Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we are free at last!

Donnerstag, 3. April 2008

Am 4. April 1968 sollte die Welt einen Mann verlieren, der wie nur wenige vor ihm, konsequent und unbeugsam seinen Idealen Ausdruck verlieh. Einen Mann, der kompromisslos für die Gleichheit aller Menschen eintrat; der für freiheitliche Werte jede ihm auferlegte Haft stoisch ertrug, gemäß den Worten Thoreaus - seines spiritus rector -, wonach in einem Staate, in dem das Unrecht wüte, das Gefängnis als edelster Ort angesehen werden muß, weil sich dort jene versammeln, die gegen das Unrecht aufbegehrten. Als an jenem Tage auf einem Balkon des Lorraine Motels in Memphis, Tennessee sein Leben beendet wurde, verlor die Welt einen Versöhner, der denen, die ihn mit Steinen traktierten mit Verständigung gegenübertrat, der nicht Gewalt mit Gegengewalt beantwortete, sondern sie mit Nächstenliebe parierte.

Wir müssen Martin Luther King als Radikalen begreifen; als jemanden, der nicht pragmatisch nach Lösungen im amerikanischen Rassenkonflikt suchte, sondern in aller Radikalität zu den Werten stand, welche ihm sein christliches Selbstverständnis auferlegte. Die radikale Auflösung rassistischer Politik erkannte er in der bedingungslosen Gewaltlosigkeit gegenüber denen, die die Schwarzen unterdrückten, ausgrenzten, schlugen oder auf anderen Art und Weise verächtlich machten. Unzählige Male trafen ihn bei Demonstrationen Steine, unzählige Male rang er mit der aufsteigenden Wut. Doch am Ende stand ein Dialog mit dem Steinewerfer, stand die banale, ja fast naiv wirkende Frage nach dem Warum. Durch diese einfache Form des Dialogs, stand der Rassist verblüfft, durch die praktizierte Vergebung lächerlich gemacht in der Szenerie. Er erwartete eine Antwort, wie man sie ihm gelehrt hatte: Gewalt! King durchbrach diese stupide Logik, indem er ihr den Boden entzog. Der Gewalttäter glich Dostojewskis Großinquisitor, als dieser vom zurückgekommenen Jesus auf die spröden, ausgezehrten Lippen geküsst wurde, obwohl der greise Kleriker den Gottessohn am folgenden Morgen einer Autodafé überstellen wollte.

Viele Weiße teilten Kings radikalen Idealismus, marschierten Seite an Seite mit ihm, sangen mit ihm "We shall overcome" und übten Druck auf die Politik aus, damit sich diese endlich dazu durchringe, die zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Als King in den letzten Jahren seines Lebens erkannte, dass mit den Idealen von Freiheit und Gleichheit noch keine bessere Zukunft für die Schwarzen gesichert, ohne materielle Grundlagen keine Perspektiven zu gewinnen seien, versuchte er seine Positionen zu konkretisieren, sie von den rein abstrakten Werten, zu umsetzbaren Tatsachen im materiellen Dasein auszubauen. Wenn schwarze Kinder die Freiheit besitzen, in weißen Schulen unterzukommen, diese aber nicht besuchen können, weil es an materiellen Grundlagen fehle, dann kann man nicht von Freiheit sprechen. Freiheit ist keine Freiheit, wenn sie an materiellen Barrieren scheitert.
Konnte Martin Luther King mit seinem gewaltlosen Protest gegen die Ungleichheit und Unfreiheit weiße Befürworter an sich binden, ja selbst mit dem Nein zum Vietnamkrieg Pazifisten aller Hautfarben für sich gewinnen, so blieb ihm die Befürwortung für seine Einsichten, wonach Freiheit immer mit materiellem Fundament anzureichern sei, verwehrt. Freiheit und Gleichheit kosteten nichts, außer einem Sprung über den eigenen Schatten. Es unterstreicht die Tragik seines Todes, dass King keine Zeit mehr fand, sich der materiellen Frage der Schwarzen zu widmen.

Vor 40 Jahren starb der, der die Gewaltlosigkeit zur durchschlagenden Gewalt werden ließ. Er wurde feige aus dem Hinterhalt ermordet. King lehrt, dass unbeugsame Sturheit, dasjenige Mittel ist, ganze Gesellschaften zum Zusammenbruch zu bringen. Nur weil sich andere dazu entscheiden, psychische und physische Gewalt anzuwenden, ist der Weg Malcolm X's - der Gewalt mit Gewalt zu antworten - noch kein Muss. Wer sich standhaft in Sturheit übt, wer Nein sagt, wo es dem Gebot der Stunde nicht rechtens erscheint, steht immer auf der Seite des Sieges. Und sei es "nur" ein moralischer...

4 Kommentare:

alexander 4. April 2008 um 01:44  

Was mit Gewalt errungen wurde, lässt sich nur mit Gewalt halten: Dies gilt für die mittelalterliche Veste ebenso wie für politische und wirtschaftliche Emanzipation.

Der gewaltlose Weg verkörpert ohne Frage die edelste Form des Widerstands. Er ist anzustreben und allen anderen Vorgehensweisen vorzuziehen. Nur da, wo er unmöglich wird, darf über den eingeschränkten Einsatz von Gewalt überhaupt nachgedacht werden.

In bürgerlich-parlamentarischen Systemen wie der BRD und den USA mit ihren mehr oder weniger gültigen Grundrechtskatalogen ist dies bisher nicht der Fall. Andernorts dagegen schon. Man denke nur an diverse Befreiungsbewegungen in Lateinamerika und ihre massive Bedrängung durch Amerika und seine Vasallen. Der Verzicht auf Gewalt würde dort und anderswo häufig im sinnlosen Martyrium enden, denn Hoffnung auf die Gnade der Sieger wäre vergebens. Wo keine Weltöffentlichkeit ist, zeigt die Maschinerie ihr wahres Gesicht.

Dennoch sollte sich niemand der Illusion hingeben, Europa wäre in dieser Hinsicht eine Insel der Seligen. Man mag zum Beispiel über die Wirksamkeit von eher biederen Demonstrationszügen denken, was man will - ich persönlich zweifle immer mehr an dieser Ausdrucksform oppositionellen Denkens, die von Grund auf neu durchdacht werden müsste, so sie denn weiterhin eine Zukunft haben soll. Und trotzdem erfüllt mich der vor kurzem erfolgte Vorstoß der bayrischen Landesregierung zur weiteren Einschränkung eben dieses Grundrechtes mit Unbehagen.

"Reaktionäre Bayern, darf man nicht zu ernst nehmen, waren schon immer so unterwegs" wird so Manchem nun durch den Kopf gehen. Derartige Gesetzgebungsverfahren gehen jedoch Hand in Hand mit einem massiven Trend hin zum Ausbau der Überwachungsstruktur im ganzen Land. Die Freiräume schwinden also zusehends.

Das muss noch nichts heißen. Wenn aber die Unionsparteien bereits Truppen für den Fall innerer Unruhen sammeln möchten, muss doch die Frage erlaubt sein, wer hier zuerst ernsthaft über mögliche Gewaltanwendung nachgedacht hat. Denn um nichts anderes geht es beim Bundeswehr-Einsatz im Innern, darüber können weder der moderne Reichstagsbrand im Jahr 2001 in den USA noch das Schreckgespenst Osama hinwegtäuschen.

Roberto J. De Lapuente 4. April 2008 um 11:24  

Lieber Alexander,

ich stimme Dir zu, dass die Ritualisierung des Demonstrierens überdacht gehört. Diese Volksfestveranstaltungen, in denen Bier und Wurstbrote gereicht werden müssen, damit sich "Demonstranten" überhaupt dazu bemühen, ihr Recht auf die Straße zu tragen, hat nichts vom freiheitlich-selbstbestimmten Charakter.

Dennoch glaube ich, dass eine Gewaltlosigkeit, die stoisch und stur den eigenen Standpunkt flankiert, zu einer durchschlagenden Gewalt werden kann. Radikales Sturbleiben ist eine Waffe, das Sich-nicht-vom-Weg-abbringen-lassen kann Dynamit sein. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" oder "Und sie dreht sich doch" zeugen von der Durchschlagskraft.

Mariella 4. April 2008 um 11:59  

Zitat:
"Konnte Martin Luther King mit seinem gewaltlosen Protest gegen die Ungleichheit und Unfreiheit weiße Befürworter an sich binden, ja selbst mit dem Nein zum Vietnamkrieg Pazifisten aller Hautfarben für sich gewinnen, so blieb ihm die Befürwortung für seine Einsichten, wonach Freiheit immer mit materiellem Fundament anzureichern sei, verwehrt."

Schreibt die Netzeitung dazu:
"1999 sagte der Anwalt der Familie King in einem Zivilprozess, King sei ermordet worden, weil er gegen den Vietnamkrieg gewesen sei und 1968 einen großen Marsch nach Washington gegen die Armut geplant habe. An der Vertuschungsaktion nach dem Mord seien unter anderem FBI, CIA sowie Beamte auf Staats- und Kommunalebene beteiligt gewesen."

alexander 7. April 2008 um 13:39  

Zur Ergänzung des letzten Absatzes meines vorherigen Beitrags empfehle ich folgenden Artikel aus der Frankfurter Rundschau:

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/dokumentation/?sid=c481234eb127b65380a4676c7714138e&em_cnt=1313496

Natürlich besteht die Möglichkeit, es hier mit einem krankhaften Großmaul und Einzelgänger zu tun zu haben. Das ist zu hoffen. Denn wenn diese Person stellvertretend für eine größere Zahl bisher schweigsamer, aber umso einflussreicher Offiziere spricht, ist das eine höchst beunruhigende Entwicklung, der im (zugegebenermaßen eher unwahrscheinlichen) Falle ihrer äußersten Konsequenz mit gewaltfreiem Protest nur schwer beizukommen wäre.

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