Kultfigur Mandela

Samstag, 28. Juni 2008

"Nicht für einen Augenblick kann ich eine politische Einrichtung als meine Regierung anerkennen, die zugleich auch die Regierung von Sklaven ist." (Henry David Thoreau, "Civil Disobedience") - Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Rolihlahla Dalibhunga Mandela, genannt Nelson, jemals Thoreaus kurzes Traktat gelesen hat, ob die Gefängnisbibliothek auf Robben Island dergleichen Schriften überhaupt führte. Aber welche Rolle spielt das schon? Immerhin hat Mandela, ob belesen in Sachen Ungehorsamspflicht oder nicht, nach den stoischen Grundsätzen Thoreaus gehandelt. Er ertrug 28 Jahre lang - von 1962 bis 1990 - seinen "angemessenen Platz", entzog sich ihm auch nicht durch fadenscheinige Angebote, die man ihm ab 1985 verstärkt unterbreitete. "Unter einer Regierung, die irgend jemanden unrechtmäßig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen rechtschaffenen Menschen." (Henry David Thoreau, "Civil Disobedience") - Mandela hielt sich, bewußt oder unbewußt, inspiriert oder selbst erdacht, an die Worte des US-amerikanischen Freiheitsphilosophen und Individualisten, blieb folglich lieber Häftling, als sich dem gesetzlich legitimierten Unrecht zu beugen. Seine persönliche Freiheit erschien ihm nicht wertvoll genug, dafür dem Widerstand der schwarzen Südafrikaner in den Rücken zu fallen. Ein Widerstand, der freilich durch jahrzehntelange Unterdrückung zu einem gewaltsamen Kampf entartet war. Aus Sicht des Apartheid-Regimes, aus Sicht eines starrköpfigen Rechtspositivismus generell, war Mandela in diesen Tagen ein Terrorist, für den man sich eine groß inszinierte Geburtstagsfeier nicht hätte vorstellen können.

Aber Mandela als zu Ehren gekommenen Terroristen zu bezeichnen greift zu kurz, nihiliert ja geradezu die Gewalt, das zum Himmel schreiende Unrecht, welches an den Schwarzen Südafrikas alltäglich begangen wurde. Wie sich dieses Unrecht äußerte, notierte ich bereits vor einigen Monaten in einem anderen Zusammenhang an dieser Stelle. Die damaligen Zeilen sollen hier noch mal zitiert werden:
"Apartheid: aus dem Afrikaans stammend, von apart, "getrennt, einzeln" - soweit die begriffliche Definition. Historisch betrachtet bedeutete sie strikte Rassentrennung und radikalisierte die traditionell südafrikanische Segrationspolitik beträchtlich. In einer wahren Gesetzesflut erhob sie sich zur allumfassenden Staatsdoktrin. Die Apartheidgesetze ließen sich in vier Funktionsbereiche unterordnen: a) die Absicht "Rasseneinheit" zu garantieren, b) die physische Trennung der vier gesetzlich festgeschriebenen Rassen (Weiße, Schwarze, Farbige und Asiaten) umzusetzen, c) eine effektive politische Vorherrschaft der Weißen zu sichern und d) eine umfassende Kontrolle vor allem der Schwarzen in nahezu jeden Lebensbereich zu erlauben.

Um die sogenannte "Rasseneinheit" zu garantieren und folglich auch zu wahren, waren Eheschließungen über die Rassengrenzen hinweg verboten (Prohibition of Mixed Marriages Act, 1949). Ein Jahr später wurde bereits der Geschlechtsverkehr von Weißen mit Angehörigen anderer Rassen unter Strafe gestellt (Immorality Amendment Act), der bereits seit 1927 verboten, aber nicht sanktioniert wurde. Grundpfeiler des Apartheidsystems war der Population Registration Act von 1950, der jeden Einwohner Südafrikas einer der vier Rassen zuordnete. Ausweispapiere dokumentierten die Rassenzugehörigkeit ihrer Besitzer. Die Hautfarbe war das dominierende Merkmal des südafrikanischen Herrschaftssystems.
Der Group Areas Act von 1950 erlaubte es der Regierung, die Angehörigen "niederer Rassen" zwangsweise umzusiedeln, wenn nötig auch mit Gewalt. Ziel war es, rassisch homogene Siedlungsstrukturen entstehen zu lassen. Spätere Gesetze engten die Aufenthaltsrechte von Schwarzen in weißen Siedlungsgebieten weiter ein. Durch die Schaffung sogenannter Bantustans - später Homelands - gelang es der Regierung in Pretoria, dem Ausland phasenweise eine "positive Apartheid" vorzugaukeln. Diese Reservate der Schwarzen sollten später in eine (kontrollierte) Unabhängigkeit entlassen werden und die Bewohner aus den südafrikanischen Staatenverband ausscheiden. Als Fremdarbeiter auf dem Gebiet des weißen Südafrika waren sie somit gänzlich rechtlos. Generell zielte Pretoria darauf ab, den Entwicklungsstand der Schwarzen niedrig zu halten und sie gleichermaßen politisch zu spalten.
Mit dem Suppression of Communism Act von 1950 schuf sich die Regierung eine Waffe, die vielseitig verwendbar war. Indem dieses Gesetz schwammig formuliert wurde, kaum konkrete Sachverhalte angab, konnten unangenehme (schwarze) Gruppierungen als kommunistische Vereinigungen aufgelöst und die Protagonisten verurteilt werden. (Bis 1976 wurde dieses Gesetz rund achtzigmal den politischen Gegebenheiten angepaßt.)
Das Gesetz zur Abschaffung der Ausweise (Abolition of Passes and Consolidation of Documents Act) offenbarte sich als euphemistische Wortspielerei, denn Ausweise wurden zwar abgeschafft, aber durch ein "Reference Book" ersetzt. Dieses Nachweisbuch mußte immer mit sich geführt werden und enthielt umfangreiche persönliche Daten, womit die ständige Kontrolle der Schwarzen (auch der Farbigen und Asiaten) gewährleistet wurde. Weitere Kontrollgesetze sorgten dafür, daß qualifizierte Arbeitsplätze nur an Weiße fielen und das Streikrecht für Schwarze beschränkt wurde. In die gleiche Kerbe schlug auch der Bantu Education Act von 1953, der ein getrenntes Schulsystem definierte und weißen Schülern ein Mehrfaches an Mitteln zu Verfügung stellte. Da durch den Bantu Education Act Erziehung unter die Regierungsaufsicht fiel, wurde den Missionsschulen eine apartheidkritische Erziehungsarbeit faktisch verboten."
Mandela verurteilte unangebrachte Gewalt, duldete das sogenannte Necklacing nicht, bei dem einem Opfer in Benzin getränkte Autoreifen um Hals und Arme gehängt und danach angezündet wurden. Als man Winnie Mandela, der Ehefrau Nelsons, eine Mitbeteiligung bei mindestens einem Fall von Necklacing nachgeweisen konnte, trieb dies den Bruch zwischen den Eheleuten Mandela voran. Nein, vielmehr sprach er sich für eine Widerstandsgewalt aus, eine Form "gerechter Gewalt", die dazu dient, sich von dem Joch zu befreien, das ein Peiniger seinem Opfer auferlegt.

Wahrlich, als Terrorist kann und wird Mandela nicht in die Geschichte eingehen, auch wenn er in vielen Facetten einem solchen glich, weil er sich nicht treu einem positiven Gesetz unterwarf, welches ihn als schwarzen Bürger Südafrikas zum Menschen dritter Klasse gemacht hätte. Der intellektuell beschlagene Rechtsanwalt aus der Transkei glänzt da schon eher mit einer philosophisch fundierten Sichtweise des Freiheitskampfes. Vielleicht scheiterte er auch gerade deshalb - gemäß der alten Weisheit, fern vom platonischen Staat, wonach Philosophen nicht als Politiker taugen - später als Präsident seines Landes, bzw. konnte nicht in dem Ausmaße glänzen wie als führender und denkender Kopf einer Bürgerrechtsbewegung. Wie gesagt, ob Thoreau zu seiner Lektüre gehörte, läßt sich nicht beantworten, lediglich vermuten und erahnen. Und doch ist es gerade das Stoische, standhaft bleibende Verhalten und die Einsicht im Gefängnis am "angemessenen Platz" zu sein, die Mandela zum Freiheitsphilosophen machten. Anders als Thoreau aber, der nur eine Nacht im Gefängnis zubrachte, weil er eine Steuer nicht bezahlen wollte - ein Bekannter übernahm die Schuld und erwirkte somit seine schnelle Freilassung -, kann der Südafrikaner nicht als stiller, kontemplativer, auf Schriften fixierter Philosoph gelten, sondern als eingreifender, maßgebender, als politisch aktiver Denker, den selbst Stacheldraht und Stahlgitter nicht bremsen konnten. Selbst als er vor der Küste Kapstadts isoliert in Haft saß - eben auf oben erwähnter Insel Robben Island -, wurde sein auf Sturheit und Unnachgiebigkeit begründeter Widerstand gegen das Regime von den Massen aufgegriffen, wurde Mandela zur eingesperrten, daher gesichtslosen Gestalt des Freiheitskampfes. Fern des Geschehens, nur durch sein gelebtes Beispiel ungehorsamen Auftretens, erwirkte er eine Autorität, welche ihn zum wahren Geistesvater afrikanische Emazipation machte. Für ihn zählten nicht sichtbare Kategorien wie weiße oder schwarze Hautfarbe; er bemächtigte sich Martin Luthers Anspruch, dass nach der Unterdrückung von Schwarzen durch Weiße, nicht eine Umkehrung der Farben geschehen dürfe. So kam er in den Ruf, der weise Mann des Widerstandes zu sein - Widerstandsphilosoph, pazifistisch gesittet, aber nicht bereit mit Gutmütigkeit in den Tod zu laufen. Laute Worte waren nicht sein Stil, wohl aber ehrliche und direkte Reden, die sich fern von jeglicher beschönigender Diplomatie hielten, dafür aber Inhalte in sich trugen, die Pretoria in Verlegenheit bringen mußten. Mandela steht im Emanzipationskampf der Schwarzen neben Martin Luther King und Malcolm X; im Kampf autochthoner Völker gegen unterdrückende Okkupanten auf einer Stufe mit Mahatma Gandhi - zweifelsohne einer der großen Afrikaner des letzten Jahrhunderts und ein der großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Mir scheint es nicht ausgeschlossen, dass eines Tages ein neuer Bertold Brecht eine Hommage an Nelson Mandela niederschreibt, in der dieser gleich dem Galilei als standhafter Rebell mit Manieren gezeichnet wird; als Luthergestalt, die "hier steht und nicht anders kann".

Gestern also wurde Mandela in London gefeiert. Da Madiba in drei Wochen seinen 90. Geburtstag feiern wird, wollte man etwas Besonderes und Denkwürdiges bieten. So entstand ein Geburtstagsprogramm, angefüllt mit prominenten Künstlern wie Will Smith nebst Ehefrau Jada Pinkett, Amy Winehouse, Queen, Eddy Grant, Annie Lennox, Jim Kerr und weiteren. Letzterer behauptete, dass das letzte Konzert vor 20 Jahren, als man an Mandela 70. Geburtstag dessen Freilassung forderte, eine andere, aufgeheiztere Stimmung vorfand - Wut und Verärgerung, wohl auch Ohnmacht ließen ein Konzert zur politischen Kundgebung werden. Doch am gestrigen Abend wurde aus einer möglichen politischen Botschaft, eine Veranstaltung des Feierns und der Belanglosigkeit. Man reihte Musikdarbietungen aneinander, wartete bis Nelson Mandela drei Minuten zur Menge sprach und feierte danach munter weiter. Natürlich gab es auch ein humanitäres Moment, denn mit den Einnahmen der Veranstaltung soll Mandelas Aidsstiftung 46664 unterstützt werden. Immer wieder kommen einem Neil Postmans ("Wir amüsieren uns zu Tode") Thesen in den Sinn, wonach die heutigen Massenmedien nurmehr Unterhaltung transportieren, selbst wenn sie Ernsthaftigkeiten übermitteln wollen. Und so wurde aus eben diesem ernsten Motiv - den Aidsopfern Unterstützung zukommen zu lassen -, eine Veranstaltung der zügellosen Freude, mit Tanz und Gesang, wohl auch mit Freuden für Gaumen und Leber. Tanzen, Feiern, Fröhlichsein, damit man den kranken Verelendeten, so wie sie uns Henning Mankell in "Ich sterbe, aber die Erinnerung bleibt" beschreibt, einen kleinen Dienst erweisen kann. Hier spiegelt sich der Perversität des globalen Wahnsinns wider.
Mandelas Lebenswerk wiederum, seine philosophisch geschulte Dialektik, die er im Freiheitskampf einsetzte, um den Menschen striktes Einstehen für Freiheit aufzuzeigen, wurde einer Banalisierung unterworfen. Er wurde zum Kultstar stilisiert, zum großen alten Mann, von dem man vom Hörensagen weiß, dass er nett und klug sein soll und der den Frieden liebt bis in die letzte Zelle seines Körpers. Eine Kultgestalt, wie sie die oberflächliche Berichterstattung unserer Zeit benötigt, um den Menschen unterhaltend mitzuteilen, dass da jemand mit Weisheit gewirkt hat. Statt sich am 90. Geburtstag dieses Mannes mit der Geschichte zu befassen - mit seiner Geschichte! -, wird feuchtfröhlich gefeiert, mit roten Bäckchen und Lachfalten der Aidsopfer gedacht und Mandelas Auftritt mit weltferner Entrücktheit begangen. Der einstige Held des Freiheitskampfes ein Rockstar!

Aus einer Person, die das 20. Jahrhundert nicht nur in Afrika, sondern weltweit geprägt hat, die die ganze Weltgeschichte befruchtete mit seinem Wirken, wurde am gestrigen Abend eine banale Randerscheinung, eine oberflächliche Gestalt, die einer PR-Werkstatt entschlüpft schien; ein Heiliger des Fernsehens, der vergessen ist, sobald die Kameras abgeschaltet sind; ein gutmütiger Nikolaus moderner Prägung, der in seiner altersbedingten Gebrechlichkeit Güte ausstrahlt, ohne überhaupt Botschaften seines Denkens verkünden zu müssen. Gestern wurde nicht das hohe Alter eines Mannes gefeiert, sondern dessen Beerdigung in kaschierter Weise dargeboten. Physisch ist er noch unter uns, aber von seinem Wirken, von seiner Standhaftigkeit, den Inhalten seiner Lebenseinsichten - will man es "Lehren" nennen? - und seinen politisch-philosophischen Ansichten, will scheinbar niemand mehr etwas wissen. Gestern wurde beerdigt, wurde aus den 28 Jahren in Robben Island ein Medienspektakel gemacht, welches mit allen geschmacklosen Platitudes garniert wurde, die überhaupt denkbar sind. Ein Zahlenspiel, wenn man so will: Aus Mandelas 46664 wurde ein 08/15-Zirkus gemacht. Damit ist Nelson Mandela endgütlig im 21. Jahrhundert angekommen: als Kultstar und banaler Held einer satten Gesellschaft, die mit Mandelas physischer Erscheinung eine besonders seltsame Form von Selbstbeweihräucherung vollzieht. Der Geist dieses Mannes, der sich nie einfangen und einsperren ließ, steht heute nicht mehr zur Diskussion. Als Kultstar braucht es derlei Diskussionen nicht. Dabei wäre es heute nötiger denn je mit Thoreau aufzuwarten, und diesem aktiven Schüler - wenn man ihn so nennen darf - des US-amerikanischen Philosophen mit der Honorierung seiner sturen Standhaftigkeit, seiner Liebe zur Gerechtigkeit und nicht zum Gesetz entgegenzutreten. Mandela könnte auch für diese und kommende Generationen zum Wegweiser werden, wenn man sich nicht dazu hinreißen ließe, diesen Mann ins Triviale herunterzuziehen, den man nur noch seiner selbst willen feiert.

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Sit venia verbo

"Vaterlandsliebe, der Haß gegen Vaterländer
Herr K. hielt es nicht für nötig, in einem bestimmten Lande zu leben. Er sagte: "Ich kann überall hungern." Eines Tages aber ging er durch eine Stadt, die vom Feind des Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier dieses Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunterzugehen. Herr K. ging herunter und nahm an sich wahr, daß er gegen diesen Mann empört war, und zwar nicht nur gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann angehörte, also daß er wünschte, es möchte vom Erdboden vertilgt werden. "Wodurch", fragte Herr K., "bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, daß ich einem Nationalisten begegnete. Aber darum muß man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen."
- Bertolt Brecht, "Geschichten vom Herrn Keuner" -

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Ridendo dicere verum

Mittwoch, 25. Juni 2008

Über die Verfahrensweise von Maklern, Personaldienstleistern und ähnlichen Parasiten:
"Draußen regnete es, und auch unser beharrliches Schweigen hatte etwas Winterliches. Es war Freitag nachmittag, und unseren Kaffee hatten wir ausgetrunken. Wir saßen in unserem Stammkaffee, Jossele und ich, und warteten auf ein Naturereignis.
"Wir müssen irgendetwas unternehmen", meinte Jossele nach längerem Nachdenken. "Das Leben ist schwer genug. Und jetzt kommt noch diese schreckliche Wohnungsnot hinzu. Die Baukosten werden von Tag zu Tag höher, Wohnungen sind unerschwinglich teuer, und kein Mensch ist bereit, etwas dagegen zu tun."
"Willst du vielleicht Maurer werden?" fragte ich verstimmt.
"Das nicht", erklärte Jossele, "aber ich könnte mich eventuell als Wohnungsvermittler versuchen."
Sprachs und winkte den Kellner an unseren Tisch. Er informierte ihn flugs, daß er vor fünf Minuten eine renommierte Wohnungsmaklerfirma gegründet hätte, und bereit sei, für jeden Kunden, den ihm der Kellner brächte, fünfzig Shekel in bar als Provision zu zahlen.
Wenige Minuten später erschien der erste hoffnungsvolle Klient.
"Nehmen Sie Platz", sagte Jossele, "was für eine Wohnung stellen Sie sich vor?"
"Zwei Zimmer und ein Atelier", strahlte der Interessent, "mit einem großen Küchenbalkon, im Zentrum der Stadt."
"Ich glaube, ich habe das Richtige für Sie", meinte Jossele, "aber lassen Sie mich vorerst meine Bedingungen nennen. Ich stelle Ihnen eine Liste von entsprechenden Wohnungen zur Verfügung, Sie schauen sich das Angebot an und sprechen mit den Eigentümern. Ich verlange keine Vorauszahlung. Aber wenn das Geschäft zustandekommt, zahlen Sie mir drei Prozent Vermittlungsgebühr."
"Natürlich", sagte der Klient, "das klingt fair."
"Herr Ober", rief Jossele den Kellner. "Bringen Sie mir die Zeitungen."
Der Kellner brachte einen ganzen Stoß. Jossele wies unseren Klienten an, Zettel und Bleistift zu nehmen und alle Adressen abzuschreiben. In den Zeitungen waren Unmengen von Wohnungen angeboten. Es war Freitag, und die Wochenendausgaben platzten vor Inseraten. Unser Kundenerstling notierte sich an die dreißig Adressen, unterschrieb den eilig improvisierten Vertrag und machte dem nächsten Klienten Platz.
"Sehr schön", bemerkte Jossele, "das Geschäft läuft."
Inzwischen hatte sich vor unserem Tisch eine Menschenschlange gebildet. Wir leisteten 28 hoffnungsvollen Wohnungsjägern professionellen Beistand, und pünktlich um fünf Uhr schlossen wir unser Büro. Während der letzten Stunde hatte Jossele hauptsächlich Verträge aufgesetzt, die er sich unterschreiben ließ, während ich die Zeitungen durchkämmte.
Nun, ein Unternehmen wir dieses birgt natürlich seine Risiken. Bis zum Abend kamen nur drei Klienten von 28 (!) zurück und zahlten 65072 Shekel Vermittlungsgebühren. Zugegeben, wir waren etwas enttäuscht. Verstimmt zahlten wir dem Ober sechs Kaffee und drei Provisionen.
"Da tut man sein Bestes, um seinen Mitmenschen zu helfen, und was ist der Dank dafür? Ich bin überzeugt, daß wesentlich mehr Klienten durch unsere Bemühungen zu einem Dach über dem Kopf gelangt sind als jetzt gezahlt haben", bemerkte Jossele stocksauer und zog die Rolläden des Kaffees herunter.
"Lauter Betrüger!"
- Ephraim Kishon, "Abraham kann nichts dafür" -

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In nuce

Dienstag, 24. Juni 2008

Über Beziehungen und familiäre oder freundschaftliche Bande, die die BILD-Zeitung pflegt, wurde ja schon hinreichend berichtet. Es ist nicht gerade neu, dass Diekmann Kohls Busenfreund - und nun auch Trauzeuge - ist und BILD-Kolumnist Müller-Vogg ausgezeichnete Kontakte zu Köhler und Merkel besitzt. Aber erwähnenswert ist es dennoch, wenn ein Sportjournalist - der nebenbei auch noch Vize-Chefredakteur der Zeitung ist - plötzlich im politischen Trübgewässer fischt. Alfred Draxler, bekannt eigentlich für seine "fein recherchierten" und in "sublimierter Sprache" verfassten Artikel, äußerte sich zur erfolgten Entschuldigung Anne Wills. Dort heißt es: "Was für eine Blamage für Anne Will (42)! Und welch ein Erfolg für den Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger (53)! (...) Hintergrund: Berlins CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger hatte die Ablösung von Anne Will gefordert und war presserechtlich gegen sie vorgegangen – mit Erfolg!" - Warum gibt sich ein "ehrenwerter" Sportreporter für diesen politischen Quatsch her? Personalmangel? Mitnichten: Draxlers Ehefrau Martina Krogmann - die selbst beim Springer-Verlag zur Redakteurin ausgebildet wurde - ist Bundestagsabgeordnete für die CDU und - man glaubt es kaum - Patentante von Friedbert Pflügers Sohn! Da hat also der liebe Onkel Alfred ein Paar liebeswürdige Zeilen dem lieben Papa Friedbert zukommen lassen - so liebevoll geht man in BILD-Kreisen miteinander um. Familiäre Nettigkeiten öffentlich ausgetauscht!

Seit einigen Tagen stehen Roland Kochs erfolglose Wahlkampfhelfer vor Gericht. Und vorBILDlich fordert Deutschlands größte Tageszeitung eine harte Bestrafung. Und auch wenn man einkalkulieren muß, warum junge Männer zuweilen so ehrlos handeln - weil sie von Kindesbeinen an mit einen steten Nein abgespeist werden, weil sie immer die verächtlich gemachten Ausländerkinder bleiben (der Autor dieser Zeilen weiß wovon er spricht), weil sie ohne Perspektiven sind und wohl bleiben -, kann man natürlich diese Form konservativer Wahlkampfhilfe nicht dulden. Insofern ist eine angemessene Strafe durchaus im Sinne eines vernünftig geführten Gemeinwesens notwendig. Ob aber eine Tageszeitung ein Gerichtsverfahren so beeinflußen darf bleibt fraglich. Und höchst suspekt ist es, dass es gerade der Springer-Primus war, der damals im Dezember 2007/Januar 2008 die U-Bahn-Schlägereien ausschlachtete, um den hessischen Wahlkampf mit ausreichend Futter zu versorgen. Damals war das grauenhafte Geschehen gerade gut genug, um Kochs billigen Rassismus mit Thesen zu untermauern. BILD lieferte natürlich willig und ohne Gewissensbisse. Heute aber erhebt man den Zeigefinger und will die Wahlkämpfer aus dem Münchner Untergrund hart bestraft sehen.
Bestraft will ich die Täter auch wissen. Gewalt darf nicht ohne Nachspiel bleiben und ist, auch wenn es Entschuldigungen dafür geben mag, nie tolerabel. Wäre ich aber ihr Anwalt, so würde ich mich auf die Immunität von Wahlkämpfern berufen. Außerdem sollte man Roland Koch kontaktieren und ihn fragen, ob er sich nicht für jene einsetzt, die ihm einst so tatkräftig unterstützt haben...

In eigener Sache: Mir scheint, dass der von mir am 17. Juni 2008 verfasste Artikel, der als Satire gedacht war, von vielen Lesern falsch interpretiert wurde. In allerlei Foren und Blogs mußte ich lesen, dass man eine Quelle ausfindig machen wollte, die die von mir aufgestellte These, wonach der anglo-irische Vertrag von 1921 nichtig sei, untermauern soll. Freilich fand niemand eine Quelle, denn die einzige Quelle, die solcherlei Fakten auswarf, war meine Phantasie, mein Gehirn folglich. Eigentlich war ich mir sicher, man würde den satirischen Unterton herauslesen können, spätestens dann, wenn man an die Textstelle gerät, in der Berlusconi sich zum äthiopischen Kaiser krönen lassen möchte.
Stattdessen stiftete ich Verwirrung und animierte zu allerlei Spitzen, die man gegen mich richtete: "In keiner Zeitung aus England oder Irland hatte ich einen Hinweis auf einen wie von ad mortem, pardon ad sinistram eingestellten Artikel gefunden. Völlig zu recht ist die Besucherzahl seiner Seite trotz mehrjähriger (sic!) Existenz so niedrig. Unseriösität (sic!) wird eben durch Nichtbeachtung gestraft." Ein Leser schrieb mich kurz und knapp an, ich möchte ihm schnellstens die Quelle senden, es eile ihm sehr. In Foren schüttelten einige virtuell den Kopf, weil sie die Vertragsnichtigkeit für bare Münze nahmen.
Nun überlegte ich lange, ob ich mich dafür entschuldigen sollte. Aber ist es eine Entschuldigung wert, wenn man Satire nicht mit dem Satireprädikat markiert? Sind nicht jene Witze, die davor oder danach als ebendiese entblößt werden, langweilig und wenig überraschend bzw. wirken aufgesetzt und wenig originell? Und ist es nicht vielmehr so, dass man heutzutage Realität und Satire kaum noch auseinanderhalten kann? - Nein, dafür entschuldige ich mich nicht, auch wenn ich bedauere, dass mein Abschweifen in Phantasiekonstrukte, wie sie manche Machthabende sicher ebenso ersonnen haben, falsch verstanden und womöglich sogar nicht verstanden wurde.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle nochmal darlegen, dass ich Quellen immer angebe, d.h. verlinke. Verlinke ich nichts, so könnte es möglich sein, dass es nur eigene Gedanken sind, die Witz, Phantasie und Realität vermischen...

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Fußball, Schach oder Halma? - Egal, Hauptsache national!

Ein europaweites Turnier und keinerlei Symbole europäischer Zusammengehörigkeit, dafür aber Symbole einzelner europäischer Mitgliedsstaaten, die nicht das Wir international faßbar machen, sondern ein nationales Wir proklamieren - statt eines einzelnen Wir, zeigen sich viele Wir-Sparten. Dies nährt die nationalistische Komponente dieser Fußball-Europameisterschaft. Ein proletenhafter Nationalismus freilich, einer, der sich auf niedere Instinkte, Ressentiments, dumpfes Parolenschwingen stützt, der sich nur dezent einem rassischen Denken hingibt. Statt Europaflaggen wehen nationale Flaggen - diese meist von angemalten, mit nationaler Symbolik überhäuften Fußballpatrioten geschwungen, die neben Flaggen auch mit dunstig-alkoholischen Fahnen ihrer nationalen Gesinnung frönen. Anstatt eines völkerverbindenden Festes, biedert sich ein in Nationen unterteilendes, Europa zerstückelndes Ereignis dem Betrachter an. Selbstverständlich weisen Apologeten der Spaßgesellschaft darauf hin, dass sich trotz Zerstückelungen Feststimmung einstellt, friedlich gefeiert wird. Doch latent schwelt ein "alter Nationalismus", der nicht verbindet, sondern eben trennt, Menschen in Nationalitäten kategorisiert, den Leiharbeitnehmer mit seinem Ausbeuter, den Fließbandarbeiter mit seinem Manager gleichsetzt, weil sie ja beide ein- und derselben Nation angehören. Die Nation als Überbrücker gesellschaftsimmanenter Gegensätzlichkeiten, als Kanalisierungseinrichtung für Konfliktpotenzial!

So aber jubeln die Massen nur ihrer nationalen Auswahl zu, setzen diese Verbandsmannschaften mit der Nation gleich - eigentlich spielt dort ja eine Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes und nicht die Bundesrepublik Deutschland - und scheren sich einen Dreck darum, ob der Bessere gewinnt oder nicht. Man nimmt gerne in Kauf, durch miese Leistungen, durch stetiges 1:0-Siegen mit darauf einsetzenden Catenaccio, das Finale zu erreichen oder besser noch: den Titel zu gewinnen. Zelebriert wird nicht Fußball, sondern das nationale Ehrgefühl. Da spielen diverse Auswahlmannschaften tristen, langweiligen Hauruck-Fußball, aber der angebliche Fußballanhänger kommt gar nicht auf die Idee, dem Fußball anzuhängen, sondern hofft und bangt für das Team, welches aus seinem Lande kommt, gleichgültig wie erbärmlich, langweilig, trostlos deren Auftritt ist. Er ist nicht Fußballfan, sondern Fan der Auswahl seines Landes. Hierzulande sieht man es lieber, dass sich die DFB-Elf ins Finale rumpelt, anstatt die technischen Raffinessen und herausragenden Spielzüge, die den deutschen Gegnern oft gelingen, als Wertschätzung des Fußballspiels zu besehen. Alleine daran läßt sich sehen, wie wenig verbindend der Charakter eines solchen Turnieres ist: Es geht nicht um eine europaverbindende Feierlichkeit, die man dem Fußballspiel zukommen läßt, sondern um den puren nationalen Zweck, dem jedes Mittel zum Erfolg heilig ist. Lieber sechs Siege, die von Befreiungsschlägen, Sperrketten, taktische Fouls und Zufallstreffern gezeichnet sind und somit den Titel sichern, als ein vielleicht erfolgloses Auftreten mit Direktpässen, technischen Leckerbissen und gekonnten Flügelläufen - dies ist die Devise! Eine Devise, die nicht den Fußball feiert, sondern die Nationalität hofiert.

Dies geht so weit, dass man beispielsweise türkischen Mitbürgern, die in diesem Lande leben und versichern, dass in ihrer Brust zwei Herzen schlügen am Mittwoch, weil sie sich einerseits dem Land ihrer Väter und andererseits dem Land in dem sie leben verbunden fühlen, dieses Gefühl des Zwiespalts abspricht. Hier soll nicht erläutert werden, dass auch jene türkischen Mitbürger sich nicht dem Fußball verschrieben haben, sondern ebenso nationalen Dünkel zum Leitmotiv ihres Betrachtens erheben - auch für sie gilt ja, dass sie keinerlei Interesse am Sublimen des Fußballspiels haben, keine Freude an der Beherrschung des Balls, sondern diesen oder jenen Sieg als nationalen Erfolg verbuchen, auch wenn in diesem oder jenen Erfolgsfalle der Ball die Spieler beherrschte. Ebensowenig soll hier erläutert sein, dass sie ja nicht den beiden Ländern zujubeln, sondern der DFB-Auswahl und der Auswahl der TFF (Türkiye Futbol Federasyonu). Wichtig in diesem Kontext ist aber, dass es immer wieder Stimmen gibt - und diese nicht zu knapp -, die verkünden, dass es solcherlei Doppelherzen, Zwiespalte also, gar nicht geben kann. Mit anderen Worten: Man hängt seiner Nation an, egal wo man lebt, egal ob man schon jemals innerhalb der bevorzugten Nation gelebt hat. Und: Man feiert kein Fest des Fußballs, sondern ein Fest des nationalen Fürsichseins, ein Fest des Separatismus. Der Fußball ist darin belanglos.

Entschlössen die Veranstalter sich dazu, nicht Fußball, sondern Schach spielen zu lassen - ohne Würfel, auch wenn Podolski das gerne so hätte - oder Halma im Mittelkreis, so wäre es den Anhängern auch billig. Die Sportart ist austauschbar, ersetzbar, verwerfbar. Die Formel 1 exisitierte hierzulande nur, solange Schumacher fuhr und gewann. Dann vereinten die "Anhänger" allerlei nationale Symbolik auf Schumacher und erklärten Ferrari zum deutschen Kulturgut. Solange Ullrich durch Alpen und Pyrenäen radelte, wenngleich zum ewigen Zweiten verurteilt, war die Tour de France kein internationales Ereignis mehr - gerade im Radsport gibt es eigentlich kaum nationale Ambitionen -, sondern ein nationales Getümmel, in welches sich viele deutsche Patrioten warfen.
Nie war der Sport im Mittelpunkt, wohl aber die Persönlichkeit, die man mit nationalen Stolz hat anreichern dürfen. In dieser Weise trifft es ebenso zu, wenn im Fußball Welt- oder Europameisterschaften ausgetragen werden. Angestachelt durch die Medien, wird so ein Ereignis zur nationalen Institution, der man sich nicht entziehen kann, ja gar nicht entziehen darf. "Du bist doch Deutscher!", heißt es dann. Oder: "Wir werden morgen gewinnen!" - Das gemeinschaftsverbindende Wir wird zum Ausdruck des klassenübergreifenden Zusammenhalts. Und plötzlich befinden sich Menschen im Fußballfieber, und nicht selten im -wahn, die außerhalb eines solchen Turnieres keinerlei Interesse am Fußballsport festmachen können. Aber wenn Deutschland spiele, so heißt es dann immer ganz selbstverständlich, dann müsse man natürlich seine Fußballaversion ablegen und Patriot sein. Warum man dies so sieht, wird hierbei nie beantwortet, denn Antwort setzt Nachdenken voraus - und über dergleichen Selbstverständlichkeiten denkt man doch nicht mehr nach. Und überhaupt: Wenn alle im Fußballwahn sind, dann wird daran schon etwas Wahres und Sinnvolles sein.

Es werden folglich, betrachtet man den vulgären Nationalismus dieser Tage, keinerlei Fußballfeste, wohl aber viele Deutschland-, Türkei-, Rußland- oder Spanienfeste gefeiert. "Fußball ist unser Leben", gilt schon lange nicht mehr. Die Fußballfans, so wie sie an Leinwände pilgern, gleichen den Heerscharen von angeblichen Katholiken, die den Papst bei seinen Deutschlandbesuchen hochleben lassen. Animiert durch Stimmungsmache, ohne Begriff für das Fußballspiel, freilich aber laut schreiend und bester Trainer von Welt seiend, geben sie ihrem nationalen Hochmut Ausdruck. Musterkatholiken hier, Musterfußballfans dort - die Medien geben vor, wann man was zu sein hat. Wenn dann die Europameisterschaft vorbei ist, dann schimpfen eben jene, die im Nationaltrikot, mit allerlei Flaggen garniert auf Plätzen herumlungerten und mit verzerrten Gesichtern "Deutschland, Deutschland" gröhlten, weil ARD und ZDF Unsummen für die Bundesligarechte ausgeben oder ein UEFA-Pokal-Spiel eines Bundesligisten in Lettland übertragen. Dann ist Fußball nicht angesagt und mit einem Bundesligisten läßt sich zudem kaum ein ungesunder Nationalismus befördern, den man dann wieder schamlos zur Schau stellen könnte.

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Wer braucht schon Sachpolitik?

Montag, 23. Juni 2008

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist noch wer! Zumindest will sie das den Menschen dieses Landes glauben machen. Auf Versammlungen und Parteitagen wird der Kult um die deutsche Sozialdemokratie weiter zelebriert. Dabei geht es den Bacchanten weniger und weniger um die zu umsetzende Politik, die man mittels einer Parteiapparatur befähigt wäre zu betreiben; nein, es dreht sich alles um die Partei selbst. Oder besser gesagt, um die Damen und Herren, die meinen eine Partei repräsentieren zu müssen. Und sie tun gut daran. Denn wenn man sich diese Herrschaften so anschaut, dann ist man froh, dass die sogenannte Sachpolitik keinen Platz mehr im Selbstfindungsprozess einer immer schon heimatlosen Partei innehat. Nun ist es ja nicht so, dass der veranstaltete Zirkus, den man nun immer häufiger, eigentlich regelmäßig, bei größeren Zusammenkünften der führenden Köpfe der SPD betrachten muß, regelrecht neu bzw., dass erst jetzt diese Partei unwählbar geworden wäre. Sie taugt ja schon seit Jahr und Tag nicht mehr als "kleineres Übel" für das man sich resignierterweise entscheiden könnte. Aber durchaus neu ist das regelmäßige In-Szene-setzen mittelmäßiger, uninteressanter und blaßer Apparatschiks, bei denen man sich fragen muß, wie sie zu ihrem Posten haben kommen können.

Angefangen beim Parteivorsitzenden selbst, der unrasiert, wahrscheinlich aber meist gewaschen, einen pragmatischen Sozialdemokraten mimt. Pragmatisch aber nur, wenn es Richtung freien Markt oder Union geht, die LINKE tunlichst kleinhalten will, sich abgegrenzt wissen möchte. Doch vollzogene Annäherungen, die sofort von Medien und Koalitionspartner angemahnt werden, zeigen seine Standhaftigkeit auf, bzw. die nicht vorhandene Standhaftigkeit. Komischerweise, so wird berichtet, würde innerhalb der SPD die abhandengekommene Standhaftigkeit immer noch als "zu standhaft" verstanden. Alleine dies zeichnet ein trauriges, aber doch aussagekräftiges Bild der deutschen Sozialdemokratie - selbst Wankelmut ist dem deutschen Sozialdemokraten noch zu standhaft! Kein Pakt mit der LINKEN wird gefordert und Kurt Beck schließt sich dem an. Gleichzeitig aber wirft man eine Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten in die Öffentlichkeit, weiß auch, dass man jegliche Stimme braucht, um den Sparkassendirektor Köhler aus dem Amt zu werfen, will aber mit der LINKEN keinerlei Berührungspunkte schaffen. Aber innerhalb der SPD spricht niemand von bornierter Kurzsichtigkeit. Nein, man muß ja auch Opfer bringen, um ja nicht mit dem Teufel in Kontakt zu treten, um ein frommes Mitglied der Parteiengemeinschaft zu bleiben. Oder Gabriel und Steinbrück, einst stete Handlanger der schröderianisch-münteferingischer "asozialen Ungerechtigkeit", wurden seinerzeit mit Abwahl abgestraft und führen heute, farblos wie eh und je, Ministerien. Steinbrück, der sich selbst als Sozialdemokrat sieht, als ausgemachter Marktfetischist! Clement, ausrangierter Minister, aber begehrter Lobbyist, zeigt Woche für Woche, wie er Sozialdemokratie auslegt. Belohnt wird er mit Aufmerksamkeit und leeren Drohungen, man werde ihn aus der erlesenen SPD-Riege ausschließen. Inhaltlich setzt sich keiner der führenden SPD-Granden mit ihm auseinander - wohl auch, weil der Inhalt Clements der Inhalt der Führungsriege ist. Ein bis vor kurzem unbekannter Parteibeamter, heute Außenminister, zeigt salopp was er von Demokratie hält, macht unliebsame Volksentscheidungen zum Motiv eines Ausschlusses. Nahles als Parteilinke, kooperierend mit jenen Granden, die sich jeglichen verbliebenen sozialdemokratischen Grundkonsens erwehren. Für einen Posten bedarf es keinerlei Prinzipien. Scholz, der einen ausgemachten Rückschritt bei Arbeitszeitregelungen als innovativen Fortschritt hochjubelt, aber sogar jubelnd stoisch langweilig bleibt. Man kann ihm nicht mal böse sein kann, weil man ihn sowieso nach drei Minuten schon wieder aus dem Gedächtnis getilgt hat. Und dann freilich die viertklassigen SPD-Mitläufer aus der zweiten Reihe - in der ersten Reihe sind sie drittklassig -, die versucht sind, immer wieder in den Vordergrund zu drängen: Griesgram und Verbalradikalo Stiegler, der ein Paar verlorene CSU-Prozentpunkte als SPD-Sieg verbucht, und vorallem Thilo Sarrazin, der unproduktiven Menschen - sofern sie ohne Erwerb sind - nur eine abgespeckte Menschenwürde zukommen lassen würde. Natürlich hält diese Runde sozialdemokratischer Sektierer, die sich auf ihren Zusammenkünften nurmehr um sich selbst kümmern, zusammen wie Pech und Schwefel. Und kritisiert man deren Agenda 2010, so kommt unisono zum Ausdruck, dass sie der reinste Segen gewesen wäre, dass man aber nicht dabei stehenbleiben dürfe, sondern weitere Reformen folgen müßten. Dies ist, auch wenn es gerne so dargestellt wird, keine Forderung des Seeheimer Kreises alleine, sondern bis zur Basis hinunter Allgemeingut. Die SPD ist an akuter Reformitis erkrankt. Dabei geht es schon lange nicht mehr um konkrete Reformen, sondern um die Reform der Reformbereitschaft - man ist auch viel zu viel mit Personalien beschäftigt, um sich konkret der Ungerechtigkeit widmen zu können. Dies überläßt man derzeit dem Koalitionspartner, der da nur zu gerne aushilft. Über diesen ganzen Wahnsinn von Selbstfindung und -beweihräucherung schwebt die personifizierte Hassliebe deutscher Sozialdemokraten: Lafontaine!

Da stehen sie dann dort, lassen den Kopf hängen und fühlen sich von den Menschen unverstanden. Mal sind es nur 20 Prozent, die die SPD erhalten würde, wenn am Sonntag Wahl wäre, ein andermal sind es immerhin noch 22. Und wenn man dann plötzlich auf 25 Prozent hochschnellt, dann verkündet man das Ende der Talsohle und zeigt auf, dass es nun kontinuierlich aufwärts gehe - bis zur nächsten Sonntagsfrage. Die Sozialdemokratie hat sich ja schon lange von ihren verbliebenen Prinzipien entfernt. Als der Hund nicht zum Herrn kam, da kam der Herr eben zum Hund. Aber es ist schon wahr: Nun beschäftigt sich die SPD gar nicht mehr mit Prinzipien und konkreten Vorstellungen, wie eine faire Gesellschaft zu organisieren sei. Damit schlüge sie den Menschen weniger vor den Kopf als zuvor, aber die Menschen entfernen sich dennoch. Solange Beck sich um Beck, Steinmeier um Steinmeier und Nahles um Nahles kümmert, kommen sie nicht auf dumme Gedanken. Man sollte als Wähler klar formulieren, dass man nur SPD wählt, wenn sie sich weiterhin mit sich selbst beschäftigt. Sie sollen von 2009 bis 2013 ihren Parteivorsitzenden Beck schwächen und stärken, deswegen auf Parteitagen über sich selbst schimpfen und sich später wieder selbst feiern, ein wenig Pöstchen innerhalb der Partei verschieben und verteilen, aber keinerlei Sachpolitik machen, keinerlei Ansturm auf neue Reformiererei starten. Daher: Wählt SPD, solange sie zu beschäftigt ist, weiterhin das Bürgerliche raushängen zu lassen! Wenn dies geschieht, dann könnten die 20 Prozent verdoppelt werden, es sei denn, die Union bemerkt, dass man damit Stimmen gewinnen kann. In Zeiten der Unterhaltung juckt es doch eh niemanden mehr, was Parteisoldaten fordern oder umsetzen. Wichtig ist, wer es fordert oder umsetzt, wer sein Werk mit Worten verteidigt; wieviele Ehen er hatte, wie oft er seine Partnerin betrogen hat, wieviele unehelichen Kinder er hat...

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De dicto

Samstag, 21. Juni 2008

"Darum muss in Irland nicht neu über den in der Tat kaum verständlichen Vertrag abgestimmt werden – sondern über die irische EU-Mitgliedschaft insgesamt."
- BILD-Zeitung, Nikolaus Blome am 20. Juni 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Oh, ihr Engelszungen! Da interveniert Blome gegen den Stil der EU-Granden, die mit "Augen zu und durch" die Ratifizierung des Lissaboner Vertrages durchboxen wollen; mahnt an, dass man die Iren nicht abstimmen lassen kann, bist der EU das Ergebnis paßt, hält diese Haltung gar für "aberwitzig"; kommt danach zur Erkenntnis, dass es inzwischen "um viel mehr als um das Ja der kleinen grünen Insel am Rande Europas" geht, denn das Nein des irischen Volkes sei kein Sportunfall, sondern eher schon ein Genickbruch, der in fast jedem EU-Staat hätte danebengehen können; schlußfolgert gar nicht mal verkehrt, es ginge darum "was für eine EU die Völker haben wollen, und was für eine auf keinen Fall", um dann doch in den ewiggleichen Wahnsinn aus dem Hause Springer abzugleiten...

Natürlich findet Blome nicht die Direktheit, ein "Europa der Völker" zu fordern, welches dem jetztigen Modell des "Europas der Konzerne" diametral entgegengesetzt wäre. Aber grundsätzlich ist den Worten Blomes bis dahin zuzustimmen. Und prompt als man sich wundert, sowas in dieser Zeitung lesen zu dürfen, fällt auch schon der oben zitierte Satz. Bis zu diesem Moment sprach er mit Engelszungen, sprach an was viele denken. Beinahe hätte man meinen können, er spreche sich für Basisdemokratie aus, für Respekt vor dem Souverän eines jeden demokratischen Staatswesens. Legitim scheint ihm die Institution Referendum aber nur, wenn sie hilfreich wäre, die Iren mundtot zu machen. Und weil ein monatliches Befragen des irischen Volkes womöglich immer ein Nein heraufbeschwören würde, soll man die irischen Rebellen eben befragen, ob sie nicht aus der EU austreten wollen. Natürlich immer darauf spekulierend, dass die Iren, die sich von der EU unter Druck gesetzt fühlen, die als Souverän des Staates Irland nicht respektiert werden, ihren irischen Sturkopf gebrauchen, um sich gegen die Union zu entscheiden. Da wirft Blome der EU vor, sie würde "aberwitzige" Vorstellungen hegen, wie man Irland zur Ratifizierung treiben könne und er selbst fordert den Rauswurf, den er freilich in ein aberwitziges Referendum packen würde, damit er auch einen Anflug demokratischer Legitimation für sich beanspruchen könnte. Als Bertold Brecht danach fragte, ob es nicht einfacher wäre, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes, da wußte er noch nichts von EU-Politikern und bürokratischen Parlamentskonstrukten, die ein vermeintlich demokratisches Europa verwalten werden. Heute braucht niemand mehr ein neues Volk wählen; heute werfen wir ein unerträgliches Volk einfach hinaus - wir haben ja genug Völker! Genug Völker die bereit sind, sich gar nicht erst fragen zu lassen.

Soll man Blomes Schlußsatz zynisch verstehen? Ist es Zynismus, wenn er feststellt, dass nur so "das neue Europa, das wir brauchen" entsteht? Verräterisch, seine Ignoranz bloßlegend ist er allemal. Er verrät eine Mentalität, die über Leichen zu wandeln bereit ist, wenn nur umgesetzt wird, was die wohlhabenden Wirtschaftsmächte innerhalb der EU fordern. Es hätte auch verwundert, wenn ein BILD-Kommentar vernünftig zu einem Ende geführt worden wäre. So aber stellte sich heraus - wie so oft bei dieser Tageszeitung -, dass Blomes Worte kein Ausdruck von Vernunft, sondern Schlagengezische war - und für manchen, der auf die Anfangszeilen dieses Herrn hereinfiel, war es vielleicht sogar Schlangengift.

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Sit venia verbo

Freitag, 20. Juni 2008

"Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte, indem er sonst nicht zu Dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn."
- Arthur Schopenhauer, "Parerga und Paralipomena" -

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Kunst oder Ästhetik?

Donnerstag, 19. Juni 2008

Was Kunst sei, beschäftigt in diesen Tagen viele Gemüter. Diese ewige Frage, dieser Dauerbrenner intellektueller Diskussionen, der die Menschen vor Hunderten von Jahren genauso beschäftigte wie heute, findet gerade in den letzten Jahren Nahrung: Ist es Kunst, wenn laienhafte Gesangesbarden vor einer Jury trällern? Sind diverse andere Erscheinungsformen künstlerischer Gestaltung als Kunst faßbar? Wir kennen alle die Situation, in der wir mit vermeintlicher Kunst konfrontiert werden und kopfschüttelnd aussprechen, dass dies keine Kunst sein könne. Aber müssen wir als Kunst nicht auch begreifen, was uns ästhetisch nicht anspricht? Folgend soll nur ein kurzer und bescheidener Versuch getätigt werden, sich mit der "Kunst" auseinanderzusetzen. Dabei werden ästhetische Kategorien beiseite geschoben, da sie lediglich subjektiver Erscheinung sind und so nicht begreiflich machen können, wie Kunst zu verstehen ist.

Die etymologische Betrachtung bietet uns einen ersten Fingerzeig: "Kunst" entstammt dem "Können". Einem Können, welches dem Tierreich mit seiner triebhaften Geworfenheit in der Gesamtheit der Welt unbekannt ist. Der Mensch kann, er erlernt Können, schaut es sich ab und setzt es gekonnt in die Tat - in die eigene Tat - um. Der vom Können abgeleitete Kunstbegriff existiert nur in einer Welt, in der es Menschen gibt. Wo Menschen sind, wir gekonnt getätigt, wird daher Kunst betrieben. Das Produkt des Menschen, das Künstliche also, ist Grundvoraussetzung der Kunst - das Künstlerische erzeugt das Künstliche. Wo menschliche Kunst waltet, entsteht Künstliches. Diese Erfahrung von Tausenden Generationen ist es, die eine Schöpferidee hat entstehen lassen. Weil der Mensch gekonnt erschuf, glaubte er sein Dasein in Raum und Zeit, gebettet in einen natürlichen Kreislauf und zwischen Mitgeschöpfen, mit einer göttlichen Spiegelung seiner selbst, mit einem erschaffenden höchsten Wesen erklärbar machen zu können. Kunst und Religiosität bedingen daher einander, entstammen beide dem Können des Menschen.

Kunst ist keine Einrichtung, welche sich für gesellschaftliche Kreise quasi künstlich installieren ließ. Kunst ist nicht nur jenes, welches sich hier für elitäre Riegen, dort für proletarische Massen in abgestufter, abgewandelter, hier sublimierter, dort rauher Manier darstellt. Dies ist lediglich der beschränkte Raum der Kunst, jener also, den wir der Einfachheit halber Kunst nennen, der Kunstbegriff des Alltags also. Anders: Wenn wir danach fragen, was Kunst zu sein hat, dann meinen wir damit nicht nur das Künstliche eines Michelangelo, eines van Gogh oder Picassos, sondern das generalisierte Können eines jeden - der Menschheit wenn man so will. Kunst ist nicht nur der ästhetisch erhabene, meist kommerzialisierte Bereich des Künstlichen, sondern die Gesamtheit allen menschlichen Könnens. Wer bei Kunst nur nach Namen fragt, wer Kunst mit Rembrandts und Botticellis begreiflich machen will oder das Künstlerische an dem Künstlichen der Meister ermessen möchte, der bewegt sich nicht im Raume unserer Frage, sondern glaubt elitäre Kunstschaffung als Ausweg und Antwort für sich beanspruchen zu können. Kunst beinhaltet mehr - ist mehr. Sie ist nicht mit individuellen Meisterwerken erklärbar zu machen, sondern hat anderen Kategorien zu folgen.

Die menschliche Welt ist eine künstliche Welt. Auf eines der drei plessnerschen anthropologischen Grundgesetze anspielend: Der Mensch bewegt sich in „natürlicher Künstlichkeit“. Er lebt nicht in natürlicher Geborgenheit, im Schoße seiner ummittelbaren Umwelt, sondern er nimmt den „Umweg über künstliche Dinge“. Des Menschen Natürlichkeit ist Künstlichkeit. Er muß fertigen, gleich ob gedanklich oder handwerklich, um seiner Natürlichkeit Ausdruck zu verleihen. So nutzt er nicht die geballte Faust, sondern einen Hammer; sein Obdach ist nicht der Himmel oder die Krone eines Baumes, sondern ein Haus. Der Mensch ist Kulturträger und Schaffender. Dies setzt ein Wissen, ja, ein Können voraus. Dies Können, diese Kunst folglich, ermöglicht des Menschenwesen Natürlichkeit im künstlichen Kosmos. Zwar nimmt der Mensch das Gegebene an, doch widerstrebt es ihm, zu akzeptieren, was sich ihm darbietet. Er strebt danach, der Formgeber des Gegebenen zu sein, er will künstlerisch tätig werden, will - und muß - das natürliche Gegebene mit Künstlichkeit durchziehen. Durch Erkennen, Handeln und Gestalten vermittelt er gegenüber der Unmittelbarkeit des Vorgegebenen. Dieses zweite Grundgesetz Plessners - "vermittelte Unmittelbarkeit" - besagt, dass der Mensch beständig nach Erfindungen und Entdeckungen strebt, die das Vorgegebene mit seiner menschlichen Welt vermittelbar machen. Was sich hier noch im Materiellen abspielt, wird im dritten Grundgesetz, der "utopische Standort", auf geistige Ebene gehievt. So ist nicht nur in der realen Welt die Kunst des Menschen dessen Natürlichkeit. Durch den tiefen, aber natürlich-künstlichen Graben, der den Menschen von seinem Umfeld, der Natur also, trennt, ersinnt er in seiner kreativen Wesensart einen absoluten Weltgrund. Die Kunst offenbart sich religiös; es ist spirituelle Kunst. Der Kern aller Religiosität ist das Muss des Menschen, Künstler zu sein. Gott ist folglich das Künstliche - so wie wir es weiter oben schon festgestellt haben.

Die Frage, wie Kunst zu definieren sei, ist demnach die Frage nach dem Wesen des Menschen. Wenn wir heute, eingepflanzt in einer Gesellschaft, die Kunst als elitäres Zelebrieren von Vernissagen oder als Verständigkeit in Fragen der Kunst der alten Meister begreift, nach ebenjener fragen, so meinen wir damit eigentlich die Frage nach der Ästhetik. Kommen wir zu der Erkenntnis, das dies oder jenes keine Kunst sei, so wollen wir eigentlich damit sagen, dass uns dies oder jenes ästhetisch nicht anspricht. Wenn ein Kunstschaffender, so wie einst geschehen, aus menschlichen Kot Figuren bastelt, so spricht uns dies im Regelfall ästhetisch nicht an, aber Kunst aufbauend auf den Grundgesetzen Plessners ist es dennoch - es ist künstlich, dem Können des Menschen entsprungen, auch wenn wir dieses Können ekelhaft finden. Die Abhandlungen nach der Künstlichkeit der Kunst sind daher unzureichend und behandeln nur den abgegrenzten Raum, welcher in der Alltagssprache „Kunst“ genannt wird. Eine Kunst also, die wir nicht als menschliches Wesensmerkmal, sondern meist als gesellschaftliche Institution betrachten und verstehen. Die Beantwortung der Frage, was Kunst sei, ist relativ unspektakulär und einfach; die Beantwortung der Frage nach der Ästhetik - die wir ja eigentlich meinen, wenn wir Kunst kritisieren und als solche nicht begreifen wollen -, ist unbeantwortbar und nur soziologisch, kulturell und traditionell zu erahnen, nicht aber hinreichend zu beantworten.

Was also ist Kunst? Um der gestellten Frage doch noch gerecht zu werden: Die Frage nach der Kunst ist die Frage nach der „natürlichen Künstlichkeit“. Die "natürliche Künstlichkeit" entspricht dem Wesen des Menschen. Wer folglich nach Kunst fragt, fragt daher immer auch: Wer sind wir? - Die Kunst ist also nicht, wie es meist interpretiert wird, eine Nische gebildeter oder scheingebildeter Menschen, sondern Wesensmerkmal des gesamten Menschengeschlechts. Und folglich sind die Gesangesbarden aus diversen Fernsehsendungen Künstler. Sie erschaffen Künstliches, wenngleich vielleicht nicht so gekonnt, wie es die Meister ihres Fachs tun. So besehen ist der Mensch per se ein Künstler, jede Tat ein kleines, für sich selbst sprechendes Kunstwerk - ja, selbst die Politik, die "Kunst des Pragmatischen", ist aufgrund ihrer Künstlichkeit als Sachverwalter gesellschaftlicher Strukturen, eine Form des Kunst.

Unserem ästhetischen Empfinden mag es dennoch oft nicht zusprechen, es mag uns sogar dermaßen anwidern, dass wir salopp behaupten, dies alles sei keine Kunst. Aber dies ginge an der Begrifflichkeit vorbei, denn die Kunst eines Menschen zu leugnen, leugnet - im Sinne Plessners - den gesamten Menschen. Wir können über die Qualität der Kunst sprechen, über Vorzüge und Nachteile einer bestimmten Künstlichkeit, aber ihr den Status absprechen, ist ausgeschlossen. Alles was vom Menschen stammt, egal in welcher Form, ist demnach Kunst.

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Nomen non est omen

Mittwoch, 18. Juni 2008

Heute: "Demographischer Wandel"
„Natürlich wissen wir, dass wir angesichts der Bevölkerungsentwicklung gerade die Jüngeren ermuntern müssen, neben der gesetzlichen Rentenversicherung private Vorsorge vorzunehmen, weil wir heute nicht mehr garantieren können, dass die Jüngeren in ihrem Rentenalter mit der gesetzlichen Rente ihren Lebensstandard aufrechterhalten können.“
- Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Jahreskongresses der Hessischen Landesregierung im August 2007 -

"Es gibt Probleme mit und Probleme ohne Lösung. Wir sitzen in einer demographischen Falle, in der wir ein halbes Jahrhundert bleiben werden - mindestens."
- Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg in der FAZ vom 28.08.2006 -
Der Demographische Wandel bezeichnet den Bevölkerungsrückgang in Deutschland. Die Annahme ist, dass in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden und zugleich die Menschen, durch eine gesteigerte Lebenserwartung immer älter werden. Das statistische Bundesamt hat 2006 die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung herausgebracht, nachdem die Bevölkerungszahl von 82,5 Millionen Menschen im Jahre 2005 auf bis zu 69 Millionen Menschen im Jahre 2050 abnehmen werde.
In Deutschland werden das „Demographische Problem“ sowie die „Globalisierung“ als die zwei Hauptargumente angeführt und instrumentalisiert, um marktwirtschaftliche Reformen sowie Sozialabbau, im Sinne einer neoliberalen Ideologie, zu legitimieren. Es müsse eine Rentenkürzung, eine Erhöhung des Renteneintrittsalters sowie eine Umschichtung hin zu privater Altersvorsorge stattfinden. Nutznießer einer privaten Altersvorsorge sind in erster Linie Banken und Versicherungen. Weiterhin soll damit das sogenannte „lebenslange Lernen“ sowie eine Beschäftigung im hohen Alter forciert werden. Die Reform der Rente mit 67 in Deutschland wurde z.B. mit dem demographischen Wandel gerechtfertigt. Da die Menschen länger gesund leben würden, könnten sie auch länger arbeiten, so die Begründung. Das Problem ist hierbei, dass das Arbeitsaustrittsalter und das tatsächliche Renteneintrittsalter heute kaum zusammenfallen. Viele deutsche Unternehmen beschäftigen kaum ältere Menschen, sondern entlassen sie, sobald sie können. Insofern bewirkt die Rente mit 67 nur eine Rentenkürzung der Betroffenen, da sie mit 50 oder 55 vorzeitig in Rente geschickt werden und demzufolge mit Abschlägen bei ihrer Rente rechnen müssen.
Der Konflikt zwischen alten und jungen Menschen wird bei der Debatte konstruiert, um vom wahren Konflikt, der zwischen armen und reichen Menschen in Deutschland, abzulenken. Weiterhin stellt sich die Frage, wenn die Weltbevölkerung demnächst an Überbevölkerung leiden werde, wieso Deutschland dann mehr Kinder brauche? Der Verdacht liegt nahe, dass es eben darum geht mehr „deutsche“ und von diesen am besten auch nur welche aus reichen Familien in die Welt zu setzen. Dass dieser Diskurs zunehmend nationalistisch-faschistische Züge trägt, ist äußerst bedenklich. Im Kern stützt sich das ganze Problem, auf eine Prognose des statistischen Bundesamtes über die nächsten 50 Jahre. Abgesehen davon, dass Prognosen von Annahmen ausgehen und keine Hellseherei sind, kann man der vermeintlichen Überalterung der Gesellschaft und dem Geburtenrückgang auch konstruktiv begegnen. Solange jedoch schwangere Frauen und ältere Menschen aus Unternehmen geworfen werden, Kindertagesstätten völlig überteuert sind, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sich für Frauen schwer gestaltet und die Anforderungen von Mobilität und Flexibilität an Arbeitnehmer derart hoch sind, wird sich jeder dreimal überlegen ob er oder sie eine Familie gründen möchte oder nicht.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Rule, Europa!

Dienstag, 17. Juni 2008

Seit heute Nacht ist die Welt um eine Episode menschlicher Historie reicher. Eine Episode voller Niedertracht, lange von der britischen Regierung geheimgehalten. Doch letztendlich kommt ans Tageslicht der Geschichte, was lange in Aktenordnern verstaubte und ermöglicht eine Wendung der Umstände, ermöglicht ein völliges Umdenken. Europa scheint gerettet, weil sich Großbritannien zur Wahrheit entschloss! Man sollte sich festhalten, denn das Folgende kommt einem Erdrutsch gleich: Der anglo-irische Vertrag von 1921 ist ungültig! Ungültig! Wie der britische Geheimdienst in einer außerordentlichen, hektisch einberufenen Pressekonferenz bekanntgab, sollen alle damaligen Mitglieder der irischen Delegation, die auch die Akte unterschrieben haben, Mitglieder des Geheimdienstes seiner Majestät gewesen sein. Arthur Griffith, Michael Collins, Robert Barton, E.J. Duggan und Charles Gavan Duffy seien demnach schon Jahre zuvor rekrutiert worden, um die irische Unabhängigkeitsbewegung in geordnete Bahnen zu lenken. Premierminister David Lloyd George war der Ansicht, man müsse das "ausufernde, irische Rebellenlager" einigermaßen unblutig in die Unabhängigkeit führen und korrumpierte die irische Führungsriege. Der aktuelle Premierminister Brown äußerte sich beschämt zu diesen Ereignissen, entschuldigte sich beim irischen Volk und verkündete nebenher, dass man in London den anglo-irischen Vertrag für hinfällig und nichtig betrachte. Ein Vertrag zwischen einer britischen Delegation und britischen Agenten könne keine Grundlage für eine irische Unabhängigkeit sein. Irland sei deshalb als Teil der britischen Krone zu betrachten, demnach also Mitglied des Vereinigten Königreiches. Zwar verspreche man, die irische Autonomie kaum anzutasten, doch in verfassungsgebenden Fragen, soll fortan die britische Demokratie, d.h. das Unter- und Oberhaus des britischen Parlaments entscheiden dürfen. Die irische Unabhängigkeit von 1921 sei, so Brown weiter, ein "Mißverständnis der Geschichte", doch er weise darauf hin, dass das Aufdecken dieses historischen Skandals nichts mit dem irischen Nein zum Vertrag von Lissabon zu tun habe. Zuweilen geschehen aber eben solcherlei Zufälle und man werde sicherlich pragmatisch genug sein, diesen Zufall dahingehend zu nutzen, das Beste für Großbritannien, mit dem nach Hause zurückgekehrten Irland, und Europa zu erwirken.

Prompt wurde die neue Konstellation innerhalb europäischen Gefüges von den Regierungen anerkannt. Berlin, Paris, Madrid und Brüssel gratulierten geschlossen den Iren, endlich wieder heim ins Reich gefunden zu haben. Die Bundesregierung äußerte sich dahingehend, dass man zwar Mitleid mit den Iren habe, weil sie Jahrzehnte in der Illusion einer vollwertigen Unabhängigkeit lebten, doch dürfe man den Wink des Schicksals nicht verkennen und sollte nun schnell zur Ratifizierung des EU-Vertrages übergehen. Den Vorschlag, den man kürzlich noch unterbreitete, wonach das irische Volk nicht mehr über die Ratifizierung des Vertrages von Lissabon zu entscheiden habe, sondern gleich um die Mitgliedschaft in der EU, ist nun natürlich hinfällig und man ist froh, dass man die netten Sonderlinge von der grünen Insel in der Union behalten dürfe. Außerdem begrüße man Irland als Teil eines neuen Großbritanniens, müsse nun nicht mehr müßig das Volk bemühen - welches ja, man beachte die Wahlbeteiligung des Referendums, sowieso keinerlei Interesse an Politik zeige -, sondern dürfe auf ein baldiges Inkrafttreten des Vertrages hoffen. Die französische Regierung ließ mitteilen, dass man die Entscheidung des irischen Volkes akzeptiert hätte, nun aber die Vorzeichen andere seien. Ein irisches Volk habe es ja, wenn man es genau betrachtet und im Lichte der Erkenntnis wendet, nie gegeben. Nun müsse man eben abwarten, was das britische Volk zu sagen habe, besser gesagt: was die Vertretung des britischen Volkes in Unter- und Oberhaus zu sagen hat. Aus Brüssel ist zu hören, dass das britische Verhalten von 1921 verwerflich sei, aber man dürfe die "Einheit Großbritanniens und den europäischen Integrationsprozess nicht zu sehr mit moralischen Bedenken belasten". Was zählt sei das Hier und Jetzt und dies sei nun mal so geartet, dass ein unabhängiges Irland ein geschichtlicher Irrtum ohne vertragliche Grundlage gewesen sei. Und damit sei auch die irische Verfassung, die sich hartnäckig an Volksentscheide gekettet habe, niemals völkerrechtlich legitimiert gewesen und demnach ebenso eine irrtümliche Erscheinung der Geschichte.

In Berlin und Paris soll in den kommenden Tagen über die Worte des luxemburgischen Ministerpräsidenten Juncker beraten werden. Dieser hat den großen EU-Staaten vorgeworfen, mit Arroganz gegen kleinere Länder aufzutreten. Man munkelt, dass man Luxemburg fristlos aus der EU werfen werde, weil der Pseudo-Moralismus, den man aus den Worten Junckers herauslesen kann, zur Zersetzung der Europäischen Union beitrage. Gleichzeitig soll die Tschechische Republik verwarnt werden, weil der Lissaboner Vertrag einer Prüfung des nationalen Verfassungsgerichts unterzogen wird. Unverhältnismäßige Skepsis und verschlagenes Mißtrauen könne man nicht wortlos stehen lassen. Das noch unentschlossene EU-Europa müsse nun wissen, dass die Zeiten der Worte vorbei sind, nun müssen Taten und Aktionen folgen.
In einer Sondersitzung der großen EU-Staaten soll über die griechischen Pläne bezüglich einer Annexion Zyperns beraten werden. Grundsätzlich könne Europa so ein Vorgehen nicht unterstützen, nicht einmal tolerieren. Aber sollte sich das Repräsentantenhaus Zyperns am 3. Juli gegen den EU-Vertrag aussprechen, so würden Berlin, Paris und Brüssel logistische und auch Waffenhilfe leisten. Böse Zungen behaupten, dass die EU ebenso Delegationen nach Ankara schicken wird, um über eine türkische Annexion Zyperns zu diskutieren. Sollte sich nämlich Griechenland nicht zutrauen, Zyperns Defäitismus zu bändigen, so hätte man sich so die Möglichkeit bewahrt, Zypern aus der EU herausannektieren zu lassen. Freilich könnte man in Falle einer türkischen Intervention keine Hilfe leisten, man würde aber nicht zu sehr auf Menschenrechte pochen und die Türkei mit der Härte vorgehen lassen, die in so einem dringendem Falle geboten wäre.
Madrid will nächste Wochen anfragen lassen, ob Europa ein Ja zum Vertrag mit der Zurückerstattung der Spanischen Niederlande honorieren würde. Beobachter mutmaßen, dass man Madrid bis auf den 8. Juli vertrösten wird, bis man in Brüssel weiß, ob die Erste Kammer der Generalstaaten dem Lissaboner Vertrag zustimmen wird oder nicht. Die deutsche Bundesregierung sieht sich diesbezüglich unter ihrem Wert verkauft. Hätte sie gewußt, dass man einen Ratifizierungsprozess mit territorialen Gewinnen verbandeln könnte, hätte sie ihren Anspruch auf Polen erneuert und sich ein Ausbreiten östlich der Oder erbeten. Indes sieht Polen es andersherum und versucht aus der bereits vollzogenen Ratifizierung Gewinn zu schlagen, indem man deutsche Ländereien westlich der Oder für sich beansprucht. Immerhin, so lautet das polnische Argument, wäre damit - da in Polen wie gesagt die Ratifizierung schon durchgewunken wurde - die ehemalige DDR mit ins europäische Boot geholt. Denn man dürfe nicht vergessen, so Warschau, dass die BRD noch nicht ratifiziert habe und die kommunistischen Umtriebe innerhalb Deutschlands bewirken könnten, dass die baldige kommunistische Bundespräsidentin Schwan, ihre Unterschrift verweigere.

Von wegen, die EU stehe am Scheideweg! Die Regierungen Europas sind, wie die Zukunft zeigen wird, flexibel genug, ihre Wirtschaftsordnung zu installieren. Am Ende des Jahres wird der Europäische Rat zusammensitzen und über den Anflug von Pessimismus lachen. Und den Machern des neuen Europa werden dann Dankesnoten übermittelt. Ein Schreiben an den spanischen König, der in seiner neuen Hauptstadt Amsterdam residieren wird; ein weiteres Schreiben an den Staatschef Polens, der im polnischen Dresden einen Kultururlaub absolviert; eine Dankesschrift an Silvio Berlusconi, der sich in Addis Abeba zum Neguse Negest ausrufen läßt. Gleichzeitig wird man dann einen vereinten Waffengang beschließen und diesem widerspenstigen irischen Volk zur europäischen Linientreue verhelfen. Rule, Britannia...

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In nuce

Montag, 16. Juni 2008

Mathias Richling und Bruno Jonas als die Handlanger der Politik? - Der Konkret betrachtet die qualitative Entwicklung des politischen Kabaretts innerhalb der ARD-Sendung "Scheibenwischer" und kommt zu der Einsicht, dass eine unabhängige Persiflage der Zustände nicht mehr gegeben ist. Entweder flüchten sich die Beteiligten in Binsenweisheiten, abgeschmackte Sprüche oder übernehmen kritiklos die Ressentiments der Politik, gerade auch gegen die LINKE, oder man ist so albern, dass man vielleicht von Stammtischwitzelei, nicht aber von politischen Kabarett sprechen sollte. So wie das Ensemble des "Scheibenwischer" auftritt, steht man nicht als zynische, in Lachen gehüllte Opposition parat, sondern ist stiller Teilhaber einer Koalition gleichgeschalteter Parteienentwürfe, die sich allesamt zum Büttel der Wirtschaft ernannt haben. Indem man kalauerhaft, dennoch zurückhaltend und dezent kritisiert - ein Witzchen über die Frisur einer Politikerin hier, ein Scherzlein auf Kosten eines Sprachfehlers oder einer Spracheigenheit eines Politikers dort -, atomisiert man fundamentale Kritik, die sich ja gerade im Kabarett auf geschickte und liebenswerte Art und Weise in aller Härte über den Kritisierten ergießen soll. Oder anders: Wenn man Merkels Eisenherz-Frisur ständig ins Zentrum der Lächerlichkeit stellt oder das nasale Rümpfen der Gesundheitsministerin, so nihiliert man die schelmenhafte Kritik an deren Außen- oder Gesundheitspolitik. Man reduziert sein Repertoire kritischer Auseinandersetzung mit den politischen Gegebenheiten zugunsten einer geckenhaften Oberflächlichkeit.
Zensur kann man das freilich nur schwerlich nennen. Selbstzensur, um mit der politischen Elite - an dieser Stelle, wie so oft, sei angemerkt: jene, die sich selbst zur Elite erklärten! - nicht anzuecken trifft eher zu. Wenn zuweilen führende Berliner Politiker im Publikum des "Scheibenwischer" sitzen, sich schenkelklopfend geben und Tränen des Lachens in den Augen haben, dann muß man sich doch fragen, was das Ensemble falsch macht. Soviel Dummheit, Dreistigkeit, Hinterfotzigkeit und ungesundes Maß an krimineller Energie, kann doch den Betreffenden gar nicht zum Lachen bringen, selbst wenn man die Kritik schelmenhaft zum Besten gibt. Selbstzensur also: Im Falle des letztjährigen Nockherberg-Redners Django Asül war es dies jedenfalls nicht. Lobend komplimentierte man ihn aus seiner Rolle als Festredner. Er wäre bissig gewesen, direkt, hat Themen angesprochen, die den anwesenden Politikern wehtaten. Aber er war, so munkelte man im Stillen, zu bissig, zu direkt, zu sehr auf die kritischen Themen eingegangen. Und Türke ist er ja auch noch! Das Establishment der bayerischen Politik äußerte sich besorgt. Sich derart von einem Deutschtürken heruntermachen zu lassen, wurde als gefährliches Zeichen der Zeit gewertet. Und so hält seit diesem Jahr wieder ein braver Niemand - Michael Lerchenberg - die Festrede für seine Herrn.
Selbstzensur scheint voll im Trend zu sein. Auch der private Radiosender Antenne Bayern - der meistgehörte Radiosender des Freistaats und dabei maßlos überschätzt - hat sich selbst zensiert. Oder sagen wir lieber: Hat den neuen Hit der Ärzte zensiert. In "Lasse redn" kommt jene Passage nicht vor, die sich kritisch zur BILD-Zeitung äußert. Demnach hätten die ewigen Nörgler - gegen die sich der Song richtet - ihre Bildung sowieso nur aus der BILD und die bestehe ja nur aus "Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht". Kurz und prägnant getroffen - aber der Antenne Bayern-Redaktion reichte es, um die Passage herauszuschneiden. Wer den Titel nur aus diesem Radiosender kennt, dem würde es nicht mal auffallen. Und so fragt man sich, wieso Antenne Bayern ein derartiges Interesse am makellosen Ruf der BILD hat. Ganz einfach: Die Axel Springer AG ist mit 16 Prozent an Antenne Bayern beteiligt! Was auch das alltägliche Aufgreifen seltsamster BILD-Schlagzeilen innerhalb des Radioprogramms erklärt. Kritik äußern die sprachgewandten Nichtssager von Antenne Bayern nämlich nie. Stattdessen werden BILD-Themen zum Gegenstand flapsiger Sprüche und vorgefertigter Ansichten.
Pressefreiheit - ein schöner Begriff!

Bildung ein Grundrecht? - Mitnichten! Die Phorms AG möchte damit den eigenen Säckel füllen. In der Privatschul-Kette erlernen schon Erstklässler die englische Sprache, sollen zum Abitur getrimmt, mit dem International Baccalaureate Diploma ausgezeichnet und als Weltbürger anerkannt werden. Kurzum: Hier wird der effiziente, profitorientierte, unkritische homo novus der kommenden Welt herangezüchtet, der nicht von einer spielerischen Kindheit zu berichten weiß, dafür aber von Ganztagsunterricht, ausgefüllten Nachmittagen und Lehrern, die es gut mit einem meinten. Wir dürfen darauf warten, dass die Phorms AG von irgendeinem unserer Volksvertreter bald gelobt wird. Wie könnte man auch eine Zuchtanstalt für neue Effektivmenschen verurteilen? 1000 Euro wird für einen Platz an so einer Schule monatlich berechnet. Reiche Kinder können einen leid tun...

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Wollt Ihr den totalen... ?

Sonntag, 15. Juni 2008

Wohin man in diesen Tagen auch blickt, man entkommt dem runden, von Kinderhänden aus Sialkot (Pakistan) gefertigten Leder nicht. Alles, schier jeder Bereich des täglichen Lebens, nimmt Anteil an dem Ereignis jenseits und innerhalb der Alpen. Selbst Sparten, die nicht mal einen Hauch von Affinität zum Fußball besitzen, sind durchwachsen von dieser Totalität. Das fußballerische Mitläufertum macht es sich in jeder Nische bequem, wenn sich damit nur ein Paar Cent mehr verdienen läßt. Niemand will diesem eindimensionalen Totalitarismus entfliehen, denn man erwartet - gerade wenn man ein Unternehmen führt, ein Geschäft besitzt -, dass man sich mit der kollektiven Berauschung des Massenereignisses solidarisiert und sich zum Teil uniformen Marschtrittes macht. Was dabei herauskommt ist eine oberflächliche, auf den kurzen Moment des Spektakels fixierte, ins Kollektiv einreihende Fußballhysterie, die gerade auch jene erfaßt, die sonst keinerlei Nähe zu diesem Sport empfinden und sich angewidert abwenden, wenn wieder einmal ein Bundesliga- oder Europapokalspiel übertragen wird. Dies vorallem dann, wenn teure GEZ-Gelder dafür aufgebracht werden und sie dahinter eine unanständige Verschwendermentalität der Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wittern.

Egal wohin ich blicke, die zeitlich begrenzte Gleichschaltung hat die Gesellschaft erfaßt. Nationalflaggen hängen inflationär aus Fenstern und über Balkongeländern; Fahrzeuge werden ebenso damit entstellt. Menschen pilgern abendlich vor Leinwände und suchen Kneipen auf, die sie sonst meiden, nur um in der Masse gebettet, ihre Ahnungslosigkeit bezüglich dieses Sports zur Schau zu stellen. Hupkonzerte ergießen sich in trauter Langeweile in den Straßen. Kindern werden Unsummen Taschengeldes abgenommen, damit sie diverse Aufkleberheftchen mit grimmig dreinblickenden Fußballergesichtern zieren können. Supermarkt-Prospekte garnieren ihre Angebote mit Fußballzierleisten und sinnfreien Sprüchen, die wie Anleihen aus dem Sport-Jargon klingen. Bier- und Kartoffelchipshersteller präsentieren Angebote, die mit einer Gratis-Deutschland-Flagge einhergehen. Ein Leiharbeitsunternehmen wirbt in einer Postwurfsendung mit dem Satz: "Es ist EM! Bleiben Sie am Ball mit...!", um in der danach folgenden Selbstbeweihräucherung den Fußball völlig zu vergessen. Bäcker bieten Tüten mit elf Stück Laugengebäck an, um die Summe einer Fußballmannschaft damit zu symbolisieren. Diese ließen sich, so die Bäckereiangestellte, doch wunderbar zum Fußball verspeisen, besser als Chips - ich fragte sie, ob ich sie auch erwerben dürfe, wenn ich sie nicht zum Fußball esse. Was haben die Leute überhaupt immer mit ihren Kartoffelchips zum Fußball? Radiomoderatoren sprechen nur von der Europameisterschaft und lassen dabei die Zuhörer versehentlich wissen, dass sie eigentlich gar keine Ahnung von Fußball haben. Fernsehsendungen aller Gattungen, ob ernsthaft oder banal, erwähnen mit mindestens einen Satz das Großereignis. In allerlei Fernsehserien stellt man eine Verbindung zum aktuellen Geschehen her und läßt die Laiendarsteller mit Fanartikeln oder sinnfreien, aber flotten Stimmungssprüchchen herumlaufen. Ob großes Warenhaus oder kleiner Friseursalon: Die EM lungert in den Schaufenstern herum! Tageszeitungen sehen es als ihren größten Zweck an, als ihre göttliche Berufung, die Europameisterschaft in endlose Sphären zu schreiben. BILD-Titelmädchen spielen mit ihren Bällen - diese meist in Landesfarben getunkt. Das Internet trieft vor Berichterstattung aus Österreich und der Schweiz. Werbespots sprechen nur noch EM-pfehlungen aus. Sportsendungen machen aus jedem Foul ein globales Ereignis, aus jedem Fehlpaß ein nationales Desaster, aus jedem Kratzen des Torwarts an seinem Hodensack eine psychologische Analyse. Schulkinder lernen im Unterricht die Flaggen der teilnehmenden Länder kennen, müssen sie auf- und ausmalen. Bahncards werden verlängert, je länger die DFB-Elf im Turnier herumgestolpert. Überall belauscht man Gespräche, von denen man Bruchstücke erfaßt: "Deutschland" und "Österreich" und "Foul" und "Ballack" und "Schweinsteiger"! - Wieder zwei Bibliothekarinnen, die ihre Fußballaversion zur Seite gepackt haben, um patriotisch-kollektivistisch als Experten aufzutreten! Ich schalten das Radio an und höre: "EM"... ich drehe weiter... "... in Österreich und der Schweiz" -weiter!... "Europameisterschaft" - ich schalte wieder ab. Zappe durchs Fernsehprogramm: Mutter Beimar sagt "EM"; ein Animateur auf einem interaktiven Spielesender trägt Trikot und verkündet unheilschwanger "EM" und "Anrufen!"; danach eine mir unbekannte Moderatorin, die ebenso "EM" aus ihrem Mund presst. Im Deutschen Sportfernsehen sitzen ausrangierte Fußballgrößen. Lattek spricht von der EM; Thomas Helmer benutzt die Abkürzung "EM" dreimal pro Teilsatz; Wontorra sagt "EM", ein Journalist des Kicker EM-t ebenso; auch Magath sagt "EM" und Beckenbauer "Ähm..."! Ich lerne: Oliver Pocher ist nun Fußballexperte geworden. Sicher hat er mehr Ahnung als Johannes B. Kerner, der seinen patriotisch-lächelnden Quadratschädel durchs EM-Programm schleppt und dabei natürlich nicht vergisst, die Wichtigkeit, Größe und Weltgeltung des nächsten Deutschlandspiels in jedem zweiten Satz zu erwähnen.

Wohin soll ich fliehen? Nicht Gott, diese niedliche Erfindung des Menschen, ist allgegenwärtig, nicht Gottvater oder Gottsohn, sondern Gottfußball. Nein, seinen Blicken entkommen wir nicht! Ich sitze fest - es wird mir schlagartig bewußt. Koffein zur Beruhigung! Ich greife nach einer Flasche Coca-Cola Zero - werfe sie sofort gegen die Wand! Ballack lächelte mich von der schwarzen Flaschenbanderole herunter an. Aus meinem Kühlschrank grinsen überhaupt viele Fußballer heraus oder drängen sich Fußbälle in mein Blickfeld. Auch darin kann ich also keinen Trost, keine Ablenkung mehr finden. An diesem Punkt angelangt wird sich mancher Zeitgenosse denken, dass man mitlaufen sollte, wenn man der Maschinerie schon nicht entkommen kann. Dann zieht er sich ein Trikot an, malt sich Schwarz-Rot-Gelb ins Gesicht und gröhlt lauter und derber als jene, die schon von Anfang an infiziert waren.
Ja, so muß es sein! All die Verrückten, die sich um eine Leinwand oder einem Fernsehgerät tummeln, die unter dem Jahr nichts von Fußball wissen wollen, sind gar keine Freunde des Fußballs, verachten in ihrem Innersten die Europameisterschaft. Es sind nur Resignierte, die im Angriff die beste Verteidigung erblickt haben. Wenn es sich schon nicht mehr aushalten läßt im Alltagsleben, dann saufen und gröhlen sie sich eben bewußtlos. Sie haben jenen Fluchtweg entdeckt, der die beste Chance auf Entkommen bietet!

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Irische Rebellen

Samstag, 14. Juni 2008

Print- und Broadcastmedien zeigen sich im Trauerflor. Unverständnis nährt ihr Programm. Enttäuschung liest sich zwischen den Zeilen und ist aus den Tonlagen der Nachrichtensprecher heraushörbar. Während die einen in ihrer Trauer in Jammertäler versinken und meinen den Untergang des Abendlandes am Horizont erkennen zu können, flüchten sich andere Trauernde in einen blümchenumrandeten Optimismus, der hartnäckig glaubhaft machen will, dass das Schiff auf Kurs zu bleiben hat, wenn es den geheiligten Hafen auch wirklich erreichen möchte. Einig ist sich die Trauergemeinde aber in einer Sache: Schuld hat das irische Volk! Und ein großes deutsches Magazin schrieb schon im Vorfeld, dass die Iren rebellenhaft gesittet seien. Wer also bei einem Referendum, bei dem er zwischen zwei Positionen frei entscheiden darf, eine Ansicht vertritt, die den Kapital- und Machteignern zuwiderläuft, der ist ein Rebell! Selbst wenn er sein Rebellendasein in demokratische Strukturen wirft!
Bestenfalls am Rande der Berichterstattung wird dargelegt, warum das Referendum betreffs Vertrag von Lissabon gescheitert ist. Schon an dieser Wortwahl muß man sich stoßen. Ein Referendum kann nicht scheitern! Es kann nur ein Ergebnis zutage bringen. Gescheitert kann es nur für denjenigen sein, der bestimmte Interessen vertritt. Eine Regierung aber, die ein Referendum einleitet, hat wertneutral das Ergebnis zu erwarten und anzunehmen. Dies entspricht dem demokratischen Sinn von Volksentscheiden. Man will in Erfahrung bringen, was das Volk denkt, und darauf aufbauend die nationale Politik ausrichten. Viele Faktoren werden in den Massenmedien behandelt, warum die Iren so widerspenstig votiert haben. Das Hauptargument, so wird klargemacht, ist das Anspruchsdenken des gemeinen Wohlstands-Iren, der Angst hat, seinen jüngst erworbenen Reichtum - was Eliten für Reichtum ansehen - zu verlieren. Diese Deutung, davon darf man ausgehen, soll die "irische Rebellion" in ein fressendes, saufendes und folglich wohlstandssuhlendes Licht rücken. Folglich war es irischer Egoismus, der die Menschen von der grünen Insel zu dieser bodenlosen Frechheit gegenüber Europa - die ARD zeigte einen irischen Barkeeper in Brüssel, der seine Landleute scharf kritisierte, weil sie lange Unterstützung von der EU bekamen und dieser nun so in den Rücken fielen - animiert hat. Welch unmenschlicher Dolchstoß, den das irische Volk uns Europäern da versetzt! Wegen der Inhalte, so soll es den Menschen in Europa eingebleut werden, habe man sich nicht so entschieden. Es war nur die selbstsüchtige Angst um den eigenen satten Bauch. Sicher mag mancher deswegen so votiert haben - menschliche Entscheidungen sind ja zuweilen irrational und egoistisch geleitet -, aber es dürfte noch allerlei andere Gründe geben.

Die Iren wußten, dass sie das einzige Mitgliedsland Europas sind, welches per Referendum über die Ratifizierung des Vertrages von Lissabon zu entscheiden hat. Man darf also getrost festhalten, dass Irland die letzte verbliebene Demokratie in Europa ist! Immerhin, es geht ja nicht um eine Nebensächlichkeit, sondern um die Installation einer neuen, nationale Verfassungen überstülpende Universalverfassung, die zwar so nicht genannt wird, aber de facto als solche manifestiert wäre. Und über Verfassungen, so lehrt es uns das Völkerrecht, habe das Volk selbst abzustimmen. Freilich, in Deutschland haben wir das Zwischenstadium des Grundgesetzes ebensowenig per Volksentscheid überwunden. Wir haben es ja überhaupt nicht überwunden - haben unser Grundgesetz ja immer noch -, sondern aus der Wiedervereinigung juristisch gesehen - und nicht nur juristisch, seien wir ehrlich! - einen Anschluß der DDR an die Bundesrepublik (Artikel 23 GG) gemacht. So umging man eine neue Verfassung, die ja per Grundgesetz im Falle einer Wiedervereinigung (Artikel 146 GG) verpflichtend gewesen wäre. Aber daraus eine alte deutsche Tradition abzuleiten, die besagt, dass das deutsche Volk gar nicht über Verfassungen abstimmen darf und will, weil es bei der nie vollzogenen Wiedervereinigung auch nicht gefragt wurde, entspricht der Lächerlichkeit der hiesigen Eliten.
Wie weit es mit dem demokratischen Verständnis der europäischen Politikerkaste her ist, bedarf wirklich keiner großen Analyse. Die Referenden, die 2005 in Frankreich und den Niederlanden gegen die damalige EU-Verfassung ausfielen - der Lissaboner Vertrag ist ja nur eine Abwandlung des damaligen Werkes -, wurden mit dem neuen Verfassungsentwurf, der sich nun eben Vertrag nennt, nicht nur neutralisiert, sondern auch für einen neuen Ratifizierungsprozess ausgeschaltet. Nun entschied nicht mehr das französische oder niederländische Volk - denn diese haben nur im Falle einer neu zu installierenden Verfassung Mitspracherecht, nicht aber bei einem Vertrag -, sondern deren Abgeordnete, die sich in der Obhut ihrer Wirtschaftsfreunde schadlos halten und deren knallharte Handelsinteressen sie zu vertreten haben.

Und eben da sind wir beim Punkt: Der Tratado de Lisboa ist eben weniger eine Verfassung in dem Sinne, wie sich das der europäische Bürger vorstellt. Er bekennt sich nicht zur Neutralität in Fragen der Wirtschaftsgestaltung, sondern macht den Freihandel zum einzigen und alleinigen Wirtschaftssystem, welches in Europa vorzuherrschen habe. Auch gegenüber Drittländern sei der Freihandel zu vertreten. Kurzum: Der Freihandel soll weltweit die einzige Wirtschaftsform sein, ohne Kompromisse. Wer sich auch außerhalb der EU-Mitgliedschaft nicht freihändlerisch gibt, mit dem werden keine Geschäfte mehr gemacht. Und wer weiß, vielleicht erlaubt es die militärische Komponente des EU-Vertrages, dass man dann auch mit Waffen interveniert, wenn ein afrikanisches Land glaubt, es müsse Schutzzölle errichten, um den heimischen Markt etwas zu schonen? Dies alles ist sicher keine Randnotiz. Und man stelle sich vor, ein Mitgliedsstaat erkennt, dass es der Freihandel ist, der ihn an den Rand des Zusammenbruchs und Ruins bringt - die Gründe können vielfältiger Art sein -, er aber darf, aufgrund dieses Vertrages, seine Wirtschaft nicht neu strukturieren. Die Mitglieder der Regierungen Europas schwören aber beim Amtsantritt, Not vom Volke abzuwenden und für das Wohl desselbigen einzutreten. Wie aber kann man das, wenn einem ein Vertrag solche engen Spielräume läßt? Denn Not abwenden und Wohl fördern könnte auch bedeuten - und wir wissen um die ökonomische Grundlage allen menschlichen Seins -, den Freihandel einzuschränken, dem Sozialstaat - der ja mittels Freihandelsbekenntnis mehr und mehr demontiert wird - wieder zu rüsten. Aber da werden sich die Herren an den Schalthebeln der Macht einfach auf den Vertrag berufen und Europa die Schuld geben. Davon kann man ausgehen! Und wenn dann ein Mitgliedsland doch den Vertrag bricht, wer will da ernsthaft glauben, dass die Union wort- und waffenlos zusieht? Der Bruch des Kontraktes könnte ja Gelüste bei anderen Mitgliedern hervorrufen und dann stände die Union, die ja keine Vereinigung von Europäern, sondern eine Vereinigung der Konzerne ist, kurz vor dem Zusammenbruch.

Laut Völkerrecht steht es jedem Volk zu, zu einer neuen Verfassung befragt zu werden. Wenn natürlich die Verfassung Vertrag genannt, umgeht man solche demokratischen Spielereien mit zynischem Lächeln. Sollte man aber die Völker Europas befragen, so hat jede Nation für sich selbst zu stimmen. Es geht beispielsweise nicht an, dass das portugiesische Volk die maltesische Verfassung aufhöbe, oder Polen das deutsche Grundgesetz. Konkreter: Es gibt völkerrechtlich betrachtet kein europäisches Volk, welches zu befragen wäre. Deshalb ist es nicht machbar, alle 500 Millionen Einwohner der Europäischen Union in einer großen, allgemeinen Wahl zu befragen. Jedes Referendum muß innerhalb des jeweiligen Mitgliedslandes vollzogen werden. Viele nationale Referenden, alle für sich selbst gültig - kein internationales Referendum! Einen europäischen Mehrheitsbeschluss kann es völkerrechtlich betrachtet nicht geben, wäre, sofern man es doch in dieser Weise vollziehen würde, juristisch gesehen wertlos und für die Menschen nicht verpflichtend. Dieses Szenario von einem länderübergreifenden EU-Referendum ist keine Phantasie, sondern wurde schon mehrmals in Erwägung gezogen. Vorallem deshalb, weil man damit rechnet, dass es gerade jüngere EU-Mitglieder wären, die sich - auch aus Dankbarkeit und Hoffnung - für eine EU-Verfassung entscheiden würden. Diese würden die skeptischeren Völker Europas überstimmen und den Anschein von demokratischer Legitimität erfüllen.
Verfassungsimmanente Werte hin oder her: Wenn eine Verfassungsinstallation so vollzogen wird, ist sie nicht legitim umgesetzt. Dabei spielt es auch gar keine Rolle mehr, ob der EU-Vertrag den neoliberalen Dogmen Folge leistet oder eine aufgeklärte, weitsichtige, menschenliebende, ethisch einwandfrei Sammlung von Grundsätzen ist. Denn eine Verfassung, egal welcher Coleur, muß vom Souverän legitimiert werden - direkt und unmittelbar.

Die Kritik an der Vorgehensweise der Installation ist in den Massenmedien nicht aufzufinden. Ebensowenig findet man kritische Stimmen am weiteren Inhalt - die absolutistische Grundlage des Freihandels wurde ja schon angesprochen - des Vertrages. Man liest oder hört kaum etwas über das Ermächtigungsgesetz, welches sich im Artikel 48, Absatz 6 widerspiegelt. Dort kann der Europäische Rat aus freien Stücken "eine Änderung aller oder eines Teils der Bestimmungen [...] über die Arbeitsweise der EU" erwirken. Der Staatsrechtler Schachtschneider legt dar, dass dies bedeuten würde, der nicht demokratisch legitimierte Europäische Rat könne, ohne dass die nationalen Legislativen oder das Europäische Parlament zustimmen müßten, die Bestimmungen des Vertrages und damit die "Spielregeln", nach denen Politik und Gesetze gemacht werden, jederzeit abändern. Würde dieser Vertrag in Kraft treten, sei "Deutschland keine Demokratie mehr" - Schachtschneider attestiert dies aber auch schon der heutigen Bundesrepublik, weil er eine Parteien- und Medienoligarchie nicht als Demokratie bezeichnen möchte -, woraus sich eine Widerstandslage nach Artikel 20, Absatz 4 GG ergäbe.
Von der demokratischen Wirkungs- und Arbeitsweise der EU ist hierbei noch gar nicht zu sprechen. Alles was innerhalb der EU an Gesetzen - Richtlinien genannt - erlassen wird, ist nicht einem demokratischen Verfahrensweg zu verdanken, sondern bürokratischer Beamtelei. Das vielgerühmte Europäische Parlament ist gar kein Parlament. Es unterliegt einer ungleichen Stimmengewichtung, hat kein Initiativrecht, kann also nicht aus eigener Kraft Gesetze hervorbringen und ebensowenig ein Beschlußrecht, dass es berechtigen würde, Gesetze zu beschließen. Lediglich einige wenige, (noch) nicht gesetzlich fixierte Themenbereiche, werden im Europäischen Parlament erörtert. Was innerhalb der EU geschieht, ist die Abkehr vom demokratischen Standard, um es durch einen verbeamteten Überwachungs-, Kontroll- und Umsetzungsapparat zu ersetzen. Gesetze entstehen nicht mehr aus der Notwendigkeit heraus, nicht auf Belange des Volkes gründend, sondern auf die Initiative eines Beamten, der - gerade in Brüssel - von Lobbyisten umringt ist und sicher weiß, mit denen gut umzugehen. Diese fütternde Hand wird freilich nicht gebissen. Man entwirft Richtlinien, erzählt den Menschen in EU-Europa, das Europäische Parlament hätte dies beschlossen - was einer glatten Lüge entspricht - und legitimiert somit das Unrecht aus dem staubigen Hinterzimmer eines Gesetzesschmiedes, der vom Volk soviel Ahnung hat wie von Ethik und Anstand. Von EU-Richtlinien, Arbeitsweisen der EU-Gremien, der Wirkungslosigkeit des Europäischen Parlaments, so schätzt Schachtschneider ein, wissen die nationalen Politiker hierzulande - und wahrscheinlich überall in EU-Europa - wenig bis gar nichts.
Gleichwohl findet sich genausoviel Kritik zur militaristischen Ausgestaltung Europas in den Massenmedien - nämlich gar keine! Man hält es dort scheinbar für wenig bedenkenswert, dass die neue EU mit Artikel 42, Absatz 1, Satz 3 bereits für militärische Reformen bereitsteht, wenn auch nur eine "Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen" besteht. Alleine die Grundsätze reichen aus! Von der Verpflichtung aller Mitgliedsstaaten, ihre militärische Fähigkeiten schrittweise zu verbessern, ganz zu schweigen! Die militärische Komponente des Lissaboner Vertrages soll den Primatsanspruch der EU geltend machen, soll dazu führen, dass die EU sich - ganz im Stile des US-Imperialismus - für "geopolitische Notwendigkeiten" handlungsfähig macht. Diese Notwendigkeiten, wir kennen es von den Rechtfertigungen der US-Administration, werden als "Akt der Wehrhaftigkeit", als Form präventiver Selbstverteidigung ausgelegt. Der EU-Vertrag soll diese Auslegung natürlich vereinfachen. Wenn man dann EU-wichtige Pipelines per Militäreinsatz schützt, hat man immerhin eine Verfassung auf seiner Seite, die den Mord und den Totschlag vielleicht nicht ausdrücklich erlaubt, aber immerhin nicht schwer verurteilt.

Die Entscheidung des irischen Volkes, man kann es gar nicht laut genug hinausschreien, war ein Segen für die Völker Europas. Das wollen die Machthabenden freilich nicht hören. Für sie gilt nur die Umsetzung des Freihandels. Die ersten Stimmen wollen Irland ausklammern und ein "Kerneuropa" mit geltendem EU-Vertrag umsetzen. Hinweg also auch die Einstimmigkeit, die man sonst als maßgebendes Kriterium angesehen hat! Auch daran wird meßbar, wie es um den demokratischen Geist in Europa bestellt ist. Man geht jeden Schritt, um ja nicht die Völker selbst fragen zu müssen und wenn sie dann doch gefragt werden müssen, weil nationale Verfassungen ein Referendum bindend machen, dann schließt man eben jene Mitgliedsnation aus.
Und damit die noble Runde der sogenannten Staatsmänner - die ja nichts anderes als Marionetten der Konzerne sind - auch einen Grund zum Feiern hat, zeichnete man Angela Merkel, unter deren Ratsvorsitz im ersten Halbjahr 2007 dieser Mist angehäuft wurde, mit dem Karlspreis aus. Einen Preis, der jenen verliehen wird, die sich um die Europäische Einigung und Integration bemühen. Solche Preise, die sich selbsterklärte Eliten für andere selbsterklärte Eliten erdenken, sind natürlich wenig aussagekräftig. Den Karlspreis gibt es seit 1949. Ich wage zu behaupten, dass man auch Adolf Hitler 1941 diesen Preis verliehen hätte, wenn er da schon existiert hätte. Immerhin war zu dieser Zeit Europa unter der Herrschaft einer Regierung - Marionettenregierungen eingeschlossen - gestanden. Hat nicht Charlemagne, nach dem der Preis ja benannt ist, in ähnlicher, wenngleich archaischer Form, Mitteleuropa erobert? Für die Eliten in Politik und Wirtschaft zählt doch nicht das Wer, sondern lediglich das Ob und Wie. Thoreau zitierend: "... doch weil sie selten moralische Urteile fällen, könnten sie - ohne es zu wollen - ebensowohl dem Teufel dienen wie Gott."

Und Leuten, die sich kritisch mit dieser Gesellschaft auseinandersetzen, die dagegen anschreiben und anschreien, die demonstrieren und ihre Mitmenschen aufklären, die von sich behaupten, dieser Regierung nicht mehr untertan sein zu können, Leuten wie uns, die via Internet für Aufklärung und Einsicht stehen - oft glücklos und ohne Erfolg -, sagt man nach Verfassungsfeinde zu sein...

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Sit venia verbo

"Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren Körpern; nicht als Menschen, sondern als Maschinen. Sie bilden das stehende Heer und die Miliz, die Gefängniswärter, die Konstabler, Gendarmen etc. In den meisten Fällen bleibt da kein Raum mehr für eigenes Urteil oder moralisches Gefühl; sie stehen auf derselben Stufe wie Holz und Steine; vielleicht könnte man Holzmänner herstellen, die ebenso zweckdienlich wären. Solche Wesen flößen nicht mehr Achtung ein als Strohpuppen oder ein Dreckklumpen. Sie sind nicht mehr wert als Pferde und Hunde. Und doch hält man solche Menschen gewöhnlich sogar für gute Bürger. Andere, wie die meisten Gesetzgeber, Politiker, Advokaten, Pfarrer und Würdenträger, dienen dem Staat vor allem mit ihren Köpfen; doch weil sie selten moralische Urteile fällen, könnten sie - ohne es zu wollen - ebensowohl dem Teufel dienen wie Gott. Nur wenige Helden, Patrioten, Märtyrer, wirkliche Reformer und Menschen dienen dem Staat auch mit dem Gewissen, weshalb sie sich ihm oft widersetzen müssen; sie werden gewöhnlich von ihm als Feinde behandelt. Ein Weiser wird immer nur als Mensch dienlich sein wollen, er wird sich nicht dazu hergeben, "Lehm" zu sein, um "ein Loch zu stopfen, um den Wind abzuhalten", sondern er wird diese Aufgabe dem Staub überlassen:

Zu hoch geboren bin ich, um jemands Eigentum,
Der zweite nur zu sein am Steuer,
Nützlicher Dienstmann und Werkzeug,
Für irgendeine Macht auf dieser Erde.

Wer sich ganz seinen Mitmenschen hingibt, erscheint ihnen nutzlos und selbstsüchtig; wer sich aber nur zum Teil gibt, wird zum Wohltäter und Menschenfreund erklärt."
- Henry David Thoreau, "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat"

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Mein Abgeordneter - Teil 5

Freitag, 13. Juni 2008

Fortsetzung vom 7. Juni 2008
Teil 3 vom 1. Juni 2008
Teil 2 vom 29. Mai 2008
Teil 1 vom 28. Mai 2008

Schritt 5: Sie sind gefeuert!

Bisher haben wir unserem Mann vertraut. Aber diverse mediale Berichterstattungen blasen nach und nach unsere Naivität weg. Diesen entnahmen wir, dass es Abgeordnete gäbe, die in Befangenheit schweben, weil sie Gelder von Unternehmen erhielten, also Teil der Wirtschaftswelt geworden seien. Dabei handele es sich manchmal nur um Summen, oft aber doch um Unsummen, die ihre objektive Lage beeinflußt. Deshalb tun wir, was ein anständiger Mensch nie tun würde: Wir fragen direkt, warum er von einem Unternehmen Geld erhält und vorallem, um wieviel Geld es sich denn da handele. Zudem konfrontieren wir ihn in schwejkscher Naivität mit der Frage, ob er denn nun befangen sei oder nicht; ob er überhaupt noch im Namen seiner Wählerschaft sprechen könne. Und außerdem, so müssen wir rein logisch schlußfolgern, habe er diese Summen Geldes an seine Wähler zu überweisen, denn immerhin haben sie ihn in einen solch erbringlichen Posten gebracht. Freilich wird er hier nicht mehr lächeln, tat es vielleicht vorher schon nicht mehr, denn nun gehen wir an die Substanz, an das Motiv seiner Politisierung, die ja immer als ökonomisch bereichernd gedacht war. Wir dürfen uns von seiner idealistischen Duftnote, die seine Vita durchweht, nicht täuschen lassen.
Hier dürfen wir nicht locker lassen. Wir schreiben den Geldgeber an, fragen ihn, was unser Mann in seinen Diensten tut, erwähnen, dass wir ihn gewählt haben und damit auch einen Anspruch auf Zahlung hätten und überhaupt nicht damit einverstanden sind, dass man unseren Abgeordneten, der ja ansonsten pflichtbewußt sein Amt bekleidet, dermaßen in die Zange nimmt, dass er regelrecht mit sich ringen muß, ob er weiterhin treu seinen Wählern dienen wird oder doch lieber einem Konzern. Wir fragen unseren Abgeordneten, ob er denn in Zukunft keinen Anstecker seines „Arbeitgebers“ tragen sollte. Denn wenn er beispielsweise seiner Wählerschaft von den Gerüchten zur Privatrente erzählt, die in Berlin kursieren, dann sollte man doch wissen, ob er womöglich für einen Finanzdienstleister tätig ist. Vielleicht sollten wir nun dazu übergehen, unsere Mitwähler darüber zu informieren, dass unser Mann fremdgeht. Und unseren Mann des Vertrauens selbst fragen wir ganz dümmlich, wo wir seine Entlassung beantragen könnten. Wir würden ihn, so fahren wir fort, noch ein halbes Jahr das Gehalt weiterbezahlen, aber er soll um Himmels willen nur zuhause bleiben und nicht mehr sein Abgeordnetenbüro aufsuchen. Jetzt sind wir so weit, dass die Dreistigkeit auch überhand nehmen darf, denn die Korruption eines Delegierten ist kein Kavaliersdelikt, sondern kommt einen Vertragsbruch gleich, ist Betrug und Verrat. Wir sollten seinen einst geheimen Geldgeber kontaktieren und ihn bitten, für den ehemaligen Abgeordneten X ein Büro innerhalb des Konzernareals herzurichten, denn die Wählerschaft gedenke, den Mann aus seinem Amt zu entlassen, womit er bald ohne Anstellung sei. Wir aber sähen es als unsere Pflicht an, ihm ein gutes Arbeitszeugnis auszustellen und ihm den Übergang zu seinem neuen Arbeitgeber möglichst einfach zu machen. Lieber keinen, als so einen Abgeordneten im Parlament, lautet die Devise, schließlich wollen wir uns einen Dolchstoß ersparen.
Die Entlassungsprozedur ist höchstkompliziert, werden wir später erfahren. Zuerst gehört es zum Ritual, dass man uns an allen Stellen, die wir danach befragen, mitteilen wird, dass eine Entlassung des Abgeordneten auf Initiative der Wähler nicht möglich ist. Wir dürfen uns aber nicht entmutigen lassen, denn dies gehört einfach zur Tradition des deutschen Parlamentarismus. Merke: Entlassungen werden hierzulande von den Medien vorgenommen, namentlich der Springer-Konzern hat sich auf die Entlassung unflätiger Abgeordneter, aber auch Minister, spezialisiert. Dazu senden wir der Redaktion der Zeitung mit den vier großen Lettern, eine kleine Skandalgeschichte, die im Umfeld eines jeden Menschen leicht herauszufinden ist, wenn man sich nur nicht von solch Kleinigkeiten wie Privatsphäre beirren läßt. Wir müssen ja auch nicht immer ehrlich sein und können einfach aus seiner Zugehfrau eine Prostituierte machen, die ihn gelegentlich zuhause aufsucht. Mit der Wahrheit nehmen wir es nicht so ernst, weil auch Springer mit ihr nicht auf Du und Du steht und unser Abgeordneter, wie sich ja herausstellte, ebensowenig. Wir können nichts dafür, dass mit Wahrheit hierzulande nicht gehandelt wird, weil sie zu wenig profitabel sei. Springer zeichnet sich gemeinhin durch Hartnäckigkeit aus und wird jede Geschichte, die man immer wieder mit einigen Wochen Abstand liefert, gerne ins Programm übernehmen. Die Entlassungsprozedur eines Abgeordneten ist hierzulande eine langwierige, aber nicht aussichtslose Sache. Es geht vorallem darum, den unliebsamen Angestellten mürbe zu machen, sein Privatleben möglichst in den Dreck zu ziehen. Diese Praxis entwickelte sich aus dem Umstand, dass die Väter des Grundgesetzes in einer Schnapslaune ein unfertiges Werk hinterließen. Man hat tatsächlich vergessen, dem wahlberechtigten Volk Möglichkeiten in die Hand zu geben, diejenigen wieder aus der Verantwortung zu entfernen, die nicht in der Lage sind, damit umzugehen. Daher hat man dieses Entlassungsverfahren privatisiert und dem Springer-Konzern übertragen. Und da das Gesetz keine Handhabe bietet, muß der gesamte Ablauf in einem Graubereich stattfinden. Uns stört das indes nicht, denn Springer arbeitet kostenlos und regelmäßig. Wir haben nur auszuharren und, auch das gehört zur deutschen Tradition, unseren Abgeordneten aufzubauen und über denjenigen Schuften zu wettert, der bei Springer solche Lügen verbreitet hat.
Die Position unseres Abgeordneten ist nicht für alle Zeit in Stein gemeißelt, auch wenn manche dieser Herrschaften genau das glauben. Wir leben doch in einer Demokratie, die wie ein weites Land voller unbegrenzter Möglichkeiten vor uns liegt. Und daher gibt es Institutionen, die man den Bürgern in die Hand drückt, um sich damit gegen Ungerechtigkeiten und Frechheiten aller Art zu wehren. Was können wir dafür, dass die Entlassungsinstitution keine staatliche ist, sondern eine niederträchtig-private Unternehmung?

Schlußwort: Ausgeburt satirischen Denkens oder wirklich umsetzbar?

Am Ende dieser Aneinanderreihung möglicher Verhaltensweisen, die man seinem Abgeordneten entgegenbringen kann, lohnt sich die Frage - oder drängt sie sich vielmehr auf -, ob denn so ein Verhalten im wirklichen Leben umsetzbar ist. Immerhin bedarf es einer übermäßigen Portion Chuzpe. Mehr als ein Normalsterblicher aus seinem Dasein herauszukratzen imstande ist. Schamesröte und Schüchternheit gehen mit dieser Art selbstbewußten Auftretens Hand in Hand. Freilich sind diese Nebenerscheinungen und Hemmnisse durchaus als Anzeichen einer jahrelangen Kleinhaltung des Wählers und Bürgers zu verstehen. Aber sie sind gleichermaßen dem menschlichen Charakter immanent und nicht einfach als Makel falscher Konditionierung anzusehen – wenngleich es hier Ausnahmen gibt, die keinerlei Schamgefühl, keine Schüchternheit und dergleichen kennen. Bleibt dies alles also Satire oder ist es in die Realität transportierbar?
Festzuhalten sei, dass der Terminus „Satire“ vom lateinischen „satura lanx“ („mit Früchten gefüllte Schale“) abstammt und im übertragenen Sinne soviel wie „bunt gemischtes Allerlei“ bedeutet. Als eine farbenfrohe Mischung allerlei Möglichkeiten möchte der Autor seinen Ratgeber verstanden wissen. Es kommt ihm nicht darauf an, ob man genau so vorgeht, ob man seinem Abgeordneten in der Art und Weise zusetzt, wie er es hier beschrieben hat. Es ist belanglos, ob man wortstark auftritt oder im Stillen penetrant in Erscheinung tritt. Gleichermaßen ist es vollkommen zweit- und drittrangig, ob man die Reihenfolge einhält oder immer von „seinem“ Abgeordneten spricht, um es dem betroffenen Volksvertreter begreiflich zu machen, wer ihn engagiert hat. Wichtig ist alleine nur, dass sich der Wähler bewußt wird, dass er das maßgebende Kriterium aller demokratischen Institutionen in diesem Lande ist. Wenn eine dieser Einrichtungen, die ja alle mehr oder minder demokratisch eingerichtet sind, dazu neigt, den Bürger auszuklammern, ihn zurückzustellen um Partikularinteressen vorzuziehen, dann hat die Einrichtung keine Berechtigung mehr. Der Autor dieses Ratgebers will damit sagen, dass alles was in diesem Staat passiert, immer und ausschließlich für die Belange der Menschen zu stehen hat. Und wenn ein Abgeordneter Nebenverdienste hat, die er zudem nur widerwillig offenlegt, wenn er glaubt, seine Position ist ihm aufgrund seiner Schönheit oder Klugheit in den Schoß gefallen, womit er keinerlei Verpflichtungen gegenüber denen hat, die ihm damals ihre sowieso schon kleine Teilhabe am politischen Diskurs – ihre Stimme also – gaben, dann muß den Bürgern klar werden, dass man dies mit ihnen nicht machen kann.
Wenn also nur einige Leser dieser Zeilen dazu animiert wurden, ihren Abgeordneten auch wirklich als den Ihren zu betrachten, ihn in Zukunft kritischer und vehementer in die Mangel zu nehmen, seine einstudierten Sprüche nicht mehr wortlos hinzunehmen, dann hat sich deren Niederschreiben gelohnt. Es muß uns allen immer bewußt sein, dass wir eine Person deswegen abgeordnet haben, damit sie sich um unsere Belange kümmern kann. Wir können ja nicht alle in Berlin hocken und abstimmen! Dies entspricht der demokratischen Grundidee: Weil nicht alle dort sein können, manche durch Lohnabhängigkeit und Familie verhindert sind, wählt man eine Person aus der Mitte der zu vertretenden Menschen, gibt ihr ein Gehalt, damit sie in der Zeit ihrer Abgeordnetenarbeit nicht verarmt und beauftragt sie - beschert ihr also ein Mandat (mandare = aus der Hand geben, beauftragen). Eigentlich, so war es einmal geplant, sollte so möglichst direkte Demokratie umgesetzt werden. Und daran sei immer erinnert, wenn unser frisch gestriegelter Abgeordneter vor uns tritt, um sich selbst zu beweihräuchern.
Eine Sensibilisierung der Bürger ist also Motiv. Und gleichzeitig eine Einsicht der Abgeordneten. Keine Einsicht, die dem einzelnen Delegierten erkennbar macht, dass er gefehlt, dass er sein Mandat für Fremdinteressen mißbraucht hat. So ein Maß an selbstloser Einsicht wollen wir nicht verlangen, zumal es unrealistisch wäre. Aber er soll dessen einsichtig werden, dass der Bürger wieder begriffen hat, um was es dieser Gesellschaft zu gehen hat. Um politische Teilhabe! Um penetrantes Einstehen für Bürgerrechte und soziale Ausgewogenheit! Um Mitwirkung in allen Fragen der Gesellschaft! Der Abgeordnete braucht Druck, er muß lernen, dass der Druck seiner Partei ein Kinderspiel ist im Vergleich zum Druck an seiner Basis, seiner Wählerschaft. Er ist ja immerhin nicht abgeordnet worden, um sich einen schönen Lenz zu machen und um mit den Kapitaleignern fein zu speisen. Das ist die Einsicht, die man seinem Mann im Parlament zukommen lassen muß.
L’Etat c’est moi! – Was dem ollen Louis zu Ehren gereichte, soll uns gerade gut genug sein. Man muß kein absolutistischer Herrscher sein, um das Absolut der Demokratie zu erkennen und hochzuhalten. Der Staat bin ich! Und Du! Wir alle! Wir müssen uns nicht fügen, nicht unterordnen denen, die den Staat als selbstlaufenden Mechanismus, als allesverschlingenden Leviathan umschreiben, um das Handeln der Machthabenden damit zu entschuldigen. Nein, der Staat ist jeder von uns. Und daher ist er kein Selbstläufer, den man nicht aufzuhalten imstande ist, den man nicht beeinflussen und in andere Richtungen zu lenken vermag. Wenn die Zeilen des Autors also belehren wollen – wenn er so dreist ist und sein Stück als Lehrstück an den Mann bringen möchte -, dann dahingehend, das Bewußtsein zu schüren, dass in jedem von uns, in jedem Wähler der Staat schlummert. Und nicht nur im Wähler, denn Kinder, die ja nicht wählen können, haben Interessen und ein Recht auf Umsetzung dieser Interessen; ausländische Mitbürger, die ja ebensowenig wählen dürfen, sind gleichermaßen Teil dieser Gesellschaft, sind am Staat teilhabend und müssen gehört werden – und nicht nur gehört, am besten lasse man sie ebenso zu Wählern werden! Nicht als Allmacht, sondern als Kooperation aller Bürger ist der Staat wahrzunehmen. Und dementsprechend sind wir der Staat – direkt und unmittelbar. Lassen wir uns also nicht auf das Abstellgleis gelegentlicher Wahlen schieben, sondern machen wir uns bewußt, dass alles, was unsere Vertreter gegen unseren Willen verabschieden, einem Angriff auf den Souverän gleichkommt. Einen Angriff auf uns Menschen innerhalb dieses Staates! „Wir sind das Volk!“, war zu wenig konkret, war offenbarend eine Verknappung dessen, was wirklich not tut. Denn ein Volk kann von einem entfesselten Staatsapparat verwaltet werden. Aber „Wir sind der Staat!“ ist eindeutig, enthebt uns der Lethargie des Verwaltetwerdens und macht uns zu mündigen Menschen, die eben nicht schweigen, wenn sie gegängelt und betrogen werden.

Dies soll also die Lehre sein, die dieser Ratgeber satirisch aufgreift. Eine Lehre, die eigentlich keine sein sollte. Eher eine Selbstverständlichkeit. Aber was ist in diesen Zeiten noch selbstverständlich?

Ende

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Journalismus in Leichenstarre

Donnerstag, 12. Juni 2008

Nach der unverzeihlichen Peinlichkeit, die sich der Stern einst, vor vielen Jahren, mit der Zelebrierung eines medial-sensationslüsternen Führerkultes und dem geplanten Aufbau eines Imperiums, in dem der Schriftsteller Hitler vermarktet werden sollte, kann man wohl kaum noch von einem aktuellen Niedergang dieses Magazins sprechen. Wo aber etwas niedergeht, war vormals etwas in der Höhe. Ein Magazin aber, welches jeglichen journalistischen Kodex von Ehrlichkeit, kritischer Recherche und objektiver Berichterstattung fallenläßt, um der nackten Sensationsgeilheit Raum zu verschaffen, kann keinerlei Höhen mehr für sich beanspruchen. Wenn in diesen Tagen der Stern danebengreift - derber danebengreift als üblicherweise -, dann ist es vorallem schmeichelhaft für die Redaktion, wenn Kritiker von einem aktuellen Niedergang dieses alterwürdigen Magazins sprechen. Ja, es muß den Stern-Machern ja geradezu wie ein Lob vorkommen, dass dieser Niedergang erst jetzt kenntlich wird - nicht schon vor Jahren bemerkt wurde.

Und so ist es unmöglich, das heutige Danebengreifen des Sterns als Anzeichen seines Niedergangs zu werten. Als Momentaufnahme deutschen Journalismus' kann man sein Tun aber dennoch betrachten. Der vielzitierte Niedergang des Stern ist vielmehr das Ausharren in Niveau- und Aussagelosigkeit des gesamten deutschen Journalismus'. Wenn also der heutige Stern über den Niedergang der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands berichtet, dabei einen Gesprächspartner seltsamster Art heranzieht und die üblichen, niederträchtigen Stimmungen schürt, dann beweist diese journalistische Leiche von 1983 nur, wie billig, oberflächlich und belanglos politische Berichterstattung veranstaltet werden kann, ohne dass die Leserschaft es als Anzeichen intellektueller Agonie bewertet. Der deutsche Journalismus kennt Tiefe, so ist es ja nicht. Freilich ist diese Tiefe weniger in der Recherche, im Stil oder im Inhalt der Berichte - also in Tiefgründigkeit - festzumachen, sondern vielmehr im Niveau auszumachen.

Ist die SPD zu retten? Und wenn ja: wie? Dazu befragt der Stern, man höre und staune, einen Werbe- und Vermarktungsexperten mit Namen Sebastian Turner. Angeblich eine Koryphäe seiner Branche, weil er für das Bundesland Baden-Württemberg ein originelles Werbesprüchlein ersonnen hat. "Wir können alles - außer Hochdeutsch!" - welch Innovation am Werbespruchhimmel!
Wir müssen auch gar nicht lange ins Interview hineinlesen, um zu erkennen, woher dieser Herr stammt. Obwohl diverse Demoskopen behaupten, dass die SPD nur noch 20 Prozent bei einer heutigen Bundestagswahl erlangen würde, glaubt Turner an die Partei. Argument: Die SPD ist als Produkt noch vermarktbar, weil der Marktanteil immer noch höher ist, als es sich ein Deohersteller vorstellen kann! Aha! Na dann... na dann ist ja eigentlich alles in Ordnung und mancher vertrottelte Sozialdemokrat hat sich da ernsthaft Sorgen gemacht! Und überhaupt: Wir haben es mit einem Produkt zu tun! Das wir uns da nichts vormachen! Ganz Verträumte meinten immer, es handele sich um eine politische Partei. Aber so darf man das heute nicht mehr sehen. Wir leben in Zeiten der Krämerseelen, die in allem ein Produkt wittern, das mit Adjektiven versehen werden muß, um es der Kundschaft schmackhaft zu machen. Es ist dabei auch vollkommen belanglos, ob die Eigenschaften, die man werbend herausputzt, zutreffen oder nicht. Man muß das Produkt an den Wähler anpassen. Ach was, Wähler! Kunde natürlich!
Mit Sozialismus, so Turner weiter, komme die SPD sowieso nicht weit. Wo er diesen erblickt, bleibt sein süßes Geheimnis und der Stern fragt auch nicht weiter nach, weil es ja unumstößliche Prämisse ist, dass die SPD unter Beck in den puren Kommunismus abgleite. Zwischendrin garniert der Werbefritze seine politischen Erkenntnisse mit den üblichen öffentlichen Vorwürfen gegen die LINKE, die ja ihren Sozialismus - auch da wird nicht beantwortet, wo er in den sozialdemokratischen Anflügen der LINKEN einen Sozialismus erkennt - nur aufbringt, um die Menschen einzulullen und sie dann zu enttäuschen. Letzterem mögen wir ihm natürlich beipflichten - dieses Mindestmaß an empirischer Erkenntnis müssen wir Turner schon zugestehen. Außerdem sei die LINKE gegen den EU-Vertrag und habe somit bewiesen, dass sie gegen das - Zitat - "Wohl des deutschen Industriearbeiters" stehe. Wo hat denn der Herr Werbefachmann solche Sprüche gelernt? Mit solch markigen Sentenzen haben schon ganz andere geworben! In welchen seltsamen Kategorien er denkt wird in jenem Moment offenbar, in dem er zukunftsweisend feststellt, dass sich eines Tages Historiker damit befassen würden, "inwiefern die Spaltung der politischen Linken das Ergebnis von zwei Männern auf Egotrip" sei. Als ob die Diskrepanz zwischen der LINKEN und der Sozialdemokratie auf einen Männerstreit zurückzuführen sei. So einfach kann man sich die Welt natürlich auch machen. Hauptsache es werden keine politischen Inhalte bemüht, um die Unterschiede beider Parteien kenntlich zu machen. Er weiß natürlich, dass man in dem Augenblick, in dem man die Inhalte der LINKEN aufgreift, diese von der Rolle des nationalen Teufels enthoben hat.
Nach allerlei Allgemeinplätzen und Werbeweisheiten gibt Turner bekannt, warum die SPD derart abgerutscht ist. Mit mehr Ideenreichtum in der Namensfindung von Reformpaketen, hätten die Sozialdemokraten womöglich keinen demoskopischen Untergang erleben müssen. Aber wenn man sein Paket "Agenda 2010" nennt, gebe man den Bürgern ja nichts von der SPD-Vision weiter, die ja in den Aktenordnern der Reformer schlummerten. Produkte nennt man doch nach Sehnsüchten der Kunden. Kein Waschmittelhersteller nennt sein Produkt nach der Farbe des Waschpulvers - "Aschgrau"! Nein, man weckt Sehnsüchte nach Reinheit und Weißheit - nach Weisheit nicht, sowas verkauft sich nicht - und nennt es den "Weißen Riesen"! Folgt man also der Turnerschen Einsicht, so hätte die SPD ihre sozialen Widerwärtigkeiten unter einem anderen Namen besser verkauft. Immer wieder nett anzusehen, wie herrlich eindimensional die Weltsicht diverser Herrschaften sein kann. Alle Kritiker, die der Partei vorwerfen, ihre Ideale verraten zu haben, täuschen sich! Es lag nur am Namen! Vielleicht wird man sich das eine Lehre sein lassen und die nächsten sozialen Schweinereien etwas lieblicher benennen: "Wir fühlen uns wohl"-Reformen 2020!"

Wie gesagt: Vom Niedergang kann nicht die Rede sein. Gemeinhin sterben Tote nicht nochmals. Aber es ist schon traurig, wenn man nachlesen muß, welch billiger Journalismus betrieben wird, um den Menschen vorzugaukeln, sie nähmen am politische Diskurs teil. Neil Postmans Medienanalyse von 1985 - "Wir amüsieren uns zu Tode" - ist aktuell wie damals. Aussagekraft, Mut gegen den Massenstrom zu schwimmen, deutliche Kritik, wohldurchdachte Gedanken: Das sind Vorstellungen, die mit dem heutigen Journalismus nicht mehr vereinbar sind. Da zaubert man lieber einen Werbetexter aus dem Hut, der die SPD mit seinen billigen Krämerweisheiten analysiert wissen will. Was soll denn da noch kommen? Ein Bäcker, der erklärt, wie man sich mit Mehl, Wasser und Eiern eine schwarz-gelbe Mehrheit backen kann? Ein Metzger, der beratschlagt, wie man den letzten arbeitsscheuen Schmarotzer verwurstet? Ein Erotiktherapeut, der aufzeigt, wie man mit zärtlichen Streicheleinheiten Merkel und Beck wieder zueinanderführt? Der Stern sollte sich jedenfalls vor diesen Vorschlägen nicht verstecken, denn tiefer geht es für ihn eh nicht mehr. Er hat nichts zu verlieren...

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In nuce

Dienstag, 10. Juni 2008

Nachdem bekannt wurde, was nicht hätte bekannt werden dürfen, nachdem Lidls krumme Touren an die Öffentlichkeit gelangten, war der Aufschrei riesengroß. Die Empörung manifestierte sich in einem neuen Kundenbewußtsein, welches den Menschen begreifbar machte, dass der Kunde die Wahl hätte, sich solcher Ausbeuter erwehren kann. Man müsse schließlich nicht bei Lidl kaufen, könne einen anderen Discounter wählen. Bereits vor Wochen wurde aber faßbar, dass dies eine romantische Vorstellung von Kundenmacht ist, wie wir sie in der Realität nicht mehr antreffen können. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn Lidl mit einem Umsatzplus von mehr als 20 Prozent aus seiner misslichen Lage heraustritt. Freilich heißt es, dass die höheren Preise den Umsatz hinauftrieben. Aber wahr ist auch: Hätte es einen ernsthaften Boykott gegeben, oder konkreter: hätte es die Voraussetzungen gegeben, einen solchen Boykott durchzuführen, ohne gleichzeitig einen anderen Ausbeuter in die Händen - und Taschen - zu spielen, so wäre ein Umsatzplus Lidls nicht machbar gewesen.
Man kann den Kunden gar keinen Vorwurf machen. Viele Menschen sind froh, wenn sie von ihrem kleinen Geld möglichst günstig Lebensmittel und Haushaltswaren einkaufen können. So bleibt ihnen nur die Möglichkeit, einen Lidl-Boykott zugunsten eines anderen Discounters zu führen. Soll der Kunde also seine Haushaltsartikel nicht mehr bei Lidl, sondern bei Schlecker kaufen, welcher seit Jahren für die Drangsalierung seiner Mitarbeiter bekannt ist? Oder Lebensmittel bei Aldi beziehen? Jenes Unternehmen, welches in ebensolcher Weise auffällig wurde?
Was aber in diesem Falle bleibt ist ein bitterer Nachgeschmack, ein trüb-kafkaeskes Empfinden. Der Kunde ist eben nicht König, kann jene, die sich als seine Untertanen anbiedern eben nicht frei wählen, bzw. kann lediglich eine freie Wahl zwischen gleichen Möglichkeiten tätigen, aber entkommt seinem Schicksal, sich zum Handlanger ausbeuterischer Methoden zu machen, nicht. Im Gegenteil: Er wird mehr und mehr zur Kooperation gezwungen, zum Objekt einer menschenfeindlichen Unternehmenskultur geformt...

Letzte Woche war es mal wieder so weit. Die BILD gegen Lafontaine und die LINKE! Ressortübergreifend wurde erneut eine Einheitsfront gebildet, um den Frechheiten Lafontaines Einhalt zu gebieten. Freilich fehlte auch Wagner nicht, der Lafontaine einen teuflischen Geistreichler und ein Vollblut nannte, sich wahrscheinlich dabei auf die Brust schlagend und sich selbst lobend, es diesem Neo-Kommunisten damit so richtig gegeben zu haben. Aber über das Stimmtisch-Halbblut - ich bin mir nicht sicher, bei dem was ich da oft lesen muß, ob da nur Blut im Kreislauf ist - wollen wir kein weiteres Wort verlieren. Viel interessanter ist da die Verfahrensweise Müller-Voggs, Lafontaines Auftritt bei "Anne Will" ins rechte Licht - das ist durchaus doppeldeutig gemeint - zu setzen. „Etwas bleibt immer hängen.“ Nach diesem Rezept handelt Oskar Lafontaine , der Chef der „Linken“. Angela Merkel , so seine Behauptung, „durfte in Moskau studieren. Das waren nur Linientreue.“ - Und dabei hat Lafontaine nur gesagt, dass sie durfte, nicht dass hat! Aber was kümmert es einen Müller-Vogg oder die BILD-Zeitung? Als ginge es um Wahrheit! Und damit das BILD-Bild abgerundet wirkte, mußte auch Nicolaus Fest noch nachlegen und DIE ZEIT bekritteln, weil sie sich erdreistete, ein gutes Haar an Gysi zu lassen. Mir scheint fast, in der BILD-Redaktion werden an solchen Anti-LINKE-Tagen wahre Wettbewerbe ausgefochten, wer denn bösartiger und vehementer gen "Kommunismus" schießen kann...
Was aber von den Massenmedien überspielt wurde, mit keiner Silbe Erwähnung fand, obwohl man gleichzeitig Gregor Gysi eines Verdachts wegen aburteilte, bleibt die Meldung des Schweizmagazins: "Die Deutsche Kanzlerin soll als Stasi-Mitarbeiterin an Bespitzelungen des ehemaligen DDR-Regimekritikers Robert Havemanns, im Jahr 1980 teilgenommen haben." - In diesem Falle fühlt sich die BILD nicht dazu animiert, sich nicht zuständig, es zu entkräften. Denn: Was nicht in der Zeitung steht, findet ja auch nicht statt! Für den deutschen Zeitungsleser findet somit eine mögliche Stasi-Mitarbeit der Merkel und eine offene Diskussion darüber nicht statt...

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Anne Will hat sich noch immer nicht entschuldigt!

Montag, 9. Juni 2008

Anne Will hat sich also entschuldigt, beugte sich dem Druck der öffentlichen Entrüstung. Will: "Wir haben die Verschuldung des Stadtstaates Berlin fehlerhaft dargestellt. Wir bedauern diesen Fehler und wollten dies natürlich gerne noch einmal klarstellen." - Den Berliner CDU-Fraktionsvorsitzenden Pflüger wird es freuen. Mit aller Macht strebte er ins Rampenlicht und nun wurde diese mediale Geltungssucht auch noch mit einem Erfölgchen belohnt. Um welche Fehler es genau ging, hat wohl für die Mehrheit der Zuschauer keine Rolle gespielt, war nur ein Beiwerk im ewigen Widerstreit der Parteien. Ein Streit, der stattfinden muß, damit das Wahlvolk ernsthaft glauben kann, in einem Land der Wahlmöglichkeiten zu leben. Dass sich alle Parteien den gleichen Vorstellungen markttreuen Vasallentums unterwerfen, diese Vorstellungen auch konkret in Parteiprogramme und - schlimmer noch - in die Gesetzgebung des Landes einbinden, soll mit solchem Parteigeplänkel unkenntlich gemacht werden. Aber unterlassen wir dies, denn von Interesse soll für uns nur sein, dass Anne Will reuig zu Kreuze kroch, des Pflügers medialen Amoklauf angstvoll zu dessen Ziel führte und damit - ob bewußt oder unbewußt - wieder einmal bewiesen hat, dass die Belange anderer, nämlich von der Gesellschaft ausgeschlossener Personen, keinerlei Widerhall in den Aufnahmestudios und den dazugehörigen Büros finden.

Warum? - Wills Fehlinformation zur Berliner Staatsverschuldung entsprang der Sendung vom 1. Juni 2008, doch eine Woche zuvor, in der Sendung vom 25. Mai 2008, wurde ein Fehler größerer Tragweite getätigt und der Protest, der sich übrigens nur leise und meist in Form diverser Weblogs äußerte, einfach weggefegt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Unter dem bezeichnenden Sendethema "Hungern muß hier keiner - Ein Land redet sich arm" (Man beachte: Hier wird nicht mal eine Frage gestellt, sondern sofort eine Behauptung zementiert!) wurde in bekannter Manier gegen Bezieher des Arbeitslosengeldes 2 gehetzt. Besonders menschenverachtend und aggressiv zeigte sich ein Gast der feinen Runde. Auftritt Rita Knobel-Ulrich: "Hartz IV alimentiert die Menschen ganz gut. Vater, Mutter und zwei Kinder bekommen 345 Euro pro Erwachsenen, 247 Euro pro Kind, plus Wohngeld, plus Heizung, plus Strom, plus Krankenversicherung. Das sind circa 2000 Euro im Monat. Das muss man erst mal verdienen! Ein Mann, der vielleicht der einzige Verdiener ist, der im Kindergarten den höchsten Satz zahlt, weil man sagt 'Du hast ja Arbeit', der jeden Tag sieht, dass seine Tankfüllung teurer wird, dem nicht angeboten wird, dass er ein Sozialticket für die U-Bahn bekommt, der muss mit diesen 2000 Euro ganz schön haushalten." - Man kann kaum in einem Satz abhandeln, was an diesen wenigen Zeilen gelogen, verdreht und manipuliert wurde. Wir versuchen es, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Zunächst erhält ein verheirateter Erwachsener keine 345 Euro - sie meinte zudem wohl 347 Euro, schon da wird meßbar, wie hier recherchiert wurde -, sondern 312 Euro. Die Regelsätze für Kinder betragen: 208 Euro für Kinder bis 13 Jahre; 278 Euro für Kinder ab 14 Jahre - woher ihre Zahlen zu den Regelsätzen bei Kindern stammen, bleibt rätselhaft. In den erstatteten Heizkosten sind nicht die Kosten für Warmwasserbereitung enthalten, denn diese sind bereits im Regelsatz mitgerechnet. Strom wird nicht erstattet, ist vom Regelsatz selbst zu bezahlen. Zudem, und dies hat Knobel-Ulrich gekonnt überspielt, wird das Kindergeld komplett angerechnet. Diese Frau spricht in voller Ernsthaftigkeit von 2000 Euro, die eine vierköpfige Familie im Monat bekäme. Dazu sei angemerkt, dass eine achtköpfige Familie (Eltern, vier Kinder bis 13 Jahre, zwei Kinder ab 14 Jahre) knapp über 2000 Euro erhält. Natürlich ist da noch die Unterkunft anzurechnen, aber dennoch zeigt dieser Vergleich auf, welche Zahlen der Wahrheit, welche der Knobel-Ulrichschen Phantasie entspringen und in welchen Relationen hier geschwindelt wird.
Eine Entschuldigung Wills blieb aber aus! Obwohl man durchaus von einer größeren Tragweite sprechen kann. Es ist tatsächlich schlimmer, wenn man die Lebenssituation von denen, die es sowieso schon schwer haben, wie eine paradiesische Insel innerhalb der Gesellschaft interpretiert, um Ressentiments zu schüren, als das Parteiengeplänkel um die Berliner Staatsverschuldung falsch darzustellen. Und wenn man die "Berichterstattung" zum Sozialthema so gestaltet, dass man damit Stimmung erzeugt, die Bezieher von Arbeitslosen 2 brandmarkt und vorverurteilt, dann ist es nicht nur von größerer Tragweite, sondern schlicht unethisch und - man verzeihe mir - kriminell. Zur Volksverhetzung ist es da nicht mehr weit, wenn sie nicht gar schon erreicht ist.

Nun könnte man freilich festhalten, dass es nicht Anne Will selbst war, die in besagter Sendung Fehlinformationen verkündet hat. Immerhin sprach Rita Knobel Ulrich in dieser fehlerhaften und ressentimentschürenden Weise. Dem ist aber entgegenzusetzen, dass man davon ausgehen darf, dass die verlesenen Zahlen zum Berliner Staatshaushalt sicher ebensowenig von Will selbst recherchiert wurden, sondern von einem oder mehreren Mitarbeitern der Redaktion der Sendung. Wenn sie sich also für die falsche Recherche ihrer Mitarbeiter entschuldigt - und sie entschuldigte sich ja gestern nicht für sich selbst, sondern sprach von einem Wir -, warum dann nicht ebenso für falsche Recherche eines Gastes? Außerdem hätte eine kluge und redegewandte Journalistin - als die sich Anne Will ja selbst sieht - spielend die Zahlen Knobel-Ulrichs widerlegen können, ohne stundenlanger Recherche im Vorfeld. Die Zahlen sind für jene, die sich damit befassen - und ich gehe optimistisch davon aus, dass sich jemand, der eine solche Sendung leitet, viel und oft damit befaßt -, durchaus bekannt und hätten eigentlich sofort zum Widerspruch animieren müssen. Anne Will hätte sich also durchaus dafür entschuldigen können, dass sie ihrer Rolle als Moderatorin und Journalistin an diesem 25. Mai nicht gerecht wurde, da sie nicht eingeschritten sei und damit den Eindruck erweckt habe, nichts gegen Stimmungsmache gegen Erwerbslose zu haben. Außerdem, man möge die naiven Ansicht verzeihen, hat jemand, dessen Sendung seinen eigenen Namen trägt, für alles Gesagte und Getane innerhalb dieser, die Verantwortung zu übernehmen. Die Blogger dieser Erde wissen ein Lied davon zu singen. Sie tragen für jeden Kommentar, den sie auf ihrer Seite zulassen, die Verantwortung, werden sogar dafür gerichtlich belangt, sofern das Geschriebene eines Fremden gegen ein Gesetz verstößt.

Wird sie sich beugen? Wird sie sich in der nächsten Sendung für das dreiste Auftreten Knobel-Ulrichs entschuldigen? Das Ansehen von Millionen von Erwerbslosen damit ein wenig geraderücken und wiederherstellen? - Man darf befürchten, dass sich der Springer-Konzern nicht in jener Weise stark machen wird, wie im Falle der falschen Darstellung der Berliner Staatsverschuldung. Außerdem verfügt die Masse der Erwerbslosen, die mehr und mehr einer Pogromstimmung ausgesetzt wird, nicht über einen bissigen Kettenhund, wie die Berliner CDU. Würde nur eines der bedeutenden Magazine dieses Landes, würde sich gar die BILD dafür einsetzen, wir würden am Sonntag eine devote Will erleben, wie sie sich beugt vor dem Druck der Printmedien, wie sie sich windet vor dem Angesicht der Erwerbslosigkeit, wie sie ihre unterlassene Intervention entschuldigt! Aber so, alleine mit der Wahrheit und dem Mut der ethischen Entrüstung, ist von Anne Will keine Entschuldigung zu erwarten. Und was würde es auch nützen, wenn in einer der nächsten Sendungen jemand wie Clement, der von Parasiten sprach und spricht, oder Oswald Metzger, der von kohlenhydratfressenden Alkoholikern fabulierte, auftritt?

Nein, Anne Will hat sich am Sonntag nicht entschuldigt, sondern nur dem Druck der Medien gebeugt. Und selbst wenn ihr nur ein Funken aufrichtigen Entschuldigens innewohnte, so hat sie sich doch nur bei einer kleinen Elite der Berliner CDU entschuldigt. Millionen von Erwerbslosen aber, nachgerade auch viele Millionen Aufstocker, blieben aber geschmäht und falsch dargestellt. Da saß sie diplomatisch-staatsmännisch in ihrem Stuhl, richtet ihr Wort an die Zuseher und entschuldigt sich bei einer auserwählten Elite. Millionen aber bleiben mundtot gemacht am Rande stehen. Millionen Erwerbslose, die durchaus auch Zuschauer ihrer Sendung sind. Und diese Dame entschuldigt sich bei einem erlesenen Kreis Berliner Politiker! Und tut dann auch noch so, als entschuldige sie sich beim geliebten Publikum. So weit sind wir also schon...

Nochmals: Anne Will hat sich nicht entschuldigt. Die Entschuldigung steht noch aus!

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Sit venia verbo

Samstag, 7. Juni 2008

„Ich muss wirklich lachen, wenn ich das FBI über Al Qaida als Organisation von Bin Laden reden höre. Es ist eine ganz simple Geschichte: Wenn Bin Laden Leute aus Saudi-Arabien oder Kuwait empfing, tat er dies im Gästehaus in Peschawar. Von dort zogen sie auf die Schlachtfelder und kehrten zurück, ohne Dokumentation... Dann wurde er bedrängt von besorgten Familien, die nach ihren Söhnen fragten – und er wusste es nicht, weil es keine Aufzeichnungen gab. Also ließ er seine Leute in Peschawar Listen über jeden Araber führen, der unter seine Schirmherrschaft kam. Es wurde der Ankunftstag aufgezeichnet, und wie lange sie blieben – manche nur für zwei oder drei Wochen, um dann wieder zu verschwinden. Diese Aufzeichnungen, diese Dokumentation, wurde Al Qaida genannt. Das ist Al Qaida, überhaupt nichts Geheimnisvolles, keine Organisation wie eine Terrororganisation oder eine Untergrundgruppe. Für seine eigene Gruppe hat er meines Wissens nie diesen Namen benutzt. ... Al Qaida ist nur die Liste all der Leute, die irgendwann in das Gästehaus in Peschawar kamen.“
- Saad al Faghi, in den Achtzigerjahren Arzt in Afghanistan, entnommen dem Buch von Jürgen Elsässer "Wie der Dschihad nach Europa kam" -

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Mein Abgeordneter - Teil 4

Fortsetzung vom 1. Juni 2008
Teil 2 vom 29. Mai 2008
Teil 1 vom 28. Mai 2008

Schritt 4: Der mündige Bürger hat mehr Eigeninitiative zu zeigen!


Das alles war bisher ganz nett anzusehen. Sicher hatten wir unsere Freude an seinem genervten Auftreten, seinen manchmal verständnislos wirkenden Gesichtszügen. Aber da man den Bürgern unserer Gesellschaft immer wieder eintrichtert, dass Stillstand ein stillschweigender Rückschritt ist, wollen wir uns also gar nicht erst ausruhen. Der Fortschritt unseres politischen Engagements und das Wachstum seiner Not sind unsere nächsten Ziele. Es sei nochmals daran erinnert, dass wir ihm nichts Schlechtes wollen. Freilich liest es sich nicht freundschaftlich, wenn wir seine Not anwachsen lassen wollen, aber wir tun das alles im Sinne politischer Mündigmachung unseres Delegierten. Wir wollen nur sein Bestes, auf keinen Fall – so wie es böse Zungen verkünden – wollen wir ihm nachstellen oder ihm auf Raten an den Kragen. Sowas müssen wir uns auch nicht nachsagen lassen, nur weil wir uns intensiv mit unserem Mann im Parlament auseinandersetzen.
Nun wird es aber höchste Zeit, uns über das Abstimmverhalten unseres Mannes, aber auch über seine An- und Abwesenheitszeiten im Parlament, zu informieren. Das Internet bietet dort vielfältige Informationsmöglichkeiten, die wir als mündiger Bürger auch nutzen werden. Auf keinen Fall werden wir Abwesenheiten wortlos hinnehmen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine wichtige Abstimmung oder um eine Formalie handelt. Immerhin wollen wir an allen Entscheidungen in diesem Lande teilhaben. Wie aber soll das gehen, wenn unser Mann nicht vor Ort ist? Doch wir schelten ihn nicht, sondern nutzen den Zaunpfahl: „Waren Sie krank?“ Verneint er das, so werden wir ihm einen verständnislosen Blick zuwerfen. Nach einer Weile bieten wir an, ihn zukünftig in Hohen Haus zu vertreten, wenn er verhindert sein sollte. Schließlich sei es doch nur eine Unwesentlichkeit, ob nun die Vertretung dort ihr Mandat erfüllt oder die Hauptperson selbst erscheint. Da es uns an Zeit mangelt, haben wir einen Vertreter gewählt. Wenn nun dieser keine Zeit hat, werden wir in jenem Moment nicht angehört. Gleichfalls lassen wir sein Abstimmverhalten nicht kritiklos über die Bühne wandern. Sollte es – wie es nicht selten vorkam in den letzten Jahren – so sein, dass die meisten Menschen eine Reform oder ein Gesetz nicht wollen, weil sie es vielleicht als Spionageakt gegenüber ihrem Privatleben, als Existenzvernichtung oder gar als blanke Dummheit ansehen, und unser Mann an der Quelle stimmt trotzdem dafür, sollten wir ihn festnageln und mit sokratisch-naiven Fragen traktieren. Nein, wir wollen ihm nicht drohen. Wir wollen ihn nur verstehen.
Da es uns alle verärgerte, als die Mehrzahl der Abgeordneten Bespitzelungsattacken gewährt hat, sollten wir diesen Herrschaften aufzeigen, wie sehr wir diese Schnüffelei verachten. Wenn also unser ehrenwerter Mann wider Erwarten Gegenstand einer Klatschkolumne werden sollte, weil er seine Gattin betrogen hat, ein gleichgeschlechtliches Sexualleben führt oder perverse Kopulationspraktiken mit Honigmelonen ausübt, verfallen wir nicht ins Moralisieren und Schelten seiner Person, sondern halten die ganze Prozedur des Breittretens seiner Privatheit für unmoralisch. Dennoch verbitten wir uns, dass er seine von uns verliehene Aufgabe, die er ja nicht gratis, oft aber umsonst tut, mit solchen Nebensächlichkeiten vernachlässigt. Gleichermaßen verbitten wir uns, dass er unseren guten Namen als unbescholtenen Bürger und folglich Wähler, durch seine privaten Eskapädchen in Verruf bringt. Zuweilen ist auch er von unseren Eskapaden erschüttert, wenn er uns beispielsweise unterstellt, täglich mehrere Stunden mit Biertrinken und Kohlenhydratessen zu vertrödeln. Auch er wettert dann, fühlt sich in Verruf gebracht, weil seine Schäfchen verfehlen. Tun wir es ihm gleich!

Fortsetzung folgt...

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De dicto

Donnerstag, 5. Juni 2008

"Diese Fotomontage ist ein einziger Skandal, absulut unterirdisch. Ich hoffe, dass die polnische Regierung angemessen darauf reagiert."
- Diverse Medien, Peter Danckert am 5. Juni 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Groß ist der Aufschrei nach der Fotomontage der polnischen Zeitung "Super Express". Da wurde Polens Nationaltrainer Beenhakker als Henker dargestellt, der die abgetrennten Köpfe von Ballack und Löw durch die Gegend trägt. "Leo, bring uns ihre Köpfe", titelt es darüber. Es ist durchaus legitim, wenn man so eine Abbildung für geschmacklos hält und darüber seinen Unmut bekundet. Soweit kann man Danckert und denen, die vom Stammtisch aus gen Osten wettern noch zustimmen. Doch werden solcherlei Ausuferungen hierzulande gerne einseitig betrachtet und ähnliche Fälle "aus dem eigenen Nest" ignoriert.

Ausuferungen, die der polnischen Guillotine in nichts nachstehen, gab es am Wochenende. Diesmal diesseits der Oder. Und wo sonst, wenn nicht in der BILD? In großen Lettern motzt sie: "Zu viele Deutsche im Hotel - Brite kriegt Schadensersatz!" Und dann leitet man den faden Artikel, indem man die Briten so anspricht, wie einst der Landser: "Liebe Tommies,..."! Was dann folgt ist eine erlogene Geschichte, in der man die Wahrheit extrem dehnt und so zurechtrückt, dass das Skandälchen geboren ist: Einem Briten wurde demnach von einem Gericht Schadensersatz zugesprochen, weil in seinem Urlaubshotel zuviele deutsche Touristen wohnten. Richtig hätte man diesen banalen und wenig berichtenswerten Fall mit kurzen Worten so erklärt: Eine britische Familie buchte einen Urlaub in Griechenland. Im Reiseprospekt wurde mit Angeboten geworben, die die Touristen vor Ort besuchen könnten. Dumm nur, dass der Reiseveranstalter nicht in sein Prospekt schrieb, dass diese Angebote vornehmlich in deutscher Sprache stattfinden, weil die Mehrzahl aller Touristen dort eben Deutsche sind. Dagegen, dass diese Information vorenthalten wurde, klagte die britische Familie und bekam vor Gericht recht. Ein Fall, wie er sich hierzulande tausendfach finden läßt.

Doch die BILD-Zeitung stellt den Fall anders dar und legt nach mit einer wahren Kanonade von Ausuferungen, wie sie sich keine Tageszeitung leisten dürfte, die sich ernsthaftem Journalismus verschrieben hätte. Aber wenn man die Volksseele zu Kochen bringen will, dann ist bekanntermaßen alles erlaubt. Dort heißt es unter anderem: "Knallrotes Gesicht, wabblig-weiße Bierbäuche, raspelkurze Haare - der britische Standardtourist ist meilenweit zu erkennen und wahrlich kein schöner Anblick." Oder: "Saufen, grölen, pöbeln - wer das Pech hat, in einer britischen Urlaubshochburg zu landen, wähnt sich schnell in der Hölle." Eingeleitet werden diese Frechheiten folgendermaßen: "Liebe Briten, listen carefully: Wir Deutschen erklären euch jetzt mal, warum wir nicht nur Schadenersatz, sondern sogar Schmerzensgeld verdient haben, wenn wir die kostbarste Zeit des Jahres ausgerechnet mit euch teilen müssen." Nachher ergießt sich BILD auch noch in den ewigen Klischees um den Fußball. Spottet nach einer Reihe von unangebrachten Beleidigungen der Nicht-Teilnahme der Engländer bei der Europameisterschaft. Wenn man sich nun vorstellt, dass diese Ausuferungen zudem auf einer Lüge der BILD gründen, muß man sich wirklich an den Kopf fassen und sich dabei fragen, wie flach man eigentlich vorgehen muß, um die Volksseele pünktlich zur Europameisterschaft hochkochen zu lassen. Hätte Danckert, auch gerade nachdem die BILD die EM bemühte, um gegen England zu stänkern, nicht ebenso eingreifen und von "unterirdischen Skandalen" sprechen sollen? Seine Funktion als Vorsitzender des Bundestags-Sportausschusses hätte dies sicherlich gerechtfertigt. Wobei unsere Funktion als Mensch, dem ein Mindestmaß an Vernunft innewohnen sollte, schon ausgereicht hätte, um die Unverschämtheiten aus dem Hause Springer anmahnen zu müssen. Dazu muß man keine funktionslose Funktion haben, wie Danckert sie auf seinem Briefkopf stehen hat.

Bevor ich es vergesse: Der Zufall wollte es, dass ich heute zwei Beiträge verfaßt habe, die direkt oder indirekt mit der Welt des Fußballs zu tun haben. Ich lege aber größten Wert darauf zu erwähnen, dass mir die Europameisterschaft keinerlei Interesse abringen kann. Die Aufstachelungen und das Schwenken nationaler Lumpen in allerlei Staatsfarben, liegt mir wenig am Herzen. Außerdem lebe ich weniger in Deutschland als in Ingolstadt. Daher ist mir die deutsche Nationalelf gelinde gesagt gleichgültig, während ich doch noch ein Auge auf den örtlichen Verein werfe.

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Der Preis der Zweitklassigkeit

Die kommende Fußball-Saison wird meiner Heimatstadt Zweitligafußball bescheren. Am vergangenen Samstag war der Aufstieg vollbracht. Nach 27 Jahren der Dritt-, Viert- und Fünftklassigkeit, wird erstmals wieder ein Ingolstädter Klub im bundesweiten Fußballgeschehen mitmischen. Nach der Fusion 2004, die aus den beiden Urgesteinen - den MTV Ingolstadt und den ESV Ingolstadt - eine gemeinsame Fußballabteilung formte, ist dies sicherlich ein schneller, in Ingolstadt vorher kaum vorstellbarer Erfolg. Und tatsächlich äußerte sich dieses überraschende Abschneiden, das sicherlich auch mit der Verpflichtung von Trainer und Ex-Bayernprofi Thorsten Fink zu tun hat, in einem ausverkauften Stadion und - für Ingolstädter Verhältnisse - in einer grenzenlos euphorischen Stimmung. Doch obwohl auch ich am letzten Samstag im Stadion miterlebt habe, was ich mir als kleiner Junge und später als Jugendlicher immer erwünschte, mir aber gleichzeitig nicht vorstellen konnte - dass es nämlich in meiner Heimatstadt eines Tages bundesweit beachteten Profifußball gäbe -, wird meine Freude überschattet.

Dieser Schatten macht sich an einer Person fest - Peter Jackwerth. Diesem Mitglied des Aufsichtsrates, der seit geraumer Zeit der potente Geldgeber und damit Vater des Ingolstädter Fußballerfolges ist, wird der Aufstieg gutgeschrieben. Weil er gab, gab es Erfolg - so die einfache Schlußfolgerung, die nicht einmal falsch sein wird. Jackwerth gründete 1992 sein Unternehmen TUJA, welches er im Juni 2007 für 800 Millionen Euro an Adecco weiterreichte. TUJA beschäftigt 7000 Mitarbeiter in Deutschland und erzielte im Jahr 2006 einen Umsatz von 650 Millionen Euro. Der vollständige Name von Jackwerths mittlerweile ehemaligem Unternehmen verrät die Branche: TUJA Zeitarbeit GmbH. Freilich versteht es sich von selbst, dass die "Lichtgestalt des Ingolstädter Fußballs" auch seines Zeitarbeitsprojektes gelobt wurde. Immerhin schuf er Arbeitsplätze! Welche das genau sind, spielt für die Öffentlichkeit keine Rolle. Kein Wort über die Hungerlöhne, die er noch als großzügiges Geschenk an seine Angestellten proklamiert; auch kein Wort darüber, wie Menschen heute hier und morgen dort eingesetzt werden, wie es gerade beliebt; ebensowenig darüber, dass es Fälle gibt, in denen Arbeitnehmer aus sogenannten Normalarbeitsverträgen entlassen wurden, um danach bei einem Unternehmen wie TUJA angestellt zu werden, damit man die vorher getätigte Arbeit für weniger Geld vollbringt - nicht selten für 50 Prozent weniger Lohn! Es interessiert die Öffentlichkeit schlicht nicht, ob solche Arbeitsverhältnisse den Menschen nihilieren, weil der Entleiher keinerlei Verantwortungs- und Fürsorgepflichten mehr übernehmen muß und den Arbeitenden damit zu einem Produkt, nämlich zu einem bloßen Träger von Arbeitskraft, degradiert. Und ebensowenig, vielleicht noch weniger, interessiert es sie, ob man von einem solchen Auswuchs zeitgemäßer Sklaverei satt wird, menschliche Bedürfnisse befriedigen kann. Sie will nur sehen, dass es Arbeitsplätze gibt, die es ohne diesen Parasiten, der sich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer schob, angeblich nicht gäbe. Schafft er denn Arbeit? Oder schafft er sich nur eine Nische, in der er für die Arbeit anderer Menschen mitkassiert?

Dies also ist das verherrlichte Räuberbaronat des Ingolstädter Helden. Und noch in jenem Moment, da ich die heimatlichen Freuden eines Kindes seiner Stadt genoß, nach Pilgerschaft zur Stätte des Aufstiegs jubelierte, den Messias selbst auf dem Spielfeld Weißbier verschütten sah, erschlug mich die Gewißheit, mich mit meiner Ausgelassenheit schuldig gemacht zu haben. Ich sah jene, die im relativen Elend ihrer schlecht bezahlten Arbeitsgelegenheit schwitzen, die sich von den Machenschaften der TUJA-Disponenten dransaliert wissen. Womöglich hat der Eintritt ins Stadion mehr gekostet, als eine dieser zur puren Arbeitskraft verwandelten Personen in einer Stunde überhaupt verdient. Meinem Jubel wohnte Selbstkritik inne und es belastete mich auch in den Folgetagen nicht schlecht. Natürlich war ich nicht so blind, vereinzelte TUJA-Banden und Werbeplakate innerhalb des Stadiongeländes nicht zu sehen. Und überhaupt war ich sicherlich nicht naiv genug, um zu glauben, großer Sport - oder das, was uns als das verkauft wird - könne aus der Kaffeekasse bezahlt und von ethisch reinen Charakteren gelenkt werden. Freilich war es die Euphorie, die mich unkritisch werden ließ. Gleichzeitig aber auch die Erfahrung und "fußballspezifische Ingolstädter Konditionierung", die mich dahingehend prägte, im FC Ingolstadt immer noch den beschaulichen, provinziellen Landesligaverein zu erblicken, an dessen Stadioneingang einst ein einsamer Kassenwart saß, der womöglich in jüngeren Tagen seines Lebens mehr Geliebte und Gespielinnen besessen hat, als er an manchen Spieltagen Zuschauer bedienen mußte. Aber bewußt ist mir auch, bei aller Freude, die ich an meinem Heimatverein festmachen muß, dass Bundesliga-Fußball nur mit Geld betrieben werden kann. Vorbei die Zeiten, in denen ein Volker Finke eine Jugendmannschaft wie den damaligen SC Freiburg in die Bundesliga führt, um dort auch noch einen dritten Platz zu belegen. Heute sind die Hoffenheims in Mode!

Ich wollte schneller zum Punkt kommen, flotter formulieren, welcher Zwiespalt in mir herrscht. Doch plagen mich hierzu zu viele Gedanken, die mich auf das zurückwerfen, was ich vor Wochen bereits schrieb. So wie der entrüstete Lidl-Kunde meinte, er würde durch Boykott und das Verlagern seines Einkaufs zu Edeka, Aldi oder wem auch immer, aufzeigen können, dass er in seiner Stellung als Kunde Wahlmöglichkeiten hat - also durchaus König ist, wie man ihm das gerne unter die Nase reibt -, so muß ich erkennen, dass man dem Kommerz und den Räuberbaronen gar nicht entkommen kann. Wir sind in eine Welt hineingeworfen, in der wir - ob als Kunden oder Angestellte, ob als Eltern oder Lehrer, ob als Regionalpatrioten oder Kosmopoliten, ob als Freund des Sports oder als trockener Geschäftsmann - immer ein verdecktes, unterschwelliges, nicht bekanntes, nicht faßbares, nicht wissendes und manchmal nicht zu wissen wollendes Verbrechen begehen. Wir sind verstrickt in die Machenschaften dieser Herrschaften, egal ob wir auf dem Weg zur Arbeit sind, im Supermarkt einkaufen oder auch nur in ein Fußballstadion marschieren. Einmal beuten wir Menschen in den Entwicklungsländern aus, morden vielleicht sogar indirekt, um zwei Stunden später unseren Nachbarn, der bei einem Zeitarbeitsparasiten schuftet, vor den Kopf zu stoßen. Und die Perversität dessen, was wir mit Adorno als das "schlecht Gegebene" bezeichnen sollten, wird erst daran meßbar, wenn dieser Nachbar es noch nicht einmal begreift, dass der Besuch eines TUJA-gesponsorten Vereins eine Brüskierung und Herabwürdigung seines Menschseins ist. Dass mit der Zelebrierung des generösen Sponsors, der durch sportlichen Erfolg zum Heiligen ernannt wurde und einen Altar gebaut bekommt, eine Verschwendung seines erwirtschafteten Gewinns - dasjenige also, was sich die Jackwerths dieser Welt einstecken, wenn andere für sie produzieren und dienstleisten - und eine Schmähung derer ist, die Tag für Tag für eine solche Kapitalismus-Kreatur schwitzen und bluten. Vielmehr hofft der durch Hungerlohn Gepeinigte noch, dass möglichst viele Menschen erscheinen, die seinem Brotgeber Jackwerth neben der Bestätigung auch noch eine vollere Brieftasche bescheren, von der sie wiederum hoffen, Standortsicherheit und Nachhaltigkeit ableiten zu können. Getreu dem irrsinnigen Motto: Wenn es den Jackwerths gut geht, geht es auch mir gut! - Eine Perversität der Massengesellschaft, die sich als absoluten Punkt die Profitgier gesetzt hat. Dies führt so weit, dass am Ende geglaubt wird, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Kapitaleigner und die von ihnen angestellten an einem gemeinsamen Strick zögen, auf ein gemeinsames und über jeden Zweifel erhabenes Ziel hinarbeiten. Partikularinteressen werden verschwunden gemacht, aus jeglicher Diskussion verbannt und in das angeblich längst vergangene Zeitalter sozialromantischen Klassenkampfes verlegt. Die Gesellschaft kommt als Vereinigung hervor, nicht mehr als Zweckgemeinschaft, in der ein Staat zu regeln und zu moderieren hat, um die verschiedenen Partikularinteressen zueinanderfinden zu lassen. Der Ausgebeutete betet seinen Ausbeuter an und sofern er sich auch noch in seinem Sport als Gönner und Mäzen erweist, wird aus dem stillen Gebet ein lautes Hallelujah.

Während man sich auch so sein Weltbild gerechtschwafeln kann, bleibt für mich die Frage offen, wie und wo man sich schadlos halten kann an der Verworrenheit amoralischer Abläufe innerhalb dieser Welt. Nicht einmal die Freude über einen Zweitligaaufstieg ist einem vergönnt. Denn hinter jeder harmlosen Freude, so lehrt uns die Erfahrung, sitzt jemand, der mit zweifelhaften Methoden der Selbstbereicherung frönt...

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BILD informiert!

Mittwoch, 4. Juni 2008

Seit geraumer Zeit wirbt die BILD-Zeitung damit, leider erst seit 1952 berichten zu dürfen. Gewagt könnte man das nebenstehende Plakat derart interpretieren, dass deshalb der Untergang der Titanic nicht verhindert werden konnte. Doch - ich traue es mich fast nicht zu sagen - die BILD hat 1912 doch davon berichtet! Diesbezüglich liegen mir Unterlagen vor. Wie diese Unmöglichkeit sein kann, weiß ich nicht in vollster Gewißheit zu beantworten. Wohl aber wie mir die Dokumente, d.h. die BILD-Ausgaben jenes Jahres, zugespielt worden sind. So begab es sich, dass ein stark verwirrter Mann sie mir übergab, dabei von Zeitreisen und Axel Springer und allerlei anderen Seltsamkeiten sprach, die gemeinhin keinerlei Zusammenhang zu haben scheinen. Meine Erklärung muß daher spekulativ bleiben. Womöglich handelte es sich um einen zeitreisenden Wissenschaftler des 24. Jahrhunderts, der Axel Springer seiner Zeit entrissen hat, um ihn einige Jahre vorher wieder auszulassen. Somit gründete Springer seine GmbH nicht erst 1946, sondern irgendwann vor 1912. Vielleicht sind die mir zugespielten Dokumente lediglich Relikte aus einer anderen, uns vollkommen unbekannten Zeitlinie, deren Echtheit wir in unserer Linie nie beweisen können. Doch wir wollen uns nicht mit dem Wie und Woher aufhalten, sondern kurz dokumentieren, wie die BILD seinerzeit vom 14. April 1912 - der Tag des Untergangs - berichtete, wie sie die Leserschaft informierte. Aber bevor ich beginne, sollten wir in uns gehen und aufrichtig gegenüber uns selbst sein und zur Sprache bringen, was sich uns im Innersten aufdrängt: Wir haben nie wahrhaft geglaubt, dass es eine Zeit vor BILD gab!

Bereits im Vorfeld berichtete man ausführlich über die Titanic. Einige Tage nach Fertigstellung des Ozeanriesen hieß es in der BILD: "Wir Europäer haben der Welt eine technische Meisterleistung geschenkt. Heute können wir nicht mehr behaupten, dass es die Engländer alleine waren, die dieses Schiff erbaut haben. Es waren alle Europäer, vereint im Fortschritt. Die Völker der Erde ziehen vor uns den Hut!" Und: "Jetzt kann man auf dem Ozean so bequem reisen, wie in einer Eisenbahn. Der Große See ist uns nun Untertan! Wir Menschen sind Ozean!" Am Tag der Jungfernfahrt brachte BILD zwei Doppelseiten zum - Orginalzitat - "einmaligen Weltereignis". Wie recht die BILD mit dieser Einmaligkeit hatte, wußte sie, obwohl sie sonst immer alles weiß, leider noch nicht. Schon Wochen vor dem Großereignis wurde über den enthemmten Luxus an Bord geschwärmt: "Werden Guggenheim und Astor das bordeigene Freudenhaus besuchen?" BILD-Fräuleins in knapper Bekleidung lächelten von der Vorderseite und wußten wochenlang nur zu sagen: "Ich fahre mit und angel' mir einen Millionär!"
Schon einen Tag nach Antritt der Jungfernfahrt, am 11. April 1912 also, trieb die BILD-Zeitung die Titanic - und namentlich Kapitän Smith - an, das Blaue Band für die schnellste Überquerung des Atlantiks zu gewinnen. Im überschwänglichen Artikel heißt es: "Schneller Titanic! Schneller! Wir wären enttäuscht, wenn so ein Luxusschiff nicht mindestens auch noch eine solche Kleinigkeit wie das Blaue Band gewinnt." Dabei wird der Direktor der White Star Line, Bruce Ismay, zitiert: "Ja, wir wollen das Band!" BILD erhob diesen Herrn darauf zum Sieger des Tages: "Soviel Wagemut gefällt uns!"
Ein gewisser Chefkolumnist Freiherr von Wagner romantisierte: "Wenn die Titanic eine Frau wäre, würde sie Erotik ausstrahlen, vor der ich nicht haltmachen könnte. Du, Titanic, wirst auch in hundert Jahren noch die erotischste Dame der Weltmeere sein." Ein anderer Kolumnist, Freiherr Müller von Vogg sah alles etwas politischer und meinte, dass man so eine technische Höchstleistung nur in einem Land entwickeln könne, welches so wie Großbritannien seine Gewerkschaften und sozialistischen Parteien kleinhält. "Der bitterböse Kommunismus im Deutschen Reich läßt Titanicen aller Art und Größen gar nicht zu!" Aber dennoch sei die Titanic eine "europäische Wunderbarkeit" und die Engländer müßten das einsehen, dürften diesen Erfolg gar nicht für sich alleine beanspruchen. "Wir sind doch völkisch verwandt!"

Am 16. April 1912, mit einem Tag Verspätung, berichtete die BILD dann vom großen Unglück. Irrtümlich dachte man, alle Passagiere seien ums Leben gekommen. Der Bericht erzählt minutiös: "Ein dumpfer Schlag! Allen ist schlagartig klar, dies muß ein Eisberg gewesen sein! Panik bricht aus! Das Pack in den unteren Abteilen will sich auf Kosten der Leistungsträger ins Obergeschoß retten. Tumult bricht aus. Schüße! Blut! Innerhalb von zehn Minuten ist der Spuk vorbei. Die Titanic liegt auf dem Grund des Ozeans. Wir alle sind fassungslos." Namhafte Reichstagsabgeordnete erklären in BILD, dass man nun uneingeschränkt Mitleid mit den Engländern haben müsse. Überhaupt: Schon einen Tag später fragt die BILD, ob dieses Unglück geschehen wäre, wenn das Schiff ein deutsches Produkt gewesen wäre. "Made in Germany haben die Briten als Warnplakette erfunden, um unsere deutsche Ware als billigen Ramsch zu kennzeichnen. Vor einigen Tagen wären sie froh gewesen, wenn sie unter dem Schlagwort Made in Germany hätten reisen dürfen!", urteilte Müller von Vogg. Gleichzeitig aber ein Lichtblick. Der Aufmacher am 17. April 1912 lautet: "Ein Wunder! Es gibt Überlebende! Tragödie mit Herz!" BILD-Kommentator Nicolaus von Fest erklärt, dass man die "Eisberg-Story" nicht für bare Münze nehmen sollte. "Man muß davon ausgehen, dass die Sozialisten der Erde eine ganz große Sauerei vertuschen! Der BILD liegen Fakten vor, wonach das Schiff sank, weil Sozialisten an Bord das Steuer übernommen haben." Man müsse nun einsehen, so fuhr er fort, dass wer kein Schiff steuern kann, erst recht kein Staatsschiff zu lenken weiß. "Die Titanic-Tragödie zeigt, dass die Jünger Marxens wahre Verbrecher sind!"

Wiederum einen Tag später wußte die BILD einen Schuldigen zu benennen, wenngleich man noch "vorsichtig" danach fragte. Der Direktor der White Star Line, Bruce Ismay, soll Kapitän Smith gedrängt haben, noch schneller den Atlantik zu überqueren. Das Blaue Band wäre die Krönung der Titanic-Erfolgsgeschichte. BILD meint: "Verantwortungslos!" Zudem wurde der Leserschaft mitgeteilt, dass Ismay ein engstirniger, arroganter und selbstsüchtiger Geschäftsmann ist. "Ein typisch englischer Snob!" Chefkolumnist von Wagner ließ es sich nicht nehmen, über Ismay zu schreiben: "Lieber Bruce Ismay, Sie sahen wie der sichere Sieger aus, wollten schnell sein, obwohl die Öffentlichkeit davon abriet. [...] Sie widern mich an! Das Teuflische an Ihnen ist, dass Sie so unscheinbar aussehen. Wären Sie eine Frau, ich würde auf Sie hereinfallen, aber dann eines Tages bemerken, dass ich neben einer Teufelin erwache." Fazit der BILD: Verlierer des Tages, weil "die unbändige Geltungssucht den Verstand ausgeschaltet hat!"
Ein weiterer Artikel befaßte sich derweilen mit dem englischen Debakel: "Es war niemals ein europäischer Geist, der dieses größenwahnsinnige Projekt beflügelt hat. Wieder einmal typisch britisch, so voller Dekadenz die Ozeane überqueren zu wollen. Zu den aufgedunsenen Gesichtern und der geschmacklosen Kleidung, kommt nun auch noch technische Unfähigkeit und Größenwahn dazu! Das ist typisch britisch. Germany is not amused!" Außerdem erklärte BILD, wie es zu dem tragischen Unglück hat kommen können. "Obwohl die Titanic unsinkbar war, geschah das eigentlich Unmögliche! Experten erklären warum! [...] BILD-Experte Mxxxx (Anmerkung: Name unleserlich): Ganz klar, das Schiff ging unter wie ein Stein. Jene Experten, die vom Auseinanderbrechen des Rumpfes sprechen, haben von Statik keinerlei Wissen." Und weil es schnell wie ein Stein sank: "Rettungsboote hätten auch da nicht genutzt! Es sind nur wieder ganz linke Stimmen, die den Menschen Rettung versprechen wollen, die ja eigentlich geradezu unmöglich war bei dieser Sinkgeschwindigkeit." Auf die Aussage eines deutschen Sozialdemokraten, der kundtat, dass das Titanic-Unglück zeige, wie blind der Fortschrittsglaube mache, urteilt die BILD: "Vaterlandslos waren sie ja schon immer! Und nun auch noch zynisch! Ein Fall für den Staatsanwalt! Hinter Gittern mit solchen Gesellen! Wer stoppt den roten Rxxxx (Anmerkung: Name unleserlich)?"

Nach und nach verging das Interesse am Thema Titanic. Und einige Monate später wurde Ismay rehabilitiert und von der BILD zu "Englands besten Unternehmensdirektor" gekürt. Nun könnte der Leser dieser Zeilen behaupten, dass dies alles schlecht erfunden sei. Erfunden ist so ein Szenario in Anbetracht der BILD-Zeitung aber nie. Wir aber fragen uns: Was hat die Berichterstattung zum Titanic-Unglück seinerzeit den Ertrinkenden und Erfrierenden gebracht? Oder sollte ich fragen, was es gebracht hätte?

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Nomen non est omen

Heute: "Leistungsgesellschaft"
„Die Leistungsgesellschaft ist ein traditionelles Leitbild der SPD.“
- Kurt Beck -
„Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um die – und nur um sie – muss sich Politik kümmern.“
- Peer Steinbrück in einem Zeit-Interview im Jahr 2003 -
„Jeder muss sich aber fragen lassen, welche Beiträge er selbst für eine vitale, wohlhabende und freie Gemeinschaft geleistet hat: Wie viele Kinder hat jemand mit Liebe und Weitsicht großgezogen, wie viel uneigennützige Hilfe Notleidenden gegeben, wie viel dafür getan, dass Gemeinschaften gerecht und lebensklug bleiben? Wie viel Steuern und Abgaben hat er aus eigener Arbeit aufgebracht, wie viel dazu beigetragen, dass im Land attraktive Unternehmen und Arbeitsplätze entstanden sind?“
– Udo Di Fabio, "Die Kultur der Freiheit" -
Die Leistungsgesellschaft, die immer wieder beschworen wird, orientiert sich am kapitalistischen Profit- und Verwertungspotenzial jedes Einzelnen. Auch hier gilt: Leistung ist nicht gleich Leistung. So ist in der „freien Marktwirtschaft“, in der allein die Nachfrage den Preis bestimmt und nicht der Nutzen für die Gesellschaft, z.B. ein dreiminütiger Auftritt von Verona Pooth (alias Verona Feldbusch) im Fernsehen mehr wert, als das Jahresgehalt eines Grundschullehrers. Verona Pooth verdient für ihre drei Minuten „Leistung“ im Fernsehen ein Vielfaches dessen, was der Grundschullehrer verdient. Insofern ist der Zusammenhang zwischen Arbeit, gesellschaftlichem Nutzen und individueller Leistung nicht zwingend vorhanden. Er wird vielmehr konstruiert. Außerdem werden gesellschaftlich strukturelle Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten mit diesem Begriff verschleiert. Nach der Logik der Leistungsgesellschaft sind nicht ungleiche Reichtumsverhältnisse, Strukturen und Lebenschancen schuld daran, dass jemand obdachlos geworden ist, sondern er selbst. Er hat eben nicht genug Leistung erbracht.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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In nuce

Montag, 2. Juni 2008

Als sich einst der parolenschwingende Journalist, Lobbyist und nebenberufliche Minister Clement aus Amt und Ehren verabschiedete, konnten nur grenzenlose Optimisten die Ansicht hegen, dass man nun das Schlimmste in Sachen Hetzpropaganda gegen Arbeitslose hinter sich gebracht hätte. Begriffe wie "Sozialschmarotzer" oder "Parasiten" würden sicherlich keinen Einzug mehr ins Arbeitsministerium finden. Seither ist auch viel passiert hierzulande - allerdings wenig Neues. Immer wieder finden sich mehr oder minder intellektuell verkrüppelte Zeitgenossen in den hiesigen Medienanstalten ein, um deren trauriges und misanthropisches Weltbild zu verteidigen. Zuletzt lieferte Anne Will einem solchen Vogel eine Plattform. Man muß Rita Knobel-Ulrich nicht kennen - dies mag sogar von Vorteil sein -, um sich ein Bild von ihr zu machen. In Wills Sendung rechnete sie vor, was einer Familie an "Alimentierung" - wie sie es nennt - zusteht. Dabei benutzt sie falsche, selbstverständlich zu hoch angegebene Regelsätze, subtrahiert das Kindergeld nicht, dass ja angerechnet werden muß und erfindet einen Zuschlag, den es angeblich für Strom gäbe. Der Zuseher der Sendung und der Leser dieser Zeilen möge sich nun selbst ein Urteil über die Verfassung der Dame bilden, ob dahinter nichtsahnende Dummheit schlummert, die irgendetwas zum Besten gibt, auch wenn sie davon keinerlei Kenntnis hat oder die gewiefte Stimmungsmache einer Propagandistin. Um sich ein genaueres Bild dieser Dame machen zu können, schadet es nicht, eines ihrer Machwerke oberflächlich zu betrachten. Wir würden ja sicherlich gerne tiefer in ihr Schaffenswerk einblicken, aber was können wir dafür, wenn diese Frau von Tiefgründigkeit keine Ahnung hat?
Wen überrascht es eigentlich? Als dieses Land vor vielen Jahren ein Ministerium einrichtete, welches den lieben langen Tag nur für Hetzkampagnen, Hasstiraden und Propaganda aller Art bereitzustehen hatte, da waren es eben nicht nur die ganz großen Brüller und Menschenhasser, die den Charakter dieses neuen Deutschland formten, sondern auch gerade diese kleinen, vertrockneten Mängelcharaktere, die gerne mehr und besser geworden wären, als sie es letztendlich waren. Sie spielten mit ihrem auferlegten und weitergeleiteten Hass eine größere und weitaus prägendere Rolle als diverse Wochenschauen und Stimmungsfilmchen; sie waren das Salz in der Suppe dieses neuen Staates, dessen Machthaber ja ohne solche Zuträger nur eine Gruppe von hellbraunen Stammtischrevolutionären geblieben wäre. Wenn der hinkende ehemalige Gossensozialist brüllte oder der morphiumsüchtige Fettwanst aus Carinhall, dann war das freilich Normalität. Aber wenn da studierte Sonst- und Irgendwers einstimmten - die scheinbare Vernunft also -, das Gebrüll dieser Herren aufnahmen und sogar noch übertönten, immer mit dem Blick auf die Obrigkeit, um ja kein anerkennendes Nicken aus dieser Riege auserwählter Herrenmenschen zu verpassen, dann fühlten auch die Unpolitischen, Zweifelnden und Schwachsinnigen, dass da mehr als ein Funken Wahrheit in diesen Thesen schlummern mußte. Nein, ich will diese Dame mit keiner historischen Einmaligkeit in Verbindung bringen, denn mit Marx gesprochen, würde sie sowieso nur als Farce in die Historie eingehen. Aber man muß sich schon fragen, was dieser Wirtschaftstotalitarismus ohne Menschen wie dieser Frau... - wie hieß sie noch gleich? - ausrichten könnte?

Der Spiegel meldet und macht Millionen von Arbeitnehmern, aber auch Arbeitslosen verrückt: "Der Versuch, Lügner am Telefon per Stimmanalyse zu entlarven, galt bislang als gründlich gescheitert. Jetzt macht ein neuer Ansatz in Großbritannien Furore. Angeblich wurde er in London bereits erfolgreich gegen Sozialhilfebetrüger eingesetzt." - Welcher Angst geben sich die Menschen da hin? Was kann man einem Blaumacher anhaben, wenn er am Telefon seinen Sachverhalt äußert? Kein Gericht der Welt kann einer Vermutung, basierend auf den "Erkenntnissen" eines Computerprogramms, nachgeben. Und wer hindert den Blaumacher daran, stur bei seiner Wahrheit zu bleiben? Wenn ein Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellt und ein Stimmapparat leuchtet rot auf, weil einige Faktoren in der Stimme möglicherweise auf eine Lüge hindeuten, wem wird dann mehr Glauben geschenkt? Freilich, viele moderne Menschen, die fromm an die Heilsversprechen der Technik glauben, werden sich der "Tatsache" sicher sein, dass ein elektronisches Gerät gar nicht irren kann. Aber ein Mensch, der sich nur einen Funken Vernunft bewahrt hat - was zuweilen noch vorkommen soll -, wird die Stimmanalysen nur belächeln und seinesgleichen höher bewerten müssen.
Dennoch sorgen sich die Menschen und der Spiegel liefert schlußendlich vielleicht des Rätsels Lösung, weshalb so ein Irrsinn Ängste speist: "
Wenn man weiß, dass ein Lügendetektor am anderen Ende der Leitung ist, wird man sich wohl zweimal überlegen, ob man wirklich krankfeiern will." - Kurzum: Der Placebo-Effekt ist es, den sich hier die Bastler zunutze machen. Sie wissen, dass kein menschlicher Organismus mittels Apparaturen lückenlos erklärt werden kann; sie wissen ebenso, dass Lügendetektoren vor Gericht aus genau jenem Grund unzulässig sind. Aber droht man einem Verdächtigen mit einem Test am Lügendetektor, so wird er vielleicht geständig. In dieser Weise soll die Sprachanalyse wirken. Die Überwacher wissen sehr wohl, wie sie die Bürger dazu bringen, sich selbst zu disziplinieren. Sie nutzen die irrationale Angst aus und trimmen die Menschen dahingehend, nur beim Hauch einer möglichen, noch so unrealistischen Gefahr umzukehren, um sich dann wieder brav in die Herde zurückzuorientieren.

Nur kurz und knapp: Heute berichtete ich von dem sehenswerten Dokumentarfilm "The Corporation". Prompt berichtet Telepolis über ein Unternehmen, welches mitsamt seinem gentechnisch behandelten Saatgut, einen Kreuzzug gegen wehrlose Bauern auf der ganzen Welt bestreitet. Ein Unternehmen, welches innerhalb des Dokumentarfilms mehrmals negativ auffiel. (Unter anderem wegen Hormonbehandlung von Milchkühen und Verkauf von gesundheitsgefährdender Milch; Durchboxen von Gesetzen, die Landwirte dazu verpflichten, das gentechnisch behandelte Saatgut verwenden zu müssen; Irreführung der Kunden und Behinderung freier Berichterstattung usw.) Nun hat Monsanto - so der Name dieses Unternehmens - einen Fuß auf Deutschlands juristischen Boden bekommen und wird sicher bald mit dem zweiten Fuß nachziehen wollen. Dies lehrt uns die Erfahrung in anderen Ländern.

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Psychopathen

Sonntag, 1. Juni 2008

Stellt ein Psychologe konkrete Störungen an einer Person fest, so kann er im Einzelfall - je nach Schwere der Störungen und je nach Art der Defizite - seinem Patienten eine psychopathische Störung attestieren. Einen speziellen Fall von Psychopathie präsentieren Mark Achbar und Jennifer Abbott in ihrem Dokumentarfilm "The Corporation". Darin wenden sie jene psychologischen Maßstäbe an, die man normalerweise bei menschlichen Personen verwendet, um einen ärztlichen Befund zu erhalten. Nur bewerten sie keine Person, oder besser gesagt, keine menschliche Person, sondern eine Institution. Für Achbar und Abbott ist das Resultat eindeutig: Der "Patient Großkonzern" leidet unter einem psychopathischen Charakter. So abwegig ist dieses unbekümmerte Bewerten eines körperlosen Patienten aber nicht, denn obwohl ein Konzern keine Person nach allgemeinen Verständnis darstellt, ist er es juristisch betrachtet doch. Diese sonderbare Wahrnehmung seitens der Justiz, die aus einem Aktienunternehmen eine Person zu machen meinte, gründet sich auf dem 14. Verfassungszusatz der Verfassung der Vereinigten Staaten. In diesem heißt es, dass kein Staat ohne eine ordentliche Gerichtsverhandlung eine Person um Leben, Freiheit und Eigentum bringen darf. Dies sollte seinerzeit - kurz nach dem Sezessionskrieg - vorallem dazu gelten, den nun aus der Sklaverei entlassenen Schwarzen eine gesetzliche Grundlage zur Hand zu geben, um sich vor Ungleichbehandlung schützen zu können. Aber findige Konzernsanwälte argumentierten mit allerlei Spitzfindigkeiten vor Gericht, dass eine Aktiengesellschaft eine Person sei, womit all jene Rechte wie Freiheit und Eigentum auch für Unternehmen gesichert waren. Denn zuvor war man strengster staatlicher Begutachtung unterworfen, mußte haargenau Rechenschaft ablegen. Bezeichnend für diesen Mißbrauch des Verfassunszusatzes: Von den 307 Klagen, die von 1890 bis 1910 wegen Verstoßes gegen den 14. Verfassungszusatz eingereicht wurden, waren 288 von Unternehmen und nur 19 von afrikanischstämmigen US-Amerikanern!

In erschreckenden Fallstudien zeigen die beiden Filmmacher auf, wie Konzerne irrational und ohne Rücksicht auf Externalitäten vorgehen. In vielen Fällen grob fahrlässig und geradezu mutwillig. So führen sie nicht nur auf, wie Unternehmen rund um den Globus Kunden konditionieren, damit diese die Ansicht erhalten, den Wohlstandsschrott zu benötigen, den sie vor Jahren noch nicht einmal erahnen konnten. Wie sie also Unwesentlichkeiten ins Zentrum des Interesses rücken, eine "Philosophie der Nichtigkeiten" betreiben, die Menschen dazu bringt, sich stundenlang über Nagellack und Filme zu unterhalten, während Themen wie die Allmacht der Konzerne vollkommen von der Bildfläche verschwinden. Achbar und Abbott konfrontieren den Zuseher ebenso mit der kriminellen Energie der Psychopathen, die auch nicht davor Halt machen, sich mit einem Diktator zu verbandeln, so wie es einst der Computerriese IBM mit Hitler-Deutschland tat. IBM-Rechenmaschinen erfaßten die Eliminierung von Juden, Kommunisten, Homosexuellen, Sinti/Roma und Oppositionellen. Ohne einen Erfassungsapparat wie der IBM-Rechenmaschine, wäre ein millionenfacher Mord gar nicht logistisch und organisatorisch umsetzbar gewesen. Heute behauptet IBM natürlich, dass diese Thesen widerlegt seien, denn man habe nicht gewußt, für was die Nationalsozialisten diese Maschinen nutzten. Die Wartungsspezialisten der IBM-Maschine, die auch nach Buchenwald oder Auschwitz kamen und aus dem Hause IBM stammten, können aber nur schwerlich leugnen, nichts vom Einsatzbereich dieser Maschinen gewußt zu haben. Der damalige IBM-Vorstand, so meldet sich ein Zeitzeuge zu Wort, habe es sehr wohl gewußt, war aber davon nicht sonderlich begeistert. Nicht wegen der Menschen, die damit "aufgeräumter" in den Tod fanden, sondern wegen des schlechten Images, dass daraus entstehen konnte!

Die Skurpellosigkeit von Konzernen findet auch heute in die unehrwürdige Tradition internationaler Unternehmen hinein, wenn es darum geht, mit möglichst arroganter Gleichgültigkeit und Menschenverachtung vorzugehen. Als Bolivien die Wasserversorgung seiner drittgrößten Stadt refinanzieren wollte, bestand der Kreditgeber Weltbank auf Privatisierung. So besitzt der US-Konzern Bechtel heute sämtliches Wasser von Cochabamba. Die Menschen durften nicht einmal mehr das Regenwasser auffangen, weil es zum Privatbesitz des Unternehmens gehörte. Unbezahlte Wasserrechnung bescherten Bechtel das Recht, Haus und Eigentum des Schulders pfänden und zwangsversteigern zu lassen. Die Bürger nutzten ihre Wut, um sich dieses Unrechts zu erwehren. In Demonstrationen zogen sie durch die Stadt, wurden aber vom bolivianischen Militär gejagt und geschlagen. Die Regierung der Bolivianer verteidigte die internationalen Interessen des Konzerns Bechtel! Es gab unzählige Verletzte und zwei Tote. Die westliche Welt spielt aber weiterhin die Rolle des arglos Staunenden, der nicht begreifen kann, dass in Südamerika emanzipatorische Bewegungen sozialistisch-linker Machart am Werk sind, die die Interessen ebenjener internationalen Unternehmen niedertrampeln, weil sie ihnen am Ende das Leben kosten.

Die präsentierten Fallstudien rücken mal die komische Komponente der Konzernsallmacht in den Vordergrund, mal sind sie bedenklich und zeigen auf, welches verbrecherische Potenzial in jeder corporation stecken kann. Da erwirken Konzernsanwälte, dass in den USA auch Lebewesen - außer Menschen - als Patent angemeldet werden können und erklären damit, einen Teil zur Wissenschaft beizutragen, der unumgänglich ist. Sie seien Aufklärer! Aber gleichzeitig unterbinden sie Informationen, die ihrer Sache entgegenstehen, geben sich als Anti-Aufklärer zu erkennen. So wurden Journalisten von einem Molkereikonzern dabei behindert, über die Genbehandlung deren Kühe zu berichten, die beim Menschen zu gesundheitlichen Schäden führen können. Selbst der eigene TV-Sender schlug sich auf die Seite des Lebensmittelvergifters. Nun muß man sich aber freilich fragen, wie ein Dokumentarfilm wie "The Corporation" den Weg in die Kinos finden konnte, wenn er doch den Interessen der Konzernswelt so radikal entgegenläuft. Michael Moore, der innerhalb des Films mehrmals zu Wort kommt, wunderte sich immer wieder, dass man seine Filme nicht einfach unterdrückt. Diese Konzernsmacht wäre ja durchaus vorhanden. Moore fand darauf Antwort: "Ich finde es erstaunlich, dass ich all das machen kann und meine Filme trotzdem von Studios vertrieben werden, die großen Medienkonzernen gehören. Warum zeigen die meine Filme, wenn ich alles kritisiere, was sie repräsentieren? Warum bezahlen die mich quasi dafür, dass ich alles niedermache, woran sie glauben? Weil die an gar nichts glauben! Weil sie wissen, dass Millionen Menschen meinen Film oder ihre Show sehen wollen und sie damit Geld verdienen. Meine Filme werden deshalb gezeigt, weil ich die Schwachstellen des Kapitalismus nutze: die Geldgier, die besagt: Der Reiche verkauft Dir den Strick, an dem er sich aufhängen wollte, wenn er daran etwas verdienen kann. Der Strick bin ich, hoffentlich." - Es ist also nicht so, dass die Konzerne dieser Welt ein Interesse daran hätten, jegliche Aufklärung zu unterbinden. Sie können geradezu verrückt nach Aufklärung sein - wenn sich daran verdienen läßt.
In einem anderem Fall offenbart sich der gelebte Zynismus der Psychopathen. Ein Textilkonzern wirbt dafür, dass mit jedem verkauften Produkt eine Summe für Jugendprojekte vom Profit abgezogen wird. Dies sei ein Beitrag zur sozialen Verantwortung des Unternehmens. Gleichzeitig beschäftigt dieses Unternehmen jugendliche Arbeiterinnen - 13 Jahre alt - in Entwicklungsländern, die diese Produkte zu einem Hungerlohn und natürlich in Akkord vernähen müssen. Der Anteil des Lohnes am Endpreis beträgt 0,3 Prozent! Überhaupt, so stellt man fest, muß man immer Skepsis walten lassen, wenn Unternehmen beginnen, ihre soziale Verantwortung in den Mittelpunkt ihres Wirkens zu stellen.

Es ist kaum möglich, in einem kurzen Artikel niederzuschreiben, was in "The Corporation" an Fallstudien, Dramatik, Menschenverachtung, Gleichgültigkeit, Dekadenz und Lächerlichkeit geboten wird. Der Film ist keinesfalls eindimensional, sondern glänzt durch Facettenreichtum. Dies ist schon alleine an den Interviewpartnern ablesbar: Neben Kapitalismuskritikern wie Noam Chomsky, Michael Moore, Vandana Shiva und Naomi Klein, treten Systemträger wie Milton Friedman und allerlei CEOs auf. Es wird freilich ein düsteres Bild unserer Welt gezeichnet, aber immer wieder schimmert durch, dass man dagegen angehen kann und Erfolge nicht ausbleiben - wie es der Sieg der Bürger Cochabambas oder die indische Verweigerungshaltung gegen genbehandeltes Saatgut beweisen. "The Corporation" trägt einen Teil zur Aufklärung bei und macht den Menschen das sichtbar, was in den Massenmedien nicht behandelt wird, weil es nicht deren Auffassung von Information entspricht.

Der auf dem Sundance Film Festival prämierte Dokumentarfilm ist im englischen Orginal - d.h. ohne deutschen Untertitel - legal downloadbar.

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Mein Abgeordneter - Teil 3

Fortsetzung vom 29. Mai 2008
Teil 1 vom 28. Mai 2008

Schritt 3: His castle is my home!


Bald schon macht sie die herabgesunkene Hemmschwelle bemerkbar. Dies bedeutet aber nicht, dass wir nun beginnen, unseren Volksvertreter wie einen Diener zu drangsalieren. Botschafter gehören nicht dem Dienstpersonal an. Schon der zweite Besuch wird uns leichter fallen. Wir werden ihm mitteilen, dass wir uns freuen, ihn wieder zu sehen. Dass wir das politische Geschehen genau beobachtet haben und wir nun seine Einschätzung zu diesem oder jenem Thema hören möchten. Dazu sagen wir: „Wie sehen „wir“ das denn?“ Hier machen wir ihm – mit Hilfe des verbindenden „Wir“ - kenntlich, dass wir beide an einem Strick ziehen, dass es für uns nur ein gemeinsames Ziel geben kann: Die Erfüllung des Wählerwillens – genauer unseres Willens! Machen wir uns jedoch nichts vor: Er wird uns nicht immer Rede und Antwort stehen. Wahrscheinlich wird er kaum auf uns eingehen, unsere Fragen nicht mal ernsthaft durchdenken. Besonders seltene Prachtexemplare werden zornig und bitten den ungeliebten Besucher zu gehen. Dies darf uns aber nicht entmutigen. Wir werden keinesfalls sofort beleidigt den Raum zu verlassen. Wir merken uns: Wir sind juristisch derart beschlagen, dass wir wissen, hier keinen strafbaren Hausfriedensbruch zu begehen. Dieses Wissen von unserer Unschuld kosten wir zunächst noch aus, harren noch ein Weilchen aus und sind dabei eine Seele von Mensch, immer lächelnd und neugierig.
Warnung: Die Macht der Gewohnheit könnte uns nach einiger Zeit dazu bringen, ihn nicht mehr als „unseren“ Abgeordneten anzusprechen. Hier hat äußerste Vorsicht zu walten! Vergessen wir nie, dass es sich um „unseren Mann im Parlament“ handelt. Er gehört uns, sein Mandat ist kein Geschenk, dass wir ihm aus einer Bierlaune heraus verliehen haben, sondern konkretes Verlangen. Er ist nicht irgendein Abgeordneter, sondern der Mann, der uns vertritt, weil uns dazu die Zeit fehlt. Natürlich werden wir ihm gehörig auf die Nerven gehen; natürlich will er uns schnellstmöglich loswerden; natürlich wird uns so viel ungerechte Unfreundlichkeit, die er uns zuweilen entgegenbringen wird, ärgern oder betrüben. Wir lassen uns dennoch nicht entmutigen, sind auf dem richtigen Weg.
Bevor wir den zweiten oder dritten Besuch beendet haben, fragen wir ihn, ob er unter der Telefonnummer, die er im Internet veröffentlicht hat, immer zu erreichen ist. Denn manchmal überkomme uns ein erhellender Gedanke kurz vor dem Einschlafen, den wir nicht in den nächsten Tagen verlagern können. Wir seien flexibel und engagiert, gerade so, wie es unser Abgeordneter immer von denen fordert, die ohne Erwerb sind. Die Ratschläge, die er diesen erteilt, haben wir uns verinnerlicht. Dies sei Flexibilität, die ihm sein Regieren erleichtern wird.
Nach dem vierten Treffen verabschieden wir uns bereits mit „Bis nächste Woche“. Wir sind nun in seinem Büro heimisch geworden, lassen dieses vertraute Gefühl auch zur Geltung kommen. Unser Mann soll merken, dass wir uns in unserem Büro wohlfühlen. Unser Büro: Würde er denn hier sein, wenn ich nicht an einem Sonntagnachmittag im Herbst zur Urne gestürmt wäre? Gelegentlich sollten wir über unseren Schatten springen und ihn für seinen Einrichtungsgeschmack loben. Lohnenswert ist so ein Lob vorallem dann, wenn er ein steriles Allerweltszimmerchen angemietet hat, welches er dann optimistisch Büro nennt. Das Loben ein solchen Zimmers unterstreicht den latenten Zynismus. Und wer besonders motiviert ist, könnte seinen Abgeordneten auch damit aufmuntern, dass ein solches Zimmer durchaus fruchtbar ist, denn es bewirkt, dass man sich nicht ablenken läßt. Wir fragen ihn, ob er Meister Eckhart kennt, der einmal ein wenig ketzerisch – aus Sicht der Kirche – fragte, was sein Gott denn ohne ihn wäre. Immerhin mache seine Existenz erst seinen Gott zu dem, was er ist. Nachdem wir das in den Raum geworfen haben, seufzen wir aus voller Tiefe, schnaufen durch, als hätten wir etwas unglaublich Geistreiches gesagt und lassen ein langes „Aaaaaach“ aus unserem Mund sprudeln, um dann daran anzuschließen: „Was wäre mein Abgeordneter nur ohne mich? Weil ich bin, ist er. So ein schönes Büro...“
Wir bemerken: Die Sätze, die wir ihm nun zuwerfen, werden gewagter. Von einer Diskussion wird man vermutlich nicht sprechen können, denn man darf bezweifeln, ob der gute Herr oder die nette Dame auf alles eingeht, was man ihm an Brocken vorwirft. Goldene Regel soll aber sein, dass wir unseren Abgeordneten niemals nach Privatsachen fragen. Weder gehört sich das, noch haben wir Interesse daran. Wir betrachten unseren Mann an der Front als Mittel zum Zweck, so wie er seine Wählerschaft als dunkle Masse begreift, die ihm notwendiges Übel zum Postenergattern ist. Da machen wir es uns einfach und übernehmen seine zynische Einstellung ungesunder Selbstsucht.
Und auch, wenn wir uns in seinem Büro nun heimischer fühlen, werden wir unsere Kinderstube nicht vergessen. Füße gehören sich einfach nicht auf einen Schreibtisch. Als brav-naives Wahllämmchen kann man sich solche Unflätigkeiten nicht einmal vorstellen, geschweige denn in die Tat umsetzen. Außerdem sind wir nicht im Büro unseres Abgeordneten, um herumzulungern. Wir sind mit unserem Mann eine Geschäftsvereinbarung eingegangen. Stimme gegen Posten! Selbst wenn ihm dieser Kontrakt nun unangenehm ist, er am liebsten jegliche Verantwortung abgeben möchte – nicht aber seinen Posten -, so ist unser allwöchentliches Auftauchen kein fröhliches Zusammenkommen, zu dem wir unsere Füße hochlegen. Wir fordern Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl von unserem Abgeordneten, müssen die regelmäßigen Zusammenkünfte als business begreifen. So haben wir uns auch zu benehmen!

Fortsetzung folgt...

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