Ein bürgerlicher Held

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Der deutsche Held schlechthin, der größte deutsche Freiheitskämpfer des 20. Jahrhunderts, hat nun seinen Platz in der Welt eingenommen, hatte kürzlich Weltpremiere. Somit wird das Heldenepos, welches die Deutschen ja schon kennen - Orginalton Tom Cruise -, nun auch Millionen anderen zugänglich - Stauffenberg wird zum Weltstar, zur Ikone, sein Konterfei könnte den Verkaufsschlager "Che Guevara-Konterfei" - jenes von Alberto Korda mit den Namen "guerrillero heroico" - den Rang streitig machen. So ähnlich jedenfalls malt es sich die BILD-Zeitung aus, die ja schon vor Monaten enthusiastisch über den Hollywood-Film "Operation Walküre" berichtete und nun der Weltpremiere einen kleinen, dafür aber höchst überschwänglichen Artikel widmet.

Und wahrlich, Stauffenberg taugt zum deutschen Helden wie kein anderer, hat er sich doch schließlich aktiv dem ewigen Dämon, diesem unerklärlichen Monstrum und personifizierten Rückschritt ins Mittelalter entgegengestellt, hat ihn fast getötet und wollte ein neues Deutschland errichten, in dem die Greuel des Dritten Reiches nicht mehr zum Alltag gehören würden. Außerdem hat ihm eine ganze Litanei bürgerlicher Historiker, über allen thronend Joachim Fest, ein Denkmal errichtet, ihm zwar nicht direkt eine Hagiographie gewidmet, doch ein solides Fundament gegossen, auf dem das Heldengebäude wind- und wetterfest errichtet werden konnte. Die tragische Figur des Grafen ist geradezu prädestiniert für das Heldenstück, zeigt es doch auf, mit welchem Glück, mit welcher vom Schicksal vorbestimmten, unerklärlichen Vorsehung, das Scheusal aus Braunau gesegnet war - und zeigt damit auf, wie schwer umsetzbar, wenig erfolgsversprechend, wie unkalkulierbar deutscher Widerstand doch war, rechtfertigt folglich damit das Stillhalten vieler Millionen damaliger Zeitgenossen; der gescheiterte Heros rechtfertigt das Schweigen der Deutschen, ihr Arrangement mit den damals herrschenden Zu- oder besser gesagt Mißständen.

Für die bürgerlichen Medien gilt diese tragische Ikone des Widerstandes als Sinnbild eines anderen, eines besseren, humaneren, friedlicheren Deutschlands. Eines Deutschlands, welches in der Wehrmacht nur ein geknechtetes Werkzeug der Nationalsozialisten sieht, überrumpelt und wehrlos in einen Krieg geschickt, den man ja nie haben wollte, den man erst ablehnte und - darüber spricht man weniger gerne! - als man von Sieg zu Sieg eilte, im Kriegshandwerk ganz plötzlich wieder die gottgegebene Aufgabe erkennen wollte, Freude am Tun verspürte. In diese Tradition wäre auch Stauffenberg einzureihen, wenn die historische Berichterstattung nicht so eindimensional und verlogen wäre, wenn sie offen mit den Makeln der Widerständler umgehen würde. Stauffenbergs Gewissen wurde nämlich erst dann aktiv, als der Krieg verloren schien, als ihm das Leid der eigenen Volksgenossen gewahr wurde, als er erkannte, dass mit Hitler die bedingungslose Kapitulation nurmehr eine Frage der Zeit sei - davor mag er gehadert haben, auch kein wirklich begeisterter Krieger gewesen sein, kein Freund des heldenhaften Abschlachtens, aber wesentlich kritisch war er dennoch nicht, zumindest nicht "öffentlich" im Kreise der Verschwörer, die ja jahrelang lavierten und zweifelten, die immer wieder auf den Ehrenkodex des deutschen Soldaten verwiesen und sich damit aus der Affäre zogen.

Kurz und knapp gefaßt, die Gruppe um Stauffenberg war kein demokratisch gesinntes Widerstandsnest, sondern eine bürgerliche, vornehmlich aus dem Adel stammende Riege höherer Offiziere, denen - sobald man Hitler erst mal beseitigt hätte - nicht die Demokratisierung ihres Landes vor dem geistigen Auge vorschwebte, sondern ein Obrigkeitsstaat, der Adel und Eliten bevorzugen, den Rest des Volkes aber ausbeuten soll - letztere hätten ihren von Gott erteilten Posten zu erfüllen, ohne aufzubegehren, ohne Ideen wie den Sozialismus ins Staatskonzept einfließen zu lassen. Die Stauffenberg-Gruppe hatte kein Interesse an Gewerkschaften oder allgemeinem, unmittelbarem, freiem und gleichem Wahlrecht. Für sie war der Hitlerstaat ja auch nicht per se schlecht, sondern vielmehr ein Staatsgebilde, welches im Kern viel Wahres barg, gerade auch was die Unterdrückung von Minderheiten und sozialistischem Schnickschnack betraf. Was sie besorgte waren die negativen Auswüchse, war der Blutzoll, der auf Hitlers Mist erwachsen war - und dort vorallem das Blut der Deutschen selbst; das Blut der Russen, Polen und Juden war nicht in erster Linie Antrieb der Widerstandsbewegung um Stauffenberg, sondern nur indirekt, weil man durch das Abschlachten anderer Völker aussähe wie ein Volk von Mördern. Und um eben nicht wie eine Mörderbande auszusehen, deshalb habe Deutschland den Krieg zu beenden, das Morden zu unterlassen - und natürlich, damit nicht noch weitere junge deutsche Männer auf den Schlachtfeldern vergeudet werden. Ein moralischer Antrieb, seinen Nächsten, gleich woher er kommt, nicht zu töten, war nicht die Ansicht der Widerstandsbewegung.

Das sind die wesentlichen Motive der Widerstandsbewegung, die Vorläuferbewegung eines demokratischen Deutschlands war sie nicht. Stauffenbergs letzte Worte sollen dem Hochleben des "heiligen Deutschlands" gewidmet gewesen sein; ein demokratisches Deutschland war also nicht sein letzter Gedanke. Und die Zeitgenossen Stauffenbergs wußten sehr wohl, dass in der Offiziersopposition gegen Hitler, nicht die Erlösung von allen Übeln zu sehen war. Man wußte, dass dieser elitäre Zirkel zwar Hitler beseitigen wollte, aber nicht um ein besseres, für den "kleinen Mann" besseres Deutschland zu entwerfen. In Anne Franks Tagebuch findet sich folgende Passage:
"Der beste Beweis ist doch wohl, dass es viele Offiziere und Generäle gibt, die den Krieg satt haben und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken würden, um dann eine Militärdiktatur zu errichten, mit deren Hilfe Frieden mit den Alliierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach zwanzig Jahren wieder einen Krieg zu beginnen. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bißchen gezögert, ihn aus dem Weg zu räumen."
Während Widerständler wie Georg Elser beinahe unberücksichtigt bleiben, verfolgen wir seit Jahren einen Stauffenberg-Kult, der nicht nur am 20. Juli mit Pomp vollzogen wird, sondern sich wie eine Konstante durch das ganze Jahr zieht. In voller Eindimensionalität wird unkritisch mancher Gottesdienst der Verklärung bestritten, wird aus dem Grafen ein wackerer Held stilisiert, der für deutschen Anstand und deutsches Gewissen steht, für Individualismus im Soldatenrock, für ein Kollektiv, in dem individuelles Handeln möglich war. Dass im Helden Stauffenberg der Anti-Held, der elitäre Adlige nicht nur schlummerte, sondern offenbar erkennbar war, das wird in unseren Tagen nicht thematisiert. Schließlich ist das, wofür die Stauffenberg-Gruppe stand, ist der Sichtweise derer, die den Kult um ihn und seine Mitstreiter begehen, nicht allzu fremd - es sind ja vornehmlich elitäre Zirkel, die Stauffenberg ehren, ihn als eine Art Vordenker begreifen, während sie einen Proletarier wie Elser unwürdig der Würdigung befinden. Diese Stauffenbergianer wollen freilich nicht das vorschwebende Staatsmodell von 1944 kopieren, aber so ein wenig Gottesgnadentum und Obrigkeitsstaatlichkeit, so nehmen sie an und lassen es auch in ihrem politischen Streben erkennen, würde uns heute auch nicht schaden.

Es darf also nicht verwundern, wenn die BILD-Zeitung so penetrant über den Hollywood-Film berichtet, wenn sie so tut, als sei die Geschichte um den Grafen, der von Tom Cruise gemimt wird, eines jener vergessenen Heldenstücke aus der braunen Zeit dieses Landes, und als sei Stauffenberg der Engel gewesen, der vom Teufel zermalmt wurde. Was sich in dieser Art Berichterstattung zeigt, ist der Hang zur Reinwaschung der Deutschen. Sie waren ja nicht alle so, es gab ja edle Gemüter - dass dieser Edelmut ein elitärer war, ein Edelmut des Ständestaates, teilweise sogar ein monarchisch gesitteter, das wird verschwiegen, um die Legende nicht zu beschmutzen, um dem deutschen Volk einen, wenigstens diesen einen Helden zu bewahren. In Zeiten, in denen immer wieder von der Aufarbeitung der Vergangenheit gesprochen wird, die übrigens nie wirklich erfolgte, weil sie bestimmte Schlüsse nicht zuließ, ist der manipulierende Charakter des Stauffenberg-Kultes ein Stück Vergessen, ein wenig Linderung von den Folgen der deutschen Büttelei im Angesicht Hitlers. Nun bekommt die knoppsche Geschichtsbetrachtung Unterstützung aus Hollywood - auf das die ganze Welt erfährt, wie heldenhaft in Deutschland mit Hitler gerungen wurde.

13 Kommentare:

Manul 17. Dezember 2008 um 15:05  

Sehr zutreffender Artikel. Schon in den 50er und 60er Jahren lieferte unter anderem der Schriftsteller Hans Hellmut Kirst einen guten Einblick in die Strukturen des deutschen Militärs, jedoch sind seine Bücher heute so ziemlich vergessen, da sie nicht mit den Bildern kompatibel sind, die gerne seit Jahrzehnten verbreitet werden. Es ist allerdings immer das Drama der Geschichte, dass diejenigen glorifiziert werden, die sich am besten als eine Ikone eignen - und das trifft vor allem auf Graf von Stauffenberg zu. So überschattet seine Figur praktisch alle anderen Widerständler und es entgeht dabei wie vielschichtig der Widerstand gegen Hitler war, der auch viele andere ihr Leben gekostet hat. Ironischerweise könnte der Film dennoch tatsächlich dafür sorgen, dass uninformierte Leute aufmerksam auf das Thema Widerstand im 3. Reich werden könnten, obwohl er eigentlich dem eigentlichen Thema nicht die Rechnung trägt. Aber... wann wurde zuletzt ein Hollywood-Film gemacht, der die historischen Fakten annäherend wahrheitsgemäss wiedergab?

Anonym 17. Dezember 2008 um 15:48  

Lieber Roberto,

treffend, aber noch eine Anmerkung - ich denke der Film sollte auch aus einem völlig anders gearteten Grund mit Abstand, und Skepsis, betrachtet werden - Tom Cruise ist Mitglied einer extrem rechtslastigen Sekte, die in den USA als Kirche anerkannt ist, was aber nicht bedeutet, dass Herr Crusie sich schon, ab und an, die ein- oder andere Peinlichkeit (z.B. den absoluten Weltherrschaftsanspruch Scientologys) in aller Öffentlichkeit geleistet hat. Das sollte man bei Tom Cruise immer im Hinterkopf behalten, der Mann ist Scientology-Botschafter - wie man z.B. im Schwarzbuch Scientology in Buchform nachlesen kann - und trennt nicht zwischen seiner Sektenwelt und der Realität. Ich denke, der Stauffenberg-Film, reiht sich auch hier in die Filme ein, wo Tom Cruise verdeckt für die Sekte wirbt, oder Geld verdient, in der er ein ziemlich hohes Tier ist.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 17. Dezember 2008 um 15:53  

Hier mehr über Walküre, und warum der Film ein "Flop" werden könnte:

http://www.welt.de/kultur/article1991097/Walkuere_ist_tot_Boese_Kritik_fuer_Tom_Cruise.html

Übrigens über Tom Cruises Sektenmitgliedschaft kann man auch so einiges beim googlen erfahren....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Pardon in den USA gilt die extrem rechtslastige Scientology ja als Kirche....

Oeffinger Freidenker 17. Dezember 2008 um 16:08  

Man sollte Stauffenberg aber auch nicht wieder ZU gering schätzen. Deine Kritik trifft voll und ganz zu, aber er HAT gehandelt, genauso wie die anderen Offiziere um ihn. Vielleicht nicht aus den Motiven und mit den Intentionen, die wir uns wünschen würden, aber sie haben es getan.

epikur 17. Dezember 2008 um 16:33  

@öffinger

Stauffenberg wollte selbst an die Macht und eine Militärdiktatur errichten. Was ist daran so heldenhaft? Nur weil er hierfür das Monster Hitler umbringen musste?

Also wenn man die Motivation u Intention, die Wertvorstellung die hinter einer Entscheidung stecken, ignorieren soll, na woran soll man eine Handlung dann noch messen? An ihrem Resultat? Das wäre dann aber eine knallharte "Jedes Mittel ist recht, solange das Ergebnis stimmt"- Einstellung.

Ich glaube ja nicht, dass Du wirklich so denkst Stefan, oder doch? ;)

Anonym 17. Dezember 2008 um 17:09  

Stauffenberg hat zu jenen Offizieren gehört, die sehr lange jedes Verbrechen mitgemacht haben. Erst als sie begriffen, dass der Krieg verlorengeht, erst da wurden die Herren Offiziere
aktiv. Die Frage ist, was wäre das für ein Deutschland geworden, das Stauffenberg angestrebt hatte? Das nazistische Gedankengut in den Köpfen der Menschen wäre wohl keine Garantie für ein demokratisches Deutschland geworden.

Anonym 17. Dezember 2008 um 17:09  

Lt. unserem BW-Ministerpräsidenten, den ich persönlich nicht mag ist Tom Cruise die falsche Person für Staffenberg:

http://www.welt.de/welt_print/article1023199/Tom_und_Yussuf.html

Hier wird noch einmal klar, dass hinter Tom Cruise eine Sekte steht, und welche Ziele die verfolgt....

Übrigens, die Mär vom "Volk der deutschen Widerständler" mag glauben wer will - Ich selbst, als ehemals geschichtsinteressierter, nun aber Verfolger von dt. Geschichtsfälschungen im Zusammenhang mit Etablierung der neoliberalen Ideologie, und der zunehmenden Re-Militarisierung Deutschlands im internationalen "Krieg gegen den Terror" wird aber nun einiges klarer....man benötigt ein positives Geschichtsbild und da stört ein "Volk von Tätern" (Zitat: Robert Gellately) eben....

Ergo wird die Endlosschleife der dt. Geschichte mit Hitler immer wiedergekäut - im Kino, TV und anderswo, und zwar völlig unkritisch sowie hirnlos, und zwar so lange bis auch der letzte Kritiker des NS-Systems glaubt es lag nur an Hitler, die Deutschen haben den nie gewählt, und wäre er nicht an die Macht gekommen, dann hätten wir schon 1933 einen sozialistischen Staat gehabt, der 6-7 Millionen Juden ermordet hat.

Kein Witz - mein Zynismus - es wird sicher so kommen, dass die Ex-DDR als noch schlimmer als die massenmörderische Hitler-Clique dargestellt wird.

In typisch dt. antikommunistischer Phobie macht man aus einem "Volk von Tätern" eben ein "Volk von Opfern" - neoliberale Tatsachenverdrehung eben auch bei der Geschichtsstunde über das mörderische Dritte Reich Adolf Hitlers, und dessen bedingungslose Unterstützung durch Deutschlands Großfinanz, und anderer "Eliten", die nach 1945 die Bundesrepublik Deutschland mitregieren durften.

Diese Geschichte, da bin ich sicher, wird nie wieder aufgeklärt. Man hakt lieber auf der Ex-DDR rum, anstatt kritisch und positiv über Dinge aus dem westlichen, deutschen Staat, der BRD, zu berichten.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 17. Dezember 2008 um 20:19  

Stauffenberg, das Feigenblatt der deutschen Geschichte, der große, wenn auch verspätete Retter der Demokratie. Ein militärischer Messias, der gestorben ist für unsere Sünden.

Amen!

Tantalos

Anonym 17. Dezember 2008 um 23:13  

@Tantalos

Rommel, der Held aus Stuttgart, fehlt noch....

Wir benötigen eine saubere Wehrmacht, damit unsere Bundeswehr umso besser....

Den Rest kannst du dir selbst denken.

BlueLion 18. Dezember 2008 um 11:19  

Ich denke, hier bist du etwas übers Ziel hinausgeschossen. Natürlich ist es falsch, Stauffenberg zur makellosen Lichtgestalt zu stilisieren. Aber ihn aufgrund seines lebensgeschichtlichen Hintergrunds komplett zu verdammen und als Faschist light zu denunzieren, wird der Person auch nicht gerecht.
Peter Steinbach hat meiner Meinung nach mit seinem Artikel "Heiliger unterm Hakenkreuz" (http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/749/hans_michael_kloth_heiliger_unterm_hakenkreuz.html) eine kritische Bewertung von Stauffenberg vorgenommen, die dem Menschen gerecht wird:
"Mehrere Stauffenberg-Gedenkstätten können nicht darüber hinweg täuschen, dass es ein langer Weg war, bis der Mann, der den Staatsstreich gegen die Nazis wagte, seinen Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen fand. Fest steht heute: Stauffenberg war kein Bedenkenträger, er war bis 1942 Teil des NS-Systems. Nach 1940 durchschaute er zunehmend die verbrecherische Kriegführung und erkannte in der Unterdrückung der Bevölkerung der besetzten Gebiete einen Fehler. Aber er kämpfte mit, bis er Anfang April 1943 lebensgefährlich verwundet wurde und nur als Krüppel überlebte.

Erst nun suchte er die Verantwortung - vielleicht, weil er innerlich bereits mit dem Tod abgeschlossen hatte: Nun müsse er Deutschland retten, mit diesen Worten begrüßte Stauffenberg seine Frau bei ihrem ersten Lazarettbesuch. Dass er scheiterte, lag nicht an ihm, sondern an seinen Kameraden in den Berliner Kommandos und in den Wehrkreisen, die sich in den Abendstunden plötzlich auf ihren Eid an Hitler besannen und Stauffenberg verrieten.

Ein Erfolg seiner Tat, so viel ist sicher, hätte viele Menschen vor dem Tod bewahrt. Stauffenberg wollte die Deutschen von Hitler befreien; danach hätten die Überlebenden ohne Zweifel schwer um die Ausrichtung eines Nach-Hitler-Deutschlands gerungen. Was das Resultat gewesen wäre, wissen wir nicht. Stauffenberg allerdings zum Symbol des undemokratischen Rückwärtsgewandten zu machen, weil er aus den Horizonten seiner Zeit handelte, wäre unhistorisch. Und ebenso leichtfertig ist es, ihn zum Bannerträger unserer freiheitlichen Grundordnung zu erhöhen, die Resultat der militärischen Niederlage Deutschlands war.

Der Mensch Stauffenberg aber bleibt faszinierend. Er gehörte zu den wenigen Deutschen seiner Zeit, die wirklich bereit waren, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu suchen, zu handeln und den "entscheidenden Wurf" zu riskieren. Diese Haltung aber war weitaus mutiger, als bis zum bitteren Ende zur Fahne zu stehen, die das Hakenkreuz trug - wie viele, die ihre Feigheit später als Eidestreue verklärten. Sie kostete Stauffenberg in der Nacht des 20. Juli 1944 das Leben."

Anonym 18. Dezember 2008 um 22:25  

Der Mensch Stauffenberg aber bleibt faszinierend. Er gehörte zu den wenigen Deutschen seiner Zeit, die wirklich bereit waren, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu suchen, zu handeln und den "entscheidenden Wurf" zu riskieren. Diese Haltung aber war weitaus mutiger, als bis zum bitteren Ende zur Fahne zu stehen, die das Hakenkreuz trug - wie viele, die ihre Feigheit später als Eidestreue verklärten. Sie kostete Stauffenberg in der Nacht des 20. Juli 1944 das Leben."
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Das reine Treffen einer Entscheidung an sich ist wohl kaum eine irgendwie lobenswerte Tat, weil es noch nichts über Hintergründe, Motive oder zu erwartende Konsequenzen an sich aussagt.

Wer Stauffenberg einzig lobt, weil dieser eine Entscheidung getroffen hat, der muss auch diejenigen loben, die sich entschieden haben, keinen Wiederstand zu leisten, denn die haben ja auch eine Entscheidung getroffen.

Hat Stauffenberg Verantwortung gesucht oder übernommen?
Der entscheidende Punkt hier ist mal wieder nicht die Verantwortung ans sich, sondern dasjenige, wofür er Verantwortung übernommen hat.
Wofür hat Stauffenberg also Verantwortung übernommen?
Den Krieg hielt Stauffenberg moralisch und politisch keineswegs für falsch, er hielt es lediglich für falsch, einen Krieg fortzuführen, den man nur noch verlieren konnte.
Eine solche Haltung ist blanker, opportunistischer Pragmatismus, der abzielt, den Eigennutzen ohne Ansehen anderer Aspekte (Gemeinwohl, Moral) zu erhöhen.
Mit derselben Rechtfertigung könnte man gegen Raubmord argumentieren: du sollst keinen Raubmord begehen, weil du mit großer Wahrscheinlichkeit gefasst wirst, aber nicht weil Raubmord falsch wäre. Wenn du sicher bist, nicht erwischt zu werden, musst du demnach sogar einen Raubmord begehen.

Diese Art von Rechtfertigung wird missbraucht, um aus Stauffenberg einen Helden zu machen.

Dieselbe Argumentationskette kann man auch bei der These von Stauffenbergs angeblichem Mut anlegen: Mut ist ein eigentlich erstmal wertneutraler Begriff, der die Fähigkeit beschreibt, etwas gegen Wiederstände und unter widrigen Umständen durchzuführen. Das allein ist weder gut noch schlecht, daher ja auch der Spruch: "Mut ist manchmal nichts anderes als schiere Dummheit?". In Stauffenbergs Fall war es kein positiv besetzer Mut, der ihn zu einem Hitler-Attentat trieb, sondern schlicht eine Handlung, die sich aus Stauffenbergs militäraristokratischer Herkunft, seinen rassistischen Überzeugungen und seinem Machtstreben erklären lässt:

Stauffenberg war ein militärisch denkender und handelnder Machtmensch mit monarchistisch-rassistischer Ideologie, der erst dann gegen Hitler aktiv wurde, als er seine eigenen Ziele und Wünsche durch Hitlers militärische Strategien und Vorgaben gefährdet sah. Erst als Hitler sich als militärisch unfähig erwies, unfähig zur Eroberung und Versklavung ganzer Länder, wurde Stauffenberg aktiv. Gemeinwohl, Frieden, Moral, Freiheit, Gleichheit und ähnliches hatte Stauffenberg nie im Blick, das sollte man nicht vergessen. Die meisten, wenn nicht alle, der hier postenden Kommentatoren wären übrigens nahezu lebensunwerte, rechtlose, auszubeutende Arbeitssklaven in einem Staat nach Stauffenbergs Vorstellungen gewesen, oder wieviele Adelige posten hier mit?

Ein paar mehr solcher "Helden" wie Stauffenberg und wir hätten keinen Hitler gebraucht und wären heute eine aristokratische, aber vollkommen verarmte, total rückständige, technisch und wissenschaftlich zurückgebliebene Militärdiktatur mit gelegentlichen Bürgerkriegen und Aufständen.

Bei der Ganzen Beweihräucherung Stauffenbergs fällt auf, dass selbst im Kontext deutschen Wiederstandes nie an andere Wiederstandskämpfer erinnert wird, wie z.B. die Geschwister Scholl, nicht mal in einem kleinen Nebensatz.

Anonym 19. Dezember 2008 um 02:38  

Tyler Durden meint:

Hallo Robert, da ich sonst schimpfe, mal ein Lob für diesen Beitrag. Leider wird er aus verständlichen Gründen, wohl niemals in den Schulen gelehrt werden...

Aber blue lion:
"Stauffenberg war kein Bedenkenträger, er war bis 1942 Teil des NS-Systems. Nach 1940 durchschaute er zunehmend die verbrecherische Kriegführung und erkannte in der Unterdrückung der Bevölkerung der besetzten Gebiete einen Fehler. Aber er kämpfte mit, bis er Anfang April 1943 lebensgefährlich verwundet wurde und nur als Krüppel überlebte."

Er "erkannte in der Unterdrückung der Bevölkerung der besetzten Gebiete einen Fehler"...

Richtig es war eine verbrecherische Kriegführung, statt einer Kriegführung, die ethischen Masstäben standhalten würde??? Und es war ein Fehler?
Es hatte nicht die erwünschten Folgen? Sondern zeugte, wie in Afghanistan heute, nur Widerstandskämpfer? Die man übrigens auch damals schon Terroristen nannte, man benutzte allerdings das ältere Wort "Partisan" dafür.

Stauffenberg war genau das was der Artikel beschreibt. Ein Junker der zu Recht den Verlust der Besitzungen einer ganzen Kaste befürchtete und erst gegen den Krieg und auch gegen Hitler war, als der Krieg verloren zu gehen schien.

Parallel dazu kann man den Vietnam und den 2.Iraq Krieg nehmen, an denen ja für die Mehrheit unserer amerikanischen Freunde auch nichts besonders falsch war, ausser dass sie verloren wurden....

Etwas verwundert, aber MfG,
Tyler Durden

Anonym 29. Dezember 2008 um 11:20  

Tach auch,
sehr gute Einschätzung der Geschichtsklitterung. Warum redet eigentlich nie (mehr) ein Mensch vom grossen Sohn Hamburgs:
Ernst Thälmann
Das war ein Widerstandskämpfer der allersten Stunden, welcher schon vor Hitlers Machtergreifung vor dem kommenden Krieg warnte und aktiv gegen die Militarisierung eintrat.
Er soll nur ein Beispiel für viele andere z. T. kommunistische Widerständler sein - ebenso könnten Fritz Heckert oder Wenzel Verner genannt werden, nicht zu vergessen Wilhelm Pieck - das erste Staatsoberhaupt der DDR.
Kleiner Literaturtip: Abbau Ost - Lügen, Vorurteile und sozialistische Schulden, Olaf Baale

MfG
ein weiterer Nachdenkseiten-Leser

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