Die ach so freie Marktwirtschaft

Mittwoch, 20. August 2008

Das neoliberale Dogma des freien Marktes, in dem keine staatliche Autorität mitzumischen habe, ist seit Jahren zum Allgemeingut geworden und wird sogar von Menschen verfochten, die von einem solchen "Markt ohne Staat" benachteiligt würden. Da ist es natürlich zweckdienlich, dass die Reformer diese Nachteile verschweigen, oder schlimmer noch: als Vorteile verkaufen - man denke nur daran, wie sie das Auflösen des Kündigungsschutzes als "neue Chance" proklamieren. Dass dieses Dogma keine Heilslehre eines kleinen Kreises von Sektierern mehr ist, sondern Einzug in die Köpfe der Politik gefunden hat, dort mit einer beängstigenden Kaltschnäuzigkeit durchgeboxt wird, ließ sich erst kürzlich am Vertrag von Lissabon besonders gut ablesen, der ja den "freien und unverfälschten Wettbewerb" gesichert wissen wollte. Dies ging so weit, dass jedem Mitgliedsstaat dieser neuen EU verboten worden wäre, mit einem Drittland - also mit einem Land, welches kein Industrieland außerhalb oder innerhalb des Vertrages ist - im Handel zu stehen, wenn dieses sich nicht zur Freien Marktwirtschaft bekennt. Würde sich also ein Land der Dritten Welt dahingehend schützen, Schutzzölle zu erheben, um die eigene, spärliche, vielleicht im aufkeimen befindliche Wirtschaft zu sichern, würde es mit einem faktischen Embargo zu rechnen haben - der proklamierte Wert "Freiheit" scheint folglich eher ein Phantom zu sein.

Überhaupt: Jene Länder, die den freien Markt zur Heilslehre erhoben haben und nun munter darauf hinarbeiten, ihn endlich umgesetzt zu wissen - d.h. Beseitigung des letzten verbliebenen staatlichen Einflußes im Inland, die Aufzwingung des schrankenlosen und entfesselten Wettbewerbes im Ausland -, haben ihre starken Volkswirtschaften nicht der Zügellosigkeit und der Marktanarchie zu verdanken, sondern eben den staatlichen Interventionen, die dann und wann nötig waren, um ein Ungleichgewicht zu reglementieren und die Wirtschaft auf den Kurs "Wohlstand für alle" zu manövrieren. Was, wenn nicht die Absicht es jedem Menschen innerhalb des Staates so gut als möglich ergehen zu lassen, wäre denn auch sonst die Aufgabe des Staates? Welche Legitimation kann ein Staatswesen haben, zumal wir ein Staatswesen nicht des Mittelalters meinen, sondern einer Epoche, die sich an materiellen Reichtümern laben kann, wie nie zuvor in der Geschichte? Welche Legitimation kann also ein Staatswesen haben, welches eben nicht auf das Wohl aller hinarbeitet?

Die Wurzeln der Leistungsfähigkeit jener Volkswirtschaften der heutigen Industrieländer, ist im Kolonialismus zu suchen und zu finden. So hat beispielsweise Großbritannien indische Textilwaren mit Schutzzöllen verteuert, um die eigenen, industriell gefertigten Textilien innerhalb der eigenen Grenzen konkurrenzlos zu halten. Im gleichen Atemzug verbat man Indien, selbst Schutzzölle auf britische Textilwaren zu erheben, um die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Waren sicherzustellen, um sich den indischen Markt gesichert zu wissen - als Kolonialmacht und Herr über Indien war dies mehr oder minder problemlos umzusetzen. Mit zeitlichem Abstand läßt sich feststellen - den Zeitgenossen mag es seinerzeit nicht in den Sinn gekommen sein -, dass die Entwicklung aller Länder, die einst unter einer Kolonialmacht bluteten, gehemmt und zum Stillstand gebracht worden ist. Am europäischen, amerikanischen und japanischen Wesen ist der Rest der Welt nicht genesen - eher schwer erkrankt. Jedenfalls: Der Ursprung der leistungsfähigen Volkswirtschaften ist nicht im freien Handel zu suchen, sondern zunächst dort, wo der Staat sich für seine nationalen Unternehmen auch international stark machte. Und man muß auch festhalten: weiterhin stark macht.
"Ein Jahrhundert später als England beschritten die Vereinigten Staaten den Weg eines liberalen Internationalismus. Nach 150 Jahren Protektionismus und Gewalt waren die USA zum reichsten und mächtigsten Land der Erde geworden. Wie zuvor schon in England bemerkte man nun auch hier die Vorzüge eines "gemeinsamen Wettbewerbes", bei dem man erwarten konnte, alle Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Aber natürlich hatten auch die USA Vorbehalte gegenüber allzuviel Gemeinsamkeit. Einer dieser Vorbehalte bestand darin, daß Washington seine Machtstellung ausnutzte, um anderswo unabhängige Entwicklungen zu blockieren. In Lateinamerika, aber auch in anderen Ländern sollte die Entwicklung "komplementär" und nicht etwa "konkurrierend" sein. Zudem gab es umfangreiche Eingriffe in den Handel. So war zum Beispiel die Marshall-Plan-Hilfe an den Kauf US-amerikanischer Landwirtschaftserzeugnisse gebunden. Das ist einer der Gründe, aus denen der US-Anteil am Weltgetreidehandel von weniger als 10 Prozent vor dem Krieg bis 1950 auf mehr als die Hälfte anstieg, während Argentiniens Exportquoten im gleichen Maße sanken. Die US-amerikanische Hilfsaktion "Lebensmittel für den Frieden" diente nicht zuletzt der Förderung der eigenen Agrarwirtschaft und Frachtschiffahrt; 1954 torpedierte ein Handelsvertrag mit Brasilien die argentinischen Exportgeschäfte. Einige Jahre später wurden der kolumbianische Weizenanbau durch ähnliche Maßnahmen fast völlig ruiniert. Hierin liegt übrigens einer der Gründe für das Wachstum der Drogenindustrie, der durch die Ausbreitung neoliberaler Politik in der Andenregion noch beschleunigt wurde. 1994 brach Kenias Textilindustrie zusammen, als die Regierung Clinton Einfuhrquoten verhängte und damit einen Weg versperrte, den noch jedes Industrieland gegangen ist. Zugleich werden "afrikanische Reformer" aufgefordert, die Bedingungen für den freien Handel endlich zu verbessern - natürlich im Sinne westlicher Investoren. Das sind nur einige verstreute Beispiele."
- Noam Chomsky, "Profit over people" -
Der freie Markt, der "freie und unverfälschte Wettbewerb" -wie er im Treaty of Lisbon genannt wird - ist eben nicht so unverfälscht, wie man es den Menschen immer wieder einbläut. Diese eiskalten Dogmatiker eines Marktes, auf dem der Staat keinerlei Kompetenzen mehr für sich beanspruchen kann, werden immer wieder zu lammfrommen Anhängern des Staates, sobald sich eine Krise auch nur abzeichnet. Im Kleinen läßt sich das beispielsweise immer dann beobachten, wenn hierzulande die sogenannte Riester-Rente zum Erfolgsmodell verklärt wird, dem sich aber die Massen aus unerklärlichen Gründen entziehen. Dann wird - gerade auch von den Marktjüngern - gefordert, dass aus dieser Privatrente eine Pflicht wird, d.h. dass der Staat die Mechanismen des freien Marktes aufhebt und eine Verpflichtung definiert, die jeden Erwachsenen dazu anhält, eine Versicherung in der Privatwirtschaft, bei Volksfürsorge, Allianz und Konsorten also, abzuschließen. Freier Markt? Angebot und Nachfrage? Survival of the fittest? - Fehlanzeige! Dies gilt nur dann, wenn Unternehmen sich höhere Profite ohne den Staat versprechen, nicht aber, wenn die mangelnde oder ganz fehlende Staatsautorität zu kleineren Profiten oder womöglich Verlusten führt. Dies hat sich erneut bestätigt, als Ackermann nach einem stärkeren Staat rief.

So laut auch nach einer reinen Marktwirtschaft gerufen wird, sie war und ist immer noch ein Phantasiekonstrukt. Chomsky führt weiter aus, dass gerade die Regierung Reagen, die wie keine Regierung in den Vereinigten Staaten vor ihr den Armen die Segnungen des Marktes gepredigt hat, "der US-Industrie mehr Importerleichterungen verschafft [hat], als jeder seiner Vorgänger seit 50 Jahren". Immer wieder wandte die Regierung protektionistische Schritte an: "Ohne diese und andere bis zum äußersten gehenden Maßnahmen der Marktbeeinflussung hätten Stahl-, Kfz-, Werkzeugmaschinen- oder Halbleiterindustrien die japanische Konkurrenz wohl kaum überlebt und wären auch nicht fähig gewesen, neue Technologien zu entwickeln, um dadurch der Gesamtwirtschaft frische Impulse zu verleihen." An anderer Stelle bemüht Chomsky eine Untersuchung von Winfried Ruigbock und Rob van Tulder, die besagt, dass "nahezu alle Großfirmen weltweit ihre Strategie und ihren Wettbewerbsvorteil dem entscheidenden Einfluß regierungspolitischer Maßnahmen und/oder Handelsbarrieren verdanken" und das, als Fazit, in den letzten zwei Jahrhunderten staatliche Eingriffe "eher die Regel als die Ausnahme" waren. Gleichwohl wird darauf hingewiesen, dass es "im internationalen Wettbewerb niemals gleiche Regeln für alle Teilnehmer gegeben habe und auch in Zukunft nicht geben werde".
Schlußendlich widmet sich Chomsky dem angeblichen Ahnherrn der Neoliberalen: Adam Smith. Er rückt dabei einiges gerade.
"Aber ist es ein Naturgesetz, daß wir daran festhalten müssen? Nicht, wenn wir die Theorien des klassischen Liberalismus ernst nehmen. Adam Smith' Loblied auf die Arbeitssteigerung ist wohlbekannt, nicht aber seine Verurteilung ihrer inhumanen Auswirkungen, die die Menschen "so stumpfsinnig und einfältig" machen, "wie ein menschliches Wesen nur eben werden kann". Das aber muß "in jeder entwickelten und zivilisierten Gesellschaft" durch Regierungsmaßnahmen verhindert werden, die die zerstörerische Macht der "unsichtbaren Hand" überwinden sollen. Auch seine Überzeugung, von der Regierung getroffene Regelungen "zugunsten der Arbeiter" seien "immer gerecht und billig", nicht aber jene "zugunsten der Herren", wird selten zur Kenntnis genommen. Das gilt ebenso für seine Forderung nach gleicher Bewertung der Produkte, dem Herzstück seiner Argumentation für einen freien Markt. Andere führende Vertreter des klassischen liberalen Kanons gehen noch viel weiter. Wilhelm von Humboldt verurteilt die Lohnarbeit als solche: Wenn der Arbeiter, so schrieb er, unter äußerer Anleitung tätig ist, "können wir bewundern, was er tut, aber wir verachten, was er ist". "Das Handwerk macht Fortschritte, der Handwerker Rückschritte", bemerkte Alexis de Tocqueville, ebenfalls eine große Gestalt im liberalen Pantheon. Er stimmte mit Smith und Jefferson darin überein, daß gleiche Bewertung der Produkte ein wichtiges Merkmal einer freien und gerechten Gesellschaft ist, wies aber zugleich auf die Gefahren hin, die von einer "dauernden Ungleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen" ausgehen, und warnte davor, daß die Demokratie am Ende wäre, wenn "die industrielle Aristokratie", die sich in den Vereinigten Staaten "vor unseren Augen erhebt" - "eine der dauerhaftesten der Erde" - die Schranken jemals überwinden wollte."
- Noam Chomsky, "Profit over people" -
Die Wurzel des Neoliberalismus, d.h. das was die Neoliberalen gerne als ihren Ursprung angeben, wenn sie einschlägige Passagen bei Adam Smith zitieren und meinen, sie könnten darauf ihr mieses Geschäft begründen, ist folglich also nicht im klassischen Liberalismus gegeben. Dort finden sich nämlich auch Zeilen, die den Protektionismus als legitimes Mittel des Staates benennen. Der freie Markt, so wie man ihn heute zur heiligen, unantastbaren Instanz erhoben hat, war nie Dogma aus liberalen Schriften, wurde nie in der Reinheit praktiziert, wie man es uns heute weismachen will - der freie Markt wird herbeigesehnt, um innerhalb der westlichen Welt Reformen zuungunsten der Arbeitnehmer umzusetzen und um international das Monopol westlicher Waren aufrechtzuerhalten. Während die Marktjünger jene als Sozialromantiker abkanzeln, die staatliche Sozialstandards gesichert wissen wollen und aus all denen beinharte Kommunisten stilisieren, die von Umverteilung sprechen - während man also jedem, der gegen den freien Markt spricht oder handelt als Utopisten und Träumer verunglimpft, ist der freie Markt, der wirklich frei ist vor jeglichem staatlichen Einfluß, die wirkliche Utopie, ein Nicht-Ort - immer gewesen.

27 Kommentare:

Boche 20. August 2008 um 11:00  

Wir stellen also fest: Es gibt Freimarkt-Heuchler. Und auch die liberalen Klassiker waren keine libertären Spinner.

Und?

Anonym 20. August 2008 um 13:46  

"[...]Während die Marktjünger jene als Sozialromantiker abkanzeln, die staatliche Sozialstandards gesichert wissen wollen und aus all denen beinharte Kommunisten stilisieren, die von Umverteilung sprechen - während man also jedem, der gegen den freien Markt spricht oder handelt als Utopisten und Träumer verunglimpft, ist der freie Markt, der wirklich frei ist vor jeglichem staatlichen Einfluß, die wirkliche Utopie, ein Nicht-Ort - immer gewesen.[...]"

Den Satz sollte man in Schulen weit verbreiten - auch im Doku-Film "Der große Ausverkauf" gibt keine geringere als die echte Maggy Thatcher zu, dass "Sozialismus/Kommunismus" aus neoliberaler Sicht nichts anderes als der Wohlfahrtsstaat ist, den sie mit allen Mitteln bekämpft hat.

In diesem Sinne war sogar jede Regierung vor Ex-Kanzler Schröder und Kanzlerin Merkel, die sich als bekennende Angie Thatcher geoutet hat, nichts anderes als sozialistisch/kommunistisch.

Kein Wunder, dass sich in ganz Deutschland immer mehr durchsetzt, dass es auch in der nicht-wiedervereinigten BRD gerechter zuging als heute unter Merkel/Steinmeier im wirtschaftsasozial gewordenen wiedervereinigten Deutschland, und Neoliberale wie z.B. der Buchautor Heinz Bude uns den Gerechtigkeitsbegriff neu erklären wollen.

Übrigens, ich rede nicht von der DDR, sondern Ausnahmsweise wirklich allein von der alten BRD, die sozial gerechter war als die neoliberale Variante des wiedervereinigten Deutschlands unter Angela Merkel, die aus menschenverachtendem Sozialabbau und Unterstützung von völkerrechtswidrigen Angriffskriegen besteht.

Markus 20. August 2008 um 23:40  

@ Boche

Es geht nicht darum, daß es auch "Freimarkt-Heuchler" gibt, sondern daß die Freimarkttheorie auf falschen, d.h. realitätsfernen Prämissen beruht, die allerdings von libertären oder anderen "Spinnern" bis heute vertreten werden. Das Anliegen des klassischen Liberalismus aber war ein anderes.

Boche 21. August 2008 um 10:10  

@Markus

Das Anliegen war kein anderes sondern nur um eine geringfügige Nuance variiert.
Diese Nuance heißt "sozialer Mindeststandard". Diese sehen klassische wie auch heutige Liberale als selbstverständlich erforderliche Voraussetzung an.

Denn die Frage ist nicht: Grundsicherung - ja oder nein.
Die Diskussion ist vielmehr quantitativ: Wieviel kann man noch Grundsicherung nennen? Und wo fängt der mehr Schaden als Nutzen bringende Eingriff in den von bürokratischen Eingriffen freien Austausch der Menschen an?

Dein Angriff geht meines Erachtens also fehl. Weil er auf falschen Prämissen beruhend grundsätzlich kritisiert.

Und nicht nur das: Die Argumentation ist auch merkwürdig.
Weil der freie Markt nicht in Reinform existiert, ist er Utopie. (Mal abgesehen davon, dass eben kein Liberaler die absolute Reinform propagiert.)
Die sozialistische Umverteilung existiert aber entweder auch nicht in Reinform (wäre also nicht minder Utopie), nein, da wo sie mal in annähernder Reinform existiert hat, produzierte sie die Hölle auf Erden.

Die Beweislage ist also nicht nur schwach sondern absurd verdreht.

Boche 21. August 2008 um 10:55  

PS:

@Markus

Entschuldige. Ich habe dich mit dem Verfasser des hier diskutierten Beitrages gleichgesetzt. Inhaltlich geht das ja vielleicht in Ordnung (?), formell ist das aber falsch.

Roberto J. De Lapuente 21. August 2008 um 11:41  

Der freie Markt wird als dringend erforderliche Instanz dargestellt. Dies geht so weit, dass man von der Marktreligion spricht, die manche Zeitgenossen an den Tag legen. Dabei ist es pure Heuchelei, denn der Markt soll nur dort frei sein, wo Unternehmen der Industriestaaten noch nicht ihre Machtposition gesichert haben, d.h. der freie Markt wird Drittweltländern aufgebürdet, während gleichermaßen jene Unternehmen die international den freien Markt wollen, fördern und dann ausnutzen, im Inland nicht immer von dieser Freiheit Gebrauch machen wollen.

Mindeststandards, nur einige Frage dazu: Wie Mindeststandards aussehen sollen, wissen die Reformer? Bzw.: Regelt es der ach so freie Markt? (Womit an dieser Stelle wieder der freie Markt genutzt würde.) - Oder sind es nicht die Bedürfnisse der Menschen, die festhalten sollten, wie sich ein Mindeststandard zu gestalten hat?

Du sprichst davon, dass Andere falsch liegen - sowas macht immer verdächtig. Ich bin von mir nicht derart überzeugt, Deine Ansichten als falsch bezeichnen zu können. Hat etwas mit Respekt vor dem Diskussionspartner zu tun...

epikur 21. August 2008 um 12:51  

ich muss dem zustimmen, dass "der freie markt" eine utopie ist. "frei" ist der markt doch nur für die, die über ausreichend kapital, einfluss u macht verfügen - alle anderen werden vom "leviathan markt" gefressen. zudem gibt es monopole oder welche die erst auf dem zweiten blick welche sind (z.b. microsoft). ganz zu schweigen von subventions- oder zollpolitik.

ein gedankenexperiment: wir schaffen alle staatlichen subventionen für alle unternehmen ab u schauen dann, wie "frei" und überlebensfähig der "markt" dann noch ist?

anzumerken sei ausserdem die höchst interessante definition des wortes "freiheit" im munde eines liberalen.

Boche 21. August 2008 um 12:52  

"Der freie Markt wird als dringend erforderliche Instanz dargestellt. Dies geht so weit, dass man von der Marktreligion spricht, die manche Zeitgenossen an den Tag legen."

Das Subjekt in den beiden Sätzen ist nicht das Gleiche, was den Sinn etwas denunziatorisch erscheinen lässt.
Während ich den freien Markt ganz selbstverständlich als dringend notwendig erachte, würden mir Andere ggf. "Marktreligion" unterstellen.

Warum freier Markt? Ganz einfach: Er bedeutet erst einmal nichts anderes als die freie Interaktion von Individuen. Alles dies Einschränkende muss gut begründet sein. Während die freie Interaktion von Jedem als vorauszusetzend angenommen werden sollte, der Menschen für befähigt hält, selbstverantwortlich zu agieren.

"Dabei ist es pure Heuchelei, denn der Markt soll nur dort frei sein, wo Unternehmen der Industriestaaten noch nicht ihre Machtposition gesichert haben, d.h. der freie Markt wird Drittweltländern aufgebürdet, während gleichermaßen jene Unternehmen die international den freien Markt wollen, fördern und dann ausnutzen, im Inland nicht immer von dieser Freiheit Gebrauch machen wollen."

Das "denn" zu Beginn des Absatzes ist logisch nicht nachvollziehbar. Denn mir zum Beispiel kann man keine Heuchelei vorwerfen, wenn ich für freien Markt ohne irgendwelchen Sonderregeln für Unternehmen der Industriestaaten eintrete.
Beziehungsweise: Selbstverständlich können auch Unternehmen so marktfeindlich wie Sozialisten sein. Und wären in diesem Fall entsprechend politisch zu bekämpfen.

"Mindeststandards, nur einige Frage dazu: Wie Mindeststandards aussehen sollen, wissen die Reformer?"

Wer ist mit "Reformer" gemeint?

">Bzw.: Regelt es der ach so freie Markt?"

Nein.

"Oder sind es nicht die Bedürfnisse der Menschen, die festhalten sollten, wie sich ein Mindeststandard zu gestalten hat?"

Ja. Die Crux ist natürlich, den schwammigen Begriff "Bedürfnisse der Menschen" konkret zu machen.

"Du sprichst davon, dass Andere falsch liegen - sowas macht immer verdächtig. Ich bin von mir nicht derart überzeugt, Deine Ansichten als falsch bezeichnen zu können. Hat etwas mit Respekt vor dem Diskussionspartner zu tun..."

Wir können hier gern ein wenig geheuchelte Demut einstreuen, wenn das irgendwem gut tut. Deine doch agressive Art der Argumentation ("Heuchelei") spricht dieser plötzlichen Demut Hohn. Aber gut...
In Diskussionen setzt man sich meines Erachtens mit Positionen auseinander, auch, indem man die eigene (vorläufig) als richtig ansieht und die (andere) vorläufig als falsch. Der Akt des Diskutierens findet ja nun gerade dazu statt, Falsch und Richtig zu relativieren und etwas Neues zu Synthetisieren.

Markus 21. August 2008 um 13:21  

Wenn man zwischen politischem und Wirtschaftsliberalismus unterscheidet, läßt sich feststellen, daß ersterer die Menschen aus feudalen, religiösen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten und anderen willkürlichen Herrschaftsverhältnissen befreien will; und als Kind der Aufklärung an die Vernunftbegabung der freien und gleichen Menschen appellierend und für die tatsächliche Verwirklichung dieses Ideals auch eintretend.

Der Wirtschaftsliberalismus denkt hingegen viel zu kurz und läßt die kulturelle, gesellschaftliche und politische Einbettung der Ökonomie außer Acht. Die Phobie der Wirtschaftsliberalen gegenüber Staatseingriffen in die Wirtschaftsabläufe ist grotesk und widerspricht in eklatanter Weise der wirtschaftlichen Realität und der sachlichen Notwendigkeit zur Stabilisierung.

Libertärer Spinner 21. August 2008 um 14:53  

"Das neoliberale Dogma des freien Marktes, in dem keine staatliche Autorität mitzumischen habe, ist seit Jahren zum Allgemeingut geworden..."

Schön wäre es. Dabei zeigst du doch selbst, dass das keineswegs der Fall ist. Selbst die "neoliberalen Reformer" wollen keineswegs eine Marktanarchie sondern befürworten zahlreiche und umfassende Markteingriffe. Und auch die angeblich so freinhandelsorientierte EU schottet sich gegen andere Regionen ab. Um eine freie Marktwirtschaft geht es in der öffentlichen Diskussionen gar nicht. Es geht lediglich um das Maß der Eingriffe. Diejenige, die tatsächlich die "staatliche Autorität" ablehnen und für freie Marktwirtschaft plädieren, sind eine winzige (wenn auch leicht wachsende) und kaum wahrgenommene Minderheit. Damit hast du deinen Eingangssatz selbst ad absurdum geführt. Wir haben keine freie Marktwirtschaft und es gibt kaum jemanden, der sie will. Das festzustellen ist aber trivial. Die angebliche Herrschaft von "Marktradikalen" ist ein linkes Märchen.

Christian Hoffmann 21. August 2008 um 15:34  

@Robert: Ich finde Deine Argumentation in diesem Beitrag etwas... na schizophren, wenn ich das mal so sagen darf. Du geisselst die Ideologie des freien Marktes um dann als Beispiel staatliche Interventionen und damit Behinderungen dieses Marktes zu nennen. Dann stellst du das - empirisch unhaltbare - Postulat auf, der Staat sei für den Wohlstand aller da, nur um anschliessend Beispiele zu nennen, wie der Staat die Interessen einiger weniger Privilegierter verteidigte.

Ich würde dir völlig zustimmen, dass unser heutiger "Markt" weiss Gott kein "freier" ist - und die neoliberale Position daher verlogen. Aber deine Schlussfolgerung daraus, den verzerrenden Einfluss des Staates zu verteidigen, statt einen tatsächlich freien Markt zu fordern, dieser will sich mir einfach nicht erschliessen...

Boche 21. August 2008 um 15:38  

@Markus

Wer sind denn die von dir erwähnten "Wirtschaftsliberalen"?
Jeder Liberalismus, der einen Präfix braucht (oder von seinen Gegner verpasst bekommt), ist mir suspekt.

Christian Hoffmann 21. August 2008 um 15:46  

@Markus: "Wenn man zwischen politischem und Wirtschaftsliberalismus unterscheidet, (...)"

Ja, wenn - nur leider (oder zum Glück) ist dies völlig unsinnig. Die Trennung von Wirtschafts- und sonstigem Liberalismus ist eine geistige Perversion, die vermutlich dem Parteienstaat zu verdanken ist, wo verschiedene Interessengruppen sich aus der Ideenwelt des Liberalismus jeweils diejenige Position herauspicken, die eben ihren subjektiven Interessen zuträglich ist.
Der Liberalismus ist jedoch eine recht einfache und einheitliche Idee: Der Schutz individueller Freiheit und Autonomie vor Zwang - meist staatlichem Zwang. Und damit sind "politischer" und "wirtschaftlicher" Liberalismus ruck zuck vereint.

Von daher kann nicht wundern, dass diese deine Beschreibung schlicht auf den Liberalismus zutrifft, auch den "wirtschaftlichen": "(...) läßt sich feststellen, daß ersterer die Menschen aus feudalen, religiösen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten und anderen willkürlichen Herrschaftsverhältnissen befreien will."

Kleiner Tipp: Lies dir mal die Schriften der alten Manchester-Liberalen durch, dort wirst du genau diese Argumentation finden - obwohl (oder weil?) wirtschaftlich orientiert...

Roberto J. De Lapuente 21. August 2008 um 16:09  

1. Ich wollte darstellen, dass die Apologeten des freien Marktes - damit soll die neoliberale Bewegung gemeint sein, die das gerne und oft fordert - einen freien Markt zu ihren Gunsten fordert, aber gleichermaßen Vorteile aus staatsinterventionistischen Maßnahmen gerne für sich beansprucht und nicht edel zurückweist, im Sinne des Dogmas.

2. Ich wollte festhalten, in welchen Bereichen der freie Markt gerne gesehen wird: Abbau von Intervention am Arbeitsmarkt und im Sozialwesen. Einerseits um nicht für die entstehende Armut aufkommen zu müssen, andererseits, um die entstehende Armut zum Vorteil zu nutzen (Privatisierung). Aber auch: Um Staatswesen zur "Räson zu bringen", die vielleicht einen nationalistischen oder sozialistischen Kurs fahren würden, wenn Europa und die USA nicht andauernd in Afrika und Asien intervenieren würden. Sie wollen zugängliche Märkte - überall. Sonderwege sollen sanktioniert werden (siehe Kuba, siehe Irak usw.).

3.) Ich wolle nicht zum Ausdruck bringen, dass mir die Staatsintervention hüben wie drüben - also ob am Individuum oder am Unternehmen - verdammenswert erscheint. Im Gegenteil: Ich halte sie für notwendig, auch wenn man bestimmte Interventionsmechanismen überdenken könnte.

4.) Mir war wichtig mitzuteilen, dass die staatliche Heuchelei, d.h. jene Parteien und Einzelpolitiker Ekel heraufbeschwören, die einerseits den freien Markt mitbeten, weil irgendwelche bezahlten Wissenschaftler davon schwärmen, d.h. den Sozialabbau damit rechtfertigen wollen, aber gleichermaßen Unternehmen unter die Arme greifen würden. Was wiederum nicht bedeutet, dass ich es bevorzugen würde, wenn solche Parteien oder Einzelpolitiker strikt zu ihrem Dogma stehen würden.

5.) Diskussion, gerade auch in diesem Rahmen, ist nicht zu ein Synthetisieren, wie es Boche bezeichnet. Ich möchte es als Toleranzleistung bezeichnen. Viele Ansichten aus der liberalen oder libertären Sicht erscheinen mir verlogen oder zumindest aber hinterfragenswert - nicht als falsch, wer weiß schon was von falsch und richtig? Hier bei ad sinistram sei jede Meinung und Ansicht toleriert, aber deswegen muß ich nicht langsam aber sicher die Ansichten annehmen, die hier geschrieben werden. Ich möchte auch nicht auf jene Abfärben, die sich bereits ein festes Weltbild geschaffen haben - was ja sowieso unmöglich ist, denn jemand der "seinen Glauben" gefunden hat, läßt sich nicht von anderen Sichtweisen finden. Ich halte es für schrecklich trivial, wenn Zeitgenossen behaupten, der Diskussionspartner läge falsch. Wer weiß das schon wirklich? Vielleicht kann man der Ansicht sein, weil der eigene Lebensentwurf - das Wissen, die Erfahrung, das Angelesene etc. - andere Prämissen geschaffen hat, als beim mitdiskutierenden Partner. In Anlehnung an einen von mir sehr geschätzten Kollegen und Philosophen: Mir geht es nicht um die Realitäten, sondern wenn, dann um die Wirklichkeit und Wahrheit, die - das muß man leider feststellen - schwer bis gar nicht erreichbar sind.

6.) Auch wenn ich Deiner Argumentation, wonach man den Liberalismus nicht untergliedern kann, nicht folgen möchte, weil Freiheit nur bedingt Freiheit ist, wenn sie als Wert, nicht aber als konkretes, materielles Sichersein daherkommt, freue ich mich doch sehr, dass Du wieder einmal den Weg hierhergefunden hast. War ja lange nicht mehr der Fall! Freut mich wirklich...

Boche 21. August 2008 um 16:22  

@Roberto

Zu 1) bis 4) kann ich nur sagen:
Ob es sinnvoll ist, die christliche Lehre zu verdammen, weil sich Folterknechte darauf berufen, ist ebenso fraglich.
Zumindest ist es aber eine (zu?) einfache Art der Argumentation, die Theorie zu verwerfen (oder sich überhaupt zu dieser damit zu äußern meinen), wenn man sie außen vor lässt und sich stattdessen nur derjenigen annimmt, die sie missbräuchlich benutzen.

zu 5)
"Viele Ansichten aus der liberalen oder libertären Sicht erscheinen mir verlogen oder zumindest aber hinterfragenswert - nicht als falsch, wer weiß schon was von falsch und richtig?"

Es ist natürlich einfacher, eine Ansicht als verlogen zu deklarieren, schon klar. Auch "hinterfragenswert" ist natürlich keine Entsprechung für "falsch".
Tut mir leid, aus dieser Teildiskussion verabschiede ich mich wegen sprachlicher Inkompatibilität.

Shin 21. August 2008 um 18:05  

"Ich wollte darstellen, dass die Apologeten des freien Marktes - damit soll die neoliberale Bewegung gemeint sein, die das gerne und oft fordert - einen freien Markt zu ihren Gunsten fordert, aber gleichermaßen Vorteile aus staatsinterventionistischen Maßnahmen gerne für sich beansprucht und nicht edel zurückweist"
Wer so handelt ist kein Apologet des freien Marktes und auch ganz sicher kein Liberaler. Ein treffendes Zitat von John Milton, einem Liberalen der ersten Stunde:
"None can love freedom heartily, but good men; the rest love not freedom, but licence."
Und auf die von dir genannten Personen trifft eindeutig letzteres zu, weshalb der Begriff "liberal" als Beschreibung dieser Menschen völlig verfehlt ist.

Roger Beathacker 21. August 2008 um 18:30  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Roger Beathacker 21. August 2008 um 20:13  

"Warum freier Markt? Ganz einfach: Er bedeutet erst einmal nichts anderes als die freie Interaktion von Individuen."

Das muesste richtig wohl heissen: er kann eine Form freier Interaktion bedeuten. Nicht mehr und nicht weniger.

Denn erstens ist die marktfoermige, nicht die einzig moegliche Form freier Interaktion und zweitens sind marktfoermige Interaktionen nicht notwendig ("von innen heraus" oder "an sich") frei.

Das Thema wuerde sich von selbst erledigen, wenn man auf die Freiheit der beteiligten Individuen hinarbeiten wuerde. Deswegen geht mir der sog. "freie" Markt am Arsch vorbei, solange es trotz (oder wegen?) ihm noch Verhältnisse gibt, "in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes ein verächtliches Wesen ist," (Marx)

(Erste Fassung wegen Fehlern geloescht)

Shin 21. August 2008 um 23:07  

"Denn erstens ist die marktfoermige, nicht die einzig moegliche Form freier Interaktion"

Ich möchte dich bitten das zu erklären. Markt heißt für mich, dass jemand implizit oder explizit etwas anbietet und jemand anderes dies nachfragt. Somit ist der Markt in diesem Sinne die Grundlage jeder Interaktion zwischen Menschen, die nicht auf Zwang sondern auf Freiwilligkeit basiert.

P.S. Zur Unterscheidung zwischen Wirtschafts- und anderem Liberalismus sowie Liberalismus, Protektionismus und (Wirtschafts-)Imperialismus hab ich grad noch zufällig was vom alten Hayek gelesen, geschrieben 1959:
"Bis zu Ende des 19. Jh. oder vielleicht sogar bis 1914 konnte es in den meisten Teilen des Westens noch scheinen, als ob der politische Liberalismus eine der unverlierbaren Errungenschaften westlicher Zivilisation geworden und nur der wirtschaftliche Liberalismus sich als vorübergehende Phase erwiesen hätte. Schärfere Beobachtung hätte schon damals Zweifel darüber hervorrufen sollen, ob die Trennung dieser beiden Anwendungsgebiete liberaler Prinzipien nicht künstlich und auf die Dauer unvollziehbar sei. Tatsächlich hatte in dem Bereich der internationalen Beziehungen das Wiederaufleben der Schutzzollbewegung und das damit verbundene Verschwinden des Prinzips der "offenen Türe" in den Kolonien unmittelbar zur Entstehung des Imperialismus und zu neuen Machtkonflikten geführt."

Markus 22. August 2008 um 00:27  

Der mitunter an den Tag gelegte missionarische Eifer (strikte Leugnung des Vorhandenseins unterschiedlicher Liberalismusarten) und die gelegentliche Aggressivität im Tonfall ("geistige Perversion") vermittelt nicht gerade einen besonders "liberalen" Eindruck vom Wirtschaftsliberalismus.

Boche 22. August 2008 um 00:31  

@Roger

"Denn erstens ist die marktfoermige, nicht die einzig moegliche Form freier Interaktion..."

Das steckte in meiner Aussage als Behauptung auch gar nicht drin.

"...und zweitens sind marktfoermige Interaktionen nicht notwendig ("von innen heraus" oder "an sich") frei."

Doch. Selbstverständlich.
Aber vermutlich haben wir ein verschiedenes Verständnis von Freiheit.
Manch einer (nicht zwingend du) setzt ja Schlaraffia als notwendige Mindestvoraussetzung an.

Das Thema wuerde sich von selbst erledigen, wenn man auf die Freiheit der beteiligten Individuen hinarbeiten wuerde. Deswegen geht mir der sog. "freie" Markt am Arsch vorbei, solange es trotz (oder wegen?) ihm noch Verhältnisse gibt, "in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes ein verächtliches Wesen ist," (Marx)

Das Thema erledigt sich keineswegs von selbst. Der freie Markt ist nichts anderes als das Prinzip, Individuen die Freiheit zu geben.
Faulheit, Anspruchsdenken und Gier werden natürlich in dem Begriff von Freiheit, den ich dabei verwende nicht belohnt. Wer nicht geben will obwohl er könnte, ist zwingend auf die Mildtätigkeit seines Bruders angewiesen. Ich gebe ihm jedenfalls keine "Freiheit" an die Hand, das nicht verdiente Brot mit deiner Hilfe verlangen zu dürfen.

fpk 22. August 2008 um 08:14  

"Die Wurzeln der Leistungsfähigkeit jener Volkswirtschaften der heutigen Industrieländer, ist im Kolonialismus zu suchen und zu finden."

Mit Verlaub, aber das ist Blödsinn, der nicht wahrer wird indem man ihn immer wieder wiederholt. Die Kolonialzeit ist kein Ruhmesblatt der europäischen Geschichte. Der Wohlstand Europas und Amerikas gründet sich auf etwas anderes.

Die Leistungsfähigkeit der Industrieländer gründet sich auf ihr kapitalistisches Wirtschaftssystem, den darin herrschenden Wettbewerb und die darauf zurückzuführenden Produktivitätssteigerungen. Produktivitätsssteigerung = Leistungfähigkeit und Wohlstandszuwachs.

Würde sich wirklich jeder Wohlstandzuwachs irgenwo auf der Welt in Armutszuwachs irgendwo anders auf der Welt ausdrücken, wie dieses Nullsummendenken suggeriert, müssten bei dem extremen Wohlstanddszuwachs in den Industrieländern in den letzten 100 Jahren Milliarden woanders verhungert sein. Dem ist aber nicht so. Weltweit nimmt die Armut ab. Und das vermehrt, seit der Welthandel zugenommen hat.

Es sind just die Staaten, die ihren Handel am wenigsten liberalisiert haben, die mit den meisten Schutzzöllen also, die heute Schlusslichter der wirtschaftlichen Entwicklung weltweit sind: Die Staaten südlich der Sahara. Dort wo mehr Handel zugelassen und die Hürden für Kapital abgebaut wurden kam es zu wirtschaftlichem Fortschritt und Rückgang der Armut.

Roberto J. De Lapuente 22. August 2008 um 10:06  

Da ich viel Humor habe, lasse ich den letzten Beitrag von Fpk stehen. Grundsätzlich liegen zwischen Lachen und Ärger nur kleine Schritte. Man erläutere den Armen in der Dritten Welt, die heute in Wellblechhütten hausen und einem westlichen Lebensstil hinterherrennen, der noch vor 200 Jahren ihr Entwurf von Gesellschaft nicht war, dass sie nicht arm sind - Ignoranz ist auch eine Gabe, die sich täglich erarbeitet werden muß.

stefanolix 28. August 2008 um 15:37  

Aber ganz im Ernst: willst Du abstreiten, dass die Armut in Afrika vor allem durch Willkürherrschaft, Korruption und Tribalismus entsteht? Simbabwe könnte ein reiches und wohlhabendes Land sein, es wird aber durch eine Clique um den Diktator Mugabe hemmungslos ausgebeutet. Die Armen werden immer ärmer, die Mugabe-Clique wird immer reicher, die Leistungsträger werden ausgeplündert und vertrieben, der Oppositionsführer wird mit dem Tode bedroht. Und ähnlich sieht (oder sah) es doch auch in anderen afrikanischen Staaten aus.

D. Mokrat 30. August 2008 um 12:14  

Roger Beathacker hat gesagt: "Das Thema wuerde sich von selbst erledigen, wenn man auf die Freiheit der beteiligten Individuen hinarbeiten wuerde."

Meine Frage zu diesem Punkt: Freiheit wovon? Oder anders formuliert: Freiheit wozu? Um was machen bzw. erreichen zu können?

Der Sinn meiner Frage wird (hoffentlich) mit dem letzten Satz des beitrags klar.

Boche hat zu Roger gesagt: "Aber vermutlich haben wir ein verschiedenes Verständnis von Freiheit.
Manch einer (nicht zwingend du) setzt ja Schlaraffia als notwendige Mindestvoraussetzung an."

Wie sieht denn Dein Verständnis von Freiheit aus?

"Der freie Markt ist nichts anderes als das Prinzip, Individuen die Freiheit zu geben."

Um auf dem Markt als Handelnder auftreten zu können müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Die von Dir genannte Freiheit können also nur die nutzen, die diese Voraussetzungen erfüllen.

D. Mokrat

Anonym 30. August 2008 um 20:22  

Der Markt für Lebensmittel wird im wesentlichen durch zwei Konzerne beherrscht. Einer davon ist Nestle. Mit dem Ansteigen der Lebensmittelpreise hat sich auch die Eigenkapitalrendite von Nestle weiter erhöht. Gäbe es marktwirtschaftlichen Wettbewerb wäre dies nicht möglich. Wo ist unsere Bundesaufsichtsbehörde?

Anonym 31. August 2008 um 01:40  

"Aber ganz im Ernst: willst Du abstreiten, dass die Armut in Afrika vor allem durch Willkürherrschaft, Korruption und Tribalismus entsteht? Simbabwe könnte ein reiches und wohlhabendes Land sein, es wird aber durch eine Clique um den Diktator Mugabe hemmungslos ausgebeutet. Die Armen werden immer ärmer, die Mugabe-Clique wird immer reicher, die Leistungsträger werden ausgeplündert und vertrieben, der Oppositionsführer wird mit dem Tode bedroht... "

Hinter Mugabe steht Nbeki und Nbeki ist eindeutig ein Günstling des neoliberalen Tribalismus wie sich in Naomi Kleins "Die Schock-Strategie" nachlesen lässt.

Märkte müssen reguliert werden wie jeder Prozess, der eine "Sinn" haben soll.

Jemanden, der behauptet, dass man getrost auf die regulierende Wirkung von Hormonen etc. verzichten kann, darf man getrost als einfältigen Menschen bezeichnen.

Soweit ich mich erinnnern kann gleichen die ersten Modelle, die Wirtschaft beschreiben, dem Blutkreislauf. Wirtschaften hat den Zweck der Versorgung und der Aufrechterhaltung kontinuierlicher Entwicklung. Sie hat also von allem Anfang an Verteilungsfunktion.

Wer, wie es die Vertreter des sogenannten "Neoliberalismus" tun, soziale Ungerechtigkeit fördert und Infrastuktur und Bildungssystem zerstört, schafft ein Machtvakuum, das die Entwicklung parastaatlicher Organisationen zur Folge hat. Sie bereiten das Feld für die organisierte Kriminalität und andere Dinge, die schlisslich zum Zerfall der Zivilisation führen werden.

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