Ein moderner Aufklärer

Montag, 26. Juli 2010

Man hat sich geirrt, der im Startblock lauernde Präsidentschaftskandidat Gauck, der als Aufklärer schmackhaft gemacht wurde, war zuletzt nicht der tatsächliche aufklärerische Typus jener beiden Kandidatenzwillinge. Aufklärer ist der andere, Wulff mit Namen, mittlerweile hinter (Lust-)Schloss verriegelt. Wulff, ein passionierter Aufklärer, ein aus Drang der Aufklärung verschriebener Charakter.

So wie er zum aktuellen Anlass in Duisburg einforderte, es müsse nun eine "rückhaltlose Aufklärung" geschehen, so hat er eine ebensolche, wortwörtlich ebensolche sogar, bereits vor einem Monat in Sachen Katholische Kirche gefordert. Eine liebe Gewohnheit, die er schon vor mehr als einer Dekade pflegte, als er zur Parteispendenaffäre der CDU die Ansicht vertrat, dass nur eine "rückhaltlose Aufklärung" seine Partei retten könne - wer nun meint, Wulff ist ein terminologischer Langweiler, der irrt sich, denn er variiert in seiner Wortwahl durchaus: so wie vor sechs Jahren, als er eine "umfassende Aufklärung" über VW-Gehälter für Abgeordnete gesichert wissen wollte. Oder ein Jahr später, als er eine "lückenlose Aufklärung" zur VW-Affäre für unausweichlich hielt. Wieder ein Jahr danach hatte sich sein Wortschatz erneut aufgefrischt: er sprach von "restloser Aufklärung", die man dem Engagement Gerhard Schröders bei Gasprom angedeihen lassen sollte. Wahrlich, ein Aufklärer ohne Unterlass, ein Mann, der stets um Aufhellung und Ermittlung bemüht ist, unaufhörlich die Aufklärung im Munde führt.

Aber er ist keiner, der aufklärt - eher einer, der Aufklärung aus dem Kehlkopf heraussurrt. Einer, der viel von Aufklärung schwafelt, weil dies in der Sprache unserer Zeit, der öffentlichen Sprache, der Sprache politischer Korrektheit, so vorgesehen und erwünscht ist. Von Aufklärung zu sprechen ist nicht nur chic, es läßt einen blassen Politiker aufblühen, zum Verantwortungsträger mit Format erwachen - ohne solche Reden läßt sich in einer Epoche der Oberflächlichkeit und des Scheins, keine politische Karriere mehr machen. Wer viel von Aufklärung spricht, wer in sein unnötiges Geschwätz, sein entbehrliches Wischiwaschi einen Abglanz von aufklärerischen Bestreben flicht, der kann mit etwas Glück und guten Beziehungen sogar Bundespräsident werden.

Wulff ist dabei aber nur das ranghöchste Abziehbild einer politischen Kultur, die weniger auf Stichhaltigkeit und Wahrhaftigkeit setzt als eigentlich notwendig wäre. Er ist Politiker von blasser, blutleerer Gemütsart - windig und aalglatt, schlängelnd und so sehr ohne eigene politische Konzeption, ohne Vision ausgestattet, dass er als Mann ohne Eigenschaften gelten muß, als unsichtbarer Mann geradezu. Perfekt geschult ist er, wie alle seiner Couleur, in der Sprache der heutigen Politik; einem Idiom der politischen Korrektheit, in der zentrale Begriffe wie Nachhaltigkeit, Freiheit oder eben jene Aufklärung den gesamten Satzbau bestimmen, ohne die kein verständlicher Text mehr fabriziert werden könnte - das heißt, mit denen der Text erst so unverständlich und vielfältig interpretierbar wird, dass alles oder nichts daraus herausgehört werden kann. Es ist eine verstümmelte, wenig aussagekräftige Sprache, die vor Wiederholung immergleicher Floskeln nicht zurückschreckt, ganz im Gegenteil, sie noch befürwortet, um den Zuhörer nicht zu sehr zu überlasten, ihn nicht zu verunsichern. Verbale politische Korrektheit soll Nachhaltigkeit schaffen, um es mal in deren eigenen Sprache zu sagen - sie soll den Zuhörer in Sicherheit wiegen, ihn einlullen, besänftigen, ahnen lassen, was gemeint sein könnte. Und sie besitzt wichtige Textbausteine, die immer anwendbar sind, die nie verkehrt, nie fehl am Platz wirken - Textbausteine wie jenen von der Aufklärung. So einen Baustein kann man immer bringen, er wird immer honorierend zur Kenntnis genommen.

Es ist die Sprache von Apparatschiks, von Technokraten ohne Konturen; eine Sprache, die im wirkliche Leben kaum Beachtung findet. Eine Sprache der Gelehrten, nicht des Volkes - oder sagen wir trefflicher: sie wird von Geleerten heruntergerattert. Leere, ja fast körperlose Wesen, die ihre eigene Hohlheit mit Gummi- und Plastikphrasen füllen, die Worthülsen schnitzen, um wenigstens ein bisschen nach Verantwortungsträger, nach respektablen Politiker zu riechen. Wulff ist da nur das Paradebeispiel: er ist so farblos, so fahl, dass sein plötzliches Verschwinden kaum auffallen würde. Nichts hat er, worüber man sprechen könnte - keine Vorzüge, aber auch keine Nachteile. Letzteres genügt mittlerweile, um als Politiker von Größe anerkannt, genügt, um als angenehmer Zeitgenosse aus der Politik verstanden und geliebt zu werden. Er ist ein Irgendwer, der in die Politik gestolpert ist, weil er gelernt hat, immer dann genau das zu sagen, was man im politisch korrekten Klima unserer Tage auch hören will - der gelernt hat, immer dann genau das zu sagen, was keinen berührt, verärgert, aus der Fassung bringt. Zu reden und nichts zu sagen: das ist die Kunst der vielen Konturlosen, der Eigenschaftslosen, der Nichtssagenden, der Wulffs.

Und Wulff ist somit ein zeitgemäßer Aufklärer. Nicht weil er aufklärt, sondern weil er die vermutliche Aufklärung fordert - immer und immer wieder: der Textbaustein ist variabel. Er klärt uns darüber auf, dass Aufklärung rückhaltlos, lückenlos, restlos zu erfolgen habe: eine aktuelle, zeitgemäße Ausprägung von Aufklärung! Eine ohne nachhaltige Denkarbeit, eine, die man keck in die Öffentlichkeit hinausposaunt. Rousseau, Montesquieu oder Kant haben nicht laut nach Aufklärung gerufen - sie haben es selbst getan, selbst aufgeklärt. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft läßt man schließlich aufklären, zieht Aufklärungsexperten heran - oder man ruft wenigstens zu jeden gegebenen Anlass unverbindlich nach solchen. Der moderne Aufklärer klärt darüber auf, dass Aufklärung nötig sei - und er tut es nicht für die Wahrheit, er tut es für sein blutleeres Antlitz, damit er was gilt, was darstellt, wer ist.



15 Kommentare:

Peinhart 26. Juli 2010 um 10:04  

"...damit er was gilt, was darstellt, wer ist."

Damit der Schein gewahrt wird, denn nur innerhalb dieses Scheins kann er überhaupt was gelten. Der hohle Schein zieht hohle Personen magisch an. Aber wie kann man 'Verantwortung' einfordern, wo nichts ist? Konsequenterweise verläuft sich solche 'Aufklärung' dann auch meistens irgendwo im Nichts, wobei - ebenfalls konsequent - gilt, dass je höher der Posten, desto geringer die Verantwortung. It's lonely at the top, denn da ist einfach - nichts.

Anonym 26. Juli 2010 um 12:20  

"[...]Der moderne Aufklärer klärt darüber auf, dass Aufklärung nötig sei - und er tut es nicht für die Wahrheit, er tut es für sein blutleeres Antlitz, damit er was gilt, was darstellt, wer ist[...]"

Stimmt genau, der "moderne Aufklärer" redet von Aufklärung, aber handelt reaktionär. Beispiel gefällig? Den gibt es nicht nur im Bundespräsidialamt, sondern auch hier: http://www.feuerbringer.com -Aufklärung 2.0

Man vertritt die reaktionäre Auffassung, dass die modernen Kriege im Irak und Afghanistan gerechtfertigt sind:

http://feuerbringer.com/2010/07/14/der-irak-krieg-war-gerecht

...hetzt gegen alles Linke....

http://feuerbringer.com/2010/07/17/das-che-guevara-ersatz-t-shirt

...und hält sich nicht an den eigenen Rat....

http://feuerbringer.com/2010/07/24/der-zopf-im-kopf

Aufklärer wie Wulff sind eben nicht allein, sondern auch in der atheistischen Ecke gibt es solche "Aufklärer", die von Aufklärung reden, aber eine vormoderne Anti-Aufklärung betreiben - siehe obiges Beispiel.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Kurt 26. Juli 2010 um 12:23  

So ganz einverstanden bin ich mit Ihrer Wertung des Herrn Bundespräsidenten nicht. Blass ist er - ja, hohl ist er - ja, Apparatschik ist er - ja. Aber er ist bekanntlich auch ein kecker Streiter für die Landsmannschaften, dort hat er sich eingebracht, und das scheint bei ihm keine Phrase zu sein, das
das macht ihn erst zum Bundespräsidenten: immer für die Unterlegenen, die Benachteiligten, für die Unschuldigen. Eben so, wie sich Mäxchen einen "echten" Bundespräsidenten vorstellt. Und das macht ihn bei aller Hohlheit, bei aller Phraseologie, bei aller Rosstäuscherei vor allem gefährlich. Und das sollte man, so gern man es täte, nicht vergessen zu erwähnen.

Anonym 26. Juli 2010 um 12:24  

@Autor

Doppelfrage an den Autor der Überschrift - was soll denn am Ex-Bundesbehördenchef "modern" und was "aufklärerisch" sein?

Gruß

ak
26. Juli 2010

Jutta Rydzewski 26. Juli 2010 um 12:26  

Hallo, lieber Herr De Lapuente. Wirklichkeitsnaher und anschaulicher kann der Bundeswu(l)ffi nicht beschrieben werden. Nein, mit Aufklärung oder Ähnlichem hat das unsägliche Geschwatze der Wulffs und Co. wahrlich nichts zu tun. Wulff ist nicht nur das ranghöchste Abziehbild, sondern auch der ranghöchste unter den sich täglich vermehrenden Sprechautomaten, die unaufhörlich an der Verblödung der Republik "arbeiten". So ein Sprechautomat ist auch sehr leicht zu bedienen. Oben die Kohle rein, der Preis richtet sich nach der Bekanntheit und Prominenz, und schon beginnt der Apparat seine üblichen, einprogarmmierten Phrasen herunterzuschnarren bzw. auszusprucken. Das gilt natürlich auch für die so genannten Experten, die in aller Regel aus bezahlten Lobbyisten bestehen, ganz egal aus welchem Bereich sie kommen: Politik, Medien, besonders die öffentlich-rechtlichen, Wirtschaft, Wissenschaft, ja, mitunter sogar aus den Kirchen und Gewerkschaften. Außer "expertischer" Textbausteine kommt da nix. Die Wulffis, Merkels, aber auch Steinmeiers, Gabriels, Nahles usw. usw., verursachen nur noch intelletuelle Qualen, sobald sie den Mund aufmachen.

mfg
Jutta Rydzewski

Roberto J. De Lapuente 26. Juli 2010 um 12:31  

@ Anonymus von 12:24 Uhr:

Lesen Sie es durch, dann verstehen Sie auch, weshalb "modern", weshalb "Aufklärer.

@ Jutta Rydzewski:

"Sprechautomat" gefällt mir. Ich habe gestern beim Schreiben des Textes nach so einem Wort geforscht. Ich würde bei Gelegenheit, sofern kein Patent darauf angemeldet ist, gerne darauf zurückkommen.

Jutta Rydzewski 26. Juli 2010 um 14:04  

""Sprechautomat" gefällt mir. Ich habe gestern beim Schreiben des Textes nach so einem Wort geforscht. Ich würde bei Gelegenheit, sofern kein Patent darauf angemeldet ist, gerne darauf zurückkommen."

Bedienen Sie sich, wann immer Sie mögen, lieber Herr De Lapuente. Je mehr Verbreitung dieser Begrifflichkeit umso besser.;-) Übrigens, es liegt in der "Natur" von Automaten, dass menschliche Gefühle und Eigenschaften, wie z.B. Empathie oder auch Anstand, gar nicht erkannt bzw. empfunden werden. Doch gerade damit ist der Sprechautomat besonders reichhaltig "gefüttert". Genau(er) hingehört und hingeschaut, bei den Wulffis und Co., wird allerdings ganz schnell deutlich, Automat bleibt Automat: Blass, blutleer, leidenschafts- und emotionslos, tote Augen, eben, nur ein Automat. Ganz egal womit er programmiert wurde, bleibt er doch immer ein seelenloser Apparat in Menschengestalt.

mfg
Jutta Rydzewski

Anonym 26. Juli 2010 um 15:20  

@Roberto J. De Lapuente 12:31

Nö ...

Anton Chigurh 26. Juli 2010 um 16:33  

"Wulff ist da nur das Paradebeispiel: er ist so farblos, so fahl, dass sein plötzliches Verschwinden kaum auffallen würde. Nichts hat er, worüber man sprechen könnte - keine Vorzüge, aber auch keine Nachteile."

Für diejenigen, die diesen Herrn nicht kennen, mag das stimmen.
Wenn man aber aus Osnabrück kommt, ist einem dieser Vogel schon bekannt. Er ist einer dieser fiesen, windigen Gesetzesverdreher gewesen, die man landläufig als "Winkeladvokat" bezeichnet.
Aalglatt, blass, unverbindlich-schleimig sind da wohl die passenden Adjektive, die aber bereits oben schon erwähnt wurden.
Jutta Rydzewski´s fabelhafter Begriff "Sprechautomat" passt wirklich wie die Faust aufs Auge.
Fragt man in Osnabrück einmal die Bürger ohne, dass diese in eine TV-Kamera glotzen müssen, wird man schnell gewahr, dass dieser überaus entbehrliche Zeitgenosse alles Andere als Zustimmung genießt. Wegen seiner ekelhaften Phrasendrescherei hat er in seiner Zeit als Ministerpräsident von NDS keinerlei bleibende Eindrücke hinterlassen. Selbst als er das lebenserfahrene, tätowierte Häschen ehelichte kam er aus seiner Versicherungsvertretermaske nicht heraus.
Für die Osnabrücker ist er nichts weiter als Merkels quakige Bauchrednerpuppe mit zweifelhafter Juristenvergangenheit - aber bestimmt nicht "unser Bundespräsident".

Anonym 26. Juli 2010 um 18:45  

Wulff ist mir auf bayerisch gesagt am Arsch lieber als der Gauck im Gesicht.

Gauck hat mir kürzlich wieder eindrucksvoll bewiesen, dass er eindeutig die schlechtere Wahl gewesen wäre. Dieser "Bürgerrechtler" spricht sich gegen Volksentscheide aus und wird nicht mal rot dabei (wahrlich wegen seiner Antipathie gegen alles rote). Von seiner asozialen Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und der Verklärung der "Freiheit" (z.B. der "Freiheit" unter einer Brücke zu schlafen, der "Freiheit" arbeitslos zu werden und alles zu verlieren usw. usf.) mal ganz abgesehen.

Wulff ist farblos und moralelastisch, liegt auf der Aschloch-Skala aber weit unter Gauck. Meine Meinung.

Peinhart 26. Juli 2010 um 19:12  

@Anonym 18:45

Dann lese er mal das da. Oder das da. Das sind schon zwei schnieke Früchtchen, die da zur 'Wahl' standen...

Anonym 26. Juli 2010 um 21:39  

@Peinhard 19:20


jafreili´... die zwei Politfrüchtchen. Die, mal von Linksfrau Luc abgesehn, ganzdeutscher BP werden wollten und von denen´s ja denn auch einer wurde

Da der Blogmaster hier´n Doc sein soll - was bitte ist denn besser, was schlimmer: Zwischen Pest & Cholera wähln oder wie Buridans Esel zwischen den beiden Heuhaufen verhungern, weil er sich für keinen beider entscheiden (und damit den Gordischen Knoten nicht durchschlagen) kann ...


Der Esel.


Im übrigen ist Blogger nix Andres als die Steigerung von Blog;-)


ak
26. Juli 2010

antiferengi 26. Juli 2010 um 22:11  

@Peinhard 19:12
Du meinst .... Wulff wird vom Verfassungsschutz beobachtet? Wäre doch zu erwarten, oder?

antiferengi 26. Juli 2010 um 22:14  

Sorry, @Peinhard 18:45 meinte ich.
Das mit der Uhrzeit funkt irgendwie nich.

Anonym 26. Juli 2010 um 22:26  

@Peinhardt

Volle Zustimmung ich würde einmal sagen, dass Gauck = Wulff und umgekehrt.

Merkel soll ja sogar Gauck schon einmal als Bundespräsidentenkandidaten im Auge gehabt haben, und gerüchteweise würde die SPD/GRÜNEN genau darauf bei der Bundespräsidentenwahl gezielt haben - neben der Diffamierung der Linkspartei....

Nee, die kannste alle vergessen, ob Wulff oder Gauck - Übrigens, was Parteien angeht, da habe ich einem alten Sozi einmal gesagt, dass die GRÜNEN = FDP und die SPD = CDU - und wißt ihr was, der stimmte mir zu was die "Realos" in diesem Parteien angeht, die das sagen haben, und die Bundespräsidentenwahl hat diese meine These sogar noch untermauert.

Es herrscht schon eine heimliche Große Koalition der Neoliberalen in Deutschland, die die SPD, die GRÜNEN und sogar Teile der Linkspartei unterwandert haben - Die CDU/CSU/FDP zähle ich da nicht dazu, die waren schon immer neoliberal-markttaliban.

Ergo ist als einzige Alternative, derzeit noch, die Linkspartei übrig geblieben, und deswegen wird die wegen der Verfassungsfeinde in FDP/CDU/CSU als "verfassungsfeindlich" eingestuft.

Die Linkspartei entlarvt die Mär von "es gibt keine Alternative" als solche.....

Es gibt eben doch eine Alternative zu den "Realos" in SPD/GRÜNEN und der CDU/CSU/FDP, und die heißt derzeit (noch) Linkspartei.....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

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