Knipst den Schwarz!

Donnerstag, 27. März 2008

"Frau N. ist an beiden Unterarmen tätowiert." oder "Die Kräfte Frau E. und Frau F. unterhalten sich, auch vor Kunden, auf polnisch miteinander!" - Mustergültige Berichterstattung, wie sie von Detekteien an die Lidl-Verantwortlichen weitergegeben wurden. Nicht nur das Verhalten der Lidl-Angestellten am Arbeitsplatz wurde systematisch überwacht, sondern auch deren Privatleben fand Einzug in die Akten. Ja, selbst das Liebesleben der Angestellten soll dem Konzern am Herzen gelegen haben. Kurzum: Die Nachricht über dieses kriminell anmutende Vorgehen Lidls schlug gestern ein wie eine Bombe. Die Medien und deren Leser, Hörer und Zuseher gaben sich überrascht, taten so, als habe man es nicht einmal geahnt.

Doch bereits im Jahre 2004 erhielt der Lidl-Konzern den BigBrotherAward: Einen Negativpreis, der an jene Behörden, Firmen, Organisationen und Personen verliehen wird, die sich besonders engagiert in der Aufhebung der Privatsphäre oder dem Datenschutzabbau hervorgetan haben. Die BBA-Jury begründete 2004 folgendermaßen:
"Den BigBrotherAward 2004 in der Kategorie "Arbeitswelt" erhält die

Lidl Stiftung GmbH & Co. in Neckarsulm

für den nahezu sklavenhalterischen Umgang mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Lidl zeigt, dass gar nicht immer neueste Technik gebraucht wird, um Menschen unter Kontrolle zu halten und sie als Leibeigene ohne Rechte und ohne Privatsphäre zu behandeln. Der "Fall Lidl" zeigt andererseits, dass "Datenschutz" nicht bedeutet, "Daten" um ihrer selbst willen zu schützen, sondern dass es um den Schutz von Menschen und ihren Persönlichkeitsrechten geht."

Bereits damals wußte man also über die Machenschaften bei Lidl Bescheid. Der öffentliche Aufschrei war aber verhalten. Was damals bereits berichtet wurde, überbietet die gestrigen Meldungen um ein Vielfaches. Dort hiße es, dass man Mitarbeitern Abmahnungen ins Haus schickte, weil man bei neun Toilettengängen 72 Minuten vertrödelte, was gemeinhin 27 Minuten über dem Soll (sic!) läge. Eine derartige Zeiterfassung war möglich, weil ich Saum des Arbeitskittels ein RFID (Radio Frequency Indentication) eingenäht war. Von tschechischen Filialen wurde berichtet, dass jeglicher Toilettengang von vornherein verboten war. Menstruierenden Mitarbeiterinnen wurde aber das Privileg der Entledigung von einem menschlichen Bedürfnis erteilt, sofern sie gut sichtbar ein Stirnband trugen, um sich ihres Blutflusses bemerkbar zu machen. Der eingeweihte Kunde wußte also jederzeit, welche der freundlichen Damen gerade Periodenschmerzen durchzumachen hatte und, sofern er Protokoll darüber führt, wann eine Dame überfällig gewesen wäre. Der Vorgesetzte konnte in dieser Weise ebenso eine Schwangerschaft berechnen. Da darf es nicht wundern, dass sich die tschechische Presse empörte. Man muß sich ja geradewegs in die Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts zurückgeversetzt gefühlt haben, als in dort Deutsche - wenn auch im größeren Stile - ebenso herrschten.

Weiter hieß es dort: Private Treffen von Mitarbeiterinnen außerhalb der Arbeitszeit seien ein Anlaß zur Kündigung. Scheinbar sind Lidl-Mitarbeiter Leibeigene des Konzerns, über die man frei verfügen kann - auch in deren Freizeit. Die Konzerns-Leibeigenen werden auch Kreuzverhören ausgesetzt, isoliert in einem Hinterzimmer unter Druck gesetzt, bis sie diverse Anschuldigungen zugeben, um endlich dieser Hölle zu entkommen. In einem konkreten Fall sollte eine Mitarbeiterin zugeben, Pfandgeld gestohlen zu haben. Nach drei Stunden Psychofolter unterschrieb sie ihre Kündigung. Dass sie jahrelang unbezahlte Überstunden leistete, war in jenem Moment belanglos. Wohl auch, weil es ebendiese Frau war, die sich zuvor erfolgreich dafür einsetzte, dass ihre und ihrer Kolleginnen Überstunden auch bezahlt werden. Der gemeine Lidl-Leibeigene hat desweiteren in seiner Freizeit für das Unternehmen zu schuften. Dienstantritt ist um 6:00 Uhr, am Abend wird gut und gerne bis kurz vor 22:00 Uhr gearbeitet. Lohn erhält er aber nur zwischen 8:00 und 20:00 Uhr. Desweiteren: Taschen- und Jackenkontrollen, Kofferraum- und Handschuhfachkontrollen Hausbesuche bei kranken Mitarbeitern, Babyphone-Abhören von Telefonaten oder privaten Gesprächen in Aufenthalts- und Pausenräumen.

Nun hat sich Lidl gestern prompt brav entschuldigt. Eine Entschuldigung, die nur als zynischer Höhepunkt dieses Theaters begriffen werden kann; eine Entschuldigung, die sich vor allem von der Kameraüberwachung distanziert, aber die anderen menschenverachtenden Machenschaften ausklammert. Indem man den dummen Zeitgenossen mimt, der nicht wußte, dass dieses Handeln strafbar und unmoralisch sei, der nun geläutert aus seiner Unwissenheit erwacht, glaubt man das Unternehmen reinwaschen zu können. Detekteien wird man demnach nicht mehr engagieren, aber die alltäglichen Repressionen werden sicher nicht Geschichte sein.

Diese Entschuldigung, so unaufrichtig sie auch gemeint sei, ist nicht ausreichend. Man sollte das Talionsgesetz wieder ausgraben; sollte dem Herrn des Lidl-Konzerns das antun, was er in seinem Namen täglich den Menschen antun läßt. Dieter Schwarz - so heißt dieser Mann - legt viel Wert auf seine Privatsphäre; es existiert kein zugängliches Foto von ihm, weil er die Öffentlichkeit meidet. Man sollte ihm auflauern, Fotos von ihm schießen, sein Privatleben ausschnüffeln, es den Zeitungen zum Fraß vorwerfen, seine Nachbarn aushorchen, seine Biografie nach Skandalösem durchforsten. "Enteignet Springer" war einst, heute soll es heißen "Knipst den Schwarz"! Man verhelfe dem guten, alten Talionsgesetz zur Wiedergeburt - Auge um Auge und Zahn um Zahn eben...

2 Kommentare:

Darmstädter 27. März 2008 um 18:48  

In der TAZ gefunden:

Wer hätte das schon. Aber die Protokollierten müssen. "Fordern und Fördern". Sie sind Repräsentanten der Agenda 2010 auf dem Stand des Jahres 2008. Sie müssen sich Geld auf Geringerverdiener-Basis dazuverdienen und froh sein, überhaupt eine Stelle im System gefunden zu haben. Fordern und Fördern - Gängelung und Überwachung sind sie schon von der Bundesagentur für Arbeit gewohnt.

TAZ

ex Lidl Kunde 26. Februar 2009 um 10:32  

Die damalige "Entschuldigung" war wirklich nichts als Hohn und Spott. Mittlerweile gibt man immerhin Fehler überhaupt zu, angeblich habe man aus ihnen auch gelernt. Wie das allerdings so genau ausssehen soll, frage ich mich. Kann mir kaum vorstellen, dass alle verantwortlichen ihre Stühle räumen mussten und eine völlig neue Philosophie Einzug gehalten hat...

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