Sperrt Facebook, sicher ist sicher

Montag, 8. August 2016

Sicherheit. Wir sind wieder bei mal dem Punkt. Sie soll doch bitte garantiert werden. Das ist der öffentliche O-Ton. Wo ist denn verflucht nochmal das Konzept, das uns absichert? Dann, ihr lieben Rufer da draußen, seid so ehrlich und tragt Konsequenzen. Ein Vorschlag zur Güte, um wenigstens ein bisschen diesem Sicherheitswahn gerecht zu werden: Verhängt Netzsperren immer dann, wenn jemand Amok läuft oder ein Terroranschlag verübt wurde. Dreht dem Hype den Saft ab, es stört doch nur die Polizei, wenn sie zwischen eurer Panikmache, euren Falschmeldungen und Skandalisierungen herauszufiltern versucht, ob es denn im Netz sachdienliche Hinweise zur Lage am Tatort gibt. Keiner weiß mehr, was stimmt, was Phantasie, was bösartige Verdrehung ist. Ihr wollt also mehr Sicherheit? Ein erster Schritt: Der virtuelle Ausnahmezustand mit temporären Sperrstunden.

Polizeiarbeit ist nämlich heute bei solchen Einsätzen mehr als nur Aufmarschieren. Man sondiert auch die Netzwerke, es könnte ja was Verwertbares dort zu finden sein. Wieviele Täter es sind - zum Beispiel. Welche Waffen sie bei sich tragen - zum Beispiel. Oder ob es Verletzte gibt - zum Beispiel. Vielleicht hat ja ein Anwohner gemeldet, er habe einen Täter auf dem Dach einer Garage gesehen - ohne ihn gleich als »Kanake« zu titulieren. Die sozialen Netzwerke zu vernachlässigen, das wäre polizeilich betrachtet wiederum eine schwere Vernachlässigung von Zeugenaussagen. Das Problem ist nur, dass dort in der Stunde der Tat nicht nur Zeugen aussagen, sondern alle ein Wörtchen mitzureden haben. Wenn da einer behauptet, er wisse aus sicherer Quelle, weil sein AfD-Kumpel ihm das eben erzählt habe, der es wiederum von seinem Kollegen aus dem Ortsverband hat, der am Terrorort weilt, wenn also einer postet, er wisse es ganz sicher, da seien sechs Täter vor Ort, obgleich es in Wahrheit dann doch nur ein Einzeltäter ist, dann muss man das zumindest mal in Erwägung ziehen. Schlussendlich heißt es dann, dass die Polizei eine Täterbande durch die Stadt verfolgt, so wie es kurzzeitig mal im Falle Münchens hieß. Stillstand, Stadt unter Quarantäne inklusive. Von der Panikmache gar nicht erst zu sprechen. Ob dann die Verfolgungsjagd ein Produkt der Falschmeldung oder ob sie gar selbst eine Falschmeldung ist, das nimmt der Polizei so oder so Ressourcen und Kraft, die sie eigentlich zur Wiederherstellung der Sicherheit benötigte.

Diese sekuntiös in die Welt katapultierten Statements und Meldungen, man kann sie als ganz viel Heu bildlich machen, die die berühmte Nadel bedecken. Heu auch, weil es nicht selten aus den Denkprozessen von Strohköpfen stammt. Im Nachgang, wenn sich die Situation geklärt hat, man die Normalität wiederhergestellt hat, fallen immer noch Heuballen hernieder. Allerlei ist da dabei, nichts was der Polizei zur Aufklärung dient, aber vieles, was die allgemeine Situation anspannt und vernebelt. Ja, man kann sagen, die offenen Türen der Netzwerke sorgen dafür, dass Angst geschürt wird, dass man vorverdächtigt und Ressentiments anfacht. Ist das ein sicheres Klima? Ihr steht doch so auf Sicherheit, Mensch? Schweigt ihr Leute denn von selbst? Haltet ihr mal still, um Ermittlungsruhe einkehren zu lassen? Nein? Eben drum, sperrt die Netzwerke!

Ausnahmezustand halt. Warum nur auf der Straße? Datenautobahnen sind doch auch Straßen. Und verstopfte Kanäle kann man sich nicht leisten, wenn alle nach Sicherheit rufen. Sicher, sicher, da fällt euch der alte Spruch ein, den angeblich der alte Franklin irgendwo so ähnlich notiert haben soll: Wer die Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgibt, der verliert letztlich beides. Ah ja! Jetzt kommt euch diese Erkenntnis. Man nimmt dem modernen Bürger doch seine Post-Demokratie nicht weg, seinen kleinen Button zur Welt, da lebt er dann schon etwas lieber in einer gefährdeten Welt. Solange Einschränkung der Freiheit heißt, dass man Bärtige vorverdächtigt oder bestimmte Bevölkerungsgruppen rastert und generell besser überwacht, ruft man nach Sicherheitsmaßnahmen. Aber wird es konkret und man schneidet dem Äther, aus dem der Skandalismus, der dauernde Hintergrundton des leisen, aufgebrachten Flüsterns, die Zufuhr ab, dann nennt man es Zensur, Diktatur oder wie auch immer.

Dass man mich richtig versteht: Diese Einschätzung ist richtig. Es ist ein Diktat. Aber ich rufe ja auch nicht nach Sicherheit, das sind die Rufer da draußen. Ich weiß, dass Sicherheit so eine Sache ist, wenn man freiheitlich leben und leben lassen will. Die gibt es zu großen Teilen, aber ein Rest Unsicherheit bleibt. Wer das nicht akzeptiert, sollte über eine Sperre bei Facebook und Twitter nachdenken. Vielleicht sogar über eine tägliche Sendezeit mit nächtlichem Testbild. Weniger Schmu von dort und unsere nette kleine Welt hier im Westen wird gleich wieder ein bisschen sicherer. Zumindest gibt es dann nicht mehr so viele unsichere Zwischenrufe. Ich indes postete das hier gleich mal bei Facebook. Wer weiß, wie lange ich noch die Gelegenheit dazu habe ...

3 Kommentare:

Mordred 8. August 2016 um 12:05  

ich verstehe die behörden und die kommentatoren in den sozialen netzwerken nicht.
wenn ich beim amoklauf augenzeugenmäßig was sehe, poste ich das doch nicht auf twitter, sondern rufe die polizei an bzw. schicke der ggf. fotos/videos mit ner mail. oder zumindest den link zum video auf youtube oder so.
warum hat eigentlich die polizei immer noch keine idiotensicheren websites, wo man digitale beweise einfach hochladen kann?
und andersrum sollte die polizei doch lieber mit jedem verfügbaren mann an der hotline sitzen anstatt dass da ne heerschar die netzwerke durchforstet.
darüber hinaus sind die tv-sender natürlich auch nicht besser, wenn sie frei schnauze irgendwelche youtube-videos bringen.

Anonym 9. August 2016 um 09:02  

Schön wäre ja auch, wenn wir generell wieder viel mehr Zeit in der realen Welt verbringen würden, anstatt uns ständig - buchstäblich wo wir gehen und stehen - in der virtuellen herumzutreiben, mit den Nasen über den Smart-Phones.

Wo sind all diese Leute mit ihrer Aufmerksamkeit, die - ganz aktuell - an einem schönen Tag im August mitten in einer schönen Stadt auf einem hübschen Platz, umgeben von sehenswerter Natur & Architektur, sitzen und ohne Unterlass mit gesenktem Kopf auf ihren Geräten spielen?

Sitzen dort nur die körperlichen Hüllen, während deren Geist (so noch vorhanden...)ganz woanders weilt?

Ist diese virtuelle Welt tatsächlich so viel interessanter und aufregender, als die direkte Umgebung und das tägliche Leben? Wozu begeben sich diese körperlichen Hüllen dann eigentlich noch ins Außen, um dann dort doch sofort wieder in der virtuellen Welt zu verschwinden?

Und ist es diese Sucht nach der "Anderswelt", die diese Leute dazu treibt, in ihren Netzwerken eine andere, zweite Realität zu schaffen, indem sie zu allen Geschehnissen, egal wie weit weg die tatsächlich passieren, ihren "Senf" dazugeben... vielleicht um ein wenig mehr Abwechslung & Aufregung in ihr eigenes tristes Sein zu bringen?

Wo liegen inzwischen die Grenzen zwischen Pokemon (wo dickliche Erwachsene ganz ernsthaft virtuellem Kinderkram maschinengesteuert hinterherjagen) und realen Anschlägen, bei denen man ebenfalls virtuell fast direkt mitjagen kann?

Und könnte man nicht besser das reale Sein wieder angenehmer und lebenswerter gestalten, damit unser Aufenthalt im realen Leben uns dieses wieder völlig genügen lässt bzw. sogar zum Vergnügen wird und die virtuelle Welt dadurch völlig nebensächlich?

Roberto De Lapuente 9. August 2016 um 10:33  

Das wäre zugegeben schön, wenn man wieder mehr Realität wagen würde. In jeglicher Hinsicht und auf allen Seiten. Aber was die Virtualität betrifft, da muss man wohl ehrlich sein, da ist der Zug abgefahren. Deshalb kommt es nun darauf an, den Spagat zwischen realer und virtueller Welt hinzubekommen. Beides sind ja Ebenen menschlicher Wirklichkeit, man kann heute die künstlich erzeugte Ebene nicht einfach wegwünschen. Ich will keine Debatte über Netzneutralität führen, aber sicher ist schon, dass es an manchen Stellen dringender Regulierungen bedarf.

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