Der Zorn der Ungerechten

Freitag, 1. November 2013

oder Zwischen sozialer und hasserfüllter Bewegung scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein.

Beim Mittagessen saß ich mit Karsten und Heinz zusammen. Üblicher Kantinenfraß. Geschnetzeltes oder etwas in der Art. Dazu dieses Gerede zweier nicht mehr völlig frischer Typen. Irgendwie waren beide angepisst. Unzufrieden. Wetterten gegen die Ungerechtigkeit der Welt, gegen "die da oben", auch wenn sie es so nicht sagten und landeten dann bei "denen da unten", was sie wiederum ganz deutlich machten. Heinz meinte, er könnte auch gleich Hartz IV anmelden, dann hätte er mehr Geld und müsste nicht mal dafür arbeiten. Wenn man sieht, wie die leben, dann ist man doch der Dumme, wenn man arbeitet.

Jürgen kennt ihr ja schon. Andere Kollegen sind auf andere Weise bedenklich. Wie man nur ein halbes Jahrhundert alt werden kann, ohne auch nur einen Ansatz von Ahnung zu haben, dachte ich. Erwachsene Männer, die untertäniges Gedankengut pflegen, brodelte es in mir. Reichtum durch Sozialhilfe! Ha! Fast lachhaft, wenn es nicht so traurig wäre. Sollte man in dem Alter nicht merken, wenn man Unsinn absondert? Ich gab mich nach Außen dennoch etwas diplomatischer. Sagte nur: Unsinn! Und schob nach: Wer arbeitet hat immer mehr.

Ratlose Blicke. So dämlich muss jene Sau geguckt haben, die eben noch als Geschnetzeltes auf meinem Mittagsteller lag, als der Schlachter vor sie trat.  Also setzte ich mein rhetorisches Bolzenschussgerät an und erzählte etwas von Freibeträgen, die man behalten dürfe, wenn man arbeite. Hundert Euro würden nicht angerechnet und mit weiteren zehn oder zwanzig Prozent (je nach Höhe des Nettoeinkommens) geschähe dasselbe. Karsten sah mich an und fragte: Wie, arbeiten und Hartz IV kriegen? Geht doch gar nicht! Hat der Kerl tatsächlich noch nie was von Aufstockern gehört. Aber eine Meinung hatte er obgleich fehlender Recherche natürlich trotzdem.

Eigentlich tragisch. So richtig dumm ist er so wenig wie Heinz. Beides sind Männer, die ihr Leben lang mehr oder weniger hart geschuftet haben. Sie wissen wie es zugeht in der Welt. Sie wissen, dass durch Arbeit noch keiner Millionär geworden ist. Wenigstens Karsten verabscheut reiche Snobs, die keinen Finger krumm machen und absahnen. Grundsätzlich sind das umgängliche Leute, mit denen man es eigentlich aushalten kann. Solange sie belanglos bleiben und vom Fliesenlegen oder Urlaub erzählen. Was ich eigentlich meine: Sie sind nicht mehr Hölle als alle anderen, die ich so kenne.

Der belgische Publizist und Politiker Peter Mertens schließt in seinem Buch Wie können sie es wagen? das Kapitel über das Niedriglohnland auf deutschen Boden mit einem Bericht über eine zufällige Begegnung ab. An der deutschen Autobahn unterhielt er sich mit einem Lastwagenfahrer, der behauptete, dass die Menschen zwischen Flensburg und Garmisch mit den Zähnen knirschten. Der Moment wird kommen, so seine prophetische Einschätzung, da alle genug haben. Die realitätsferne und korrupte Politik hat Frust aufgestaut. Überall brodele es schon. "Wenn es an die Oberfläche kommt, ja, dann wird es eine riesige Explosion sein. Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass diese Explosion auch genügend Wirkung zeigen wird."

Früher oder später knallt es, sagte der Lastwagenfahrer sinngemäß zu Mertens. Ich aber nehme an: Später! Dieser medienprofessionelle Kapitalismus hat es ganz famos geschafft, dass zwar jeder Idiot sich Öffentlichkeit herstellen kann. Selbst die Demonstranten und Kritiker dieses ungerechten Molochs der Korruption können das ganz ungeniert. Aber da es so viele Öffentlichkeiten gibt, ist nichts so wirklich anziehend und massenbewegend, alles nur ein Splitter einer Gesamtöffentlichkeit und daher auch irgendwie nicht mehr ganz authentisch. Man zappt sich von Kanal zu Kanal und reibt sich reizüberflutet die roten Punkte, die mal Augen waren.

Wenn ich mir jetzt Leute wie Heinz und Karsten ansehe, dann weiß ich ganz genau, dass sie diese ganze systematische Scheiße erkennen und auch für einen reinigenden Knall wären. Nur sehe ich am Beispiel mit den Hartz IV-Empfängern, zu denen sie so unkritisch in Konkurrenz treten, dass sie die undialektische Fähigkeit besitzen, sich immer genau gegen die zu richten, die für den Niedergang nicht verantwortlich sind. Anders gesagt: Diese riesige Explosion wäre ja schön, wenn man nicht Angst haben müsste, dass es mal wieder allerlei andere trifft. Ausländer in Deutschland, faule Südeuropäer oder eben Erwerbslose und Leute, die weniger Herkunftsglück und Vitageschick hatten.

Im Zuge der Bundestagswahl war es Karsten, der mit der AfD liebäugelte. Er hat da mal drei Sätze dazu gesagt. Überrascht hat es mich nicht. Diese AfD ist auch so ein fehlerhaft angebrachtes Ventil. Sie tuckert nach diesem Prinzip von Prozentpunkt zu Prozentpunkt, gibt sich rebellisch und volksnah, macht sich zum Sachwalter des großen Knalls und marginalisiert dabei gesellschaftliche Gruppen, die nicht das Problem sind, sondern das Produkt des Problems. Die AfD konkretisiert das neoliberale Gesellschaftskonzept nicht als das was es ist, nämlich ein Generalangriff von Oben nach Unten, sondern baut irgendwelche anderen Fronten auf, die "die da oben" unbehelligt lassen - und als Krönung werben sie mit neoliberalen Rezepturen, die alles verbessern sollen.

Ich schenke es mir indes, einen der beiden als notorischen Nörgler an allem Ausländischen zu outen. Ich sage nur, dass einer von beiden so tickt. Die Ausländer sind seiner Meinung nach nämlich im wesentlichen dafür verantwortlich, dass es Deutschland so schlecht gehe. In seiner Welt ist nicht der Kapitalismus überall auf der Erde für diese Entwicklung haftbar zu machen. Nein, Deutschland ist Opfer und Ausländer Täter. Weil die hier seien, reiche es nicht mehr für alle. Sagte er neulich mal so nebenbei. Ich dachte sogleich an Carl Amery. Der schrieb mal, dass diese Floskel, wonach es nicht mehr für alle reiche, eine von drei Punkten der so genannten Hitlerformel sei. Doch Amery hat sicher keiner von beiden gelesen.

Der spanische Soziologe Castells sagte in einem Interview, dass sich Europa "inmitten eines Prozesses sozialer Unruhen [befindet], der in den kommenden Jahren eine Radikalisierung erfahren wird. Wenn sich in diesem Prozess keine hoffnungsvollen Bewegungen entwickeln, dann werden stattdessen hasserfüllte Bewegungen erwachsen." Er sieht die Krisenzeit daher als eine "Konfrontation zwischen einer Kultur der Hoffnung und einer Kultur der zerstörerischen Nostalgie".

Beim Geschnetzelten wurde mir diese Gratwanderung bewusst. Die Leute merken doch, dass etwas falsch läuft. Sie merken es ja an sich selbst. Sie sehen ihre Kommunen, die immer weniger leisten können und sie haben in ihrem Umfeld genug Leute, die am Arbeitsmarkt aufgerieben werden. Phasenweise schimmert sogar durch, dass sie die 0,1 Prozent dafür verantwortlich sehen. Sie wollen eine Reichensteuer und befürworten eine Finanztransaktionssteuer. Wenn aber die Wut unerträglich wird, dann prügeln sie (in ihrer Hilflosigkeit?) verbal auf Arbeitslose oder Ausländer ein. Zwischen sozialer und hasserfüllter Bewegung scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein.

Heinz und Karsten sind keine Schlägertypen, eine Bewegung des Hasses würden sie nicht tatkräftig unterstützen. Aber wahrscheinlich auch nicht weiter verurteilen. Sie wären untätig und stoisch. Und in dieser zurückhaltenden Art der geistigen Komplizenschaft wären sie das Substrat einer solchen Bewegung. Bevor sich die frustrierte Masse in Bewegung setzt, um sich Sündenböcke zu suchen, ist es mir lieber, sie bewegt sich nicht. Das ist keine Lösung, ich weiß das sehr genau. Aber es muss doch bessere Wege geben, um sich des Neoliberalismus' zu entledigen. Und falls es die nicht gibt: Ich habe die Schnauze voll mich dauernd zwischen Pest und Cholera entscheiden zu müssen.

Heinz löffelte schon seinen Milchreis, als ich meine Erklärungen zum Aufstocken von arbeitenden Hartz IV-Beziehern beendet hatte. Weil wir gerade von Hartz sprechen, sagte Karsten plötzlich zu Heinz, ich bin am Wochenende dort, bei meiner Schwester. Wo?, fragte ich. Im Jobcenter? Er: Nee, im Harz. Gut, dachte ich mir, die sind ja so hartnäckig beim Thema, die werden wohl kaum nachhaltig am Zorn der Ungerechten festhalten. Irgendwas aus ihrem Privatleben kommt ihnen immer dazwischen. Solange, bis es von der Auswirkungen des Systems eingeschränkt wird. Und dann? Macht mir das Hoffnung oder bereitet es mir Sorgen?


28 Kommentare:

landbewohner 1. November 2013 um 07:20  

da es menschen a la heinz massenweise gibt, ist leider zu befürchten, daß die doch vorhandene und aufgestaute wut der schweigenden und unbedarften massen dazu führen wird, das glück bzw die abhilfe rechtsaussen zu suchen. ein gutes beispiel haben da ja erst kürzlich die franzosen geliefert. schuld daran sind allerdings meiner meinung nach auch die diversen linken, die immer wunderbar an all den problemen vorbeisehen oder -diskutieren, die einen großteil der menschen täglich betreffen. und dank umfassender verblödung und mangelhafter bildung durch medien und schulen ist es nun einmal notwendig aus dem oftmals selbst errichteten elfenbeinturm der linken herauszutreten und sich in die niederungen des ganz normalen alltags zu begeben.

Anonym 1. November 2013 um 09:43  

@Roberto J. de Lapuente

Schreib doch mal was drüber wie das Ausland über dt. Arbeitslose, Hartz IV und andere soziale Gemeinheiten in Deutschland denkt.

Ich selbst arbeite, über meine Eltern, mit Touris, und da mußte ich mit Entsetzen feststellen, dass die Dinge, die du hier über dt. Mitbürger, und deren Vorurteile - richtigerweise - schreibst 1:1 auch auf außerdeutsche Mitbürger im nahen Ausland zutrifft.

In meinem Fall waren es Schweizer die 1:1 nachpredigten was die so über dt. Arbeitslose, Hartz IV-EmpfängerInnen und sonstige "Asoziale" in ihrer Heimat gelesen haben.

Es scheint so zu sein, dass auch im nahen Ausland eben die Meinungsmache über neoliberale Mainstream-Medien funktioniert, denn die eben erwähnten Schweizer wußten z.B. auch nichts über Aufstocker, die mit Hartz IV aufstocken.

Daher meiner Vermutung im nahen Frankreich sieht es auch nicht anders aus was Vorurteile über dt. Arbeitslose bzw. Hartz IV-EmpfängerInnen angeht, und nur so erklärt sich mir warum die gute Maggie Merkel diese unsozialen "Reformen" nun - siehe auch vorgestern bei Nachdenkseiten- als Lösung aller Probleme der Euro-Krise angeben kann.

Wüßten unsere Mitbürger in Europa davon, ich bin mir fast sicher es würde sich ein Proteststurm erheben - im außerdeutschen Ausland, dem Merkel nicht gewachsen wäre.....aber so müssen wir halt damit leben, dass die EU ebenso tot reformiert wird wie Deutschland seit Schröder-Fischer.....Merkel/Westerwelle/Rösler....usw. usf...


Trauriger Gruß
Bernie

Hartmut B. 1. November 2013 um 09:45  

Als ich 2005 auf einem Seminar gefragt wurde, Harz, wat is, dat denn ? - da war gerade das Hartz- Gesetz in Kraft getreten.......
Heute, über 8 Jahre später begegnen mir immer noch Menschen, die noch nie etwas von Hartz gehört haben - die wirklich behaupten, was, der Harz, das ist doch son Gebirge in Mitteldeutschland dann fehlen mir alle Worte..... tja so schlau (gebildet) sind noch viele Menschen heutzutage.... guts nächtle.......... und Gruß besonders an "zu spät" - er scheint mich recht gut zu kennen.........

MfG

Anonym 1. November 2013 um 11:39  



ANMERKER MEINT:

Ein hervorragender Artikel, Roberto, der glasklar die Zerissenheit, der Mittelschicht in unserem Land beschreibt, ihre Desorientierung, ihre Uninformiertheit, ihre vermeintliche Überlegenheit, die sich schließlich im HartzIVbashing auflöst und wahrlich Schlimmstes befürchten lässt. Vielleicht gelingt uns nachdenklicheren Menschen diese "Loser" zu örtlichem Engagement zu bringen, zum Kümmern um am Ortsrand untergebrachte Asylbewerber, zum Gründen einer Bürgerinitiative gegen überhöhte Kita-Gebühren, zur Initiative für ortsgebundene Energieversorgung, zum Austausch mit HartzIVMenschen, letztlich also zum politischen Tun statt in der resignativen Aufstausituation zu verharren, weil ja immer noch gilt, dass politisches Bewusstein nicht vom Himmel fällt sondern mit der Aktivität entsteht.

MEINT ANMERKER

PS: Jede/r dritte HartzIVEmpfänger*in ist psychisch krank. Siehe dazzu folgenden Link:
http://www.iab.de/185/section.aspx/Publikation/k131029j04

BRAMAN 1. November 2013 um 12:19  

Sich umfassend zu informieren, das ist Arbeit. Daher werden immer nur aufgeschnappte Info-Häppchen wiedergegeben ohne das vorher reflektiert wird.
Aber woher soll dieses 'selber-denken' auch kommen. Die Schulen und andere 'Bildungseinrichtungen' sind dazu da, eigenes, unabhängiges und vor allem, kritisches Denken zu unterbinden.
Was haben wir doch alles in den verschiedenen 'Schulen' an Wissen büffeln müssen - und was wissen wir noch davon, was brauchen wir davon? Nur kritisches Denken, das haben wir nie gelernt auf irgendeiner Schule. Wer sich nicht selbst darum bemüht, der ist wie die Kollegen von Roberto. Leider, aber das ist so gewollt von unseren Eliten. Funktionierende Arbeitssklaven die nichts (wesentliches) hinterfragen.

MfG: M.B.

Sledgehammer 1. November 2013 um 12:22  

Bürgerkriegszustände, die zu einem bestimmten Zeitpunkt aus Betroffenheit erwachsen, kennen in der Regel nur die wechselseitige Stoßrichtung zwischen "Mitte" und "Unten".
Die "Oben" wussten es in der Neuzeit stets, die Schlachtfelder und deren Vorhöfe mittels kapitalintensiver Lenkungskompetenz (durch Desinformation und ihrem Zwilling Desintegration bzw. Differenzierung) einzugrenzen, meist ohne, dass dies den Akteuren direkt bewußt wurde und wird.

Anonym 1. November 2013 um 15:28  

@Anmerker

"[...]PS: Jede/r dritte HartzIVEmpfänger*in ist psychisch krank. Siehe dazzu folgenden Link:
http://www.iab.de/185/section.aspx/Publikation/k131029j04[...]"

Danke für den Hinweis, obwohl ich bei dem ZDF-Bildschirmtext las, dass "viele Arbeitslose psychisch krank wären"....

...mein erster Gedanke?...

...kein Wunder, die Dauerhetze gegen Arbeitslose, nicht allein gegen HartzIV-EmpfängerInnen, zeigt endlich Wirkung....

Ganz zynische Grüße
Bernie

Anonym 1. November 2013 um 15:37  

Kleine Ergänzung zum Text von Roberto J. de Lapuente, da es mir so eben wieder einfiel - und auch zum Umgang mit HartzIV, den Opfern und Tätern dieses Systems paßt -

Ein Zitat aus Orwells "1984", dass auch hier 1:1 zu passen scheint, da es mit Edgar Wolfrum bereits einen Historiker gibt, der Hartz IV als Segen, statt den echten Fluch für Arbeitslose, preist:

"[...]Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten - wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit" (George Orwell, 1984)[...]"

Zynischer Gruß
Bernie

Jutta Rydzewski 1. November 2013 um 15:42  

Der Neoliberalismus ist die neuzeitliche Volksseuche. Mit ihm "korrespondieren" Faschismus und Feudalismus, was z.B. sehr deutlich bei der AfD zu beobachten bzw. zu hören ist. Bei diesem durch und durch menschenfeindlichen Gebräu ist, und das macht diese Ideologie besonders gefährlich, quasi für fast jeden etwas dabei, wie die Geschichte von Karsten und Heinz sehr anschaulich macht. Der entartete Lucke von der AfD greift zur braunen Hetzrethorik, was er natürlich gar nicht so meint, während sich Karsten und Heinz, sozusagen nach alter und neuer Väter Sitte, die vorgeblich arbeitsscheuen Hartz IV-er vornehmen.

Ich befürchte, dass es, zumindest auf absehbare Zeit, gar keinen Weg gibt, sich des Neoliberalismus zu entledigen, sondern sich die Seuche noch weiter ausbreiten bzw. verfestigen wird. Alle relevanten Kräfte, die marktkonforme Politik, System-Medien, System-Wissenschaft, beten ihren neuen Gott, den Markt, unterwürfig und gehorsam an. Die Gesellschaft wird permanent mit diesem menschenfeindlichen Gift gefüttert, wonach jeder seines Glückes Schmied bzw. sich selbst der Nächste ist. Es gibt keine Lebens- und Geschäftsbereiche mehr, sogar die Sprache ist infiziert, wo sich die Seuche nicht schon eingenistet hat. Wer oder was sollte das zurückdrehen können? Die Gesellschaft ist bereits in weiten Teilen krank und wird täglich kränker (gemacht). Es ist nicht nur krank sondern schon pervers, was mittlerweile normal zu sein scheint. Z.B. wird das Gegeneinander kultiviert und als Stärke bejubelt, während das Miteinander, unverzichtbare menschliche Eigenschaften wie Solidarität, Toleranz, Empathie, Hilfsbereitschaft, als Schwäche und Gutmenschentum hämisch belächelt, verhöhnt, verspottet oder gar verachtet wird.

Es gibt zwar immer mehr Mahner und Warner, aber so richtig wirklich werden sie nicht gehört. Vielleicht muss sich der Neoliberalismus erst selbst auffressen, aber was kommt dann, zumal die Menschen auch die Neigung haben, Schlimmes noch schlimmer zu machen. ... In diesem Zusammenhang empfehle ich: http://www.nachdenkseiten.de/?p=19065 Der Ökonom als Menschenfeind?

maguscarolus 1. November 2013 um 15:43  

Na, ist doch klar, dass nicht der Bentley im bewachten Bunker zuerst brennen wird.

Alt ist das Herrschaftsprinzip "divide et impera" allemal, aber nie waren die Mechanismen zur Verdummung der einfachen Gemüter raffinierter als heutzutage.

Eher erwarte ich Massenselbstmorde oder Ähnliches, als dass auch nur einer der Profiteure des weltweiten Massenelends von aufgebrachten Betroffenen eins auf die Mütze kriegt.

Siewurdengelesen 1. November 2013 um 16:15  

Genau in dieser Situation liegt eine meiner wenigen wirklichen Ängste.
Die Befürchtung ist durchaus real, dass sich dieses entladende "Ventil" am Ende nicht gegen die Ursache, sondern gegen einfach die nächstschwächere, aber sicht- und greifbare Gruppe richtet.

Was mich weiterhin die Luft anhalten lässt, wie schnell es insbesondere rechten Bewegungen gelingt, aus diffusen Angstgefühlen die sonst schweigende Masse hinter sich zu bringen für ihre stetigen Versuche, sich öffentlichkeitswirksam als letzte wahre "Volks"vertreter zu stilisieren wie kürzlich bei den Auftritten vor Asylbewerberheimen in Hellersdorf, Schneeberg oder in Duisburg vor dem überwiegend mit "Armutseinwanderern" belegten "Problemhaus".
Das ist bereits eine extreme Form dieser sonst eher im kleineren Kreise getroffenen Aussagen.
Am Ende ist es faktisch egal, wer die scheinbaren Schuldigen sein sollen, es stellt immer eine Diskriminierung dar. Beim Gedanken daran, wie und wohin das kippen kann, darf einem schon angstebang werden. Da weiß man wirklich nicht, ob es besser ist, sich weiterhin zu arrangieren oder nicht.

Und ja, dieses gehirnvernebelnde in weiche Watte packen mit allen Möglichen Mitteln und Methoden hat Methode, um die gar nicht mehr so grossen Errungenschaften der Jetzt-Gesellschaft wenigstens für Aug'und Ohr noch angenehm erscheinen zu lassen und auch deshalb muss es immer noch einen geben, dem es zwar schlechter geht, der sich aber bei Bedarf trotzdem erstklassig als Bonbonesel verprügeln lässt.

ulli 1. November 2013 um 16:24  

Du sprichst eigentlich ein altes Thema an. Beim Frankfurter "Institut für Sozialforschung" kam man schon Anfang der dreißiger Jahre darauf. So gab es noch in der Weimarer Republik Erich Fromms sozialpsychologische Untersuchung über "Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches", in der er zu der Erkenntnis kam, dass die deutsche Bevölkerung aufgrund ihrer autoritären psychischen Strukturen den Nazis kaum Widerstand entgegen setzen würde - wie wahr! Es folgten die von Horkheimer herausgegebenen "Studien zu Autorität und Familie" und schließlich Adornos berühmte "Untersuchungen zum autoritären Charakter". Es ging immer um die Frage, weshalb die Unterdrückten und Ausgebeuteten, anstatt ihren rationalen Interessen zu folgen, hinter irgendwelchen Scharlatanen her liefen und irgendwelchen politischen Quatsch dachten...

Anonym 1. November 2013 um 16:51  

Jeder kleingeistige Hund bringt es lediglich fertig, zu behaupten "die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg" - statt dass jemand sich einmal fragt "Wer stellt diese Ausländer ein?"

Die Ausländer sind nicht mehr das Problem als die arbeitssüchtigen Deutschen selbst.
Das Problem ist, so lang sich immer noch jemand finden lässt, der es für noch weniger Entgelt macht, so lang wird es nichts damit werden, dass sich irgendjemandes Wohlstand vergrößert.

Und in diesem Punkt sind die ewig wohlstandsängstlichen Deutschen nichts weniger Effektvolleres als Ausländer, die von hiesigen Firmen pauschal zu einem geringeren Lohn angestellt werden.

Anonym 1. November 2013 um 17:06  

Komisch nur, dass es immer und ausschließlich die Anderen sind, die Schuld haben, dass sich nichts ändert. Die Anerkennung der vollen Macht dieser Anderen über einen selbst, die einen in der misslichen Lage festhalten, verfestigt diese Macht im Geist als unhinterfragbare Konstante. Reichen- und Transaktionssteuer wird daran nichts ändern. "Der heutige Kapitalismus ist so anpassungsfähig, dass selbst signifikante Einschränkung von Reichtum für den Rest der Bevölkerung keine Auswirkung hat."

Hartmut B. 1. November 2013 um 17:12  

Die Kommentare bestätigen meine Vorstellungen.

Heute ist mir, wie schon seit einigen Jahren bewußt, dass die Überlebenschancen weltweit dramatisch sinken.

Da hilft nur ein Glaube: Das Leben geht weiter !

Art Vanderley 1. November 2013 um 17:58  

Die Katze beißt sich in den Schwanz, bereits die Existenz der Krise beweist , daß die Arbeitnehmer gar nicht anders drauf sein können als oben beschrieben , wären sie kritischer nach oben hin , hätten wir eine viel fairere Verteilung und damit keine derartige Wirtschaftskrise , und vermutlich war das auch in den 30ern schon so .

Erhebliche Teile der Arbeitnehmerschaft werden immer so ticken , sich um diese zu bemühen , ist vergebliche Liebesmüh und nichts anderes als Perlen vor die Säue.

Die Linke sollte zu sich selber stehen und für sich selber kämpfen und sich von der alten Illusion verabschieden , die Massen der Arbeitnehmer mobilisieren zu können.
Sie sollte vielmehr den Schulterschluß suchen mit konstruktiven Kräften aus allen Teilen der Bevölkerung , die solidarbereit sind , die gibt es in allen Schichten , genauso wie es in allen Schichten die übelsten Schwachköpfe gibt.

Sie sollte offen sein gegenüber liberalen , ökologischen und wertkonservativen Kräften , dort finden sich sehr häufig Leute , die richtig was drauf haben , auch wenn sie nicht immer die gleichen Ansichten vertreten, das ist sehr viel effektiver als sich weiter zu bemühen um dieses kriecherische Arbeitnehmer-Gesindel , sollen die doch schauen , wo sie bleiben , mal schauen , wer krisenhafte Zeiten besser überstehen kann , die schmierigen Duckmäuser oder die flexiblen Selberdenker.

Fred.4.u! 1. November 2013 um 18:30  

Vielen Dank für diesen Artikel. Als betroffener Hartz4-Bezieher, möchte ich Ihnen und den Kommentatoren eine durchaus andere Sicht der Dinge nicht vorenthalten.

Ich beziehe Sozialhilfe, weil ich in meinem studierten Beruf (Informatik) nicht mehr arbeiten darf. Sie glauben, Berufsverbot gibt's in Deutschland nicht? Dann glauben Sie mal hübsch weiter, oder fragen Sie Edward Snowden, ob er jemals wieder beruflich eine Tastatur anfassen darf...

Zweimal pro Woche gehe ich zur "Tafel", weil die 330,- Euro nicht zum Leben reichen. Warum "nur" 330,- Euro?! Weil das Jobcenter der Meinung ist, dass meine 48 Quadratmeter Mietwohnung bei 380,- Warmmiete um 50,- Euro zu teuer sei; obwohl der örtliche Mietspiegel das Gegenteil belegt. Ich wehre mich bewusst nicht, weil man dadurch sonst in den Fokus rückt und womöglich in irgendwelche 1-Euro-Jobs versklavt wird. Alles schon gehabt...
Ach ja, ziehen sie von den 330,- Euro eben schnell noch 59,- für Strom und 25,- für Internet/Telefon ab. Jetzt wissen Sie, was man zum Leben brauchen darf.

Heute war wieder so ein Tafel-Tag. Zweieinhalb Stunden wartend herum sitzen, für einen Korb voll welkem Gemüse und zwei abgelaufenen Joghurt ist nicht wirklich ein Problem. Denn man hat jede Menge Muse, sich die Klientel genauer zu betrachten. Die meisten Landsleute trauen sich offenbar nicht zur Tafel. Man findet dort ca. 75% Russen, 10% Schwarze und gut 10% Türken. Manchmal wird man auch durch ein paar Inder bereichert. Im Grunde ist mir das ethnische vollkommen gleich. Aber sie können sich nicht vorstellen, wie sich unsere Kulturbereicherer dort aufführen. Höflich oder gar freundlich wäre stets gelogen. Dort wird gekämpft, um jede Zwiebel. Nein, bloß nicht die ollen kleinen, man ist nämlich auch sehr wählerisch. Dass es dort schlicht um "Almosen" geht, haben die meisten nicht mal im Sinn, geschweige denn begriffen. Die Klientel benimmt sich, wie das viel gepriesene Pack und Gesindel. Selbst untereinander gönnt man sich nichts!

Und genau so wird das mit dem "großen Knall" ablaufen. Denn dann ist man sich doch wieder nah genug, um marodierend durch die Straßen zu ziehen. Und wissen sie was? Das marodierende Pack ist sogar der Meinung, mit Fug und Recht zu handeln. Warum? Weil sie nichts weiter zu verlieren haben. Im Knast gibt's wenigstens Vollpension und eine warme Mahlzeit.
Alle die vermeintlich mehr haben als nichts, werden kollektiv zum Feind. Und der verloren gegangene Mittelstand macht fleißig mit und spornt den Pöbel dabei noch an.

Dennoch darf ich Sie beruhigen: Es wird wenn dann gegen alles und jeden gehen.

Aber der Staat hat durch das Martyrium DDR gelernt und ist bestens vorbereitet. Ausländische europäische Einheiten stehen schon lange mit Knüppeln und Gewehren bereit, um dann die Massen zu "besänftigen". Es sollen ja nicht Deutsche auf Deutsche eindreschen. Wahrscheinlich werden es die Truppen aus Polen, die haben uns neidlos doch schon immer besonders lieb.

Sicher wird man sich auch auf „Heinz und Karsten“ ganz besonders freuen… Willkommen zuhause, dabei sein ist alles!

IrlandsCall 1. November 2013 um 18:34  

Das System lebt nicht von den wenigen kriminellen Psychopathen sondern von den Millionen Mitläufern, Bürokraten, Ignoranten, dummen Menschen. Siehe Nationalsozialismus. Und es wird leider wieder so kommen.

L´Andratté 1. November 2013 um 18:42  

Für die, die es noch nicht gehört haben und alle anderen hier noch ein Link zu einem Gespräch mit Erich Fromm, in dem dieser meines Erachtens zu genau den oben beschriebenen Verhaltensmustern Stellung nimmt...

http://youtu.be/ZwkMkdVZTqo

Anonym 2. November 2013 um 01:54  

Ich fürchte, die Meisten hier glauben, dass im guten Fall in den nächsten Jahrzehnten eine Revolution kommt und man danach in sozial befriedeten Zuständen lebt, wie man sie vielleicht aus der Kindheit zu kennen meinte, nur mit Internet und Smartphone.
Die praktisch unausweichliche Perspektive ist aber vielmehr, dass der Zenith längst unerreichbar hinter uns liegt. Denn in den nächsten Jahrzehnten werden die sogenannten Schwellenländer, Asien und die Dritte Welt in der qualitativen Produktion massiv aufholen, aber noch lange nicht das Lohnniveau des "Westens" erreichen.
Mit anderen Worten: Weite Teile der Wirtschaft hierzulande werden dichtmachen müssen, Verelendung wird wie nie Einzug halten.
Um das zu verhindern, müsste die Globalisierung zurückgedreht werden, was aber icht möglich ist.
Siehe auch den düsteren Ausblick im Buch "Kopf schlägt Kapital" von Prof. Jürgen Faltin.

Lutz Hausstein 2. November 2013 um 09:46  

@ Jutta Rydzewski:
Es gibt keine Lebens- und Geschäftsbereiche mehr, sogar die Sprache ist infiziert, wo sich die Seuche nicht schon eingenistet hat.

Ich kann da immer wieder nur auf Victor Klemperers LTI verweisen. "Die Sprache, die für dich dichtet und denkt" stellt ein herausragendes Mittel dar, bestimmte (gewollte) Denk- und Verhaltensmuster in die Köpfe von Menschen zu transportieren. Klemperer hat eindrucksvoll dokumentiert, wie dies in allen Lebensbereiche Einzug gehalten hat, in alle Köpfe und Münder eingedrungen ist, auch der direkt Betroffenen.

Jutta Rydzewski 2. November 2013 um 12:30  

@Lutz Hausstein

"Ich kann da immer wieder nur auf Victor Klemperers LTI verweisen. "Die Sprache, die für dich dichtet und denkt" stellt ein herausragendes Mittel dar, bestimmte (gewollte) Denk- und Verhaltensmuster in die Köpfe von Menschen zu transportieren."

Dazu passt so Einiges aus dem Vorwort zu "Wörterbuch des Unmenschen" von 1945/1948, in dem es um das Vokabular der Nazis ging: "Jedes Wort, das er (der Mensch) redet, wandelt die Welt, worin er sich bewegt, wandelt ihn selbst und seinen Ort in dieser Welt. Darum ist nichts gleichgültig an der Sprache. Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen. Denn der Begriff des Menschen schließt die Möglichkeit (und Wirklichkeit) des Unmenschen in sich. So hat der Mensch auch als Unmensch seinen Wortschatz, seine eigentümliche Grammatik und seinen eigentümlichen Satzbau."

Fast würde ich sagen, offenbar sind diese Worte immer aktuell.

MfG
Jutta Rydzewski

volker 2. November 2013 um 15:12  

hallo zusammen, ich will kurz auf ulli bezug nehmen, das die deutsche arbeiterschaft am vorabend der machtübernahme autoritär und angepasst war.
grosse teile der sozialistischen arbeiterschaft wurden im rahmen der raeterepublik 1919 von den freikorps und reichswehr zusammengeschossen und ermordet. das ganze mit einwilligung der spd, die hier ihren grossen verrat begangen hat an der arbeiterschaft und sich (wie so oft) bei den mächtigen beliebt machen wollte. rosa luxemburg und karl liebknecht sind nur zwei prominente opfer, bundesweit wurden tausende maenner zusammengeschossen. quelle ist sebastian haffners buch der verrat 1918/19 und verschiedene websites unter raeterepublik, novemberrevolution, etc.
die nationalistischen freikorps sind durch diese miltaerische aktion stark geworden und die durchaus widerstandsfähige arbeiterschaft von 1918/19 wurde durch die ermordungen entscheidend geschwächt. hier wurde bereits die grundlage für 1933 gelegt. dieser zeitraum ist aus meiner sicht historisch wenig aufgearbeitet, wird kaum erwähnt und ist nur eine fussnote der geschichte. traurig, da hier nach dem ersten weltkrieg mit seinen unzähligen opfern eine weitere grosse zahl guter männer ermordet wurde...
nur mal so nebenbei, da es ja immer heisst wir deutschen wären so angepasst und können keien revolution, das ist so einfach nicht wahr !
viele gruesse aus hamburg

Anonym 2. November 2013 um 15:29  

Zu "[...]"[...]PS: Jede/r dritte HartzIVEmpfänger*in ist psychisch krank. Siehe dazzu folgenden Link:
http://www.iab.de/185/section.aspx/Publikation/k131029j04[...]"[...]"

...noch etwas, dass mir heute eingefallen ist, psychische Krankheit - das weiß jede weltliche Diktatur - kann auch als sogenannte politische Waffe mißbraucht werden - gegen Kritiker.

Tja, da kommen harte Zeiten auf Kritiker von Hartz IV zu, denn nun sind nicht nur die HartzIV-EmfängerInnen sondern eben auch die Kritiker dieser Menschenfeindlichkeit "psychisch krank"...

...wer mir nicht glaubt, dem empfehle ich sich mal - im Netz oder anderswo - über die neue Definitionshoheit ein Bild zu machen, d.h. die neue "Bibel" der Psychiater, die meint, dass schon Kritik an Ungerechtigkeiten psychisch krank sein soll....

Zynischer Gruß
Bernie

Anonym 2. November 2013 um 17:02  

@Volker

Haffner ist mir bestens bekannt, und ich kann dir nur zustimmen, aber

"[...]nur mal so nebenbei, da es ja immer heisst wir deutschen wären so angepasst und können keien revolution, das ist so einfach nicht wahr ![...]"

...dem kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen, da es nie eine erfolgreiche gesamtdeutsche Revolution gab, die wurde immer wieder von gewissen Leuten verraten, die als Revoluzzer starteten, und dann in Amt und Würden starben, nachdem die echte Revoluzzer gleich richtig tot, oder auch nur lächerlich, oder mundtot gemacht haben....

...siehe die komplette 68er-Revolution z.B., die wird bis heute ins lächerliche gezogen, verleumdet, oder gleich mundtot gemacht....

...was eben nicht sein kann, dass darf nicht sein, lieber Volker....

Schau mal bei Jutta (von) Ditfurth vorbei, oder anderen gesellschaftskritischen Autoren, da gehen dir die Augen auf, denn unsere "Eliten" sind dieselben, nach Ditfurth z.B., die sich ihre Sporen in der Niederschlagung der Bauernunruhen verdient haben, die Sozen die die Revolution 1918/19 verraten haben, antikommunistische Wendehälse nach 1989 usw. usf....

...es ist leider eben doch wahr, wir Deutschen haben keine erfolgreiche revolutionäre Tradition, und deswegen sind die "Bürgerlichen" in Deutschland wieder auf dem Vormarsch....im Unterschied zum Beispiel zum Vaterland der Revolution Frankreich, dass aber auch schon die ein- oder andere verratene Revolution erleben mußte...

...Verrat an Revolutionen, und autoritärer Charakter (Zitat: Adorno) sind eben kein rein deutsches Phänomen, wie mein Beispiel oben zeigt, dass aufweist, dass unsere Nachbarländer auch so Befürworter von Sozialabbau in ihren Reihen haben....

Zynischer Gruß
Bernie

flavo 4. November 2013 um 08:51  

Heinz und Karsten. Naja, wie wärs mit Johannes und Charlotte.
Zweifellos sind Karsten und Heinz in den ideologischen Zuammenhang eingelassen und vollziehen die Ideologie fortwährend, auch wenn sie gegen sie gerichtet ist.
Aber zu meinen, man käme da so schnell heraus, scheint mir ein trügerischer Ausblick zu sein. Denn wenn man sich Menschen ansieht, die sehr viel Zeit mit Bildung und Ausbildung zubringen konnten, dann erschaudere ich jedes Mal, wenn ich sehe, wie viel Borniertheit gerade durch Bildung nur gedeihen kann. Heinzens und Kartstens Sicht der Dinge hat zumindest eine Offenheit in sich, die gerechtere Verhältnisse wohlwollend empfängt. Hingegen werden Johannes und Charlotte hierin alsbald unruhig. Gerechtere Verhältnisse? Naja. Unbehagen entsteht hier, wenn die Distanz zum Volke des unteren Quartileinkommens zu gering wird, wenn da einer ohne Titel herkommt und ordentliches Geld will für seine Arbeit oder plötzlich im Club auf Amrun auftaucht und Bier sauft.
Man schaue auch auf jene Hochgebildeten, Doktoren, Professoren, Magister und Master. Wie verwerflich einfach hier Verachtung, Hohn und Spott Einzug hält gegen alles, was als niederschwellig beurteilt wird. Die Naht der Leistung ist hier nur ganz oben offen, der große Rest erscheint im schwelenden Rauch der Verachtung und des Undurchschaubaren: die Putzfrau, der Gärtner, der Handlanger, der Handwerker, der Fabrikangestellte. Heinz und Kartsten werden aktivisch passiviert, während Johannes und Charlotte aktivisch aktiviert sind. Beide werden in ihrer Unreflektiertheit beherrschaftet, aber auf unterschiedliche Weise. Mir sind die aktivischen suskpekter. Immerhin sind sie die Nutznießer der Ordnung und das ist keinesfalls dasselbe. Hier liegt mehr Verantwortung. Hier liegt auch objektiv mehr Zeit unf Ressource da, um sich auf einen Bildungsgang aufzuschwingen. Ein anderer hat diese Möglichkeit nicht, da Zeit und Geld fehlen. Er muss sich mit den unmittelbar dargereichten Diskursen begnügen und diese passivisch aufnehmen und in sie sich ohne Möglichkeit der reflektiven Distanzierung einordnen, um nicht ganz aus der Sozialität herauszufallen.
Bei solchen Sachen sind immer zwei von den bürgerlichen und mitunter linken Intellektuellen Gescholtene hilfreich. Reich und Pasolini, beide lebten inmitten sogenannter niederer Schichten und erkannten deren Denkweisen und sahen die Idolatrie im bürgerlichen Fernblick auf jene. Beide wurden ja bekanntlich alsbald ins Extreme eingeordnet und damit archiviert. Somit konnte man wieder den durch die Klassenherrschaft eingerichteten distanzierten Posten einnehmen und die eigenen Phantasien pflegen, welche im Kopfe entstehen, wenn man aus dem Studierzimmer zwischen tagelangen Lektüresessions auf die arbeitenden Massen herniederschaut. Man kann dann einfältige Modelle anlegen, wo der Vektor 'arbeitende Massen' einmal für den Hitler verantwortlich ist, einmal die Revolution in fernen Zukünften vollziehen wird, einmal Subjekt der Ausländerfeindlichkeit und das andere Mal der hilflose Trottel ist, der sich frewillig beherrschaften läßt. Die Exzessivität dieser Distanz ist heute teilweise grotesk. Beispielhaft sei nur angeführt ein Erlebnis, das mich fast den Mageninhalt gekostet hat: in einer Bildungsverstaltung mit psychologischem Charakter ergab sich ein Subjekt im Outing einer Erstaunenserfahrung, als es in der Arbeit mit Menschen einer 'irgendwie niedrigen Schicht', wie es sie verschämt nannte, das erste Mal erfuhr, dass jene ja auch dächten und fühlten. Das Subjekt konnte sich dies bis dahin nie so richtig vorstellen, es verstand auch nicht deren ganzen Lebenswandel und wie dieser von angesicht zu angesicht in versprachlichter Form sich darstellen würde. Sonun kamen ihm Wörter entgegen, die es verstand und Berichte über ein Innenleben, voller Kognitionen und Emotionen, welche den eigenen ganz ähnlich waren.

Anonym 4. November 2013 um 16:10  

@flavo

Solche Menschen kenne ich auch, aber auch egal, "ich hab Arbeit, und du Faulenzer eben nicht" - so von meiner jüngsten Schwester geäußert im Streit.

Man benötigt keinen Charakter mehr in Deutschland, dann "ich hab Arbeit...."

Übrigens, wie idiotisch manche sind "die Arbeit haben" zeigt die schon in einem anderen Zusammenhang, denn die wußte nicht was der 11. September 2001 war....

...egal, Hauptsache ich hab schon immer Arbeit gehabt, und du hast ja 30 Jahre nie gearbeitet.....

...ich Dödel, wäre es wirklich so gewesen, dann hätte ich ja Chancen auf dem Arbeitsmarkt, aber ich hab immer was anderes gearbeitet, und da kommt unterm Strich halt heraus....der ist 30 Jahre zuhause gesessen und hat nie richtig gearbeitet....

Tja, egal Hauptsache die (=Mensch) hat Arbeit und ich (="Untermensch") habe mich halt immer darum gedrückt.....

Ganz zynische Grüße
Bernie

Anonym 4. November 2013 um 16:12  

Ergänzung:

Ich hätte ja mal fast ein paar schöne Pöstchen gehabt, aber die Bewerbung endete meist, ohne - oder mit - Vorstellungstermin in einer Absage....

...soll ich noch erwähnen, dass ich hunderte von Bewerbungen geschrieben habe, und meine Schwester - dumm gelaufen, wir haben denselben Briefkasten - gerade mal soviele wie ich an zehn Fingern abzählen kann?

Tja, manche haben eben "Glück" und andere nicht - und gerade die glücklichen Idioten werfen anderen oben erwähntes vor....

Sarkastische Grüße
Bernie

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