Ein Hoch auf den Fundamentalismus

Sonntag, 16. März 2008

Schon mehrmals sprach ich es in diesem Rahmen an: Kritik ist nur sinnvoll, wenn es sich um eine Kritik handelt, die an die Wurzel geht, d.h. als radikale Kritik (radikal vom lat. radix; Wurzel, Ursprung) auftritt. Dem "unverbindlichen Gemosere und Genörgel" ist also Fundamentalkritik entgegenzusetzen, um den herrschenden Zu- und Mißständen auf den Grund zu gehen, deren Ursprung zu erblicken. An anderer Stelle fand ich dazu einige denkwürdige Worte, die es wert sind, zitiert zu werden:
"Man muß schon einen radikal-emanzipatorischen Ansatz bis zur Fundamentalkritik durchdenken, sonst bleibt alles Kritisieren am Bestehenden nur unverbindliches Gemosere und Genörgel so nach dem Motto “Das System an sich ist ja ganz prima - aber diese Ampelschaltung da drüben, die werde ich mit jeder Faser meines Herzens… und wenn es das letzte ist, was ich tue!” Solcherart teutonisch-radikalismusverneidenden Fatal-Fanatismus kenne ich zuhauf. Der hat auch den garnicht netten kleinen Nebeneffekt, daß man dann immer Sündenböcke sucht, die anstelle des Systems, das ja ne geile Einrichtung ist, schuld an allen Unbilden sind, z.B. Fremde, das Ausland, diverse Verschwörungen, die “Gottlosen” (bei Hohmann) oder - bei AFL - der als Nettostaatsprofiteur denunzierte arme HartzIV-Empfänger. Das äußert sich gerne auch rabiat, radikal ist es nicht. Dann lieber den Dingen auf den Grund gehen und bei der Analyse keine Heiligen Kühe schonen."
Man darf anzweifeln, ob es sich um eine typisch "teutonische" Eigenart handelt. Halbherzigkeit findet sich gewissermaßen in allen modernen Industriegesellschaften. Nur in dieser Halbherzigkeit ist man dort radikal, d.h. man eignet sich diese Form unausgereifter Kritik als Wurzel des Handelns oder Unterlassens an. Die Herren dieses angeblich alternativlosen Systems gebärden sich gleich dem Weltaufsichtsrat Mustafa Mannesmann, der in sophistischer Weise versucht ist, dem Wilden Michel die "schöne neue Welt" (Aldous Huxley) schmackhaft zu machen. In Herbert Marcuses Gesellschaftsanalyse ("Der eindimensionale Mensch") wird außerdem offenbar, dass beide Systeme - er machte seinerzeit keinen Unterschied zwischen dem westlichen Kapitalismus und dem östlichen Kommunismus - darauf abzielen, den Menschen klarzumachen, dass man zwar einen teueren Preis für diese Form zivilisatorischen Lebens bezahlt, dass es dieser Preis aber wert ist, wenn man die fröhlich-bunte Warenwelt (oder das, was man für bunt hielt und hält) mit ihrer Auswahl und ihrem Angebot betrachtet.

Es ist nicht alleine der "deutschen Seele" anzulasten, sich zwar rabiat, aber nie radikal zu äußern. Dies sind gesellschaftliche Erscheinungsformen, die dort zuhause sind, wo Sattheit und Sorglosigkeit produziert werden. Selbst wenn nicht alle an dieser Sattheit und Sorglosigkeit teilhaben, wird eine mögliche Abdeckung dieser Sehnsüchte impliziert - die ja durch Fleiß, Engagement und devotem Mundhalten befriedigt werden können -, und ein Denken geformt, welches sich nicht fundamentalkritisch auszudrücken weiß. Das System sucht sich ein Surrogat, welches die Schuld auf sich zu nehmen hat. Andersdenkende und -aussehende kommen hier zu ihrem Unrecht.
Aber vielleicht nährt sich diese Erkenntnis, wonach die halbherzige Kritik, die sich "bestenfalls" in rabiate Rundumschläge äußert, auch aus der deutschen Geschichte. Vielleicht sind es gerade auch zwei berühmte Beispiele deutschen Widerstandes im Zweiten Weltkrieg, die scheinbar erkennbar machen, dass man zwar Kritik üben kann, aber doch falsche Motive zur Grundlage gemacht hat. Zwar zündete man im populärsten Auswuchs deutschen Widerstandes gegen Hitler eine Bombe, aber Fundament der damaligen Kritik an Hitler war nicht dessen Kriegswahn oder Menschenverachtung, sondern die Aussicht, den damals bereits langjährigen Krieg doch noch zu verlieren. In Zeiten militärischen Erfolges regte sich der Widerstand nicht, sondern riet sich selbst ein abwartendes Verhalten an. Niederschlag fand diese Halbherzigkeit in den Nachkriegsplänen des deutschen Widerstandes. Hierzu sei Anne Frank zitiert:
"Der beste Beweis ist doch wohl, daß es viele Offiziere und Generäle gibt, die den Krieg satt haben und Hitler gerne in die tiefsten Tiefen versenken würden, um dann eine Militärdiktatur zu errichten, mit deren Hilfe Frieden mit den Allierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach zwanzig Jahren wieder einen Krieg zu beginnen. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bißchen gezögert, ihn aus dem Weg zu räumen."
Ähnlich verhält es sich im Falle des zivilen Widerstandes. Gerade anhand der Weißen Rose wird dies offensichtlich. Freilich trat man als deutsches Gewissen auf, verurteilte die Verbrechen des Regimes, lehnte sich gegen die Ermordung von Juden und Slawen auf, doch das Motiv dieses Handelns liegt nicht so tief, nicht so radikal, wie man das gemeinhin darstellt. Hierzu sei der Historiker Sönke Zankel zitiert:
"Im fünften Flugblatt heißt es: Wenn sich die Deutschen jetzt nicht gegen Hitler wehren, dann kommt die "gerechte Strafe", die nach Scholls Meinung auch die Juden erfahren hätten. Die Juden hätten also bereits die "gerechte Strafe" erhalten, die nun den Deutschen drohte: das von aller Welt ausgestoßene Volk zu sein. [...] (Man) konnte sehr wohl gegen die Ermordung von Juden protestieren, und dennoch antijüdisch denken. Scholls Philosophieprofessor Kurt Huber etwa, der auch hingerichtet wurde, war eindeutig Rassist, auch wenn er gegen die Ermordung der Juden war. Interessant sind zwei weitere Punkte: Selbst der Gutachter der Gestapo spricht von einem "modifizierten Antisemitismus" der Flugblattschreiber. Zudem fällt auf, dass die sogenannte Judenfrage in den privaten Dokumenten und auch in denen der Gestapo kein Thema war. Sie schien die Studenten nicht besonders zu interessieren. [...] Es ging ihnen vor allem um ihre persönliche Freiheit und den Protest gegen die antichristlichen Nationalsozialisten. Auch die Sorge um Deutschland spielte eine Rolle. Und es ging ihnen um die Ablehnung der Masse, die sich für sie im Nationalsozialismus widerspiegelte. Sie dachten elitär, besonders im Sommer 1942, als ihre Flugblätter noch mit die "Weiße Rose" überschrieben waren. Sie benannten sich nach den verbannten Adeligen während der französischen Revolution. Der Name "Weiße Rose" stand insofern gerade nicht für Demokratie."
Insofern kann man beide Formen des Widerstandes gegen Hitler als einen Kampf von Einäugigen gegen Blinde deuten. Von fundamental-radikaler Kritik am Wesen des Nationalsozialismus, an Hitler als Person, an seinen Schergen und am Krieg als Verbrechen findet sich kaum eine Spur. Hier läßt sich spekulieren, dass es gerade die Berühmtheit dieser beiden historischen Fälle ist, die die Vermutung entstehen ließ, wonach die Halbherzigkeit ein deutsches Kind sei, zumal beide nicht gegen ein radikales, sondern gegen ein rabiates Regime auftraten. Und wenn wir auch gerne in die deutsche Vergangenheit blicken, um des Deutschen Obrigkeitssinn und dessen Gehorsam erklärbar machen zu wollen, so bleibt doch die Historie von der banalen Kritik ausgeklammert. Indem die Kritik eben nicht mehr in historische Sphären geordnet wird, so analysierte Marcuse, beraubt sie sich selbst eines wichtigen, vielleicht überlebenswichtigen Pfeilers. Marcuse: "Die Vermittlung der Vergangenheit mit der Gegenwart entdeckt die Faktoren, welche die Fakten hervorbrachten, die die Lebensweise determinierten und Herren und Knechte einführten." - In einer Gesellschaft also, die sich mehr und mehr vom Historischen abwendet, die das Hier und Jetzt als einzigen messbaren Wert für Entscheidungen oder Kritiken deutet, entbehrt jeglichen Fundaments, kann also nicht fundamentalistisch sein; kennt keine Wurzeln, kann also nicht radikal sein. Um somit vom "unverbindlichen Gemosere und Genörgel" abzukommen, bedarf es einer Besinnung auf geschichtliche Wurzeln.

In der Vergangenheit liegt folglich das Gerüst, welches benötigt wird, um ein radikalkritisches Verhalten an den Tag zu legen. Nur über den Weg vergangenheitsbewußter Gegenwart ist die Zukunft modifizierbar. Radikale Kritik ist damit historisch vermittelte Kritik; ungeschichtliche Kritik bleibt
"unverbindliches Gemosere und Genörgel". Dass sich dabei aber nicht die allselig machende Wahrheit einstellt, läßt sich schon alleine daran bemessen, dass sich Dominik Hennings und mein Radikalismus in vielen Punkten unterscheiden. Aber dies soll an dieser Stelle nicht geklärt werden...

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