Noch in Jahren aktuell

Samstag, 17. Juli 2010

oder: gegen das Asoziale anzuschreiben, sich dem Asozialen also zu widmen, sichert einem ein zeitloses Werk.


Ich habe mich zu schämen! Ich und viele andere! Denn wir sind Krisengewinnler. Ganz unverfrorene Profiteure des geistig-moralischen Dilemmas, das uns immer zudrückender umarmt. Was täte ich, was täten viele meiner Kollegen, wenn es diese Krise nicht gäbe? Wovon schrieben wir? Und wir profitieren nachhaltig - denn unserem am Verfall sich schmarotzenden Geschäft liegen unendliche Zukunftsmärkte zu Füßen. Eigentlich müssten wir traurig sein, weil die Themen, die uns zum Schreiben drängen, beharrlich aktuell bleiben, nicht aus der Mode zu kommen scheinen - wir sollten uns schämen, dass wir nicht traurig sind; wir sollten traurig sein, dass wir uns nicht schämen wollen! Vorbei die Zeiten, in denen man mit den Leiden eines jungen Liebesgockels oder einer Räuberpistole ein zeitloses Werk schuf - wer heute zeitlos sein will, der muß im asozialen Dickicht unserer Epoche wildern. Wer zeitlos sein will, der braucht nichts über edle Gefühle wie Liebe und Sehnsucht niederschreiben, der sollte sich eher an den Zottelbärten zynischer Vernunft verbreitender Philosophen oder Rassenkunden-Crashkurs abhaltenden Ex-Senatoren herauf- und herunterhangeln. Zeitlos und unvergänglich war früher das erhabene Sentiment - ein klassischer Evergreen wird zukünftig sein, über das Heruntergekommene, das Abgewirtschaftete, das Asoziale geschrieben zu haben.

Oh ja, ich sollte mich was schämen, ein Buch geschrieben zu haben, das man heute oder in einigen Jahren mit der gleichen Aktualität lesen kann! Ob ich nun von "feuchten Schößen", "Tretminen" oder "eingezäunten Welten" schrieb - die Welt wird in ein Paar Jahren nur unwesentlich anders aussehen. Die Texte werden dann noch immer nicht sinnlos geworden sein. Der Eitelkeit des Schreiben
den, da gleichen sich beinahe alle Schmierfinken einander, tut es wohl, wenigstens zu ahnen, dass der ganze asoziale Schmus, auf dem die Zeilen gründen, auch noch in ferner Zukunft zeitgenössisch sein könnte - und wer weiß, redet man sich ein, möglicherweise sind sie dann sogar noch aktueller, noch brennender als heute. Spätestens hier treibt es einem die Schamesröte ins Gesicht! Schreibt man nicht auch, wenigstens ein klitzekleines Bisschen, um das Umfeld zu verändern, es zu sensibilisieren, neu zu gestalten? Vermutlich schon - der Mensch soll ja auch träumen dürfen. "Wie anmaßend der erfolglose Schreiberling doch ist!", so leite ich Unzugehörig ein, "Anmaßend in seiner Passion! Da tritt er ans Katheder, setzt seinen Stift an, verfasst einige Wortreihen, mischt seine ganze Schärfe in die Tinte [...], und meint in besonders optimistischen Stunden, ganz dreist, ganz überheblich, er könne die Weltenläufte beeinflussen, könne, wenn schon das Spiel nicht beenden, so doch wenigstens in einer Weise sichtbar machen, dass es ins Auge sticht, zur Reaktion nötigt. [...] Nur weil er geboren wurde, nur weil er im Jetzt existiert, glaubt er, daran etwas ändern zu können. Als hätte sein Dasein einen messianischen Auftrag zu erfüllen." Sicher treibt einen die eigene Arroganz ebenfalls, aber wenn man dann schon relativ klanglos untergeht, ungehört bleibt, so redet man sich ein, als zeitloser Schriftsteller in die Annalen einzugehen.

Zeitlosigkeit haben wir denen zu verdanken, die in ihren unendlichen Auslassungen menschenhassender und inhumaner Art, uns das notwendige Futter liefern. Das rationelle Wesen jenes Autors, der die Leiden eines jungen W. zu Papier brachte, musste sich einst beim entrückten und schwelgenden Romantiker bedanken, der seine Liebelei manchmal bis an die Grenze seines Atems brachte - wir bedanken uns beim Rüpel, beim Gesellschaftsrowdie. Letzterer expandiert wild - Unzugehörig wird aktuell bleiben. Wenn es also überhaupt etwas gibt, was den wirkungslosen Schriftsteller tröstet - und wirkungslos sind wir ja beinahe alle, sofern wir nicht Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes heißen -, so ist es der Umstand, auch weiterhin etwas zu einem Thema zu sagen zu haben.

"Unzugehörig" von Roberto J. De Lapuente ist erschienen beim Renneritz Verlag.



5 Kommentare:

Anonym 17. Juli 2010 um 09:34  

Lieber Roberto

Das Geld für dein Büchlein habe ich gerne hergegeben.
Unter anderem auch deshalb, weil mich das Gefühl bis heute nicht loslässt, dass Du den Dir zustehenden Anteil des Verkaufserlösses eben nicht unsozial in einer "Oase" versteckst.

Im Übrigen hat es mir auch noch so gut gefallen,dass es in einer Nacht gelesen wurde.

Machet juuht und weiter so!

klaus baum 17. Juli 2010 um 12:09  

der ewigkeitswert der kunst wurde ja oft in ihrer metaphysischen qualität gesehen. in wirklichkeit aber liegt er in ihrer realitätsnähe, das heißt, da die menschen sich nicht ändern, genügt es, sie so realitätsgerecht wie möglich darzustellen, immer auf ewig aktuell zu bleiben. ein beispiel war und ist mich der CANDIDE von voltaire. an den grausamkeiten der bestie menschen, die candide erlebt, hat sich nichts geändert.
ich bin im studium der philosophie noch "aufgewachsen" im glauben an den fortschritt der menschheit. dieser glaube ist eine illusion. was wir derzeit erleben, sind lauter rückfälle in eine längst überwunden geglaubte barbarei.

Anton Chigurh 17. Juli 2010 um 13:52  

Lieber Roberto,
bitte mehr davon. Mehr von den knallharten Analysen, den bissigen Statements, der klugen Ausleuchtung des Dickichts, das gerade herrscht. Es ist so wichtig, dass es Zeitgenossen gibt, die munter und unverdrossen gegen die faulige Woge der Verblödung anschreiben. Es ist so wichtig, dass es Autoren wie Dich gibt, die der lügenden Prostitutionspresse die Maske herabreißen, aufklären und aufstacheln.
Ich denke ich spreche im Namen Vieler, die dankbar sind für ein bißchen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit in der schreibenden Zunft. Und ich sage auch, dass die Unterhaltung eine nicht zu unterschätzende Komponente ist.
Unbequeme Zeitgenossen wie Schramm, Pispers oder Du sind sehr wichtig, damit man nicht komplett dem Wahnsinn und der Lethargie verfällt.
Mach´ weiter so und überlasse das Schämen denen, die es wahrlich tun sollten !

Anonym 18. Juli 2010 um 12:16  

Hallo Roberto, irgendwie hast du ja Recht mit deiner Aussage, dass der Kritiker von den Verhältnissen schmarotzt, die ihm erst den "Arbeitsplatz" als Kritiker verschaffen.
Doch soll/en man/alle deswegen nun einfach den Mund halten und der allgemeinen vorsätzlichen Massenverdummung das Feld allein überlassen, welche bestens organisiert und finanziell mächtig ausgestattet unsere Gesellschaft überflutet?
Bert Brecht sagte mal, man muss die Wahrheit immer und immer wieder wiederholen, auch wenn sie keiner hören will.
Man sollte allerdings auch den Kritikern genauestens auf die Finger schauen, ob es Kritiker aus Überzeugung sind, welche für ihre Überzeugungen gegebenenfalls auch bereit sind persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen oder es sich um eitle selbstgefällige, manchmal auch nur karrieregeile Scharlatane handelt, welche sich als "Kritiker" ausgeben, in Wahrheit aber nur nach persönlichen Vorteilen aller Art in dieser bestehenden Gesellschaft lechzen, sich im Grunde nur gut, d.h. oft finanziell angenehm, verkaufen wollen, mitunter bereits gekauft wurden.
Bleiben wir echten Kritiker daher bei dem unvergesslichen Bert Brecht!

MfG Bakunin

philgeland 20. Juli 2010 um 19:45  

Wer sich mal richtig cool in den intelektuellen Eingeweiden des Zeitgeistes umtun will, dem sei nahe gelegt, ein hipster zu werden. Nun ist mir zwar nicht bekannt, ob diese Figuren Texte verfassen. Zeitlos wären die allerdings schon mal nicht.

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