Das unentdeckte Land

Dienstag, 18. November 2008

Was wartet da im unentdeckten Land auf uns? In jenen Tagen lastet eine dunkle Ungewissheit auf unseren Schultern, von der wir nur wissen, dass sie ist, nicht aber, was sie ist. Wir fühlen uns ausgeliefert, bereits in einen zukünftigen Entwurf hineingeschrieben, verankert in einen uns unbekannten Plan. Wie Figuren Kafkas fühlen wir uns, wie Protagonisten zwischen Gewissheiten des Alltags und nebulösen Vermutungen und unglaublichen Tathergängen des Weltgeschehens. Ständig fragt man sich, was da noch kommen mag, ob denn das Jetzt ein finaler Zustand oder nur der Wegbereiter dessen ist, was uns verschwommen und undurchschaubar nötigt.

Die Menschen vor 1914 fühlten jenen Alpdruck, der sich auch heute mit einer erdrückenden Beharrlichkeit auf uns herabläßt. Sie wußten 1903 oder 1911, die Jahreszahl sei einerlei, dass ein 1914 drohte, auch wenn sie nicht wußten, dass es ebendieses Jahr sein würde. Ihnen war bewußt, dass ein großer Krieg am Horizont harrte, um als vermeintlich reinigendes Gewitter über Europa herniederzugehen. Was den Menschen von 1911 von jenem von 1914 unterschied, war einzig die Gewissheit des zweiteren, wie dieses Unwetter aussehen werde - aber wissend waren beide Zeit-Genossen; der eine ahnend, der andere in der gegenwärtigen Realität gefangen. Den Menschen vor Sarajewo war überdeutlich, dass etwas folgen mußte, etwas Kriegerisches, weil es jener Zeit entsprach. Gleichfalls war den machtlosen Jüngern der Demokratie vor 1933 bewußt, dass die Demokratie ein Auslaufmodell war, vielleicht immer gewesen war in jener Dekade. Sie wußten nicht, ob es Nationalsozialisten oder Monarchisten seien, die das Weimarer Modell stürzen würden, aber sie fühlten, dass die Demokratie so oder so am Ende ist. Spätestens 1929 wußte man, dass aus der Vorahnung Wissen geworden war, kannte man die Grundpfeiler von Deutschlands Zukunft, empfand eine Gewissheit von Ungewissheit, wußte also und wußte nicht was.

Immer wieder zeichnen sich Epochen durch solch schwebende Ungewissheiten aus, die bedrohlich und schattenhaft in der Ferne liegen, aber den Menschen doch so nah sind. Immer wieder erkennen Menschen, dass der derzeitige Moment nur ein Augenblick der Ruhe ist, dem sich ein Sturm aufdrängt. Vielleicht auch in diesen Stunden, diesen Tagen und Wochen. Der Kapitalismus schien zu wankeln, das Finanzsystem glaubte man niedergerungen, nicht durch jene, die benachteiligt sind von diesem System, sondern durch es selbst - der Tyrann hat sich ermordet. Aber er war nicht tot, der Versuch mißlang - nicht einmal zu einem ordentlichen Selbstmord war er fähig. Riesensummen wurden gewährt und über dem unentdeckten Land liegt die bittere Gewissheit, die noch ganz ungewiss gehalten wird, dass wir alle dafür bluten müssen. Gleichzeitig scheint es dort, in diesem fernen Lande, wenig Menschenwürde zu geben, wenig freiheitliches Denken - dort gehen alle uniformiert, alle gleichgeschaltet und an Rechten beraubt zu ihrer nutzvollen Tätigkeit.

Es ist nicht lediglich dieses mögliche Wissen, dass kafkaeske Szenarien weckt, sondern die beängstigende Bedrohung, dass zukünftige Gemeinwesen nurmehr bemantelte Egokratien sind, in denen jeder sich selbst der Nächste ist. Es drückt solcherlei Last auf unseren Schultern, vielleicht bald die Gewissheit zu erhalten, dass - um es mit den Worten Carl Amerys zu sagen - Hitler nur als Vorläufer gedacht werden kann. Die bittere Erkenntnis, dass die Barbareien von einst, gar nicht so isoliert in der Geschichte Deutschlands und Europas stehen, gar keine Anachronismen sind, die in einer modernen und zivilisierten Welt nichts mehr verloren hätten. Wir sehen Guantanamo und denken an Auschwitz; wir wissen von gentechnischen Versuchen und fühlen uns an Begrifflichkeiten wie "Erbgesundheit" erinnert; wir betrachten Angriffskriege mit dem Motiv Frieden in die Welt zu bringen und hören jenen plärren, nur der Angriff im Osten bringe Europa Frieden und verschone uns vom Bolschewismus. Was hat sich geändert, welche wiedererwachten Kontinuitäten lassen uns staunen? Wachsende Unzufriedenheit, die Gier nach den letzten Erdölreserven, Heere von Arbeitslosen, zu alimentierende Senioren und Kranke, die zu Unwerten und Nichtswürdigen erklärt werden, Brandmarkung solcher Nichtsnutze, aufkeimender Militarismus und Uniformismus, Konzentrationslager, selbst in der westlichen Welt - wenn wir das betrachten, drängt sich der Gedanke auf, dass das was einst war, was vor 1945 geschah, kein abgeschlossener Ausrutscher deutscher Geschichte war, sondern Wegbereiter dessen, was da noch kommen mag. Wegbereiter keiner regionalen Variante des Dumpfmenschentums, sondern eine globale Umsetzung, womit das Entkommen nicht einmal theoretisch mehr möglich wird. Angereichert wird diese schöne neue Welt, die mehr einer häßlichen alten gleicht, mit dem modernen Fortschritt, mit den technischen Errungenschaften des verglasten Nutzbürgers. Der vage über uns schwebende Gedanke, dass Hitler und die Seinen Vorboten waren, Ahnherrn einer bitteren Zukunft, wiegt schwer auf unseren Schultern. Der europäische Wahnsinn der Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern vielleicht eines Tages das Geleitwort zu einer Zukunft, in der es keine Menschen mehr gibt, nur noch humanoide Werkzeuge und Lastentiere.

Ist dem, was da auf uns wartet, dem wir geradewegs in die Klauen laufen, mit etwas Optimismus beizukommen? Ist diese uns molestierende Ungewissheit Ausdruck von Pessimismus oder rationaler Realismus? Dies bleibt hier unbeantwortet, doch irgendetwas, ein großer Knall, ein Paradigmenwechsel, ein historischer Wendepunkt, vielleicht eines Tages ein eigenes Kapitel in einem Geschichtsbuch, scheint auf uns zu warten - ob Optimist oder Pessimist, für uns alle liegt etwas in der Luft, undefinierbar und nur schwer erklärbar. Diese Welt am Rande des Nervenzusammenbruchs, kann kein Dauerzustand bleiben...

9 Kommentare:

demokratie-ist-wichtig.de 18. November 2008 um 13:37  

Danke für die Betrachtung. 'Schwebende Ungewissheit' trifft es sehr gut. In unseren Medien wie in der Gesellschaft ganz allgemein scheint der Blick für das große Ganze oft zu fehlen. Mal schaut man nach links, mal nach rechts, und beschwört stets, nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen zu dürfen. Alles fließt. Aber das Wasser ist recht kalt geworden.

Anonym 18. November 2008 um 15:34  

"Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen."

Philip Mißfelder, CDU

"Es ist doch folgende Situation: Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren. So muss er meiner Meinung nach die Möglichkeit haben, durch den Verkauf von Organen und zwar geregelten Verkauf … ähnlich der Börse, dass man sagt, wer ist zugelassen zu dem Handeln. Es muss auch geprüft werden, wer darf das Organ entnehmen. Und dann wird praktisch das Organ versteigert."

Prof. Peter Oberender, Prof. für Volkswirtschaft Uni Bayreuth

"Es macht auf Dauer keinen Sinn, dass die Bundeswehr überall auf der Welt vielfältige Aufgaben wahrnehmen kann, nur nicht in dem Land, in dem das Grundgesetz gilt" - Wolfgang Schäuble, 2007

MG 18. November 2008 um 18:43  

"... in diesem fernen Lande ... dort gehen alle uniformiert, alle gleichgeschaltet und an Rechten beraubt zu ihrem nutzvollen Tätigkeit."
Schon mal im Bankenviertel zu Mittagszeit gewesen? Das Land das ich meine ist gar nicht sehr fern, sondern bereits zu unlibsamer Realität geworden. Ersetze ich nämlich "Soldaten" mit "Finanzdienstleister/Banker oder Versicherungen", "Waffen" mit "Derivaten", "Graben" mit "Wolkenkratzer" komme ich zu einer Gleichung die ich Wirtschaftskrieg nennen kann - oder Globalisierung - in der einzelne Interessentreiber eine Herrschaft im Auge haben, die nur diffus sein kann wegen der Dimension, nicht aber der Intention.
Und was kann schlimmer sein als ein diffuses Ziel? Stimmt: Eine Fata Morgana.

Peinhard 18. November 2008 um 20:06  

Puuuh... ja, es werden wohl 'interessante' Zeiten auf uns zukommen. Und angesichts des fort-geschrittenen Zustands unserer Gesellschaft(en) beschleicht mich auch nicht allzuviel Hoffnung. November allerorten... fragend sitzen wir im Strassengraben.

Anonym 18. November 2008 um 23:29  

Hallo hier ein Hinweis auf eine Sendung des ZDF mit dem Titel "Zumutung Demokratie" - http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/10/0,1872,1021354_idDispatch:8038263,00.html - Früher hörte man nur aus gewissen rechtsextremen Kreisen, dass Demokratie eine Zumutung ist. Frage: Sind wir schon wieder soweit? Ist es wirklich schon zu spät? Alleine der Titel der Sendung ist m.E. eine Beleidigung für alle die für die Demokratie ihr Leben hingegeben haben - von 1933 - 1945 insbesondere bzw. für "Ostdeutsche" vom Beginn der Ex-DDR bis zu deren Ende. Hätten die damals gewußt, dass es mal Sendungen im ZDF - CDU-gesponsert - gibt mit dem Titel "Zumutung Demokratie" - ohne Fragezeichen - dann hätten die nie dafür gekämpft frei, und selbstbestimmt, leben zu dürfen....

edgar 18. November 2008 um 23:50  

Nur die Wut tut mir noch gut.

Ja, es wird einfach Zeit dass die Menschheit erwachsen wird. Sonst wird da wirklich nix mehr draus.

Es ist infantil, in irgend einer Form, der Gewinner sein zu wollen.

bmrcologne 19. November 2008 um 07:55  

@mg
Genau so sehe ich es auch! Einfach gesagt: Krieg ist die Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln. Insofern trägt der Kapitalismus Krieg und Barbarisierung sozusagen im Bauch. Erschreckend dabei ist die Unvermeidbarkeit dieser Entwicklung. Ich habe den Eindruck, dass das auch längst den herrschenden Politikern bewußt ist. Wir müssen uns damit abfinden, dass das "Augen zu und durch!" einfacher ist als das "Augen auf und anhalten!". Nur unter diesem Aspekt läßt sich die Weltpolitik der letzten Jahre erklären: Die erreichte Position des Westens wird mit allen Mitteln verteidigt und was er braucht und nicht gleich KRIEGen kann, nimmt er sich.
Die Gelegenheit, den Kapitalismus in Frage zu stellen war lange nicht so günstig wie jetzt. Doch sie wurde wieder einmal versäumt. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendwo laut und deutlich die Systemfrage gestellt wurde. Ich selbst habe es im Kollegenkreis versucht und wurde fast ausnahmslos angefeindet. Daher mein Appell an alle, die meine Meinung teilen: wir müssen durch dieses Jammertal und sei es mit dem Mut der Verzweiflung. Und damit wären wir wieder bei 1912! Oder hat jemand eine Idee, wie wir, wie zuletzt 1989 in der DDR geschehen, ein System beseitigen können?

Manul 19. November 2008 um 20:00  

@bmrcologne:

Die Gelegenheit, den Kapitalismus in Frage zu stellen war lange nicht so günstig wie jetzt. Doch sie wurde wieder einmal versäumt.

Das sehe ich nicht so. Wenn die Leser einer Zeitung wie die Financial Times zu 50% der Meinung sind, dass der Kapitalismus am Ende ist, dann müssen die Zweifel an sich schon ziemlich gross sein. Die Spitze dieser Krise haben wir nämlich noch gar nicht erreicht und unsere Regierenden tun, frei nach der neokonservativer Doktrin, auch nichts gegen den Absturz vieler in die Arbeitslosigkeit und die um sich greifende Armut. Sie tun auch nicht gegen die wirklich ernsthaften Probleme, die das Finanzsystem in den Abgrund geschickt haben, sondern doktern nur oberflächlich daran herum. Würden sie es nämlich tun dann müssten sie auch die Grundpfeiler der bisherigen Doktrin in Frage stellen. Nächstes Jahr wird deshalb das entscheidende Jahr werden, denn dann wird sich zeigen, ob die Geschenke an die Finanzindustrie zur Besserung geführt haben (und bei dem, was man da jetzt schon liest, wird einem gleich wieder etwas anders), sollten aber noch weitere Dominosteine fallen, wie die Skeptiker befürchten, dann wird auch der Widerstand grösser, denn dann wird die Existenzangst um sich greifen und das macht Menschen unberechenbar...

Anonym 21. November 2008 um 18:18  

@Manul: "denn dann wird die Existenzangst um sich greifen und das macht Menschen unberechenbar..." aber auch naiv, manipulierbar und blind. "Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin..."

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