Verführt!

Sonntag, 17. August 2008

Da "ausufernde Bürokratie, verbreitete Bildungsdefizite, der beschlossene Mindestlohn, hohe Lohnzusatzkosten und überzogene Kündigungsschutz-Vorschriften" gerade junge und ältere Menschen daran hindern, in den Arbeitsmarkt einzusteigen, haben sich die Köpfe der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) eine Kampagne einfallen lassen. "Einstieg in Arbeit" heißt das gute Stück, welches sich zum Ziel setzt, diese sogenannten Hindernisse zu beseitigen. Die Kampagne, so heißt es dort, zeige "Alternativen auf und wirbt für Reformen" - letzteres glaubt man vom Fleck weg -, die Millionen von Arbeitsuchenden neue Chancen ermöglichen sollen. Natürlich kann man auch in einer Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung - dem umgangssprachlichen Ein-Euro-Job - eine dieser neuen Chancen erblicken - so gesehen meint es die INSM vielleicht sogar ernst damit. Was sich aber vornehmlich dahinter verbirgt, dass man nämlich auf dem Rücken dieser "Millionen von Arbeitssuchenden" seinen niederträchtigen Reformwahn ausbreiten will, ist schon alleine an der Auflistung der vermeintlichen Hindernisse erkennbar, die ja kurz und knapp zusammengefaßt, das ganze Herzstück des INSM-Anliegens wiedergibt.

Natürlich weiß sich die INSM auf mit einer Runde bunt durcheinandergewürfelter "Experten" zu helfen. Da finden sich neben den üblichen Verdächtigen wie Michael Hüther, Roland Berger und Hans Tietmeyer Personen, die man so gar nicht zur INSM gerechnet hätte - prominente Gesichter wie Jörg Kachelmann, Christoph Metzelder, Fernsehkoch Ralf Zacherl (der nebenbei im Namen seiner Kollegen, den fernsehbekannten "Kochprofis" spricht), Dieter Thomas Heck, Schauspieler Ralf Möller und die Olympiasiegerin von 1972 und 1984 Ulrike Nasse-Meyfarth. Und die INSM wäre nicht die INSM, wenn nicht jeder dieser Prominenten einen kleinen Kommentar zur Sache abgeben dürfte. Da fragt sich der Wetterfrosch aus der Schweiz, warum der "deutsche Gesetzgeber den Arbeitsmarkt kaputt reguliert", denn man wisse doch, "je weniger seltsame Vorschriften es gibt, desto weniger Arbeitslose gibt es auch". Der Fußballer Christoph Metzelder plädiert indes für eine Generalmobilmachung aller Kräfte, um den Arbeitsmarkt für jeden zugänglich zu machen; will neben Politik und Wirtschaft auch die Kirche mit ins Boot holen und fabuliert irgendetwas von "privaten Initiativen", die diesen drei Kräften unter die Arme zu greifen hätten - Initiativen wie die INSM natürlich! Während Koch Zacherl etwas von "Kreativität und Leistungsbereitschaft" zusammenstopselt, plaudert Heck von seiner einstigen Hartnäckigkeit, sich "unbedingt vor Kamera und Mikrofon beweisen" zu dürfen. Ralf Möller gibt etwas zur "Eigeninitiative" zum Besten, derweil Nasse-Meyfarth das ewige Musterland Schweden in die Diskussion holt, von dem man lernen müsse, "damit neue Beschäftigung möglich wird". Kurzum: Ein geistiger Leckerbissen ist darunter nicht zu finden - naja, haben wir von diesen Herrschaften freilich auch nicht erwartet.

Stattdessen Allgemeinplätze, wie man sie von der INSM gewohnt ist. Aussagen, die zudem nicht einmal begründet werden - auch das ist nichts Neues. Wenn ein Kachelmann feststellt, "je weniger seltsame Vorschriften es gibt, desto weniger Arbeitslose gibt es auch", dann erwartet man eigentlich - d.h. wenn die Kampagne nicht von der INSM oder einer ähnlichen reaktionären Vereinigung stammt -, dass nun ein Argument folgt, eine Begründung. Aber Kachelmann stellt eine Behauptung auf, die nicht begründet werden muß, weil doch sowieso jeder weiß, dass es so ist wie es ist. Unumwerfliche Prämissen eben - die üblichen BILD-Methoden bei der INSM. Aber komisch ist es schon: Da spricht der eine Prominente von "Deregulierung", ein anderer von "Privatisierungen" oder "Leistungsbereitschaft" (sprich: Mobilität, Flexibilität etc.), gleichzeitig werden Begriffe wie "Penetranz", "Reformoptimismus" und "Eigeninitiative" bemüht - ja, sogar "Schweden" als "Insel der Seligen" kommt zur Aussprache. Schlagworte also, mit denen die INSM seit Jahren wirbt. Die Frage ist nun: Haben die Prominenten etwas in dieser Art gesagt oder wurde es ihnen nur in den Mund gelegt? Bieten sie nur ihr Gesicht und ihren mehr oder weniger guten Namen an, stauben dafür eine Prämie ab und lassen sich dann derart synchronisieren, wie es die INSM gerne hätte? Werden diese bemitleidenswerten Prominenten etwa nur ausgebeutet, indem sie zu inhaltslosen Hüllen degradiert wurden, die dann von der INSM wieder gefüllt wurden?

Diese prominenten Zeitgenossen wurden, so scheint es, getäuscht. Die INSM hat ihnen doch tatsächlich glaubhaft machen können, dass sie es gut mit den Menschen meint, dass sie nur zu deren Vorteil Nachteile herbeireformieren will. Und unbedarft wie die Herrschaften waren - von Beschränktheit will man nicht reden, man hat ja Kinderstube -, haben sie den Machern der Initiative geglaubt, haben ihr Gesicht zur Verfügung gestellt, haben sich einen dieser vulgären Sprüche in den Mund legen lassen und mit guten Gewissen eine Prämie - so darf man wohl annehmen - mit nach Hause genommen. Freilich wurden sie bezahlt, aber arglistig getäuscht wurden sie dennoch, belogen, betrogen, kurz: ausgebeutet! Man darf wohl davon überzeugt sein, dass die hier ausgebeuteten Prominenten schlaflose Nächte ertragen müssen ob ihres Unglücks. Böse Zungen behaupten sicherlich, dass man des Geldes wegen sich alle möglichen Floskeln in den Mund hätte legen lassen, aber dies darf man für eine üble Nachrede ansehen, denn alle diese Herrschaften sind doch sogenannte "Leistungsträger unserer Gesellschaft". Die lassen sich doch nicht willentlich ausbeuten, nur weil es das Konto füllt. Nein, diese Herrschaften wurden bezahlt, abgelichtet, mit fremden Worten ausgestattet und nach Benutzung weggeschmissen. Mittäter? Von wegen: Opfer! An ihrer Prominenz Mißbrauchte!
Wir sollten milde mit diesen Herrschaften umgehen, denn sie sind Verführte, wie Hunderttausende, Millionen anderer Menschen dieses Landes, die den grassierenden Irrsinn der INSM für ernsthaftes Bestreben, basierend auf wissenschaftlicher Analyse, halten.

Apropos Verführte: Und wir halten es heute für unerklärbar, wie sich einst - von 1933 bis 1945 - eine ganze Schauspieler-, Sänger-, Künstlergeneration hat vereinnahmen lassen von einer herrschenden Ideologie. Wer sagt denn, dass nicht eines Tages unsere Enkel dasitzen und staunend den Kopf schütteln, weil sich eine breite Front prominenter Zeitgenossen - Sportler, Künstler, Schauspieler, Sänger, Fernsehstars und -sternchen ect. - hat hergegeben für die heutige herrschende Ideologie. "Du bist Deutschland" hat es bewiesen, die sogenannten Kampagnen der INSM beweisen es gleichermaßen immer wieder. Deutschlands Prominenz ist verführbar wie eh und je...

12 Kommentare:

Roger Beathacker 17. August 2008 um 20:52  

Was erwartest Du von diesem "Prominenten". Sie sind in diesem und durch dieses System dahin gekommen wo sie heute stehen. Es hat es "gut mit ihenen gemeint". Warum also sollten sie es nicht gutheissen?

"Solange wir uns nur einigermaßen komfortabel in ihnen einzurichten wissen, zeigen wir gemeinhin wenig Neigung die vorgefundenen Verhältnisse zu ändern - selbst dann nicht, wenn die Vernunft für eine Änderung spräche. Oft bejahen wir sie sogar, ohne dass wir unmittelbar an ihnen partizipieren würden. Dazu sind wir vor allem dann geneigt, wenn wir uns einbilden dürfen, dass jeder Einzelne jede beliebige Stelle in den bestehenden Strukturen einnehmen könnte, so er nur "fleißig, kreativ und zur richtigen Zeit am richtigen Ort" ist. Unsere Bejahung des Bestehenden ist aber nie mehr, als ein nachträgliches Abnicken, das zum Einen aus der Sorge, Veränderungen könnten zu (weiteren) Verschlechterungen führen, zum Anderen durch die permanent geschürte Hoffnung auf eine mögliche Verbesserung der eigenen Position, bzw. der möglichen Steigerung des eigenen Wohlbefindens innerhalb der bestehenden Verhältnisse, bewirkt wird.

Solche Hoffnungen werden aufrechterhalten durch Ausnahmekarrieren, die das System schon deswegen bereitstellen muss, weil es ein "Ventil" braucht. Andere Ventile sind total groteske Bezüge von Spitzensportlern, Lotterien mit enormen Gewinnbeträgen bei minimalen Gewinnchancen, Millionär werden (können) bei Günter Jauch, Castingshows oder ein Jahr im Container bei RTL II als Silberstreif am Horizont der ganz und gar zu kurz gekommenen. Das alles sind Ausnahmen von der Regel, die letztlich bloß die Regel bestätigen, die aber immer wieder massiv als scheinbar für jeden greifbare Realität ins Bewusstsein der Massen gerückt werden. Kein Tag ohne einen Gewinner."

Quelle

Roger Beathacker 17. August 2008 um 21:39  

btw - ich hatte ja bereits vor einiger Zeit auf diese merkwuerdige Aktion hingewiesen und stelle fest, dass sich das seinerzeit von mir angesprochene Einsteiger/Experten-Verhaeltnis weiter zu Gunsten der "Experten" verschoben hat.

Roger Beathacker 18. August 2008 um 11:49  

Mit wieviel Sorgfalt diese Aktion "Einstieg in Arbeit" durchgefuehrt wird, dafuer moegen folgende dort zu findende Statements ein Beispiel geben:

Zur "Huerde" Burokratie heisst es von Seiten der Kampagnenbetreiber:
"Die Bürokratie kostet deutsche Unternehmen pro Jahr rund 46 Milliarden Euro. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Mittelstandsforschung."

Eine "Huerde", die dank der "Expertin" Silvana Koch-Mehrin sogleich um ein gutes Drittel tiefer gelegt wird:

"30 Milliarden Euro kostet staatliche Bürokratie nach aktuellen Untersuchungen die Wirtschaft im Jahr. Jeder Euro weniger gibt den Unternehmen mehr Spielraum, neue Jobs zu schaffen!"
Hervorhebungen von mir.

Markus 18. August 2008 um 13:00  

Die Prominenten aus dem Unterhaltungsbereich, Sport und Kultur sind genauso verdummt und verführt worden, wie alle anderen Menschen im Lande auch, und meistens noch unpolitisch dazu. Aber ihre Kritikfähigkeit ist ob ihrer gesellschaftlichen Stellung noch leichter zu unterminieren als dies bei Otto-Normalverbraucher der Fall ist, der mehr Kontakt mit der "wirklichen Wirklichkeit" hat.

otti 18. August 2008 um 15:43  

Sozial ist an der 'Neuen Sozialen Marktwirtschaft' gar nichts.

Nichts als schamlose Propagand ist das.
Neoliberal eben.

Anonym 18. August 2008 um 16:09  

Guten Tag,
warum machen sich Leute so wichtig über Arbeit
und Verdienst zu sprechen,wovon sie nicht die
geringste Erfahrungen haben?

Danke!

Roberto J. De Lapuente 18. August 2008 um 17:24  

Vielleicht, lieber anonymer Gast, meinen diese Leute, dass sie viel Arbeit geleistet haben, wenn sie für die INSM werben und rechnen sich das auch noch als Verdienst an. Aus deren Sichtweise betrachtet, machen sie vielleicht genau das Richtige...

Roger Beathacker 18. August 2008 um 18:57  

"Aus deren Sichtweise betrachtet, machen sie vielleicht genau das Richtige..."

Na klar. Was sonst?

Klaus Baum 18. August 2008 um 22:41  

Das Neue - es könnte einer jener Begriffe aus dem Orwellschen Universum des Totalitären sein. Bei Orwell sagt der Staat: Haß ist Liebe, Krieg ist Frieden .....

Das Neue: die neue soziale Marktwirtschaft, New Labour - der dritte Begriff ist mir momentan entfallen. Das Neue bezeichnet einen Rückfall ins Alte, in die alte Barbarei.

Roberto J. De Lapuente 19. August 2008 um 08:55  

Im jenem Moment, in dem das Alte abgelöst war und wiederbelebt wird, wird es zum Neuen. Es ist das neue Alte, was bemüht wird. Und da für viele Zeitgenossen das Alte nie existent war, weil sie in "Zeiten des Alten" noch gar nicht lebten, so ist das Alte für die meisten neuer denn je. Die ewige Wiederkehr des Gleichen?

Klaus Baum 19. August 2008 um 13:26  

Der dritte Begriff, der mir gestern nicht einfiel: Neo-Liberalismus. Der neue Liberalismus. Die Wiederkehr der alten Barbarei schlechthin.

Anonym 19. August 2008 um 15:57  

Sportler und andere Prominente sind nicht zuletzt deshalb berühmt, weil sie eine herausragende Begabung haben, die sie in ihrem Metier ,aber meistens auch nur dort, von den meisten abhebt. Das war es dann auch schon. wer sich ein Bild davon machen möchte braucht sich nur Interviews mit Sportlern anzuschauen. Tiefschürfendes hört man da eher selten, womit soviel sei gesagt, sicher der größte Teil der Sportjournaille allerdings auch wohl überfordert wäre. Leute wie Kachelmann würde ich nach dem Wetter fragen, Zacherl vielleicht nach einem Kochrezept. Das war es aber auch schon. Vermutlich stimmt es, dass vielen nicht klar war wofür sie sich prostituieren und wofür die INSM steht. Leider glauben immer noch viele Leute, Faschismus hätte mit Fackelzügen und prügelden SA-Leuten zu tun und sie würden natürlich sofort Widerstand leisten, wenn so etwas noch mal vorkommt -schließlich haben wir, Guido Knopp sei Dank, aus unserer Vergangenheit gelernt.
Leider wird der neue Faschismus gut aussehen, auf Hochglanz gedruckt sein und mit"sympathischen" Gesichtern daher kommen.

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