Unter den Brücken wird es enger

Sonntag, 10. August 2008

Kürzlich berichtete die BILD-Zeitung, dass Arbeitnehmer in Zukunft höhere Sozialbeiträge zu (er-)tragen haben. Weil die sogenannten Beitragsbemessungsgrenzen steigen sollen, vergrößere sich bei vielen Arbeitnehmern der Lohnanteil, der als Grundlage zur Berechnung der Beiträge herangezogen wird. Als "Anwalt des kleinen Mannes" schwingt in jedem Wort Entrüstung mit - dies muß man freilich nicht erwähnen, denn die manipulierenden Mechanismen Springers sind Begriff. Und schon an der Überschrift des Artikels wird einsichtig, dass schwere Zeiten auf einen zukommen werden - immerhin sind bis zu 220 Euro mehr im Jahr an den Staat zu entrichten.

220 Euro im Jahr, keine 20 Euro im Monat - für jemanden, den man getrost, ohne schlechtes Gewissen als ganz armes Schwein bezeichnen kann - die moderne Soziologe, in ihrer Rolle als Vertuschungslehre gesellschaftlicher Entwicklung, spricht hierbei lieber beschwichtigend von "Prekariat" oder "working poor" -, sind 20 zu zahlenden Euro ein schweres Los. Wenn man bedenkt, dass so ein armer Kerl vielleicht täglich zur Arbeit fährt, nur um am Existenzminimum - welches hierzulande einem Alleinstehenden unter Umständen schon bei einem monatlichen Nettolohn von knapp unter 700 Euro vorgerechnet wird - (über-)leben zu können, dann kann man sich gut vorstellen, dass ihm diese 20 Euro sehr wehtun, ihm eine weitere Bürde mehr auflasten, ihm nochmal etwas von seiner Würde rauben - eine Würde, die er womöglich sowieso schon nicht mehr besitzt, weil sie ihm zu teuer wurde.

Eine Frechheit, was sich der Leviathan da erlaubt! Dieses gierige Ungeheuer aus den Tiefen menschlicher Niedertracht! Der Staat erstickt uns ja geradezu!

Der BILD-Artikel schließt unspektakulär, erzählt uns quasi nebenbei, dass Beschäftigte, die über 3.600 Euro monatlichen Bruttolohn beziehen, im Monat knapp 7 Euro an Mehrkosten zu entrichten haben, weil Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträge ansteigen, während Beschäftigte mit einem monatlichen Bruttoeinkommen ab 5.300 Euro (im Osten des Landes: 4.500 Euro) - sic! - weitere 11,60 Euro an monatlicher Belastung auszuhalten haben - aufgrund steigender Renten- und Arbeitslosenbeiträge.
Prekariat? Working poor? Arme Schweine? - Von wegen! Die wirklich verarmenden Zeitgenossen beziehen phantastische Gehälter. Sie müssen tatsächlich bis zu 20 Euro mehr im Monat aufwenden, müssen doch unverschämterweise von ihrem bißchen Geld abgeben, um einem Solidarprinzip gerecht zu werden, welches sie ja nie haben wollten! Das wohlige Plätzchen unter der Brücke ist schon fast reserviert, der frische Duft von Abfällen und schweißtriefender Kleidung weht schon dezent in die 120-qm-Wohnung. Die Reichen werden immer ärmer - das ist die bittere BILD-Wahrheit! Die ganz armen Schweine sind jene, die ihr Bankkonto monatlich mit 5.300 Euro füttern.

Wir sind es von Diekmanns großformatigen Schundblatt ja gewohnt, dass es, gleich der US-amerikanischen Paranoia vor Steuererhöhungen, alles aufgreift, was den Hass gegen den Steuereintreiber anheizen könnte. Da müssen dann eben kleine Belanglosigkeiten herhalten, um zu suggerieren, dass es dem armen Kerl mit bis zu 220 Euro im Jahr an den Kragen geht. Wer aber 5.300 Euro Monatsgehalt bezieht - das sind ohne 13. Monatsgehalt beinahe 64.000 Euro im Jahr! - dem werden diese 220 Euro wenig Bauchschmerzen bereiten. Aber darum geht es natürlich auch nicht; es geht darum, Sozialabgaben zu verunmöglichen, sie zur Beute eines gierigen Staatsapparates zu verklären, um ihnen nach und nach ganz zu entkommen, um den Traum der neoliberalen Apologeten wahr zu machen, in welchem nur jene überleben, die für sich selbst sorgen können - wer es nicht kann, der soll auch nicht alimentiert werden. Bezeichnender- und passenderweise findet sich neben dem besagten BILD-Artikel ein Bildchen von Hans-Werner Sinn, auf dem er vor Lohnangleichung warnt.

Nebenbei, um die Hysterie im Hause Springer zu entlarven: Die Staatsquote fiel im Jahr 2007 um 1,6 Prozentpunkte. Sie liegt nun bei 43,8 Prozent - 1999 lag sie noch bei 48,1 Prozent. Mit Leviathan ist es also folglich nicht weit her.

3 Kommentare:

Roger Beathacker 10. August 2008 um 19:17  

Wen wunderts?
Man muss halt, schon um von den handgreiflichen Zwaengen des Wirtschaftssystems abzulenken, den Staat zur "Zwangsanstalt" par excellence stilisieren. Den Schlusspunkt zum Ganzen setzt man, indem man die wirtschaftlichen Zwaenge zu quasi-naturwuechsigen (ergo: ganz und gar unvermeidlichen) verklaert. Gegen den Staat als offensichtlich gesellschaftliche Veranstaltung kann man angehen. Aber was will man gegen (scheinbar) "natuerliche" Grundbedingungen ausrichten?

...

Siehste?

:-p

Markus 10. August 2008 um 22:27  

Die wirklichen "armen Schweine" sind die zahlreichen Leser der BILD-Zeitung.

Franktireur 11. August 2008 um 11:22  

Markus bringts auf den Punkt. Aber von der BILD ist man das ja schon gewöhnt. Un-Sinn nimmt eh keiner mehr ernst...

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