Zu Ohren gekommen

Dienstag, 16. Juni 2015

Letzte Woche, das war der Gipfel. Also alle Welt sprach davon. Vom Gipfel. Von dem auf Schloss Elmau. Gipfel gibt es aber immer wieder. Gipfelkonferenzen durchziehen das politische Leben. Beim Gipfel der G8minus1 fiel es aber eklatant auf: Da tagte doch kein Gipfel, sondern bestenfalls die, die im Basislager 1 zelten und sich nicht mehr weitertrauen an die Spitze.

Denn »Gipfel« meint den höchsten Punkt. Die Spitze des Berges. Ganz oben. Ein Maximum und nicht mehr zu steigernder Punkt. Vom Gipfel aus geht es nur hinunter. Hinauf nicht mehr. Denn man ist am Ende des Berges angelangt. Aber genau das war dieser Gipfel zu Elmau nicht. Denn für die amtierenden Repräsentanten der Nationen gibt es von ihrem Amt immer noch einen Weg nach oben. Nämlich den, den sie nach ihrer politischen Karriere einschlagen können: In die Wirtschaft. In Aufsichtsräte und Vorstände von Firmen, die nicht nur den Markt beherrschen, sondern ganze Erdteile und letztlich auch das Geschehen auf der Welt.

»Gipfel« täuschte mal wieder darüber hinweg, dass auf dem oberen Ende der Berge nicht die sitzen, die man gemeinhin wählen darf, sondern solche, die sich den Platz aus dem Gefühl ihrer ökonimischen Stärke heraus sicherten. Ungefragt. Und ungewählt. Bei diesen Gipfeln sitzen also letztlich nicht die Höchsten zusammen, sondern Leute, die höchstens mittelgradig entscheidungsrelevant sind. Aber das gipfelt letztlich in der Einsicht, dass »Gipfel« ein schrecklich unreflektiertes Wort im Bezug auf solche Treffen ist. Es trifft ja mitnichten zu.

Vielleicht sollte man ganz im alpinistischen Sinne vom »Talstützpunkt der G7« sprechen. Von einem Basislager. Das würde den Irrtum ausschließen, dass diese Leute ganz oben in der Hierarchie der kapitalistischen Weltordnung sind. So wüsste man: Aha, da treffen sich nur Abteilungsleiter, die vielleicht weisungsbefugt sind, aber nicht im Namen ihrer Unternehmen entscheiden dürfen. Sie hocken in Zelten, die wie Schlösser, Yachten oder riesige Strandkörbe aussehen, am Fuße des Gipfels zusammen und warten auf ihren Aufstieg: Nach dem Amt. Vielleicht haben sie dann mehr zu sagen.

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Der Schein schafft das Bewusstsein

Montag, 15. Juni 2015

»Hört endlich auf, Dreck zu fressen«, ruft Denise Wachter dem »Stern«-Leser entgegen. Aufhänger sind die neuen alten Entdeckungen von Wallraff. Dinge, die jeder wissen konnte und viele wussten und die erst jetzt wieder in die Agenda aufrücken, weil RTL etwas dazu sendete. Genauso schnell wird die Empörung auch wieder verschwinden. Na ja, jedenfalls sollen wir keinen Dreck mehr fressen. Richtig so! Aber der Aufruf Wachters verkennt die Lage.

Wachter schreibt richtig, dass die Menschen den Bezug zu ihrer Nahrung verloren haben. Sie wollen anonymes Fleisch ohne Tiergesicht und Tieraugen. Das niedliche Mitwesen soll mit dem, was wir auf unserem Teller liegen haben, nichts zu tun haben. Wurst soll Wurst sein und nicht das Produkt aus einem ehemals lebenden Wesen. Und sie behauptet auch ganz richtig, dass Essen heute in erster Linie billig sein muss. Die Menschen gieren nach günstiger Sättigung und vergessen darüber auch nachzufragen, woher das stammt, was sich ihr Körper einverleibt. Daher ist ein neues Bewusstsein nötig. Nachfragen und so. Wer das tut, der wird den Dreck, den wir heute oft essen, nicht mehr verzehren wollen. Wenn wir die Entfremdung zum Essen ablegen, dann fällt quasi die Billigheimelei und der Dreck landet im Abfall und nicht in unseren Mägen.

Das klingt alles logisch und auch irgendwie richtig. Aber es erinnert an das grüne Ermahner-Leitmotiv. Die Grünen predigen seit Ewigkeiten vom Bewusstsein und davon, dass man das billige Produkt meiden kann, wenn man sich bewusst macht, wie es entsteht. Sie fanden von jeher, dass der Verbraucher diese Macht hätte, wenn er nur wollte. Da gibt es nur ein Problem: Der Verbraucher ist kein Machtmensch. Der Großteil der Verbraucher ist eher machtlos, weil er nicht die Wahl hat, einfach mal teurere Produkte zu erwerben oder regelmäßig sein Fleisch beim Schlachter und Metzger um die Ecke zu holen. Viele Verbraucher können sich die Metzgerwurst nicht mal einmal pro Woche leisten, weil dies ihr Haushaltsbudget sprengen würde. Die Verbrauchermacht ist eine leere Worthülse, weil sie nur dort aktiv sein kann, wo der Verbraucher auch Macht im Geldbeutel hat. Doch daran scheitert es.

Die Lohnzurückhaltung der letzten Jahrzehnte hat bewirkt, dass viele Arbeitnehmer heute dringender im alltäglichen Leben sparen müssen, als je zuvor. Millionen von Menschen sind arbeitslos oder arbeiten unter Bedingungen, die direkt in der Armutsstatistik münden. Welche Macht sollen diese Menschen im Supermarkt haben? Sie sehen den billigen Schinken für 88 Cent und ein Regal weiter oben ein Produkt eines regionalen Metzgers, das besser aussieht, eine gesündere Farbe hat, ja vielleicht sogar ordentlich produziert wurde (sicher ist das allerdings nicht) und das dafür auch gleich 2,39 Euro kostet. Qualität kostet - ganz klar. Diese Wahl wird trotzdem keine Qual, wenn man auch nächste Woche noch etwas essen muss von Geld, das diese Woche schon zu knapp ist.

Das ist das ewige Problem in einer Gesellschaft, in der Löhne stagnieren und die Kaufkraft schwindet. Klar, der Verbraucher ist auch schuld an diesen Zuständen. Weil er den Dreck kauft und frisst, wird Dreck hergestellt und verkauft. Aber es ist ein arroganter und dekadenter Ansatz, einfach mal zu einem neuen Bewusstsein aufzurufen. Die Grünen haben das bis heute nicht kapiert. Sie haben nicht begriffen, dass Ökologie und Soziales zusammenhängen. Eines alleine klappt nicht. Verbrauchermacht stärken bedeutet indirekt immer auch, den Sozialstaat zu stärken. Dafür zu sorgen, dass Löhne steigen und die Lohnersatzleistungen gewährleisten, dass man nicht täglich günstige Tiefkühlkost konsumieren muss. Ökologisches Verständnis benötigt autarke Verbraucher. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Es wird sich nichts ändern können. Der Dreck wird weiterhin in unserem Bauch landen. Er ist systemimmanent. Der Sparstaat fabriziert nicht nur Armut, er schafft auch Märkte, auf denen man mit absoluter Kaltschnäuzigkeit eine Klientel bedient, die sich nur diese Qualitätslosigkeit leisten kann. Für viel zu viele muss es heute günstig sein. Dafür können sie nichts. Wer den Menschen bewusst machen will, welchen Dreck sie fressen, der muss ihnen die finanziellen Mittel dazu geben. Nur mit Münzen und Scheinen kann man bewusster konsumieren. Und wusste nicht schon Marx, dass der (Geld-)Schein das Bewusstsein schafft? Jedenfalls so ähnlich ...

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Zwei wertlose Ehen oder Anne Boleyn führte eine gute Ehe

Samstag, 13. Juni 2015

Es kommt nur noch selten was Brauchbares aus sozialdemokratischen Mündern. Im Zuge der Debatte zur Homo-Ehe gab es einen Zwischenruf eines Sozialdemokraten namens Roth. »Und was ist mit der Bundeskanzlerin?« soll er gerufen haben. In der Union sind sie deswegen empört. Nicht oft hat bis dato jemand im politischen Betrieb das krude Weltbild der »Familienschützer« so prägnant auf den Punkt gebracht wie eben jener Roth.

Die Konservativen tingeln nun durch die Talkshows und unterbreiten der Öffentlichkeit ihr Weltbild. Es gehe ihnen um den Schutz der Familie, sagen sie. Daher das Nein zur Homo-Ehe. Sie könne nicht gleichgestellt werden. Besonderer Schutz entstehe quasi durch die Zeugungskapazitäten, die die traditionelle Ehe ermögliche. Anders gesagt, geht es ihnen ums Kinderkriegen. Man müsse Bündnisse zwischen Mann und Frau besonders schützen, weil aus ihnen eine richtige kleine Familie werden könne. Das geht aus deren Ausführungen immer wieder deutlich hervor. Wenn es um Ehe geht, legen sie gleich verbal mit Kindern nach, als ob beides immer synchron geschehen würde. Wenn nun eine Ehe kinderlos bleibt, wie kann sie dann bei dieser Lesart überhaupt noch Anspruch auf Schutz haben? Und im Zuge dieser Logik sind beide Ehen der Kanzlerin völlig wertlose Partnerschaften gewesen, die sich den besonderen Schutz des Staates erschlichen haben.

Roth hat das mit seinem kleinen Zwischenruf auf den Punkt gebracht. Er hat nicht weniger getan, als das gesamte Denkmodell dieser »Geistesgrößen« zu enttarnen. Wenn die fehlenden Fertilität ein Kriterium ist, um eine Konstellation nicht zu fördern, dann müssten viele Ehen zwischen Männern und Frauen unwirksam sein.

Insofern führte beispielsweise Heinrich VIII. eine gute zweite Ehe. Aus seiner ersten wollte und wollte kein Kind entstehen. Und als er abends bei Anne Will den Thomas Goppel reden hörte, betrat er die Kemenate seiner Catalina und sagte: »Hör zu, unsere Ehe hat keine Grundlage. Der Goppel hat es mir gerade bestätigt. Ich will die Scheidung.« Die erzwang er dann und heiratete Anne Boleyn. Beide führten eine glückliche Ehe. Denn sie bekamen ein Kind. Heinrich musste nicht mehr den Kopf verlieren. Das tat dann dafür Anne. Ehe ist ein Geben und Nehmen. Aber die Ehe an sich war gut. Das bittere Ende muss man so stehenlassen. Jede Ehe endet auf die eine oder andere Art mies. Deswegen kann sie doch vorher glücklich gewesen sein.

Ach komm schon, werden jetzt einige sagen. Heinrich und Anne und Elizabeth: Das ist doch Mittelalter - was hat das mit der Debatte zu tun? Epochal betrachtet ist die Einschätzung zwar falsch (das Mittelalter endete schon vorher), aber grundsätzlich stimmt es: Es geht in der Debatte um Mittelalter. Goppel und sein Auftritt: Das war mittelalterlich. Heinrich VIII. Privatleben heranzuziehen ist daher gar nicht so unstatthaft. Wer sich geistig auf dem Niveau von 1530 bewegt, dem kann man auch die Protagonisten jener Jahre als Vorbilder auf die Nase binden. Und der muss sich gefallen lassen, dass man die zwei Ehen seiner Chefin thematisiert und für kritisch betrachtet.

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In den Schnee gepisst

Freitag, 12. Juni 2015

Gut, ihr Umweltschützer, dann jubelt und feiert mal schön. Lasst die Kanzlerin und die anderen G6 hochleben. Und wenn ihr dann ausgejubelt habt, dann schnell zurück auf den Teppich und realisieren: Scheiße, das war nur ein Beschluss unter Marionetten. Einer, den man eigentlich erst gegen die Industrie und die Lobbyisten durchboxen müsste.

Was dort beschlossen wird, das sind Absichtserklärungen. Mehr nicht. Vorhaben eben. »Ob die auf dem Gipfel eine Beschluss verkünden oder gemeinsam was in den Schnee pissen, hat die gleich Verbindlichkeit.« Der Satz ist leider nicht von mir. Er ist von Volker Pispers. Und er zielt ins Schwarze. Genau so ist es. In Elmau saßen Leute, die nicht nur Mehrheiten brauchten, um ihre in netter Atmosphäre beschlossenen Beschlüsse in die Tat umzuwandeln. Dort saßen vorallendingen Leute, die zunächst bei Konzernen antichambrieren und katzbuckeln müssen, um etwaige Beschlüsse verwirklichen zu wollen. Denn allen Berichten zum Trotz, dort hockten eben nicht die mächtigsten Menschen auf Erden um einen Tisch. Es waren eher die Befehlsempfänger der mächtigsten Gesellschaften der Welt, die man in die Alpen verfrachtete. Aber ohne Rücksprache mit der Automobilindustrie, den Lobbyverbänden, den Mineralölunternehmen und der Schwerindustrie ist da nichts zu machen.

Aber die Medien tönen, als werde auf solchen Veranstaltungen die Welt verändert. Als sei es von existenzieller Bedeutung, wenn dort in Schnee gepisst wird oder man Schneeengel fabriziert. Sie halten die schöne Vorstellung aufrecht, dass die Fäden der Welt von denen gezogen werden, die die Wähler dieser Welt mit Fäden ausstatten. Gerade so, als gäbe es das Primat der Politik noch.

Bloß das gibt es eben nicht mehr. Nicht in zentralen Fragen. Da ordnet sich alles dem Wirtschaftslobbyismus unter. Und ob diese Leute auf ihrem Schloss nun beschlossen haben, die Erde zu einem saubereren Ort zu machen oder nicht, ist in etwa so, als würde ich heute spontan den Beschluss fassen, mir eine Villa im Toskana-Stil am Rande der Weinberge mit Pool im Patio zuzulegen, ohne jedoch vorher mit dem Kundenberater meiner Bank gesprochen zu haben, der mich gemeinhin berät und mir Kredite auch verweigern kann. Die Staats- und Regierungschefs zu Elmau haben etwas verkündet. Gut. Sie haben aber nicht danach gefragt, ob sie dafür überhaupt Kredit erhalten. Jubel erscheint da doch vorschnell.

Am Ende scheitert es dann vielleicht, wie es immer scheitert. Einer aus der Gruppe schert aus, verbalisiert, dass die Pläne zunächst nicht umsetzbar wären und dann heißt es, dass man gewollt hätte, aber da ist mal wieder einer abgesprungen, tut uns leid. Unter Umständen wird das der nächste Republikaner bestellen, der ins Weiße Haus zieht und traditionell keinen Hang zum Umweltschutz hat. Bei der Bildzeitung tourt Jeb Bush schon mal vor dieser Tage. Gewöhnen wir uns schon mal an sein Gesicht.

Man sollte sich in der Postdemokratie abgewöhnen, die Dinge, die man uns serviert, auch als die Dinge anzusehen, die wir verzehren dürfen. Beides hat in diesem Nachsystem keine Korrelation mehr. Beides ist voneinander unabhängig. In der Postdemokratie geht es für die Verantwortlichen darum zu punkten, sich medial aufzuhübschen, sich als Gewissenhaftigkeit für die nächste Wahl zu qualifizieren und lauter so Absichten mehr. Umwelt- und Klimaschutz kommen gut an. Sie garantieren Zuspruch. Was dann konkret geschieht, das muss man ja nicht gerade in Elmau besprechen. Hinstellen, was sagen, Einheit zeigen und sich feiern lassen. Aber das letzte Wort, das sprechen andere. Das sagt man nur eher selten, denn es soll demokratisch aussehen im Westen.

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Opposition ist auch nicht übel

Donnerstag, 11. Juni 2015

Regieren wäre schon schön. Das wollte Gysi auch den Linken mit auf den Weg geben. Regieren ist bekanntlich ja auch das Ziel jeder Partei. Stimmt das eigentlich? Und was heißt »Regieren« überhaupt? In einem kapitalistisches Europa heißt links regieren vielleicht eher, aus der Opposition heraus seinen Stempel aufzudrücken.

Die Linke sollte also unbedingt in Angriff nehmen, bald schon auf Bundesebene zu regieren. Das jedenfalls ist das Schlusswort, das Gregor Gysi seiner Partei mit auf dem Weg gab. Natürlich hat er recht. Regieren, also der Gesellschaft seinen Stempel aufzudrücken, dafür politisiert man doch, tritt einer Partei bei oder wählt sie zumindest. Die »potenzielle Regentschaft« ist so eine Art Urmotiv des Parteienwesens. Wer antritt, der will auch das höchste denkbare Ziel erreichen. Sonst müsste er quasi gar nicht erst antreten. Regierungsbeteiligung ist also der Antrieb jeder Partei. Wer sie nicht im Auge behält, der widerspricht dieser Metaphysik des Parteilichen. Aber stimmt das eigentlich? Ist das Regieren das finale Ziel jeder Partei? Oder haben Parteien auch ein Leben außerhalb dieser Logik?

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Später Dank

Mittwoch, 10. Juni 2015

Nochmal recht herzlichen Dank an GuttenPlag Wiki. Man kann es eigentlich nicht oft genug sagen. Und je öfter er jetzt als »Elder Statesman« den Mund aufmacht, desto dankbarer muss man sein. Danke, dass ihr seine politische Karriere verhindert habt. Hoffentlich nachhaltig.

Denn was der Mann absondert, zeigt nur, dass man da in der Union mit einem Mann zündelte, dessen Ausrichtung mit »konservativ« wahrscheinlich noch als »zu links« definiert wurde. Kürzlich erklärte er seiner Haus- und Hofpostille, dass beim Treffen der G7 einige Gutmenschen am Rande demonstrierten. (Nee, einen Link setzen wir hier mal nicht. Aus Gründen des guten Geschmacks.) Gutmenschen. Das ist die Sprache der Neonazis. Aber der Mann, der Bundesminister war, nimmt dieses verunglimpfende Wort in seinen Text auf, als sei nichts dabei. Der Gutmensch ist einer, dem man nachsagt, dass er seinen Humanismus und seinen Altruismus in der harten Wirklichkeit völlig falsch anwendet. Er ist ein gefährlicher Schwächling, der die Ordnung stört. Es handelt sich um einen Begriff, der diejenigen, die im Zuge anderer Prämissen als Machtgeilheit oder Profitorientierung handeln, als nicht richtig überlebensfähig verunglimpfen soll.

Laut Deutschen Journalisten-Verband geht das Wort auf die Nationalsozialisten zurück. Den Anhängern des Kardinal Graf Galens, der gegen die Vernichtung so genannten lebensunwerten Lebens predigte, sagte man Gutmenschentum nach. Wirklich erstaunlich, dass einer, den sie zum Bundeskanzler machen wollten, heute dieses Unwort benutzt, als sei nichts daran. Bei den Abendlandsern kommt eine solche Ausdrucksweise gut an. Und das aus dem Munde eines Doktors. Na ja, fast ...

Härte gegenüber Putin mahnt er außerdem an. Von einem Atlantiker ist freilich gar nichts anderes zu erwarten. Aber dass er Putin als trotziges und rülpsendes Kind karikiert, dem man mal ordentlich den Hosenboden versohlen sollte, das wirft ein erschreckendes Bild auf die Weltsicht des Ex-Doktors ab. Ist die Welt ein Kindergarten und politische Zusammenhänge vergleichbar mit den Ereignissen einer Kindestagesstätte? Wenn einer loslegt, die Welt mit solchen Vergleichen erläutern zu wollen, muss man in Lauerstellung gehen. Das ist nicht nur dumm - das ist hochgradig bagatellisierend. Denn mit Gouvernantenmethoden lassen sich europäische Probleme nicht beheben. Man sperrt kein nerviges Kind aus, sondern einen Repräsentanten eines Landes, das von der Fläche mehrfach Europa in sich aufnehmen könnte. Wer den exklusiven Westen mit Infantilitäten gleichsetzt, der verwechselt Kriegstreiberei mit einem Kinderspiel und offenbart sein Kindergartenniveau. Und dieser Mann war Minister und wollte noch höher hinaus. GuttenPlag Wiki, vielen lieben Dank. Man kann es wahrlich nicht oft genug wiederholen.

Trittin, der jetzt gegen G7-Treffen ist, unterstellt der ehemalige Minister nun, er habe damals selbst G7-Treffen mitorganisiert. Und damit sind wir angelangt in 1984. Saß der Mann dem Miniwahr vor? Scheint so, denn bis vor kurzen gab es noch keine G7. Den einen haben sie abgetrieben; da warens nur noch Sieben. Aber das hat er einfach ausgeblendet. Wie ein wahrer Miniwahr-Angestellter tilgt er die Vergangenheit und tut so, als habe Putin und Russland nie dort existiert. Was, Ostasien war unser Freund? Quatsch, Ozeanien war es. Immer schon. Und mit Ostasien waren wir im Krieg. Es war nie anders.

Letztlich ist der Mann dann auch noch enttäuscht, dass die Leute nicht gegen Trittin, sondern gegen die G7 auf die Straße gehen. Gegen die Hungermacher, die Ausbeuter, die Profiteure, die Kriegsinkaufnehmer. Unglaublich dergleichen, oder nicht? Wie gesagt, nochmals herzlichen Dank, dass der Typ nur noch beschissene Kommentare in Zeitungen schreiben darf. Mehr wäre ein Debakel. Und mit der Merkel schlagen wir uns schon desaströs genug. Es muss ja nicht immer schlimmer kommen, als es eh schon ist.

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Unterwürfig

Dienstag, 9. Juni 2015

Houellebecqs »Unterwerfung« beinhaltet tatsächlich viele Aspekte. Islamophobie, wie man es ihm nachsagte, allerdings nur in Spuren. Wenn überhaupt. Denn der Islam kommt bei ihm nicht schlecht weg. Er skizziert ihn als eine ordnende Kraft für Europas moribundes Demokratiewesen. Diese Ansicht muss man aber auch nicht teilen. Viel mehr aber hat der Mann ein Buch über die letzten Zuckungen der Postdemokratie abgeliefert.

Was hat man nicht alles über dieses Buch gelesen. Islamfeindlich sei es. Oder aber: Da würde endlich einer die Islamisierung des Abendlandes mal trefflich beschreiben. Finger in die Wunde, Salz gleich dazu hinein und all sowas. Tja, ganz so simpel ist sein Roman aber dann doch nicht. Houellebecq war ja nie ein eindeutiger Autor. Er beleuchtete stets viele Facetten und hielt sich so Interpretationsspielräume frei. So auch in »Unterwerfung«. Die Moslems, die in dem Buch zur politischen Macht gelangen, sind eher gemäßigt und wirken nicht wie talibanöse Bestien. Natürlich drücken sie der Gesellschaft ihren Stempel auf. Aber es wäre auch ein langweiliger Roman über eine Zäsur im politischen Betrieb, wenn diese Zäsur überhaupt keine Auswirkungen hätte. Grundsätzlich ist sein Buch aber eine Abbildung der postdemokratischen Wirklichkeit. Houellebecq legt zwar nicht konkret dar, wie es dazu kommen konnte, dass plötzlich die Muslimbrüder und die Front Nationale die letzten Optionen für die Wähler waren. Aber es liegt auf der Hand.

Für ihn hat die liberale Gesellschaft vollkommen versagt. Das ist nicht neu. Wer sein Werk kennt, der weiß, dass Houellebecq eine unterschwellige Sehnsucht nach Ordnung und gesellschaftlicher Harmonie pflegt. Die säkulare Gesellschaft hat durch den Verlust von Religion und Gott Bezüge zur Moral verloren und Hedonismus und Egomanie zu Grundlagen gemacht, die das alte Fundament nicht auffüllen können. Neu ist jedoch, dass Houellebecq nicht mehr dem christlichen Mittelalter sehnsüchtig nachwinkt. Er lässt eine neue Ordnungskraft auftreten: Den Islam. Das ist Religionsromantik in reinster Form. Wer sie mag, bitteschön ...

Die westlichen Demokratien zermürben sich nach Deutung des Autors wie gesagt zwischen dem Hedonismus der einen und der Ausrangiertheit der anderen. Armut und Perspektivlosigkeit auf der einen Seite, satte Egomanie auf der anderen - in diesem Gefälle ist für Parteien der Mitte nach und nach kein Raum mehr. Und in seinem Buch sind es explizit diese Parteien, die sich als Volksparteien verstanden haben, die den Weg allen Irdischen gehen. Sie gehen unter und fusionieren am Ende sogar mit den neuen Mächten. Da hatten sie schon resigniert. Ihr Kampf gegen extreme Positionen war kurz und schwach. Erschöpfte sich in Ritualen, in Worthülsen. Der amtierende Präsident Hollande zum Beispiel, so beschreibt der Autor es, wurde im heißen Wahlkampf nicht mal mehr medial wahrgenommen. Er saß der Republik zwar vor, aber war faktisch nicht mehr existent.

Rituale, Worthülsen, so tun als ob, sich in Statements erschöpfen - das sind die Schlagworte einer Wirklichkeit, die sich von der Demokratie in die Postdemokratie verabschiedet hat. Und haargenau das beschreibt Houellebecq. Neofaschisten und Muslimbrüder sind nur Protagonisten, die in die Szenerie aufgenommen werden, um den Niedergang der westlichen Demokratie zwischen neoliberaler Sparpolitik und elitärer Megalomanie zu karikieren. Sie sind die Germanen, die die römische Dekadenz überrennen und das Vakuum einnehmen, in das sich Rom manövriert hat. Das hat Houellebecq letztlich abgeliefert: Ein Buch über das Schwinden. Eine Enttarnung eines Systems, dass viel von individueller Partizipation spricht, aber letztlich wenig davon bietet.

Die Medien haben aus seinem durchaus trockenen und wenig beschwingten Buch etwas ganz anderes gemacht. Charlie Hebdo hat es auch instrumentalisieren wollen. Das kommt vor. Es gibt immer welche, die Bücher falsch deuten. Alle sind sie darauf angesprungen und haben darüber gesprochen, als ob sie es gelesen hätten. Alle haben eingestimmt in den Chor. Unterwürfig. Kann sein, dass der Islam Unterwerfung verlangt und zu guter Letzt bedeutet das Wort ja auch buchstäblich dieselbe. Aber unterwürfig sind besonders auch die Jünger, die einem vormachen wollen, dass der Islam über uns hereinbricht, wie die Pest in manches mittelalterliche Dorf. Sie sind unterwürfig genug, immer nur das herauszulesen, was sie herauslesen wollen. Das ist nicht die Unterwerfung des Islam, sondern diejenige der Okzidentalen, die etwas retten wollen, was nach Houellebecq unrettbar verloren ist.

Ach so ja, langweilig ist das Buch auch noch. Der Mann hat abgebaut. Aber darum geht es ja nicht ...

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... wenn man trotzdem lacht

Montag, 8. Juni 2015

»Es gibt zwei Möglichkeiten, Karriere zu machen: Entweder leistet man wirklich etwas, oder man behauptet, etwas zu leisten. Ich rate zur ersten Methode, denn hier ist die Konkurrenz bei weitem nicht so groß.«

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Die skandalisierte Kritik, die ein Bekenntnis zur NSA ist

Freitag, 5. Juni 2015

Die fußballbegeisterten Deutschen können sich nun mit der NSA versöhnen, denn sie hat an der Verhaftung der FIFA-Funktionäre mitgewirkt. Jedenfalls sieht der Springer-Primus das so. Das ist nur einer von vielen Persilscheinen der Bild-Zeitung für die NSA.

Vor einigen Tagen hat die Bildzeitung mal wieder klargestellt, dass die NSA ja doch nicht ganz so mies sei. Immerhin habe sie nach Ansicht der Zeitung angeblich dafür gesorgt, dass der FIFA-Sumpf jetzt trockengelegt würde. Denn den Vereinigten Staaten stünden starke Mittel zur Verfügung – und jeder Staatsanwalt könne die Hilfe des Geheimdienstes anfordern, wenn er es für nötig hält. Beweise für diese These liefert die Bild jedoch nicht.

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Nur 55 Prozent Würde

Mittwoch, 3. Juni 2015

Lutz Hausstein hat es mal wieder getan. Er hat die Menschenwürde in Ziffern bemessen. In Euro. Freilich, die Menschenwürde ist eigentlich unbezahlbar. Aber so kann man in dieser Welt wohl nicht mehr argumentieren. Also muss einer rechnen. Und da kam Lutz ins Spiel. Bei 730 Euro im Monat fängt die Menschenwürde an. Alles darunter ist unwürdig.

Der derzeitige Eckregelsatz deckt die Würde des Menschen, die bekanntlich ja unantastbar sein soll, nur zu 55 Prozent ab. Ein Minimum an Lebensstandard ist damit nicht zu machen. Man muss knapsen, sich vom Mund absparen und sich die Haare selbst schneiden. Für Sparfüchse und Romantiker natürlich kein Problem. Aber die sind kein Maßstab die Würde betreffend. Lutz Hausstein hat dezidiert aufgelistet, wieviel ein Mensch benötigt, um partizipieren - das heißt: um würdig an dieser Gesellschaft teilhaben - zu können. Aber der Regelsatz des Arbeitsministeriums ist nur ein Teilzeit-Regelsatz, einer, der bei 55 von 100 aufhört, weil es die neoliberale Agenda und ihre manischer Sparzwang so vorgibt. Und nicht mal diese Semi-Würde ist unantastbar, denn von ihr sanktionieren sie auch noch Beträge weg, wenn sie glauben, dass man es verdient hat.

Kurz vor Weihnachten crowfundete Hausstein, um seine Studie finanzieren zu können. Die Finanzierung ging recht flott. Eine ganze Menge Menschen hatte wohl im Gefühl, dass mit der Würde, wie man sie im Sozialgesetzbuch errechnet, irgendetwas faul sein muss. Dass sie dort nur ein Alibi ist, eine Maßnahme, die suggerieren soll, dass keiner hinten runterfällt. Aber wenn man dann mal drinsteckt, wenn man diese Leistung bezieht, geht es recht schnell. Ersparnisse brauchen sich auf. Dringend notwendige Anschaffungen werden verschleppt. Überall Entbehrung und Knappheit. Aus der DDR blieb nicht viel. Den Hartz-IV-Beziehern blieb aber das mangelwirtschaften. War ja nicht alles schlecht im Osten, nicht war liebe Austeritätsjünger?

Was Lutz Hausstein errechnet hat, ist schlicht und ergreifend, dass die Würde des Menschen im neoliberalen Deutschland eben doch antastbar ist. Und zwar massiv. Das ist ja in vielen Bereichen so. In Asylbewerberheimen oder an Arbeitsplätzen. Dort fehlen nicht unbedingt nur 45 Prozent bis zur vollen Würde. Eher so 75 bis 95. Aber nichtsdestotrotz fehlt die Vollwertigkeit eben auch, wenn man einen dieser verfluchten Anträge zur Gewährung von Sozialleistungen ausfüllen muss. Dank Lutz Hausstein wissen wir es mal wieder. Aber Wissen ist eben noch lange keine Macht.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 2. Juni 2015

»Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.«

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Guten Tag, guten Abend und gute Nacht

Montag, 1. Juni 2015

Was immer er auch tat, um seine Welt zu entdecken und hinter die Fassade des Hochglanzes zu spähen, die ihm umgab - immer kam etwas dazwischen. Irgendetwas Hanebüchenes oder Kurioses. Als sich der Schauspieler, der vor Jahren seinen in der See ertrunken Vater spielte, wieder ins Bühnenbild schummelte, und er ihn zufällig an der Bushaltestelle entdeckte, da drängte ihn plötzlich eine Gruppe regelrecht aufgestachelter Läufer von »dem Toten« ab. Und als er sah, dass der Lift gar keiner war und dahinter Kameramänner und Beleuchter Kaffeepause machten, da hieß es Minuten später im Radio, dass in diesem Gebäude mit Bauarbeiten begonnen wurde.

Nichts war den Machern der »Truman Show« zu albern, um ihren Star, um Truman Burbank in diesem überdimensionalen Studio, in der ihm bekannten Welt, zu halten. Mal imitierten sie ein Atomleck, weswegen die Straße aus der Stadt (und aus dem Studio) heraus gesperrt war. Oder es verstopften exakt immer dann Autos den Kreisverkehr, wenn Truman sich auf Erkundungsfahrt machen wollte. Einen Flug ins Ausland konnte er nicht buchen, weil alle Flüge voll waren. Selbst in einigen Wochen. Und als die Sehnsucht nach seinem verstorbenen Vater dieses unkalkulierte Fernweh zur Gefahr für die Sendung werden ließ, stand der eben wieder ganz offiziell von den Toten auf. Die ungeheuerliche Erklärung bereitete der Regie kein Kopfzerbrechen. Er würde es wohl schon schlucken, dieser Trottel.

Ungefähr so läuft es nun am Rande des Schlosses Elmau. Man möchte wie Truman hinter die Kulissen gucken, den Mächtigen auf den Pelz rücken und ein Protestcamp initiieren. Und irgendeine Regie entblödet sich nicht, ein Verbot mitsamt hanebüchener Begründung zu liefern: Hochwassergefahr. Gut möglich, dass gar kein Wölkchen am Himmel steht. Aber wenigstens hat man eine Erklärung, um dieses lästige Verhalten der Anti-G7-Aktivisten zu unterbinden. Und wolkenloser Himmel heißt ja nicht, dass man nicht behaupten könnte, es regnete Ozeane vom Himmel.

Als die »Truman Show« damals ins Kino kam, lobte man Regisseur Peter Weir für seine Beobachtungsgabe. Er habe die Auswüchse des Reality-Fernsehens auf die Spitze gebracht und logisch zu Ende gedacht, was irgendwann wohl auch Realität werden würde. Heute muss man sich fragen, ob nicht die Machthaber Weirs Film geguckt haben und logisch in die Praxis umsetzen, was ihm bzw. dem Drehbuchschreiber (immerhin für einen Oscar nominiert) vorschwebte. Denn das Scheinidyll von Seahaven - so der Name der Orts, in dem Truman aufwuchs und der wie gesagt in einem gigantischen Studio liegt - ähnelt diesem Westen durchaus. Der kann zwar nicht das Wetter simulieren, aber es so prognostizieren, dass es passt - und er kann immerhin Demokratie und Partizipation simulieren. So tun als ob alles noch funktionert.

Irgendwas kommt eben immer dazwischen. Truman hat das schnell geschnallt. Wir lernen es indes Jahr für Jahr ein Stückchen mehr. Ob nun Regie bei der »Truman Show« oder G7- oder G8-Veranstalter: Keine Ausrede ist zu blöd. Und wenn Meteorologen den Regen ausschließen, dann schicken sie eben eine Horde von Joggern, die die Demonstranten abdrängt. Wenn man Menschen in eine simulierte Wirklichkeit sperren will, muss man flexibel sein und um keine Ausrede verlegen. Nichts ist absonderlich genug, alles kann irgendwie als Stellungnahme herangezogen werden. Man macht sich nicht mal mehr die Mühe, den Menschen stichhaltige Argumentationen zu liefern. Früher hatte man Phantasie bei der Entdemokratisierung. Man entwarf Ausreden, die man schlucken konnte. Seitdem wir Postdemokratie sind, ist es auch mit der Erfindungsgabe aus.

Die »Truman Show« war keine Demokratie. Musste sie ja auch nicht sein. Was ungefähr geschehen sollte, stand im Drehbuch. Und die, die sind auf Elmau treffen, legen jetzt mal wieder das Storyboard fest. Guten Tag, guten Abend und gute Nacht, liebe Restdemokratie. Du bist es nicht mal mehr wert, dass sie dich mit guten Ausreden zu Grabe tragen. Wo ist der Ausgang aus diesem Studio und der imitierten Idylle? Aber sie lassen uns nicht raus. Und rein schon gar nicht. In Elmau. Sie bleiben unter sich da oben.

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§ 140 SGB III, Zumutbare Beschäftigungen

Freitag, 29. Mai 2015

Also heuerte ich doch nochmal bei einem Pizza-Service an. Ich brauchte die Kohle und das Jobcenter brauchte mich außerhalb der Statistik. Und der Boss brauchte dringend jemanden, drückte mir bei meinem Vorstellungstermin seinen Autoschlüssel in die Hand und ich fuhr prompt Pizza über die Ortschaften am Rande der Stadt. Ich hatte selten so widerliche Zeug gegessen wie das, was aus seiner Küche kam. Der Stundenlohn war ein Witz. Aber ich wollte eben meine Ruhe vom Jobcenter, weniger Termine dort über mich ergehen lassen und nicht dauernd mit Maßnahmen gedroht bekommen.

Nach meiner spontanen Fahrt stellte er mich ein. Er hieß Heinrich und ich sollte ihn duzen. Sein Laden war nicht sehr sauber. Er auch nicht. Der Typ war sicherlich jenseits der Sechzig oder einfach nur verbraucht. Gelernter Koch. Jetzt pantschte er Pizza zusammen und brachte sie an den Mann. Heinrich war vielleicht kein Nazi, aber einer dieser Alltagsnationalisten war er sicherlich. In seinem Büro hing eine Deutschlandfahne und auf seinem Handy-Display prangte ein unförmiger Reichsadler. Von Ausländern hielt er nicht viel, dass ich aber so gut Deutsch gelernt hätte, rechnete er mir groß an.
   »Ich finde gut, dass du so ordentlich unsere Sprache sprichst.«
   »Wieso auch nicht, Heini?«
   »Wegen deiner Herkunft.«
   »Ach deswegen meinst du … du, ich bin hier geboren.«
   »Wie sollen wir hier zu dir sagen?«
   »Wie meinst du das?«
   »Könnten dir ja einen deutschen Namen verpassen. Das macht die Sache für uns hier einfacher.«
   »Was ist an meinem Vornamen kompliziert?«
   »Papperlapapp, ich werde dich Berti nennen. Wie findest du das?«
   »Mach das, Adolf.«
   Heinrich grinste. Das gefiel ihm und er tätschelte mir den Hintern. Möglich, dass er schwul war. Keine Ahnung. Ich habe das nie so richtig herausgefunden.
   »Ach Berti … ich kannte mal einen Berti. Ich mochte ihn wirklich sehr.«
   »Wer kennt keinen Berti?«, antwortete ich.
   »Ja, ich mochte den Berti wirklich sehr. Hat mir viel bedeutet ...«
   Das Telefon klingelte und ich bereitete alles für meine Abfahrt vor, während Heinrich Pizza buk, las ich im Stadtplan, wohin die Reise mich führte. Über seinen Berti sprach er nie wieder. Ich war nun sein Berti.

Zwei Tage später schickte er mich in eine Kaserne, die im Umland lag. Der Wachdienst hatte mehrere Pizzas bestellt. Es waren wohl Stammkunden. Als ich dort ankam, war der Offizier vom Wachdienst und zwei weitere Handlanger damit beschäftigt, einen Flaggenappell abzuhalten. Alle benahmen sie sich wie die Roboter und behandelten das Stück Stoff wie ein Heiligtum. Ich eilte mit meinen Kartons zum Wachhäuschen, in dem ein Soldat steif stillstand, und klopfte ans Fenster. Er schaute sich mit giftigen Blick zu mir um.
   »Hallo, Sie haben Pizza bestellt.«
   »Nicht jetzt«, zischte er.
   »Hat vielleicht ein Kollege von Ihnen bestellt?«
   »Ruhe!«
   »Bin ich hier falsch?«
   »Hier findet ein militärisches Zeremoniell statt. Warten Sie einfach einen Augenblick.«
   Der Offizier hatte die Flagge jetzt gefaltet und trug sie wie ein Tablett mit Spiegeleiern vor sich her. Die beiden Tölpel marschierten hinter ihm her.
   »Leider habe ich keinen Augenblick.«
   Er sagte nichts. Rührte sich auch nicht.
   »Dann nehme ich die Sachen halt wieder mit. Schönen Tag noch.«
   »Bleiben Sie da, verdammt nochmal.«
   Der Offizier betrat jetzt das Wachhäuschen und übergab den Fetzen einen Kollegen. Dann trat er an mich heran:
   »Gibt es hier ein Problem?«
   »Haben Sie Pizza bestellt?«
   »Der Mann wollte den Appell nicht abwarten«, fiel der Typ, der die Pizza vorher nicht haben wollte, uns ins Wort.
   »Sie sollten auch als Zivilist Respekt vor den Hoheitszeichen unseres Landes zeigen. Das Einholen der Flagge ist eine zentrale Dienstvorschrift. Etwas Achtung würde nicht schaden.«
   »Wissen Sie, ich habe nicht das Glück, eine Stelle zu besetzen, in der ich mir solchen Schnickschnack erlauben kann. Wenn ich hier eine Viertelstunde warte, entgeht mir Trinkgeld und mein Chef löchert mich ewig, was ich solange angestellt habe.«
   »Schnickschnack?«
   »Na, ich meine halt, wer in trockenen Tüchern sitzt, der kann sich Vaterland und so ein pomadiges Einholen der Flagge erlauben.«
   »Ich werde mich über Sie beschweren.«
   »Haben Sie nun bestellt oder nicht?«
   Die Typen bezahlten, gaben mir kein Trinkgeld und ich setzte mich wieder in Heinrichs Auto und fuhr davon.

Im Laden eilte Heinrich auf mich zu und raunzte mich noch am Türabsatz an.
   »Was hast du dir dabei gedacht?«
   »Ich kann das erklären. Die Typen hatten dort die Ruhe weg, weil ...«
   »Hör mir mit den Ausreden auf«, fiel er mir ins Wort und kniff mir in den Arsch.
   »Das sind keine Ausreden, die haben sich nicht beeilt ...«
   »B-e-e-i-l-t? Ja, spinnst du denn völlig? Beim Einholen der Flagge beeilt? Warst du denn nie beim Bund?«
   »Nein, ich habe verweigert.«
   »Ach, du liebes Bisschen. Ein Zivi in meiner Küche!«
   »Das ist doch schon lange her.«
   »Na und? Der Bund ist die Schule des Lebens und wer die nicht absolviert hat, kriegt nie ein Bein auf den Boden.«
   Heinrich ging auf und ab. Das Telefon schrillte, aber er nahm den Hörer nicht ab. Sein Gesicht wurde rot, er stiefelte von einer Ecke in die andere.
   »Das hättest du mir vorher sagen sollen. Und ich dachte, da mache ich was Gutes, hole mir einen Ausländer in den Laden, der fast fehlerfrei Deutsch spricht.«
   »Fast fehlerfrei?«, rief ich belustigt.
   »Es ist doch immer dasselbe … nein, Kollege, so geht das nicht. Man muss vor staatlichen Einrichtungen Respekt haben. Du entschuldigst dich jetzt bei denen.«
   »Nein, Heinrich, das kannst du vergessen.«
   »Fahr hin und entschuldige dich – oder du brauchst nicht mehr kommen.«

Ich traf meine Entscheidung, holte meine Fahne ein, ließ mich auszahlen und Heinrichs Pizza-Service tat es mir etwa drei Monate später gleich und holte ebenfalls seine Fahne ein.

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Gute Idee im schlechten Umfeld

Donnerstag, 28. Mai 2015

Nach dem Volksentscheid und seinen Folgen für die homosexuelle Ehe in Irland, sehen einige jetzt wieder mal die Zeit gekommen, auch in Deutschland mehr Volksentscheide zu initiieren. An sich eine gute basisdemokratische Sache. Nur die Rahmenbedingungen machen skeptisch.

Natürlich hat man als Linker ein Faible für starke Elemente der Mitsprache in allen möglichen Bereichen. Wenn links sein überhaupt etwas bedeutet, dann dass man vehement dafür ist, dass sich Menschen selbst verwalten, organisieren und dementsprechend partizipieren müssen an notwendigen Entscheidungsfindungsprozessen. Referenden sind besonders unter Linken klassische Mittel, für die man grundsätzlich eintreten sollte. Ich finde die Argumente dafür auch völlig nachvollziehbar. Aber die ganze Sache bereitet mir Bauchschmerzen. Denn aus irgendeinem Grund gehen wir von einem optimalen Zustand aus, der da lautet: Belesener und klug abwägender Bürger trifft seine Entscheidung. Und exakt an dieser Stelle kommt die hübsche Theorie ins Trudeln. 

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Das Vergasen und der »Zwei-Minuten-Hass«

Mittwoch, 27. Mai 2015

Ich will diesen idiotischen Videoblogger, der die Lokomotivführer ins Gas schicken wollte, nicht verteidigen. Was gäbe es da auch zu verteidigen? Aber dass gewisse Menschen ihre sonderbare Charakterlosigkeit in diesem gesellschaftlichen Klima, das wir gerade erleben, gar nicht mehr in Zaum halten können, darf doch eigentlich nicht verwundern.

Die allgemeine Stimmung ist eindeutig. Die Gewerkschaft der Lokomotivführer ist eine Bande von Saboteuren. Weselsky ein Hundsfott. Alle, die den Streik nicht in Bausch und Bogen verurteilen, gefährden das Gemeinwohl. Man führt detailliert und minutiös auf, was die Lokomotivführer veranstalten und wie gemeingefährlich sie und ihre Administration sind. Diese Gewerkschaft sei eine kleine Diktatur, die das ganze Land in Sippenhaft nehme und der Chef zeige anständigen Autofahrern auf der Autobahn auch noch den Mittelfinger. Zwischen Nordkorea und GDL scheint kein großer Unterschied zu herrschen. Jeder schlechte Comedian macht Witze über die faulen Lokomotivführer. So gut wie jeder Radiomoderator spult billige Streikwitze ab. Die Stimmung ist eindeutig. Das Klima bereitet. Das ist das Milieu, aus dem Typen wie dieser Videoblogger kriechen.

Solche denken ernsthaft, dass sie die Zeichen der Zeit richtig deuten. Die Indoktrination des Mainstreams ist so total, ja so totalitär, dass eine alternative Sichtweise quasi nur noch als Anzeichen gröbster Spinnerei deklariert wird. Weil ganz Deutschland nur eine Meinung und Ansicht zu haben scheint, werden auch unflätige Vorschläge nicht mehr versteckt. Man wünscht der GDL ja alles mögliche. Ins Gas zu schicken ist natürlich nicht nur geschmacklos, sondern auch geschichtsvergessen und unmoralisch, aber für gewisse Leute mit beschränkter Haftung im Oberstübchen, scheint auch so eine Hasstirade noch in Ordnung zu sein. Warum auch nicht, schließlich hasst ganz Deutschland diese Verbrecher auf Schienen.

Das ist ja der Grund, warum man öffentliche Wut nicht medial anfachen sollte. Sie endet immer mit solchen Auswüchsen. Es gibt immer Typen, die nicht wissen, wann das Maß voll ist. Die noch einen draufsetzen, weil die allgemeine Stimmung im Lande ihnen gewissermaßen eine Legitimität zu noch wütenderer Wut und noch hassenderem Hass verleiht. Der Videoblogger ist nicht Breivik, nicht Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe. Aber das Prinzip ist dasselbe. Alle verwechselten sie die Wut, die im Mainstream ausgeschlachtet und noch mal pervertiert wurde, mit einem Freifahrtschein.

Der nicht enden wollende »Zwei-Minuten-Hass« konditioniert manche Menschen regelrecht, diesen Hass zur Grundlage ihres Handelns und Argumentierens zu machen. Dann fallen alle Hemmungen und jede Unmenschlichkeit scheint angesichts dieses Fundaments gerechtfertigt. Man darf sich also nicht wundern, wenn manche in dieser Form an der öffentlichen Schlammschlacht teilnehmen. Worüber man sich wundern darf ist, dass es immer noch so wenige Spinner sind, die sich in dieser Art und Weise auslassen.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 26. Mai 2015

»Mit zwölf ist man in Asien zu alt zum Teppichknüpfen für IKEA, weil die Hände zu groß sind. Man darf aber erst mit 14 bei NIKE anfangen. Da entsteht eine Versorgungslücke von 2 Jahren, die meistens mit Prostitution gestopft wird.«

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Sie müssen sich mich als glücklichen Menschen vorstellen

Freitag, 22. Mai 2015

oder In eigener Sache.

Wie sich das Linke in einer Welt erschöpft, die sich zunehmend nach rechts orientiert, sehen wir am Beispiel der griechischen Regierung. Es ist schwierig, vielleicht fast unmöglich, innerhalb einer Union mit linken Ansätzen zu delegieren, wenn diese Union ungefähr so links angesiedelt ist, wie das Gaspedal in einem handelsüblichen Wagen.

Wieso also dann weitermachen mit dem ganzen Linksdiskurs? Warum über Dinge schreiben, die nur theoretisch bleiben und die sich in der Praxis schleifen? Was treibe ich hier eigentlich? Und verdammt nochmal, welchen Blumentopf glaube ich damit noch zu gewinnen? Die linke Isolation ist doch so offenbar. Man kann sie förmlich anfassen. Sie schneiden wie dicke Luft. Sie werden Syriza hinhalten, bis Neuwahlen unumgänglich sind. Das Streikrecht ist nur noch eine Frage der Zeit. Zwangsschlichtung ist das neue Zauberwort. Standhafte Gewerkschafter werden zu Hitlern erklärt. Der Mindestlohn wird zum Hemmnis publiziert. Was bleibt von linken Ansätzen noch? Außer das hier. Außer Kommentatoren und Blogs? Außer mir und einigen anderen, die noch Hoffnungen hegen? Außer das, was zuletzt stirbt - aber eben stirbt?

Linke Wirtschaftskonzepte haben keine Epoche. Derzeit? Gar nicht mehr? Das kann man nicht beantworten. Wir sehen gerade zu, wie der letzte Funken linker Auffassung erstickt wird. Und einige verlorene Seelen schreiben dagegen an. Ich bilde mir nicht ein, dass meine Schreibe irgendwas ändern könnte. Als junger Mann war ich kurzzeitig so vermessen, dass ich das glaubte. Aber auf mich wartet keiner. Ich sitze hier an meinem Rechner und tippe und weiß, dass es völlig egal ist, ob ich es tue oder nicht. Sie machen Syriza nieder. Mit mir - und ohne mich. Sie diabolisieren streikende Gewerkschaften. Mit mir - ohne mich. Es ist einerlei. Aber ich mache es halt trotzdem. Wirklungslos wie eh und je. Man muss sich diesen Kerl als glücklichen Menschen vorstellen. Nun gut, vielleicht nicht völlig. Doch hin und wieder schon. Es ist halt mein Gesteinsbrocken, den ich da rolle.

Lieber Leser, wenn Du magst, so darfst Du ad sinistram unterstützen. Entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Ich teile Dir gerne meine Kontodaten mit. Und wer noch keines hat, kann auch gerne eines meiner bislang zwei Bücher bestellen. Vielen Dank. Gedankt sei auch all jenen, die mich immer wieder unterstützen.

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Das Aussitzen und seine Folgen

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer bewege sich keinen Zentimeter. So jedenfalls der Tenor der meisten Medien. Dass aber auch die Deutsche Bahn stur ist, erwähnen sie eher nicht. Das hat seine Gründe. Denn Aussitzen ist in diesem Land zu einer anerkannten Herrschaftsmentalität geworden.

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) lässt einfach nicht locker. Wie kann man nur so stur sein! Gut, die Deutsche Bahn legt dieselbe Haltung an den Tag. Und doch ist es nicht dasselbe. Denn was die Deutsche Bahn tut, ist etwas, was man in Merkel-Deutschland perfektioniert hat, wenn man für irgendwas verantwortlich ist: Man sitzt aus. Gnadenlos und ohne Hemmungen. Wird man unter Druck gesetzt, müsste man eigentlich reagieren und endlich aus dem Quark kommen, lehnt man sich zurück, verschränkt die Arme oder macht mit den Fingern eine Raute und sitzt und sitzt und – genau: sitzt. Außerdem sagt man nicht viel, wenn man so in der Gegend hockt. Man wird kleinlaut, redet nur das Nötigste. Und je mehr von einem erwartet wird, dass man sich zur Sache äußert, desto leiser und zurückhaltender, ja unsichtbarer wird man. Diskretion wird just dann zu einer Tugend, wenn man eigentlich auf die Bühne sollte.

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Neue Menschen für die Liberalen

Mittwoch, 20. Mai 2015

Die FDP hat wirklich alles versucht. Jedenfalls ihrem Selbstverständnis nach. Jetzt hat die Parteispitze endlich eingesehen: Nicht die Partei muss sich ändern, sondern die Menschen müssen so werden, dass sie die Partei wählen können. Die damalige Abwahl war kein Schock. Sie hat den Größenwahn nur noch vergrößert.

Die vielen Tieflagen bei den Umfragen, als man noch Koalitionspartner war, hatten die Liberalen in Bewegung versetzt. Jedenfalls rhetorisch. Man wollte mehr Profil zeigen und wieder beweisen, wofür man stehe. Gut, kapiert hat keiner so genau, wofür denn nun eigentlich. Oder sagen wir so: Man dachte sich einfach, dass die Bande nichts anderes mache wie immer. Steuersenkungspolitik für Reiche, Verklärung von Ausbeutung und Heiligsprechung jeglichen Unternehmertums. Aber rhetorisch tat man wenigstens noch so, als habe die FDP nun zu liefern, sich zu bewegen und sich neu auszurichten. Man zeigte oberflächliche Demut und wollte ein klein wenig geläutert herüberkommen. Geglaubt hat denen das damals freilich keiner. Man kannte sie ja. Aber die Partei war noch feige genug, nicht völlig die Bodenhaftung zu verlieren.

Tja, die FDP war dann plötzlich nicht mehr im Bundestag. Und mancher glaubte, jetzt formierte sich ein neuer Liberalismus. Ein Werteliberalismus, den man lange vermisst hatte. Einer, wie ihn Gerhard Baum vertrat und der »liberal« als ein Lebensgefühl und nicht als Geschäftsgrundlage verstand. Aber nichts da! Der Größenwahn packt manchmal genau die, deren Größe in etwa auf den Niveau eines Fliegenschisses liegt. Und so will sich jetzt dieses letzte Aufgebot dieser Bande nicht mehr verändern, um wieder wählbar zu werden. Nun sollen sich die Menschen ändern. Die Menschen sollen ihre Mentalität reformieren, meint der Messias mit dem blonden Seitenscheitel. Nur so wäre die FDP wieder eine Option.

Nicht übel! Wo andere sich Gedanken machen, was sie falsch gemacht haben, outsourct der ausrangierte Flügel des Wirtschaftsliberalismus einfach das eigene Versagen und macht die Leute dafür verantwortlich. Weil sie von der Mentalität her so fehlerhaft programmiert sind, kam es für die FDP zum Desaster. Und nur wenn man Mentalitätsreformen einleitet, kann Lindners kleine Privatpartei wieder punkten. Der neue Mensch machts. Der neue Menschentypus war immer schon die letzte Flucht derer, die keiner verstanden hat. Eine Portion Megalomanie muss dann schon sein, um den neuen Menschen zu propagieren. Auch wenn es gar nichts mehr gibt, was irgendwie mega wäre. Gerade dann!

Diese Partei ist nicht therapierbar. Sie ist Ausdruck eines Größenwahns, der einst an den Börsen begann, über die Realwirtschaft und Sozialstandards herfiel und nun noch als außerparlamentarischer Zappelphilipp herumalbert. Das ist das Profil dieser Partei: Größenwahn. Den hat man hinübergerettet in die mandatslose Zeit. Und je schlimmer die eigene parteiliche Situation, desto lauter die Durchhalteparolen aus dem gelben Bunker. Kapitulation ist nicht. Die Menschen sollen kapitulieren und eine bessere Mentalität annehmen. Oder sie gehen halt unter, weil sie es nicht wert gewesen sind. Ach, wie lächerlich sich die Rhetorik deutscher Wichtigtuer doch manchmal gleicht.

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Auf den ersten Blick

Dienstag, 19. Mai 2015

Heute: Der ewige Gewinner, der auch mal verlor, Josep Guardiola.

Der Mann hatte alles, was man für einen deutschen Sportreporter haben musste. Er wirkte agil, wie eine Gazelle der Coaching-Zone und hatte nebenbei Erfolg. Wobei Erfolg meint: Der Kerl hat einfach alles gewonnen, was es so zu gewinnen gab. Meisterschaften, Champions Leagues und hin und wieder als Trostpflaster und zur Aufwertung der persönlichen Bilanz ein nationales Pokalchen. Und weil dem so war (und eigentlich noch so ist), hat man Guardiola stets als jemanden bildlich dargestellt, der wie der geborene Sieger aussah. Selbstbewusst und stark. So ging es über Jahre. Jetzt stiert er in den Boden, weil die Saison nicht ganz so erfolgreich abgeschlossen wurde. Es gab Niederlagen, wie es sie in jedem Sport mal gibt und der Siegertyp wird abgebildet wie einer, der noch nie eine Ahnung vom Siegen hatte.


Vorher war er die Lichtgestalt des deutschen Vereinsfußballs. Und so sah er aus neben den Artikeln, die seiner Person gewidmet waren. Nun ist sein kahler Kopf nicht mehr die Ablage für einen Heiligenschein, sondern in Schatten getunkt. Er sitzt im Halbdunkel und nur sein von Sorgen geplagtes Gesicht blinzelt hervor. Was war der Himmel blau, als er von Sieg zu Sieg eilte und jeder Titel denkbar schien. Der Himmel lachte im Hintergrund azur und er stand strotzend neben dem Spielfeld, ein Hüne von einem Erfolgsmenschen. Unantastbar. Das war natürlich übertrieben, denn wer den Fußball kennt, der weiß, dass man immer verlieren und scheitern kann. Da kann man den Trainer noch so verherrlichend an die Seite eines Textes pappen. In ihm ruht immer auch der Verlierer. Und eines Tages ist es so weit. Und dann hagelt es Niederlagen und miese Pressefotos.

Dann sitzt der arme Mann, der sonst nie alleine war, der immer Freunde um sich hatte, jetzt ganz alleine auf seinem Stuhl. Verlierer mag keiner. Auch wenn sie gar keine richtigen Verlierer, auch wenn sie eigentlich eher sowas wie Gewinner mit beschränkter Erfolgsgarantie sind. Der nicht absolute Erfolg macht einsam. Heute mehr denn je. Man ist so unzufrieden geworden. Und Lichtgestalten sind so schnell die letzten Deppen. Auch auf Fotos. Gerade dort. Klar doch, nach einer Niederlage wird man schwerlich Bilder von einem lachenden Trainer machen. Aber warum überhaupt welche? Man weiß doch wie er aussieht. Es gab doch über zwei Jahre nur diesen einen Trainer im Lande. Alle anderen waren Lehrlinge. Er der Meister. Das war er vielleicht doch nicht. Auch nicht auf den Pressefotos, auf denen er als Lichtgestalt in Szene gerückt wurde. Er kochte auch nur mit Wasser. Man hätte das erwähnen sollen früher. Dann sähe der Mann jetzt nicht ganz so traurig aus.

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Wo gearbeitet wird, fallen Streiks

Montag, 18. Mai 2015

Manchmal sind es Kleinigkeiten, auf die man hinweisen sollte. Preziosen, die untergehen im Alltagsbombast. So das wirklich sehr kurze Interview mit Torsten Bewernitz im letzten »Spiegel«. Der ist Herausgeber des Buches »Die neuen Streiks« und setzt den GDL-Arbeitskampf in Relation und noch ein wenig mehr.

Der Mann rückt mit wenigen Sätzen wieder zurecht, was Medienanstalten über Wochen und Monate mit viel »Überzeugungsarbeit«, im Volksmund auch Hetze genannt, in Schieflage gebracht haben. Streik ist eben keine Absonderlichkeit, erklärt Bewernitz. Und der GDL-Streik ist nicht mal besonders schwerwiegend, sondern »kurz und harmlos«. Er erinnert an frühere Streiks, die viel größer waren. 1956 kämpften 30.000 Arbeiter über hundert Tage für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. 1948 sollen mehr als neun Millionen Menschen gestreikt haben. Weshalb muss man den Mann fragen oder halt jemanden, der damals schon denken konnte. Ja, selbst im alten Ägypten gab es schon Streiks. Und die waren sicherlich nicht so zaghaft wie jene der Lokführer. Bewernitz geht leider nicht sonderlich auf diesen Umstand ein. Wie gesagt, das Interview ist kurz und verloren und fiel mal wieder kaum jemanden auf.

Aber dass der Streik eben nicht die Laune von Angestellten ist, denen es offenbar zu gut geht, sondern eine dem homo laboris immanente Eigenart, das sollte man schon nochmal gesondert festhalten. Wo gearbeitet wird, da fallen nicht nur Späne, sondern da liegt der Streik als Mittel der Durchsetzung der Arbeiterwürde in der Luft. Das war nie anders. Wenn es nicht mehr passte, legte man die Arbeit nieder. Jetzt so zu tun, als sei Weselsky ein alter Betonsozialist, ist sowas von an medias res vorbei, dass es zum Heulen ist. Streik gibt es länger als Arbeitervereine und Sozialismus. Und ich wette, dass irgendein ägyptischer Chronist damals in eine Steinplatte hämmerte, dass die Streiks der Pyramidenarbeiter die Wirtschaft gefährde und der Nilregion Standortnachteile bringe. Manches ändert sich nie.

Schlechte Nachrichten hat Bewernitz aber dennoch. Je länger ein Streik dauert, desto mieser das Resultat. Irgendwann sind die Mittel alle und die Ziele verpasst. Konnte man sich denken. Aber gesagt wollte er es sicher mal haben.

Es ist mitnichten so, dass es nicht auch reflektierte Beiträge der Medien zur allgemeinen Anti-Streikwelle gäbe. Die gibt es sogar ganz sicher. Aber halt nur verborgen. Und in aller Kürze. Was in diesem speziellen Fall aber richtig erfrischend ist, denn diese Kürze beweist, dass es manchmal nur vier bis sieben Sätze braucht, um den ganzen Hype zu entlarven, den eine Presse erzeugt, die nicht mehr nachdenkt, sondern mit dem Schwanz wedelt, wenn die Wirtschaft darum bittet. Man muss nicht mal besonders profund aufklären und schon stehen die Streikrechtseinschränker vor ihrem intellektuellen Tellerrand. Sie reden nur so laut und so viel. So muss man das wohl, wenn man nur Unsinn verzapft. Die, die was zu sagen haben, fassen sich kurz und sprechen viel zu leise.

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Der Teufel im Detail

Freitag, 15. Mai 2015

Claus Weselsky drängelte auf der Autobahn und brave Bürger empören sich darüber bei »Bild«. Putin verheimlicht der Welt gerüchteweise seine Mama und die »Zeit« stürzt sich drauf. Wir tun alles, damit unsere zeitgenössischen Teufel vollumfänglich diabolisch aussehen. Lückenlos verdorben und durchtrieben. Jede kleine Episode, jedes Gerücht hilft, um dem Leser die Welt im hübschen Schwarz und Weiß zu halten.

Der Volksglauben ist so eine Sache. Er füllt sich nur schwerlich durch Dogmen, die feine Kirchenleute ersponnen haben in ihren Elfenbeintürmen. Er möchte bereichert werden durch Geschichten und Erzählungen »aus dem Leben«; Geschichten, die leicht im Kopf bleiben und eindeutig einzustufen sind - und das freilich ganz ohne exegetische Befähigung. So war es auch mit allen Teufelsgeschichten, die am Rande des offiziellen Kanons so entstanden. Den Teufel kannte man zu gut. Man wusste, was dieser Lump aus der Unterwelt so an der Waffel hatte und ahnte, dass er überall lauerte. Aber dass der ganze Spaß so richtig lebensnah wird, dazu brauchte man Kommunikation. Wenn nicht mit ihm, dann eben über ihn. Und so bastelte man drumherum Märchen und Sagen. Das machte zum einen Freude, reicherte die Boshaftigkeit des Antichristen mit handfestem Erzählstoff an und verstärkte zum anderen die Furcht der Menschen.

Exakt aus diesem Grund ließen es sich die Herren Theologen auch gefallen, dass das Volk die offizielle Kirchenlinie um Volksfrömmlerisches anreicherte. Und wenn sich Angst besser einstellte, wenn man den Teufel angeblich hier oder dort gesehen hatte, er einem armen Jungen den Arm ausriss, aus dem Mund eines Mädchen herauskrabbelte oder Steine bei einem Kirchenbau verschwinden ließ, um sie drei Straßen weiter an eine Hausecke zu donnern, dann nickte man mit theologischem Kalkül und nahm es eben hin. Solange Horrormärchen kursierten, blieb der Pöbel auf Linie. Und nur darauf kam es letztlich an.

Ja, Menschen brauchen vermutlich das Böse. Es macht die Welt zu einem selektiven Ort und erlöst sie aus der Grauzone und der Monotonie. Das wirklich Böse ist der Topseller jeder Epoche. Man liebt es, weil man es so praktisch hassen kann. Und die Menschen brauchen Geschichten vom Bösen. Nicht nur Adjektive. Sie wollen die Adjektive in einer Story aufgehen sehen, zuhören wie sie sich aktiv austoben. Geschichten von schlechten Taten und von seltsamen Bewandtnisse, die das Böse lebendiger wirken lassen, erhöhten immer schon den Nervenkitzel und polarisierten. Mit einem Feedback, das bestätigt, dass das Böse nicht nur einfach ein festgestellter Zustand ist, sondern eine Wahrheit, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen lässt, integriert man das Böse in den Alltag.

Das ist durchaus in Ordnung, weil menschlich. Müssen diese Aufgabe aber heute die Medien übernehmen? Ist Journalismus dieser Tage nur noch das Unterfüttern mit Geschichten, um die Legende am Köcheln zu halten? Heißt journalistische Arbeit heute, das Böse nicht mehr erklären und analysieren zu wollen, sondern es mit kleinen Anekdokten zu untermauern?

Zeitungen geraten in diesen Zeiten, da an jeder Ecke ein Gesellschaftsfeind lauert, zu einer Chronik moderner Volksfrömmigkeit. Der Teufel hat heute natürlich viele Gesichter bekommen. Den Teufel gibt es nicht mehr. Wir sind modern. Arbeitsteilung ist das Stichwort. Und auch die Teufelsarbeit übernehmen viele Schultern. Jedem dieser Teufel will Leben eingehaucht werden. Also kratzen sie sich Stories über Gewerkschaftsbosse zusammen, kleine Anekdoten, die verraten, dass der Teufel im Detail steckt. Rasende Bosse von Kleingewerkschaften auf der Autobahn, das sind dieselben Geschichten wie jene, wonach der Teufel Steine entwendet hatte, um die Vollendung der Kirche zu verhindern. Weniger phantasievoll natürlich. Phantasie war ja der Eintrittspreis in die Mediokratie. Wir helfen uns mit authetischeren Geschichten ab, um das Böse zu porträtieren und fassbarer zu machen. Aber das Prinzip ist dasselbe. Es ist zur Erzählkunst aufgeblasene Unwesentlichkeit, die die gähnende Langeweile eines Teufels ein bisschen spannender machen soll.

Wir haben so viel gelesen. Über Weselsky. Über Putin. Kleinigkeiten aus deren Alltag - ob wahr oder nicht -, die diesen modernen Teufelsgestalten ein diabolisches Leben einhauchten. Wenn wir wüssten, wie normal und alltäglich all diese Teufel doch wohl letztlich sind, wir müssten eine Stufe zurückfahren und die Welt als weitaus komplexer und als reicher an Schattierungen akzeptieren. Und dann würde es verwickelter. Moralische Selektion ist ein schwieriges Geschäft, wenn man abwägen muss. Das wussten auch schon die Theologen damals. Also ließen sie Teuflisches zu. Sie wussten, der Teufel war auch nur einer, der abends seine Füße auf den Strohsack legte und hoffte, dass ihn jemand mochte. Und warum auch nicht?

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Die Alternativlosigkeit und die Wahlbeteiligung

Donnerstag, 14. Mai 2015

Jeder zweite Bremer blieb letzten Sonntag der Wahlurne fern. Nicht zu wählen ist auch ein Grundrecht, das man sich in der Demokratie nehmen können sollte. Es ist also in Ordnung. Aber es ist mitnichten alles in Ordnung mit einer Demokratie, in der das zum Standard wird.

Ich erinnere mich an heiße Debatten mit einigen aufrechten Demokraten. Sie waren der Ansicht, dass das Liegenlassen des Wahlrechts ein grober Verstoß gegen die Demokratie sei. Wer nicht wählt, so der abgedroschene Satz, den man nicht nur aus deren besorgten Mündern hört, der dürfe sich hernach nicht beschweren. Ich habe diesen Satz nie gelten lassen. Denn wenn diese Demokratie überhaupt etwas bedeutet, dann den Umstand, dass man eben wählen kann oder nicht, dass man sich beschweren kann oder eben nicht. Kurzum: Politisch zu sein steht einem frei. Und nicht zur Wahl gehen zu wollen, ist zwar keine Lösung, aber ein persönliches Recht, das man sich nehmen können sollte. Mit einem etwaigen Wahlzwang, mit dem einige Demokraten hausieren gehen, formt man dann keine Republik voller bewusster Demokraten, sondern eher ein Wahlvolk, das politische Grundsatzentscheidungen als aufoktroyierte Belästigung wahrnimmt. Damit wäre niemanden geholfen.

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Steinbach und wie sie die Welt sah

Mittwoch, 13. Mai 2015

Im »Spiegel 19/2015« gibt es ein Interview mit Erika Steinbach. Kaum jemand regt sich darüber auf. Darin vertritt sie die Ansicht, dass der 8. Mai 1945 nicht nur ein Tag der Befreiung war. Wie sie darin argumentiert, macht deutlich, welcher Ewiggestrigen man politische Verantwortung übertragen hat und wie leichtfertig man so jemanden in einer solchen Stellung akzeptierte.

Vieles des Gesagten ist haarsträubend. Steinbach verglich den Terror- und Mordapparat der Nazis mit den Strukturen, die nach der Wachablösung entstanden. Sowjets, Amerikaner und Franzosen hätten nämlich auch Verbrechen begangen und Deutsche eingesperrt. Die Sowjets haben ja auch umgebracht und Kriegsgefangene verschleppt. Zugegeben, das war auch harter Tobak. Aber kann man die Vorgehensweise der Alliierten überhaupt mit dem Treiben der Faschisten gleichsetzen? Klar, die Amerikaner haben Verdächtige interniert. Aber sie haben sie niemals durch Arbeit vernichtet oder als Forschungsmaterial verwendet. Steinbach übersieht das elegant und behauptet, dass Befreiung bedeuten würde, endlich frei zu sein. Wenn man aber von einer Diktatur direkt in Gefangenschaft lande, dann sei das keine Befreiung. Denn dem Menschen sei völlig egal, von wem er unterdrückt würde. Aber auch das ist blanke Augenwischerei. Denn es macht sehr wohl einen Unterschied, ob ich ins Gas geschickt werde oder nur in eine Zelle.

Dass es nach dem Krieg sicherlich auch im Westen Momente gegeben hat, in denen Kriegsverbrechen geschahen, darf man nicht leugnen. So geht es zu in Kriegs- und Krisengebieten. Man kriegt das nie unter Kontrolle. Deshalb ist Krieg ja so unmenschlich. Er macht alle zu Wesen, denen die Menschlichkeit abhanden kommt. Nur sind diese Eskapaden manchmal Produkt der Szenerie. Die Nazis waren aber nicht Opfer von Kriegseindrücken, sondern haben diese Szenerie selbst aufgezogen. Wenn ich als GI einen Wehrmachtssoldaten in Rage erschoss, dann war das Angst und vielleicht auch Rache - wenn Menschen dauerhaft im Blut waten, kommen solche Reaktionen zustande. Aber Menschen auf einem Fließband zur Vernichtung zu bringen, das ist schon eine ganz andere Liga und überhaupt nicht vergleichbar. Das ist nicht mal ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen, sondern eher so einer zwischen Odenwälder Äpfel und Mondkratern auf dem Marsmond Deimos.

Am Ende des Lehrstücks sagt Steinbach dann, dass solange es noch Überlebende des Holocausts gibt, es schwerfallen wird, eine allgemeingültige Definition der damaligen Ereignisse zu erwirken. Direkter gesagt klingt das so: Diese Holocaust-Überlebenden machen ihrer Definition von den Befreiern, die nicht befreiten, einen dicken Strich durch die Rechnung. Sie könnten nämlich widersprechen. Und tun dies im Regelfall auch. Die Überlebenden mögen nicht immer einverstanden gewesen sein mit dem, was die Befreier getan haben. Aber sie fühlten sich trotzdem befreit und in Sicherheit. Bei aller Kritik an den Alliierten und ihrer (späteren) Politik muss man das anerkennen. Sie waren sicherlich auch überfordert mit den Massen ausgemergelter Gestalten, die ihnen begegneten und wussten nicht immer, wie sie reagieren sollten. In »Band of Brothers«, eigentlich eine Verherrlichung der Kameradschaft unter Soldaten, gibt es eine treffliche Szene, in der die US-amerikanischen Befreier die Gefangenen zurück in ein Lager drängen und die Tore schließen. Die ausgehungerten Gestalten erspähten Lebensmittel und hätten sie sich auf sie gestürzt und in sich hineingestopft. Aber ihre Körper wären kollabiert so unterernährt wie sie waren. Die Aktion wirkte unglücklich und die Gefangenen mögen kurzzeitig gedacht haben, dass da die Nachfolger der Nazis wüten. Aber exakt so war es dann eben nicht.

Steinbach vermengt einfach Ereignisse und Motive. Und sie hadert, weil die Überlebenden die Objektivität vermissen lassen und ihre steilen Thesen nicht so stehen lassen. Dieses Interview wurde veröffentlicht, aber kaum jemand nahm davon Notiz. Das ist einerseits gut, denn das zeigt, wie unbedeutend diese Frau mittlerweile geworden ist. Dass man jemanden mit solchen Ansichten den Polen vor die Nase setzte, ausgerechnet jenem Volk, das so fürchterlich gelitten hat unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, zeigt aber nur, mit welchem Taktgefühl die deutsche Politik in Europas Porzellanladen stolziert.

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Das Wahlergebnis hinter dem Wahlergebnis

Dienstag, 12. Mai 2015

Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen wählten ...
  • ... 50,0 Prozent aller Wahlberechtigten keine Partei.
  • ... 15,9 Prozent aller Wahlberechtigten die SPD.
  • ... 11,0 Prozent aller Wahlberechtigten die CDU.
  • ... 7,4 Prozent aller Wahlberechtigten die Grünen.
  • ... 4,7 Prozent aller Wahlberechtigten die Linke.
  • ... 3,2 Prozent aller Wahlberechtigten die FDP.
  • ... 2,4 Prozent aller Wahlberechtigten die AfD.
Die geplante rot-grüne Koalition hätte einen Rückhalt bei weit weniger als einem Viertel der Wahlberechtigten. Selbst eine theoretisch in den Raum geworfene Große Koalition könnte gerade mal etwas mehr als ein Viertel der Wahlberechtigten abdecken.

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Wie ich begann zu glauben, dass Peter Lustig recht hatte

Freitag, 8. Mai 2015

Mein Flachbildschirm steht in der Ecke. Unangeschlossen. Er sieht gut aus. Keine schlechte Marke. Aber seit vielen Wochen steht er nur herum. Kann mich nur schwer überwinden, den Kasten ans Netz zu nehmen. Das ist ein Gewinn an Lebensqualität.

Ich schaue seit Wochen kein TV mehr. Was ich gucke ist Netflix oder mal was aus der Mediathek. Wenn überhaupt. Den Rest der Zeit höre ich Musik. Radio eher selten. Nur im Auto. Und was soll ich sagen - von Hypes und Überdrehungen kriege ich nichts mehr mit. Ich habe keinen blassen Schimmer, »was Deutschland bewegt«. Aber ich bewege mich trotzdem noch. Mehr als vorher sogar. Ich weiß natürlich, dass die TV-Wirklichkeit weiterläuft und neue Sendungen vereinnahmen Menschen und sie reden darüber und schwatzen sich irre an dem, was sie am Vorabend gesehen haben. Ich zucke nur noch mit den Achseln, kratze mich am Kopf und finde, dass es sich so viel besser lebt ohne Fernsehen und all die ranzigen Gesichter, die einen aus der Glotze heraus anstarren. Man wird auf gewisse Weise autarker. Muss sich keine Agenden mehr diktieren lassen. Widmet sein Interesse den Dingen, die man möchte.

Als zum Beispiel dieses Flugzeugs von Germanwings zerschellte, da habe ich das auch ohne den Kasten realisiert. Manche berichteten, dass ihnen die Berichterstattung im Fernsehen gehörig an den Zeiger ging. Es muss echt schlimm gewesen sein, wie man die Leichenbittermienen zum Gegenstand des abendlichen Berieselungsrituals rekrutierte. Aber ich war fein raus. Ich süffelte Wein und las ein Buch oder guckte mir »Better Call Saul« an. Die Serie erreicht nicht die Qualität von »Breaking Bad« - aber das ist eine andere Sache. Das ist keine Weltvergessenheit meinerseits. Ich habe doch im Radio davon gehört und im Internet zwei, drei oder auch vier Berichte gelesen. Reicht das nicht? Ich hatte keinen Anreiz, mit dem Unglück auch noch meinen Tag zu beenden und die hundertste Experteneinschätzung zu ertragen. Ohne TV ist man auch informiert. Vielleicht nicht weniger. Vielleicht nicht schlechter. Unter Umständen sogar besser.

Peter Lustig hatte recht: Abschalten. Ich habe es als Hosenscheißer nie getan. Mich nervte der Zausel mit seinem Ratschlag, den er stets am Ende seiner Sendung anbrachte. Ich wollte doch fernsehen und mir nicht von einem alten Mann vorschreiben lassen, dass es da draußen auch noch eine Welt gab. Die TV-Welt war auch schön. Man konnte überall hin und musste nicht viel dafür tun. Himmel, ich war ein Kind der Achtziger. Wir verbrachten alle ordentlich Zeit vor der Flimmerkiste. Man parkte uns. Und keiner fand, dass das das Kindeswohl gefährde. Nur die Freaks meinten das seinerzeit. Wahrscheinlich hatten sie recht. Wie Peter Lustig. Aber wenn einer in Latzhosen daherkommt, dann ist es schwer Respekt zu zollen oder Vorschläge als richtig anzuerkennen. Man zeigte solchen den Vogel und zappte rüber ins ORF. Damals hatten wir das noch und da liefen feine Sachen. Die österreichischen Kinder hockten wahrscheinlich noch länger vor dem Kasten. Sie waren Glückspilze so ganz ohne Peter Lustig.

Später wurde ich natürlich selektiver. Ich guckte nicht jede Scheiße. Aber da Fernsehen immer auch bedeutet, die 24 Stunden des Tages mit Content zu füllen, kommt es zwangsläufig zu ordentlichen Schissen. Man entkommt auch als selektiver Charakter nicht. Und dann kommt ja noch der Umstand dazu, dass Fernsehen heute mehr denn je das Wesen von Paranoia und Hype angenommen hat. Wenn man Konsument ist, glaubt man eben irgendwann wirklich, dass der Absturz eines Flugzeuges ein Meilenstein in der jüngeren Geschichte ist und nicht eben nur ein Unfall, wie es ihn geben kann und auf die eine oder andere Weise immer mal gegeben hat.

Ich möchte wirklich empfehlen, das Ding abzustöpseln und in die Ecke zu stellen. Nicht als Lebensmodell. Irgendwann gucke ich auch mal wieder. Wenn ich das nach dieser Katharsis noch kann. Aber ich genieße die Ruhe und höre Depeche Mode, mag den Sound der Ruhe und lausche Simon & Garfunkel. Und diese Empfehlung hat was von passivem Widerstand, wenn man das so sehen mag: Weggucken, weghören, sich ausgewählte Medienangebote sichern und nicht das, was man einem vorsetzt. Es tut wirklich gut. Glaubt das. Man verpasst nichts. Gar nichts. Es gibt ein Leben nach dem Tod, den wir Fernsehen nennen. Abschalten!

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Sich die Kanzlerin wegdenken

Donnerstag, 7. Mai 2015

Die BND-Geschichte könnte der Kanzlerin gefährlich werden: So liest man das jetzt in manchen Spalten. Die »gefährdete Kanzlerin« ist so eine Art Lieblingsmotiv der Kommentatoren. Jeden Skandal und jede Affäre flankieren sie mit ihr. Das soll wohl die Alternativlosigkeit verdecken.

Es ist mal wieder so weit: Für die Kanzlerin könnte es gefährlich werden. Im Führen dieses Konjunktivs sind die Kommentatoren dieses Landes großartig. Selbst die »Bild« ist mal wieder mit von der Partie und mahnt. Was haben sie nicht alles gemunkelt, als Edward Snowden Tacheles redete und die Bundesregierung so tat, als habe man es bei diesem Mann mit einem Charles Manson der Nachrichtendienste zu tun. Wenn sie nicht bald Stellung bezieht, schrieb man, dann könnte es gefährlich werden für die Kanzlerin. Sie bezog keine Stellung und schwadronierte vom Neuland und – ist immer noch ungefährdet im Amt. Wurde seither sogar wiedergewählt.

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Der Streik, Küsse und was Demokratie heißt

Mittwoch, 6. Mai 2015

Der abermalige Streik der Lokführer ist lästig. Er wird mich am Freitag nicht rechtzeitig von der Provinz in die große Stadt lassen und mir so zeitbedingt etwa drei bis acht Küsse meiner Partnerin kosten, die dort auf mich wartet. Und das ist echt ärgerlich. Wer verzichtet schon gerne auf Stunden mit seiner Liebsten? Gleichwohl ist eines klar: Das Streikrecht ist eine unantastbare Entität innerhalb einer Demokratie. Wer es aufgibt, damit Typen wie ich pünktlich zum Küssen kommen, gibt wesentliche Aspekte des demokratischen Grundverständnisses auf.

Diesen Braunen, die die Demokratie als Plauderbude bezeichneten, war es eines der größten Anliegen, die Gewerkschaftsbewegung an die Kandare zu nehmen. Die Zerschlagung der freien Gewerkschaften war für die Demokratiefeinde wichtiger als das Ende der Demokratie selbst. Oder chronologischer gesagt: Das Ende der Demokratie konnte nur über den Umweg der Zerschlagung der Gewerkschaften entstehen. Freie und selbstbewusste Gewerkschaften waren für sie ein Sinnbild intakter demokratischer Gesinnung. Wer also das demokratische Selbstbewusstsein der Angestellten und Arbeiter untergraben wollte, der musste nicht zuerst das Wahlrecht einschränken oder dergleichen - der musste Gewerkschaften, Streik und Arbeitskampf verunmöglichen. Das haben die Faschisten hierzulande gut begriffen. Der Weg zur Diktatur führte über die Gewerkschaften und deren endgültiger Einschränkung als autonome Verbände. Das war dann auch eine der ersten Maßnahmen, die man ergriff.

Kurzer Exkurs: Man legt heute so viel Wert auf das Gedenken an das, was einst geschah. Auschwitz und so. Nie wieder und der ganze Sermon. Der 1. Mai 1933 war erstmals ein Feiertag. Am 2. Mai 1933 ließ man dann die Gewerkschaftshäuser stürmen und beendete die Existenz der Gewerkschaften. Denkt man viel daran in diesen Tagen? Eher nicht. Man will das Streikrecht kappen und damit der Demokratie eine überbraten. So viel zum Gedenken in diesem Lande.

An die Leine genommene Gewerkschaften sind kein Anzeichen von Vernunft. Sie sind Demokratieabbau. Denn wer Menschen die Chance nehmen will, mit einem Akt der Verweigerung von Arbeitsleistung für ihre Interessen einzustehen, der hält sie gefangen in ihrem Arbeitsalltag. Dann gibt es aus schlechten Arbeitsverhältnissen kein Entrinnen mehr und muss sich damit abfinden. Wenn Arbeit nicht niedergelegt werden kann, weil es das träge Streikmonopol großer angepasster Gewerkschaften nur in Ausnahmefällen zulässt, dann ist das ein erheblicher demokratischer Schaden. Demokratie ist, wenn man jederzeit eine realistische Chance darauf hat, sich der Arbeit zu verweigern. Wenn das Selbstbewusstsein einer Gewerkschaft Lohnabhängige schafft, die sich ihrer machtvollen Position bewusst sind und sich kampfbereit geben, dann ist klar, warum starke Gewerkschaften unbeliebt sind. Sie schafft Staatsbürger, die nicht untertänig sind, sondern souverän. Untergräbt man diesen Umstand, schadet man diesem Selbstwertgefühl und damit auch der Demokratie. Denn letztere braucht autonome Bürger, die nicht dumm abnicken, sondern sich aktiv engagieren.

Die großen Gewerkschaften, die nun alles regeln sollen, wenn es nach der Regierung geht, scheuen den Streik. Sie sind opportunistisch geprägt und quaken das nach, was Minister und Kanzleramt vorgeben. Widerstand gegen die Agenda gibt es bestenfalls marginal. Diese Gewerkschaften haben ihren Mitgliedern schon lange das Selbstwertgefühl aus den Knochen gesaugt. Und damit den demokratischen Anspruch, den jede Gewerkschaft haben sollte.

Drei bis acht Küsse weniger. Schade. Aber die Sache ist es wert. Man muss nicht mal eine Meinung dazu haben, ob dieser Streik in dieser Weise richtig oder angemessen ist. Dass aber gestreikt werden muss, wenn ein Dialog scheitert, das steht außer Frage. Und darum geht es. Ich werde lieber in so einer Gesellschaft drei- bis achtmal weniger geküsst, als in einem Gemeinwesen, in dem Arbeitsniederlegung ausgeschlossen ist. In Diktaturen küsst man zwar auch. Aber ich nehme an, weitaus weniger entspannt.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 5. Mai 2015

»Die größte Ersparnis, die sich im Bereich des Denkens erzielen läßt, besteht darin, die Nicht-Verstehbarkeit der Welt hinzunehmen - und sich um den Menschen zu kümmern.«

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Von wegen Affäre!

Montag, 4. Mai 2015

oder In Merkel-Deutschland gibt es nur Affären und keine Demokratiedefizite.

Die NSA-Affäre war keine NSA-Affäre. Sie war es nicht, weil es eben nicht nur die NSA war, die die Bürger infiltrierte. Und sie war es nicht, weil es nicht einfach nur eine Affäre war, sondern ein regelrechtes Credo derer, die die Bürger vergläsern wollen. »Affäre« im Sinne von »flüchtig« oder »das geht ja wieder vorbei«, trifft das Phänomen mitnichten.

Man hat diese Spionagegeschichte, diesen War Against People lange Zeit in diesem Lande amerikanisiert. Dieselben Kreise, die dem eher linken Spektrum der Politik nachsagen, es würde Anti-Amerikanismus betreiben, haben die ganze Verantwortung dem amerikanischen Geheimdienst angelastet und die deutsche Beteiligung nicht nur ausgeblendet, sondern sogar noch vertuscht. Das war der einfachere Weg, um den Machterhalt der ewigen Kanzlerin zu gewährleisten. Alles was da an Unpässlichkeiten im Weg liegt, musste weggeräumt und outgesourct werden. So sollte wieder mal der Eindruck entstehen, dass Deutschland blütenweiß regiert wird und es unter dieser Frau prosperiert in Wirtschaft und Moral. Kommt dann ein Snowden um die Ecke, der den Umstand tangiert, dass auch der BND aktiv seine Finger im Spiel hatte, dann braucht man wieder mal die Amis: Diesmal mit dem Alleinstellungsmerkmal als Sündenböcke. Dann trifft man sich mit Obama, lässt verlauten, dass man alle Zweifel beseitigt hat und nennt den ganzen Spaß »Neuland«. Hauptsache das Resultat am Wahlabend stimmt.

Ist das noch Demokratie? Sascha Lobo glaubt, dass die bei dieser »BND-Affäre« auf dem Prüfstand steht. Wenn jetzt verschleiert wird, wenn alle Verantwortlichen weiter nur lavieren und keine Ansätze für Erkenntnisse liefern, dann gehen demokratische Grundsätze über den Jordan. Alles nur, um dieses Deutschland unter Merkel als einen Staat zu karikieren, in dem die Fallstricke des Mächtespiels, die hintergründigen Abgründe der Politik und die Kontrollaffekte der Mächtigen angeblich nicht wirken. Deutschland unter Merkel soll so aussehen, als sei es das einzige Land auf Erden, in dem Eiapopeia herrscht und auf das man sich als ethisches und gütiges Gemeinwesen verlassen könne. In so einem Land muss ja alles stimmen. Auch die, die Richtlinien aus ihrem Hosenanzug heraus diktiert.

Aber auch Lobo entkräftet, wenn man es linguistisch betrachtet. BND-Affäre? So kann man das nicht stehenlassen. Der Affäre haftet begrifflich etwas Vergängliches an. Wenn man in einer Ehe nebenher eine Affäre am Laufen hat, dann schwingt da die Endlichkeit dieses Nebenschauplatzes mit. Ist ja nur eine Affäre, Schatz. Nichts von Bedeutung. Ich liebe doch nur dich. Das war Abenteuer, Spiel und nur so ein Zeitvertreib!

Aber exakt das sind die Bestrebungen der Geheimdienste nicht. Sie stürzten sich nicht in Observierungsaffären. Sie taten es aus einer Überzeugung heraus, die man ihnen diktierte und die sie genossen. Es war ein Credo und ein Bekenntnis. Sie folgten dem Gebot: Du sollst deine Mitmenschen und Mitbürger überwachen. Und das zweite Gebot lautete: Sie haben keinen Anspruch auf Privatheit. Gebot Nummer drei: Selbst ihr Wohnzimmer ist ein öffentlicher Raum. Nein, wir haben es hier nicht mit Flüchtigkeiten zu tun, sondern wenn es nach diesem Credo geht, mit einer gezielten Absicht, die man zeitlich unbegrenzt als Prinzip der Innen- und Außenpolitik etablieren wollte - und noch will.

Wenn überhaupt, dann ist es eine dieser dreisten Affäre, die man zur heimlichen Ehefrau nimmt und der offiziellen Ehefrau vorenthält, um nicht als Polygamist enttarnt zu werden. Eine Polygamie, die vornerum ganz anders tut, als sie es hintenrum treibt.

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