De dicto

Montag, 11. August 2008

"Ypsilanti & Lafontaine basteln an einem neuen Deutschland. Es soll ein Land werden, in dem Gleichheit wichtiger ist als Leistung. Ein Land der Einheitsschulen wie der Mindestlöhne. Ein Land, das mit dem Erfolgsmodell Bundesrepublik nicht mehr viel zu tun hat.
Die rot-rote
Republik wird einen anderen Namen brauchen: Volksrepublik Deutschland!"
- BILD-Zeitung, Hugo Müller-Vogg am 11. August 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Langsam aber sicher muß man sich um Müller-Vogg sorgen. Voller Paranoia sitzt er da in seinem Büro und phantasiert sich Gedankenkonstrukte zusammen, denen jegliche Realität abgeht. So beschwört er mittels seiner Computertastatur das Schreckgespenst eines kommunistischen Deutschlands. Er malt sich ein Gemälde, auf dem man ein Sowjet-Deutschland erkennen kann, in dem Menschen doch tatsächlich von ihrer Arbeit leben können, selbst wenn sie "nur" Straßenfeger sind. Vor sowas hat Müller-Vogg natürlich Angst - auch wenn so eine "Gefahr" nicht droht, nicht mit der LINKEN und sowieso nicht mit dem ach so linken Flügel der SPD.

Entweder müssen wir uns Müller-Vogg so vorstellen, dass er ganztags in seinem Morgenmantel sein Wohnzimmer auf- und abschreitet, sich überlegend, wo er sein Privatvermögen unterbringen kann, damit die "roten Horden" es nicht abgreifen, sich darüber Sorgen machend, ob ihm seine Putzfrau dann nicht zu Rechenschaft zieht, ihn quasi als "Kulaken" diffamiert; wie er mit verwuschelten Haaren, unrasiert seine Angst von der Leber schreibt, um sie somit an seine Mitmenschen weitergibt, damit sich diese seiner geschundenen, arg fürchtenden Seele annehmen. Oder aber Müller-Vogg sitzt zuhause, erfindet sich etwas von kommunistischen Lafontaines und Ypsilantis und lacht sich ins Fäustchen, wenn sich doch mal drei Idioten finden, die diesen geistigen Dreck auch noch ernstnehmen.

Man will ja nichts beschreien, aber beinahe ist man geneigt, den "schwarzen Hugo" als letztere Variante, als listigen Schreibefuchs also, zu enttarnen. Die "Volksrepublik" erscheint ihm suspekt. Eine "öffentliche Sache" - res publica -, die für das Volk geregelt wird, kann freilich Müller-Voggs Begehr nicht sein. Zwar würde so eine Volksrepublik - man kann damit auch etwas ganz anderes verbinden als die Volksrepublik China, die er damit ja freilich meint - nicht verbindlich Leistung verdammen und Gleichheit forcieren - schade eigentlich! -, aber er erzählt eben gerne von den Gespenstern, die seine schlaflosen Nächte so unangenehm machen. Man stelle sich vor, in einer solchen "voggischen Volksrepublik" würde Leistung nicht mehr zählen und alle wären gleich: Ja, dann könnte Müller-Vogg einfach gegen jemanden bei der BILD ausgetauscht werden, der wirklich schreiben könnte, der mit seinem Schreiben auch noch das Denken verbinden würde - und das alles für die gleiche Summe Geldes, die Müller-Vogg monatlich abstaubt. Wahrlich, wäre ich "BILD-Kommentar-Hugo", wären meine Hosen sicherlich auch gestrichen voll...

11 Kommentare:

Markus 11. August 2008 um 23:14  

Man muß sich nicht nur um den Geisteszustand von Hugo Müller-Vogg sorgen, sondern fast schon um die BILD-Zeitung selber. Für wie doof hält BILD seine Leser eigentlich?

Auch nach langen und ausgiebigen Verdummungskampagnen sind die Menschen im Reformland D dem Herrn mit dem Kommunisten-Komplex noch haushoch überlegen.

Klaus Baum 11. August 2008 um 23:34  

Mir fällt spontan dazu die Frage ein: Wieso soll ein jedem Menschen angemessener, sprich gleicher humaner Umgang (jeden Menschen mit Respekt behandeln) ein Widerspruch zum Prinzip der Leistung sein?
Dieses eklige BILD-Geschmiere dient doch nur dazu, in den Köpfen von Leuten, die das Einmaleins des Denkens nicht gelernt habe, dumpfe Ängste zu schüren. Müller-Voggs Schreibe ist voraufklärerisch und paßt besser ins Zeitalter der Hexenverbrennung.
Müller-Vogg, das ist latenter faschismus.

flatter 12. August 2008 um 01:00  

Ich lese und kommentiere die Blödzeitung entschieden nicht. Gelegentlich bin ich dankbar, wenn jemand sich anders entscheidet.
Meine Doppelfrage zu deinem Artikel, die nicht wirklich eine Antwort erhofft, ist folgende:
Ist es eine quasi akademische, weil "Blöd" eh niemand wirklich liest - und
hat es irgendeine realistische Aussicht, ausgerechnet die Menschen mit solchem Bullshit anzutexten, die zuallererst (als traditionelle Leser) spüren, daß diese Propaganda ihnen ins Gesicht spuckt? Geht "Blöd" mit seiner hyperliberalen Ideologie unter?
Noch so eine Hoffnung...

Roberto J. De Lapuente 12. August 2008 um 09:59  

Eine realistische Aussicht? Auf Erfolg? - Ich weiß nicht, ob man erfolgreich sein kann, wenn man einen eingefleischten BILDerianer damit konfrontiert. Leider befürchte ich auch, dass die eine nicht geringe Anzahl von Lesern gar nicht merkt, wie ihnen die BILD ins Gesicht rotzt. (Andere lesen sie ja auch nur, weil sie ja so "zufällig" herumliegt, weil sie kurz und knapp zu lesen ist, weil sie unterhält etc.) Aber mir persönlich geht es gar nicht so sehr darum. Mein Motiv ist im Grunde ganz banal: Ich will was dazu gesagt haben. Ich will mir nicht eines Tages nachsagen lassen müssen, dass ich geschwiegen habe darüber - dass ich, um Klaus Baums Ansicht wiederzugeben, den latenten Faschismus stillschweigend geduldet habe.

BILD und Ideologie? - Es ist keine hyperliberale, sondern eine zutiefst fesselnde, einschränkende, moralisch anheimelnde, die Menschen auf ein Ziel - das Ziel der BILD ist das Ziel der Wirtschaft -, auf Aufschwung, Wirtschaftswachstum, Arbeitsplatzschaffung, Profitmaximierungen, Exportweltmeisterschaft etc. miteinander zusammenbündelt. Als Bündel stellt sich die BILD diese Gesellschaft vor, alle stehen eng beisammen, sind gebunden in einen äußeren Rahmen, sollen lieben was die BILD als liebenswer vorgibt, hassen was sie haßt, verehren was sie verehrt, moralisch verurteilen was sie verurteilt. Das Bündel, lat. fasces als Rutenbündel, die etymologische Brücke zum Faschismus. Was BILD befördert ist die Gesellschaft als Bündel, Faschismus also.

Untergang der BILD? - Man darf hoffen, denn nur deswegen lebt die Menschheit immer noch und ist nicht schon längst an dem Wissen, dass sie sich selbst jederzeit ausrotten kann, zugrunde gegangen. Aber da ich den Faschismus nicht als tot, sondern nur als geschickt verwandelbar, mal leise zurücksteckend, mal forsch auftretend für angeblich "heilige Ideale", betrachte, ist auch jener immer beliebt, der das Bündel formt, es sozusagen zusammenschnürt - und sei dies auch nur schreibend.

Klaus Baum 12. August 2008 um 12:02  

Der Faschismus in der Äußerung von Müller-Vogg liegt für mich in folgendem: Zunächst werden Gleichheit und Leistung inhaltlich unbestimmt, also abstrakt entgegengesetzt. Gleichheit wird dann mit Gleichmacherei latent in Verbindung gebracht, die wird als Bedrohung derjenigen hingestellt, die etwas leisten. Latent wird also der "Leistungsträger" als Opfer der Gleichmacherei gesehen. Müller-Voggs Absicht zielt aber aufs Gegenteil: Der, der leistet, soll mit einem Dasein in den oberen Rängen gesellschaftlicher Hierarchie belohnt werden: Man hat den Eindruck - auch das scheint bei Müller-Vogg latent gemeint zu sein -, er meint die Ackermanns, die Hundts, die Spitzen der Wirtschaft, mit anderen Worten, Müller-Vogg hält ein Plädoyer für eine gesellschaftlich akzeptierte Ungleichheit, wie sie sich derzeit immer sichtbarer manifestiert: Die einen verdienen in einem Jahr mehr als sie sinnvoll in einem Leben ausgeben können, die anderen kommen trotz lebenslanger Arbeit kaum über die Armutsgrenze hinaus.
Worauf Müller-Vogg abzielt, ist die Unveränderbarkeit gesellschaftlicher Privilegien. Er plädiert für eine dauerhafte Spaltung der Gesellschaft in Oben und Unten, und das heißt - dies erleben wir momentan ebenfalls schon sehr deutlich -, Ethik gilt nicht für alle gleich. Wir haben es im Zusammenhang der Kritik der Manager-Gehälter erlebt. Olaf Henkel sprach vor Monaten davon, da müsse man differenzieren. Wer also viel verdient, hat ein Recht davon, differenziert beurteilt zu werden; wer hingegen von Hartz-IV ist per se und an sich, als automatisch ein Schmarotzer. Wer die Möglichkeit verloren hat, durch Arbeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, der darf dann zusätzlich noch von denen, deren Leistung in Entlassungen besteht, als Parasit denunziert werden. Die Arbeiter und Angestellten sind also nicht nur Dispositionsmasse, sondern im Augenblick ihrer Entlassung Gegenstand der Verunglimpfung. Psychoanalytisch gesehen, handelt es sich hier um eine Schuldverlagerung, der Schuldige, der Entlasser, projiziert seine Schuld, die Entlassung, auf sein Opfer und macht ihn so zum Täter, zum Parasiten, so wie die Nazis die Juden zu Ratten erklärten. Parasitär sind aber jene, die mehr verdienen als sie in ihrem ganzen Leben ausgeben können, während andere Hungers sterben müssen.
Zum Abschluß noch zwei Zitate zum Thema Gleichheit: Die in Holland lebende, in Südafrika aufgewachsene documenta-Künstlerin Marlene Dumas schrieb sinngemäß: Ob ein Mensch schwarze oder weiße Hautfarbe hat, ist für mich ohne Bedeutung: Die Wunde aller Menschen ist rosa.
Der kategorische Imperativ Kants gilt für alle Menschen gleichermaßen: Handle so, daß die subjektive Regel (die Maxime) deines Handelns stets zur allgemeinen Gesetzgebung dienen kann.

Ich muß hier abbrechen, denn ein Termin wartet auf mich.......

Klaus Baum 12. August 2008 um 13:34  

Folgender Satz im obigen Kommentar "wer hingegen von Hartz-IV ist per se und an sich, als automatisch ein Schmarotzer" muß richtig heißen:

wer hingegen von Hartz IV lebt, ist per se und an sich - also automatisch - ein Schmarotzer

Markus 13. August 2008 um 00:00  

Wäre vielleicht noch zu ergänzen, daß der Herr mit dem Kommunismus-Komplex auch noch ein nicht minder schwerwiegendes Demokratie-Problem hat. Aber damit ist er höchst wahrscheinlich nicht der einzige in der "Konzernrepublik Deutschland".

otti 13. August 2008 um 13:47  

Volksrepublik Deutschland?
Nein!
Kapitalistenrepublik Teuschland.
Die Gewalt geht nicht vom Volk aus.

Die kapitalistischen Machthaber sind es, die in unserem Land Macht ausüben - zu ihrem Vorteil.

Das Volk bleibt auf der Strecke. Das Volk wird getäuscht in Teuschland.

Anonym 13. August 2008 um 17:10  

nun es wäre wohl zu einfach und auch zu gefährlich, sich Müller-Vogg und andere angehörige der bourgoisen journallie, als von angst getrieben kommentare verfassend, vorzustellen. die absicht ist klar, es gilt jedwede auch noch so kleine chance einer linken politische opposition im keim zu ersticken, damit die kapital- und vermögensbesitzer sich weiter ungestört die taschen vollstopfen können. was uns zeigt, daß der neoliberalismus zu tiefst antidemokratisch ist und die grundsätzliche durchsetzung nur unter ausschaltung demokratischer instanzen möglich ist, denn niemand arbeitet gern für einen hungerlohn und wenn der magen drückt hilft auch die beste volksverdummung nichts. also lieber gleich alle kräfte desavouieren, die den menschen ein parlamentarisches sprachrohr verschaffen könnten.

Anonym 13. August 2008 um 18:13  

es muß natürlich "der bourgeoisen journaille" heißen - mein französisch war auch schon mal besser ;-)

Anonym 14. August 2008 um 09:50  

Das größte Rätsel bleiben doch immer noch die Verkaufszahlen dieser Blätter, welche einem Vogg ein Podium bilden. Entweder ist das Volk schon zu blöd oder die Zahlen sind getürkt.
In unserer Demokratie darf es zu einer Regierung mit CDU-Beteiligung mittlerweile keine Alternative mehr geben ! Da frage ich mich wer bei dem Vergleich der SED immer an die Linkspartei denkt. Die schrecken ja vor Wählerbetrug nicht zurück sonst gäbe es schon lange eine rot-rot-grüne Landesregierung in Hessen und Koch hätte Zeit mit Vogg für Bild das kommunistische Schreckenszenario auszugestalten.

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