Moralischer Aktionismus

Dienstag, 25. März 2008

Die Demonstrationen in Tibet waren gewaltfrei. Das sieht zumindest der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge so. Und obzwar Demonstrationen immer traurige Veranstaltungen seien, so fährt er fort, sehe er in den dortigen Vorfällen "keine Verbindung zum Olympischen Geist". Deutlicher ausgedrückt: Für einen Olympiaboykott gibt es "keinen glaubwürdigen Impuls". Kein Sterbenswörtchen davon, dass Gewalt eben doch angewandt wurde, dass westliche Berichterstatter aus Tibet ausgewiesen wurden, um von dieser Gewalt nicht berichten zu können. Rogge bastelt sich seine eigene Ausgangslage zusammen, um "seine" Veranstaltung zu verteidigen - koste es, was es wolle. Und damit diese Verteidigung auf einem breiten Fundament steht, spielt man die Geschehnisse in Tibet nicht nur als unwesentliche innenpolitische Belange Chinas herunter, sondern macht deutlich, dass ein Olympiaboykott nicht im Sinne der öffentlichen Meinung sei. Denn wenn man suggeriert, dass ganze Volksmassen hinter einer Entscheidung stehen, dann ist es nicht das IOC alleine, welches sich mit einem Verbrecherregime verbandelt, sondern dann sind alle Menschen daran beteiligt.

Überhaupt ist die gesamte Verlogenheit in dieser Frage keine aktuelle. Bereits im Juli 2001, als Peking zum Austragungsort der Olympischen Spiele des Jahres 2008 erkoren wurde, mahnten kritische Stimmen, dass eine solche Veranstaltung, ausgetragen in einer Diktatur, zur Farce schlechthin, zum Gradmesser politischer Verlogenheit verkommen würde. Man dürfe sich nicht zu kulant zeigen mit einem Unterdrückerstaat, der Menschen wegen kleinster Delikte per Genickschuß tötet. Freilich konnte man schon damals nicht erwarten, dass die Vereinigten Staaten sich am Kavaliersdelikt staatlicher Todesstrafen aufhängen würde, um Peking als Austragungsort zu diskreditieren und überhaupt hängen ja alle Industrienationen mit glühendem Herzen und prallen Taschen an China, welches als Markt und Standort nicht vergrault werden darf. Und einzig um dieses Interesse geht es, wenn man sich in diesen Tagen nicht gegen die Olympischen Spiele in einem Land mit Ein-Parteien-System entscheiden kann; und selbstverständlich haben die Erklärungen, warum man sich dazu nicht durchringen kann, ein edles Motiv zu bergen oder einen nihilistischen Standpunkt einzunehmen, wonach durch einen Boykott ja keinem Tibeter geholfen sei. Dass die Frage des Boykotts keine Frage ist, die man am Bestreben der Tibeter festmachen kann, sondern übergeordnet, d.h. fundamentalistischer betrachten muß, findet in der öffentlichen Diskussion beinahe gar nicht statt. Denn es geht nicht um Tibeter, sondern um alle Menschen die innerhalb Chinas drangsaliert, bevormundet, indoktriniert, gedemütigt, mundtot gemacht, gefoltert und getötet werden. Diese Frage hätte nicht erst im März 2008 erhoben werden dürfen, sondern spätestens im Juli 2001. Besser noch viel früher.

Bezeichnend ist zudem die Argumentation des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), wonach der Sport nicht imstande sei, etwas zu leisten, was Vereinte Nationen und Regierungen nicht zustande bekommen. Ein Boykott sei also vollkommen sinnlos. Oder anders: Der Sport habe keine Verantwortung zu tragen, ist sich letztendlich nur Selbstzweck und natürlich Grundvoraussetzung für ein derartig kommerzielles Großereignis. Wie sich diese Argumentation doch von der gängigen Praxis unterscheidet: Da ist man täglich damit befaßt, orientierungslose Jugendliche in sportliche Aktivitäten zu treiben, unterstützt zuweilen diese Absicht mit Medienkampagnen und erklärt dabei, wie wichtig der Sport doch sei, um jungen Menschen Charakter angedeihen zu lassen, damit sich ihnen auch gesellschaftliche Perspektiven eröffneten. An dieser Stelle will der Sport verantwortlich sein, will die Gesellschaft insofern bereichern, dass man junge Menschen ertüchtigt, formt und leistungsfähig trimmt. Doch wenn kapitale Sportinteressen berührt werden könnten, wenn dringend benötigte Gelder verworfen werden sollen, dann kollaboriert man auch mit dem Verbrechen. Und solange sich das Verbrechen hinter nationaler Gesetzgebung versteckt, muß man nicht einmal ehrlich zugeben, dass man sich mit Räubern und Mördern abgibt.

Noch eine Komponente westlicher Verlogenheit tut sich auf: Als im Jahre 1996 die Olympischen Spiele in den Vereinigten Staaten, in Atlanta stattfanden, hat man die Obdachlosen der Stadt in Busse gesteckt, um sie aus der Sichtweite internationaler Kameras zu verfrachten. Diese sublimierte Form wohlstandsstaatlicher Menschenverachtung fand damals kaum Kritiker. Wobei natürlich das Abwiegeln sämtlicher menschenverachtender Maßnahmen, ob nun einst in Atlanta oder nun in Tibet, als Konstante dieser nach Massenveranstaltungen gieren Gesellschaft bewertet werden darf. Überhaupt fragt man sich, warum die Herrschaften in den ausschlaggebenden Positionen nicht einfach ehrlich sind und zugeben, dass ihnen das Leben von ein Paar Delinquenten in chinesischen Gefängnissen und die Gewalt an den Tibetern gleichgültig sind.

Kurzum: Die Diskussionen bezüglich eines Boykott sind sinnlos, weil es aus ethischer Sicht - und dies ist die Grundlage aller Boykottsdiskussionen -, die Austragung einer internationalen Sportveranstaltung in China nie hätte geben dürfen. Deshalb ist alles Boykott-Geschwafel blinder Aktionismus, welches so schnell verschwinden wird, wie es im politischen Alltagsgeschehen auftauchte. Auch hier zeigt sich erneut: Fundamentale Kritik hätte die Ereignisse in Tibet vorweggenommen, hätte schon vorher vom Boykott gesprochen. Pragmatischer Aktionismus, der kein Fundament kennt, der nur das Jetzt und den Nutzen einer Tat sehen will, ist unglaubwürdig, nutzlos und im höchsten Maße nihilierend.

5 Kommentare:

Marcel 26. März 2008 um 23:32  

Moralischer Aktionismus ist in erster Linie eines: Die nicht demokratisch legitimierte Terrorherrschaft der Mönche und die Gewalttätigen und vor allem sinnlosen Übergriffe der Tibeter auf unschuldige Chinesische Zivilisten zu verschweigen.

Siehe dazu auch die junge Welt vom 26. und 27. März.

Marcel 26. März 2008 um 23:34  

Siehe dazu junge Welt vom 26. und 27. März.

Marcel 26. März 2008 um 23:35  

Achso, zensur von Kommentaren.. na klasse.

Roberto J. De Lapuente 27. März 2008 um 09:29  

Die Terrorherrschaft der Lamas ist keine Neuigkeit hierzulande. Einzig die spirituell angehauchten Telemedialzuseher oder andere Esoterik-Faschisten glauben an die Reinheit Tibets. Oder Franz-Josef Wagner, der in einem seiner schleimigen BILD-Zeitungs-Brieflein darüber sinnierte, dass kein Tibeter einer Fliege etwas antun würde. Dieses Denken herrscht also tatsächlich vor.

Ich habe ausdrücklich nichts über die Sachlage Tibets geschrieben, weil man diese Form eines sich dann manifestierenden Klerikaltotalitarismus nicht als Ziel für die tibetanische Bevölkerung erblicken kann. Und dennoch bleibt den Tibetern das Recht, die chinesischen Mißstände beim Namen zu nennen. Geschieht dies mit Gewalt, dann wohnt dies der Logik allgemeiner Unterdrückung inne, ist aber natürlich zu unterbinden.

Wenn China glaubt, es müsse als Staatsmacht Gewalt mit Gegengewalt beantworten, anstatt sich friedlich und wohlwollend zu verhalten, befriedend zu wirken, dann disqualifiziert es sich selbst. Dass es der chinesischen Regierung nicht um Edelmut bestimmt ist, erklärt sich aus den Tatsachen, die einem täglich dort befallen, wenn man nicht auf Parteilinie ist, wenn man Individualist ist, wenn man für ein geringes Vergehen mit der Todesstrafe gesegnet wird.

Mag also sein, dass sich viele Tibeter wie Schweine benehmen, was aber durchaus daran liegt, dass sich die chinesische Administration tagtäglich wie eine Schweinebande aufführt.

Die verächtlichen Aussagen zur Zensur lasse ich hier stehen. Freischaltung ist keine Zensur und da ich bis dato noch keinen Kommentar zensiert habe, werde ich auch Marcels Verächtlichkeit nicht zensieren.

Marcel 27. März 2008 um 19:20  

Freischaltung ist in gewisser Weise eine nicht transparente Form und KANN durchaus Zensur bedeuten.

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