Unscheinbare Worte

Samstag, 13. Dezember 2008

Es gibt Worte, die historisch-ideologisch derart verseucht sind, dass sie eigentlich nicht mehr verwendbar erscheinen. Dabei handelt es sich um ganz banale Worte der deutschen Sprache, nicht um ausgewiesene Spezialtermini, welche in der heutigen Zeit sowieso schon wegen ihrer Überholtheit nicht mehr benutzbar wären. Obwohl „der Führer“ keinerlei Deutung über denjenigen zuläßt, der einst selbst Führer war, wird dieser Begriff heute nicht sehr oft benutzt – und wenn doch, so wird geschmunzelt oder sich entrüstet, wird klargemacht, dass man von „Führern“ nicht mehr sprechen dürfe. Dabei ist es nur eines vieler Worte, welches sich im Deutschen findet. Der „Führer“ ist tabu, aber Müntefering darf seine Partei anführen. Ähnlich verhält es sich mit „dem Juden“, der ja Jude ist, immer war, aber bei dem man sich scheut, es auch so zu sagen – „der Jude“ war in den braunen Vorgängerjahren der Bundesrepublik ein Schimpfwort. Heute spricht man lieber vom „Judentum“ oder vom „Jüdischsein“ eines einzelnen Zeitgenossen – dass er Jude sei, das wird nicht gerne verkündet. Man kann das freilich verstehen, nach Auschwitz schwingt „beim Juden“ einfach zu viel Anklage und Hetze mit – aber es ändert nichts daran, dass es sich hierbei um ein deutsches Wort handelt, welches bar jeder historischen Betrachtung, keinerlei Wert oder Unwert in sich erkennen läßt.

Nur zwei Worte, denen eigentlich kein moralischer Impetus innewohnt, die aber dennoch heute nur zähneknirschend, wenn überhaupt, verwendet werden. Sie sind im Gegensatz zu vielen anderen Begriffen, denen auch offensichtlich ein ehrabschneidendes Motiv zugrundeliegt, wertfrei. Angeführt wird heute immer noch und Führergestalten gibt es auch nach 1945, genauso wie auch heutige Juden, eben Juden sind – was man geschichtlich mit solchen Begriffen konnotiert, hat nichts mit den Worten selbst, mit ihrem Ursprung, ihrer sprachlichen Isoliertheit zu tun. Solche Worte, die moralisch eigentlich vollkommen unverdächtig, die einfach nur Bestandteil deutscher Sprache sind – um ihren griechischen, lateinischen, französischen oder englischen Ursprung soll es hier nicht gehen -, findet man auch heute wieder – in anderer Weise freilich, nicht an der Schwelle zum Krematorium, dafür aber in einer Menschenverachtung mit lächelnden Antlitz. Es handelt sich dabei um Worte aus dem neoliberalen Jargon, der unseren Alltag diktiert bzw. der alltägliche Begriffe immer mehr zweifelhaft werden läßt. Dabei sind gar keine Fachbegriffe aus den Wortfabriken von think tanks gemeint, sondern gängige und gebräuchliche Worte aus dem deutschen Wortschatz, ja sogar aus dem deutschen Grundwortschatz.

An dieser Stelle soll erwähnt sein, dass die Abhandlung dieser Begriffe im Subjektiven stattfinden soll, zumindest zum großen Teil – also nicht anhand der Man-Sichtweise, sondern aus dem Mich, Mir, Ich heraus; so wie es sich für mich darstellt, es sich mir aufdrängt, ich es sehe. Subjektiv auch, um die Lesenden dieser Zeilen damit zu Reaktionen zu animieren, sie damit zu befragen, ob sie es ähnlich empfinden, sich vielleicht sogar in manchen Sichtweisen erkennen können. Wie empfinden die Leser also die folgenden Begrifflichkeiten in ihrem Alltag? Finden sie sie anstößig? Winken sie ab, wenn man ihnen bestimmte Termini unter die Nase reibt? Finden sie es mittlerweile sogar bedrohlich, wenn selbst z.B. im Schulwesen unscheinbare Alltagsworte wie Kampfansagen aussehen?

Erfolg: Dieser erste Begriff wurde im Laufe der Zeit uminterpretiert. Dies geschah zwar schon vor der neoliberalen Ära, aber in voller Entfaltung der Eindimensionalität, hat sich die Umdeutung erst heute derart entwickelt, dass der Begriff für sich alleine eine Konkretheit ausstrahlt, wie es dem Wortursprung nach nicht ersichtlich wäre. Heute bedeutet „Erfolg“ immer „guter Erfolg“, bedeutet immer ein positives Resultat. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Zustand der „danach eintritt“, der erfolgt – und dieser Zustand ist rein terminologisch betrachtet, nicht an gut oder schlecht gekettet. Wenn man heute sagt, wie man es gelegentlich hört, dass der Erfolg Hitlers die Zerstörung Deutschlands war, dann wertet man es als Ausdruck von bösartigem Zynismus – dabei wird hier der Begriff gar nicht fehlerhaft oder sehr zynisch gebraucht, denn was auf Hitler „erfolgte“ war Zerstörung. Selten liest man nurmehr davon, dass man jemanden „guten Erfolg“ wünsche. Heute kann man sich vorangestellte „Gute“ sparen, denn das Wort „Erfolg“ scheint unerklärlicherweise das Positive in sich aufgesogen zu haben. Die heutige Alltagssprache tut so, als sei das Erfolgte immer positiv – darin versteckt sich ein stiller Aufruf zum Optimismus, der ja gerade in Zeiten großer Ungerechtigkeit zu einer Art Lebenselixier mutiert ist, zu einer Überlebensstrategie: Man schürt positives Denken, fördert das think positive und merzt negative Schwingungen damit aus.
Immer wenn ich dieses Wort heute höre, wenn ich höre wie über die Erfolgsaussichten fabuliert wird, oder wie man darüber spekuliert, wie der Erfolg einer Unternehmung wohl ausfallen möge, dann frage ich mich, warum der zu erwartende Erfolg immer als positives Ereignis erwartet wird und warum es dann nicht im Sinne des Erfolgbegriffes ist, wenn das Erfolgte weniger erfreulich ist, zumal man auch aus „negativem Erfolg“ Schlüsse ziehen könnte. Was aber dieses schwammige Gerede von Erfolg für mich so unerträglich macht ist die Tatsache, dass man den positiven Erfolg immer als logische Schlußfolgerung von erbrachter Leistung hinstellt, selbst wenn die, die sich mit „guten Erfolg“ Übergangsgelder und Provisionen eingeschoben haben, nichts weiter als warme Luft geleistet haben. Darin liegt die andere Seite des think positive, des Erfolgpredigens: Wer leistet, der erntet positiven Erfolg. Das sollte man einmal einen Leiharbeitnehmer erklären, der sich abrackert und schuftet, und der von dem was auf seinem Konto erfolgt, kaum leben kann. Das positive Erfolgsherunterbeten animiert zur Leistung.

Leistung: Landauf landab wird von Leistung gesprochen. Darüber, dass sie sich wieder lohnen müsse; dass derjenige der leistet, auch gut verdienen müsse; dass Leistungsbezieher auch selbige erbringen müssen. Die „Leistung“ ist das Zauberwort der herrschenden Ideologie. Wer etwas leistet, den will sich die Gesellschaft auch weiterhin leisten; wer nichts mehr leisten kann oder darf, den soll man am besten gar keine finanziellen Leistungen mehr überweisen. Der heutige Leistungsbegriff scheint reichlich pervertiert, weil er Leistungen, die sich außerhalb des ökonomischen Wettbewerbs – zum Wettbewerb: siehe nächsten Absatz - abspielen, gar nicht als solche anerkennen will. Jemand der Kinder erzieht und beaufsichtigt, jemand der einen kranken Onkel oder Nachbarn pflegt, der engagiert sich ehrenamtlich, aber von Leistung wird da kaum geredet. In der neoliberalen Weltanschauung ist Leistung immer mit dem „Was kann ich daran verdienen?“ verbunden, wird immer nach Kosten und Nutzen analysiert, um dann zur anerkannten Leistung zu werden – oder eben nicht.
Wenn heute die Lehrer meiner Kinder von Leistung sprechen, die meine Kinder im Unterricht zu erbringen haben, dann empfinde ich ein flaues Gefühl im Magen. So weit ist es gekommen, dass für mich das deutsche, eigentlich recht unscheinbare Wort „Leistung“ zu einem Unwort wurde, weil ich damit immer gleich Ausbeutung, Kosten-Nutzen-Kalkül, Verwurstung von Arbeitskraft etc. in Verbindung bringe. Die von den Lehrern erhoffte Leistung mag gar nicht ideologisch unterminiert sein – ist sie wohl auch nicht -, aber alleine das Wort reicht aus, um in mir alle Alarmglocken zu aktivieren – dem neoliberalen Dauerbombardement sei Dank. Das Wort ist für mich derart in Misskredit geraten, dass ich stets versucht bin, es aus meinem Wortschatz herauszuhalten.

Wettbewerb: Man bewirbt sich, um an einer Wette, an einem Ringen um den Wettsieg, teilzunehmen. Der Begriff „Wettbewerb“ symbolisiert zunächst nichts Negatives, sondern ist in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens das sprichwörtliche Salz in der Suppe. Die Bundesliga ist ein Wettbewerb, genauso wie das abendliche Schafkopfen oder Pokern am Stammtisch. Das Kraftmessen im Spielerischen ist Teil der conditio humana, entspricht der menschlichen Natur. Man ist dabei in den Regeln der Wette oder des Spiels gefangen, muß sich diesen unterwerfen und spielend das Beste daraus machen. Die Arbeitswelt aber, der Kampf zwischen Unternehmen genauso, wie der Kampf aller Arbeitnehmer gegeneinander, ja selbst der inszenierte „Wettbewerb“ zwischen Arbeitssuchenden, ist kein Spiel – es ist daher kein Wettbewerb, denn die (oft unfreiwilligen) Teilnehmer am sozio-ökonomischen Gesellschaftsgefüge wetten nicht mit, haben sich nicht um die Teilnahme an einem Spiel beworben, sondern sorgen sich um ihr persönliches Überleben. Sie gehen nicht spielend mit den Regeln des Marktes um, sondern nehmen die Zustände ernst, müssen sie sogar so ernst nehmen, wenn sie nicht aus Spaß an der Freude zugrundegehen wollen.
Vom Wettbewerb lese und höre ich immer wieder; sogar Zeitgenossen aus meinem Umfeld sprechen davon. Dies tun sie mal ganz offen, mal versteckt hinter Floskeln – viele Menschen sind der Ansicht, dass das Leben eine große Ansammlung von Wettbewerben sei, die es auszufechten gilt. Höre ich heute diesen Begriff, bin ich schon versucht das Weite zu suchen. Die ganze Wettbewerberei innerhalb dieser Gesellschaft setzt mir so zu, dass ich keinerlei, nicht mal mehr gesundes Kontrahentendasein dulden mag. Der Wettbewerbsbegriff, den der neoliberale Jargon meint, steht für mich vorallem dafür, das Leid der Menschen zu rechtfertigen, welche in diesem ominösen Wettbewerb nicht leistungsfähig genug erschienen. Dabei entfremde ich mich vom menschlichen Erbe des Kräftemessens radikal, denn der Begriff ist für mich heute derart untragbar geworden, derart verschmutzt, dass ich selbst einen Wettbewerb im Tischtennis für unerträglich halte – dies ist genau betrachtet Irrsinn, aber das ständige Berieseln mit diesem Begriff, beschwört zuweilen die seltsamsten Reaktionen.

Eigentum: Es ist das Eigene eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Das „Eigentum“ ist das Vaterunser der neoliberalen Sektierer. Alles, jeder Stein auf Erden, soll jemanden gehören – nicht der Allgemeinheit, denn die soll nicht Eigentümer sein, sondern einer Organisation, einem Konzern oder einfach einer Privatperson. Macht Euch die Erde untertan, macht sie Euch zu eigen – das ist die Losung der neoliberalen Schule. Was herrenlos ist, ist entweder nutzlos oder sofort in Privateigentum zu überführen. Wenn heute von Eigentum gesprochen wird, dann geht es vorallem darum, gigantische Privatreichtümer zu rechtfertigen und per Eigentumsgesetzgebung zu legalisieren. Teilhabe aller am Wohlstand der Menschheit? - Davon wollen die Apologeten des Eigentums nichts wissen. Wer jedoch kritisch an der Eigentumslehre herumdeutelt, der ist Kommunist und damit ein unbelehrbarer Anachronismus.
Mir fällt es heute schwer, meinen Kindern etwas über das Eigentum von Menschen zu erzählen, ihnen bewußt zu machen, dass man das Eigentum anderer respektieren, und diesen Respekt auch von anderen Menschen abverlangen muß. Dies fällt mir nicht schwer, weil ich etwa kein Eigentumsgefühl hätte, oder versucht wäre, mir das Eigentum meiner Nächsten anzueignen; es fällt mir schwer, weil ich schrittweise erkannt habe, dass das Eigentum der Superreichen immer mehr dazu führt, dass es Menschen gibt, die lediglich ein Paar Möbelstücke - wenn überhaupt - ihr Eigentum nennen können. Lehre ich meinen Kindern heute die Regeln des Eigentums, so wie sie heute praktiziert werden, so lehre ich sie die Regeln des entfesselten Eigentumwahns, lehre ich sie die Habgier, pflanze ihnen eine Lehre in den Kopf, die das Treiben der herrschenden Kreise legitimiert – was der Vater sie lehrte, was die Gesellschaft schamlos praktiziert, so könnten sie schlußfolgern, wird seine Richtigkeit schon haben; lehre ich ihnen hingegen, dass Eigentum verpflichtet, ihr spärliches Eigentum gleichermaßen wie jenes von den Millionären dieser Erde, dann erziehe ich sie im Sinne uralter Ketzereien, die heute bedeutungslos geworden sind, ja geradezu gefährlich. Am Ende würden sie aufgrund dieser Ketzerei annehmen, ein Millionär habe die Verpflichtung, von seinem Wohlstand etwas abzugeben, damit jedem Menschen Chancen offenstehen.

Chancen: Die "Chance", wie wir sie heute im politischen Diskurs immer wieder vernehmen, ist eine schwammige, nicht konkretisierte Möglichkeit, eine Kann-Situation, die mit viel Glück, Beziehung und Geld eintritt, die aber keine Garantie darstellt. Wir wollen in dieser Gesellschaft keine Gerechtigkeit mehr, sondern Chancengerechtigkeit – d.h. wir wollen eine Gerechtigkeit, die dann und wann die Chance bietet, auch wirklich gerecht zu sein. Aber dies eben nur, wenn die Prämissen stimmen. Dies ist eine abgegrenzte Gerechtigkeit, die nicht faßbar ist, weil sie sich durch das Gewimmel der (nicht genutzten) Chancen aus dem Staub machen kann. So bieten wir Hochschulbildung an – wer sie jedoch nicht ergreift, weil beispielsweise der Geldbeutel der Eltern zu schmal ist, der hat damit seine Chance verstreichen lassen. Das Palaver um die Chancengesellschaft gleicht dem berühmten Ausspruch, wonach jene, die nach Brot verlangen, doch einfach Kuchen essen sollen – auch die Brothungrigen hatten damit ihre Chance gehabt.
Wie soll ich also reagieren, wenn ich im Alltag das Wort „Chance“ höre? Nach all den Verblödungen, die sich um diesen Begriff rankten, ist er mir so suspekt geworden, dass ich ihn gar nicht mehr hören kann. Wenn mein Sohn, nachdem er sich mehrfach meinen Anweisungen oder familiären Vorschriften widersetzt hat, mit Konsequenzen – auch das Wort tut mir mittlerweile weh – konfrontiert sieht und er daraufhin bittet, man solle ihm noch eine Chance einräumen, dann ärgert mich dieses Wort sogar dort. Ich will keine Chancen geben, ich will ja gerecht sein, nicht nur chancengerecht; will ihm keine schwammigen Kann-Gebilde anerkennen, sondern klare Garantien. Dass die Chance einst gar nichts Schwammiges an sich hatte, dass sie erst durch den neuen Jargon so inhaltlich entwertet wurde, wird mir dann erst nach einigem Nachdenken bewußt.

Es gäbe noch viele Wörter, die man täglich aus den Medien vernimmt, die klar vorgezeichnet in die medialen Fahrwasser geleitet werden, und die eigentlich nur gebräuchliche deutsche Wörter wären, wenn sie nicht andauernd von den Meinungsmachern mißbraucht würden. Denn das kommt hinzu, wird immer wieder vergessen: Die Meinungsmacher, die Umsetzer dieser Meinungen in die Praxis, formen nicht nur die sozio-ökonomischen Zustände dieser Gesellschaft um, sondern "entweihen" diese Sprache, machen sie zum linguistischen Patienten, zur Sprache, die irgendwann so leer ist an Aussagekraft, dass man sie nicht mehr benutzen will - und insofern man etwas damit ausdrücken will, sie auch gar nicht mehr benutzen kann, weil es an konkreten Worten fehlt. Da können manche noch soviel davon träumen, die deutsche Sprache ins Grundgesetz zu betten – solange man zuläßt, dass traditionell gebräuchliche Worte aus dem Deutschen in dieser Form entleert, mißbraucht und umgedeutet werden, ist das Deutsche auf dem besten Wege, zum inhaltslosen Idiom zu werden, ja sogar zur toten Sprache. Die Kreise, die das Deutsche zum grundgesetzlichen Wert erheben wollen, haben recht wenn sie behaupten, dass die deutsche Sprache verhunzt wird. Doch die Gefahr lauert nicht bei den Türken innerhalb Deutschlands, nicht bei den Anglizismen oder anderen Sprachvermischungen – die deutsche Sprache ist genau betrachtet, wie die meisten Sprachen, eine einzige große Sprachvermischung -, sondern bei denen, die glasklares Deutsch sprechen, aber die Begriffe so sinnfrei umdeuten, dass damit kein sinnvoller Satz mehr formulierbar scheint.

Für mich gibt es heute deutsche Worte, die eigentlich vollkommen unverdächtig wären, wenn sie nicht dauernd vergewaltigt würden. Ich hätte nichts dagegen, auch mal Leistung abzufordern, wenn ich nicht wüßte, wie der Begriff heute untermalt und verstanden wird – aber so, mit diesem Vokabular der Menschenverachtung, fällt es mir schwer. Mehr und mehr wird die deutsche Sprache, die für mich in ihrem Klang zwar nicht melodiös, dafür jedoch in ihrer Ausdrucksvielfalt wertvoll ist, zur Sprache der Dummheit, zur Sprache ohne Seele, die ich nicht mehr sprechen und teilweise nicht mehr schreiben will. Als Oskar Schindler "seinem" Listenschreiber Itzhak Stern sagte, er würde natürlich auch auf die Liste kommen und er würde eine Sonderbehandlung erhalten, da antwortet ihm Stern, dass er wüßte, was „Sonderbehandlung“ hieße, er habe mehrfach Dokumente gesehen, die von „Sonderbehandlung“ berichteten. Schindler meinte, Stern wisse aber doch, wie er das meine und überhaupt, müsse man denn eine ganz neue Sprache erfinden. Sterns Antwort: „Ich glaube schon.“ – So weit bringen es auch jene, die mittels Sprache die Menschen manipulieren, sie verdummen, sie abrichten, sie zu ihren Nutzvieh degradieren. Sie bringen es so weit, dass wir uns eine neue Sprache ersinnen müssen, weil wir die althergebrachten Begriffe nicht mehr für aussagekräftig genug halten, für leere Worthülsen, mit denen kein Satz zu machen ist.

Bis aber die Deutschromantiker, die meinen, eine deutsche Sprache gesichert durch das Grundgesetz, könne dieses Land vor dem Untergang retten, ihr Vorhaben umsetzen, da gibt es diese zu schützende deutsche Sprache gar nicht mehr – was bleibt ist eine Sprache, die mal die Sprache der Deutschen war, aber dann so verdreht und ausgehöhlt wurde, dass sie nurmehr eine Art Neusprech ist, mit dem sich kaum mehr etwas Tiefgründiges ausdrücken läßt.

25 Kommentare:

Anonym 13. Dezember 2008 um 03:14  

Hallo Roberto,

wie immer treffend geschrieben.

Eine Anmerkung von mir, es gibt bereits ein "ABC zum Neoliberalismus" von H. J. Urban, Taschenbuch - VSA-Verlag. Dort werden die "Unscheinbaren Worte" - leider nicht aktualisiert, wie ich gerade beim Durchblättern sehe - auch teilweise als "orwellsches Neusprech" entlarvt. Was die Durchsetzung unserer Sprache durch neoliberale Ideologiebegriffe angeht, da gebe ich dir völlig recht, aber es liegt wohl auch daran, dass unsere Öffentlichkeitsarbeiter der deutschen Presse- und Zeitschriftenlandschaft eben weitgehend aus der konservativ-neoliberalen Ecke stammen, und dies sogar im folgenden Buch "Nervöse Zone - Politik und Journalismus in der Berliner Republik" von Lutz Hachmeister offen zugibt. Eine Lösung dafür weiß ich auch nicht - die Gegenöffentlichkeit die kritische Blogs wie Ad Sinistram, und andere Blogs und Homepages im Netz - ist da wohl nur der Anfang. Ich bleib aber optimistisch, da ich immer dran denke, dass es schon 2 Systeme in Deutschland gab, die mittels Sprache versucht haben die Hirne meiner Landsleute zu vernebeln - als ehemaliger BRDler meine ich natürlich das "Dritte Reich" vor allem, und dann den Ostblock bzw. die Ex-DDR. Ich vermute einmal stark, auch die DDR hatte ihre eigenen Wortkreationen, die auch nicht verhindern konnte, dass dieses System unterging - da bleibe ich optimistisch, zumal sogar ein US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz die heutige Zeit als für den Neoliberalismus ebenso katasprophal darstellt, wie damals für den Sozialismus die "Perestroika", die zum Fall der Berliner Mauer führte.....

Optimistischer Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Kurt aka Roger Beathacker 13. Dezember 2008 um 03:59  

"Kommentar" - dieses Mal extern.

Jedem seine Chance!

;-)

Der Schweizer Narr 13. Dezember 2008 um 05:23  

Besten dank für diesen Beitrag!

Über die Bedeutung von Worten nachzudenken ist ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Bewusstseinbildung.

Unabdingbar ist es im Sinne der Erarbeitung einer inneren Wirklichkeit, die Worte die von Aussen hereinkommen mit dem Aukleber 'versandt von' nachzurüsten.

Bevor überhaupt gesprochen wird, besteht somit das Bedürfnis herauszufinden wer genau der Gesprächspartner oder die gegenüberstehende Sie ist.

Es ist merkwürdig das Worte alleine durch das Aussprechen dem Selbst seltsam vorkommen können. Hier stellt sich dann die Frage einer Art Eigenschuld. Wenn ich zum Beispiel 'Jude' sage, so beschleicht mich ein gewisses Unwohlsein. Dies zeugt, so denke ich, von innerer Unsicherheit.

Die Unsicherheit ist deshalb gegeben, so habe ich das bei mir herausgefunden, das ich eben nicht dabei war. Ich war nicht dabei als dieses Wort im Sinne des Holocaust eine schlimme weitere Bedeutung erhielt. Ich weiss nicht wie ich damals gehandelt hätte, als Held oder als Beteiligter am negativen Geschehen? Die Unsicherheit bei der Aussprache des Wortes Jude bedeutet für mich daher eine Art Alarmsignal, dass mein inneres Gerechtigkeitsempfinden stets wachsam zu sein habe. Das Wort Jude ist für mich eine Art Trigger, ein Schlüsselwort das zu moralischer Instanzierung verleitet, genauso wie das Wort Homosexuell.

Es ist zu hoffen dass spätere Generationen sich aus der moralischen Verstrickung zu diesen Worten auslösen können, so dass sie solchen Menschen begegnen können, ohne über sich selbst in überinstanzierter Weise nachdenken zu müssen.

Anonym 13. Dezember 2008 um 10:40  

@Roberto de Lapuente
Hallo sehr geehrter Herr Lapuente!

Mal wieder ein interessantes Thema, die Sprache. Manchen Ihrer Ausführungen mag ich zustimmen, andere sind mir unklar geblieben, und einigen Ausführungen fehlt etwas, beispw. weitere Herkunftsuntersuchungen. Beim Worte "Erfolg" haben sie noch eine Herkunftserklärung beigefügt, dann unterblieb jedoch eine nähere Erklärung woher ein Wort stamme, so bei "Leistung", "Wettbewerb", "Eigentum" und "Chancen".

Mir und Freunden ist aufgefallen, daß nicht nur die deutsche Sprache, vielmehr alle Sprachen zunehmend verhunzt werden. Das liegt in erster Linie an den Medien und der Werbung bzw. den "public relations". Wobei >public relations< eigentlich bedeutet: >öffentliche Beziehungen<. Und gerade durch diese ursprungsweise Deutung jenes Begriffs läßt sich bemerken, daß Sprache durch Beziehungen (im Austausch) sich wandelt. Heutigentags haben wir eine Flut von verwandelten Bedeutungen eben durch sehr weitläufige "public relations" aller Art. Durch klassische Medien wie die Zeitungen, durch TV, durch Internet, Werbungssprüche etc. Eine inflationäre Entwicklung für die Sprachen.

Jedem Dichter, jedem Schriftsteller, der entdeckt hat, was Sprache enthält: Bedeutungsvielfalt und Bedeutungstiefe, Bedeutungsoberflächlichkeit, Bedeutungsmanipulation, und - bedeutende Poesie vor allem. Ein jeder der Sprache bewußt nutzt, weiß, was Sprache bewirken kann.

Eine Eigenheit der deutschen Sprache ist in ihr enthalten - die Genauigkeitssuche - im Sprachraum; sicherlich einst gefördert durch unsere berühmten "Dichter und Denker". Nicht etwa, daß englische oder französische Denker und Schreiber ungenau wären oder deren Sprachheimat zur Oberflächlichkeit verführe, ich meine hier -, die Mentalität eines Volkes äußert sich in seiner Sprache und Grammatik. Und die deutschen perfektieren halt gern herum, suchen Genauigkeit bis hin zur leider übertriebenen Peniblität.

Um die Wirkungskraft der Sprache sowie um die Manipulation mittels Sprache wußten begabte Manipulisten auch in der Hitlerzeit, sie hatten freilich bereits von Anderen hinzugelernt. Seit jener politisch unrühmlichen Zeit ist die Sprache besonders weittragend verhunzt worden und überdies Propaganda ausgefeilt worden, um die Massen dorthin zu ver-führen, wohin der Hase laufen sollte. Treffer. (Es gibt darüber Untersuchungen.)

Trefflich klappen auch heute Manipulationen an der Sprache, insbesondere wenn man sie über breit streuende Medien unter die Massen bringen kann. Wie etwa die z.Z "gebetsmühlenartig" wiederholte Formel: "in einer globalisierten Welt". Es ist nicht verwunderlich, wenn unterschiedliche Leute, die ein bissl mitdenken können, an einer "Reinerhaltung" der Sprache, wie ein gewisser Bundestagspräsident etwa, interessiert sind und dafür öffentlich Werbung machen. Die Motive allerdings sind hier wie dort unterschiedlich.

Wie Sie, Herr Lapuente treffend geschrieben haben, wandelt sich Sprache mit der Zeit, sie sagten es folgendermaßen: "die deutsche Sprache ist genau betrachtet, wie die meisten Sprachen, eine einzige große Sprachvermischung". So ist es. Da liegt doch wohl auch nicht das Problem. Problematich wird es, wenn Medien und deren öffentliche Vertreter Sprache gezielt einsetzen, wie eben manche "Neusprech-Zusammensetzungen" und andere Bedeutungserfindeungen dies versuchen. So wurden in der Nazizeit Worte bzw. Begriffe wie "Leistung", "deutsches Volk", "Führer" oder "Vaterland" (um einge der bekanntesten zu nennen) sehr häufig und manipulativ eingesetzt, sehr viele weitere Wörter und Begriffe in ihrer Bedeutung umgebogen.

Das Umbiegen, das Umbedeuten der Wörter ist heute längst Mode. Wie dieses Phänomen entstand, ist mir noch nicht ganz klar, ich schätze, es kommt durch Werbung und Television und durch die Auffassung Visionen seien machbar. So wie man Raketenbau genutzt hat um die Erde zu verlassen und den Weltraum zu "erobern" (der uns was husten wird), so häuften sich Visionen von der Unendlichkeit von Sprachgestaltung, von Wortbedeutungsvielfalt, ja - Wortvergewaltigung.

Zu Ihrer Frage: Ich habe mit den Wörtern "Erfolg", "Leistung", "Wettbewerb", "Eigentum", "Chancen" dann ein Problem, wenn Sie unbedacht - oder - einseitig manipulativ genutzt werden. Letzteres - das manipulative Moment zieht sich in unserer Zeit durch alle Ebenen und durch viele Menschen. "Leistung", ich habe damit noch nie etwas anfangen könne, da dies Wort immer schon zu bedeuten schien - entweder du leistest etwas - für die Gesellschaft, die deutsche Gemeinschaft, für dein Vaterland oder Volk, für uns alle - >oder du hast versagt, bist ein Verlierer. - Azeptiert wirst du hier nur, wenn auch du etwas geleistet hast.<
Nun, ich bin der Ansicht, daß beispielsweise ein Herr Ackermann zwar etwas geleistet hat -, aber zum Schlechten -, offensichtlich manipulativ hat er eigentümlich chance-ergriffenen Erfolg in diesem zeitverhunzten Moment der Geschichte, also Eigentum geschaffen und im Werte gesteigert... a bissl "Leistung" für andere und sehr viel für sich. Tolle Leistung? Nichts hat er geleistet für die Charakterstärke des Gewissens, geschweige denn für die Ethik seiner Heimat sowie seiner Wahlheimat, geschweige denn für eine Vorbildhaftigkeit. Leistung wird längst in finanziellen Zahlen gemessen, Geld ist alles, Geltung darüberhinaus die Schale des faulen Kerns von Bonzen und Karrieristen. Die Geldbäume wuchsen nach allen Seiten und nun aber fallen die Blätter von den Stämmen und verführte Eigentümer stammeln nur noch vor Sprachlosigkeit. Der Apfel fault nicht weit vom Stamm.

Manchmal ist es lehrreich Sprache vorzuführen, oder anders gesagt, zu zeigen, welch zartes Gewebe die Sprache des Menschen ist. Es liesse sich noch viel dazu schreiben und sprechen.

P.S.
Was meinten Sie Herr Lapuente, mit dieser Aussage: "Doch die Gefahr lauert nicht bei [...]
sondern bei denen, die glasklares Deutsch sprechen, aber die Begriffe so sinnfrei umdeuten, dass damit kein sinnvoller Satz mehr formulierbar scheint." Bezieht sich dies auf Politiker und andere "Sprechler", solche aus der Werbung oder den Vorstandsetagen? wenn jene in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten? In Ihrer Bemerkung ist mir einiges nicht klar geworden.
Oder beziehen sie sich auf Sprachvorführer, die die Sprache anders, künstlerisch sozusagen, benutzen - wie wenn ich (persönlich) beispielsweise so etwas schreibe:
"Es wuseln längst die Ratten aller stinkenden Schiffe auf den Finanzparketts des auf Wellen tanzenden Kapitalflugbombenträgers, das Klima spielt trotz beruhigender Worte Zock-around-the-clock und mehr als ein Volk scheint verzückter denn je, nur weil US geglaubt wird, daß Wunder geschehen könnten in einer durch US schwer-verwundete(n) Welt, die
offenbar von ihren Subtänzen lebt, während die bürgerlich irdische Oberflächlichkeit, durch
Dehnbarkeitsstrapazen dünnhäutig geworden, das monetäre Bindegewebe verkostet -, ähnlich wie im Billionen-Sterne-KochKosMos die Mousse a Chocolatte von eingeladenen Freiwilligen gelöffelt wird, die für derlei Shows Eintritt zahlen."

(Letzteres Beispiel aus meiner Feder soll keine Sprachverhunzung sein sondern Sprachkunst, ein Format für Bewußtmachung von Bedeutungsvielfalt in Wort und Sprache und zugleich etwas Satire. Diesbezüglich gibt es ja einige Sprachkünstler, die sich der Sprache auf ihre individuelle Weise widmen.)

Gruezi, Versefrey von Verbum

Anonym 13. Dezember 2008 um 11:30  

@Schweizer Narr

Mir geht es da ähnlich, aber "Jude" mit Zusatz ist oft nazi-verdächtig. Nicht ohne Grund, siehe meinen Hinweis weiter unten zum "jüdischen Terrorismus" - der Begriff wird mittlerweile sogar in Israel verwendet, und dies obwohl der Begriff eine grausame, mörderische, antisemitische Vorbedeutung hatte. Der "jüdische Terrorismus" war für die Nazis der Begriff mit dem diese die Juden in der Sowjetunion mit "Einsatzgruppen" verfolgt und ermordet haben. Nun benutzen die Enkel der Opfer diesen Begriff angeblich selbst - zur Ausgrenzung unbelehrbarer "jüdischer Terroristen", der Siedler, die ihre Siedlungen in den Palästinensergebieten nicht aufgeben wollen - wo diese jüdischen Siedler schon seit langem Leben. Außerdem gilt dieser Begriff in den nun freien, aber ehemals zur Sowjetunion gehörenden Gebieten zur Weißwaschstrategie mit der die ehemaligen Nazi-Kollaborateure Litauens, Weißrußlands und der Sowjetunion nun quasi zu rechtschaffenen Bürgern gehören sollen - die haben ja nur "jüdische Terroristen" verfolgt, ausgegrenzt und ermordet.
Man könnte von der späten Rache Adolf Hitlers reden, wenn nun die ehemaligen Opfer selbst die Nazi-Begriffe verwenden, um ihre Taten weißzuwaschen, die diese während der Shoa (auch bekannt als Holocaust) begangen haben.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 13. Dezember 2008 um 11:39  

@Kurt aka Roger Beathacker:

Danke für deinen Hinweis.

Mal so ein Gedanke von mir zum "Sklavenhandel". Unsere Menschenrechtsheuchler in Berlin praktizieren dies ja schon seit Jahren - schon vor der Agenda 2010. Mir fiel dies zum ersten Mal auf, als ich mitbekam, dass Asylbewerber in Deutschland kaum Rechte, aber viele Pflichten haben - dies gilt nun auch für Hartz IV EmpfängerInnen. Was viele nicht wissen, die Residenzpflicht, also den Ort nicht zu verlassen ohne Erlaubnis der ARGE stammt z.B. ursprünglich aus der "Betreuung" von Asylbewerbern. Wenn ich gemein wäre, dann könnte ich glatt behaupten, als arbeitsloser, egal ob deutsch oder nicht-deutsch, wirst du nach einem Jahr zum Asylbewerber im eigenen Land. Hier rächt sich, dass man sich nie gegen die Zumutungen an die Adresse der Asylanten - gemeinsam mit denen - zur Wehr gesetzt hat, der asoziale Staat Deutschlands setzt dies nun 1:1 auf hier lebende Hartz IV- Menschen um. Die Noch-Arbeitenden meinen nicht davon betroffen zu werden, sind aber spätestens bei der Entlassung, und dann nach 1 Jahr selbst Hartz IV-EmpfängerInnen. Hartz IV ist also ein Gesetz nicht gegen Arbeitslose sondern, man kann es nicht oft genug erwähnen, auch gegen Normalarbeitnehmer in Deutschland. Übrigens, das Wort "Betreuung" habe ich mal gehört stammt direkt aus dem Nazi-Vokabular, und wird heute nicht mehr hinterfragt. Warum auch? Viele wissen das nicht mehr, und wollen nicht wissen, woher die Worte kommen, die man hier so täglich benutzt.

Dabei wäre nach 1945 wohl eine Entnazifizierung der deutschen Sprache auch eine gute Idee gewesen.

Nun ist es zu spät, leider :-(

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

epikur 13. Dezember 2008 um 12:06  

Als Ergänzung zu den Begriffen Leistung und Chancengerechtigkeit.

Wichtig scheint mir, bei all der Analyse von Begriffen zu sein, wie der Zusammenhang von Sprache und Denken eigentlich ist? Ist es wie Orwell sagt, dass Sprachmanipulation letztendlich auch Gedankenmanipulation bedeutet? Schließlich denken wir mit der Sprache, die wir sprechen. Sicher, wir denken auch in Bildern, Gefühlen und Stimmungen - aber eben auch mit Worten.

Nehmen wir einmal an, es wäre so. Dann ist der Großangriff auf die Sprache, sprich auf die interessensgesteuerte Besetzung von Begriffen, in der Konsequenz ein Angriff auf unser Denken und Handeln. Und das ist ein nicht zu unterschätzendes Problem für eine "freie Gesellschaft". Und mir insofern auch immer ein besonderes Anliegen, hier Aufklärungsarbeit zu leisten.

Anonym 13. Dezember 2008 um 12:34  

Zum Wort "Leistung" noch folgende Anmerkungen:

Mir selbst ging es vor Jahren - mit meinem eigenen Vater - so als es um politische Themen ging:

"Was willst Du denn schon mitreden? Du hast doch noch gar nichts geleistet!"

Ich schluckte es hinunter, aber heute denke ich: Was hat "etwas leisten" mit Demokratie (griech. Volksherrschaft) zu tun? Ich denke einmal, dass sind zweierlei Stiefel und lasse mir daher das mitreden von niemandem mehr verbieten, und schon gar nicht, wenn aus fremdem Mund obige Bemerkung kommen sollte.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 13. Dezember 2008 um 12:44  

Lieber Herr Lapuente,

ich liebe ihren Blog! Es ist einfach grandios wie Sie mit Sprache umgehen. Ich danke Ihnen dafür ganz herzlich!
Längst ist es für mich zu einem Ritual geworden - zuerst einmal nachzulesen was Sie schreiben.
Viktor Klemperer hat es in seinem "LTI" dokumentiert wie im 3. Reich die Sprache benutzt wurde, um Menschen zu manipulieren. Zu DDR-Zeiten haben die an die Macht Gekommenen ebenfalls versucht, mit Sprache das Volk zu vereinheitlichen. Allerdings, die Wahl der sprachlichen Mittel war noch nicht so subtil (eher zu offensichtlich dämlich - Jahrensendfigur, nur Beispiel unter vielen, fast schon komisch wirkenden Begriffen), hier und jetzt im vereinigten bundesrepublikanischen Alltag versuchen es die "Sprachvermittler" mit viel geschickteren Mitteln, Menschen das Denken abzugewöhnen.
Mir sagte einmal ein Redakteur: "Es ist nicht wichtig, was du schreibst. Die Hauptsache ist, du verwendest die "richtigen" Begriffe. Die Leute sollen nicht nachdenken; sie sollen nur einfach lesen - und konsumieren."

Obwohl zunehmend pessimistisch, gebe ich die Hoffnung noch nicht auf, dass doch wieder mehr Menschen versuchen ihren Verstand zu gebrauchen.
In diesem Sinne freue ich mich, dass es Sie gibt und dass Sie uns an Ihrem Verstand ein Wenig teilhaben lassen.

Anonym 13. Dezember 2008 um 12:45  

Nachsatz

Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind hatten für die Zeitschrift „Die Wandlung“ sprachkritische Beiträge über die NS-Sprache verfaßt. 1957 wurden diese als Buch unter dem Titel "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" veröffentlicht.

Zitat/Auszug aus Wikipedia:
"Der Romanist und Literaturwissenschaftler Victor Klemperer schuf mit seinem Werk LTI – Notizbuch eines Philologen eine literarisch bearbeitete Bestandsaufnahme der Sprache in Deutschland zwischen 1933 und 1945. Der Werktitel mit der möglichst unverfänglichen Abkürzung war bereits eine Parodie auf die Abkürzungswut der Nationalsozialisten: LTI stand für Lingua Tertii Imperii (lateinisch), also für „Sprache des Dritten Reiches“."
(Quelle -Wikipedia)
http://de.wikipedia.org/wiki/Sprache_des_Nationalsozialismus

Die genannten Bücher oben sind meiner Auffassung nach empfehlenswert. Das erstere kenne ich, es ist meines Wissens nicht wieder aufgelegt worden. Vom zweiten Buch (Klemperer) habe ich nur gehört.

Unter "Sprachmanipulation" etc. ist einiges im Netz zu finden.

Gruß, Versefrey

GWFH 13. Dezember 2008 um 14:09  

Das Problem ist perfekt aufgerissen - die Liste aber natürlich unvollständig. Mein Lieblingswort "Fitness" (Angepassheit, bekannt aus "Fitnessstudio" und "Fit für die Arbeitswelt") fehlt zum Beispiel.

Der Gegenangriff wäre nicht, die Sprache neu zu erfinden, sondern die alte stur und präzise weiter zu verwenden. "Leistung" im modernen Sinn heißt nichts weiter, als "vergütete Arbeit" oder "die Vergütung der Arbeit". Sagen wir doch einfach das anstelle von "Leistung". Schon wird der Satz "Leistung muss sich wieder lohnen" Kaudawelsch: "Die Vergütung der Arbeit muss sich wieder lohnen" (?!). Unsern guten Ausdruck "Leistung" verwenden wir einfach stur weiter, und bezweichnen damit alle Anstrengung, die Wertvolles schafft.

In vielen Zusammenhängen kann man statt "Wettbewerb" auch gut "Kampf" sagen: "Kampf um einen Arbeitsplatz", "Kampf ums (auch ökonomische) Überleben". Dort sagt man das dann einfach. Und wenn irgendwo ein Teebeutelweitwurf stattfindet, dann sagen wir "Wettbewerb"

"Chance" ist komplizierter, weil es Gewinnnutzen mit Eintrittswahrscheinlichkeit verknüpft. "Chancengleichheit" wird so verstanden zu einem Unsinnswort: Soll es sagen, dass wir von einem bestimmten Einkommen den gleichen Nutzen haben? Wenn ja: Geschenkt! Soll es sagen, dass wir alle die gleiche Wahrscheinlichkeit haben, ein bestimmtes Einkommen zu erziehlen? Wenn ja: Unsinn! Die Forderung danach kann höchstens sein, dass es niemandem verboten sein darf, ein bestimmten Posten zu erreichen, ein bestimmtes Einkommen zu erziehlen. Und das das eine sehr arme (wenn auch richtige) Forderung ist, sollte klar sofort klar sein. Also: "Chancengleichheit" wird gestrichen und "Chance" verwenden wir wie gehabt.

Meine Idee ist also, unsere Sprache einfach nicht anzupassen. Die Umdeutungen zu ignorieren und ihrerstatt gute, alte, wohldefinierte Ausdrücke zu verwenden.

Beste Grüße!

Andreas Bemeleit 13. Dezember 2008 um 14:55  

@ Nachdenkseiten-Leser

Die Verwendung des Begriffes "Betreuung" in der Sprache des Nationalsozialismus finden Sie in dem Buch "Vokabular des Nationalsozialismus" von Cornelia Schmitz-Berning.
Das Buch ist über books.google.com zu lesen.

Hier heißt es bei der Erklärung der Aufgaben des Amtes Arbeitsdank:
"Betreuung der aus dem Arbeitsleben Ausscheidenden bis zu deren Eingliederung in das Berufsleben".

An anderer Stelle:
"Die Aufgabe der Partei ist an erster Stelle; erfassen und betreuen."

Die Autorin sieht in dem Begriff "Betreuen" eine euphemistische Bezeichnung für alle Arten von Zwangsmaßnahmen.

Anonym 13. Dezember 2008 um 15:57  

Noch eins:
Roberto schrieb: "[...] was bleibt ist eine Sprache, die mal die Sprache der Deutschen war, aber dann so verdreht und ausgehöhlt wurde, dass sie nurmehr eine Art Neusprech ist, mit dem sich kaum mehr etwas Tiefgründiges ausdrücken läßt."

Ist diese Befürchtung Robertos angebracht? ja und nein, meine ich. Einerseits wird die Sprache durch Massenmedien verhunzt, indes im Vorwege bereits durch Politiker und Beratungsunternehmen wie etwa (Ver)Berger oder MäcKin(nziel) - Sie wissen schon - umgebogen, um einen gewünschten Effekt, bzw. ein Ziel zu erreichen. Andererseits ist Sprache stärker auf Dauer, stärker als der angepasste Bürger und sie überlebt aus vielerlei Gründen auch die Verballhornungen, Vergewaltigungen, Verbiegungen und Verdrehungen. Dennoch, wir sehen am Beispiel der Nazischergen und ihrer Verbrechen an der Sprache wie lange sich Gewohnheiten halten. Das Wörtchen "total" im vorigen, 11. Beitrag, offenbart's. Wie leichthin wird dieses Wort von Leuten selbst der 70er Generation benutzt und hat sich weiterhin eingeschlichen... u.v.a. Wörter mehr.

"Kampf" wird übrigens seit Jahren in den Nachrichten benutzt. "Kampf" gegen die Armt etwa. "Kampf" gegen Arbeitslosigkeit usw. Was bitte soll mir Zuhörer das sagen? Kämpft die Regierung gegen mich? - einen armen Wicht, der nur Pflichten, aber keine Rechte mehr zu haben scheint. Wie kann man gegen Armut kämpfen? gegen Arbeitslosigkeit? Merken diese Redenschreiber noch was? Zuweilen vielleicht, aber selbst wenn sie es wissen, sie dürfen ihre "Kampfwörter" nicht ändern, weil es zum offiziellen Sprachgebrauch der Nachtrichtenmedien gehört.

Sollten wir mit den gleichen Mitteln - kämpfen? Nein, ich will überhaupt nicht "kämpfen" gegen all die vielfältigen Idiotien von angeblich modernen "Intelellen", die sich Journalisten nennen oder Politiker oder sonstwie sich öffentlich äußern, weil sie irgendeine ergatterte Rolle im rotten System innehaben. Dieses sich selbst systematisierende System (könnte man sagen) behält nahezu automatisch die dazu passenden Sprecher und Sprachverhunzer in seinen Reihen. Siehe dazu u.a. Ausführungen von Noam Chomsky oder anderen bekannten Denkern, die sich systemkritisch äußern.

Die Idee, einfach die alte gepflegte Sprache zu nutzen, ist freilich richtig und lobenswert. Falls mal einer Sprachkunst oder eine künstliche Vorführung der Sprachaushöhlung macht, so ist dies eine kabarettistische Einlage etwa, Satire, Sprach-Kunst oder dergleichen. Ja! Pflegen wir unsere Sprache. Am besten klappt's indem wir lesen, was ein sprachlich gutes Buch zu vermitteln hat, was ein tiefgründiger Roman oder eine treffliche, menschliche Geschichte zu erzählen weiß. Nicht nur deutsche Autoren lesen, das wäre zu engsichtig und zu kurz gegriffen. Mit Übersetzungen aus anderen Sprachen muß man dann "leben".

Lesen ist eh notwendig, wenn man Sprache ausloten will. Also wieder mal ältere oder verstorbene Schriftsteller lesen, nicht nur neue Autoren. Früher war Sprache noch würdevoll. Und es gibt sie noch. Bücher leben länger als Menschen, wie ein Freund letztens sagte. Also Roberto -, es läßt sich immer noch mit der Sprache etwas Tiefgründiges ausdrücken, auch hochfliegende Hoffnungen :-)

Gruß, Versefrey

GWFH 13. Dezember 2008 um 16:51  

Nachtrag: Es ist natürlich ein alter Hut, aber die Bedeutungen von "Arbeitnehmer" und "Arbeitgeber" sind vertauscht. Ökonomisch betrachtet ist jemand, der für seinen Lohn Arbeit für jemand anderen verrichtet doch der, der Arbeit gibt. Er gibt Arbeit und bekommt Geld. Sein Gegenüber nimmt die Arbeit und gibt dadür Geld. Er ist der Arbeitnehmer und der, der Arbeitet der Arbeitgeber.

Es ist ja nun nicht so, dass jemand der mich einstellt, altruistisch mir etwas gibt, nämlich Arbeit und dann wahnwitziger Weise auch noch Geld obendrein gibt. Nein: Ich gebe die Arbeit und muss dafür nicht noch dankbar sein, sie geben zu dürfen.

Auch sollte der Aufruf nicht sein, den Menschen Arbeit zu geben, sondern einen Arbeitsplatz.

Anonym 13. Dezember 2008 um 19:07  

Ja und gerade deshalb ist es so wichtig, das Herr Lapuente ab und an den Finger in die Wunde legt.

Mein Problem jetzt, ist überlege viel mehr, welche Worte ich gebrauchen soll - eben das Wort auf die Goldwaage legen!

Wenn eben Parteien oder andere Institutionen plötzlich vorgeben: wir sind gut aufgestellt, dann fällt mir immer Napoloen ein. Bei dem waren es die Armeen, die er gut aufgestellt hatte, wie er glaubte, um sich gegenseitig umzubringen.

Nun denn:Si tacuisses, philosophus mansisses!

Anonym 13. Dezember 2008 um 20:28  

Es gibt nicht nur "Unscheinbare Worte" sondern auch "unscheinbare Sätze".

Damals als es hieß - bei der PR-Veranstaltung für die Hartz-"Reformen" - machte der Satz vom:

"Heute ist ein guter Tag für die Arbeitslosen in Deutschland" die Runde.

Ich ahnte damals bereits, dass es Zynismus pur war, und seither macht mir keine Worthülse der Neoliberalen mehr was vor....

Eigentlich sind die neoliberalen Worthülsen doch klar durchschaubar, und nicht einmal originell.

Oder seht ihr das anders?

anoob 14. Dezember 2008 um 08:34  

Die Interpretation der ausgesuchten Begriffe wird meiner Meinung nach so von ThinkTanks beeinflusst, dass wir uns als Verwender der deutschen Sprache gar nicht mehr bewusst sind, wie wir manipuliert werden. Fuer mich ist das deutsche Sprach-Material mittlerweile so arm geworden, dass es wirklich beschaemend ist. Aber das ist genau das, was Orwell mit den Principles of Newspeak im Appendix von 1984 beschrieben hat. Umdeutung, Streichung von Begriffen hat System. Faszinierend an der Sache ist, dass es keinen Master-Plan gibt; es keine Einzel-Personen gibt, die zielstrebig daran arbeiten. Woher kommen die Ideen als solches? Oder anders herum, warum haben soviele ThinkTanks die gleichen Ideen? Bei Orwell gab es da zumindest eine mehr oder weniger zentrale Steuerung, die fuer mich in einem solchen Fall sinnvoll und notwendig ist. Wie sonst, kann das Ergebnis so einseitig sein?!

Was auch interressant ist, wie diese und weitere Woerte inflationaer verwendet werden, dass man es kaum noch hoeren kann.

Wenn ich die paar beschriebenen Woerter kombiniere, dann ist das Ergebnis relativ einfach: der zweite Sieger ist der erste Verlierer. Das beschreibt auch unsere Gesellschaft ganz gut, wie ich finde... Das Verhaeltnis von Siegern und Verlieren duerfte ganz gut passen.

Ich moechte zum Thema Leistung einige Anmerkungen machen. Das Schoene an Leistung ist, dass es messbar sein muss, um beurteilt zu werden. Damit kann nun alles was mit dem Wort Leistung zusammengebracht wird, scheinbar neutral und absolut beurteilt werden! Die Frage nach den Kriterien fuer die Beurteilung stellt keiner mehr richtig. Wie beurteilt man Leistung? Vielleicht sollte dazu der _beste deutsche_ Professor mal befragt werden? Jedes Unternehmen kann die Leistung eines einzelnen Mitarbeiters ja gar nicht definieren. In vielen Unternehmen wird ja zum Beispiel heute 110% Leistung verlangt. Das wird dann im naechsten Jahr zu 100% gesetzt und wieder eine Steigerung von mindestens 10% verlangt. Sicher wird man immer wieder Mitarbeiter finden, die dieses Spiel mitmachen (koennen). Andere "Leistungen", wie zum Beispiel die bis heute erreichte Umweltverschmutzung hat noch keiner je bewertet. Im Gegenteil im Angesicht der heutigen Finanz-Krise laesst man diese (nicht-messbaren?) Themen gern aussen vor.

Kapitalismus ist und bleibt durch den system-immanenten Druck immer mehr, immer groesser, immer schneller, immer billiger zu werden, ein Krebsgeschwuer, welches sich selbst zugrunde richten wird, ja muss. Dies gilt nicht nur fuer Deutschland sondern fuer die ganze Welt. Die Frage ist, wann die Mehrzahl der Menschheit dies begreift und zumindest andere Schluesse daraus zieht, als die die heute allgemein gueltig sind beziehungsweise angesehen sind.

Anonym 14. Dezember 2008 um 11:34  

@anoob

"[...]Faszinierend an der Sache ist, dass es keinen Master-Plan gibt; es keine Einzel-Personen gibt, die zielstrebig daran arbeiten. Woher kommen die Ideen als solches? Oder anders herum, warum haben soviele ThinkTanks die gleichen Ideen? Bei Orwell gab es da zumindest eine mehr oder weniger zentrale Steuerung, die fuer mich in einem solchen Fall sinnvoll und notwendig ist. Wie sonst, kann das Ergebnis so einseitig sein?![...]"

Die ThinkTanks, aus der neoliberalen Ecke, haben in Deutschland einen Leithammel, die Familie Mohn, denen das Medienimperium von Bertelsmann (mit z.B. Büchern, Zeitschriften, TV etc.) gehört, d.h. die geben die Richtung der orwellschen Newspeech vor - was übrigens hier wieder anderen Ländern, vor allen den angelsächsischen mit ihren "gleichgeschalteten" Medien - diesmal freiwillig, eben neoliberal, gleicht.

Nur mal so am Rande erwähnt....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Soviel ich weiß gehören auch Anteile der "Bild" - ursprünglich rein Springer, zum Bertelsmann Konzern. Ich hab übrigens noch die INSM und die Bertelsmann-Stiftung vergessen - man könnte übrigens mit Paul Krugman - dem neuen US-Wirtschaftsnobelpreisträger der unsere Regierung für "dumm" hält fragen: Sind unsere Wirtschaftseliten auch "dumm"? Sind wir "dumm"? Ich denke schon, denn ansonsten würde die Manipulation der Neoliberalen nicht aufgehen - in Deutschland.....Gegenmittel, dass ich täglich ausprobiere: Den offiziellen Stellungnahmen keinen Glauben mehr schenken, denn bei Glauben hört der Verstand auf. Selber denken ist meine Devise - rein nach Kant.

Anonym 14. Dezember 2008 um 16:27  

Eine Auflistung der ganzen Zeitschriften, TV- & Radio-Sender etc. des Bertelsmannschen Imperiums findet man bspw. auch hier:

http://konsumpf.de/?p=463

Anonym 14. Dezember 2008 um 18:05  

Vourteile gegen "Sozial Schwache" oder: Wie im Vorfeld der Bundestagswahl der Feuerwehrmann statt Brandstifter den Brandlöscher spielt:

http://www.bpb.de/publikationen/BP3IF1,0,0,Vorurteile_gegen_sozial_Schwache_und_Behinderte.html

Dürfte wohl interessant werden der Wahlkampf nach der Finanzkrise - frei nach dem uralten US-Polizeimotto: "Sprich mit Ihnen, aber hab stets den Knüppel parat."

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Man muss wohl bei allen Parteien - die in der Regierung besonders, da die ja für die Agenda2010 ebenso wie die FDP und die GRÜNEN die Mitverantwortung tragen - zwischen sozial reden, und unsozial handelt unterscheiden? Münte ist ja ein Meister darin, erinnert ihr euch noch: Einerseits gegen Heuschrecken schimpfen, dabei aber (die Tat) die Bedingungen für den Finanzmarkt so verbessern, dass die weiterzocken können wie gehabt....

Anonym 14. Dezember 2008 um 22:16  

Mir fiel ein - Dichter aus unseren Landen: Sprachmeister

Zur Sprache des Menschen suchte ich im Net, assoziativ,
zum Beispiel
suchte ich Heine - musikalisch - auf You Tube,
aber ich erachte vorerst Rilke auch als Sprachmeister:

"Die Dinge singen hör ich so gern" -
- zu Sprache
- Rilke

"...Ich will immer warnen...
und Wehren bleibt fern...[...]
...ich fürchte mich so vor der Menschen Wort...
mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
. . .
Sie wissen alles was wird und war...
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar . . ."
http://www.youtube.com/watch?v=JOVsoapTETk&feature=related
(Achtung - mit Flash + javascript!)

Hingegen. . .
Heine scheint immer noch Nachtlektüre...

-

Die Wanderratten
----------------------

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viele tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen - die Zahl ist Legion.

O wehe! Wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und allen Rednern seit Cicero.

(Heinrich Heine)

klaus baum 14. Dezember 2008 um 22:27  

Gern hätte ich mich an dieser Diskussion beteiligt, zumal ich mich mit Manipulation durch Sprache seit meiner Schulzeit beschäftige. Wir hatten einen Deutschlehrer, erste Hälfte der sechziger Jahre, der mit uns das Wörterbuch des Unmenschen partiell durcharbeitete.
Infolge einer Grippe bin ich aber momentan nicht in der Lage, mich auf längere Texte zu konzentrieren, geschweige denn solche zu schreiben.

Anonym 14. Dezember 2008 um 22:43  

Sprach ein Deutscher in der Nacht... etwas hat mich um den Schlaf gebracht

Zur Sprache des Menschen suchte ich im Net, assoziativ,
zum Beispiel
suchte ich Heine - musikalisch - auf You Tube,
aber ich erachte vorerst Rilke auch als Sprachmeister:

"Die Dinge singen hör ich so gern" -
- zu Sprache
- Rilke

"...Ich will immer warnen...
und Wehren bleibt fern...[...]
...ich fürchte mich so vor der Menschen Wort...
mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
. . .
Sie wissen alles was wird und war...
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar . . ."
http://www.youtube.com/watch?v=JOVsoapTETk&feature=related
(Achtung - mit Flash + javascript!)

Hingegen. . .
Heine scheint immer noch Nachtlektüre...

-

Die Wanderratten
----------------------

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viele tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen - die Zahl ist Legion.

O wehe! Wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und allen Rednern seit Cicero.

(Heinrich Heine)

Anonym 15. Dezember 2008 um 03:08  

"[...]Infolge einer Grippe bin ich aber momentan nicht in der Lage, mich auf längere Texte zu konzentrieren, geschweige denn solche zu schreiben.[...]"

Gute Besserung wünscht dir ein
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 15. Dezember 2008 um 20:43  

Sehr geehrter Herr Lapuente,

auch andere Sprachen werden missbraucht. Wie wird es wohl den Briten oder US-Amerikaner mit den Alltagsworten Fenster (Windows), Wort (Word), Strahlend (Excel) gehen? In Deutschland haben wir halt ein paar Fremdworte mehr, aber im Englischen liegt eine Doppelbesetzung vor.

In Deutschland habe ich diese extreme Erfahrung mit Verdi gemacht. Es war die Hölle, wenn die dann in den Belegschaftsversammlungen immer von Verdi erzählten. Oder wenn manche berichteten wie sie mit Verdi arbeiten, welche Anfangsschwierigkeiten es damit gab, wie durch Verdi die Betriebsabläufe verbessert wurden, das sie mit Verdi noch ein paar Aufgaben erledigen müssen, …
Immer fragte ich mich: Was meinen die da bloß? Was hat unsere Gewerkschaft damit zu tun? Wie bitte? Es geht gar nicht um die Gewerkschaft? Ja um was dann? Ach, es geht um ein Programm mit dem Namen Verdi (VertreterDirektEingabe). Aha!? Ich verstehe?! Ne, eigentlich verstehe ich nicht?!
Doch vielleicht war das Schlimmste, das von den Kollegen nicht ein einziges Wort der Kritik erklang. Nichts. Absolut nichts.

Doch wurden die Worte nicht schon immer vergewaltigt? Wenn ich zum Beispiel an die Kirchen denke, die die Liebe predigen und gleichzeitig mit Hölle und ewiger Verdammnis drohen.

Gruß G. G.

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