Punkten, die sie im Wahlkampf an das Wahlvolk übermittelte, Erziehungslager für junge Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt stehen. Will ich Linker sein, wenn die Hoffnung der europäischen Linken ein Klein-Dachau in ihrem Programm vorzuweisen hat? Und dann freilich noch die LINKE, die sich selbst links sieht, auch von den rechten Parteien links angesiedelt wird, weil sie nicht für absolute Profitmaximierung steht, sondern nur für eine dezente, rücksichtsvolle, umverteilende. Das Wesen des Kapitalismus findet sich aber auch in jedem Punkt des Parteiprogrammes. Sie ist nicht gegen das System, fordert folglich nichts Neues, sondern ist im System fest verankert und lediglich getragen von der Aufbruchsstimmung - bis auch die LINKE, mit ihrem mittig-sozialdemokratischen Wirken, ins staatstragende Schiff gehievt wird.

Gerade für das Linke hat Milan Kundera in seiner "Unerträglichen Leichtigkeit des Seins" eine treffende Erklärung geliefert. Die Linken aller Zeiten, so stellt er fest, hatten die Vorstellung des Großen Marsches, des "großartigen Weges vorwärts, der Weg zur Brüderlichkeit, zur Gleichheit, zur Gerechtigkeit, zum Glück und noch weiter über alle Hindernisse hinweg, denn Hindernisse muß es geben, damit der Marsch ein Großer Marsch ist". Der Fortlauf der Historie, wie er sich uns bei Hegel, dann auch bei Marx zeigt - die Geschichte als stetes Aufbauen, Fortschreiten, als Besserwerden des Menschen, womit die lernende Menschheit immerzu gerechter, weiser, glücklicher würde. Mal von der "List der Vernunft" absehend: Eine stets aufwärts laufende Gerade, ein konkretes Klügerwerden, ein immerzu währender Aufstieg in höhere Gefilde menschlicher Seinsweise. Und damit die Gesellschaft als Abbild dieses Besserwerdens - freilich nicht ohne Klassenkampf, ohne den obligatorischen Widerstreit der Positionen.
Kundera geht aber noch weiter. Wenn es das ist, was den Linken ausmacht, dann spielt es keine Rolle mehr, ob man mittels "Diktatur des Proletariats oder Demokratie" vorankommt in der Historie. Ebensowenig ist es einerlei ob man die Konsumgesellschaft verdammt oder gegenteilig die Produktion erhöht, mit der Guillotine für (Un-)Gerechtigkeit sorgt oder die Abschaffung der Todesstrafe bewirkt. Es ist einerlei, weil das Aufwärtsschreiten einzig zählt, die Vorgehensweisen nur Mittel zum Zweck sind. "Das, was einen Linken zu einem Linken macht, ist nicht diese oder jene Theorie, sondern seine Fähigkeit, jede Theorie zum Bestandteil des Kitsches zu machen, den man den Großen Marsch vorwärts nennt."
Ist das mein Was? - Dieses stetige Aufwärts ist mir zuwider, weil es die Hoffnung eines Jenseits nährt, eines Idylls, wie es selbst im Paradiese nicht machbar sein kann. Diese uralten Anschauungsweisen vom guten Menschen, die als uralte Märchen aus der Linken daherkommen! Natürlich ist er auch nicht schlecht - so wie es rechte Kräfte gerne bekanntgeben -, sondern schlicht und ergreifend - wie die gesamte Natur - wertelos. Der Mensch ist wie er ist, edel und gut, niederträchtig und verräterisch. Jede Weltsicht, die den Menschen einteilt in bestimmte Wertvorstellungen, geht am Wesen des Menschen vorbei. Weil dem so ist, kann es kein Reich des absoluten Friedens geben, keine Welt, in der wir uns alle liebend und knutschend begegnen. Erlösungsvorstellungen in diesem Sinne sind die Sache der Religion und als "Gläubiger einer sich liebenden Menschheit", kann ich nicht durchgehen. Vielmehr, zurück zur Geschichte als Abbild "der Menschen wie sie sind und nicht wie sie sein sollten oder könnten", ist die Historie ein stetiges Ringen um Gerechtigkeit - mal verstärkt, mal versteckt, mal vom Kampf ausruhend und die Ungerechtigkeit einen schlechten Mann sein lassend. Eine Garantie, mit einem Gerechtigkeitskampf auf ewig der Menschheit einen Dienst erwiesen zu haben, kann es nicht geben und wird immer wieder, ohne dass ich es als Vernunftslist betrachten möchte, in Bestätigungskämpfe ausarten müssen. Die Geschichte ist, sollte man sie als Linie darstellen wollen, keine Linie, die aufwärts zeigt und höchstens durch einige Täler unterbrochen wird, sondern eine reinste Alpenlandschaft, eine magenumdrehende Berg- und Talfahrt, mit hohen und niedrigen Bergen, tiefen Schluchten, hochgelegenen Tälern und manchmal auch mit ebenen, weit zu überblickenden Hochplateaus oder tiefgelegenen, präriegleichen Weiten unter dem Meeresspiegel liegend.

Was bin ich also? - Freidenker könnte man noch in den Reigen möglicher Titulierungen aufnehmen. Aber als der Ex-Kommunarde Langhans rauschhaft darüber schrieb, dass Hitler im Grunde seines Schaffens die Erlösergestalt der Deutschen gewesen sei, da war er auch freidenkerisch tätig. Der größte Schmierfink, der blödsinnigste Idiot kann Freidenker sein, wenn er nur so denkt, wie sonst kaum einer. Zwar trifft es zu, dass ich anders denke als mein Umfeld, dass ich manchmal aufgrunddessen belächelt, aber auch bewundert werde; dass ich jedenfalls nicht mit diesem Einheitsbrei aus den Medien aufwarte, wenn sich in meinem Umfeld eine Diskussion ergibt und dass ich dann ebenso oft, aufgrund der Ausbreitung meiner Gedanken, gar nicht zuende gehört werde - aber Freidenker alleine ist mir zu wenig und bereitet mir Angst, mit Gestalten wie Langhans in einen Topf geworfen zu werden.

Was aber bin ich? Ja, werden wir allgemeiner: Was sind wir eigentlich? Wir, die wir einen Blog führen; die wir der Gesellschaft, wie sie sich uns zeigt, oppositionell entgegenstehen? Die wir den Kapitalismus ächten und die Profit-Mentalität als blanken Unsinn abtun? - Antworten, wie oben angerissen, kann ich keine liefern. Aber ich kann Fragen stellen - manchmal ganz und gar unmögliche, unbeantwortbare, kindische und seltsame Fragen. Bin ich also ein Fragensteller? Schlußendlich, um für heute eine letzte Frage gestellt zu haben: Wenn es einem nicht möglich ist, sich selbst zu kategorisieren, müßte man dann nicht darüber glücklich sein, weil man damit der Gefahr, in dogmatischen Irrsinn abzugleiten, ein wenig aus dem Weg gegangen ist?

7 Kommentare:

Boche 8. August 2008 um 09:23  

Du bist Antikapitalist. Ist doch auch was.
Leider dann eben doch verbunden mit der Gefahr, der du im letzten Absatz meinst, ein wenig aus dem Weg gegangen zu sein.

Inge 8. August 2008 um 09:34  

jaaa, wer sind wir? Ich also, wer bin ich? hmmm, also das Herz schlägt auf der linken Seite des Körpers, das ist naturgegeben.
Ich will dies auch gar nicht ändern, allerdings komme ich mit den üblichen vorgegebenen Gruppierungen, Parteien, und Vereinigung auch selten so ganz und umfassend klar. Immer wieder sind da Inhalte dazwischen, mit denen ich partout nicht konform gehen kann.
Also, mein eigener Verein bleiben. Dein Skript ist super, es spiegelt das wieder, was ich auch empfinde. Zu Jesus wäre zu sagen, dass es niemals auch nur ansatzweise versucht wurde, so zu leben, wie er es vorgeben hatte. Sein Programm, wenn man es denn so nennen will, ist in Tatsache eigentlich das Unbeliebteste aller Zeiten, auch wenn die Kirchen etwas anderes vorgaukeln wollen.

flatter 9. August 2008 um 00:48  

Du Glücklicher, Deine Frage ist beantwortet - boche weiß bescheid. Ich kann Dir beim abknibbeln des Labels gern behilflich sein.
Der olle Adorno hat sich ja auch geflüchtet in "Negativität", obwohl jeder doch weiß, was er war: Antikapitalist. Oder doch Marxist? Zwölftöner? Am Ende wieder Jude?
Die Sehnsucht nach Identität oder Identifikation auszuhalten, ist ein verdammt harter Job. Die Kunst, Fragen zu stellen, sich nicht einzureihen und nachhaltig etwas Besseres zu wollen als das, was uns als die beste aller Welten verkauft wird, ist es wert, zu (ver-)zweifeln. Aus ihr nährt sich schließlich die immer nur vage Gewissheit, etwas Richtiges zu versuchen. Ich möchte dieses Zweifeln gegen keine "Gewissheit" eintauschen, dieses oder jenes zu "sein", dazuzugehören oder jederzeit bescheid zu wissen. Von der Fraktion gibt es reichlich, und sie marschieren so schrecklich gern.

Roberto J. De Lapuente 9. August 2008 um 10:14  

Oh, war das ein erhebendes Gefühl, als mir bewußt wurde - durch Boches Hilfe - dass ich Antikapitalist bin! Wundervoll! Ganze drei Minuten wußte ich mich eingereiht. Und dann kam der Zweifel. Klammere ich alles aus, was im Kapitalismus seinen Raum hat? Bin ich vielleicht gegen Privatbesitz und gegen die Initiative des Individuums, sofern es das will und sofern es nicht staatlich vorgegeben und erzwungen ist?

Da war sie wieder die Furcht, mich eben doch nicht eingereiht zu wissen. Furcht? - Nein, eigentlich nicht. Die Feststellung. Und mit Flatter gehe ich da wirklich konform: Der Zweifel ist es wert! Er nährt das Denken und ermöglicht es, neue Wege zu durchdenken und alte Wege zu hinterfragen. Wo aber Dogmas eingemeiselt sind, auch wenn man so ideologielos ideologisch ist, wie es unsere neoliberalen Kreise von sich behaupten, da kann man nicht zweifeln, weil das Dogma jeden Zweifel hinfortwischt.

Anmerkung: Ich habe kürzlich einen Kommentar von Markus hier gefunden, den ich auch prompt freigeschaltet habe. Leider ging der Kommentar verloren. Am gleichen Tag, zur gleichen Stunde schrieb auch ich eine Antwort in einem Beitrag - auch dieser ging verloren. Lieber Markus, bitte sei nicht böse und insofern Du noch weißt, was Du geschrieben hast, scheue Dich nicht, ihn nochmals zu versenden.

Peinhard 9. August 2008 um 19:50  

"Bin ich vielleicht gegen Privatbesitz und gegen die Initiative des Individuums, sofern es das will und sofern es nicht staatlich vorgegeben und erzwungen ist?"

Hm, sind 'individuelles Eigentum' (Marx) und individuelle Initiative auf den Kapitalismus beschränkt? Natürlich hat es im Kapialismus 'seinen Raum' - aber könnten ausserhalb nicht sogar größere Räume sein, für beides?

Im übrigen weiss ich meist auch nur, was ich nicht bin. ;)

Roger Beathacker 11. August 2008 um 02:05  

Hm - was macht einen Linken zum Linken, wenn nicht der alte Marx'sche Imperativ aus der "Kritik der Hegelschen REchtsphilosophie"?

->:"Die Kritik an der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes ein verächtliches Wesen ist,"

Und wer dem folgt, kann eigentlich nur eines sein: ein Humanist.

;-)

Boche 11. August 2008 um 10:04  

Schön, wenn ich dazu beitragen konnte, dass das "Ächten des Kapitalismus" von der Liste des "Was bleibt" getilgt werden konnte.

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