Zur Mittäterschaft gezwungen

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Derzeit ist eine Näherin aus Bangladesh in Deutschland unterwegs, um den Menschen klarzumachen, unter welchen Arbeitsbedingungen jene Hosen produziert werden, die wir hierzulande für kleines Geld in Discountern wie KiK kaufen können. Was sie erklärt, ist für den nur mäßig Interessierten keine Überraschung - es ist das übliche Repertoire an Sauereien, das deutlich macht, wie mörderisch die westliche Sparmentalität ist, die uns eigentlich - wenn es nicht so bequem wäre - dazu ermutigen müßte, den derartigen westlichen Wohlstand auf dem Rücken der Völker der Dritten Welt, umgehend zu unterlassen und zu unterbinden. Doch diese Gesellschaft hört sich an, was die Bengalin zu erzählen hat, dass beispielsweise eine besserverdienende Näherin etwa 45 Euro im Monat verdient, dafür 14 Stunden täglich arbeiten muß und noch nicht einmal den Hauch sozialer Standards gesichert weiß - von der Kinderarbeit, die stillschweigend im Namen des Westens gefördert wird, gar nicht erst zu sprechen -, dreht sich nach dem Zuhören um, denkt mit viel Glück noch weitere zwei Minuten darüber nach und konsumiert dann munter weiter. Hauptsache billig!

Und dennoch muß man einen Großteil der Menschen in Schutz nehmen. Nicht weil sie besonderes Interesse an der Lage der Produktivkräfte hätten, sondern weil sie, selbst wenn sie die Wirkung ihrer mörderischen Schnäppchengier erkennen würden, gar keine andere Möglichkeit hätten, an bezahlbare Konsumartikel zu kommen. Sie sind selbst finanziell derart knapp gehalten, dass sie jeden Euro umdrehen müssen und dazu verurteilt, ihren Bedarf bei Discountern abzudecken, die an der entfesselten Ausbeutung der Dritten Welt beteiligt sind. Selbst die Einsicht, mit dem Billigkauf eine unmoralische Tat zu begehen, kann sie nicht davor bewahren, stets so zu handeln, dass die Maxime ihres Tuns niemals zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

Dieses Wissen, die Gewissheit, mit einem solchen Kauf, morbide Arbeits- und Lebensbedingungen zu festigen, sie quasi auch moralisch vor uns selbst zu legitimieren, erschwert dem kritischen Menschen den Alltag. Er muß sich kleiden, muß essen, muß bestimmte Notwendigkeiten konsumieren - aber er muß dafür bezahlen, gleich wieviel er hat, gleich ob er überhaupt hat. Was denen bleibt, die wenig haben, ist nur der Rückgriff auf den unmoralischen Kauf, das Konsumieren von Gütern, die durch Unterdrückung, Ausbeutung, Gängelung entstanden sind - Güter, die blutig sind, die ganze Gesellschaftsstrukturen auf ihrem Gewissen haben. Die Erkenntnis, von solchen Blutgütern abhängig zu sein, drückt auf das Gemüt; läßt einen alle Freude des Alltags wie blanken Zynismus erscheinen. Während wir hier um die Arbeitsbedingungen bei "unseren" Discountern streiten, dann und wann jubelieren, wenn eine Lidl-Filiale es geschafft hat, einen Betriebsrat durchzusetzen, kaufen wir dort Produkte aus den Todeszonen dieser Erde. Natürlich ist das Stärken von menschlicheren Arbeitsbedingungen, auch im Westen, nicht zu verachten, aber es bleibt ein verlogener Akt, wenn wir einen Discounter konsumierend dafür belohnen wollen, weil er beispielsweise in den Medien verkündete, er würde nunmehr höhere Sozialstandards für seine Mitarbeiter anbieten - was ist mit den stillen Mitarbeitern? Mit den Sklavenarbeitern? Mit den Kinderarbeitern in deren Dienste?

Was uns der Besuch der Näherin spürbar macht, ist die bittere Ernüchterung, mit der die Armen dieser Welt gegeneinander ausgespielt werden. Proletarier aller Länder, man läßt Euch nicht vereinen! Man sorgt dafür, dass der Laden der Blutsauger weiterläuft; sorgt dafür, dass die hiesigen Armen dazu genötigt werden, Produkte der Sklavenarbeit zu konsumieren. Produkte, aus der Hand solcher Menschen, die ihnen qua ihres soziales Standes näher stehen, als womöglich der direkte Nachbar von gegenüber. Es ist diese widerliche, nicht zu verhindernde Notwendigkeit, die das Szenario zum ethischen Offenbarungseid werden läßt, die zum Mittäter, zum Komplizen, zum Ja-Sager der Zustände werden lassen. Man zwingt den Menschen die Notwendigkeit der Unmoral auf, tut alles dafür, dass sie sich dieser Unmoral gar nicht erst bewußt sind - aber jene, die erkannt haben, denen der eigene Verstand klarmachte, was die Propaganda nie konnte, müssen mit dem Wissen leben, zum unethischen Handeln gezwungen zu sein, sofern sie leben wollen, wenn sie so leben wollen, dass sie innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft nicht vollends ins Elend hinabrutschen wollen. Was an traurigem Alternativpotenzial dasteht, erinnert an mittelalterliche Puritanerbewegungen, die nichts mehr besitzen, nichts mehr wissen, nicht mehr bewußt im Diesseits leben wollten - der monastische Lebensentwurf als triste Alternative zum "schlecht Gegebenen"?

Der Besuch aus Bangladesh ist weniger einer solchen Aufklärung dienlich, die Menschen der Industrienationen an die Lebenswirklichkeit der Produzierenden heranzuführen, als einer anderen - nämlich der, kenntlich zu machen, dass die Armen dieser Welt gegeneinander ausgespielt werden. Weil den Proletariern aller Ländern nie gelang, was den Ausbeutern aller Länder gelang, stehen sie sich immer wieder als Kontrahenten des Welttheaters gegenüber.

18 Kommentare:

Anonym 4. Dezember 2008 um 03:17  

Hervorragender Artikel! Genau dieses Thema beschäftigt mich schon geraume Zeit. Es widert mich förmlich an, diese Discounter überhaupt zu betreten. Und dennoch, es ist wie du geschrieben hast: ich habe keine andere Wahl! Erwerbsunfähig mit Minimalrente und ergänzender Grundsicherung sind schon Klamotten von normalen Versandhäusern viel zu teuer für mich!

Meine Freundin hat lange Jahre bei so einem Discounter als Verkäuferin gearbeitet. Die Zustände dort kann man nur noch als frühkapitalistisch bezeichnen.

Die Bedingungen der Produktion sind aber gar kein Kapitalismus mehr, sondern die gute alte koloniale Sklaverei!

Und dennoch! Was kann ich schon tun? Die Magenschmerzen, die mir der Einkauf bereitet, muß ich wohl weiter in Kauf nehmen.

In meinem Umfeld gibt es dafür wenig Verständnis! Das klingt etwa so: "Nun, das mag ja alles sein, aber das liegt ja nur an Leuten wie dir die immer alles nur billig haben wollen!". Na ja, von "wollen" kann da wohl keine Rede sein! Aber irgendwer muß ja schuld sein. Und dann sage noch einer, Geiz wäre geil.

Nach Medikamentenumstellung habe ich 15 kg zugenommen. Jetzt muß ich wieder hin. Mir ist schlecht....

Grüße

Tantalos

Kurt aka Roger Beathacker 4. Dezember 2008 um 03:22  

die westliche Sparmentalität"

Der Witz an dieser "Sparmentalitaet" ist doch gerade, dass eben nicht gespart, sondern ohne Ende vergeudet wird; und zwar: Arbeitskraft, Material und Energie.

Anonym 4. Dezember 2008 um 09:38  

Ob nun Textil-Diskont oder Versandhaus, Kaffeeröster oder schwedische Modekette: Sie beziehen alle ihre Textilien aus Indien, Bangladesh, China zum absoluten Spottpreis, zum absolut lächerlichen Bruchteil dessen, was hier im Laden dafür verlangt wird. Und sage mir einer, dass wenn ich teurere Klamotten kaufe, dass diese wirklich unter besseren Sozialbedingungen hergestellt werden. Es gibt die haarsträubendsten Berichte darüber, unter welchen Standards selbst die edelsten Marken hergestellt werden. Mag sein, dass diese Edelmarken etwas bessere Qualität haben, was sie auf jeden Fall haben, ist das bessere Marketing, und es ist auch genug Geld da, die Konzernweste mit erkauften "Guck mal hier wie sozial wir sind - Zertifikaten" reinzuwaschen.
Nur der Textilarbeiter im Herstellungsland hat niemals etwas davon.

Ich will die Discounter nicht in Schutz nehmen, im Gegenteil, diese von diesen Konzernen mit ihrer propagierten Geiz ist geil Mentalität erzeugten Abwärtsspirale widert mich schon seit Jahren extrem an.

Aber ich zweifle daran, dass wenn ich teurer kaufe, dass ich damit bessere Produktionsbedingungen ermögliche.

MG 4. Dezember 2008 um 10:06  

Das ist eine Diskussion, deren Komplexität auch im Beitrag anklingt.
Völlig richtig ist, dass es "...den Proletariern aller Ländern nie gelang, was den Ausbeutern aller Länder gelang...". Das wussten oder zumindest ahnten viele, auch bevor die Dame aus Bangladesh uns besuchte. Es ist nämlich die Grundlage dafür, dass es "ihnen" gelingt uns gegeneinander auszuspielen
Es ist die Erklärung dafür, dass Zocker mich in Schulden treiben können für die ich nichts konnte, nichts kann und wozu ich nie beigetragen habe, wie auch dafür dass sie ihr Spiel weitertreiben werden, trotz aller meiner Naiven Hoffnungen.
Es ist die Erklärung dafür, dass ich einmal im Jahr beim Metzger Fleisch kaufen kann und sonst beim Discounter einkaufen muss.

Andererseits: Wenn ab morgen niemand mehr einen Discounter betreten würde - dafür könnte ein solcher aus wer weiss welchen Töpfen finanzierter- und in das Bild des "Gegeneinander-ausspielens" wunderbar passender Besuch dienen - dann würden die Menschen, die für die Discounter produzieren, die 45 Euro nicht mehr bekommen, dann würden womöglich ganze Familien jeglicher Einkommensquelle beraubt. Denn die Zahl 45 als Monatliches Einkommen ist durch den ausgelösten Schockeffekt wunderbar als Vergleich geeignet, wenn es darum geht, den Wohlstand eines HartzIV Empfängers zu suggerieren. Verschwiegen wird jedoch, welche Lebenskosten in Bangladesh im Monat fällig werden im Vergleich zum Hartz-Empfänger.

Die Tatsache dass ich beim Discounter einkaufe, bekommt, wenn es in dieses Licht gerückt wird, in der Tat einen Makaberen Beigeschmack. Dieser mein Zwang hilft aber wenigstens ein wenig, dort, wo diejenigen die helfen könnten, es gar nicht tun. Ich tue ein wenig für Menschen, die nach dem derzeit immer noch gültigen Weltszenario sonst verhungert wären oder verhungern würden.
Mehr als nur einen Makaberen Beigeschmack, haben aber die Sklavenbedingungen unter denen die Mitarbeiter in den Discounterketten hierzulande zur Arbeit gezwungen werden und dass, trotz der grossen Gewinnspannen die sich bei solchen Produktionskosten erzielen lassen.
Makaber ist, dass niemand offensichtlich in der Lage zu sein scheint etwas dagegen zu tun. Makaber ist, dass zwar die Finanz- und die Wirtschaftskriese in aller Munde und bei allen Gipfeln behandelt wird, aber die Sozialkrise mit keinem Wort erwähnt wird, es sei denn in Verteufelungstiraden gegen Linken oder gegen manchen sozial - eigentlich überhaupt - denkenden Führenden.

otti 4. Dezember 2008 um 10:21  

Neoliberal kapitalistischer Terror - zum Nutzen der Machthaber. Menschen werden in einem solchen System verbraucht und ausgesaugt.

Die weltweite Finanzmarktkrise zeigt jedoch, dass das finanzterroristische Agieren der Eliten ihren eigenen Untergang bewirken wird.

Der Kapitalismus in seiner Gier, der verreckt jetzt hier.

Überlassen wir unsere Zukunft nicht einem menschenverachtenden Polit- und Wirtschaftgesindel!

Peinhard 4. Dezember 2008 um 10:27  

Doch, Tantalos, diese Bedingungen 'sind Kapitalismus'! Es ist die gute alte strukturelle Gewalt, die auf den 'doppelt freien' Lohnarbeiter ausgeübt wird, und daran ändert sich auch dadurch nichts, dass in 'besseren' Zeiten auch schon mal 'bessere' Bedingungen erkämpft wurden, allerdings vornehmlich auch nur bei 'uns', in den 'Metropolen' dieses Geschehens. Das implizite 'Zurück zum Kapitalismus', das aus Ihren Zeilen spricht, kann daher die Lösung nicht sein.

Aber wir können schon etwas tun, wir können bspw unserem Umfeld versuchen zu erklären, dass und warum diese Bedingungen eine immer unausweichlicher werdende Folge dieses Systems der Geldvermehrung, der 'Selbstverwertung des Werts' ist, wir können uns weigern, vordergründige Erklärungen wie die 'Gier' Einzelner zu akzeptieren, wir können fordern - nicht nur bessere Bedingungen (das auch und jederzeit, aber ohne Rücksichtnahme auf das Gelingen eines Systems, das immer weniger gelingen kann), sondern eine solidarische Ökonomie auf der Basis von realen Bedürfnissen und Gebrauchswerten statt auf der von Nachfrage und Tauschwert. Wir können das 'Gegeneinander' der gegenwärtigen Produktionsweise in Frage stellen und ein 'Miteinander' fordern. Wer wenn nicht wir, und wann wenn nicht jetzt? Bevor auch noch der letzte Rest eines (möglichen) Miteinander aufgelöst ist in 'Eigenverantwortung' und in dem bereits wieder begonnenen 'Krieg aller gegen alle'. Wir können, nein wir müssen radikal sein - das 'System' ist es auch. Nicht die 'Blutsauger' - die sind auch nur Bestandteil desselben, wie wir 'Gesaugten' auch.

demokratie-ist-wichtig.de 4. Dezember 2008 um 10:58  

Sehr treffende Analyse. Eine zunehmend breite Schicht kann eben nur noch bei Kik und Penny einkaufen. Und wenn dann ein paar gepflegte Damen aus der oberen Mittelschicht sich im Bioladen eindecken, um danach mit dem Cayenne fortzubrausen, so hat dies was Traurig-Ironisches an sich.

klaus baum 4. Dezember 2008 um 11:57  

Ein Beispiel ist für mich im Hinblick dessen, was Du so zutreffend analysierst, die Einkaufsliste von Herrn Sarrazin, die einen Betrag für Brötchen enthielt, die ich trotz Recherche mit der Kamera nicht finden konnte. Also die sich als normativ verstehende Einkaufsliste für Arme und dann der Bericht von Wallraff über die Großbäckerei, über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen hierzulande.
In Kassel konnte man die Zunahme der Billigläden in der Einkaufszone sehr gut beobachten, eine Zunahme, die in Relation zu dem zutreffend benannten 1-Euro-Job zu sehen ist.
Das heißt, hier sparen in erster Linie Arbeitgeber zu Lasten vieler anderer Menschen, sei es im eigenen Land oder den sogenannten Billiglohnländern. Vor zirka 28 Jahren gab es mal eine ähnliche Überlegung in der Zeitschrift natur über das Sparverhalten und die Lebensbedingungen von Schweinen. Der Groschen, den ich am Kotelett spare, geht zu Lasten der Lebensbedingungen von Schweinen. Der Euro, den ich an den Socken spare, geht zu Lasten von Menschen, wie Du es beschrieben hast.

Im übrigen ist bei Saturn oder MediaMarkt nix billiger - mit Ausnahme der Lockangebote. Die meisten Sachen dort sind sogar teurer als andernorts.

Angesichts Deiner realistischen Formulierung des kategorischen Imperativs sage ich mir, offenbar gibt es doch kein richtiges Leben im falschen.

Anonym 4. Dezember 2008 um 11:58  

Lieber Roberto,

deine Nachricht paßt haargenau zum ersten Mal dazu, dass ARD und ZDF nun mit dem Märchen der "faulen" Arbeitslosen aufräumen - das Motto "Arm durch Arbeit" wird nämlich heute zum ersten Mal im Bildschirmtext berichtet. Ich finde die Zusammenhänge schon seltsam - da tritt, die Näherin heute bei Maybrit Illner auf, während in Deutschland immer mehr ergänzend zum Lohn Hartz IV erhalten.

Fazit:

In Deutschland gibt es keine Armen, trotz Sozialraub durch Hartz IV, schaut mal nach Bangladesch oder sonst wo hin, denen geht es schlimmer oder: auch international "teile und herrsche".

Übrigens von dir sehr gut beschrieben, das globale "teile und herrsche" - es wird wirklich wieder Zeit für eine - diesmal unideologische - Bewegung der Internationale von "ganz unten".

Dazu gehörend sollte aber auch die globale Aufklärung über das moderne "teile und herrsche", d.h. auch die Menschen in anderen Ländern sollten erfahren, dass es in den Industrieländern eben auch Ausbeutung, Hungerlöhne und Sozialraub gibt.

Ich weiß....ein frommer Wunsch...

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Ich hatte mal eine "Brieffreundin" aus Thailand, die den Brief meiner damaligen Teeny-Zeit in einer BRAVO-Ausgabe angeblich "am Strand" gefunden hatte. Ich sollte ihr Heiratvermittler sein, da die unbedingt einen Mann aus den reichen Industriestaaten wollte. Damals lief aber gerade hier ein Fall durch die Medien wo ein Bauer eine Thailänderin brutal ausgebeutet hat, die er aus Thailand nach Deutschland geholt hat....die Nachricht schrieb ich ihr....Antwort, sie wünschte mir alles schlechte, da ich nicht verstehen würde, wie arm die wären in Thailand....mein Argument, dass es auch in Deutschland Armut und Hoffnungslosigkeit gäbe verstand die gleich gar nicht....dank globalem TV bzw. Kino, dass natürlich nur die Bilder des Überflusses in die Länder schickt, denken die dort - und anderswo in den ärmsten Ländern - dass Deutschland ein Schlaraffenland ist, wo Milch und Honig fließt. Dass die mediale Verdummung international funktioniert sehe ich derzeit an den medialen Bildern aus dem USA - die Serien-Highlights, Filme usw. gaukeln mir, und anderen hier auch die heile Welt der USA vor. Kein Wort davon, dass dort - dank Finanzkrise - nun schon Lebensmittelgutscheine für Obdachlose, Eigenheimverlierer & andere grassieren. Einer meiner Neffen schwärmt ja auch vom Land "wo Milch und Honig fließen"....Erinnert mich seltsamer Weise wirklich an meine thailändische Brieffreundin, die mir abrupt die Freundschaft kündigte als ich ihr die wahren Zustände in Deutschland beschrieb. Mein Neffe geht übrigens im Januar in die USA - ich hoffe, dass der nicht so enttäuscht wird, wie andere.....

Don Pepone 4. Dezember 2008 um 19:34  

Alles wird besser wenn erst die Konsumgutscheine verteilt wurden... glaubt man zumindest in der SPD. Mein Gott, was rede ich denn da...?

Fiete 4. Dezember 2008 um 20:31  

Lieber Roberto J. De Lapuente & alle anderen Leser...

Schon seit einiger Zeit besuche ich fast täglich deinen Blog - und erfreue mich an sehr schön geschriebenen und inhaltlich anregenden und bewegenden Artikeln. Vielen Dank an dieser Stelle nochmal :-) ! Ich gehöre eher zur "schweigenden Leserschaft" - und so ist diese heute mein erster Kommentar.

Dies ist ein Thema mit dem ich mich auch schon seit geraumer Zeit auseinandersetze - und beim lesen dieses Artikels liefen mir echt die Tränen über die Wange. Zu sehen wie sehr man schon in diesem System gefangen ist - und wie wenig man meint machen zu können...

Ich habe die letzten 5 Jahre in China gelebt und studiert - und bin erst seit Anfang dieses Jahres wieder in Deutschland - wobei es neben dem Kulturschock ein ziemlich intensives "Aufwachen" in unendlich vielen Bereichen und Dingen des Lebens gab...

Vor paar Wochen schrieb ich einem guten chin. Freund auf Englisch eine Mail - wo ich zu einem ähnlichen Thema wie dem Deines Artikels auch ein paar Zeilen schrieb - ich hoffe es ist ok - diese paar Zeilen auf Englisch hier nochmal reinzukopieren:

"I while ago I read a blog post about „Black Jails“ in Beijing (http://www.blackandwhitecat.org/2008/10/13/a-visit-to-one-of-beijings-black-jails/) - A person working at one of these „Black Jails“ was asked by a lawyer and journalist what his job there was – the answer was interesting: „What do you want to know that about me for? If you’ve got any ability then take a civil service exam. When you’re an official you can change this!” - Isn't this very much a phenomenon of our time? People are not happy how things are, even feel that something is wrong – but who is going to take that responsibility, the strength to break out of this vicious circle – be responsible for yourself and your fellow men and women? “Our lives begin to end the day we become silent about things that matter.” (Martin Luther King – 1929 – 1968). A fundamental problem on this planet seems to be – that nobody wants to take responsibility for his actions. Nobody wants to bear responsibility, because (really) taking responsibility implies to bear the consequences, bear the blame. And bearing the consequences also implies that you could be guilty. But who wants to be guilty? Its easier to say that there is nothing you can do, nothing you can change for a better – and therefore leave that responsibilty to someone else. So we give our very own responsibility to politicians, to our bosses, to so-called „Experts“. And they are glad to take that responsibility – because it also means to get power and advantages. But most of them don't care about the consequences, about really being responsible – take the power & advantages – and forget about the rest. „Every country has the government it deserves“ (Joseph de Maistre - 1753-1821). If we don't learn to take our (true) responsibilities, we will always be deceived and lied to – and in the end still have to bear all the consequences. Some people can only be so powerful - because enough of us are willing to be powerless – giving away our responsibilities. „The power of the few evil people requires the idleness of the many good people“ - or as said in a quotation by Albert Einstein „The world is a dangerous place to live; not because of the people who are evil, but because of the people who don't do anything about it.“

I have attached you the „The Einstein-Freud Correspondence“ (1931-1932) to this mail, which is a very beautiful and thought provoking exchange of letters between Albert Einstein und Sigmund Freud asking the question „Why war?“ (from 1932). Why would Einstein ask anything like this:

„Another question follows hard upon it: How is it possible for this small clique to bend the will of the majority, who stand to lose and suffer by a state of war, to the service of their ambitions.“ (...) „An obvious answer to this question would seem to be that the minority, the ruling class at present, has the schools and press, usually the Church as well, under its thumb. This enables it to organize and sway the emotions of the masses, and makes its tool of them.“

...so EDUCATION – MEDIA – RELIGION?! Well – I already found out about the media. And I haven't been too positive about most things I have known about religious institutions, organized religion for a long time. And coming back to Germany just now – I am just getting my own little enlightenment about our education system – things couldn't be worse. Considering all the things happening in this world – and served to us in a user-friendly-way by our great media every day – we more often should try to remember asking the old Roman question „Cui bono?" (to whose benefit), which gullible minds have long forgotten to ask themselves – "Skepticism is the first step toward truth" (Denis Diderot – 1713-1784).

I don't know if it is only about resposibility. That was just a thought. There are probably other human characteristics which play their part: fear, ego... But – is there really nothing we can do for a better change of things? We have no power? How deep are we caught in this spider's web of reality? We complain about politicians lying – but aren't we lying too? Aren't we lying when we go to the restaurant – and not eat up the food we ordered, so that the leftovers are thrown away – while people around the world are starving to death every day? Aren't we lying when we want more than we need? Aren't we lying when we want everything for a bargain price? Aren't we lying when we want to buy the latest pair of Nike shoes – and know that this corporation probably exploits their workers, have children working for them – like most big corporations do. Aren't we very much part of this exploitation? Isn't a different kind of thinking possible? Is our thinking, living, acting conducive to the good, the benefit, the welfare of all beings? Isn't this world just a reflection of our inner attitudes? Again Albert Einstein (yeah – I was reading some of his works – thats where I got all those quotes from ;-) „A human being is a part of a whole, called by us universe, a part limited in time and space. He experiences himself, his thoughts and feelings as something separated from the rest ... a kind of optical delusion of his consciousness. This delusion is a kind of prison for us, restricting us to our personal desires and to affection for a few persons nearest to us. Our task must be to free ourselves from this prison by widening our circle of compassion to embrace all living creatures and the whole of nature in its beauty“ - therefore - „We must become the change we want to see in the world“ (Mahatma Gandhi).

„The Great Dictator" (1939) from Charlie Chaplin is a great film - it is so far-sighted - and the final speech in that movie is sooo NICE. The film is about Adenoid Hynkel (there are certain wanted similarities to Hitler), the power-mad ruler of Tomania, and a humble Jewish barber suffering under the dictator’s rule. Chaplin ends the movie with the barber’s speech calling for peace and prophesying a hopeful future for troubled mankind:

http://www.youtube.com/watch?v=QcvjoWOwnn4

...timeless speech - almost 70 years later we all still aspire for the same:

„We have developed speed but we have shut ourselves in.“

„We think too much and feel too little“

Hier nochmal ein Link zu der deut. Version der "Abschlussrede" von Charlie Chaplin:

http://www.youtube.com/watch?v=CMezadIUnK8

Lieben Gruss;

Fiete

epikur 4. Dezember 2008 um 22:37  

Wie oft hört man nicht in den Medien oder von Unwissenden, dass die Konsumenten und Käufer von Billigwaren diese unmenschlichen Zustände der "sweatshops" (schön euphemistischer Begriff für die Todeszonen in Fernost) mit unterstützen würden? Als wenn es den Käufern in den Discountern darum gehen würde, die sweatshops aktiv zu unterstützen. Nein - sie haben (dank Hartz4 und co) selbst einfach nicht genug Kohle um über die Runden zu kommen.

Umso widerlicher sind mir dann die ach so politisch korrekten Grünen-Wähler (Merke: Grünen-Wähler haben das höchste Einkommen aller Wählerschichten!) mit ihrem moralisch erhabenem Habitus, wenn sie teure Bio-Ware oder Fairtrade-Zeug kaufen. Klar, wenn ich einige Tausend Euro im Monat verdiene, kann ich mir den Gewissens-Luxus auch leisten.

Manul 5. Dezember 2008 um 01:15  

@Epikur:

Ich bin zwar kein Freund der Grünen, aber Perta Kelly erkannte es sehr treffend, dass ökologische und soziale Politik Hand in Hand miteinander zusammen gehen und wenn man sich die kaputte Umwelt anschaut, die auch durch die zügellose Industrialisierung aller Bereiche zugrunde gerichtet wird, dann versteht man wie es gemeint war. In diesen Ländern müssen die Menschen nicht nur unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, sondern sind auch starken Umweltbelastungen ausgesetzt, was zusätzlich noch Krankheiten und andere Nebenwirkungen mit sich bringt. Obendrein werden diese Menschen durch riesige Agrarkonzerne in quasi Leibeigenschaft gedrängt oder gar verdrängt und ganze Naturräume müssen Monokulturen weichen, die das töten, was Kettensägen und Bagger nicht geschafft haben - und so werden wir nicht nur gezwungen auf Kosten der Ärmsten zu leben, sondern auch auf Kosten unserer Nachkommen, die in eine Welt hinein geboren werden, deren lebenswichtige Mechanismen systematisch zerstört wurden und werden - und das obwohl das Thema Umweltzerstörung immer weiter an Dringlichkeit zunimmt und es so langsam auch keinen Aufschub mehr gibt.

Das ist in der Tat alles sehr komplex und ich denke, dass viele insgeheim wissen, dass das System, in dem wir alle leben, ein Verfallsdatum hat. Wir kennen es nur nicht und es gibt einige Faktoren, die den Verfall auslösen können und manchmal kommt es mir schon vor, als würden alle förmlich nur auf die Initialzündung warten, um den Laden in Brand zu stecken. Die neoliberale Politik der letzten Jahre hat es jedenfalls sehr begünstigt, dass es extreme Ungleichheiten auf der Welt gibt, die immer augenscheinlicher werden. Die Exzesse der Führungs'eliten' runden das Bild noch zusätzlich ab, dass die Unzufriedenheit wächst und damit auch die Protestbereitschaft. Ich denke, dass wir auf einen gewaltsamen Wandel zusteuern, für einen sanften Wandel ist es nämlich leider schon zu spät. Dafür müssten sich nämlich die Besatzungen der Führungseliten erneuern durch Menschen, die nicht nur neue Ideen mit sich bringen, sondern relativ befreit sind von der neoliberalen Religion - und allein daran dürfte es grösstenteils scheitern, da solche Leute als Persona non grata gelten.

Roberto J. De Lapuente 5. Dezember 2008 um 08:15  

Zunächst einmal möchte ich mich hier für das Lob der Leser bedanken. Es freut mich sehr, wenn ich immer wieder ihren Nerv treffe.

Lieber Manul, volle Zustimmung. Nur: Wenn Epikur von den Grünen spricht, dann meint er nicht diejenigen Grünen, die man später als Fundis bezeichnet hat. Diese Partei ist heute mehr als eine seelenlose Hülle und ich frage mich, wie wohl Kelly reagiert hätte, wenn sie noch am Leben wäre. Wäre sie noch Grüne? Wäre sie zum Realo geworden?

Zudem waren diejenigen, die man als Realos bezeichnete, die Joschka-Clique, keine Grünen von Anfang an - sie haben sich in das schon vorhandene Boot gesetzt und einfach den Kurs gewechselt. Fischer und Konsorten sind das beste Beispiel dafür, wie man mittels Parteieintritten, eine Partei zum Einsturz bringen kann. Wir sollten alle in die SPD eintreten und dann mittels Mehrheit etwas Besseres aus ihr machen.

Geheimrätin 5. Dezember 2008 um 11:08  

"Wir sollten alle in die SPD eintreten und dann mittels Mehrheit etwas Besseres aus ihr machen."

Lieber Roberto De J. Lapuente

Vielen Dank für diesen Satz. Den kopiere ich in meinen Wahljahr 2009-Aufruf auf duckhome!

Stellen wir uns vor, Geißler, (der böse!) Lafontaine samt Ehefrau Christa Müller, Herr Lapuente, Albrecht Müller, Frau Leuthheusser Schnarrenberger, Enja Riegl...bitte Liste vervolkommnen..
alle in die SPD, die Clement Jünger mögen ihrem Herren folgen..

So in der Art hatte ich mir das vorgestellt!

Nochmals, danke!

Anonym 5. Dezember 2008 um 11:19  

"[...]Wir sollten alle in die SPD eintreten und dann mittels Mehrheit etwas Besseres aus ihr machen.[...]"

Lieber Roberto J. de Lapuente,

danke für die klaren Worte. Jetzt weiß ich wieder warum der Attac-Gründer Sven Giegold bei den GRÜNEN gelandet ist - er will aus dieser Fischer-Gang-Partei etwas Besseres machen....

Meine Befürchtung ist eher, dass Attac von den GRÜNEN geschluckt wird....die haben Erfahrung im "Marsch durch die Institutionen" - nun ist eben das bislang noch globalisierungskritische Werk Attac dran....

Ich hoffe ja so, dass ich mich irre, aber ich habe immer die StudentInnen im Hinterschädel, die vor Jahren einmal die FDP entern wollten, um etwas Besseres aus dieser Partei zu machen - Wo sind die geblieben?

Heißen die heute Westerwelle etc....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Geheimrätin 5. Dezember 2008 um 11:23  

So, hier mein Kommentar auf duckhome mit Herrn Robertos Zitat:

Ich habe mir erlaubt, einen Kommentar von
Roberto J.De Lapuente aus seinem Blog zu "klauen"
und hier reinzuposten:

"Wir sollten alle in die SPD eintreten und dann mittels Mehrheit etwas Besseres aus ihr machen."


Ist doch auch mal eine Idee oder ? Und die Clement Jünger mögen ihrem Herren folgen...Wie kommentierte meine damals 10 jähige Tochter Merkels Wahlsieg: "Jetzt ist die Merkel Schröderin!"

Also, alle Verräter der Sozialdemokratie ab in die CDU...und umgekehrt

Markus 9. Dezember 2008 um 23:34  

Der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und scharfe Kritiker der Bush-Administration (dessen Name mir gerade nicht einfält) hat einmal die These aufgestellt, daß es für die sog. Entwicklungsländer langfristig gesehen besser sei, zunächst über niedrige Lohnkosten in den Weltmarkt integriert zu werden, als dauerhaft außen vor zu bleiben. - Weiß jemand zufällig den Namen dieses Mannes?

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