Auf der Tretmine

Samstag, 4. Juli 2009

Es ist, als würde die besinnliche Stille eines Waldspazierganges, diese trügerische Sturmesruhe zwischen Bäumen und Wiesen, durch ein leises, aber doch in der Stille fein vernehmbares Knacken durchrissen. Man bleibt stehen, blickt um sich, bekommt zögerlich einen vagen Schimmer, woher dieses fremde Geräusch vernommen wurde, lugt hinab auf den Schuh des Standbeines, woher es unter der Schuhsohle knackend hervorkroch. Es ist, als würde man dessen gewahr, einer knackenden Tretmine auf den Kopf getreten zu sein. Man erahnt zwar nur, ob es sich um jenes Kriegsutensil aus den Werkstätten menschlicher Zivilisation handelt, aber zwischen Vermutung und Hoffen und Bangen schiebt sich die Gewissheit, dass ein nächster Schritt, und sei es auch nur ein winziger Schritt vor, zurück, nach rechts oder links, ein plötzliches Ende zur Folge hätte. Vernimmt man dann noch ein Ticken, ein stoisches, gleichmäßiges, in die Stille des Waldes hineintretendes Ticktack, welches gleich einem Autisten keine Verbindung zu den Dingen um sich kennt, so beschleicht einen der Gedanke, dass selbst das Ausharren auf der Mine, das sture Verweilen der Sohle an Ort und Stelle, irgendwann dank eines Zeitzünders zu detonierendem Ende führen werde. Man weiß es nur ungenau, man erahnt nur, man will von der Aussichtslosigkeit des Stehenbleibens, dem langsamen Ende herunterzählender Zeit, nichts wissen. Ohne dem Vergessen, ohne der Gabe der Naivität, wäre eine Aufrechterhaltung des Lebens undenkbar – wer vergisst, wer naiv verdrängt, dem wird Leben gespendet, wenn auch nur als Zeitkontrakt.

So steht man stundenlang, wie ein Gelähmter an der Stelle des heruntergedrückten Zündstiftes, reflektiert über seine Lage, ersinnt Fluchtpläne, die einem nicht den Rumpf von den Beinen und Armen abtrennt, eine Weile später Fluchtpläne, die einem wenigstens nur ein Bein kosten, nochmals später Fluchtpläne, bei denen man wenigstens eine Extremität zu behalten vermag. Obzwar man frei ist, man hingehen kann, wohin es beliebt; diese Freiheit, das wird einem schnell begreiflich, ist keine gehende, keine beliebige, sie ist eine robbende, kriechende, eine verblutende, die Freiheit fehlender Nachhaltigkeit, die Freiheit des Moments - vielleicht die einzige absolute Freiheit des Menschen. Ängstlich nistet man sich in der Gefangenschaft ein, erst ernüchtert, verängstigt, dann die Kette zur langen Leine verklärend, lockert die Kette hie und da, versucht aus der Anstrengung des Stehens in eine Entspannung des Sitzens zu geraten, immer die Schuhsohle satt auf den Stift pressend, immer mit Bedacht, keine Vibrationen entstehen zu lassen, sicher sei schließlich sicher. Tage und Nächte vergehen, man schläft sitzend zusammengekauert, redet sich ein, man hätte nie besser geschlafen, liegendes Schlafen sei zivilisatorischer Luxus, fern der Natur des Menschen. Man speist passierende Käfer, saugt deren Mark aus den winzigen Gliedern, befriedigt so seinen Durst, schlürft den Morgentau von den Grashalmen, kaut langsam und mit viel Genuss Gräser und kratzt den Vogelschiss, der als unregelmäßige Lieferung hinabgeschleudert wird, aus dem Haar, lutscht und schlürft daran und erfreut sich der wertvollen Nährstoffe, erfreut sich des würmischen Gustos, das trotz Verdauungstätigkeit von Stieglitz, Blaukehlchen, Nachtigall geschmacklich erhalten blieb. So, und nur so, ernähre sich der wahre Mensch, der Mensch im Einklang mit der Natur; so, und nur so, dürfe der Mensch sich sättigen; so, und nur so, ist aus der Ware Mensch der wahre Mensch zu verwirklichen. Aus der Kette, aus der Bürde, aus dem starren, bereits gefühlskalten Fuß, ist die absolute Freiheit entwachsen. So zu speisen, seinen Darm düngend in den sättigenden Wiesen rundherum zu entleeren, seinen Harn gleichfalls abzulassen, im Sitzen zu leben und zu schlafen: all das ist zur Freiheit geworden, ist keine Notwendigkeit aus der Situation heraus, sondern Ausdruck von tief verwurzelter Überzeugung. Nicht der Zündstift regelt dieses Leben, sondern das Leben nistet sich am Zündstift. Und das Ticken, dieser stete Begleiter, ist keine drohende Akustik mehr, es ist der Takt des Lebens, der florierende Puls der neuen Freiheit. Es bejaht das Dasein am Zündstift, die lebensverneinende Bedeutung ist entschwunden.

Es ist, als säße man zu Füßen einer Mine, um sich blickend, zufrieden in die Welt und in die Zukunft glotzend, sich labend an den Köstlichkeiten der kreuchenden und fleuchenden Natur. Währenddessen die tickende Vergänglichkeit, die zur lebensbejahenden Ader geworden ist, leugnend oder beschönigend, das eigene, an den Zuständen ausgerichtete Leben als besseres, vorallem aber freiwillig gelebtes Leben preisend. Wer hat schon täglich Bäume und Wiesendüfte auf seinem Tagesprogramm? Wer verköstigt sich schon täglich mit den Annehmlichkeiten der Natur, ißt wie ein Edelmann? Es ist kein Arrangement mehr, es ist tiefe, unverbrüchlich verankerte Überzeugung. So tief, so verankert, dass ein hilfsbereiter Wanderer, der den Freiheitsüberzeugten aus seiner Lage befreien möchte, zum Angreifer wird, zum Mißgönner dieser harrenden Freiheit. So sehr, dass ein solcher Störenfried in seinem Eifer unterbunden werden muß, notfalls mit Gewalt, notfalls durch Totschlag. Es ist, als würde man einer hilfsbereiten Hand, den Befreier aus der zur Freiheit gewordenen Not, den Schädel zertrümmern. Als würde man zum Mörder einer Freiheit, die nur innerhalb der Windungen der Kettengliedern heimisch war. Und doch mordete man nicht, man befreite sich lediglich von der drohenden Unfreiheit, man verteidigte sich, handelte aus Notwehr. Wer würde in der Unfreiheit das Ticktack ersetzen, würde den Takt des Lebens in die eigene kleine Welt hinausticken? Wo bekäme man den Genuss frischer Maden und Käfer aufgetragen? Könnte man den ausgeschiedenen Darminhalt weiterhin als Dünger nachwachsender Graseskost verwenden? Das Leben am Fuße des Fußes auf dem Zündstift, hat seine Versprechungen erfüllt, Freiheit garantiert und verwirklicht. Es ist, als hätte man das Lebensglück gefunden, als hätte man aus dem Pech seines Lebens die Essenz der Glückseligkeit gepresst.

11 Kommentare:

antiferengi 4. Juli 2009 um 16:33  

Super Beispiel für zwangsweise entwickelten Fatalismus aus dem ein Fundamentalismus erwächst. Not, Zwang, oder fehlende Alternativen waren neben der normalen Bequemlichkeit schon immer die Gründe dafür das eigene Universum ausschließlich auf das erreichbare zu reduzieren.

Anonym 5. Juli 2009 um 00:57  

Fatalismus hin oder her, woher unser fundamentalistischer Wirtschaftsneoliberalismus kommt, wird hier schön erklärt, auch WIE er in Deutschland durchgedrückt wird, wird hier deutlichst erklärt.

Kein Wunder, dass wir im Prinzip nur US-amerikanische Politik machen, die Amis haben anscheinend die meisten unserer Politiker in den entsprechenden "Councils", vor allem CFR, gehirngewaschen bzw. "vorbereitet und ausgebildet".

Da wird einem richtig schlecht, wenn man sich da mal anguckt, was die Amis uns da so alles in den Schlund drücken.

http://www.duckhome.de/tb/archives/6817-Karl-Theodor-Maria-Nikolaus-Johann-Jacob-Philipp-Franz-Joseph-Sylvester-Freiherr-von-und-zu-Guttenberg.html

http://www.zeitgeist-online.de/special24.html

http://www.zeitgeist-online.de/special27.html


Ich will mein Land zurück und auch mein Leben.
Ich will kein Amis sein, nur weil diese USA ihre Krakenfinger überallhin ausstrecken.

Sepp Aigner 5. Juli 2009 um 07:45  

Das Bild kann auch fuer die "moderne" Esoterik und ihre Quintessenz, das "Positivdenken", stehen. Eindruecklich! Das bleibt haengen.

flatter 5. Juli 2009 um 11:43  

Ein bißchen mehr Action hätte ich schon erwartet. So ist das ja nur ein weiteres Höhlengleichnis. Vielleicht könnte hie und da in der näheren Umgebng wenigstens einer in die Luft fliegen?
So wirst du nie verfilmt, Junge!

Lupe, der Satire-Blog 5. Juli 2009 um 16:35  

at flatter: für gewisse ami-filmemacher magst du recht haben. ich finde den beitrag schlicht genial. punkt.

Peinhard 5. Juli 2009 um 18:38  

@Anonym:

So so, 'Die Amis' sind schuld, und du willst 'dein Land' zurück, weil 'wir' bzw 'unsere' Politiker nur us-amerikanische Politik machen.

Wenn du jetzt probehalber mal statt 'Amis' 'Juden' einsetzt, kommt dir die ganze Denkfigur dann nicht auch unangenehm bekannt vor? Und was ist überhaupt dieses ominöse 'wir'? Etwa eine 'Volksgemeinschaft' von den Albrecht-Brüdern bis zu dir und mir? Das Wahngebilde 'Nation', das seine zweifelhafte Existenz auch nur dem kapitalistischen Konkurrenzkrampf verdankt? Meinst du wirklich, du könntest auf dieser Ebene 'dein Leben' zurückbekommen...? Dass es wirklich einen Unterschied macht, welches Fähnchen auf deiner ganz privaten Tretmine prangt?

beobachter 5. Juli 2009 um 19:35  

hab gestern zufällig soone art wort zum sonntag der christlichen art gehört. der pfaffe erzählte so in etwa: wenn es dir an allem mangelt und dein nachbar hat von allem im überfluss, beneide ihn nicht, sondern sieh, wo er mangel hat, hat er keine freude an seiner familie, weil er dauernd auf der jagd nach reichtum ist, fehlt ihm die ruhe zum entspannen, die dir gegeben ist, so erreichst du zufriedenheit statt neid. also auf der mine sitzen bleiben und sich freuen, daß die anderen da so mühsam herumspringen müssen. christliche demut zahlt sich aus - leider nicht im diesseits.

Lada 5. Juli 2009 um 21:04  

Wieder mal sehr vielen Dank Roberto, für deinen tollen Text.

Allerdings stellt sich mir die persönliche Frage (persönlich, und nicht als Kritik an deinem Text :)): Woher soll man wissen, dass die eingeredete(?) Freiheit nicht die wirkliche Freiheit ist? Und wenn ich mich dann zur "wirklichen" Freiheit (oder auch Erkenntnis) durchgerungen habe, woher weiß ich dann, dass ich nicht eigentlich immer noch auf der Tretmine stehe - oder von einer Tretmine auf die nächste gelatscht bin?

Lieben Gruß

Lesefuchs 5. Juli 2009 um 21:54  

Herrlich! Mögen uns lange solche Beiträge erfreuen. Die Chancen steigen. Schäuble soll nach Brüssel ;-))
Mir fiel gleich bei dem Beitrag ein: Die Miene ist die Arbeitslosigkeit(HARTZ IV) und der Stift ist der Job. So lange man ihn hat und besetzt ist alles gut (relativ gesehen). Aber nur einen kleinen Schritt weiter.....
Mögen die paar Leute im Internet ihre Stimme verbreiten und Wirkung erzielen und Denken erzeugen!!!
http://www.freitag.de/politik/0926-wahlprogramm-linke-spd-arbeitgeber-mindestlohn

Geheimrätin 5. Juli 2009 um 23:33  

Wow, wie genial ist das!

pillo 6. Juli 2009 um 20:27  

Ein genialer Beitrag!!!

Ja, wie leicht wir uns doch (jeder auf seine Weise) unser Leben zurechtluegen, um uns vor uns selbst zu rechtfertigen. Koennten wir ohne dieses Umdeuten unserer Vita ueberhaupt noch des Morgens in den Spiegel schauen ohne uns dabei vor uns selbst zu ekeln?

Man zieht von Land zu Land, weiss nicht was morgen passiert oder ob man naechsten Monat noch Arbeit hat. Aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz, vor den Freunden/der Familie und natuerlich vor sich selbst wird diese Leere und Perspektivlosigkeit in Freiheitsdrang und Unabhaengigkeit umgedeutet.

Man muss in seinem Job Dinge tun, die einem nicht nur widerstreben sondern sogar dem eigenen Weltbild kontraer entgegenstehen. Egal, man beruhigt sich damit, dass die Arbeit im Falle der Selbstkuendigung eben von jemand anderem gemacht wuerde. Ausserdem braucht man den Job, schliesslich hat man ja eine Familie zu ernaehren und das Gehalt ist immerhin ganz passabel.

Man wird vom Chef kurzgehalten, staendig kontrolliert und gemassregelt? Was soll's, fuer die Aussenvermarktung hat man ja seinen Titel, seine wohlklingende Berufsbezeichnung und natuerlich sein gutes Gehalt.

Man ist gegen Kinderarbeit und Hungerloehne und fuer Bio. Dennoch kauft man regelmaessig bei Discountern ein. Man luegt sich selber in die Tasche, dass man schliesslich mit dem Familienbudget sparsam umgehen muesse und zudem den profitgeilen Konzernen mit ihren Marken keinen Cent zuviel in den Rachen schmeissen will.

Die Ehe besteht nur noch auf dem Papier? Egal, fuer Freunde, Nachbarn und Kollegen spielt man weiterhin die harmonische Familie. Hauptsache der Schein bleibt gewahrt.

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