Nomen non est omen

Mittwoch, 5. November 2008

Heute: "Chancengerechtigkeit"
"Für die Jusos Vulkaneifel ist die flächendeckende Versorgung mit Breitbandinternetanschlüssen im ländlichen Raum, eine Frage der Chancengerechtigkeit."
- Jusos Vulkaneifel am 22. Mai 2008 -
"Die Zeit sei reif, um das Bildungssystem durchlässiger zu gestalten und Chancengerechtigkeit zu verwirklichen."
- Mitteilung der SPD vom 24. Juni 2008 -
Die traditionell gewachsene Leitidee der SPD, die soziale Gerechtigkeit, wurde unter der Schröder Regierung systematisch demontiert. Heute spricht die SPD nicht mehr davon, den gesellschaftlichen Reichtum gerecht zu verteilen, sondern benutzt die Gerechtigkeitsfloskel der Chancengerechtigkeit. Auch wenn dieser Begriff auf den ersten Blick positiv wirkt, ist er doch ein Wolf im Schafspelz und offenbart bei genauerem Hinsehen eine grundlegende Neujustierung sozialer Gerechtigkeitsprinzipien der SPD.
Ziel sei es fortan nicht mehr, den gesellschaftlichen Reichtum gerecht zu verteilen, sondern nur noch die Individuen dahingehend zu (be-)fördern, dass sie am Erwerbsleben teilnehmen können. Ignoriert werden dabei eine Reihe vorrausetzungsvoller Bedingungen: Der Zugang zu wichtigen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Handlungsressourcen sind ungleich verteilt und werden selbst bei erfolgreicher Aktivierung des Einzelnen nicht aufgehoben. Die Reichtumsverteilung in Deutschland ist laut dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sehr ungleichmäßig verteilt. Während die unteren 50% der Haushalte nur über etwas weniger als 4% des gesamten Nettovermögens verfügen, entfallen auf die vermögendsten 10% der Haushalte knapp 47%. Auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt beim Aufstieg von prekärer Beschäftigung in stabile Erwerbsarbeit sind ungleich verteilt, denn prekäre Beschäftigung tritt verstärkt in bestimmten Erwerbsgruppen und Soziallagen auf. Auch das Zauberwort Bildung als Garant für sozialen Aufstieg, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Luftblase, da sich Eliten in Deutschland, wie in keinem anderen europäischen Land, selbst rekrutieren. Der Glaube, die Individuen könnten gleichmäßig gefördert werden, blendet die individuellen Hintergründe, Lebensentwürfe und Lebenschancen systematisch aus. Auch werden strukturelle Verschiebungen und Ungerechtigkeiten bei dem Begriff systematisch ignoriert. Wenn es nicht zugleich eine gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums gibt, kann noch soviel gefördert werden – ein gerechter Ausgleich kann und wird damit nicht geschaffen werden. Bestes Beispiel ist der steigende gesellschaftliche Reichtum in Deutschland bei gleichzeitiger Steigerung der Kinderarmut. Schließlich soll ja nur die Verteilung der „Chancen“ gerecht sein, die Welt selbst, braucht nicht mehr gerecht zu sein.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

2 Kommentare:

Anonym 5. November 2008 um 10:18  

"Schließlich soll ja nur die Verteilung der „Chancen“ gerecht sein [...]"

Falscher Irrtum: es soll die Illusion geschaffen werden, daß alle die gleichen Chancen hätten. Eine echte Gleichverteilung der Chancen ist keineswegs gewollt - schliesslich würde das die Chancen des eigenen Nachwuchs schmälern.

Markus 5. November 2008 um 23:59  

Nicht einmal die Schrumpf- und Minimalform von Gerechtigkeit, also die von cleveren PR-Strategen erfundene Leerformel von "Chancengerechtigkeit", wird tatsächlich in der politischen Praxis eingehalten oder auch nur ernsthaft angestrebt.

In der "Bildungsrepublik" Deutschland hinken die öffentlichen Ausgaben für Bildung seit Jahren denen in vergleichbaren europäischen Ländern hinterher.

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