Antworten der unbelesenen Arbeiter

Mittwoch, 3. Februar 2010

Für Brecht gab es noch lesende Arbeiter, die befähigt waren, Fragen zu stellen. Unangenehme, kritische, unwillkommene Fragen; Fragen aus dem Fundus eigenen Denkvermögens; zwangsläufige Fragen, die erwachsen, wenn sich Reflexion und Überlegung und Grübelei im lückenlosen Schichtbetrieb ablösen.

Gegenwärtig fragt der "lesende Arbeiter" nicht mehr - vermutlich liest er auch nicht mehr. Wenigstens nichts mehr, was Denkarbeit beseelt. Er liest Informatives, will eilige Auskunft und stramme Belehrung, will, dass keine Frage offen bleibt. Heutzutage wird nicht mehr gefragt, es wird geantwortet; geantwortet mit professoraler Überzeugung. Auszüge aus Antworten unbelesener Arbeiter:
  • Den Asozialen wird alles gegeben und die, die den Staat nach vorne bringen sind die Deppen!
  • Wenn er doch ein einfaches Leben haben will, dann kann dieser Sozialschmarotzer unter der Brücke wohnen. Bei diesen Temperaturen hat sich dieser binnen einer Woche von alleine erledigt und Deutschland ist befreit von diesem Gesindel.
  • Seit er achtzehn ist, ist dieses faule Schwein nicht arbeiten gegangen. Heute oder morgen wird das Sozialsystem zusammenbrechen.
  • Doch es kann jeder Arbeit bekommen. Man muss um Hartz IV zu bekommen, einfach eine Leistung erbringen, ansonsten wird das Geld komplett gestrichen. Ob die Arbeit nützlich ist oder nicht, ist ja egal. Dann würde das System auch wieder funktionieren.
  • Pfui Teufel mit solchen. In der Natur hätte sich so ein Verhalten von selbst erledigt.
  • [Er] verarscht alle Deutschen.
Lediglich eine kleine Auswahl, in überarbeiteter und korrigierter Form natürlich, wie der unbelesene Zeitungsleser mit dem Fragen gebrochen hat. Heute reicht er Antworten, ist allwissend und allzerstörend, spricht nicht mehr Warum? und Wieso?, sondern vom Erledigen und Befreien vom Gesindel, spricht von Schmarotzern und Schweinen. Warum ernstlich fragen, wenn man rüde antworten kann?

Der "unbelesene Arbeiter", derjenige, der noch Arbeit hat, bezieht seine denkerische Omnipotenz aus Lesestoff, Tageszeitung genannt, der nicht lesbar ist. Man liest nicht, man saugt auf, absorbiert, frisst die ärmlich-kurzen Informationen in sich hinein. Keine Zeit, um das Gefressene auf sich wirken zu lassen, keine Zeit, um zu verdauen, zu hinterfragen, nachzudenken. Das Gefressene war vorgekaut, fein gemahlen, somit außerstande im Magen zu liegen, das Gefressene rutscht schon durch den Darm, steht schon zum großen Ausschiss, zur Klosettbräunung an.

So viele Berichte, so viele Fragen, endet Brecht. Sein Arbeiter weiß nicht alles, vermutlich weiß er fast gar nichts. Aber er fragt und erklärt damit, dass er wissen, verstehen, erfassen möchte.
So viele Informationen, so viele Antworten!, könnten wir heute in die Atmosphäre schreien. Der heutige Vertreter seiner Gilde weiß nichts und weiß doch alles. Er stellt keine Fragen und läßt dabei fraglich, ob er wissen, verstehen, erfassen möchte.
Wenn man glaubt, schon alles zu wissen, durch verkürzte Artikel und verstümmelte Meldungen ausreichend informiert zu sein - was soll man dann noch fragen? Hat man nicht das ganze benötigte Wissen schon aufgesaugt? Nützliches Wissen - warum also unnützliche Fragen für unnützliches Wissen stellen?

Allwissende neigen zur Selbstüberschätzung. Der Professor ebenso wie der unbelesene Arbeiter. Selbstüberschätzung und Arroganz begleiten das Wissen wie das Unwissen, karnevalistisch als Wissen verhüllt. Wo kein Zweifel mehr besteht, da werden Baracken geplant und Gruben ausgehoben. Wenn nicht mit Zirkel und Schaufel, so doch in Gehirnlappen und Phantasien. Dann spricht man wieder vom Erledigen und Fertigmachen, von Asozialen, von denen wir uns zu befreien hätten, vom Zusammenbruch, wenn wir uns nicht befreien sollten, vom gerechten Gott Natur, in der Asoziale jämmerlich verrecken würden.

Vorsicht, wenn zu viel, zu verschwenderisch geantwortet wird. Dort wo Gerechtigkeit herrscht, wo man besten Willens ist, gerecht zu agieren, wird vornehmlich gefragt. Nicht nur rhetorisch gefragt, sondern ernsthaft, um Erkenntnisgewinn rangelnd. Man hüte sich vor Antworten! An den Fragen kann man sie messen!

25 Kommentare:

Ralf-zwei.null 3. Februar 2010 um 04:40  

Ich habe ja versucht, mir die Kommentare in der verlinkten Quelle alle durchzulesen. Manchmal muss es weh tun, damit man merkt, dass man noch klar denken kann. Aber das war mir dann doch zu abscheulich. Soviel Masochismus vertrage ich dann doch nicht.

Die armen, bedauernswerten Kreaturen sind nur Opfer des perfiden Systems aus mittelalterlichem Bildungssystem und gezielter Verblödung durch privatinteressensgelenkte Medien. Jahrzehntelange Indoktrination und "geistig-moralische Wenden" hinterlassen Spuren im Gehirn wie weiland BSE bei den Kühen oder Herrn Bürgis Lochfraß in der Waschmaschine.

Mir tut es leid um diese sinnlose Vergeudung menschlichen Geistes im Interesse der Mehrung des Mammons. Denn nur dazu braucht es ein Heer von Dummköpfen. Den Dummköpfen selbst einen Vorwurf daraus zu machen, wäre zu kurz gegriffen. Es ist eben doch nicht jeder seines eigenen Glückes Schmied...

Anonym 3. Februar 2010 um 06:04  

Ja, leider ist es so, dass das Proletariat keine politische Bewegung mehr ist, sondern ein Haufen von "Bild"-und "Kölner Express"-Lesern. Ich möchte hier keine Stereotype wiedergeben - diese Aussage beruht auf meinen eigenen Beobachtungen: Die Lieblings-Zeitungen des einfachen Arbeiters sind nun mal die Boulevardblätter. Jeder, der in einem Betrieb in die Niederungen der produzierenden Abteilungen hinabsteigt, wird dies wohl bestätigen können. (Ich möchte hier anmerken, dass ich selbst ein Produzierender bin. Meine obige Bemerkung vom "hinabsteigen" ist also ironisch gemeint.)

Das fatale an dieser Sache ist, dass sich nur die (riesigen) Überschriften auf der Titelseite in die Hirne der Leser einbrennen und diese dann als Tatsache von den Betreffenden abgespult werden. Ein Hinterfragen unterbleibt, eine Diskussion ist in vielen Fällen unmöglich. Lieber wird direkt zum Sport übergegangen.

Dazu muss man allerdings auch sagen, dass der kritische und mitdenkende Arbeiter im Betrieb auch nicht mehr gefragt ist. Vielmehr herrschen hier immer striktere autokratische Systeme vor. Der Arbeiter (und mittlerweile auch der Angestellte) werden vom Management nur noch als Befehlsempfänger angesehen. Als Betriebsmittel, die man am besten least, um sie bei "Nichtmehrgebrauch" umstandslos austauschen zu können. Ergo: es wird eine Verstärkung der Leiharbeit forciert und damit auch der Typ des nicht denkenden Proletariers favorisiert.

Hier wäre es nun an den Gewerkschaften und den Betriebsräten, die politische Arbeit wieder voranzutreiben. Jedoch finden sich diese in einer mehr und mehr passiven Rolle wieder. Dies ist teils der neoliberalen Politik der letzten Regierungen geschuldet, die eine Elitenförderung betrieben und dabei den einfachen Bürger aus dem Augenmerk verloren hat. Teilweise sind diese Probleme aber auch selbstverschuldet, da die Gewerkschaften sich auf den Lorbeeeren der 1970er ausruhten, als die Arbeiterbewegung viele ihrer Forderungen nach Arbeitskampfmaßnahmen durchsetzen konnte. Die Führungen der Gewerkschaften versuchten dann den status quo zu halten. Sie vergaßen jedoch, dass man auch für einen status quo kämpfen muss. Das Proletariat muss weiter in seiner Kritikfähigkeit unterstützt werden. Dies wurde in den letzten Jahren auf Grund sog. Sachzwänge von den Gewerkschaften leider sträflich vernachlässigt. Daher ist die Arbeitermasse nun eine träge Masse, die sich auf den Schlagzeilen von Bild und Co. ausruht. Die es verlernt hat, kritisch zu fragen und stattdessen unkritsch antwortet mit der angelesenen Hetze auf Hartz-IV-Empfänger. Dabei ausblendent, dass man eben doch nicht immer einen Job findet und dann nur ein Jahr von eben diesem verdammten Status des "Hartzis" entfernt ist, wenn man wegrationiert wird.

Diese träge Masse wieder in Bewegung zu setzen wird ein schwieriges Unterfangen werden. Es muss alles wohl noch schlechter werden. Doch dann kann es sein, dass sich das deutsche Proletariat damit tröstet, dass ja irgendwann wieder bessere Zeiten kommen werden. Währenddessen liest man weiter die Bild-Zeitung und wechselt schnell zum Sport-Teil hinüber, wenn es wieder kritisch wird.

Ajax 3. Februar 2010 um 07:07  

Es stellt sich eventuell die Frage ob wir den "Point of no return" bereits erreicht haben? Vielleicht sind Zahlenspielereien nicht angemessen und die Zahlen fraglich.

Aber vielleicht eine schlimme Zahl und eine etwas Hoffnung machende.

Nach Studien, die einfache Fragen stellen, meinen 2/3 das man die Betroffenen Erwerbslosen "sich selbst überlassen solle". Es wird zusätzlich noch etwas schlimmer ausgedrückt, aber ich will das nicht wiedergeben.

Ich hörte aber mal eine Sendung auf WDR2 zum Thema. Da rief die kaufmännische Angestellte an, die absolut kein Verständnis hatte. Da war der junge Hilfsarbeiter (ohne Ausbildung), der immer etwas bekam wenn er wollte (der wußte noch gar nicht, das man im Laufe der Jahre älter wird). Aber ich weiß genau, das eher 60% der Anrufer Verständnis zeigten und das war nicht nur so dahergesagt.

endless.good.news 3. Februar 2010 um 07:35  

Das vierte Zitat zeigt das Niveau der Diskussion "ob die Arbeit nützlich ist oder nicht ist egal". Also alle Arbeitslosen in die Investmentbanken.

gerhard (62) 3. Februar 2010 um 09:47  

Heute hetzt BILD den dritten Tag in Folge mit einer Headline gegen Hartz-IV-Bezieher. Darüber hätten empörte Linke vor 30 Jahren nicht in diesem Forum diskutiert sondern mit einigen Litern Benzin die BILD-Redaktion in Berlin besucht. Ja, ja, die guten alten Zeiten!!!!

Anonym 3. Februar 2010 um 10:34  

@gerhard

kommt schon noch. In Frankfurt brannte ja die erste Niederlassung einer Zeitarbeit:

http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2882ED5B3C15AC43E2/Doc~E0BE3308094EA49229A9DC6A1C4E5A3F1~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Man kann aber auch an vielen Stellen dem ungerechten Staat einfach einen Haufen Sand ins Getriebe schütten.

Die schlechten Gewohnheiten vertreiben wir vollständig wie boshafte Menschen, die uns lange Zeit Schaden zugefügt haben (Gnomologium Vaticanum, Nr. 46)

Gruß
Bernd

Anonym 3. Februar 2010 um 10:35  

Es begab sich zu der Zeit, als ich wegrationalisiert wurde. Ich schrieb Bewerbungen. Sicher würde ich schnell wieder eine neue Stelle finden, ICH war ja bereit zu arbeiten. Natürlich kannte ich auch Menschen die keinen Arbeit hatten, gleich nebenan, die Frau, ständig betrunken, gegenüber der faule Typ der ständig mit seinen Kumpels am Kiosk stand und dort sein Bier trank und rauchte. Ja, die lebten vom Sozialamt. Ich hatte ja Anspruch auf Arbeitslosengeld. Ich schaute weg, wenn ich einmal dort entlang musste.

Als dann der Anspruch auf ALG endete, und ich immer noch keinen neuen Job hatte, nun auf Arbeitslosenhilfeniveau herabgestuft wurde, die es noch gab damals, dämmerte es mir so langsam, nicht jeder der arbeiten will darf auch arbeiten. Nein, ich als Arbeitsloser diente den Arbeitgebern als Druckmittel gegen Beschäftigte. So wurde mein Schwager ausfallend, zwar "nur" verbal, aber immerhin. Ich sei doch nur zu faul zum arbeiten, könnte meinen ganzen Tag mit Freizeit verbringen und er müsse mit seinen Steuern mich finanzieren. Und selbst meine Schwester war nun dieser Meinung, ich könne doch bei einer Zeitarbeitsfirma anfangen.

Nun, ich wollte es mir nicht sagen lassen und habe mich dann einmal bei einigen dieser Ausbeuterfirmen beworben. Aber die wollten mich auch nicht, die suchten nur "Malocher", keine "Denkarbeiter".

Wenn ich nun versuche meine "Verwandten" mit Argumenten zu überzeugen, ihnen empfehle gewisse Seiten im Internet zu lesen, was bekomme ich zu hören. dafür hätten sie keine Zeit, sie müssten ja den ganzen Tag arbeiten für ihr Geld, da wollen sie Abends nur noch abschalten vom Tag. Glotze gucken, tagsüber auf Arbeit Bild lesen. Bücher? Och ne. Du, ja Du kannst das, du hast ja so viel Zeit. Die solltest DU lieber mal nutzen um dich darum zu kümmern einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Aber DU musst ja immer gegen alles Klagen und in der Zeitung bist du auch dauernd mit deinen Aktionen.

Inzwischen geniesse ich die Reaktionen dieser Menschen. Ich wehre mich, indem ich erkläre, sie seien nur zu feige sich für ihre Rechte einzusetzen, die ihnen von ihren Ahnen erkämpft wurden.

Nun, es sind "Dinks", Kinder haben sie nicht, zweimal im Jahr in Urlaub, Ratenzahlungen sind auch zu leisten.

Aber, SO WILL ICH nicht leben. Und eine "klammheimliche Freude" über den Ärger der Feiglinge an sich kommt mir gerade Recht.

Und so habe ich mir inzwischen angewöhnt auch zuerst zu sagen, ICH WILL nicht arbeiten, mache eine Pause und ergänze dann, wenn ich in die verzerrten Mienen geschaut habe, ich MÖCHTE arbeiten.

Denn das ist ein kleiner aber feiner Unterschied. Ich habe und stelle noch Ansprüche an einen Arbeitsplatz. Auch wenn ich inzwischen jede Hoffnung habe fahren lassen, mit 59 noch eine Stelle zu bekommen. Aber versklaven lasse ich mich nicht.

River Tam 3. Februar 2010 um 10:52  

@all:
Also ernsthaft: Ich habe mich gerade durch die letzten sieben Seiten Kommentare geklickt. Der überwiegende Anteil stellt fest, dass es preiswerter ist, Arno Dübel mit seinem Hartz IV so weiter leben zu lassen, als ihn jetzt noch in Umschulungsmaßnahmen zu stecken, einige fragen, wie man von Hartz IV 600 € für Zigaretten ausgeben kann – was sowohl ein Hinweis auf eine schlecht durchdachte Rolle als Hartz IV-Empfänger als auch auf Schwarzarbeit sein kann, etliche zweifeln offen an der Glaubwürdigkeit der Geschichte von Dübel (etwa weil die Energie angeblich vom Amt bezahlt wird und trotz bekanntem „Arbeitsunwillen“ keine Sanktionen verhängt wurden), gar nicht wenige sagen, lieber Hartz IV -Empfänger „durchfüttern“ als Manager und Politiker; die richten wenigstens keinen Schaden (und damit keine zusätzlichen Kosten) an.
Bei einigen Kommentaren frage ich mich, ob die von bezahlten Kommentatoren stammen: wer zum Beispiel das Wort Engagement kennt, kann es meistens auch schreiben, wer es im Kommentar schreiben will und nicht weiß, wie es geschrieben wird, googelt es und schreibt es dann richtig (und das tun gerade die Leute aus den sogenannten „bildungsfernen Schichten“, die sich ihrer Rechtsschreibschwäche häufig schmerzhaft bewusst sind und damit nicht auffallen wollen), wer es kennt und so völlig falsch schreibt („Angagemant“), hat dies wahrscheinlich mit Absicht getan und wird dafür bezahlt, sich für etwas auszugeben, dass er nicht ist.
Mein (selbstverständlich völlig subjektiver und daher durchaus möglich falscher) Eindruck ist, dass gerade die „bildungsfernen“ Erwerbslosen und Niedriglöhner eher zu den Lokalzeitungen (hier Berliner Kurier oder BZ) greifen, während die Bild vermehrt von sogenannten Intelligenzlern gekauft und gelesen wird, die sich von dem, was „Volkes Stimme“ so zu sagen hat, einen irgendwie unanständigen Nervenkitzel versprechen.
Insofern, mein lieber Roberto, fürchte ich, dass Du diesen Rundumschlag an die falsche Adresse richtest. Der von Dir zu recht monierte Schwachsinn stammt wahrscheinlich eher aus der Feder von PR-Leuten, die dafür bezahlt werden „echte“ Kommentare ins Netz zu stellen und so die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Roberto J. De Lapuente 3. Februar 2010 um 11:07  

@ River Tam

Wir werden es wohl nie erfahren. Ich würde mich freuen, wenn Du recht hast. Dann gäbe es sogar noch sowas wie Hoffnung... und wenn Du falsch liegst?

Tagebuch eines Überlebenden 3. Februar 2010 um 12:21  

Ich erinnere mich noch an die DDR, plötzlich und wider erwarten stürzte das Kartenhaus nach jahrzehntelangem Terror zusammen.

Vielleicht stehen wir heute wieder kurz vor einem ähnlichen Zusammenbruch.

Hoffen wirs und hoffen wir, das endlich eine friedliche, freundliche und gerechte Gesellschaft folgt.

River Tam 3. Februar 2010 um 13:08  

Ach Roberto! Ich bin im Allgemeinen eher optimistisch. Den meisten Menschen, die ich kenne und mit denen ich mich unterhalte, ist klar, dass Entlassung, Arbeitslosigkeit und letztendlich Hartz IV jeden treffen können – wie eine Grippe (Besonders, da der eigene Arbeitsplatz immer weniger von der eigenen Leistung und immer mehr von den Quartalszahlen der Börsennotierung eines Unternehmens abhängt. Und die steigt nun mal desto höher, je mehr Leute „freigesetzt“ werden; ganz unabhängig davon, ob das langfristig für das Unternehmen vielleicht sogar total idiotisch ist.). Viele lesen klugerweise kaum noch die Zeitung, weil sie den Blättern denselben Informationswert zugestehen, den die „Fünf Jahres Plan ist übererfüllt!“ - Meldungen in der DDR hatten, und darauf kostbare Lebenszeit zu verschwenden ist eigentlich sinnlos...
Was, wenn ich falsch liege? Ehrlich gesagt, will ich momentan nur mein Studium beenden. Danach werde ich diesem Land nochmal mit intensivem Blick betrachten und wenn ich dann glaube, dass es sich nicht lohnt hier zu leben, weil keine Arbeit da ist, die Lebensqualität beschissen und die gesellschaftliche Stimmung wie kurz vor den WK ist – dann werde ich die Segel streichen. Ich bin zwar hier geboren, aber Deutschland ist nur ein Land von vielen auf der Welt. Einige sind als Auswanderungsziele indiskutabel, andere nicht. Die dreizehn Jahre, die ich in der DDR aufgewachsen bin, haben meinen Blick für einen Vorteil dieser BRD geschärft: es ist jederzeit möglich, zu gehen. Damit verändert zwar man zwar nichts im Land, aber die Kontrolle über das eigene Leben und das eigene Schicksal, die kann man so zurückgewinnen.

Anonym 3. Februar 2010 um 14:39  

"Ich erinnere mich noch an die DDR, plötzlich und wider erwarten stürzte das Kartenhaus nach jahrzehntelangem Terror zusammen.

Vielleicht stehen wir heute wieder kurz vor einem ähnlichen Zusammenbruch.

Hoffen wirs und hoffen wir, das endlich eine friedliche, freundliche und gerechte Gesellschaft folgt."..., schreibt da so ein "Überlebender" in sein "Tagebuch!

Ich würde da in meinem "Tagebuch" mit heutigem Datum folgendes notieren:

Bei Leuten mit so einer absolut "hoffnungsschwangeren" Einstellung und einer nach wie vor SO ungetrübten Freude(!) über die Eroberung und Zerstörung der DDR durch die heute WIEDER(!) GANZ Deutschland ALLES beherrschenden "Eliten" werden eher wieder die Saurier auferstehen und auf dieser ERDE tapsen als dass sich an den heutigen unmenschlichen kapitalistischen Verhältnissen je etwas ändern könnte......
Oder anders herum: Kann man bei vollen Verstand zur selben Zeit die (imperialistischen)"Sieger der Geschichte" zur gleichen Zeit anklagen UND feiern?

Ganz und gar hoffnungslose Grüße von Bakunin

Anonym 3. Februar 2010 um 15:01  

@ River Tam

Du hast recht, glaube ich, was die verdächtige Rechtschreibung angeht (obwohl ich öfter höre, dass Leute „Arrangement“ sagen, wenn sie in Wirklichkeit „Engagement“ meinen). Ich bin sicher, dass bei Springer etliche sogenannte Leserbriefe in der Redaktion verfasst werden.
Auch der Spiegel ist ja bekannt dafür, dass ein nicht unerheblicher Teil der Leserbriefe aus dem eigenen Hause stammt.
Überhaupt besteht in puncto Fake wenig Unrechtsbewusstsein, selbst bei sogenannten Qualitätsmedien.
Schon vor vielen Jahren erlebte mein Mann in Südafrika (der Apartheitsstaat lag damals in den letzten Zügen) mit, wie seine Journalistenkollegen den Jungen in Soweto Geld für Knallkörper gaben, (es macht schließlich nicht viel her in einem Fersehbericht, wenn die Jugendlichen da bloß rumsitzen und mit den Beinen baumeln; zumal sich in die wirklich üblen Gegenden auch kein weißes Fernsehteam hintraute).

@ Roberto:

Ein Trost für uns alle, besonders Dich, Roberto: Gestern sah ich eine Grafik, nach der die Auflage von BILD seit 1997 um nahezu ein Drittel zurückgegangen ist: Von 4,5 Millionen auf 3,1 Millionen. Das gilt wohl generell für alle Zeitungen (bei der Zeit, der Süddeutschen oder der FAZ wird es nicht besser aussehen), scheint mir gerade bei BILD aber symptomatisch dafür zu sein, was passiert, wenn man immer größere Teile der ursprünglichen Zielgruppe, zu der ja vorrangig sogenannte bildungsferne Mitbürger gehören, mit gezielten Hetz- und Hasstiraden verprellt, seien es nun Rentner, Arbeitslose, Ausländer oder Alleinerziehende. Ja, selbst die Gruppe der bienenfleißigen Arbeiter und Handwerker, die der Bildredaktion wohl als ideale, kaufkräftige Leser vorschweben, erodiert ja rapide durch Lohnverzicht, ständig drohenden Jobverlust und Zwang zum Gürtel-enger-Schnallen.
Wenn Nikolas Blome, Leiter des Hauptstadtbüros von BILD, sich nicht entblödet, folgenden Satz abzusondern: "Schlimm wäre es, wenn die Hartz-IV-Sätze für Kinder - auch wenn ich mich jetzt wahrscheinlich unbeliebt mache - mit dem anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichtes angehoben werden würden. Dann rechnet es sich noch einmal für ein paar Millionen Menschen mehr, nicht mehr arbeiten zu gehen..." dann hat er schwuppdiwupp mal wieder einige hunderttausend mögliche Leser diffamiert und ausgegrenzt, Leser, die möglicherweise durch ein kleines Plus an Kaufkraft verhindern könnten, dass Herr Blome in einigen Jahren selbst sein erstes Date mit seinem Case-Manager hat; seine Arbeit wird dann einer der Ein-Euro-Jobber machen, die bis dahin längst in Privatfirmen eingesetzt werden dürfen.
Aber zum Glück schlagen die Götter ja diejenigen mit Hybris, die sie verderben wollen. Insofern - warten wir es einfach ab!

Liebe Grüße
Saby

Anonym 3. Februar 2010 um 15:02  

DDR=Terror!(friedlich,freundlich): Und BRD=?

Träumereien am Kamin: friedliche,freundliche und gerechte BRD. Der Repressionsmopp freut sich schon auf seinen bewährten Knüppeleinsatz,wenn auch nur Ansatzweise das System gefährdet ist ... und die Standgerichte feiern dann wieder fröhliche Auferstehung: Kapitalismus weiß sich mit Gewalt zu verteidigen. Dann darf nochmals über DDR=Terror nachgedacht werden

Banana Joe 3. Februar 2010 um 15:55  

@gerhard (62)
"...Darüber hätten empörte Linke vor 30 Jahren nicht in diesem Forum diskutiert sondern mit einigen Litern Benzin die BILD-Redaktion in Berlin besucht..."

Hallo Gerhard,

es muss kein Benzin sein...

...ein Blatt aus dem Drucker und etwas Tesa genügen doch auch (ist bei den Spritpreisen heute auch billiger) mit einer kleinen Dokumentation zur Glaubwürdigkeit dieser "Zeitung"; die Schweinegrippe wäre ein geeignetes Thema.

Man nehme z.B. die Grafik auf bildblog.de - Schweinegrippe: Arbeiten an der Hysterie - drucke es aus und hänge das Ganze gut sichtbar -möglichst oft- aus.

Wie wäre das? Macht jemand mit?

Banana Joe

Anonym 3. Februar 2010 um 16:26  

Hallo,

ja, es ist wieder soweit, der "Teile und herrsche-Effekt" schlägt voll zu in Deutschland.

Wie es der Zufall will lese ich gerade etwas über die Wendezeit in einem Nachbarland von uns, der Tschechischen Republik bzw. ehemaligen Tschechoslowakei.

Dort fand ich etwas interessantes über Dissidenten, die oft keine Anstellung mehr erhielten, und arbeitslos wurden - Arbeitslos galt damals in der Tschechoslowakei als "asozial" und "arbeitsunwillig".

Jeder, der die hehren Ziele des Staatssozialismus hochhält sollte dies einmal klar benennen.

Es geht mir jetzt nicht darum eine Partei schlecht zu machen, die ich selbst für eine Alternative zu allen anderen halte:

Die Linkspartei.

Nicht einmal um Politik, sondern einfach nur um die traurige Tatsache, dass grundverschiedene Ideologien oft die selben Methoden der Ausgrenzung kennen:

In der CSSR waren "Asoziale" bzw. "Arbeitsunwillige" oft Dissidenten, die vom Kommunismus/Sozialismus die Schnauze voll hatten sowie, was der Ausgrenzung dort noch eine rassistische Note gibt, und leider bis heute andauert, Cinti und Roma.

Lasen wir mal die Cinti und Roma außen vor, mir geht es jetzt nur um die Dissidenten, die gegen den Kommunismus/Sozialismus gekämpft haben, dadurch nirgends Arbeit erhielten und so arbeitslose "Asoziale" bzw. "Arbeitsunwillige" wurden.

Kommt einem etwas bekannt vor?

Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass evtl. heutige "Dissidenten" gegen die Marktgläubigkeit (=Neoliberalismus) manchmal genauso ausgegrenzt werden - mit denselben Vorurteilen wie einst die Dissidenten gegen den Staatskommunismus/-sozialismus?

Hat jemand etwas gegen ein System, egal welcher Ausrichtung, dann wird er oft mit denselben Vorurteilen nicht mehr als Mensch angesehen - traurig, aber wahr.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 3. Februar 2010 um 19:15  

"[...]Dann darf nochmals über DDR=Terror nachgedacht werden
[...]"

Man sollte einmal andere Vergleiche ziehen als die DDR dauernd antikommunistisch zu diffamieren. Es gibt, siehe mein Hinweis auf die ehemalige Tschechoslowakei Ähnlichkeiten zu heute, die keinem Neoliberalen gefallen dürfte, ebensowenig echten Linken, die die DDR, und den Sowjetkommunismus/-sozialismus auch kritisch sehen sollten.

Ich hielt die Begriffe "arbeitsunwillig" und "asozial" immer für Produkte der BRD, bis ich diesen Text las, den ich hier empfahl - Eine Reisebeschreibung über die ehemalige Tschechoslowakei in Zeiten des Kalten Krieges.

Die Linkspartei ist hier, sollte die sich nicht neoliberal wenden, gefordert, auch einmal diese Seiten aufzuzeigen - Nicht um die DDR schlecht zu machen, sondern um darauf hinzuweisen, dass die Menschenfeindlichkeit gegenüber Arbeitslosen über die damaligen Blockgrenzen hinwegging, und heute wieder in voller Urgewalt durchbricht.

"Asoziale" und "Arbeitsunwillige" gab es eben nicht nur im deutschen Faschismus sondern Jahre später in der Tschechoslowakei, und sicher auch in anderen Ostblockländern (einschließlich der DDR).

Man findet sicher auch als Befürworter der Totalitarismusdoktrin übereinstimmungen zwischen dem westlichen Kapitalismus und dem Sowjetkommunismus, wenn auch nicht in der Ideologie, sondern der technischen Umsetzung bzw. Ausgrenzung durch gleiche Vorurteile....

Da sollte die Linkspartei - als positiv gewendete Partei des ehemaligen Ostblocks - auf Honeckers wahre Erbin Angela Merkel ansetzen.....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 3. Februar 2010 um 20:44  

Die Linkspartei ist eine Alternative? Die Grünen waren das doch auch einmal ... jetzt sind die ( bald mit den Linken zusammen) doch nur noch die "Heiligen Narren" im System.

Der Eindruck festigt sich: Die rot/grünen Damen und Herren haben sich im politischem System der BRD behaglich eingerichtet. Verbal sind sie große Kämpfer für eine gerechtere Gesellschaft, tatsächlich aber nur politische Dampfschwätzer. Gerade die sogenannten "Bürgerrechtler" aus der DDR haben sich als übelste(oft christliche) Heuchler erwiesen.

Auch die Die Linke ist wahrlich in der BRD angekommen: eine zweite SPD. Das wird sich nicht ändern (siehe z.B. Berlin); ... lasst alle Hoffnung fahren.

Anonym 3. Februar 2010 um 22:29  

"In der CSSR waren "Asoziale" bzw. "Arbeitsunwillige" oft Dissidenten, die vom Kommunismus/Sozialismus die Schnauze voll"... und weiter "dann wird er oft mit denselben Vorurteilen nicht mehr als Mensch angesehen - traurig, aber wahr."----

Lieber NachDenkSeiten-Leser! Und ICH kann Ihnen aus eigenen Erleben und eigener Anschauung berichten, dass in der einstigen "kommunistischen" CSSR ganz im Gegensatz zu HEUTE sogar "Zigeuner" - also Roma und Sint! - als MENSCHEN angesehen wurden, sie sogar privaten Handel treiben durften.
Die Schulen mussten und durften auch deren Kinder besuchen.
Darüber hinaus gab es keine Arbeitslosen aber viele Arbeiter aus anderen Ländern, darunter sogar aus Ägypten.
Des weiteren gab es in allen Kneipen sehr leckeres Bier reichlich zu trinken und in den Läden eine Menge Südfrüchte.
Selbst die damaligen Skodas waren nicht die schlechtesten Autos.
Ja.... und man konnte in diesem Lande sehr nette weibliche Geschöpfe treffen ganz ohne jeglichen finanziellen Interssen und Prostitution - so wie leider heute unter den Bedingungen der "Freiheit".....
Haben die einstigen "Dissidenten" vielleicht - ob auch Naivität oder?? - DAFÜR "gekämpft"?
Wir sollten es wirklich langsam gut sein lassen, den einstigen "Realen Sozialismus" auf die ödeste Art bar jeglicher Kenntnisse zu diffamieren und damit zugleich unseren HEUTIGEN Herren und Ausbeutern einen Kotau nach dem anderen darzubieten!
D A S gilt auch für alle aus Unwissenheit, Boshaftigkeit, Opportunismus oder sonstigen niederen schäbigen Motiven entsprungenen "Verurteilungen" gegenüber der ehemaligen DDR.
Jeder vernünftige Mensch sollte sich einfach mal fragen, w e m mit deratigen Geschwätz LETZTLICH gedient ist.
Lieber NDS-Leser, bitte fassen sie meine Kritik nicht als einen persönlichen Angriff auf sondern als eine rein sachdienliche Kritik!

Mit besten Grüßen, Bakunin

Anonym 4. Februar 2010 um 02:06  

Also gerade mit HartzIV und der derzeitigen undifferenzierten Hatz der Elite zeigt sich eines: Die Hetzer sind sich gar nicht bewußt, daß so viele Leute HartzIV beziehen, daß schon fast jeder einen kennt den er persönlich schätzt, der diese 'Wohltat' bezieht.

Und die meisten dürften wohl auch nicht glauben, dass sie nie im Leben mal arbeitslos werden und viele wissen doch, dass man sich 100 mal und mehr bewerben muß, wenn man einen neuen Arbeitsplatz sucht.

Dennoch ist HartzIV ein verfassungsdurchbrechendes Gesetz, da es Arbeitswillige unter die Armutsgrenze drückt und Arbeitsunwilligen ihr verfassungsmäßiges Recht auf Aufrechterhaltung ihres Lebens und Freiheit nimmt, indem es ihnen nach dem 'Fortentwicklungsgesetz' (vermutlich Neusprech für 'Erpressungsverstärkungsgesetz') nicht einmal mehr ein subjektives Recht auf Unertstützung mit dem Überlebensnotwendigen zuerkennt. Der Mensch wird also aufgrund seiner Gesinnung zum Objekt einer Ermessungsentscheidung der ARGE, ob ihm der Bezugsschein für Brot und Wasser noch zusteht oder nicht (vgl. § 31 III 6 SGB II).

Das Gesetz höhlt elementare Menschenrechte aus und degradiert Menschen aufgrund ihrer Gesinnung von Subjekten zu Objekten, denen man je nach Kassenlage des Amtes das Gnadenbrot hinwerfen kann.

Gruß
Bernd

HAL9002 4. Februar 2010 um 13:00  

Mich erfüllt Robertos Artikel eher mit Unbehagen.
Nicht nur weil ich heute der Meinung bin, dass irreführende Argumente benannt werden, sondern auch weil ich gestern Nacht voll zugestimmt hätte.
Die Kernfrage / die grundlegende Enttäuschung der Linken ist: Warum wenden sich gerade die, die von Armut bedroht sind, gegen die, die von ganz Unten angekommen sind?
Ich selbst bin maßlos enttäuscht darüber.
Als Erklärung aber die Intelligenz, Bildung heran zu ziehen, scheint mir mindestens fragwürdig zu sein; die Reduktion auf den lesenden Arbeiter mindestens arg romantisch verklärt. Früher war nicht alles besser.
Aus der Enttäuschung über die gesellschaftliche Unselbststänigkeit sollte man sich nicht verleiten lassen, auf die scheinbar "Doofen" verbal einzudreschen.
Wie auch immer. Liest man sich den Blöd-Blog mal aus einem anderen Blickwinkel durch, so kann man einen flüchtigen Eindruck gewinnen, welche Energie so eine Masse bekommen kann, falls Sie erst einmal ins Rollen gerät. Kritik muss bei den Lenkern dieser Massen ansetzen. Wo wollen die den hin?

Witzigerweise hat Roberto seinen Artikel mit dem Befehl zum Hinterfragen enden lassen.
So einen starken Abgang habe ich leider nicht, sondern greife in Notwehr zum Zitat
Dixi et salvavi animam meam; KM

Anonym 4. Februar 2010 um 18:07  

@Bakunin

[...]Wir sollten es wirklich langsam gut sein lassen, den einstigen "Realen Sozialismus" auf die ödeste Art bar jeglicher Kenntnisse zu diffamieren und damit zugleich unseren HEUTIGEN Herren und Ausbeutern einen Kotau nach dem anderen darzubieten!"[...]"

Noch einmal, lieber Bakunin mir geht es nicht darum den Sozialismus schlecht zu machen sondern darauf hinzuweisen, dass eben die Form des Sozialismus der damals im Ostblock gescheitert ist auch keine menschenfreundliche war.

Es ist übrigens kein Geschwätz, sondern aus folgendem Buch, dass sich eigentlich mehr touristisch mit der heutigen Tschechischen Republik auseinandersetzt - aus meinem Gedächtnis - zitiert:

"Tschechien - Eine Nachbarschaftskunde für Deutsche" des freiberuflich tätigen Journalisten Hans-Jörg Schmidt.

Vielleicht können Sie ja dem paroli bieten? Ich weiß aber seine Adresse nicht, die gibt er im Buch nicht an, nur, dass er schon seit ca. 1990 in Prag Korrespondent ist.

Klarstellung betreff Linkspartei:

Ich bin selbst Mitglied, wenn auch aufgrund mangelnder Mobilität derzeit mehr passiv als aktiv, und halte es für oberwichtig, wenn die Linkspartei gerade aus den Erfahrungen des zurecht gescheiterten Staatssozialismus/-kommunismus zitiert, die sich manchmal 1:1 mit der neoliberalen Ideologie überschneiden.

Irgendwo hab ich einmal gelesen, dass die Sieger oft von der gescheiterten Ideologie abkupfern. Nichts anderes hat wohl die kommunistische Partei in der CSSR gemacht, die haben - bis auf die andere Ideologie - von den Nazis die Verfolgung von "Asozialen" abgekupfert. Nach der Wende hat die neue, vermeintlich siegreiche Ideologie, der Marktglaube diese Form der Menschenfeindlichkeit übernommen.

Vielleicht ist es wirklich einmal an der Zeit solche Übernahmen zu benennen. Ich halte die Linkspartei gerade dafür für sehr geeignet, da die im Gegensatz zu CDU/CSU/FDP von den Fehlern der Vergangenheit (=autoritärer Staatskommunismus/-sozialismus) gelernt zu haben scheint.

Ein anderes Thema wäre der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", denn - so sehe ich es - es ist nur eine kommunistische Ideologie zurecht gescheitert: Die Planwirtschaft und der autoritäre Führungsstil der kommunistischen Parteien.

Der neue Sozialismus soll, wenn man Morales/Chavez ungefiltert glauben kann eben wirklich rein demokratisch sein.....

So sieht es die Linkspartei....und so sehe ich es....

Ich bin übrigens dafür, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit lernt, und die Linkspartei ist die einzige Partei in Deutschland, die dies getan hat. Die anderen Parteien haben ihre unrühmlichen Rollen in der dt. Geschichte (ich erwähne nur z.B. den typisch hitlerischen Antikommunismus) nie richtig aufgearbeitet.

Übrigens, auch in punkto DDR-Blockflöten (=Ost-CDU/FDP) nicht - Ganz im Gegenteil.....

...die könnten hier sogar noch was von der ostdeutschen Sektion der Linkspartei lernen die Merkel-Blockflöten in der Union bzw. FDP....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 4. Februar 2010 um 22:01  

Anonym hat gesagt...

@Bakunin..."Noch einmal, lieber Bakunin mir geht es nicht darum den Sozialismus schlecht zu machen"..

Danke lieber NDS-Leser(bin auch ein Leser dieses guten Blogs) für die Mühe, welche Sie sich gemacht haben, mir Ihren Standpunkt nochmals etwas ausführlicher darzustellen!

M i r ging es bei meiner Darstellung von einigen flüchtigen Eindrücken aus der "alten" CSSR aus meinen Jugendtagen keinesfalls darum, den "Realen Sozialismus" als ein verlorengegangenes Paradies darzustellen sondern nur darum zu zeigen , dass auch in diesem System nicht wenige Menschen ein gutes und würdevolles Leben führen konnten und es auch taten.
Dieses System ging zweiffellos nicht nur an dem ungeheueren ökonomischen und militärischen Druck des imperialistischen NATO- "Westens" (Versuch des Totrüstens!!) einschließlich seiner verlogenen und hinterhältigen "Entspannungspolitik" zugrunde, sondern auch an einer Reihe massiver innerer ökonomisch-politischer Fehler, speziell seit Beginn der 70er Jahre, wozu auch das Fehlen einer Reihe echter demokratischer Einrichtungen zu zählen ist.
Die PDL hat also völlig recht, sich mit der Geschichte der DDR und der anderen "Bruderländer" offen und kritisch auseinanderzusetzen.
Und sie hat es auch in einer Reihe von Dokumenten mehr oder weniger gelungen getan.
Was sie aber niemals tun sollte, einschließlich aller ihrer Wähler und Unterstützer, ist, sich unter dem ideologischen antikommunistischen Trommelfeuer der staatstragenden Systemparteien von CDU/CSU/SPD/FDP und Grünen samt deren Medien-Kloaken zu einer ständigen volksverdummenden Hetze gegen die einstige DDR drängen, ja geradezu anfeuern zu lassen.
Diese verkommenen bürgerlichen kapitalhörigen Politganoven-Vereine haben nicht das geringste Recht, die einstige SED und DDR zu kritisieren.
Sie haben folglich auch nicht das geringste Recht, der PDL ihren Umgang mit der Geschichte vorzuschreiben.
Ich selbst habe die PDL seit 1998 immer gewählt und habe gleichzeitig immer für das Wählen dieser Partei auch bei allen anderen Leuten geworben wo immer sich eine Möglichkeit ergab.
Ich hoffe, ich kann dies auch zukünftig noch tun, denn es gibt da in letzter Zeit einige Entwicklungen, die mich seltsamerweise sehr erinnern an die langsame aber stetige Entartung der "Grünen" N A C H deren Einzug in einige Länderparlamente und den Bundestag zu Beginn der 80er Jahre.
ES wäre eine politiscche Katastrophe, wenn sie auch noch zu einer dieser Posten - und Ämter geilen Systemparteien mutieren würde.

Alles Gute, Bakunin

Anonym 5. Februar 2010 um 15:32  

@Bakunin

Danke für die klaren Worte.

Nur eines noch mir geht es nicht um den Antikommunismus wie Sie meinen sondern, um es noch einmal zu erwähnen, dass völlig verschiedende Weltanschauungen voneinander abkopieren - Meist sind es die vermeintlichen Sieger der Geschichte, heute eben die Neoliberalen, die so handeln.

Zu Ihren sonstigen Ausführungen, da sind wir einer Meinung:

Es würde verheerend sein wenn die Linkspartei dem Rat der GRÜNEN folgen würde sich dem System anzupassen....anscheinend bewegt sich hier was, wenn man der designierten neuen Parteispitze glauben darf....

Koalitionen wie in Berlin, und andernorts, werden es als "Realos" zunehmend schwerer haben - Hoffe ich - Albrecht Müller hat ja auf Nachdenkseiten sehr gut die Strategie beschrieben welche einst die GRÜNEN spaltete: In "Realos" und "Fundis".

Ich denke so eine Strategie funktioniert einmal, wenn die einmal bekannt ist dann eben nicht mehr....Darauf hoffe ich....

Übrigens, ich will hier keinen neuen Thread mit der Linkspartei aufmachen, aber nur eines noch, die Linkspartei war am Anfang, was Mitglieder angeht, ähnlich offen wie Attac.

Ich hab da den starken Verdacht, dass nicht alle ehemaligen enttäuschten CDU,CSU,FDP,SPD,GRÜNEN-Mitglieder, die einen Wechsel in die Linkspartei gemacht haben - Lafos Nachfolgerin ist z.B. eine solche ehemalige enttäuschte CDUlerin, die nun in der Linkspartei aktiv ist - es ehrlich meinen.

Ähnlich wie bei Heiner Geißler (CDU + Attac-Mitglied) habe ich da so meine Zweifel an der Ehrlichkeit so manchen Wechselkandidaten - Es könnten auch U-Boote darunter sein, die die Linkspartei von innen heraus zerstören wollen, und die nichts daraus gelernt haben, dass eine solche Strategie bereits bei einer anderen Partei - Der FDP - gescheitert sein dürfte.

In meinen jungen Jahren hörte ich mal was von einer Initiative, die Studenten zum FDP-Eintritt aufrufen sollte, mit dem Ziel die FDP von innen heraus zu verändern, d.h. sozialer zu machen.

Diese Strategie ist gescheitert, bei den Liberalen, wie man sieht, aber das heißt nicht, dass die bei der Linkspartei noch einmal versucht wird....

...sorry, aber so sehe ich es.....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

hans-jörg schmidt 25. Februar 2010 um 11:11  

lieber nachdenkenseiten-leser,

sie zitieren mich hier aus meinem tschechien-buch und suchen meine adresse? hier bitte:

Hans-Jörg Schmidt
Chotineves 62
CZ - 411 45 Ustek

hjsprag@upcmail.cz

beste grüße!

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