Zerlumpte, Hüttenbewohner und Fußballfans

Mittwoch, 28. Mai 2014

So eigentlich comes football home. Jedenfalls könnte man das glauben, denn die Einschwörer auf die Weltmeisterschaft in Brasilien bereiten ihr Publikum mit dieser Erkenntnis darauf vor. Uns stehe nämlich die größte Fußballparty aller Zeiten bevor. Zwar sei England das Mutterland des Fußballs - worüber man logischerweise trefflich streiten könnte -, aber Brasilien sei das Land der Fußballbegeisterung, der Verinnerlichung dieses Sports schlechthin. Denn dort zähle nichts außer futebol, futebol und nochmals futebol.

Ich kann diesen Unsinn nicht mehr hören. Seit Monaten gehen in Brasilien immer wieder Menschen auf die Straße. Sie beanstanden, dass für Prestigeobjekte wie die Weltmeisterschaft Gelder verteilt werden, die im Bildungs- und Gesundheitswesen und in der Infrastruktur zurückgehalten werden. Diese Menschen fordern kurz und gut mehr Respekt im Umgang mit ihnen. Und das ist beileibe kein Einbruch in das »eitel Sonnenschein« Brasiliens, keine Randnotiz aus einem Land, in dem die Menschen immer in Feierlaune sind. Verdammt, der Protest der Deklassierten und Hemdlosen ist mindestens genauso brasilianisch, wie der enthusiastische Eifer beim Fußball.

Die cabanos, die Hüttenbewohner und weitere Gruppen der Unterschicht lehnten sich 1835 gegen die Oberschicht auf. In anderen Teilen des Landes taten dies zur gleichen Zeit die farrapos, die Zerlumpten. Schon zur Kolonialzeit brodelte es in Brasilien. Die Sklaven der Herrenschicht entwickelten in Tanz getarnte Kampftechniken, capoeira genannt. Der Aufstand der Entrechteten ist überhaupt ein großes Erbe des südamerikanischen Kontinents. Der Protest gegen Machtstrukturen hat also Tradition.

Diese romantischen »Die sind immer gut drauf«-Reden unterbuttern die Diskrepanzen innerhalb Brasiliens. Es ist eben kein Volk von Strahlemännern und -frauen. Ja, ich könnte laut aufschreien, wenn ich sowas höre. Es hört sich an wie: »Die sind arm, aber doch glücklich.« Also Hartz IV-Empfänger, nehmt euch doch mal ein Beispiel! Überwindet die Armut durch Freude, seid ausgelassen und fröhlich! Hinter dieser »guten Laune« steckt die uralte europäische Überheblichkeit, wonach Armut in warmen Gefilden etwas sei, was man aushalten könne. So ein Bullshit!

Haben die Vertreter dieser These schon mal die Favelas besucht? Schon mal gesehen, wie die Bewohner dieser Elendsviertel im Dreck der Bessergestellten wühlen, um etwas zum Fressen zu finden?

Dass die FIFA und der privilegierte Teil der Welt die Weltmeisterschaft in Länder tragen, die das Geld für die benötigte Infrastruktur aus Mitteln aufwenden müssen, die für die Bevölkerung schon nicht zur Verfügung gestellt werden, ist eine Gemeinheit. Dass sich die Öffentlichkeit dieses bessergestellten Teils der Welt aber hinstellt und so tut, als gäbe es soziale Verwerfungen nur als kuriose Randnotiz und stattdessen etwas vom »größten Fußballfest aller Zeiten« schwafelt, das setzt dem ganzen die Krone auf.

Brasilianer sind doch keine feierwütigen Fußball-Zombies, keine Feierbiester, die nichts interessiert außer ihre Nationalelf. Das könnte man schon mal betonen. Aber man will sich eben die Laune nicht verderben. Und zu unser aller Bespaßung haben die Demonstrationen gegen die Auswüchse der neoliberalen Regentschaft hintanzustehen.


8 Kommentare:

Anonym 28. Mai 2014 um 08:48  

Es ist doch ein gutes Beispiel das es den reichen Kreisen nicht Interessiert wie es den "unwerten Leben" bzw. armen geht. Und es interessiert auch nicht den deutschen Fußballfan. Oh Menschheit was ist aus dir geworden!

Anonym 28. Mai 2014 um 08:53  

ANMERKER MEINT:

Und dazu noch die gestrige "Anstalts-Satire" im ZDF:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2160036/Die-Anstalt-vom-27.-Mai-2014#/beitrag/video/2160036/Die-Anstalt-vom-27.-Mai-2014
Einfach hervorragend!

MEINT ANMERKER

Anonym 28. Mai 2014 um 09:16  

....da bleibt nur zu hoffen, dass die deutschen Balltreter möglichst schnell rausfliegen.....

Ulli 28. Mai 2014 um 10:39  

Nordkorea wird noch mal zu unerwarteten Ehren kommen: Neben den arabischen Emiraten als einer der wenigen Orte weltweit, wo sie das Konzept weltweiter Gladiatorenspiele zur Unterhaltung der Massen ohne lästige Störungen durch Arme oder andere Protestierende durchziehen können. München wäre natürlich auch gut geeignet: Unter dem Schutz der Fangemeinde der Bayern wäre lästiger Protest weitgehend ausgeschlossen. Davos wäre natürlich auch gut, denn dort kann man einfach das ganze Tal absperren.

Anonym 28. Mai 2014 um 13:38  

@Roberto J. De Lapuente

Haben Sie gestern auch „Die Anstalt“ gesehen?
Ihr Artikel passt dazu zumindest wie Arsch auf Eimer.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2160036/Die-Anstalt-vom-27-Mai-2014

Roberto De Lapuente 28. Mai 2014 um 14:05  

Ich habe mir "die Anstalt" aufgezeichnet und werde sie nachher ansehen.

maguscarolus 28. Mai 2014 um 22:41  

Mich hat Fußball schon schon in meiner Jugend als Sport nie interessiert, und was unter dem Einfluss der "Investoren" nach WW2 daraus geworden ist, das kotzt mich nur noch an.
Bei anderen Sportarten geht's mir übrigens nicht viel anders.
Das Geschäft mit dem Sport ist wie das Geschäft mit Drogen, Waffen, Menschen etc.pp - eben ein Geschäft, das von Geschäftemachern besorgt wird, die mit allem handeln, was käuflich und verkäuflich ist, egal was dabei ruiniert wird.

Sledgehammer 29. Mai 2014 um 13:38  

Die akkreditierten Claquere, Enkomiasten und Einpeitscher von FIFAs Gnaden kontundieren bis zum Erbrechen verlogene Folklore aus ihren BSE-kontaminierten Hirnen.
Degoutant!

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