BILD und die "Macht der Alten"

Donnerstag, 10. April 2008

Es fällt schwer zu glauben, dass alleine eine kleine Rentenerhöhung genügt, um die Reformer auf die Barrikaden gehen zu lassen. Wie tief muß deren Angst sitzen, wenn sie glauben, wegen ein Paar Euro mehr würde sich das Vertrauen der Bürger zur gesetzlichen Rentenversicherung wieder festigen? Denn an dieser "Vertrauensfrage" stößt sich die aktuelle Kampagne der Springer-Presse, die den Generationenvertrag zum Generationenkonflikt verwandelt. Wenn also nur eine geringfügige Erhöhung der Renten ins Land steht, dann könnte dadurch das bereits geschädigte Ansehen der umlagefinanzierten Rente wieder etwas aufpoliert werden und die Reformer hätten Monate medialer Indoktrinierung umsonst betrieben, geradezu wertvolle Energien im Kampf für die Privatrente und gegen die staatliche Rente verschenkt.

Eigentlich ist man es ja gewohnt, man kennt die Mittel, mit denen die BILD-Zeitung versucht, die gesellschaftliche Stimmung kippen zu lassen. Grundvorraussetzung ist der Totalitarismus, d.h. die Gleichschaltung sämtlicher relevanter Ressorts. Da äußert sich jeder Kolumnist einzeln - greifen wir unser Beispiel doch auf - zur staatlichen Rente, die politische Berichterstattung (sofern sie in der BILD überhaupt diesen Namen verdient) ist sowieso darauf getrimmt, das Feuilleton bzw. alle Zeilen feuilletonistischen Stils schlagen in die gleiche Kerbe, der Wirtschaftsteil berichtet von der "Gesellschaft der Greise" und dem "nicht mehr funktionierenden Rentensystem", wirbt im Nebensatz für Privatrente und - oft großformatige - Werbeanzeigen bieten "supergünstige" Volksrenten oder dergleichen mehr an. Dem Leser soll suggeriert werden, dass nur ein einziges Thema die Republik beschäftigt; ihm soll in sein Denken eingepflanzt werden, dass dieses Land kurz vor dem Ende steht, wenn man sich der Problematik nicht "schonungslos und mit aller notwendigen Härte" widmet.

Mit diesem journalistischen Totalitarismus, dieser Einheitsfront der BILD-Ressorts, hat die öffentliche Meinung derzeit zu kämpfen. "Öffentliche Meinung" klingt in Ohren der BILD-Macher gefährlich, geradezu freidenkerisch, weshalb eine pausenlose Agitation vonnöten ist, um den "kleinen Mann von der Straße" zu den hohen Weisheiten der Reformer zu führen.
Nachdem man bereits im Vorfeld gegen eine damals noch "mögliche" Rentenerhöhung wetterte, die entstehenden Unkosten als Staatsuntergang darstellte, reicherte man nach der Entscheidung, die Renten also um sagenhafte 1,1 Prozent zu erhöhen, die Diskussion um ein notwendiges Schlagwort an. Aus der "Rentenerhöhung" wurde nun der "Rentenbetrug", damit die zu beanstandende Veränderung auch nicht zu positiv klingt; damit sie mit etwas Verruchtem, geradezu Kriminellem in Konnotation tritt. Angereichert wird die "Berichterstattung" vom Rentenbetrug mit Worten jener Menschen, die selbst Rente beziehen und demnach die Profiteure der Erhöhung sind - wenn man bei 1,1 Prozent überhaupt vom Profitieren reden kann. Zwar finden sich einige erfreute Stimmen unter den Befragten, aber der Grundtenor der verrenteten Mehrheit ist klar: Die Erhöhung bringe ja doch nichts und die Jungen hätten es auszubaden. O-Ton: "Wenn jetzt auf Kosten meiner Kinder und Enkel zu viel erhöht wird, dann verzichte ich lieber. Ich will meine Kinder nicht belasten." Oder: "Diese Erhöhung ist doch Betrug an der Jugend."

BILD-Kommentator Oliver Santen setzt noch einen drauf: Er würde "belogen und betrogen". Egal wie plump, egal wie läppisch die Argumentation (im Falle Santens gibt es gar keine) - Hauptsache das Vertrauen in die Staatsrente wird weiter ausgehöhlt. Im Falle Santens ist das besonders dreist, denn als objektiver Betrachter kann der ehemalige Pressesprecher der Allianz nicht gerade gelten. Verstärkung erhält Santen von Thomas Straubhaar, den man wie immer als unabhängigen Wirtschaftsfachmann vorstellt. Der INSM-Mann verkündet unheilschwanger, dass zum ersten Mal die ältere Generation den Jüngeren gezeigt hat, wer im Land künftig das Sagen habe. Dies sei die "neue Macht der Alten". Nebenbei fordert dieser lupenreine Demokrat, dass man das Wahlrecht ändern müsse, um den Senioren nicht zu viel Macht zu überlassen. Das ist Demokratie, wie sie in der Zentrale der INSM begriffen wird. Man soll zwar wählen dürfen, aber der Wähler hat so zu wählen, dass es den Herrschenden genehm ist. Und dann phantasieren die Arbeitgeberknechte der INSM davon, dass in diesem Lande mittlerweile zu viel DDR herrsche - manchmal finden eben auch blinde Hühner ein Korn und Lügenbarone ein Fünkchen Wahrheit.

"Gekonnt analysiert" die BILD den greisenhaften Zustand der Bundesrepublik. So erkennt sie, dass z.B. auch die Parteien immer älter werden. Knapp die Hälfte aller CDU-Mitglieder sei mittlerweile über 60 Jahre. Das klingt so, als haben einst nur junge Menschen Politik gemacht. Adenauer, der bei seinem Amtsantritt 73 Jahre alt war, kann wohl nicht ernsthaft für diese These herhalten. Erhard und Kiesinger wohl auch nicht, Lübke war auch nicht gerade ein Jundspund. Und wenn heute weniger junge Menschen zu einer Parteimitgliedschaft finden, könnte das durchaus an einer Politik liegen (betrieben von relativ "jungen" Menschen wie Pofalla, Kauder und Merkel - wenn wir bei der CDU verharren, bei der SPD wäre es nicht besser -), die den Jungen kaum Perspektiven bietet. Wenn man betriebliche Probezeiten und damit die Möglichkeit einer begründungslosen Entlassung verlängert, Kündigungsschutz lösen will, Zeitverträge zum Standard erhebt, Leiharbeit hofiert und als wichtiges Werkzeug in der Arbeitsmarktpolitik vorstellt, dann darf man sich nicht wundern, wenn junge Menschen keinen Bezug zur Politik und damit zu einer Partei aufbauen können. Davon schreibt die BILD in ihrer "Analyse" nichts. Aber dafür warnt sie eindringlich: "Die neue Macht der Rentner - wird aus dem GenerationenVERTRAG nun ein GenerationenKONFLIKT?" - Eine berechtigte Frage, wenn man die Hetzpropaganda der BILD so betrachtet. Aber schuld ist natürlich der Rentner Gier, nicht die einseitige Berichterstattung der BILD.

Und wenn man glaubt, es könne nicht schlimmer kommen, dann kommt von irgendwo der "tägliche Wagner" daher. Selbstverständlich hat auch er einen Auftrag erhalten, der Einheitsfront innerhalb der BILD-Zeitung beizutreten. Und in gewohnt schmierigem Stil macht er sich daran, der Großeltern Liebe zum Enkelkind zu proklamieren: "Opas und Omas wollen, dass es ihren Kindern besser geht." Und: "Omas und Opas haben das Recht, dass man sie über die Straße begleitet und ihnen den Weg zeigt." - Sind wir nicht generös gegenüber den Senioren? Über die Straße geführt zu werden, das sei ihr Recht; eine winzige Rentenerhöhung zu gestatten, das übersteigt das Maß des Generösen aber um ein Vielfaches. Er beschließt seinen geistigen Auswurf damit, dass Großeltern sich nicht für Rentenerhöhungen interessieren, solange ein Enkel da sei, der sie nach Hause bringt. Oder anders: Ältere Menschen leben von der Liebe zu ihren Nachkommen, sie brauchen keine materielle Sicherung, denn sie sättigen sich am Stirnkuss, den sie ihrem Enkel aufdrücken. Angesichts dieses Gedankenguts, ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Empfehlung, um seiner Enkel willen möglichst früh sozialabzuleben.

Divide et impera! - Indem die BILD teilt, die Gesellschaftsgruppen spaltet, zwischen Jungen und Alten einen Stacheldraht zieht, ermöglicht sie sich selbst ein herrschendes Meinungsmonopol, dass nur selten hinterfragt wird. Die BILD zeigt in plumper Manier auf, wie Herrschaft konzipiert ist, wenn sie um ihrer Selbstwillen geschieht. Man verunmöglicht eine Gesellschaft, die in Einheit zueinandersteht, die sich selbst als Grundlage der Macht begreift; man beschäftigt sie mit gesellschaftsinternen Grabenkämpfen.

3 Kommentare:

ch 10. April 2008 um 12:47  

Reichlich konservativ argumentiert für einen progressiven Blog ;-)
Die staatliche Monopol-Rente ist längst gescheitert, da kann die BILD schreiben, was sie will. Sie leidet auch nicht an einem Mangel an Vertrauen, sondern an einem Systemfehler: Angesichts der demographischen Entwicklung können die aktiven Arbeitnehmer die Rentner nicht mehr finanzieren. Dies geschieht schon heute längst nur noch auf Pump - also durch Steuern auf künftige Arbeitnehmer. Da sehe ich auch von dir kein Gegenargument.
Ein Vertrauensverlust in die Staatsrente ist daher zu begrüssen - Arbeitnehmer haben heute wo möglich jenseits der Staatssysteme vorzusorgen, sonst stehen sie dereinst vor dem Nichts. Nicht Gezeter ob der verlorenen Vergangenheit ist also angebracht, sondern ein emanzipatorischer Schub, der die Arbeitnehmer aus den Fängen des Staates befreit.
Die Staasrente (Bismarck, anyone?) war nie ein emanzipatorisches Projekt - sie diente der Bindung und Gängelung der Arbeitnehmer durch den Staat und der Dämpfung revolutionärer Energien. Ein Abschied von der Staatsrente ist daher in jeder Hinsicht zu begrüssen. Je fürher dies geschieht, desto weniger schmerzhaft wird der Prozess. Dank konservativen Systemfritzen wie dem unsäglichen Blüm ist ohnehin bereits zu viel Zeit verstrichen.
Leider versagen in dieser Situation auch - mal wieder - die Gewerkschaften. Statt sich an ein überkommenes, korruptes System zu klammern (das den Funktionären natürlich Privilegien verschafft) sollten sie die Initiative ergreifen und den Arbeitnehmern Wege in neue, von Selbstbestimmung geprägte Systeme eröffnen. Man sollte sich einmal ausmalen, welche Macht die Arbeitnehmer plötzlich besitzen würden, wenn sie über das enorme Kapital der eigenen Altersvorsorge verfügen würden... (Statt dies in die treulosen Hände des Staates zu geben und sich damit zu Bittstellern zu machen.)

Erik P. 11. April 2008 um 08:30  

Da sagt der Lobbyist Roman Herzog was zur Rentner-Demokratie. Und daß die Alten immer mehr würden und gierig sind. Schon greifen alle Medien diesen verzerrten Denk-Dünnschiß auf. Spiegel, Stern und Focus haben diesen Mist, aus der Werkstatt des "Konvent für Deutschland" als wichtigste Tagesmeldung. So einer war mal Bundespräsident.

alexander 11. April 2008 um 14:37  

Zum sehr zweifelhaften Argument über den Zusammenhang von Demographie und Rentensystem:

http://www.youtube.com/watch?v=zafa_GIZjTA

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