Scheinsolidarisierung

Montag, 17. November 2008

Immer wieder sonntags fühlt sich Peter Hahne dazu ermutigt, vor den BILD-Lesern, die am Sonntag als BamS-Leser gelten, seine Gedanken auszubreiten. Was er von sich gibt, ist das übliche Moralisieren und Dozieren, welches während der Woche von weniger prominenten Kommentatoren getätigt wird. Mal heult er sich über Tempelhof aus, ein andermal entrüstet er sich über den Nacktscanner, prangert die diesbezügliche Unmoral an, während sein Arbeitgeber nackte Mädchen auf der Titelseite anbietet - dies freilich nicht an jenen Tagen, an denen Hahne für BILD schreibt; also nicht am Tage des Herrn. Aktuell gibt er den fortschrittlichen Denker aus dem Springer-Haus, lobt die "Schüler auf der Straße" und kommentiert die Ereignisse des Streiks im Gewand des liberalen Feuilletonisten: Zwar hätten die Schüler am Streiktag die Schule geschwänzt, aber sie hätten deutlich gezeigt, um was es ihnen ginge. Nicht der Leistungsdruck und der Prüfungsstress quäle sie, sondern die Einsicht, dass die Schule inzwischen zu wenig leiste. Sie fordern kein Recht auf Faulheit und ein bequemes Leben, ganz im Gegenteil, sie wollen kleinere Klassen, mehr Lehrer, intensiveren Unterricht. Deswegen könnten wir stolz auf unsere Schüler sein.

Die Erklärung, was genau das Einfordern von weniger Leistungsdruck mit Faulheit zu tun habe, bleibt Hahne uns aber schuldig. Und wieso beseitigter Prüfungsstress ein Merkmal von bequemen Leben sein soll, kann oder will er uns auch nicht aufzeigen. Und warum er sich einfach über Fakten hinwegsetzt und so tut, als sei der kompromißlose Leistungsdruck, mit dem Deutschlands Schüler zurechtzukommen haben - was übrigens Deutschlands Psychologen finanziell absichert -, überhaupt nicht Stein des Anstosses, bleibt sein süßes Geheimnis. Denn auf der Internetpräsenz zum bundesweiten Schulstreik läßt sich Folgendes lesen: "Nein zum Super-Stress..." und dazu die Forderung, das sogenannte G8 (Abitur nach 12 Jahren) sofort fallenzulassen. Zwar greifen die Initiatoren des Streiks den Prüfungsstress nicht direkt auf, aber immerhin fordern sie eine Beseitigung der "Kopfnoten" (Beurteilung von Verhalten und Mitarbeit), um sich wenigstens in Charakter und Person nicht geprüft fühlen zu müssen. Und was Hahne auch noch verschluckt hat: Bildungsprivatisierung ist ebenso auf der Liste der Kritikpunkte - dass die BILD, als ausgewiesene Befürworterin der Privatisierung, hier nicht mit offenen Karten spielen will, liegt in der Natur des Blattes.

Der fortschrittliche Peter Hahne, der ganz gegenteilig zur üblichen BILD-Manier, die Schüler nicht ausschimpft, sondern sie als Stolz des Landes hinstellt, versucht in ganz hinterlistiger Art und Weise die wahren Problematiken zu vertuschen und die Motive der Demonstrierenden zu verharmlosen. Er gibt sich fortschrittlich, dabei ist der ganze Fortschritt nur der seiner Vorgehensweise: Er geißelt die Schüler nicht, er lobt sie nun - aber dafür blendet man die Triebfedern aus, die den Streik haben entstehen lassen. Kurzum: Man kanalisiert das wahre Interesse der Schüler, leitet deren Kritik um, um die Problematiken bloß nicht zur Sprache zu bringen, zumindest nicht jene Problematiken, die nicht angetastet werden dürfen. Mehr Lehrer kann man ja gestatten, aber die Rückgabe von Lebensqualität, durch Abbau von Leistungsdruck und Stress, ist unmöglich, denn die Schüler haben sich schließlich an ein langes Arbeitsleben voller Beruhigungsmittel und Stillhaltemedikamente zu gewöhnen.

Hahne verklärt zugunsten des Status quo, gibt sich als gütiger, verständnisvoller Vater, der aber sehr wohl versteht, dass er seine Kinder gar nicht verstehen will...

4 Kommentare:

Anonym 17. November 2008 um 13:52  

"...Fleiß, Leistung und Disziplin wichtiger zu nehmen als die eigene Selbstverwirklichung."
Warum bloß kommen mir Gedanken an das 3. Reich bei diesem Satz?
Rainer

Markus 17. November 2008 um 23:37  

Dem "Schülerversteher" Peter Hahne sollte man sagen: Schluß mit lustig!

Goldener Reiter 18. November 2008 um 14:34  

@anonym:

Ja, warum Dir da Gedanken an das Dritte Reich kommen, weiss ich auch nicht.

Das Heranzuechten einer systemunkritischen Arbeitsmasse war nun bei Leibe weder eine Erfindung der Nazidiktatur, noch ist es auf Unrechtsregime diesen Ausmasses beschraenkt.

Bereits Luther redete schon von der "Freiheit eines Christenmenschen" und sprach gleichzeitig den Bauern das Recht ab, Herrschaftssystem und Obrigkeit zu kritisieren...

otti 18. November 2008 um 16:47  

In Täuschland ist eben alles mehr oder weniger prekär. Gut, wenn unsere Kinder das schon in der Schule begreifen.
Fortschritt sieht allerdings anders aus.
Die Schüler haben Angst, zu Lern-Zombies werden sie von den Kultusministern degradiert.
Erbärmlich für das vormalige Land der Dichter und Denker.

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